"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Freitag, 23. Dezember 2011

Wir leben in interessanten Zeiten

„Mögest du in interessanten Zeiten leben“, lautet ein chinesischer Wunsch, den man auch als Verwünschung lesen kann: Denn interessant sind Zeiten, in denen sich etwas bewegt, die gewohnte Ordnung durcheinander gerät, manchmal krisenhaft, manchmal katastrophal. In denen sich ein Fenster öffnet, durch das der Wind bläst. Das kann kalt werden. Aber kann es nicht auch erfrischend sein?
So kann man das Jahr 2011 betrachten – mit gemischten Gefühlen also. Über das Wetter kann man sich dabei am wenigsten beklagen, wenn man vom verregneten Sommer absieht: Nach einem langen, harten Winter kam der Frühling mit Macht und Sonne, der Herbst hatte einen langen Abgang, strahlend und warm. Bei den deutschen Winzern gilt 2011 jetzt schon als ein Spitzenjahr.
Halten wir uns also an den Wein. Denn alles andere ist ungewiss: ob 2011 als Jahr der Demokratie in die Geschichte eingeht. Als Jahr Europas. Als Jahr der Energiewende. Hofft der Optimist. Oder als Jahr der engstirnigen Sorte des Islamismus, des Scheiterns Europas, der Krise von Politik und Demokratie. Fürchtet der Pessimist.
Denn schon der Blick auf das, was vom arabischen Frühling übriggeblieben ist, relativiert manche Hoffnung. Nach all den teils blutigen Aufständen gegen diktatorische Willkür in Tunesien, Ägypten, Libyen, wird dort nicht das Reich der Freiheit anbrechen, wie viele im Westen geglaubt haben. Die freien Wahlen in Ägypten haben islamistische Kräfte an die Macht gebracht, in Tunesien sieht es ähnlich aus. Und in Afghanistan kehren die Taliban zurück.
Immerhin leidet die Welt heute unter drei Diktatoren weniger. Sagt der Optimist.
Stimmt, seufzt sein Antipode, aber wir wissen nicht, was schlimmer ist. Ein Operettendiktator oder vorsintflutliche Fanatiker.
Vielleicht macht man sich hierzulande ja Illusionen über das, was andere Völker wünschen und wollen. Und vielleicht macht man sich ebenso viele Illusionen über die eigenen Wertvorstellungen. Denn auch Deutschland hat sich nicht gerade als Vorkämpfer für Demokratie und Menschenrechte profiliert. Während der Libyen-Intervention der Bündnispartner etwa war man mit der eigenen Befindlichkeit beschäftigt und nicht mit Wohl und Wehe der Demokratie andernorts. Wohl und Wehe anderer Völker und Länder waren uns vielmehr, um es deutlich zu sagen, ganz und gar schnuppe. Wir hatten Angst. German Angst. Vor einem havarierten Atommeiler in Japan.
Ja und, fragt der Optimist. Manchmal ist Angst ein guter Ratgeber. Und ohne die japanische Atomkatastrophe hätte die Energiewende noch ewig auf sich warten lassen, also ist doch was Gutes dabei herausgekommen?
Vielleicht, sagt der Pessimist. Wenn wir denn wüssten, wie das gehen soll, die Wende zu all den alternativen Energien, von denen wir längst nicht genug haben. Mal abgesehen von den Nebenwirkungen, über die wir nichts wissen. Und im übrigen, von wegen Angst als Ratgeber: wir beziehen Atomstrom heutzutage aus Tschechien und Frankreich. Wieso glauben wir eigentlich, dass die Reaktoren dort sicherer sind als unsere?
