"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Dienstag, 13. August 2013

BRDDR

Angela Merkel hat kein Gefühl für Europa, meint Peer Steinbrück. Der muss es ja wissen. Seine Partei hat das Gefühl für Europa lange Zeit ebenfalls missen lassen, etwa 1981, als die Polen den Aufstand probten und man das in der SPD egoistisch fand, weil es doch auf Frieden mit der Sowjetunion ankam. Mal ganz zu schweigen von all den Jahren, in denen man vergessen hatte, dass ein großer Teil Europas am 8. Mai 1945 mitnichten befreit worden war. Ist halt schwierig, die Sache mit Europa.
Andererseits ist die Frage durchaus berechtigt, ob Angela Merkels Herkunft etwas mit ihrer Politik zu tun hat. Man muss ja nicht so weit gehen wie manch einer im Blogger-Untergrund, der die Kanzlerin als „IM Erika“ führt. In Dichter- und Denkerkreisen sagt man’s vornehmer: Als FDJ-Sekretärin lerne man nunmal „Opportunität und Anpassung“ (Günter Grass).
Werden wir also von der SED regiert? Für Verschwörungstheoretiker und Krimiautoren ist das ausbaufähiger Stoff: Angela Merkel eine Schläferin, der es gelungen ist, mithilfe einer Untergrundarmee ehemaliger Stasileute und mit dem verschwundenen SED-Bimbes im Kreuz die Bundesrepublik Deutschland in eine DDR light zu verwandeln. Steilvorlage für einen weltbestsellerverdächtigen Thriller. Altbundeskanzler Helmut Kohl könnte man dabei eine besonders pikante Rolle zuschreiben: war der Preis für die Wiedervereinigung (und für das Beschweigen der Parteispendenaffäre) womöglich – Angela Merkel?
Was da durchs Internet geistert und in mancher Buchpublikation anklingt, ist albern. Einerseits. Andererseits: Irgendwie ist der Gedanke faszinierend, sich Angela Merkel als realsozialistische Einflussagentin vorzustellen. Nicht die BRD, hieße das ja wohl dann, hat die DDR angeschlossen, sondern umgekehrt: das kapitalistische Westdeutschland marschiert unter Führung einer Kanzlerin der sozialen Wärme peu a peu in Richtung Sozialismus, „mit menschlichem Antlitz“, natürlich.
Die Wirklichkeit dürfte prosaischer sein. Ja, in Merkels Regierungsstil findet sich einiges an alter DDR. Ihr „alternativlos“ hat was ausgesprochen Totalitäres, ihre Unterstützung „wissenschaftlicher“ Eliten, die Demokratie störend finden, wenn es um die wirklich großen Dinge der Menschheit geht, erinnert an „die Partei hat immer recht“. Und ihr Faible für Gattungsfragen – vom Kampf gegen „Klimawandel“ über die „Energiewende“ bis zur Euro(pa)rettung – könnte man als Erbe der Arbeiterbewegung sehen, die sich stets als Stellvertreterin der Gattung auf Erden gefühlt hat. Merkel verbirgt ihr Faible für die großen Fragen gerne hinter Pragmatismus und es ist sogar möglich, dass sie die großen Fragen weit weniger interessieren als die (Symbol-)-Politik, die man damit betreiben kann – aber wer in der DDR erzogen worden ist, kennt die Unterordnung der Einzelfragen und –interessen unter das große Ganze. Demokratiedefizit der EU? Egal – Hauptsache, wir bringen das große Werk voran. Ähnlich in allen anderen Fragen. Energiewende auf Deubel komm raus, egal, ob die Rahmenbedingungen stimmen? So sieht echte Planwirtschaft aus. Von der DDR lernen heißt siegen lernen.
