Montag, 28. November 2011

Aufschrei der Herzen

Warum schweigen die deutschen Intellektuellen zur derzeitigen Krise und zu Europa, fragt es neuerdings wieder im Feuilleton. Weil sie den Schlachtruf aus den 80er Jahren nicht mehr hören können und, weise geworden, wissen, dass die wichtigen Debatten heute im Wirtschaftsteil der Zeitungen und nicht mehr im Kulturteil stattfinden? Schön wär’s. Denn sie reden ja. Doch den einen hört man nicht zu – etwa Botho Strauß und Peter Sloterdijk, die Kluges zu sagen haben. Die aber stehen, wie es eine TV-Moderatorin unnachahmlich formulierte, „unter konservativem Verdacht.“ Dabei lassen sie sich nur eines zuschulden kommen: Sie argumentieren zur Sache und ohne den lächerlichen Gestus der Empörung, mit dem die alten Vokabeln der Systemkritik neuerdings wieder zirkuliert werden. Ist Denken konservativ?
Offenbar. Denn was jene Intellektuellen verkünden, die das Wasser nicht halten können, zeugt von einer zutiefst gestörten Wirklichkeitswahrnehmung. Oder von ewiger Treue zu altbackenen Bildern von den „Furien des Kapitals“, der „Macht des Geldes“ oder vom „verwilderten Finanzkapitalismus“, an dessen Drähten was baumelt? Natürlich: die Marionetten der politische Klasse. „Empört euch“-Tiraden, die bei DDR-Nostalgikern wohliges Schauern auslösen dürften. Mit Analyse hat das nichts zu tun.
So betreibt man vielmehr das Spiel all jener Nebelwerfer, über die zu reden wäre, wenn nicht „Banken“ und „Märkte“ als Sündenbock zur Verfügung stünden: die Politiker. Denn die derzeitige Krise ist keine Finanz- oder Bankenkrise, sie ist im wesentlichen von politisch Handelnden verursacht, die solange Staatsschulden angehäuft haben, bis auch die geduldigsten Gläubiger Zweifel an der Zahlungswilligkeit ihrer Schuldner bekamen. Natürlich wollten sie damit nichts als sozialstaatlich Gutes tun und haben mit strahlendem Optimismus auf immerwährendes Wirtschaftswachstum gesetzt. Man kann es auch brutaler sagen: So kauft man Wählerstimmen. Und auch die besten Absichten erzielen paradoxe Wirkungen. Was für die Gegenwart gelegen kommt, ist für die Zukunft Gift.
„Die Märkte“ sind nicht die Übeltäter, sondern die Überbringer der Botschaft, das notwendige Korrektiv, das aufklärende Moment gegen eine politische Elite, die von eigener Verantwortung nichts wissen will. Weshalb es mitnichten urdemokratisch ist, wenn sich einer, wie Papandreou in Griechenland, im Notfall aufs Volk und sein salomonisches Urteil herauszureden versucht. Das war ein Fluchtversuch, sonst nichts.
Wo bleibt der zündende Gedanke? Das Professoren-Rezept, die Politiker müssten wieder „mit den Leuten reden und nicht zu ihnen“, ist von rührender Naivität. Aber solche Herzensgüte passt zum angeblichen „Linksruck“, in dem nicht ein Spürchen theoretischer Anstrengung wahrzunehmen ist. Nein, es geht wahrlich kein Ruck durchs Land, es schwappt ein unbestimmtes Gefühl hindurch, ein Schrei nach Wärme & Menschlichkeit. Links ist, wo das Herz schlägt, das empfindet man bis in die (klein-) bürgerliche Mitte so. Wir haben es mit einem Aufschrei der Herzen zu tun, dem man offenbar mit keiner „kalten“ Analyse beikommen kann.
Das aber, die kalte Analyse, wäre eigentlich das Geschäft der Intellektuellen. Oder sagen wir es freundlicher: die kühle Vernunft, die Anstrengung des Verstandes. Solcherlei intellektuelles Bemühen aber hat keine gute Presse. Argumente sind unbeliebt. Harte Fakten, kalte Zahlen, „Statistiken, die den Menschen zur Nummer machen“, zählen spätestens seit der Sarrazin-Debatte nachgerade zu den Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Politiker haben das schneller erkannt als manch anderer: heute wollen sie „die Menschen“ nicht mehr bloß „abholen“, sondern, ganz soziale Wärme, distanzlos „in den Arm nehmen“, ob die das schön finden oder nicht.
Klar: Wenn sowas links ist, muss ja alles andere rechts sein. Schon, wer sich seines Verstandes bedient und die Betroffenheitslyrik nicht mitsummt, ist demnach verdächtig. Obwohl man doch gemeinhin der Rechten nur Dumpfes unterstellt, gilt paradoxerweise zugleich die schneidende Kälte des Verstandes als obskur. Die geistige Landschaft wird damit nicht gerade bunter, denn zwischen links, wo das Herz schlägt, und rechts ist Niemandsland – leere Wüste anstelle einer belebten Landschaft, in der es einst liberale Standpunkte gab, bevor sie mit „neoliberal“ zum Synonym für „soziale Kälte“ oder „Marktradikalismus“ erklärt worden sind. Und in der „konservativ“ nicht in die rechte Schmuddelecke gehörte.
Heute wird „liberal“ nicht mehr mit den Freiheitsrechten des Individuums, sondern mit schrankenlosem, „entfesseltem“ Egoismus assoziiert, wobei der „Raubtierkapitalismus“ bereits um die Ecke lugt. Heute herrscht das Justemilieu, ein linkes Spießertum, eine Gefühlsschickeria, der es reicht, gegen Rechts „Gesicht zu zeigen“, statt sich ihres Verstandes zu bedienen.
Gewiss: Das geisterte immer schon durch deutsche Debatten, die Angst vor der Freiheit, die man von ihrem möglichen Missbrauch her diskutiert. Was sich „sozial“, „gerecht“ und „sicher“ nennt, gerät in diesen Verdacht erst gar nicht. Dabei empfinden viele Menschen als „sozial“ nur das, was ihnen nützt, auch wenn es auf Kosten anderer geht. Und manches Sicherheitsverlangen kann man auch risikoscheu und mutlos nennen.
Den Gefühlssozialismus stört das nicht. Links ist frei von Kategorien, auch der Marxschen, um die noch in der Sozialdemokratie der Weimarer Republik mit großer Gelehrsamkeit gestritten wurde. Nichts könnte den Unterschied zwischen damals und heute deutlicher machen als das Ende jener Übereinkunft, dass die linke Utopie keine Gefühlsangelegenheit sei, sondern streng wissenschaftlich begründet werden könne und auf einer Kritik des Bestehenden beruhe.
Kritik am Bestehenden? Also auch an Gefühlstatbeständen? Bloß nicht. Die Gefühlsschickeria hat das kritische Besteck beiseitegelegt. Kritik am Bestehenden endet dort, wo sie Besitzstände praktischer und moralischer Art berühren könnte.
Die Gefühlslinke ist nicht krisentauglich. Denn die heutige Lage bedarf einer kühlen Analyse. Und der Antwort auf die Frage, was übrigbleibt von einer Demokratie, die seit Jahrzehnten auf Wählerbestechung baut. Die einen haben die Schmiermittel mobilisiert, die anderen haben sie dankend angenommen. Jetzt ist die Blase geplatzt. Und selbst wenn man alle Reichen enteignen würde, bevor sie ins sichere Ausland geflohen sind: Nichts wird mehr sein wie zuvor.

