"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Freitag, 10. Juni 2011

Hitlers erster Krieg

Vielleicht hilft es, wenn man eine Weile Deutschland verlässt, damit man Distanz zu unsren Obsessionen gewinnt. Wie man den hindsight-Fehler vermeidet, zeigt die großartige Untersuchung von Thomas Weber...

Über Thomas Weber, Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg - Mythos und Wahrheit. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer, Propyläen, Berlin 2011, 585 Seiten.

Dass Hitler im ersten Weltkrieg ein guter Soldat gewesen und in größter Gefahr unzählige Male dem Tod entgangen sei, das Antlitz des Kriegs also weit besser kannte als die Generäle hinter den Linien, und dass er sich insofern halbwegs plausibel einbilden durfte, vom Kriegführen etwas zu verstehen, haben weit größere Geister als einst die Rezensentin versichert. Es stimmt, der Gefreite Hitler, der sich freiwillig gemeldet hatte, diente fast ununterbrochen an der Westfront, und zwar als Meldegänger. Wer sich aus den vorhandenen Informationen ein Bild von der Schlacht an der Somme oder dem Kampf um Verdun gemacht hat, ahnt, wie gefährlich Meldegänger lebten - ähnlich gefährdet wie jene Soldaten, die die Essensrationen in die Schützengräben bringen mussten. Sie waren Scharfschützen und Maschinengewehrfeuer ausgesetzt und stets davon bedroht, in einem der mit verwesenden Leichen und verseuchtem Wasser gefüllten Granattrichtern zu ersaufen. Und war nicht der österreichische Gefreite mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse geehrt worden, einer Auszeichnung, die Mannschaftsgraden normalerweise nicht zustand?
Mit dieser Heldenbiografie beglaubigte Hitler die mythische Verbundenheit mit dem deutschen Volk: Seine politischen Vorstellungen seien aus dem Schützengraben hervorgestiegen, im Einklang mit den deutschen Frontkämpfern, deren Kameradschaft ihm Heimat gewesen sei. Der Krieg sei ihm Universität und sein größtes Erlebnis gewesen, ja er sei vom Krieg und von seinem Regiment geschaffen worden. Diese Einheit von Führer und Volk haben ihm nicht nur die abgenommen, die ihm gefolgt sind. Auf dieser Legende beruhen auch manch andere Thesen - etwa vom aggressiven antisemitischen deutschen Charakter. Hitler hat früh schon das ganze „deutsche Volk“ in eine tödliche Umarmung genommen, deren Spuren ihm noch heute anhaften.