Das ist nur vorübergehend, sagt der Optimist, beschwichtigend. Wichtig ist doch, dass der erste Schritt getan ist, oder?
Angst macht egoistisch, sagt der Pessimist. Schließlich gab es in Japan keine Atomkatastrophe, also ein von Menschen verursachtes und verschuldetes Ereignis, sondern eine Naturkatastrophe. Es war ein furchtbares Erdbeben, dem Tausende von Menschen zum Opfer fielen. Und das Atomkraftwerk von Fukushima havarierte in Folge eines mächtigen Tsunami. Doch in Deutschland fürchtete man nicht etwa um Japan und die Japaner. Man bangte ausschließlich um die eigene Sicherheit.
Na und? Der Optimist. Angst macht vorsichtig. Und mit Sachen, die mit „Atom“ anfangen, haben wir keine guten Erfahrungen. Sicher, der Kalte Krieg ist seit zwanzig Jahren vorbei – aber wir erinnern uns noch daran, wie damals jeder kleine Funke den Weltenbrand hätte auslösen können. Der atomare Schlagabtausch hätte sich über unseren Köpfen abgespielt. Und das ist uns eingebrannt. Atomkraft, nein danke.
Gut, sagt der Pessimist. Jede Nation hat so ihre Traumata. Aber wo bleibt die Vernunft bei soviel Gefühl? War das wirklich nötig, dass die Bundeskanzlerin der öffentlichen Panik und dem gefühlten Volkswillen nachgab und ohne Rücksicht auf Gesetzeslage deutsche Atomkraftwerke abschalten ließ, als ob sie durch einen Tsunami in Japan weniger sicher geworden wären? Nur, weil Landtagswahlen in Baden-Württemberg anstanden, die uns im übrigen keinen Wahlsieg der CDU, sondern den ersten grünen Ministerpräsidenten beschert haben? War das wirklich späte Einsicht? Oder schlicht und ergreifend Opportunismus?
Der Optimist findet, der Zweck habe in diesem Fall die Mittel geheiligt.
Der Pessimist fürchtet um Rechts- und Vertragssicherheit, um Regel- und Verfahrenstreue, um die Geschäftsgrundlage auch der wirtschaftlichen Stärke des Landes. Das unterscheidet uns von Ländern, in denen korrupte Eliten das Sagen haben. Das macht uns stark.
Sowas Seelenloses, sowas Staubtrockenes wie Regeln?
Genau das.
2011 war das Jahr der einsamen Entscheidungen einer Kanzlerin, die es mit Recht und Ordnung nicht ganz so genau zu nehmen schien. Dem Ansehen von Politik und Politikern hat das nicht gut getan, wie die Affäre um Verteidigungsminister zu Guttenberg zeigte. Als ob Plagiat, also Betrug, ein Kavaliersdelikt sei, dekretierte die Kanzlerin, sie habe ihn als Minister, nicht als Doktoranden eingestellt. Auf die Ehrlichkeit eines Regierungsmitglieds kommt es also nicht an? Eine erstaunliche Botschaft.
Was ist das für ein Land, in dem die Kanzlerin einsame Entscheidungen für „alternativlos“ erklärt? In einer Demokratie gibt es das nicht, für alles findet sich eine Alternative, womit nichts über die Weisheit dieses oder jenes Entschlusses gesagt ist. Zu Recht ist „alternativlos“ das Unwort des Jahres 2011 geworden - in einer Demokratie kann nicht par ordre de Mutti regiert werden.
Der Pessimist erklärt deshalb 2011 nicht zum Jahr der Demokratie, sondern zum Jahr ihrer Krise. Der Kampf um den Euro und die Debatte über Europa lassen postdemokratische Zustände aufscheinen.
