"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Sonntag, 17. Juni 2012

Auf der Suche nach dem Mutbürger in Uniform

Noch nie war Deutschland so zivil. Deutsche Soldaten? Irgendwo müssen sie sein. In Afghanistan, hört man, wenn wieder einmal etwas passiert ist. Im deutschen Alltag, im Straßenbild aber sind sie unsichtbar. Aus den Augen, aus dem Sinn. Die Nachkriegsgenerationen sind mit Soldaten aufgewachsen. Im Norden mit sommer-sprossigen Jungs aus Wales oder Yorkshire, im Osten mit deutsch-sowjetischer Freund-schaft, im Süden mit GIs aller Farben. Wir verdanken den Besatzern kulturelle Vielfalt und brauchbare Sprachkenntnisse. Nach der Wiedervereinigung blieben die deutschen Wehrdienstleistenden, immer weniger von ihnen. Die kannte man nur, wenn sie zur Familie gehörten. Und heute? Die Wehrpflicht ist ausgesetzt, Standorte werden ge-schlossen, worunter nur die betroffenen Gemeinden leiden. Wer will, kann gänzlich un-behelligt vom Krieg in der Welt seine Kreise ziehen, frei nach dem Wunsch Friedrichs II., die Völker möchten gar nicht mitbekommen, wenn seine Armee in fernen Ländern ihre Schlachten schlägt. Was für eine glückselige Gesellschaft! Eine „glückssüchtige“, konstatiert Joachim Gauck protestantisch streng. Zwar werden deutsche Soldaten nur noch selten als „Mör-der“ beschimpft, aber sie nehmen gewiss keinen Ort „in der Mitte unserer Gesellschaft“ ein, wie der Bundespräsident postuliert. Wir sind eine „Gesellschaft im Krieg“, sagt Robert Sedlatzek-Müller, ein schwer traumatisierter Afghanistanveteran bei „Jauch“ am 10. 6. 2012. Aber „die Gesellschaft weiß es nicht“. Will sie es nicht wissen? Wo findet man sie also, die unsichtbaren, die „Mut-Bürger“ in Uniform, wie sie Gauck taufte? Wer sind sie und woher kommen sie? Die Suche führt an einen Ort, der dafür prädestiniert ist: ins Militärhistorische Museum in Dresden. Es gehört der Bundeswehr. Doch keine Sorge: Der spitze Zeigefinger des Libeskindschen Keils, der das alte Arse-nalgebäude der sächsischen Armee durchbohrt, zeigt unübersehbar, ja geradezu auf-dringlich, dass wir es hier mitnichten mit einem Kriegsmuseum zu tun haben. Keiner soll die Bundeswehr missverstehen, keiner das Museum als kritiklose Zurschaustellung von Waffen und Ritualen nehmen, keiner auf die Idee kommen, hier würde Kontinuität behauptet und die schmutzige jüngere Vergangenheit vergessen oder gar verharmlost. Das ist, um es vorwegzunehmen, gelungen. Manchmal auch zu gut. Denn die Schau beginnt, wie jede gute Unterrichtseinheit für ein bisschen Frieden be-ginnen könnte: mit einer Installation, die die Buchstaben für „Love“ and „Hate“ über die Wand flackern lässt, ein hilfloses Künstlerzeugnis, das den Besucher offenbar auf die Bundeswehr als Macht der Liebe einstimmen soll, denn Hass braucht man ja zum Kriegführen nicht unbedingt. Der Mensch soll im Mittelpunkt stehen, betonen Direktor und Kurator im Museumska-talog. So wie man das heute gerne sagt. Der Mensch und seine Gefühle: Aggression und Hass. Die Täter und die Opfer. Das Anthropologische dabei. Das ist doch irgendwie gut und richtig, angesichts der traditionellen Schaumuseen mit Waffen und Prunkunifor-men, oder? Ja, gewiss. Doch vielleicht hat man bei so viel gutem Willen die Eigenart der militäri-schen Institution vergessen: sie ist mehr als die Summe der Menschen, die in ihr agie-ren, marschieren, kämpfen, töten, sterben. Mit Hass oder ohne Hass. Weshalb es dem Besucher kaum weiterhilft, wenn er – Lernziel! – „mit dem eigenen Aggressionspoten-tial“ konfrontiert