Thomas Weber, in Hagen geborener Historiker, der Europäische Geschichte in Aberdeen lehrt, ist anhand neuer Akten- und Dokumentenfunde dem Mythos vom tapferen Frontkämpfer und treuen Kameraden Hitler nachgegangen. Jetzt liegt in deutscher Sprache vor, was sich trotz seiner knapp 600 Seiten wie ein historischer Spannungsroman liest. Akribisch entblättert Weber Hitlers Legende - angefangen mit Hitlers Anwesenheit auf einer Kundgebung auf dem Münchner Odeonsplatz im August 1914. Viel bleibt vom Mythos nicht übrig. Hitler diente nach seiner „Feuertaufe“ beim flämischen Dorf Gheluvelt und nach der Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse nicht in den Schützengräben der Westfront, sondern als Meldegänger des Stabs des sogenannten List-Regiments, der einige Kilometer hinter den Linien residierte. Ein Etappenschwein also, kein Frontkämpfer. Er galt als Einzelgänger. Teil einer Schützengrabenkameradschaft war er ebensowenig wie man dort gemeinsame politische Überzeugungen pflegte, gar antisemitischer Art.
Webers Quellen geben keine Auskunft über einen verschworenen antisemitischen und hasserfüllten Haufen von Frontkämpfern, in dessen Mitte Hitler eine Heimat hätte finden können. Von einer frühen Symbiose mit dem deutschen Volk kann schon mal gar nicht die Rede sein. Das Eiserne Kreuz I. Klasse wurde dem Gefreiten 1918 überdies, welch Ironie der Geschichte, auf Vermittlung des ranghöchsten jüdischen Offizier seines Regiments verliehen, Hugo Gutmann. Wäre Hitler damals schon bekennender Antisemit gewesen, hätte Gutmann die Ehrung wohl kaum befürwortet. Die Heldentat, deren Hitler sich später rühmen ließ - er habe Anfang Juni 1918 ganz allein zwölf französische Soldaten gefangengenommen - wurde im übrigen von Hugo Gutmann begangen, dem es 1940 mit knapper Not gelang, nach Amerika zu entkommen.
Hitler hat einen wochenlangen „Wirbelsturm des Trommelfeuers“ nie erlebt. Die schrecklichsten Verluste erlitt sein Regiment, nachdem er im Oktober 1916 nach einer leichten Verwundung Heimaturlaub angetreten hatte. Nicht nur die Moral an der „Heimatfront“ brach zusammen, wie Hitler später schrieb, sondern auch die seines Regiments.
Tatsächlich, schreibt Weber, galt Hitler als durchaus tapfer, aber nicht als ehrgeizig. „So eigenartig das klingen mag: Adolf Hitler bewies im Krieg keinerlei Führungsqualitäten.“

