"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Mittwoch, 13. März 2013

So macht Journalismus Spaß!

Es ist immer wieder lustig, die Berichterstattung über Angelegenheiten zu lesen, die man selbst beobachtet hat. Der junge Mann, der für das Wallstreetjournal über die erste Veranstaltung der neugegründeten „Alternative für Deutschland“ berichtete, hat mir viel Vergnügen bereitet. Dass er noch einigermaßen jung ist, weiß ich aus eigener Anschauung. Die Frage des Alters ist hier wichtig, wie man bald sehen wird…
Erste Beobachtung von Christian, wie ich ihn mal nennen will: auf die AFD „trifft zu“, was Lenin über deutsche Revolutionäre sagte: bevor sie den Bahnhof stürmen, kaufen sie eine Bahnsteigkarte. „Trifft zu“? Von Revolution war bei dieser Versammlung nicht die Rede, soweit ich es mitgekriegt habe.
Doch was ist es anders als eine Revolution, wenn die Alternativler „die Verhältnisse in Europa auf den Kopf stellen“ wollen, insistiert mein Gewährsmann? Das wäre es womöglich, wenn sie das denn wollten. Aber soweit ich das verstanden habe, wollen sie die Verhältnisse in Europa ganz konservativ in Ordnung bringen: wo Rechtsbruch herrscht (Bruch der Maastricht-Verträge), soll wieder Rechtsstaatlichkeit einkehren.
Aber das hätte dem Kollegen ja den Gag verhagelt: denn siehe da, die Anhänger der Alternative (Anhänger? War da nicht auch bloßes Publikum dabei sowie jede Menge JournalistInnen?) kommen „wenig umstürzlerisch daher“. Klar. Wenn sie doch gar keine Umstürzler sind?
Nun gut. Die wenig umstürzlerischen Revolutionäre mit den grauen Schöpfen waren in der Mehrheit. Kommen wir zum Frauenanteil der Versammlung. Der war nicht nur schmal, er wurde überdies von „Gattinnen“ gebildet. Hat der Kollege etwa alle Frauen auf ihre Gattinnenhaftigkeit überprüft? Das wäre bei 1200 Anwesenden eine steile Leistung. Und was soll der Terminus „Gattin“ signalisieren? Dass diese Frauen weder aus eigenem Antrieb noch eigenem Interesse anwesend waren? Wenn es sich um junge Frauen gehandelt hätte, müsste man Christian wohl einen Sexisten nennen. Aber bei älteren - womöglich gar kinderlosen Rentnerinnen oder pensionierten Studienrätinnen – darf man sowas ja wohl mal sagen, oder? Die kann man doch gar nicht mehr beleidigen, gell?
Halten wir dem Berichterstatter zugute, dass der Gattinnenbegriff sich aus der Behauptung erklärt, dass es „die alte Bundesrepublik“ sei, die sich hier getroffen habe, Menschen, „die Wiederaufbau und Wirtschaftswunder selbst (sic!) erlebt haben“ und die „zurück zur D-Mark“ wollen. Klar, so Leute haben Gattinnen.
Aus eigener Anschauung möchte ich dem Befund allerdings widersprechen. Die Wi-Wi-Generation findet sich eher bei den Jahrgängen 1920 ff. Was sich in Oberursel versammelte, war, zum Teil deutlich sichtbar, eher die Alt-68er Generation. Die tatsächlich einst im Mai dazugehört haben, kennen sich aus mit Aufruhr, d. h. sie wissen oft aus eigener Erfahrung, wie öde Revolutionen sind und wie schön ein respektabler Rechtsstaat sein kann.
Aber macht nix, der Punkt ist gesetzt: alte Säcke, keine schönen Piratinnen dabei, und rückwärtsgewandte Nostalgie: D-Mark! Das riecht nicht gut.
Und dann auch noch dieses: Im Saal wird gebuht, als „eine Unterstützerin aus England“ (Gattin? Von wem?) (oder gibt es „Gattinnen“ nur bei diesen reaktionären Deutschen?), als also eine Dame den Namen „Alternative für Europa“ vorschlägt, weil, so unser Beobachter, das „Deutschland“ im Namen die Initiative in die rechte Ecke stellen könnte. Das aber schert die Graubeschopften mit ihren Gattinnen nicht. Wehret den Anfängen?
Ehrlich gesagt: ich hatte das Gefühl, dass der eine oder andere Unmutslaut eher damit zu tun hatte, dass die Partei zu den Wahlen zum deutschen Bundestag antreten will und nicht zur Europawahl und dass es daher zunächst um eine Alternative „für Deutschland“ gehen muss, auch wenn die sich auf Europa segensreich auswirken könnte. Aber lassen wir das.
Denn dass die Sorge, „die falschen Leute“ anzuziehen, nicht unberechtigt sei, meint unser Beobachter, zeige sich am Ende der Veranstaltung. Da versuchte sich „die NPD als Trittbrettfahrerin“ und verteilte „Flyer in Form von wertlosen Euro-Scheinen“.
Ach, Christian. Wenn Du wüsstest, was für irrsinnige Flugblätter schon bei Versammlungen von SPD und Grünen verteilt wurden! Aber das weiß man vielleicht nicht, wenn man noch jung ist.
Ja, schon schade, dass die AFD so wenig hübsche junge Frauen zu bieten hat. Aber es war irgendwie beruhigend, dass keine Männer in Sandalen anwesend waren. Soweit ich das beobachten konnte.

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