"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Mittwoch, 21. Juli 2010

Die Mutlosen und die Entmutigten

Die DDR ist nicht untergegangen, sie heißt nur heute anders: Deutschland, das Land der Gerechtigkeit und menschlichen Wärme, Brot und Spiele inklusive. Die Störenfriede im Schlaraffenland: Agenten der Kälte, die dauernd „Wer soll das bezahlen?“ rufen. Die von Leistung erzählen und daß die sich lohnen müsse. Gut, daß bei denen die Republikflucht wieder in Mode ist.
Der Rest des Landes beschäftigt sich eh lieber mit der Frage, wie man den Globus, die Natur, das Klima retten kann. Am besten durch Nichtstun. Denn wer nichts macht, der macht auch nichts kaputt.
Ein Zukunftsmodell ist das allerdings nicht. Es belohnt nicht Kreativität und Produktivität, sondern Stillehalten. Ein System der falschen Anreize erzieht zu Gleichgültigkeit und Unbeweglichkeit. Vielleicht kann man damit Staat machen. Aber mehr auch nicht.
Das System basiert auf zwei Säulen, die sich vortrefflich ergänzen: Auf mutlosen Politikern und entmutigten Bürgern. Das sind sie nicht naturnotwendig. Beide Seiten folgen vielmehr einem rationalen Kalkül: sie tun das, was sich für sie auszahlt. Kurzfristig. Langfristig ist eine Mesalliance entstanden, die der Marke Deutschland schadet, auch wenn sie noch Gewinne abwirft.
Politiker, das ist logisch, wollen die nächste Wahl gewinnen. Dazu brauchen sie Wählermehrheiten, und die finden sie bei den unproduktiven Klassen wie Rentnern oder Empfängern staatlicher Leistungen aller Art. Wahlen, glauben jedenfalls Politiker, gewinnt man daher nur mit „sozialer Wärme“, mit jener „Verteilungsgerechtigkeit“, die dieser Mehrheit entgegenkommt. Auch deshalb menschelt es in der Politik: wenn es weder ums Allgemeinwohl geht noch um objektiv benennbare Ziele, obsiegt das Werben mit individuellen Merkmalen und persönlichen Vorzügen. Politiker sorgen nicht für „soziale Gerechtigkeit“, sie vergeben Wahlgeschenke.
Die arbeitende Mittelschicht, längst in der Minderheit, spielt in diesem Kalkül keine Rolle. Doch bei diesen allseits Vergessenen reagiert man darauf keineswegs mit lautem Protest. Die deutsche Mittelschicht ist ein eigenartiges Wesen, eher zurückhaltend als auftrumpfend, eher depressiv als leistungsfroh. Sie orientiert sich nicht nach oben, da sie sich keine Hoffnung auf Aufstieg macht, sondern sorgt sich vorausschauend ums soziale Netz, damit es auch sie einmal auffangen kann. Auch deshalb ist bei ihr ein Ressentiment gegen Hartz IV-Empfänger selten zu finden.
Zwar wäre der Mittelschicht im Grunde gedient mit der konsequenten Umsetzung des Satzes: „Leistung muß sich wieder lohnen“. Doch Leistung ist hierzulande längst nicht mehr das, was man tut, sondern was man empfängt. Wir sind ein Land der Leistungsempfänger.
Der Affekt gegen „Leistungsträger“ aber ist mächtig. Dabei ist es kein Affront gegen Hilfsbedürftige, wenn man darauf besteht, daß Arbeit „sich lohnen“ soll – sondern die Warnung vor der Entmutigung jener, die es noch tun. Entmutigung aber sind sie gewohnt. Die gebetsmühlenhaft klappernde Warnung vor Gier und Selbstsucht begleitet sie seit Kindesbeinen. Dabei ist der Egoismus des Individuums seit Menschengedenken eine mächtige Produktivkraft. Zu Leistung ist nur bereit, wer sie sich auch zumessen und ihre Früchte genießen darf. Paternalismus (was einer schafft, wird an alle verteilt) ist, siehe Afrika, die beste Methode, ein Land an den Bettelstab zu bringen. Wir sind auf einem guten Weg dahin.
Denn auch zu einer gemeinschaftlichen Anstrengung kann man sich hierzulande nicht aufraffen. Menschen kämpfen für das, was ihnen wichtig ist. Aber was ist den Deutschen wichtig? Jahrzehntelang haben sie sich jede Wertschätzung ausgetrieben für die eigene Leistung oder alles mögliche andere, was in die gefährliche Ecke „Nationalstolz“ führen könnte. Deutschland? Interessiert uns nur während der Fußballweltmeisterschaft.
Wir kämpfen nicht, weil nichts sich lohnt. Weil jeder Herausforderung der Stachel genommen ist. Der bevormundende Staat hat längst begonnen, die menschliche Produktivkraft zu zerstören, die doch sein Überleben sichert.
Wie man mit einer Gesellschaft, von der eine Mehrheit keine produktive Zukunft hat und der Rest vorausschauend zukunftsmüde ist, künftige Herausforderungen meistern will, bleibt das Geheimnis einer Regierung, die es versäumt hat, ihre Arbeit zu tun.
DeutschlandRadio, Politisches Feuilleton, 20. Juli 2010

