"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Dienstag, 14. Mai 2013

Der deutsche Krimi im Schweinezyklus

Zu viel Erfolg kann tödlich sein. Einst war das 1986 gegründete Syndikat, die Vereinigung deutschsprachiger Krimiautoren, eine kleine konspirative Zusammenrottung, die den Deutschlesern beibringen wollte, dass Krimi kein Grimmi sein muss, schlichter Schund oder eine lieblos zusammengezimmerte Parodie, der man die Verachtung des Genres anmerkt. Sondern Literatur mit Anspruch, mindestens auf gutes Handwerk, gern auch auf sozialkritische Aufklärung. Seit 1987 gibt es alljährlich eine Qualitätsschau, die Criminale, Urgroßmutter der Krimifestivals, die heute jede Provinzmetropole im Programm hat. Der Kampf ist vorbei, halb wurde er gewonnen: der Krimi, eher nicht der deutsche und weniger der mit Anspruch, hat den Markt erobert und das Syndikat platzt aus allen Nähten.
Längst können auf der jährlichen Criminale nicht mehr alle Mitglieder lesen, wofür man in vielen Fällen dankbar sein darf. Schließlich zählt man seit den verschworenen Anfängen mittlerweile 751 Mitglieder. Dankbar registrierte Syndikatssprecher Edgar Franzmann auf der diesjährigen Criminale in Bern einen Rückgang des Trends: 2012 sind lediglich 75 neue Mitglieder dazugekommen. Dabei bräuchte die Autorengruppe eher Schwund als Zuwachs, sonst könnte in Bern die letzte Criminale stattgefunden haben. Längst stehen die Bewerber für den Austragungsort nicht mehr Schlange. Immerhin kostet der Massenauftrieb zwischen 250 000 und 300 000 Euro, das kann sich nicht jede Region leisten, zumal die Criminale noch nicht einmal die Bestseller der Branche aufbietet wie Nele Neuhaus, Rita Falk oder Klüpfel & Kobr. Jüngere Talente wie Merle Kröger oder Simone Buchholz sind gar nicht erst im Syndikat.
Masse ist nicht Klasse. Eine „Qualitätsschau“ kann die Criminale schon deshalb nicht sein, weil dort jedes Mitglied lesen darf – oft im Dreier- oder Viererpack, gern auch in Eckkneipen oder Waschsalons. Schließlich will man kein elitärer Verein sein, sondern „demokratisch“.
Egal, wer liest, wurscht, was gelesen wird. Der nichtgewerkschaftliche Zusammenschluss eigenwilliger Einzelkämpfer hat Züge einer Dienstleistungsorganisation angenommen. Während manch frühes Produkt mehr von frauenbewegten oder gesellschaftskritischen Anliegen denn von schriftstellerischem Können zeugt, sind viele der Neumitglieder Textprofis, weitgehend illusionslose Handwerker, die ihr Geschäft verstehen. Nichts dagegen, weder Überzeugung noch Selbstverwirklichung oder der reine Glaube ans eigene Talent allein machen gute Literatur. (Auch wenn es natürlich an der Autorenehre kratzt, wenn sich manch Verleger mittlerweile seine Genrebestseller selbst schreibt, wie es das Gerücht im Falle des enigmatischen Jean-Luc Bannalec will.)
Wie also schrumpft man sich gesund? Dass die ehrenwerte Gesellschaft keine Kriterien für das eigene Produkt hat, zeigte in Bern die Debatte ums e-Book. Weil man nicht noch mehr Mitglieder anziehen will, soll einem Antrag zufolge die Aufnahme eines Autors, der sein Werk lediglich digital vertreibt, davon abhängig sein, dass auch er einen „richtigen“ Verlag mit einem arbeitenden Lektorat in Kreuz hat – als ob das bei der den Markt zukleisternden Massenware spürbar der Fall wäre. Und als ob der Charme des e-Books nicht gerade darin läge, dass es die Autoren tendenziell unabhängig von Verlagen und Buchhandel macht – die eben keineswegs immer die besten Freunde der Autoren sind.
Der Megaseller „Shades of Grey“ verdankt seinen Erfolg den Lesern. Doch von denen ist auch unter Krimiautoren selten die Rede, etwa wenn es um den Kampf fürs „Urheberrecht“ geht, von einigen Syndicats tapfer und entbehrungsvoll geführt. Sicher ist in dieser Frage das Bündnis mit den großen Verlagen und dem „Börsenverein“ schön und gut, obwohl man gerade dort noch immer davon träumt, das e-Book marginalisieren oder wenigstens mit dem stationären Buchhandel verknüpfen zu können. In Interesse der Leser ist das nicht – weshalb das auch im Syndikat gepflegte Amazon-Bashing fehl geht. Gerade dort, beim Versandhändler, ist noch zu finden, was sich Buchhändler nicht mehr ins Regal stellen, weil es keinen Umsatz bringt. Und das ist oft genau das, was das Syndikat einst befördern wollte: der saugut geschriebene Kriminalroman mit einem Plot, der nicht längst schon überall durchgenudelt worden ist.
Gesundschrumpfen müsste sich nicht nur das Syndikat, sondern der Krimi selbst, der soeben seinen Schweinezyklus durchläuft. Will sagen: er geht an Masse zugrunde. Längst werden die Bestsellerlisten nicht mehr vom Krimi dominiert, und was sich dort noch findet an Kriminalistischem, ist skandinavische Düsternis, der heitere deutsche Landkrimi oder der universelle Frauenleidroman.
Der „Schweinezyklus“ lehrt: man stelle die Produktion ein, wenn der Markt überfüllt ist und warte auf die Zeit, in der wieder Bedarf entsteht. Warum sollte das nicht auch für den deutschen Krimi und die Criminale gelten?
Ich sag schon mal bye bye.

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