"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Montag, 26. November 2012

Dümmer geht ümmer

Die Ziege war süß. Ohne sie wäre es glatt eine Kuhmödie geworden, der Jubiläumsmünstertatort zum 10. Geburtstag. Aber auch mit ihr war’s der schlappste „Tatort“ aus Münster seit dem Jahre 1. Witzischkeit hat schon mal besser ausgesehen. Warum haben sie sich das angetan, Axel Prahl als Hauptkommissar Thiel, Jan Josef Liefers als Rechtsmediziner Boerne und die wunderbare ChrisTine Urspruch als Boernes Assistentin? Bei einem sensationellen Marktanteil von 31,7 %, dem besten Ergebnis für den Tatort aus Münster, achwas: dem besten Ergebnis für eine Tatort-Folge seit 1978, haben mithin 12,11 Millionen Zuschauer mitgekriegt, dass Drehbuch, Regie und Schnitt zum Traumduo Boerne und Thiel nichts mehr eingefallen ist. Eigentlich will man ja nicht kleinkariert sein und dem „Wolbecker Wunder“ vorhalten, was ihm schlechterdings nicht vorzuwerfen ist – Wunder sind immer unwahrscheinlich und was hat ein Fernsehkrimi schon mit der Realität zu tun? Die Münsteraner sind Publikumslieblinge, weil das Zusammenspiel zwischen dem prolligen Thiel und seinem manierierten Vermieter Boerne voller Sprachwitz und Spiellaune ist, weil die Nebenfiguren schon fast Hauptfiguren sind, wie „Alberich“ Urspruch oder Thiels Hippievater, der ewige Taxifahrer. Wer noch dem lahmsten Kalauer und dem plattesten Klischee soviel Drall geben kann, dem verzeihen wir vieles. Aber man kann die bedingungslose Liebe des Publikums auch überstrapazieren. Auf dem Tatort-Forum www.tatort-fundus.de sackte das „Wunder von Wolbeck“ auf Rang 831 ab. Verdient. Mal ehrlich: soviel Pfau war nie. Und so viel Verstoß gegen Glaubwürdigkeit und Wahrscheinlichkeit auch nicht. Und wenn dann die Witze nicht mehr richtig witzisch sind - dann werden wir Zuschauer eben doch kleinkariert. Das Wunder von Wolbeck ist vor allem, dass sich hochgestylte Damen aus aller Welt mit dem Taxi (gefahren von Vater Thiel) vom Flughafen Düsseldorf ausgerechnet zu einem Heilpraktiker auf plattestem Lande kutschieren lassen, um sich einen Kinderwunsch erfüllen zu lassen. Gibt’s da echt keine besseren Adressen? Und dann, shit happens, liegt der Wunderheiler auch noch tot im Wohnzimmer, die Tatwaffe ist offenbar ein Siegelring, den Abdruck hat er unübersehbar im Gesicht. Was für eine faszinierende Spur. Die führt zu Bauer Kintrup, der so schwächelt wie sein Zuchtbulle, weshalb er berechtigte Zweifel an der eigenen Vaterschaft hegt, sprachlos leidend, wie Männer und Bauern nunmal so sind. Kintrup ist die Parodie eines Bauerntrottels – doch so doof kann niemand sein, der über eine riesige Rinderherde samt Ziegenvolk gebietet (ja, man sagt Rinder, nicht Kühe, sofern es sich nicht ausschließlich um letztere handelt), um die er sich auch noch im Alleingang kümmert. Kein Wunder, dass er keine Zeit hat für seine polnische Milena, die topgefärbt und supergeschminkt ihren Kinderwagen durch die Gegend schiebt, wofür sie auch keine Zeit hätte, wäre sie eine echte Landfrau. Der Wunderheiler ist natürlich keiner, er kriegt die Frauen auf bewährte Weise schwanger, die auch Bauer Kintrup kennen müsste: durch Insemination. Das Ausgangsmaterial dafür liefern ihm die drei dumpfbackigen Gebrüder Krien, die bräsig am Tresen ihrer Dorfkneipe lehnen, eine der realistischeren Requisiten: ja, so schlimm sind manche Dorfbeizen wirklich. Warum Raffael (welch sprechender Name!) Lembeck im Falle der Milena Kintrup eine Ausnahme macht und seinen eigenen Stoff nimmt, bleibt unklar. Die nächstliegende Weise streitet die tugendhafte Polin ab. Doch dass Raffaels Witwe, die unentwegt und doppelkinnschwer grimassierende Stella (gespielt von Lina Beckmann), den kleinen Kintrup junior irgendwann entführt, ist zwar vorhersehbar, aber deshalb nicht plausibler. Da hilft auch nicht, dass Bauer Kintrups Mutter von altem Adel ist, was den Siegelring erklärt. Und dass sie ein schweres Schicksal hatte. Na klar. Was also sagt uns die hohe Einschaltquote, auch bei Menschen zwischen 14 und 49 Jahren? Dass wir es gerne immer blöder, immer dümmer, immer witzischer hätten? Dass kein gutes Buch im Haus war? Dass wir nach dem Formel 1-Finale einfach an der Glotze hängen geblieben sind? Oder dass uns nicht nach Rosamund Pilcher war (zeitgleich im ZDF)? Ein Zyniker vermutet, dass die Fans von Thiel und Boerne die Vorschussverrisse gelesen haben und nun selbst dabei sein wollten, während ihre Helden scheiterten. Mag sein. Aber die ARD wird im Zweifel den falschen Schluss daraus ziehen, bauernschlau wie im Wunder von Wolbeck: Dümmer geht’s ümmer. Welt Online, 26. 11. 2012

