"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Donnerstag, 15. Mai 2014

Im Land des Lächelns. Warum die Deutschen glückliche Menschen sind

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Was das betrifft, kann sich manch einer von den angeblich notorisch humorfreien Deutschen eine Scheibe abschneiden. Wir lachen, auch wenn’s richtig weh tut, nicht nur, wenn jemand einen Scherz macht. Wer mit Grimms Märchen sozialisiert wurde, ist hart im Nehmen.
Was könnte also deutscher sein als Schilda? Man kennt die Geschichte: deren Bewohner hatten sich einst ein neues Rathaus gegönnt, das allerdings, da man auf den Einbau von Fenstern und Türen verzichtete, seiner Zweckbestimmung nicht zugeführt werden konnte. So etwas ähnliches nimmt in Brandenburg viel Platz weg und will einmal Flughafen werden. BER wird und wird nicht flügge, vielleicht sogar nie, verfuttert aber um die 17 Millionen Euro im Monat – nicht gerechnet entgangene Einnahmen von schätzungsweise 14 Millionen. Was sind dagegen die paar von Ulli Hoeneß hinterzogenen Millionen? Peanuts. Sie reichen noch nicht einmal für einen ganzen Monat Unterhalt des Flughafentorsos. Ein Steuersünder ist ein armes Würstchen gegen organisierte Steuerverschwendung. Verzeihen wir ihm also.
Aus Schilda stammt auch die Idee mit der sogenannten Energiewende: Unzählige lustig rotierende Windräder und viele blitzblanke Solarpaneele verschönern die Landschaft und produzieren Strom im Überfluss. Dummerweise entsteht der nicht dort und dann, wo und wenn er gebraucht wird, da es keine Speicherkapazitäten und keine Überlandstromleitungen dafür gibt. Also muss man die Nachbarn, etwa die Polen, dafür bezahlen, dass sie uns den teuer subventionierten Strom abnehmen, wenn wir zu viel davon haben, und ihnen noch mehr zahlen, wenn wir in kalten Wintern wiederum weit mehr brauchen, als wir dann produzieren. Die Gewinner im Spiel sind die Betreiber ältlicher französischer Atomkraftwerke in Grenznähe zu Deutschland, Eigenheimbesitzer mit chinesisch subventionierten Solarpaneelen und die Verpächter saurer Äcker. Der Rest des Landes zahlt und lächelt: weil Wind und Sonne keine Rechnungen schreiben. Nur die Stromversorger.
Dieser Schildbürgerstreich datiert auf das Jahr 2000, wie Alexander Wendt in seinem Buch „Der grüne Blackout: Warum die Energiewende nicht funktionieren kann“ schreibt, geht auf ganze vier rührige Erfinder zurück und hat sich bereits jetzt zur größten Umverteilungsmaschinerie der deutschen Geschichte entwickelt. Dass mit „Blackout“ auch das Aussetzen des Verstandes gemeint sein könnte, glauben nicht wenige ausländische Beobachter Deutschlands. Denn es sieht ganz so aus, als ob die drittgrößte Industriemacht der Welt sich mit ihrer wetterwendisch-launenhaften Energiepolitik selbst vor die Wand fährt.
Wir Deutsche lächeln das weg. Die „Wende“ ist uns Rotor gewordener Ausdruck unserer poetischen Natur. Denn nichts als konkrete Poesie konnte es gewesen sein, als Kanzlerin Merkel im Jahr 2011 einem Tsunami in Japan den prompten Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland folgen ließ, wo man Tsunamis nur aus dem Fernsehen kennt. Und wenn demnächst ein Windrad auch hinter der Loreley aufragt, jenem sagenumwobenen Felsen über dem Rhein, den Romantiker so lieben, werden die Deutschlandbesucher ein neues Lied kennenlernen.
„Die Wahrheit ist, dass die Energiewende kurz vorm Scheitern steht. Die Wahrheit ist, dass wir auf allen Feldern die Komplexität der Energiewende unterschätzt haben“, sagte jüngst Energieminister Sigmar Gabriel. Ein weiteres Zitat des Ministers ist nicht autorisiert, entspricht aber der Wahrheit: „Für die meisten anderen Länder in Europa sind wir sowieso Bekloppte”.
Uns ist das egal: Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer Selbst willen tun.
Aber vielleicht hat der Wahnsinn ja Methode? Die Rente mit 63, zum Beispiel. Es hat sich längst herumgesprochen, dass das Rentensystem im Umlageverfahren an zwei Faktoren scheitert: am zunehmenden Lebensalter und der damit längeren Zeit, in der Menschen Rente beziehen, und an der abnehmenden Zahl der Erwerbstätigen in Relation zu den Rentenbeziehern. Diese Relation ändert sich nur, wenn sich die Zahl der Erwerbstätigen erhöht und die der Rentenbezieher verkleinert. In Ermangelung hoher Geburtenraten und vermehrter Sterbewilligkeit liegt die Lösung auf der Hand: die Verlängerung der Lebensarbeitszeit durch Erhöhung des Renteneintrittsalters, eine angesichts der Tatsache, dass die Älteren heute gesünder und gebildeter sind als jemals zuvor, logische Schlussfolgerung.
Aber warum Logik, wenn es auch „gerecht“ sein darf? Andrea Nahles hat es nicht mit kalten Zahlen, ihr spricht die soziale Wärme ja geradezu aus dem Gesicht, schließlich kennt sie ihre Eifel. Gerecht ist, was gut tut! Die Zeche für solch gute Taten wird sowieso erst später gezahlt, von denen, die heute noch jung sind. Die werden sich wundern.
Aber wahrscheinlich ist ihnen das Wundern bis dahin längst vergangen. Die deutsche Staatsverschuldung lässt sich schon heute wegen der vielen Nullen kaum noch ausschreiben, selbst wenn man künftige Fälligkeiten nicht einrechnet, die uns die Eurokrise noch bescheren könnte. Es mag die Weisheit unserer Führungspersönlichkeiten sein, dafür zu sorgen, dass dem Land jene wirtschaftliche Stärke möglichst schnell wieder abhanden kommt, die bei unseren Nachbarn Ansprüche und Wünsche geweckt hat. Schaut her, rufen unser Politiker, wir können ja noch nicht einmal mehr die Löcher in unseren Straßen stopfen! Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen, also: jetzt die Kohle raushauen und nach uns die Sintflut.
Kann sein, dass manch ein deutscher Steuerbürger lacht, weil er nicht weinen will. Aber Wutbürger will niemand mehr sein, seit in der Zeitung gestanden hat, dass das alles gutbetuchte Rentner sind, die nichts besseres zu tun haben als dem Fortschritt im Wege zu stehen. Lieber zahlt man klaglos Steuern und Sozialabgaben und ist froh, wenn man darüber hinaus nicht behelligt wird.
Sicher, es gibt Probleme, die man nicht hätte, wenn sie nicht von einem Politiker auf der Suche nach seinem Alleinstellungsmerkmal erfunden worden wären, mag sich manch einer denken, die Grillkohle zurechtlegen und das Bier kalt stellen.
Was soll der Geiz: Es wird Sommer. Und Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