wird. Was eine Armee ist (und was sie anrichten kann), geht über das Individuum und das je individuelle Aggressionspotential weit hinaus – im Schlechten wie im Guten. Denn „Gewalt“ schützt ja auch – in Gestalt des Gewaltmonopols des Staates vor individueller Willkür. Oder bei der Verteidigung nach außen: beim Schutz von Leib und Leben, von Freiheit und Souveränität. Krieg ist Stellvertretung, Soldaten, die kämpfen, töten, fallen, sind Stellvertreter der Gesellschaft – und das hört die unsere nicht gern. Das Dresdner Militärmuseum ist ein deutsches Museum, weil es nicht deutsch sein will. Der deutschen Perspektive wird stets eine andere an die Seite gestellt, dem bombardier-ten Dresden das zerstörte polnische Wielun, der deutschen Biografie die eines anderen, Opfer oder Gegner. Das ist gut. Doch wenn es in einer der Vitrinen um den Auschwitz-Prozess geht, ist die gegenüberliegende dem deutschen Heimatfilm gewidmet, der etwa um die gleiche Zeit die Deutschen in ein heile Welt habe entführen wollen. Hier schwillt der Zeigefinger gewaltig. Und das ist schade, denn die meisten Texte zur Aus-stellung, der Ort, an dem sich erfahrungsgemäß die Weltsicht der Macher nicht selten auf eine beängstigend naive und geschichtsblinde Weise zu offenbaren pflegt, sind sachlich und korrekt, ein Kompliment an den mündigen Besucher, der nicht agitiert werden will. Der weiß ganz von selbst etwas anzufangen mit dem, was am Beginn der Ausstellung zu sehen ist, die im obersten Stock anfängt. Dort, in der Keilspitze, liegen Gehwegplat-ten aus Dresden, von vier Brandbomben durchschlagen. Und ihr Gegenstück aus der polnischen Stadt Wielun, die am 1. September 1939 von deutschen Stukas zerstört wur-de. Und hier oben vermag man auch einzusehen, dass der Libeskind-Keil mehr sein könnte als der deutsche Wunsch nach „Brechung“: wer auf die Aussichtsplattform in der Spitze des Keils tritt, hat rechts und links einen Panoramablick auf Dresden. Und schaut geradeaus in die Richtung, aus der die britischen und amerikanischen Bomber kamen, die im Februar 1945 Dresden in Schutt und Asche legten. Das Dilemma des Militärhistorischen Museums ist das Dilemma der deutschen Öffent-lichkeit, die sich mit Krieg ungern, mit Soldaten schon gar nicht beschäftigt. Dass das „Eiserne Kreuz“ kein Naziemblem ist, sondern vom preußischen König Friedrich Wil-helm III. entworfen und gestiftet wurde in Angedenken an Königin Luise, und zwar 1813, als sich die europäischen Staaten verdienstvoll gegen den Eroberer Napoleon zur Wehr setzten, zeigt auch dieses Museum anschaulich. Dennoch hat der Missbrauch durch die Nazi es unmöglich gemacht, meinen jedenfalls viele, nicht durchweg plausi-bel. Über einen würdigen Ersatz mögen die wenigsten nachdenken. Soldaten tun, was ihr Beruf ist. Sie töten und werden getötet. Sie tapfer oder heldenhaft zu nennen, käme kaum noch jemand in den Sinn, ihnen am wenigsten: Sie tun „ihren Job“. Oder sie kommen schwer verletzt zurück in das Land, das sie entsandt hat, dem sie erst dann, als „Opfer des Kriegs“, wieder verständlich werden. Überhaupt möchten sie viele am liebsten als nette Angehörige eines Friedenskorps sehen, die Brunnen bau-en und afghanische Mädchen zur Schule begleiten. Am Schluss der Ausstellung wird deutlich, unter welcher Spannung der Versuch steht, „das Besondere am Soldatenberuf angemessen zu würdigen“ (de Maiziére, taz, 10. 