Freitag, 23. Dezember 2011

Wir leben in interessanten Zeiten

„Mögest du in interessanten Zeiten leben“, lautet ein chinesischer Wunsch, den man auch als Verwünschung lesen kann: Denn interessant sind Zeiten, in denen sich etwas bewegt, die gewohnte Ordnung durcheinander gerät, manchmal krisenhaft, manchmal katastrophal. In denen sich ein Fenster öffnet, durch das der Wind bläst. Das kann kalt werden. Aber kann es nicht auch erfrischend sein?
So kann man das Jahr 2011 betrachten – mit gemischten Gefühlen also. Über das Wetter kann man sich dabei am wenigsten beklagen, wenn man vom verregneten Sommer absieht: Nach einem langen, harten Winter kam der Frühling mit Macht und Sonne, der Herbst hatte einen langen Abgang, strahlend und warm. Bei den deutschen Winzern gilt 2011 jetzt schon als ein Spitzenjahr.
Halten wir uns also an den Wein. Denn alles andere ist ungewiss: ob 2011 als Jahr der Demokratie in die Geschichte eingeht. Als Jahr Europas. Als Jahr der Energiewende. Hofft der Optimist. Oder als Jahr der engstirnigen Sorte des Islamismus, des Scheiterns Europas, der Krise von Politik und Demokratie. Fürchtet der Pessimist.
Denn schon der Blick auf das, was vom arabischen Frühling übriggeblieben ist, relativiert manche Hoffnung. Nach all den teils blutigen Aufständen gegen diktatorische Willkür in Tunesien, Ägypten, Libyen, wird dort nicht das Reich der Freiheit anbrechen, wie viele im Westen geglaubt haben. Die freien Wahlen in Ägypten haben islamistische Kräfte an die Macht gebracht, in Tunesien sieht es ähnlich aus. Und in Afghanistan kehren die Taliban zurück.
Immerhin leidet die Welt heute unter drei Diktatoren weniger. Sagt der Optimist.
Stimmt, seufzt sein Antipode, aber wir wissen nicht, was schlimmer ist. Ein Operettendiktator oder vorsintflutliche Fanatiker.
Vielleicht macht man sich hierzulande ja Illusionen über das, was andere Völker wünschen und wollen. Und vielleicht macht man sich ebenso viele Illusionen über die eigenen Wertvorstellungen. Denn auch Deutschland hat sich nicht gerade als Vorkämpfer für Demokratie und Menschenrechte profiliert. Während der Libyen-Intervention der Bündnispartner etwa war man mit der eigenen Befindlichkeit beschäftigt und nicht mit Wohl und Wehe der Demokratie andernorts. Wohl und Wehe anderer Völker und Länder waren uns vielmehr, um es deutlich zu sagen, ganz und gar schnuppe. Wir hatten Angst. German Angst. Vor einem havarierten Atommeiler in Japan.
Ja und, fragt der Optimist. Manchmal ist Angst ein guter Ratgeber. Und ohne die japanische Atomkatastrophe hätte die Energiewende noch ewig auf sich warten lassen, also ist doch was Gutes dabei herausgekommen?
Vielleicht, sagt der Pessimist. Wenn wir denn wüssten, wie das gehen soll, die Wende zu all den alternativen Energien, von denen wir längst nicht genug haben. Mal abgesehen von den Nebenwirkungen, über die wir nichts wissen. Und im übrigen, von wegen Angst als Ratgeber: wir beziehen Atomstrom heutzutage aus Tschechien und Frankreich. Wieso glauben wir eigentlich, dass die Reaktoren dort sicherer sind als unsere?
Das ist nur vorübergehend, sagt der Optimist, beschwichtigend. Wichtig ist doch, dass der erste Schritt getan ist, oder?
Angst macht egoistisch, sagt der Pessimist. Schließlich gab es in Japan keine Atomkatastrophe, also ein von Menschen verursachtes und verschuldetes Ereignis, sondern eine Naturkatastrophe. Es war ein furchtbares Erdbeben, dem Tausende von Menschen zum Opfer fielen. Und das Atomkraftwerk von Fukushima havarierte in Folge eines mächtigen Tsunami. Doch in Deutschland fürchtete man nicht etwa um Japan und die Japaner. Man bangte ausschließlich um die eigene Sicherheit.
Na und? Der Optimist. Angst macht vorsichtig. Und mit Sachen, die mit „Atom“ anfangen, haben wir keine guten Erfahrungen. Sicher, der Kalte Krieg ist seit zwanzig Jahren vorbei – aber wir erinnern uns noch daran, wie damals jeder kleine Funke den Weltenbrand hätte auslösen können. Der atomare Schlagabtausch hätte sich über unseren Köpfen abgespielt. Und das ist uns eingebrannt. Atomkraft, nein danke.
Gut, sagt der Pessimist. Jede Nation hat so ihre Traumata. Aber wo bleibt die Vernunft bei soviel Gefühl? War das wirklich nötig, dass die Bundeskanzlerin der öffentlichen Panik und dem gefühlten Volkswillen nachgab und ohne Rücksicht auf Gesetzeslage deutsche Atomkraftwerke abschalten ließ, als ob sie durch einen Tsunami in Japan weniger sicher geworden wären? Nur, weil Landtagswahlen in Baden-Württemberg anstanden, die uns im übrigen keinen Wahlsieg der CDU, sondern den ersten grünen Ministerpräsidenten beschert haben? War das wirklich späte Einsicht? Oder schlicht und ergreifend Opportunismus?