In: Die Welt, 15. Mai 2014

Sonntag, 4. Mai 2014

Mein Kampf. Oder: Und immer an die Leser denken!

Hitlers „Mein Kampf“ immer noch weit oben auf der amazon-Bestsellerliste! Deutschland muss von Sinnen sein. So ist das wohl zu verstehen, wenn der Literaturkritiker der „Zeit“ einem Buch attestiert, in der gleichen Liga wie Adolf Hitler zu spielen. Muss man sich wieder Sorgen um Deutschland machen?
Muss man natürlich nicht, höchstens um die Literaturkritik. Denn wer mit solchen Kalibern schießt, will offenbar nicht nur dem Autor, sondern auch seinen Lesern ans Zeug. Also: „den“ Deutschen, gern auch „Bio-Deutsche“ genannt.
Akif Pirinccis wütendes Pamphlet „Deutschland von Sinnen“ muss man vorm Vergleich mit „Mein Kampf“ nicht in Schutz nehmen, es ist im übrigen erheblich kürzer und weit amüsanter. Dem Autor selbst ist es egal, ob man ihn „einen Nazi schimpft oder eine Klobürste“. Aber kann man seinen Lesern unterstellen, sich für rechte Führerworte zu begeistern?
„Zeit“-Leser fanden das nicht. Die „Nazikeule“ bestärkt offenbar all jene, die sich schon lange nicht mehr verstanden fühlen, was der Grund für Pirinccis Erfolg sein mag: nicht wenige haben, wie sein Autor, die bevormundende Verachtung satt, die ihnen entgegenschallt. Es könnte sich um Zeitgenossen handeln, die man zu Toleranz gar nicht groß anhalten muss, die sich aber im Gegenzug nicht mehr und nicht weniger wünschen, als dass auch ihrem stinknormalen Leben in diesem Land mit Respekt begegnet wird, selbst wenn sie als bloß heterosexuelle Deutsche nicht bunt und exotisch genug sind.
Sollte die meinungshabende Klasse daran völlig unschuldig sein? Unter dem ironischen Label „Das wird man doch noch sagen dürfen“ wird genau das bestritten: dass etwas auch gesagt werden darf, ja soll, das nicht mit dem übereinstimmt, worauf sich die fortschrittlich-metropolitane Geisteselite verständigt hat. Die Lehrer der Nation geben sich beleidigt, wenn das dumme Volk anderen Rockschößen hinterherläuft.
Dabei müsste ihnen der überraschende Erfolg von Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ gezeigt haben, dass das Verhältnis zwischen den „Medien“ und ihren Rezipienten gründlich gestört ist. Die „Qualitätsmedien“ haben sich schon im Fall Sarrazin nicht als Gatekeeper bewährt, denn das Buch verkaufte sich nicht deshalb glänzend, weil, wie man dort mutmaßte, Sarrazin den „dumpfen“ rechten Bodensatz in Deutschland bediene. Die Käufer seines Buchs trauten vielmehr den rituellen Bannsprüchen der Meinungshäuptlinge nicht und wollten sich selbst ein Bild machen, mutig angesichts des spröden Stoffs.
Wäre das nicht eine Gelegenheit zur Selbstbefragung gewesen, ob man womöglich den Kontakt zu seinen Lesern und Zuschauern verloren hat, die Argumente und keine Verdikte hören wollen und die womöglich schon mehr als einmal die Erfahrung gemacht haben, dass man in Funk, Presse und Fernsehen die Fakten auch mal ein wenig schminkt, damit sie zum gewünschten Ergebnis passen?
Ein Anlass wäre Sarrazins jüngstes Buch über den „Tugendterror“ gewesen, als dessen Opfer er sich sehen darf. Denn eines stimmt in seiner von Selbstmitleid verständlicherweise nicht ganz freien Anklage: es wird nicht mehr gestritten, es werden mit der sauren Miene magenkranker Religionsführer Bannflüche ausgesprochen. Man will den Feind erlegen, zur Not auch hinterrücks, nicht sich offenen Visiers mit ihm schlagen. Souveräner Umgang sieht anders aus.