Das ist doch übertrieben. Der Optimist.
Das ist längst eingetreten. Der Pessimist. Wir sind in Deutschland dabei, die Souveränität des Parlaments und der Nation preiszugeben. Nicht, um sie einem höheren und edleren Zweck zum Opfer zu bringen, nennen wir ihn Europa. Sondern aus Notstand, der Entscheidungsdruck erzeugt.
Und? Muss nicht wirklich endlich was geschehen? Hat die Kanzlerin nicht eh schon zu lange gezögert? Der Optimist sieht Angela Merkel schon mal als Euroretterin fürs Geschichtsbuch vor.
Gemach, sagt der Pessimist. Das Budgetrecht ist das Herzstück der Demokratie. Die Bürger haben es in die Hände frei gewählter Abgeordneter gelegt, darüber zu entscheiden, was mit ihren Steuern passiert, sie haben einen Anspruch darauf, dass mit diesem Geld auch pfleglich umgegangen wird. Sie haben das Parlament nicht dazu legitimiert, diese Entscheidungshoheit aus der Hand zu geben. Das aber geschieht im Zuge der Maßnahmen zur Rettung fallierender Staaten, erst schleichend, dann zum Galopp ansetzend. Und wird womöglich noch nicht einmal helfen.
Aber Europa! Ruft der Optimist. Wir müssen Europa retten! Die Kanzlerin vorneweg! Mit Geld und Schuldenbremse!
Ach, Europa, seufzt der Pessimist. Europa ist nicht das Problem.
Das Problem ist, dass nicht nur in Griechenland Geld ausgegeben wurde, das nicht da war. In Deutschland sieht es nicht anders aus. Trotz üppiger Steuereinnahmen hat sich das Land von Jahr zu Jahr mehr Geld geliehen, heute sitzen wir auf gut 2 Billionen Euro Staatsschulden. Auch hierzulande wurde den Bürgern ein Paradies vorgegaukelt, das auf Pump finanziert war. Wenn Deutschland sich an das hielte, was Kanzlerin Merkel von anderen europäischen Ländern verlangt, gäbe es auch bei uns Heulen und Zähneklappern.
Die Staatsschuldenkrise hat manche soziale Errungenschaft als Kulisse entlarvt. Gefühlte Notstände haben demokratische Institutionen geschwächt. Dafür sind der Klimawandel und andere Katastrophen ausgeblieben.
Der Optimist schweigt.
Hast du gehört? Fragt der Pessimist.
Der Klimawandel bleibt aus? Der Optimist, ungläubig.
Naja, nicht, wenn man alle Naselang klimaschädliche Klimakonferenzen veranstaltet, die weder Klarheit noch Entscheidungen bringen.
Also was denn nun?
Die Wahrheit ist: wir wissen es nicht. Vielleicht gibt es einen – vielleicht auch nicht. Vielleicht ist er menschengemacht – vielleicht auch nicht. Vielleicht kann man was gegen ihn tun – aber es sieht nicht danach aus. Es bleibt wie das Wetter: uneindeutig.
Und das soll eine gute Botschaft sein?
Es ist jedenfalls keine schlechte. Nur: Angela Merkel wird nicht als Klimaretterin ins Geschichtsbuch eingehen, solange nicht klar ist, was genau und wie gerettet werden soll.
Als was denn dann?
Das wird das Jahr 2012 zeigen.
Gut. Und wo bleibt nun das Positive?
Ganz einfach: Nur, wer Krisen als das Ende und nicht als einen Anfang begreift, wird 2011 für ein schlechtes Jahr halten. Aber das war es nicht. Nein: Es war interessant.