Auch die Tatsache, dass sie an einem Schicksalstag des Euro und Deutschlands, nämlich am 9. Mai 2010, als in Brüssel über das Euro-Stabilisierungsgesetz verhandelt wurde, nicht anwesend war, könnte man verschwörungstheoretisch deuten: Sie war statt dessen nach Moskau geflogen, stand neben Putin auf einer Tribüne am roten Platz und ließ die Militärparade an sich vorbeiziehen, mit der man in Moskau den Sieg der Sowjetunion über das Deutsche Reich zu feiern pflegt.
Angela Merkel besiegt Deutschland – das ist ohne Zweifel pikant.
Doch hier wie dort erklären weder Verschwörungstheorien noch neue Erkenntnisse über Merkels DDR-Vergangenheit das wahre Phänomen: dass Angela Merkel mit ihrer Politik der Sozialdemokratisierung der CDU bei den Wählern ankommt. Während es im Osten Deutschlands noch Menschen geben dürfte, die sich an die Nachteile des Systems erinnern, fährt man im Westen Deutschlands jetzt erst recht in breiter Front auf die alten sozialistischen Errungenschaften ab: Gleichheit und Gerechtigkeit sind höchste Werte, Planwirtschaft ist prima, solange sie dem Guten (wie einer Energie“wende“) dient, und damit der Staatssozialismus blüht, fordern auch diejenigen höhere Steuern, die noch nicht gemerkt haben, dass sie mit ihrem bescheidenen Wohlstand die „Reichen“ sind, die von den Blockparteien im Parlament gemolken werden sollen.
Die Lehre von Klassenkampf und Umverteilung braucht hierzulande schon lange keine Einflussagenten mehr. Die haben ihren Job im übrigen weit vor Angela Merkels langem Marsch an die Macht erledigt. All die künftigen Lehrer, die in den 70er und 80er Jahren als GEW-Studenten in die DDR gereist sind, um dort Ganztagskindergärten, vollzeitarbeitende Muttis und polytechnischen Unterricht kennen und preisen zu lernen, sind mit jeder Menge ideologischer Botschaften im Gepäck nach Hause zurückgekehrt. In den Seminaren der geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universitäten war es üblich gewesen, zur „soziokulturellen Grundlegung des Stoffes“ günstig zu erwerbende Werke aus der DDR zu studieren.
Es brauchte keine Angela Merkel, um Intellektuelle von den Vorzügen der DDR beziehungsweise eines ähnlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems zu überzeugen. Noch 1989 erklärten sie sich massenhaft gegen eine Wiedervereinigung, man hatte sich ja so an die DDR als das „bessere Deutschland“ gewöhnt. Diejenigen, die vor triumphierendem Stolz auf das westlichen Systems warnten, waren die gleichen, die den Anschluss der DDR an die Bundesrepublik für fatal hielten. Die anderen wussten schon früh, wie nützlich es sein könnte, die Deutschen sich nicht allzu sehr freuen zu lassen, denn schlechtes Gewissen erzeugt Steuerbereitschaft.
Das Selbstbild der Deutschen ähnelt heute in vielem dem Zerrbild, das in der verflossenen DDR von Westdeutschland entworfen worden war: sie empfinden ihr Land als eines der sozialen Kälte, denken antikapitalistisch und antiamerikanisch und ziehen die Gleichheit der Freiheit vor. Hätte Angela Merkel einen Auftrag der untergegangenen SED zu erfüllen gehabt, wäre sie gewiss des höchsten DDR-Ordens gewiss: Soll erfüllt. Aber das brauchte sie gar nicht. Sie hatte und sie hat jede Menge willige Vollstrecker.
Was Europa betrifft: Deutschland ist das einzige Land, in dem sich viele auf der Linken wünschen, in einem vereinten Europa auf- und zur Not auch unterzugehen. Welchen Traum von Europa träumt eigentlich Peer Steinbrück?



