Dienstag, 22. April 2014

Stadt, Land, Fluss


"The land of the free“ war einmal. Amerika hat sich, nach einer Orgie der Selbstzerstörung, zu einem Feudalstaat zurückentwickelt. Die dekadente Oberschicht lebt in Saus und Braus in einer Megacity, während in den umliegenden Provinzen vormittelalterliche Verhältnisse, Ausbeutung und Tod herrschen. Das ist in Kürze der Rahmen des großartige Epos der amerikanischen Schriftstellerin Suzanne Collins. Die „Tribute von Panem“ gehören zu den erfolgreichsten Jugendbüchern nach Harry Potter. Wieder geht es um den Kampf gegen das Böse, auf Leben und Tod, nur ohne Magie. Und auch das Setting ist urvertraut.
In vielen Science-Fiction-Romanen wird es durchgespielt. Die Erde ist verlorene Wüstenei. Die Menschen leben in Städten, in High-Tech-Räumen, in denen Natur nur noch als Zitat auftaucht. Noch nicht einmal mehr zur Nahrungsmittelproduktion wird sie gebraucht: Das Essen kommt aus der Retorte, wobei die Zutaten durchaus unappetitlich sein können. In „Soylent Green“ hat man nachhaltigerweise tote Menschen recycled.
Die Utopie trägt fast immer Züge einer Dystopie. Die vom Schmutz irdischer Realität, von Wind und Wetter abgeschottete Metropole herrscht über ein feindliches Draußen, dessen Gesetze man in der klimageregelten Enklave nicht mehr kennt. Doch da draußen, in sengender Sonne oder klirrender Kälte, zwischen Müllhaufen, Kraftwerken und Lebensmittelfabriken, wohnen nicht nur wilde Tiere, sondern auch Menschen. Sie sind Dienstleister der herrschenden Kaste oder, je nach Perspektive, Verbrecher bzw. freiheitsdürstende Widerstandskämpfer, die sich unter Lebensgefahr in einem rechtsfreien Raum bewegen. Der wunderbaren Welt der Megacity entspricht die Wüste um sie herum. So gibt es unzählige Variationen auf die ewige Geschichte des Widerstreits zwischen Stadt und Land.
Und die Wirklichkeit? Der weltweite Trend zu megacityartigen Ballungsräumen auf der einen und einer zusehends entvölkerten „Provinz“ auf der anderen Seite scheint vom Weitblick früher Science-Fiction zu künden: alles prima vorhergesagt. Wer Optimist ist, lässt den urbanen Menschen künftig, sollte das mal nötig sein, von City zu City jetten, ohne sich die Füße schmutzig zu machen. Das lästige Drumherum sei der darob umso prächtiger blühenden Flora mitsamt aufatmender Fauna überlassen. Und sollte es noch Menschen dort draußen geben, dann sind sie eine zu vernachlässigende Größe.
Der Pessimist hat andere Bilder vor Augen. Gewiss, die Preisgabe von Siedlungsräumen an die „Wildnis“ hat es in der menschlichen Siedlungsgeschichte immer gegeben, man denke an die Verödung ganzer Landstriche im Gefolge der Pest. Das Verschwinden der Wälder und ihr Wiedererstehen gehört zur Geschichte der europäischen Kulturlandschaft. Doch mit der völligen Aufgabe des „"Draußen“ würde kein Paradies entstehen, sondern die Wüstenei. Nicht nur in Europa ist „"Natur“ die über tausende von Jahren von Menschen geformte Kulturlandschaft.
Das Hochrechnen der demografischen Entwicklung zu dem freudigen Befund, dass schon im Jahre 2050 ganze 80 % der Menschheit in Megacities leben wird, ist nicht nur überaus spekulativ, es stimmt auch nicht sonderlich froh. Viele dieser Agglomerationen sind geschichtslose Räume. Menschliche Ansammlungen ohne historischen Kern haben mit dem emphatischen Begriff der „Stadt“ herzlich wenig zu tun, da hilft auch kein Park. Dass die Urbanisierung eine „Kraft zum Guten“ sei, ist kann man bezweifeln. Und dass die Rückkehr der Wildnis „"allen“ zugute käme, ebenso.
Die Vorstellung von der segensreichen Rückentwicklung von Landschaft zu Wildnis beruht auf einem typischen Missverständnis – der Städter. Die haben die Provinz schon immer verachtet. Selten zu Recht.
„"Die wunderbaren Parklandschaften“ der Städte, von denen Hannes Stein schwärmt, sind keine Landschaft und können sie schwerlich ersetzen. Ob die außerhalb der Megacities entstehende „"Wildnis“ ein Zugewinn wäre, dürfte von Region zu Region höchst unterschiedlich sein. Vor allem ist "Wildnis“ keine Idylle, weder für Tiere noch für Pflanzen, sie ist für alle Spezies voller Gefahren. Als rechtsfreier Raum ist sie für den Menschen doppelt gefährlich. Nicht nur wilde Tiere, auch Seinesgleichen haben es auf ihn abgesehen. Wildnis ist ein Raum, den man nicht durchqueren kann – wenn es keine Straßen mehr gibt und keine Züge mehr fahren. Kein Problem, wenn man von Flughafen zu Flughafen jettet? In der Tat.
Die Mehrheit der Menschen wird sich mit den Shoppingmalls und Grünzonen der Metropolen bescheiden müssen, sofern sie es nicht auf den Müllhalden der städtischen Zivilisation noch ein wenig idyllischer haben. Denn die Kehrseite der Megacity sind die Slums an ihrem Rand. Und die Vernutzung der Restnatur für die Bedürfnisse der Stadtbewohner: das Draußen wird zur Müllkippe und, so stellt man sich das offenbar in Deutschland vor, zum Abstellplatz für „Solarparks“ und Windkraftanlagen.
Der Drang der Menschen in die Städte ist nicht nur der Suche nach Freiheit geschuldet, die viele dort vermuten, die der „"Enge“ des ländlichen Raums entfliehen wollen. Er hat vor allem mit der Suche nach Einkommen zu tun. Auch in Deutschland war noch vor 150 Jahren das Land die Kornkammer, in den Kriegsjahren des 20. Jahrhunderts war der Hunger städtisch. Das ändert sich in rasender Geschwindigkeit. Wer seine Ställe nicht auf Massentierhaltung optimieren kann, braucht Lohnarbeit. Heute sitzen viele vorm Computer, die in einem früheren Leben mit der Heugabel hantiert hätte. Das hat seine Vor- und Nachteile, nicht nur, weil man nicht wenigen Menschen anmerkt, dass sie mit einer handfesten Tätigkeit in der Landwirtschaft glücklicher wären.
In der Menschheitsgeschichte spielte die Bändigung der „"Wildnis“ eine große Rolle. Es ist keine provinzielle Sturheit, wenn sich Menschen dagegen wehren, ihre Region zum „"Naturpark“ zu machen. Sie wissen, wie jeder gute Förster, dass die Wildnis keine Bereicherung, sondern eine Verarmung der Lebensformen bedeutet.
Demografie ist eine halbwegs präzise Wissenschaft. Alle Trends zusammengenommen, kann man davon ausgehen, dass die Landbevölkerung in Europa schwindet. Eine Verarmung der Kulturlandschaften kann, muss aber nicht die Folge sein. Statt von der Wildnis zu schwärmen, käme es darauf an, die Provinz neu zu erfinden. Nicht als Biotop zur Belustigung der Touristen. Aber auch nicht als Müllhalde der Urbanisation.

In: die Welt, 22. April 2014