Der Optimist findet, der Zweck habe in diesem Fall die Mittel geheiligt.
Der Pessimist fürchtet um Rechts- und Vertragssicherheit, um Regel- und Verfahrenstreue, um die Geschäftsgrundlage auch der wirtschaftlichen Stärke des Landes. Das unterscheidet uns von Ländern, in denen korrupte Eliten das Sagen haben. Das macht uns stark.
Sowas Seelenloses, sowas Staubtrockenes wie Regeln?
Genau das.
2011 war das Jahr der einsamen Entscheidungen einer Kanzlerin, die es mit Recht und Ordnung nicht ganz so genau zu nehmen schien. Dem Ansehen von Politik und Politikern hat das nicht gut getan, wie die Affäre um Verteidigungsminister zu Guttenberg zeigte. Als ob Plagiat, also Betrug, ein Kavaliersdelikt sei, dekretierte die Kanzlerin, sie habe ihn als Minister, nicht als Doktoranden eingestellt. Auf die Ehrlichkeit eines Regierungsmitglieds kommt es also nicht an? Eine erstaunliche Botschaft.
Was ist das für ein Land, in dem die Kanzlerin einsame Entscheidungen für „alternativlos“ erklärt? In einer Demokratie gibt es das nicht, für alles findet sich eine Alternative, womit nichts über die Weisheit dieses oder jenes Entschlusses gesagt ist. Zu Recht ist „alternativlos“ das Unwort des Jahres 2011 geworden - in einer Demokratie kann nicht par ordre de Mutti regiert werden.
Der Pessimist erklärt deshalb 2011 nicht zum Jahr der Demokratie, sondern zum Jahr ihrer Krise. Der Kampf um den Euro und die Debatte über Europa lassen postdemokratische Zustände aufscheinen.
Das ist doch übertrieben. Der Optimist.
Das ist längst eingetreten. Der Pessimist. Wir sind in Deutschland dabei, die Souveränität des Parlaments und der Nation preiszugeben. Nicht, um sie einem höheren und edleren Zweck zum Opfer zu bringen, nennen wir ihn Europa. Sondern aus Notstand, der Entscheidungsdruck erzeugt.
Und? Muss nicht wirklich endlich was geschehen? Hat die Kanzlerin nicht eh schon zu lange gezögert? Der Optimist sieht Angela Merkel schon mal als Euroretterin fürs Geschichtsbuch vor.
Gemach, sagt der Pessimist. Das Budgetrecht ist das Herzstück der Demokratie. Die Bürger haben es in die Hände frei gewählter Abgeordneter gelegt, darüber zu entscheiden, was mit ihren Steuern passiert, sie haben einen Anspruch darauf, dass mit diesem Geld auch pfleglich umgegangen wird. Sie haben das Parlament nicht dazu legitimiert, diese Entscheidungshoheit aus der Hand zu geben. Das aber geschieht im Zuge der Maßnahmen zur Rettung fallierender Staaten, erst schleichend, dann zum Galopp ansetzend. Und wird womöglich noch nicht einmal helfen.
Aber Europa! Ruft der Optimist. Wir müssen Europa retten! Die Kanzlerin vorneweg! Mit Geld und Schuldenbremse!
Ach, Europa, seufzt der Pessimist. Europa ist nicht das Problem.
Das Problem ist, dass nicht nur in Griechenland Geld ausgegeben wurde, das nicht da war. In Deutschland sieht es nicht anders aus. Trotz üppiger Steuereinnahmen hat sich das Land von Jahr zu Jahr mehr Geld geliehen, heute sitzen wir auf gut 2 Billionen Euro Staatsschulden. Auch hierzulande wurde den Bürgern ein Paradies vorgegaukelt, das auf Pump finanziert war. Wenn Deutschland sich an das hielte, was Kanzlerin Merkel von anderen europäischen Ländern verlangt, gäbe es auch bei uns Heulen und Zähneklappern.
Die Staatsschuldenkrise hat manche soziale Errungenschaft als Kulisse entlarvt. Gefühlte Notstände haben demokratische Institutionen geschwächt. Dafür sind der Klimawandel und andere Katastrophen ausgeblieben.
Der Optimist schweigt.
Hast du gehört? Fragt der Pessimist.
Der Klimawandel bleibt aus? Der Optimist, ungläubig.
Naja, nicht, wenn man alle Naselang klimaschädliche Klimakonferenzen veranstaltet, die weder Klarheit noch Entscheidungen bringen.
Also was denn nun?
Die Wahrheit ist: wir wissen es nicht. Vielleicht gibt es einen – vielleicht auch nicht. Vielleicht ist er menschengemacht – vielleicht auch nicht. Vielleicht kann man was gegen ihn tun – aber es sieht nicht danach aus. Es bleibt wie das Wetter: uneindeutig.
Und das soll eine gute Botschaft sein?
Es ist jedenfalls keine schlechte. Nur: Angela Merkel wird nicht als Klimaretterin ins Geschichtsbuch eingehen, solange nicht klar ist, was genau und wie gerettet werden soll.
Als was denn dann?
Das wird das Jahr 2012 zeigen.
Gut. Und wo bleibt nun das Positive?
Ganz einfach: Nur, wer Krisen als das Ende und nicht als einen Anfang begreift, wird 2011 für ein schlechtes Jahr halten. Aber das war es nicht. Nein: Es war interessant.