Die Welt, 24. 11. 2011

Mittwoch, 2. November 2011

Empört euch mal nicht so

Man kann ja viel entschuldigen, wenn man selbst in seiner Jugend so blöde Parolen skandiert hat wie „Kapitalismus führt zum Faschismus. Kapitalismus – muss – weg“ – und erst recht, wenn man sich auch noch den superblöden Spruch „USA-SA-SS“ zu verzeihen hat. Insofern hat die „Occupy“-Jugend von heute bei mir vieles gut. Sogar, dass die meisten dort gar nicht zu wissen scheinen, wogegen und worum es eigentlich geht, ist irgendwie nachzuvollziehen.
Exemplarisch die Frankfurter, die ausgerechnet vor der Europäischen Zentralbank lagern, dem Fels in der Brandung gegen die Anmaßungen der Staatenlenker. Gut, das Ding heißt „Bank“, also ist man da schon irgendwie richtig, oder? Nun ja...
Doch warum sollen junge Leute verstehen, was ein Großteil der Bevölkerung nicht begreift? Schlauer sind die Politiker, auch bei der CDU, die sich solidarisch an die Seite der Bewegung stellen. Denen kann es nur recht sein, wenn das Volk die Sündenböcke bei den Banken oder beim „System“ sucht. Sonst würde man ja womöglich über falsche politische Entscheidungen zu reden haben - und über die Bedürfnisse der Bürger nach Rundumversorgung, die Politiker glauben befriedigen zu müssen.
Die „Occupy“-Bewegung bellt vor dem falschen Baum und glaubt den falschen Parolen vom „Raubtierkapitalismus“ und dem „Finanzkapital“. Aber hört man das nicht täglich? Im Rundfunk oder im Fernsehen? Steht das nicht so in der Zeitung (wenngleich nicht im Wirtschaftsteil)?
Stimmt. Auch in den Feuilletons der Qualitätsmedien wird wieder mit schlichten Wahrheiten gehandelt. Der Geist steht links und feiert die Rückkehr zur guten alten Kapitalismuskritik. Die einen glauben offenbar, damit den Zeitgeist zu bedienen. Die anderen kehren, nach gerade mal zehn Jahren „unter Rechten“, zu ihren Wurzeln zurück, zu 68ff, als man noch wusste, wer schuld ist: Die Großindustrie und ihre Büttel.
Wer derlei liest, möchte die Jungen in Schutz nehmen und ihnen zurufen: Glaubt ihnen nicht, den angegrauten Männern, die sich über euch beugen, Verständnis heucheln und doch nur die eigenen Jugendträume verwirklicht sehen wollen. Es ist das Recht der Jungen, auch mal radikalen Schwachsinn zu erzählen. Aber lasst es euch nicht von alten Männern vorsagen – oder von all den lieben Medienmenschen, die sich karitativ über euch beugen, um euch zu soufflieren, was sie für die richtigen Erkenntnisse halten.
Glaubt ihnen nicht, den Trittbrettfahrern, die Ladenhüter als frische Einsichten verkaufen, oder den Frustrierten, die endlich, endlich hören möchten, dass sie schon vor vierzig Jahren, ach was: vor hundert Jahren Recht gehabt haben. Seid misstrauisch, wenn es gegen „das Finanzkapital“ geht und das Adjektiv „jüdisch“ dabei mitschwingt. Und vergesst nicht: immer, wenn „Jugend“ zu rebellieren scheint, sind Lobbyisten unterwegs, die Gefolgschaft suchen – ob sie sich „Attac“ nennen, die Gewerkschaften oder die Kirchen sind.