Anders hätte man übrigens auch mit Sibylle Lewitscharoff umgehen können, die man geradezu zum öffentlichen Widerruf zwingen wollte. Sie sprach in ihrer umstrittenen Rede von Kindern, die einer künstlichen Befruchtung entstammen, als „Halbwesen“, als „zweifelhafte Geschöpfe“. Das ist den so Gezeugten gegenüber sicher nicht sehr freundlich, die sich aber meines Wissens nicht beschwert haben. Andererseits hat genau das die Menschheit immer schon beschäftigt, wer oder was bei der Zeugung mittut, von Dr. Frankenstein bis zum Heiligen Geist. Wer, wenn nicht eine Schriftstellerin, darf sich darüber Gedanken machen? Und wieso soll man in einem Land, in dem man sich vor allem fürchtet, vor Genmais, geheimnisvollen Strahlen und dem Atom, ausgerechnet vor Manipulationen am Menschen selbst keine Angst haben dürfen? Ich teile diese Furcht übrigens nicht, aber ich bitte dringend darum, sie debattieren zu dürfen. Sichtweisen werden nicht dadurch interessant, dass alle sie teilen.
Und nun ein neuerlicher Sturm im Wasserglas. Diesmal ist es ein eingebürgerter Türke, der aus der Rolle fällt, die ihm in deutschen Talkshows normalerweise zufällt: die des Beschwerdeführers über die ihn ausgrenzenden „Bio“-Deutschen. Akif Pirinccis Buch „Deutschland von Sinnen“ ist das Gegenteil, nämlich eine Liebeserklärung an das Land, das seine Eltern und ihn 1968 aufgenommen haben, eine Kampfansage an einen aggressiven Islam, der das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken nachhaltig zerstört hat, und eine Tirade gegen einen Staat, der alles glaubt bezuschussen zu müssen, was sich als unterdrückte Minderheit aufführt.
„Deutschland, du kraftvoller Stier! Du bist die Macht, die ganz Europa trägt! Du bist das schönste aller schönen Länder!“ So geht’s los – und so geht das natürlich gar nicht. Finden Menschen, die, wenn sie nicht gleich antideutsch empfinden, an Deutschland nur mit ironischer Distanzierung und in Gänsefüßchen denken mögen. Hinzu kommt die hemmungslose Abneigung des Autors gegen Rotgrün, den Feminismus und „Gender Mainstreaming“, den aggressiven Islam, die Polit- und Medienkaste, kurz: gegen den ganzen linksliberalen Mainstream. „Deutschland von Sinnen“ ist die wütende Suada eines unglücklich Liebenden, übrigens etwas, worauf Schriftsteller ein natürliches Anrecht haben, nicht nur, wenn sie in die Richtung kotzen, die man in der kritischen Zunft für die richtige hält.
Der Vergleich mit Hitlers „Mein Kampf“ ist bei den 680 Zeit-Lesern nicht gut angekommen, die das kommentiert haben. Löblich, dass die Redaktion sich daraufhin um Kommunikation mit ihren Kritikern bemüht hat. Für das Fazit allerdings hätte man sich die Mühe sparen können: es seien doch wohl alles Ewiggestrige, die mit der modernen Zeit nicht richtig mitgekommen sind. Wer solch intellektuellen Hochmut pflegt, muss sich nicht wundern, wenn die Zeiten für „Qualitätsjournalismus“ hart geworden sind. Wer seine Leser verachtet, kann nicht erwarten, dass sie ihm treu bleiben.
Dabei gibt es durchaus eine Lehre zu ziehen aus dem Erfolg gerade dieses Buchs, rotzig, pöbelnd, ungerecht und unkorrekt: Dass es viele gibt, die an die bunte Schrebergartenidylle der Konsensdemokratie unter einer ewig lächelnden Kanzlerin nicht mehr glauben. Wäre doch auch mal ein Thema.