Montag, 5. August 2013

Drei Stühle hinter der Queen

Was für ein Moment: Ich sitze direkt hinter der Queen, nur drei schlanke Stühlchen entfernt. Die trägt ein schlichtes eierschalfarbenes Kleid, sitzt auf einem etwas weniger schmalen Stuhl und friert auch an diesem kühlen Juniabend im zugigen weißen VIP-Zelt offenbar kein bisschen. An ihrer Seite sitzen zwei kunstvoll verpackte Herren, mit denen sie sich glänzend zu unterhalten scheint. Der rechts von ihr, im blauen Rock, den Helm mit Schwanenfedern geschmückt, ist George Pemberton Ross Norton, (noch) der Kommandeur der Household Division. Die umfasst zwei Regimenter, die Life Guards und die Blues and Royals, deren Befehlshaberin übrigens Princess Anne ist.
Was sich auf dem Exerzierfeld vor uns und vor zahlreichen zahlenden Besuchern auf den Tribünen rechts und links abspielt, gehört zu den bei traditionsfreudigen Briten beliebtesten Events. Es nennt sich „Beating the Retreat“. Einmal im Jahr gibt sich die Household Division die Ehre und zeigt, gemeinsam mit den Musikkorps anderer Regimenter, zu welcher Pracht- und Talententfaltung Soldaten fähig sind.
"Trooping the colour"gibt es schon seit Karl dem II. und ist seit 1805 ein öffentliches Spektakel auf der Horse Guards Parade, dem größten offenen Platz in London. „Beating the retreat“ hat eine nicht ganz so lange Tradition wie der Geburtstagsgruß an die Königin – erst nach 1945 wurde aus dem schlichten Hornsignal zum Sammeln nach dem Ende der Schlacht ein wiederkehrendes Ereignis: Ein Signal an die vom Krieg erschöpfte Bevölkerung.
Wer im weißen VIP-Zelt sitzt, hat Tradition und Gegenwart auch im Rücken. Direkt hinter uns, im Gebäude der Horse-Guards, einem Bau im Palladium-Stil, befindet sich das Büro des Duke of Wellington, des Bezwingers Napoleons. Vor dem Spektakel gab es einen Empfang mit Fingerfood und Cocktail, jetzt sitzen dort die Gattinnen von Prince Charles und Prince William, um dem Geschehen unten vom Fenster im ersten Stock aus zuzusehen.
Das große Spektakel zu Pferde und zu Fuß, mit Pipes and Drums and Bugles, hat Züge eines aufwendigen Balletts, an dem sich das Publikum enthusiastisch beteiligt, wenn es nämlich aufstehen muss, weil die Queen vorfährt oder wegfährt, weil „Rule Britannia“ erklingt oder „God Save the Queen“. Nichts für Deutsche, die schon beim vergleichsweise bescheidenen „Großen Zapfenstreich“ Magenschmerzen bekommen. In Großbritannien hingegen feiert man völlig unbefangen eine große Tradition – und die Queen, die sie verkörpert, und die auch heute Abend nicht gelangweilt wirkt, obwohl sie in ihrer Amtszeit diese und andere Demonstrationen britischer Militärtradition schon mehr als hundertfach erlebt hat.
Beneidenswertes Britannien? Ja. Doch. Über den Respekt vor der Monarchin, dieser alten Dame da vorne, im Laufe der Jahrzehnte geschrumpft, erfährt die Nation Respekt vor sich selbst. Und für Soldaten, die ihr Leben riskieren, mag es einfacher sein, der Königin zu dienen – mit „Liebe“ und „Stolz“, wie General Norton versichert - als einer Versammlung von Politikern konkurrierender Parteien, in deren Urteil über Krieg oder Frieden militärisch gebotene Risikoabwägung selten an erster Stelle steht. Eine Königin kann man lieben, den Staat betrachtet ein echter Engländer eher sachlich.
