"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Dienstag, 8. Juni 2010

Das Sturmgeschütz der Demagogie II

Ja, der "Spiegel". Es hat ein bißchen gedauert, bis aus dem Chauvi-Blatt "Frau im Spiegel" geworden ist, aber nun ist es soweit.
Wie man den Fall Kachelmann richtig anpackt, kann man dem neuesten Heft entnehmen. Da wird ausführlich geschildert, daß ein neues Gutachten über "Kachelmanns Opfer" die Anklage gegen Kachelmann in Bedrängnis bringt. Daß sich die Staatsanwaltschaft offenbar vorauseilend vergaloppiert hat. Daß man die Existenz eines Fernsehmannes vorab ruiniert hat - trotz Unschuldsvermutung, die auch für einen Promi gelten sollte. Der ganze Artikel läuft darauf hinaus, daß "Simone" ihren Geliebten womöglich fälschlich beschuldigt hat. Dann wäre nicht sie "Kachelmanns Opfer", sondern Kachelmann das Opfer einer womöglich Rachsüchtigen.
Und dennoch endet die achtseitige Bestandsaufnahme (geschrieben von einem Mann und zwei Frauen) mit seiner Verurteilung: schon möglich, daß Kachelmann das Opfer einer falschen Beschuldigung geworden sei. (Ein Straftatbestand, das sei am Rande erwähnt, und keine Kleinigkeit.) Aber auch die Frau sei Opfer, lebenslang, selbst wenn sie nicht Opfer einer Vergewaltigung gewesen sein sollte: "... sie hat jetzt auch noch ihre Unschuld verloren, weil sie selbst durch Kachelmann vorher alles andere verloren hatte. Ihren Glauben, ihre Liebe, ihre Hoffnung. Elf Jahre ihres Lebens. Ich hab ja nichts mehr, sagte sie der Gutachterin Greuel, er hat mir mein ganzes Leben genommen."
"Wahr oder nicht?" fragt der Spiegel und feuert aus dem Sturmgeschütz der Demagogie sein Urteil: "Wahr."
Die Frau ist immer das Opfer?
Leben wir neuerdings wieder in der Steinzeit des Feminismus?
Darf man soetwas schreiben über eine emanzipierte, berufstätige Frau, eine Kollegin auch noch, die elf Jahre lang mit Kachelmann gevögelt und gespeist hat, freiwillig offenbar, und die sich nicht gewundert haben will, warum sie ihn nur alle Jubeljahre zu sehen kriegte? War sie willenlos? Masochistin? Blind?
War also die womögliche Täterin, die immerhin aktiv ihrem untreuen Lover einen gewaltigen Schuß zwischen die Hörner gegeben hat, eine dieser unter den Umständen leidenden Geschöpfe, denen man hierzulande auch einen Sprengstoffanschlag nachsehen würde, weil sie ja Gründe für ihre Verzweiflung hätten?
Und geht es eigentlich noch frauenverachtender?
"Simone" wird nicht von Kachelmann "alles" genommen, sondern von einer solchen widerlichen Solidarisierung, die der Frau "alles" abspricht: Aktivität und Selbstverantwortlichkeit. Wenn sie die Vergewaltigung vorgetäuscht hat, war sie Täterin, kein Opfer. Höchstens dieser Berichterstattung.

1 Kommentar:

  1. Danke Ebba für den Hinweis, daß es sich hier nicht um einen Emma-Abklatsch handelt, sondern um eine "Frau im Spiegel"-Variante. Das paßt.

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