Gedanken zur Zeit, NDR, 18. Dezember 2011

Montag, 12. Dezember 2011

Neues Frankfurter Deutschland

Früher wäre das ja andersherum verlaufen: das Neue Deutschland hätte sich seine Meinungen im Westen gekauft. Und wie geht das heute? Wieder andersherum?
Interessant jedenfalls die enge Verbundenheit zweier großer deutscher Zeitungen - in linken Kreisen gibt es dazu Ahs und Ohs.

Samstag, 10. Dezember 2011

To whom it concerns

Nein, liebe lustige Menschen, ich veröffentliche hier keine seitenlangen Selbstdarstellungen oder ellenlangen anderen Scheiß. Alles bitte: unterlassen. Sie haben Ihre eigene Spielwiese. Dies hier ist meine.

Montag, 5. Dezember 2011

Kleine Geschichte der Aneignung der Produktionsmittel durch den Autor nebst Überlegungen, die Zukunft betreffend.

Die Produktionsmittel in Volkes Hand? Ein Traum, der längst verblasst ist. Heute merkt das Volk noch nicht einmal mehr, wenn es über seine Produktionsmittel verfügt – jedenfalls nicht, sofern es aus Schriftstellern und anderen Worttätigen besteht. Dabei beginnt der Kampf darum bei den meisten Autoren schon in der Kindheit, wenn die Erwachsenen selbst bestimmen wollen, wann und wie lange sie vorlesen möchten. Wer sich nicht mit Dankbarkeit aufhalten will, dafür nämlich, dass sie sich überhaupt die Mühe geben, lernt selber lesen. Den nächsten Schritt bestimmt kindlicher Nachahmungstrieb: auch schreiben wollen! Nach ersten handgekrakelten Gedichten, von der Familie so wohlwollend aufgenommen wie die Blockflötensoli zu Weihnachten, strebt der künftige Autor nach Größerem: nach Verbreitung der Proben seines Könnens. Hat nicht die Lieblingstante Talent bescheinigt? Na also. Jetzt wird vervielfältigt.
So fängt’s an und so geht es weiter: von der Handschrift über das Kohlepapier über die Fotokopie zum E-Book. Es ist ein Weg der Entfesselung. Klar, dass das nicht allen gefällt.
Das E-Book, selbstgebastelt, ohne Lektorat und Korrektur, ohne Marketing und Werbung, ohne Lagerplatz, Vertrieb und Buchhandel, einfach so auf den digitalen Marktplatz gestellt, wo es für relativ wenig Geld zu haben ist, ist Verheißung und Provokation zugleich. Provokation: Da kann ja jeder kommen! Die Alteingesessenen verteidigen ihre Privilegien. Erfolgreiche Autoren verweisen auf die Schmerzen, die sie bei den Initiationsritualen der Branche erlitten haben. Über sieben Brücken mussten wir gehen, mindestens! Die Priester in den Verlagen verteidigen ihren Beruf, der im Auswählen, Verbessern, Aufbereiten bestehe, eine Qualitätskontrolle, die Autoren vor der Blamage und Leser vor schlechten Büchern schütze. Sie sehen handwerkliche Fertigkeiten entwertet, fürchten wie einst die Zünfte den Einbruch des Ungeregelten, die Konkurrenz der Anbieter billiger Ware zu Dumpingpreisen. E-Bookinisten wiederum wittern Zensur, votieren für das Niederreißen kleingeistiger Schranken, für grenzenlose Freiheit. Und nörgeln: werfen unsere Qualitätskontrolleure bei den Verlagen nicht bereits jetzt schon massenweise schlechte Bücher auf den Massenmarkt, unterstützt von Buchhändlern, die sich längst nicht mehr als Schleusenwärter verstehen, weil auch sie Umsatz brauchen?
Wie recht sie haben. Beide Seiten. Doch der Geist ist längst aus der Flasche.

Wie alles anfing? Wie viele Revolutionen: Mit einer Schreibmaschine, deren Farbband zerschlissen war, und mit abgenutztem Kohlepapier. Man kann heute jene, die vor Jahrzehnten innerer Antrieb ans Schreibwerkzeug trieb, und nicht Schule und äußere Notwendigkeit, daran erkennen, dass sie die Tastatur nicht nach dem Zehnfingersystem bearbeiten. Schließlich kam es auf den Inhalt an, nicht auf die Form. Und wenn man sich anstrengte und mit Kraft in die Tasten hieb, bekam man auch mit müdem Kohlepapier noch drei Durchschläge hin – die ersten Veröffentlichungen, für Freunde und Familie. Das Wunder ging weiter: Mit beschrifteten Matrizen, das erlaubte Verbreitung in Klassenstärke. Und im letzten Drittel der 60er Jahre konnte man mit selbst hergestellten Vorlagen sogar die Zeitung für die ganze Schule drucken lassen. Offset hieß das – und das sagt alles. Die Herren über den Bleisatz waren zu Recht upset. Noch konnten sie mit Qualität argumentieren, die allein ihr Handwerk garantiere. Aber es wetterleuchtete bereits am Horizont.
Meine Staatsexamensarbeit wurde noch als schreibmaschinengetipptes Original mit Durchschlägen eingereicht. Als Lektoratsassistentin bei der edition Suhrkamp habe ich solche Manuskripte hassen gelernt. Immerhin: wenigstens kam Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts kaum noch Handgeschriebenes auf meinen Schreibtisch. Doch vor allem Intellektuelle pflegten ihre Manuskripte als unwiderbringliche Originale und in einer Form anzulegen (einzeilig, kein Rand), die kein vernünftiges Lektorat zuließ. Vernünftig nicht nur im inhaltlichen Sinn – die handschriftlichen Verbesserungen, Einfügungen und Korrekturen mussten lesbar bleiben, und zwar für Menschen, die sich mit dem Thema nicht auskannten, für das der Suhrkamp-Autor Spezialist war. Die Manuskripte mussten nämlich im nächsten Gang „erfasst“ werden, damit sie gedruckt werden konnten.
Ein Geständnis nach all den Jahren: ich habe nie eine der Texterfasserinnen kennengelernt. Dabei glaube ich fest, dass es sich überwiegend um Frauen handelte, die in Heimarbeit eigentlich unlesbare Manuskripte in eine druckgemäße Form brachten. Und wahrscheinlich schrie ein Baby im Nebenzimmer. Oder direkt neben dem Schreibtisch. Das entschuldigt einiges, auch die oft unzählig vielen Satzfehler, die in einem weiteren Korrekturgang aufgespürt werden mussten. Und das war mein Job.