Gedanken zur Zeit, NDR, 18. Dezember 2011

Montag, 12. Dezember 2011

Neues Frankfurter Deutschland

Früher wäre das ja andersherum verlaufen: das Neue Deutschland hätte sich seine Meinungen im Westen gekauft. Und wie geht das heute? Wieder andersherum?
Interessant jedenfalls die enge Verbundenheit zweier großer deutscher Zeitungen - in linken Kreisen gibt es dazu Ahs und Ohs.

Samstag, 10. Dezember 2011

To whom it concerns

Nein, liebe lustige Menschen, ich veröffentliche hier keine seitenlangen Selbstdarstellungen oder ellenlangen anderen Scheiß. Alles bitte: unterlassen. Sie haben Ihre eigene Spielwiese. Dies hier ist meine.

Montag, 5. Dezember 2011

Kleine Geschichte der Aneignung der Produktionsmittel durch den Autor nebst Überlegungen, die Zukunft betreffend.

Die Produktionsmittel in Volkes Hand? Ein Traum, der längst verblasst ist. Heute merkt das Volk noch nicht einmal mehr, wenn es über seine Produktionsmittel verfügt – jedenfalls nicht, sofern es aus Schriftstellern und anderen Worttätigen besteht. Dabei beginnt der Kampf darum bei den meisten Autoren schon in der Kindheit, wenn die Erwachsenen selbst bestimmen wollen, wann und wie lange sie vorlesen möchten. Wer sich nicht mit Dankbarkeit aufhalten will, dafür nämlich, dass sie sich überhaupt die Mühe geben, lernt selber lesen. Den nächsten Schritt bestimmt kindlicher Nachahmungstrieb: auch schreiben wollen! Nach ersten handgekrakelten Gedichten, von der Familie so wohlwollend aufgenommen wie die Blockflötensoli zu Weihnachten, strebt der künftige Autor nach Größerem: nach Verbreitung der Proben seines Könnens. Hat nicht die Lieblingstante Talent bescheinigt? Na also. Jetzt wird vervielfältigt.
So fängt’s an und so geht es weiter: von der Handschrift über das Kohlepapier über die Fotokopie zum E-Book. Es ist ein Weg der Entfesselung. Klar, dass das nicht allen gefällt.
Das E-Book, selbstgebastelt, ohne Lektorat und Korrektur, ohne Marketing und Werbung, ohne Lagerplatz, Vertrieb und Buchhandel, einfach so auf den digitalen Marktplatz gestellt, wo es für relativ wenig Geld zu haben ist, ist Verheißung und Provokation zugleich. Provokation: Da kann ja jeder kommen! Die Alteingesessenen verteidigen ihre Privilegien. Erfolgreiche Autoren verweisen auf die Schmerzen, die sie bei den Initiationsritualen der Branche erlitten haben. Über sieben Brücken mussten wir gehen, mindestens! Die Priester in den Verlagen verteidigen ihren Beruf, der im Auswählen, Verbessern, Aufbereiten bestehe, eine Qualitätskontrolle, die Autoren vor der Blamage und Leser vor schlechten Büchern schütze. Sie sehen handwerkliche Fertigkeiten entwertet, fürchten wie einst die Zünfte den Einbruch des Ungeregelten, die Konkurrenz der Anbieter billiger Ware zu Dumpingpreisen. E-Bookinisten wiederum wittern Zensur, votieren für das Niederreißen kleingeistiger Schranken, für grenzenlose Freiheit. Und nörgeln: werfen unsere Qualitätskontrolleure bei den Verlagen nicht bereits jetzt schon massenweise schlechte Bücher auf den Massenmarkt, unterstützt von Buchhändlern, die sich längst nicht mehr als Schleusenwärter verstehen, weil auch sie Umsatz brauchen?
Wie recht sie haben. Beide Seiten. Doch der Geist ist längst aus der Flasche.