Die minutiöse Analyse, die Thomas Weber anstellt, ist spannend genug. Seine Arbeit ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie anschaulich Geschichte geschrieben sein kann, nicht trotz, sondern wegen größter Quellennähe. Die Lektüre eröffnet aber weit mehr Erkenntnisse als jene, dass Hitler seine Biografie geschönt hat, um die Einheit von Führer und Vaterland, im Krieg geschmiedet, zu behaupten. Weber zeichnet ein Bild vom Deutschen Reich vor Hitler, das weder des Führers vaterländischem Panorama entspricht noch dem Zerrbild, das die Deutschen bis heute selbst verinnerlicht haben. Dieses Zerrbild verdankt sich sowohl der Propaganda der ehemaligen Kriegsgegner als auch einem epochemachenden Werk, das einst stark umstritten war und heute zur Schullektüre zu gehören scheint: Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“, in dem das Deutsche Reich als preußisch-militaristischer Parvenü erscheint, der mit aggressiver Eroberungspolitik zur Weltmacht aufschließen will.
Webers Analyse hingegen ist geprägt von der Nüchternheit britischer Historiker, die längst von eigener nationaler Legendenbildung frei sind, und der präzisen Kenntnis eines deutschen Schuldkomplexes, deren Anhänger das Verhängnis oft schon bei Luther (mindestens!) beginnen sehen. Nebenbei ist er, als dessen ehemaliger Schüler, Niall Ferguson verbunden, dessen Buch „Der falsche Krieg“ rigoros mit der These von der deutschen Kriegsschuld aufräumte - und der die Borniertheit der Briten und Franzosen rügt, die im eigenen nationalen Größenwahn versäumten, den Aufsteiger Deutschland einzubinden in die Riege der Großmächte.
„Hitlers erster Krieg“ entlarvt mit der nationalsozialistischen Legendenbildung also auch den Schuldspruch über „die“ Deutschen. Dazu gehört etwa die Vorstellung, das Volk habe Hitler an die Macht gejubelt, und nicht, wie es wirklich war, die Parteien. Dazu gehört ebenso die Unterstellung, dass Antisemitismus zur natürlichen Grundausstattung aller Deutschen gehörte. Oder die These, die Erfahrung des Ersten Weltkriegs habe zu einer Brutalisierung und damit zu einer aggressiven Männlichkeit geführt, die sich Hitlers Gröfaz-Plänen bereitwillig unterwarf.
Stück für Stück, teils in dichter Analyse der deutschen militärischen Optionen, rückt Weber das Bild zurecht. Weder gab es einen deutschen Sonderweg noch war das Deutsche Reich reaktionär - den Ruf verdiente sich vielmehr das zaristische Russland. Auch war es nicht der Krieg, der Hitler und seine Kameraden radikalisierte, ebensowenig war sein Regiment die Brutstätte nationalsozialistischer Ideen. Und schon gar nicht entsprang Hitlers Wahn der Mitte der Gesellschaft: Die deutsche Gesellschaft hatte kein „Feindbild“, auch nicht der Franzosen oder Briten, sie drängte nicht aktiv auf den Krieg, sie sah sich 1914 vielmehr bedroht und zur Selbstverteidigung gezwungen - gegen einen Feind, der sich ausgerechnet mit dem reaktionären Russland verbündet hatte. Auch jubelte man keineswegs allenthalben bei Kriegsanbruch, höchstens in den Städten und oft bloß in die Kameras.
Und die „Kriegsgreuel“ beim Durchmarsch durch Belgien? Weber macht plausibel, dass nicht deutsche Zerstörungswut, Mordlust und Hass regierten, sondern Angst, die zu einem tragischen Missverständnis führte. Die deutschen Truppen fürchteten sich, in Erinnerung an 1870/71, vor „franc tireurs“, vor Scharfschützen aus dem Hinterhalt, vor als Zivilisten getarnten Partisanen. Die belgische Bürgergarde, reguläre Kombattanten, trugen keine als solche erkennbaren Uniformen - die Deutschen hielten sie deshalb für Freischärler.
Zum berühmten „Weihnachtsfrieden“ 1914 kam es im übrigen tatsächlich - allerdings nur dort, wo auf der anderen Seite Briten lagen. Das spricht nicht für weitverbreitete Anglophobie, zumal sich die Verbrüderung über die Schützengräben hinweg 1915 wiederholte. Im übrigen schienen die Männer aus Devonshire oder Norfolk der britischen Propaganda von den deutschen Soldaten als verrohten Monstern nicht ohne weiteres zu glauben.
„Im Felde unbesiegt“ waren die Deutschen nicht. Das Kriegsende sah sie demoralisiert, wie viele ihrer Gegner auch. Sie kehrten dennoch nicht brutalisiert und radikalisiert zurück, im Gegenteil: sie wollten, wie auch die Briten oder Franzosen, nach Hause. Sie wollten den Krieg vergessen.
Wo aber, wenn nicht an der Front im Milieu Gleichgesinnter, fand Hitler zu seinen radikalen Ideen? Die jüdischen Soldaten des Regiments waren besser integriert gewesen als das „Etappenschwein“ Hitler. Dort hat er Antisemitismus also nicht gelernt. Und der Bolschewismus? Auch während der Münchner Räterepublik gehörte er nicht zu den fanatischen Kommunistenjägern. Wie aus ihm ein charismatischer „Führer“ und ein mörderischer Antisemit wurde, weiss selbst Thomas Weber nicht zu sagen.
Webers Buch ist über weite Strecken eine Ehrenrettung der Deutschen vor Hitlers Zeit, wie es im übrigen jüngst auch Philipp Blom (Der taumelnde Kontinent) versucht hat. Nicht „die Deutschen“ haben Hitler gewählt, auch 1932 nicht, als, im Gegenteil, die NSDAP fast am Ende war. Es waren die Konservativen, die ihn im Januar 1933 zum Reichskanzler machten. Die politische Elite hatte versagt.
Webers Buch lohnt die Diskussion. Wer darin einen „Freispruch“ für die Deutschen erkennen möchte, greift zu kurz. Dass sie sich im Ersten Weltkrieg kaum von ihren angeblich zivilisierteren Gegnern unterschieden, bedeutet eine weit bittere Erkenntnis: die Zerstörung der Demokratie ist keine deutsche Spezialität.

(C) 2011 Cora Stephan

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