Und doch: Die Jüngeren habt natürlich völlig recht, wenn sie sich Sorgen machen. Wer würde sich nicht verschaukelt fühlen, dessen Erbe aus gigantischen Schulden besteht, die der Staat in den letzten Jahrzehnten angesammelt hat, plus den noch gigantischeren, die er noch zu machen gedenkt. Woher dieses Geld kommt? In der Tat: von den Banken, die an der Kreditwürdigkeit der Staaten zu spät gezweifelt haben. Auch wenn sie profitiert haben: Sie sind nicht „schuld“ an den politischen Entscheidungen, die dem Schuldenmachen zugrunde liegen.
Politische Entscheidungen, insbesondere zu Wahlzeiten getroffen, von denen (fast) jeder etwas hatte: Studenten, Rentner, Pendler. Auch die sozial Schwachen, gewiss, vor allem aber jene, die sie verwalten. Jede gute Gabe mündet im Aufblähen der Sozialbürokratie. Es ist das Gutgemeinte, jener „Ammenstaat“, den viele Bürger so gern bemühen, der hinter der jetzigen Krise steckt. Darin unterscheiden sich auch die Deutschen nicht von anderen. „Die Banken“ sind nur Sündenböcke. Man kann sich ruhig auch mal an die eigene Nase fassen.
Also: Empört euch mal nicht, lernt lieber dazu. Klar ist das einfacher, das Pamphlet eines zornigen alten Mannes wie Stephane Hessel lesen, der so schön bestätigt, was insbesondere junge Menschen gerne glauben: dass alles immer schlimmer und ungerechter wird. Als vor vierzig Jahren Marx angesagt war, wenn man den Kapitalismus kritisieren wollte, musste man sich wenigstens mit anspruchsvoller Lektüre beschäftigen. Es hat sich gelohnt: Nach einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem Marxismus fällt man auf Parolen nicht mehr herein.
Ach, ich wiederhole nur ungern, was 1968ff. meine Eltern zu mir sagten: Euch geht’s noch viel zu gut. Aber es ist was dran. Eine Episode aus Frankfurt mag das illustrieren: Die Frankfurter Innenstadt ist abgesperrt, überall Polizisten in voller Montur. Endlich nähert sich ein Häuflein Demonstranten mitsamt Lautsprecherwagen und den abgenutzten Requisiten aus 40 Jahren Demonstrationstradition. Vorneweg feixende Studis mit einem großen Transparent. Und darauf steht: „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“ Mich hat’s schier umgehauen. Nicht nur, weil dieser Spruch auch schon mal bei der NPD oder beim Bund der Steuerzahler Dienst verrichtet haben soll. Sondern weil er so unfassbar unangemessen ist. Denn worum ging es wohl? Genau: Man leistete pflichtgemäßen Widerstand gegen – Studiengebühren.
Was sich als links versteht und im juste milieu gut ankommt, ist, wie nicht nur dieses Beispiel zeigt, ebenso gut „rechts“ denkbar – der Affekt gegen das (jüdische?) Finanzkapital wie das Hochrechnen eigener Interessen zum Gattungsanliegen. Der Kampf gegen Studiengebühren ist dafür übrigens ein gutes Beispiel. Die Debatte darüber ist geradezu exemplarisch für verzerrte Wahrnehmung.
Zukunftsorientierte Parolen müssten ganz anders lauten: „Her mit den Studiengebühren!“ Damit die Allgemeinheit nicht für künftig Besserverdienende einstehen muss. „Weg mit der Rentengarantie!“ Weil sie die jetzige Rentnergeneration gegenüber den zukünftigen begünstigt. Und Schluss mit dem Kindergeld für Reiche, dem Ehegattensplitting, der Pendlerpauschale. Weg mit allen Steuerprivilegien, bei allen. Her mit der Kirchhof-Reform! Und ein Ende den kostspieligen Wahlgeschenken.
Wenn ich Studenten, Steuerzahler, Rentner und Eltern mit diesen Parolen auf der Straße sehe, weiß ich, dass wir eine Zukunft haben.
Sie auch die Welt vom 1. 11. 2011