Samstag, 3. Mai 2014

Wenn der Staat den Kanal nicht voll kriegt...

Es ist schon verblüffend: Unser Staat hat, dank sprudelnder Steuerquellen, Geld wie Heu und kriegt doch den Kanal nicht voll. Auch diese Regierung wird es wieder nicht schaffen, was Angela Merkel seit über zehn Jahren verspricht: die kalte Progression abzuschaffen, eine ungesetzliche Bereicherung des Staates am Geld seiner Bürger, die wohl nirgends so brav sind wie hierzulande. Das könnte man langsam fast schon beunruhigend finden.
Deutschland besetzt, was Steuern und Abgaben betrifft, international den Rang zwei. Sollte damit nicht der Spielraum gegeben sein, damit der Staat seinen hoheitlichen Aufgaben gerecht wird, indem er etwa für eine funktionierende Infrastruktur sorgt? Das deutsche Straßennetz ist in einem erbärmlichen Zustand, obwohl Autofahrer über die KfZ-Steuer und an den Tankstellen bereits jetzt mehr als nur ihr Scherflein geben. Aber da geht noch was: Wenn man ihnen schon keine Autobahngebühr aufbrummen kann, dann, so ein weiterer innovativer Beitrag unserer Politiker zur Wertschöpfung, könne man doch den demnächst auslaufenden Soli einfach umwidmen. Solidarität den deutschen Autobahnen!
Der Bürger staunt – oder auch nicht. Es wäre schon ein Wunder, wenn der Staat auf eine einmal erfundene Geldquelle einfach so verzichten würde. Es gibt doch so viel Schönes und Gutes, was man mit all den Steuergroschen anfangen kann! Andrea Nahles etwa braucht Geld für die gut verdienende Facharbeiterklientel, der sie die Rente mit 63 (oder schon mit 61) beschert. Das ist zwar, angesichts des wachsenden Lebensalters und des absehbaren Scheiterns des umlagebasierten Rentensystems unlogisch und, rechnet man die Chose einmal durch, ein eklatanter Betrug an denen, die noch in die Rentenkassen einzahlen, aber das stört eine Ministerin nicht, die sich mit guten Taten ins Buch der Geschichte einschreiben will. Was brauchen wir Logik, wenn es um „Gerechtigkeit“ geht? Andrea Nahles hat es nicht mit kalten Zahlen, ihr spricht die soziale Wärme geradezu aus dem Gesicht. Gerecht ist, was gut tut! Die Zeche wird später gezahlt. Von anderen.
Es ist immer wieder verblüffend, wie umstandslos der Bürger vor allem als Steuerbürger gesehen wird, dem dafür übrigens keine Geste der Dankbarkeit zufließt, sondern verschärftes Misstrauen. Unsere Politiker scheinen zu glauben, dass ihr Anspruch aufs Portemonnaie der Untertanen alle stets und ständig daran denken lässt, wie sie sich diesem Rollgriff entziehen können. Aber nein: die meisten tun mehr oder weniger resigniert ihre Pflicht, während ihnen die Finanzbehörden mit stetem Misstrauen begegnen. „Steuerehrlichkeit“ wird mit dem Pranger erzwungen, der jedem droht, der sein Geld dort unterbringt, wo man freundlicher zu ihm ist: etwa in der Schweiz, wie Alice Schwarzer und Ulli Hoeneß.
Die Frage sei langsam erlaubt, was schlimmer ist, der mit missionarischem Eifer als „Steuersünder“ Gebrandmarkte – oder all die Verschwender, die mit dem Steuergeld ihrer Bürger nicht eben verantwortlicher umgehen, denn auch sie entziehen dem Staat Geld, das der doch so dringend braucht: um Gutes zu tun. Oder, wie die Zyniker meinen, um Wahlgeschenke zu verteilen.
Ein einfaches Rechenexempel zeigt, in welchen Dimensionen Steuergeld verbrannt wird. In Brandenburg liegt eine Großbaustelle, die einmal Flughafen werden soll, worauf derzeit niemand mehr zu hoffen wagt. Allein der monatliche Unterhalt des Torsos verschlingt um die 17 Millionen Euro, nicht gerechnet entgangene Einnahmen von schätzungsweise 14 Millionen. Was sind dagegen die paar von Ulli Hoeneß hinterzogenen Milliönchen? Peanuts. Sie reichen noch nicht einmal für einen Monat BER.
Wie lässig mit dem Geld der Bürger umgegangen wird, zeigt übrigens auch das Gesetz über die erneuerbaren Energien. Es beschert Eigenheimbesitzern mit chinesisch subventionierten Solarpaneelen, den Verpächtern sauer Äcker und den Betreibern ältlicher französischer Atomkraftwerke in Grenznähe zu Deutschland satte Gewinne, tut aber nichts von dem, was es tun soll, da die Infrastruktur an Speicherkapazitäten und Überlandleitungen fehlt, um den erzeugten Strom dort und dann unterzubringen, wo und wann er gebraucht wird. Das ist vielleicht der größte Schildbürgerstreich unserer Politiker. Vielleicht sollte man endlich die Steuerverschwender zu den wahren Steuersündern erklären.