Kommentare:

  1. Sehr geehrte Frau Dr. Stephan,

    ich bin Laie – was die Theorie der Kriminalnovelle oder des Kriminalromans angeht.
    Deshalb werden Sie mir sicher gütigst verzeihen, dass ich mich gestern abend beim Konsumieren des jüngsten Tatorts köstlich amüsiert habe. Natürlich waren z. B. die Episode mit der Ziege sehr bemüht (Woody Allen lässt grüßen!) und die Figur der trauernden Witwe reichlich überzogen. Was ich aber wiederum an Ihrer Kritik ein Ideechen überzogen finde, ist die Tatsache, dass Sie – um es mit den Worten eines von mir verehrten Wissenschaftlers meines Gebietes auszudrücken - dem Theater vorwerfen, Theater zu sein.
    Ist es nicht die Illusion – die gut gemachte – die den ästhetischen Reiz des Theaters und des Filmes ausmacht – unabhängig vom „Realitätsbezug“?
    Sicher liegen Sie (nach meinem Dafürhalten) in Ihrer Kritik an den Witzen in der Tendenz richtig. Diese hätten Sie aber konsequenterweise auch bei früheren Folgen dieses Duos anbringen müssen. Oder aber: Ist es nicht gerade jene Überzogenheit, die entspannend wirkt (man denke nur an die Kunstfigur Börne, dessen „Vater“ sich sicher vorher laienhaft mit den sogenannten Renaissancegenies beschäftigt hatte).
    Wenn ich diesen von Ihnen geschmähten Tatort mit dem des vorvergangenen Sonntags (Berlin) vergleiche, liegen doch Welten dazwischen. Dort das Bemühen, den Axiomen sich selbst kasteiender lustloser „Kulturwissenschaftler“ (=Kathederästheten: „Ein guter Krimi muss auch Gesellschaftskritik enthalten“) gerecht zu werden, hier ein – gewiss überzogener und punktuell ins Peinliche abgleitender - Klamauk.
    Ich ziehe den Letzteren – trotz all seiner Schwächen - vor, zumal, wenn ich vorher („geistig“) gearbeitet habe.
    Zum Schluss sei mir ein kleiner Vergleich gestattet: Würden Musikkenner (d.h. also Menschen, die nicht nur Noten und Partituren lesen können, sondern sich auch in der Musikgeschichte auskennen und der Ästhetik) es wagen, nach einem Jazz- oder Rockkonzert zu konstatieren, dieses hätte die Verdauungs- oder Pubertätsprobleme vieler Zuhörer zu lösen versucht, würden diese gekreuzigt. Nur die feuilletonistische Vernichtung von Volksmusikveranstaltungen scheint hierzulande gerechtfertigt – obwohl nur selten einer der Vernichter wirklich triftige Gründe für sein Urteil anbringen kann (N.B. Die Harmonik von Blasmusikpolkas ist genauso komplex [oder primitiv] wie die der meisten Songs der Beatles oder anderer Heroen der Popmusik; technisch: ein rhythmisches Ostinato nebst den drei Hauptstufen und eventuell der II. Stufe sind das primitivste Mittel, um die Darmperistaltik anzuregen; als Würze dient hin und wieder ein vermindertes Septakkördchen). Im Gegensatz zu Literatur; Theater, Film etc. scheint Musik (gleich welcher Aert) bei den allermeisten "Gebildeten" tatsächlich nur die Funktion eines Verdauungs- Potenz- etc. fördernden Mittelchens zu haben (immer könnten sie sich - wenn sie wirklich könnten - auf Augustinus berufen).

    Herzlichst

    Ihr
    Dr. H.-P. Rösler

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    1. Lieber Herr Rösler, deshalb liebe ich den MÜnster-Tatort ja - weil hier nicht auf Deubel komm raus Sozialkitsch getrieben wird. Aber auch Witzischkeit hat seine Grenzen - und der Jubiläumstatort war bemüht, aber nicht witzig.
      Und das ist schade.
      Findet Ihre Cora Stephan

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