Solcherlei Erfahrungen bestärkten im Wunsch, die Produktionsmittel in die eigene Hand zu nehmen. Selbst in jenen Zeiten aber, als man sie alle in die Hände der Arbeiterklasse legen wollte, war das nicht einfach. Auch in der Alternativszene gab es Arbeitsteilung, daraus entstand eine neue Gestalt der Zeitgeschichte. Dem in Nachtschicht durchgekurbelten Flugblatt folgte die Szenezeitschrift und die Renaissance der Satzkunst in der Figur des Säzzers und der Säzzerin, die ihre Emanzipation vom ehrbaren und ehrpusseligen Handwerk zugleich als Sieg über den Inhalt feierten. Im Unterschied zum alten Handwerksadel kannten die Säzzer keinerlei Respekt vorm Geschriebenen. Und vor allem keinen vor ihren Erzeugern.
Rechtschreibung? „Das versteht doch jeder, egal, ob es falsch geschrieben ist.“ Wer in Sachen Grammatik und Orthografie Spießer war, musste die Beherrschung eines Ungetüms namens Composer lernen und sich nach Feierabend klammheimlich daran setzen, um Korrekturen zu tippen und in die fertige Satzvorlage zu kleben.
Composer sind ein längst vergangenes und zu Recht vergessenes Produktionsmittel, das man heute nur mit Mühe noch ergoogeln kann und dessen Umständlichkeit selbst jene Pioniere nicht ermessen können, die Frühfassungen von Word überlebt haben. Word war ein Wunder, ein Wunder an Umständlichkeit und jähen Abstürzen mit gnadenloser Textvernichtung. Und dennoch: der PC als Schreibmaschine war eine Erlösung, verglichen mit der Zeit davor.
Kein händisches copy and paste der Manuskripte auf dem Fußboden mehr. Schluss mit der Fehlerquote bei der Texterfassung. Dafür riskierte man schon mal hohe Anschaffungskosten – um festzustellen, dass man als Autor, der sein Manuskript auf Diskette einreichte, fortschrittlicher war als die Verlage. In den Lektoraten verlangte man noch nach einem ordentlichen Manuskriptausdruck. Doch auch dort lernte man schnell: welcher Autor hat schon Geld dafür gesehen, dass er den Verlagen die Texterfassung abgenommen hat, eine heute selbstverständliche Dienstleistung? Der Posten sei nicht kostenerheblich, hieß es, wenn man sich zu fragen traute. Offenbar hatte man den Texterfasserinnen zuvor Hungerlöhne gezahlt.
Dialektische Prozesse. Viele der Autoren, die mit dem PC zu arbeiten begannen, interessierte nur am Rande, dass sie mit dem neuen computergestützten Schreibwerkzeug bereits die Produktionsmittel der Zukunft zur Verfügung hatten und beschäftigten sich lieber mit der Frage, ob sich durch die vielfältigen Möglichkeiten der neuen Technik das Schreiben verändere. Die Antwort lautet, auch bei Oberkritiker Reich-Ranicki: Ja, gewiss. Selten werden Texte durch mehrfaches Überarbeiten schlechter. Am Erzählen selbst aber hat sich seit der mündlichen Überlieferung am Lagerfeuer so viel nicht geändert.
Doch das Abwälzen der Texterfassung auf den Autor hat das Tor weit geöffnet für seine Emanzipation. Selbermachen? Kein Problem. Für ein weltweit verfügbares E-Book braucht der Autor einen PC, ein Texterfassungsprogramm, ein bisschen Software, um die Textmasse in eine taugliche Form zu bringen, eine ISDN-Nummer, einen Breitbandanschluss und einen Amazon-Account. Dazu das Übliche: eine Idee, einen Plot, eine gute Geschichte. Talent hilft auch.