Die Meinung, NDR-Info, 4. Mai 2014

Freitag, 2. Mai 2014

Nebelwerfer 3

„Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zu Pflicht!“ Das, in ungelenken Großbuchstaben, auf ein weißes Banner gesprüht. Dahinter ein Häuflein lachender Demonstranten. Studenten, engagiert protestierend. Widerstand – gegen Studiengebühren.
Immer heiter, immer weiter: Widerstand ist machbar, Frau Nachbar! So wird einem der Niedergang des einst auratischen Wortes geradezu im Marschtritt eingebleut. Widerstand ist eben, was jedes brave Kind tut, dem man früh beigebracht hat, dass „aufmüpfig“ sein zur Charakterbildung beiträgt. Auch wenn geplagte Elterngenerationen seit langem die Vorzüge der elterlichen Autorität wiederentdeckt haben, gilt im Alltagskonsens Widerstand als Pflichtprogramm: Gegen die herrschende Ordnung, den Kapitalismus, die Konsumgesellschaft, gegen Rechts sowieso, gegen das Böse allemal. Und überhaupt.
Die Grünen haben einst das „Gewaltmonopol des Staates“ abschaffen wollen. Nicht unbedingt, weil sie Lynchjustiz den Vorzug gaben. Sondern weil sie, der Hitlerzeit eingedenk, Widerstand gegen die Obrigkeit zu den Menschenrechten zählen. Die Obrigkeit aber, immer verdächtig, war und ist kein Objekt der differenzierenden Betrachtung.
Dabei ist das staatliche Monopol der Gewaltausübung am Ende des Mittelalters ein Sieg der Zivilisation gegen Selbstjustiz und die gewaltsame Anarchie der mittelalterlichen Familienfehden und Clankämpfe. Noch heute wäre eine Recht und Ordnung wahrende Instanz in Ländern wie Afghanistan u. a. ein Segen für die Menschheit.
Und doch ist da etwas, das eine archaische Gefühlsebene anspricht, die nicht allein aus der Vergegenwärtigung einer Zeit entstammt, in der Widerstand bitter nötig und heldenhaft war. Ob der Platz Maidan heißt oder Tahrir: wenn sich Massen gegen ein Unrechtsregime versammeln, gerät das bürgerliche Publikum in Mit-Leidenschaft – ohne dass es auch nur eine blasse Ahnung hätte, ob das, was auf den gelungenen Widerstand folgt, die bessere Ordnung schafft. Manch heroischer Widerstand entpuppt sich als die gewalttätige Konkurrenz um die Macht und somit als der Teufel, der den Beelzebub austreibt.
Eines, immerhin, ist gewiss: kaum ein Widerstand ist gefahrloser als der gegen Studiengebühren.