Kommentare:

  1. Sie haben in allem Recht. Ist dieses Verhalten aber so ungewöhnlich? Welche Wahrheiten haben wir schon hinter uns gebracht ? Preußen im 19. Jhd., Militarismus, I Weltkriegswahn, Vertrag von Versailles, Chaos in Weimar, NS Ideologie und völliger moralischer Niedergang, DDR Kleinbürger Kult, '68ger Attacke auf das Bürgertum, Mao Kult etc. Kann ein Volk als Kollektiv dies in einer Generation der Freiheit verkraften? Der zwanghafte Deutsche empfindet in Extremen. Jetzt sind wir extrem naiv und pazifistisch und voller Selbstkritik und Selbstmitleid. Man wird sehen wie die dezimierte Gesellschaft in 30 Jahren aussieht. Eines ist sicher. Wir brauchen diese Phase um als bürgerliche Gesellschaft wieder zur Besinnung zu kommen, weil dies Schwanken in Verspanntheiten unserer Mentalität entspricht.

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  2. Vor zehn Jahren ungefähr hätte ich begeistert zugestimmt. Seither haben wir aber allerlei Liberalisierungen an den Kapital- und Arbeitsmärkten gesehen. Und tatsächlich hat sich auch einiges gebessert. So ist z. B. seit der Einführung von Hartz-IV die Zahl der Beschäftigten gestiegen, und zwar auch der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Vollzeitstellen.

    Was sich aber bisher zu wenig geändert hat, das ist der private Konsum, der schon seit 2000 preisbereinigt mehr oder weniger konstant vor sich hindümpelt.

    Wenn man diese beiden Faktoren zusammen betrachtet, dann ist es nicht überraschend, dass von den neoliberalen Reformen bisher bei zu vielen Leuten nur mehr Arbeit für denselben Lebensstandard angekommen ist. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Kombination als entmutigend empfunden wird. Sie ist ja auch ökonomisch ineffizient.

    Nun kann man sagen, dass fünf Jahre keine Zeit für die Evaluation einer Arbeitsmarktreform ist, besonders, wenn in diesen fünf Jahren auch noch eine globale Finanzkrise stattgefunden hat; und ich bin geneigt, dem zuzustimmen. Nur: Irgendwann werden die Vorteile der Reformen in der Bevölkerung ankommen müssen, in Gestalt von höheren Löhnen, niedrigeren Preisen oder (wenn beides schon nicht geht), wenigstens einer erleichterten Arbeitsaufnahme.

    Wenn das nicht passiert, wird der Neoliberalismus scheitern; und zwar nicht, weil die Deutschen solche Waschlappen wären, sondern weil sie nicht bar aller ökonomischen Vernunft sind.

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