Das macht die Frage müßig, ob das denn sein müsse und dem Ernst der Lage gerecht wird, diese Zurschaustellung prächtiger Schlachtrösser, unbequemer Uniformen und antiker Waffen. Hier feiert die Nation ihre Tradition, ganz einfach. Gleich nebenan, im Museum der Horse Guards, kann man ja nachprüfen, wie Soldaten gekleidet sind, die heute im Kampfeinsatz stehen. Denn die Regimenter der Household Division sind nicht allein zum Pläsier der Königin da, sie bestehen aus kämpfenden Truppen. Und ironischerweise ist ein Teil der zeremoniellen Aufgaben keine schlechte Schulung für Soldaten, die beim Einsatz in fernen Ländern Geduld und ein dickes Fell haben müssen: Angehörige der Horse Guards sitzen stundenlang auf ihren geduldigen Pferden, ohne sich von lästigen Touristen aus der Ruhe bringen zu lassen, die rücksichtslos auf Tuchfühlung gehen für das Foto, das sie zu Hause vorzeigen können.
Und nicht zuletzt dient der Aufmarsch unter Pauken und Trompeten der Sichtbarkeit: die Nation muss ihre Soldaten nicht verstecken, die sie nach Afghanistan oder sonstwohin schickt. Das hat man in Großbritannien im übrigen lange Zeit getan: geschuldet dem irischen Konflikt. Seit Ende der sechziger Jahre haben Armeeangehörige darauf verzichtet, in der Öffentlichkeit Uniform zu tragen. Das änderte sich mit der Olympiade, bei der die Armee Sicherheitsaufgaben übernahm. Nun stellte man fest, dass die Briten ihre Soldaten schätzen.
Die Bundeswehr hat keine vergleichbare Tradition (und im übrigen auch nicht annähernd so farbenprächtige Uniformen), obzwar die Geschichte deutscher Armeen nicht bei Hitler mündet und mit ihm endet. Dabei erinnert eine hübsche Szene des Militärspektakels an einen Kampf, der auch auf deutschem Ruhmesblatt steht: Zu Beethovens „Wellingtons Sieg“ rücken siegesgewisse britische Soldaten gegen ein paar armselige französischen Landser vor, an ihrer Seite eine zerrupfte Marianne, die, obzwar sie ihre Gewehre hektisch stopfen, hoffnungslos unterlegen sind. Man wüsste gern, wie ein französischer Beobachter die Szene empfindet. Nett ist die Erinnerung an die siegreiche Schlacht gegen französische Truppen bei Vitorio am 21. Juni 1813 nicht, die zwei Jahre vor Napoleons Waterloo stattfand – eine Niederlage, die ihm auch die Preußen zugefügt haben.
Glückliches Britannien, das stolz auf eine ungebrochene Tradition sein darf? Ja und nein. Der erste Weltkrieg, in den das Land sehenden Auges hineingeschlittert ist, hat das Empire gekostet und kein Problem gelöst, sondern viele neue geschaffen, nicht zuletzt im Nahen Osten. Auch der Mythos Churchill wankt. Viele in Großbritannien mögen die Deutschen dafür bewundern, dass sie sich ihrer Vergangenheit stellen, mit einer nirgendwo sonst zu findenden Radikalität. Doch das bedeutet nicht, dass man sich Ähnliches anzutun gedenkt: man fühlt sich in Großbritannien, ähnlich wie in Frankreich, noch immer als Großmacht. Dabei sind es insbesondere britische Historiker, die mit den eigenen nationalen Mythen hart ins Gericht gehen. Wenn es um das Gedenken an den Ersten Weltkrieg geht, auf das man sich für die Jahre 2014 bis 2018 vorbereitet, wird man sich auf das gute alte Spiel des Hun-Bashings nicht verlassen können.
Der Rolls Royce fährt vor. Die Queen steigt ein und fährt davon. Doch wer weiß: Vielleicht kommt der nächste König im Mercedes. Man mag deutsche Autos auf den Inseln.