Gewiss, jene Qualitätskontrolle durch Verlag und Buchhandel fällt weg, auf die sich beide gern berufen. Doch für Autoren, die durch den Verzicht auf einen Verlag keinen Verlust erleiden, weil sie dort ein gründliches Lektorat, Werbemaßnahmen oder gar einen Vorschuss längst nicht mehr erwarten können, und die auch dem Buchhandel keine Rücksicht entgegenbringen müssen, weil der ihn ignoriert – für all die ist das digitale Veröffentlichen eine Chance.
Muss man sich also vor einer Flut miserabler Selbstverwirklichungsprosa fürchten? Nicht mehr als heute schon. Auch im Netz entscheidet der Markt. Werden die wahren Perlen der Dichtkunst im Brackwasser des digitalen Tümpels untergehen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Dort wird man sie womöglich eher finden als im stationären Buchhandel, der mit seinem geringen Raum auf Bestseller setzen muss, will er Umsatz machen.
Doch gemach – wenigstens in Deutschland ist die Welt noch in Ordnung. Noch müssen sich hierzulande die Verlage keine Sorgen darüber machen, dass ihnen die Autoren weglaufen, denn die sind treu. Noch zehrt diese Beziehung von der Aura, die „das Buch“ hat, das in einem renommierten Verlag erschienen ist, „ein zertifiziertes Siegel für wertvollen Inhalt“ (Rüdiger Wischenbart). Und von der Aura des „Kleinen Buchhändlers um die Ecke“, von dem vermutet wird, dass er ungehobene Schätze bereithalte. Eine Illusion, meistens jedenfalls, denn was nicht bestsellt, überlebt heute selten länger als vier Monate in den Regalen der Buchhändler, sofern es überhaupt dorthin vorgedrungen ist.
In Deutschland wird der Abschied von Verlag und Buchhandel so bald nicht stattfinden. Noch verdrängt man den Trend, den die USA vorgeben – schließlich ist auch die Zahl der mit einem E-Book-Reader ausgestatteten Leser noch klein. Doch durch das E-Book ist der Buchmarkt global geworden und es sind gerade die Kernkunden des Geschäfts, die gut ausgebildeten, gut verdienenden, oft älteren Kulturbeflissenen, die sich zunutzemachen, dass beim E-Book auch der Preis global geworden ist, und die zum englischen Original greifen, wenn die deutsche Übersetzung ihnen zu teuer ist.
Amerikanische Autoren wiederum haben erkannt, dass der deutschsprachige Buchmarkt, immerhin der drittgrößte weltweit, beweglichen Geistern Chancen bietet. Warum nicht die eigenen Werke selbst ins Deutsche übersetzen lassen und fürs Kindle anbieten? Ob sie davon profitieren, weiß man nicht. Gewiss aber profitieren die Leser.
Noch sind in Deutschland Verlage und Buchhandel die Bremser und die Autoren zeigen sich wenig wagemutig. Darauf, dass das so bleibt, sollte man nicht setzen. Ob es ein neues Bündnis zwischen Verlagen und ihren „Contentproduzenten“ geben wird? Noch ist Zeit dafür. Doch eines ist gewiss: ihre Produktionsmittel wird man den Autoren nicht mehr wegnehmen können.
Literarische Welt, 3. Dezember 2011