6.: http://www.taz.de/Thomas-de-Maizire-ueber-Sicherheitspolitik/!95041/). In einer Vitri-ne steht ein leichter LKW, ein „Wolf“, zerbeult und zerschossen. Und ganz unten rechts liegen die Abstimmungskarten von Angela Merkel und Gerhard Schröder. Will sagen: der Bundestag hat den Einsatz beschlossen und die Soldaten entsandt. Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Jeder Soldat tötet demokratisch legitimiert. Was aber tut das Land, das ihnen das zumutet? Kein Soldat wird hierzulande gefeiert, wenn er zurück kommt, wie es in Amerika oder Großbritannien üblich ist. Das mag nicht unser Stil sein. Aber auch in Deutschland müsste man begreifen, dass man erbit-tert über jeden Einsatz streiten darf und soll, den das Parlament beschließt. Aber zu sei-nen Soldaten sollte man stehen. „Soldaten sind Teil unserer Gesellschaft. Deshalb möchte ich nicht in verdunkelten Räumen heimlich umgeladen werden, weder als Toter noch als Lebender“, sagt Haupt-mann Sebastian Bangert, Libanonveteran und Pressesprecher des Dresdner Militärmu-seums. Leipziger Bürger aber wünschen nicht, dass auf ihrem Flughafen Afghanistan-rückkehrer auf Mallorcaurlauber treffen. Weil jeder Soldat einen deutschen Flughafen zum Angriffsziel macht? Oder weil die Begegnung dieser beiden Welten ihre Fremdheit jäh illuminiert? Am Ende des chronologischen Rundgangs, der ins Heute führt, beginnt man zu erahnen, was die Soldaten bewegt, die in Afghanistan im Kriegseinsatz sind – nicht zuletzt die Frage, was mit ihnen geschieht, wenn sie verletzt zurückkehren. Und ohne Symbole des Zusammenhalts, wie sie andere Armeen haben, die eine Tradition kennen, auf die sie stolz sein dürfen, schaffen sich Soldaten ihre eigene Realität und malen sich schon mal eine Palme auf den Jeep, die an Rommels Afrikakorps erinnern könnte, was der Bun-deswehr verständlicherweise missfällt. Was aber tun wir, „die Gesellschaft“, mit denen, an die wir die Gewalt delegiert haben? Junge Männer und Frauen, die Teil eines für keinen Zivilisten vorstellbaren Molochs werden? Die von Berufs wegen gegen alle zivilen Normen verstoßen, auf die wir zu Recht stolz sind? Die ihre Angst mit archaischen Riten bekämpfen? Denen noch im blu-tigen Chaos ein Anstand abverlangt wird, den manche noch nicht einmal unter normalen Bedingungen aufbringen? Und die einem Gegner gegenüberstehen, der gleich gar keine Regeln des Anstands (oder des Kriegsvölkerrechts) mehr kennt oder akzeptiert? Ja, das Museum in Dresden ist unbedingt sehenswert. Und doch wünschte man sich, dass die Bundeswehr in ihrem Haus die Aufmerksamkeit dieser Gesellschaft für die, die ihr (demokratisch legitimiert) dienen, radikaler einfordert. Politik und Öffentlichkeit in Deutschland müssen sich entscheiden, welche Soldaten sie wollen. Glühende Bürger-krieger? Kaltblütige Profis? Pragmatische Gewaltmanager, kühl und beherrscht, die ih-ren Job tun, ohne groß zu reden? Leute, die man erst dann wieder zur Kenntnis nimmt, wenn sie als blutende Opfer zurückkehren? Den Rest zahlt die Versicherung, und das auch erst neuerdings? Die Verbindung zwischen Gesellschaft und Armee hierzulande war und bleibt fragil, solange die „Mutbürger“ nicht sichtbar sind. Paradox, das wir unsere Soldaten in den Untergrund zwingen, denn es ist seit jeher die Sichtbarkeit, etwa die Uniform, die einen Soldaten als legitimen Kämpfer von irregulären Gegnern unterscheidet. Die alten patriotischen Formen der Würdigung „tapferer Kämpfer“ funktionieren nicht mehr, die Bundeswehr steht im Verbund mit ihren Partnern. Vielleicht kann man von denen lernen, wie das funktioniert: dem, der sein für ein legitimes Ziel Leben einsetzt, in aller Öffentlichkeit Respekt zu zollen.

Kommentare:

  1. Legitime Ziel = Ziel was von unseren Politikern vorgeben wurde? Ja das ist "überzeugend" Wo unsere Politiker doch genau wissen was sie tun...

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  2. Ja, nicht mehr und nicht weniger besagt "legitim". Und in einer Demokratie pflegen Politiker gewählt zu werden. Was tun?

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  3. Sie wissen auch es gibt Grenzen für die Legitimität und unsere Soldaten in Afghanistan dürften durchaus schon jenseits der Legitimität sein. Wie D von Afghanistan aus "bedroht" werden könnte, ist wohl eines der Geheimnisse der Neuzeit.

    Mit Selbstverteidigung hat da jedenfalls nichts zu tun. Wie immer YMMV.

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  4. Noch eine Beobachtung über die unsichtbare Bundeswehr: Statt olivgrüner PKWs fahren ja nun silberne aus dem BW-Fuhrpark über die Autobahnen. Natürlich lassen die sich leichter nach dem Auslaufen des Leasing weiterverkaufen, aber es ist ein weiterer Schritt zur daheim unsichtbaren Armee.

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  5. Der deutschen Perspektive wird stets eine andere an die Seite gestellt, dem bombardier-ten Dresden das zerstörte polnische Wielun, der deutschen Biografie die eines anderen, Opfer oder Gegner.

    Unter dieser Adresse…

    http://warreview.blogspot.de/2012/01/wielun-revisited-beware-of-wikipedia.html

    findet sich dieser Artikel zu ‚Wielun’:

    04 January, 2012
    Wielun Revisited - Beware of Wikipedia


    Reading about Guernica brought me by pure chance back to the Wikipedia page about the September 1st, 1939 Luftwaffe attack on the Polish border town of Wielun. Suffice to say, I was quite surprised. I had referenced that very same page in an article in May 2011 where I lamented the railroaded view of history among some German academics and what effects it has on their students. Just go ahead and compare the two, then grind your teeth.

    It's ridiculous. We have three referenced academic sources (British, German, Polish!) independent of one another declaring that the operations hitting Wielun were tactical in nature and aimed against Polish forces spotted by recon the day before. We have near a third of the Luftwaffe's modern divebombers operational on that day taking part in that attack. We have multiple sources reporting bad visibility on that day, including 50+ meters high ground fog and clouds.

    And what does the new article claim as "truth"? That Wielun was an act of deliberate terror bombing! And who is sourced for that accusation? Guess what, it's the guy who wrote the Die Zeit article I referenced in the original post. Yes, the journalist who proved his utter lack of military and technological knowledge back then (that seems to be par for the course for the majority of journalists anway). He's an authoritative source now all of a sudden, but not three military historians. If I wasn't so disgusted I'd be amused by this.

    As for "terror bombing": Half the value of terror is with propaganda (your own, and that of the enemy). Terror has to sink in, terror has to demotivate not the victims themselves but the others (hence, Goebbels played down the preliminary numbers he got from Dresden). The location of terror has to remain accessible, primarily for the defenders (as a rallying cry; the attacker simply needs it in enemy hands so that he can point at a searing wound). Vielun was captured around 16:00 hours on the first day of fighting and made no headlines, at all.

    German forces committed more than their fair share of atrocities and crimes during WWII. But Wielun wasn't one of them. Stuff like this pisses me off. Going by the knowledge available to the actors on that day, it was a legitimate military target. Even Göring's Luftwaffe was not so complete batshit crazy as to use a full third of the available modern short-range close air support airplanes with the intent of "terrorboming" against a strategically irrelevant small border town - definitively not on Day 1 of the war! For any other military a mishap based on the lack of information age technology would be a foot note in any conflict. But since Germans did it, it has to be sinister. It has to be terror bombing...


    Wielun mit Dresden zu vergleichen, empfinde ich nur noch als einen weiteren Höhepunkt an bösartiger Wirklichkeitsverdrehung und Geschichtsklitterung – allerdings würdig der BRD.

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  6. Die Unsichtbarkeit der BW im öffentlichen Leben hat m.E. zwei Gründe. Zum einen dient sie dem Schutz von Leib und Leben der Soldaten im Inland vor Antifa-Faschisten. Zum anderen dient sie dem Schutz der Regierung und ihren willfährigen Handhebern im Parlament, die in schöner Regelmäßigkeit dafür stimmen, dass Deutschlands Sicherheit am Hindukusch verteidigt wird. Im übrigen in schöner Regelmäßigkeit gegen den erklärten Willen des Volkes. Da eine solche Aufgabe unweigerlich mit Kollateralschäden (auch ein Begriff der unsichtbar macht!) verbunden ist, will man natürlich nicht, dass die "Wracks" und "Reste" dieser Verteidigung dem Volk vor Augen kommen. Schließlich will man wieder gewählt werden.

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