Wie alles anfing? Wie viele Revolutionen: Mit einer Schreibmaschine, deren Farbband zerschlissen war, und mit abgenutztem Kohlepapier. Man kann heute jene, die vor Jahrzehnten innerer Antrieb ans Schreibwerkzeug trieb, und nicht Schule und äußere Notwendigkeit, daran erkennen, dass sie die Tastatur nicht nach dem Zehnfingersystem bearbeiten. Schließlich kam es auf den Inhalt an, nicht auf die Form. Und wenn man sich anstrengte und mit Kraft in die Tasten hieb, bekam man auch mit müdem Kohlepapier noch drei Durchschläge hin – die ersten Veröffentlichungen, für Freunde und Familie. Das Wunder ging weiter: Mit beschrifteten Matrizen, das erlaubte Verbreitung in Klassenstärke. Und im letzten Drittel der 60er Jahre konnte man mit selbst hergestellten Vorlagen sogar die Zeitung für die ganze Schule drucken lassen. Offset hieß das – und das sagt alles. Die Herren über den Bleisatz waren zu Recht upset. Noch konnten sie mit Qualität argumentieren, die allein ihr Handwerk garantiere. Aber es wetterleuchtete bereits am Horizont.
Meine Staatsexamensarbeit wurde noch als schreibmaschinengetipptes Original mit Durchschlägen eingereicht. Als Lektoratsassistentin bei der edition Suhrkamp habe ich solche Manuskripte hassen gelernt. Immerhin: wenigstens kam Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts kaum noch Handgeschriebenes auf meinen Schreibtisch. Doch vor allem Intellektuelle pflegten ihre Manuskripte als unwiderbringliche Originale und in einer Form anzulegen (einzeilig, kein Rand), die kein vernünftiges Lektorat zuließ. Vernünftig nicht nur im inhaltlichen Sinn – die handschriftlichen Verbesserungen, Einfügungen und Korrekturen mussten lesbar bleiben, und zwar für Menschen, die sich mit dem Thema nicht auskannten, für das der Suhrkamp-Autor Spezialist war. Die Manuskripte mussten nämlich im nächsten Gang „erfasst“ werden, damit sie gedruckt werden konnten.
Ein Geständnis nach all den Jahren: ich habe nie eine der Texterfasserinnen kennengelernt. Dabei glaube ich fest, dass es sich überwiegend um Frauen handelte, die in Heimarbeit eigentlich unlesbare Manuskripte in eine druckgemäße Form brachten. Und wahrscheinlich schrie ein Baby im Nebenzimmer. Oder direkt neben dem Schreibtisch. Das entschuldigt einiges, auch die oft unzählig vielen Satzfehler, die in einem weiteren Korrekturgang aufgespürt werden mussten. Und das war mein Job.

Solcherlei Erfahrungen bestärkten im Wunsch, die Produktionsmittel in die eigene Hand zu nehmen. Selbst in jenen Zeiten aber, als man sie alle in die Hände der Arbeiterklasse legen wollte, war das nicht einfach. Auch in der Alternativszene gab es Arbeitsteilung, daraus entstand eine neue Gestalt der Zeitgeschichte. Dem in Nachtschicht durchgekurbelten Flugblatt folgte die Szenezeitschrift und die Renaissance der Satzkunst in der Figur des Säzzers und der Säzzerin, die ihre Emanzipation vom ehrbaren und ehrpusseligen Handwerk zugleich als Sieg über den Inhalt feierten. Im Unterschied zum alten Handwerksadel kannten die Säzzer keinerlei Respekt vorm Geschriebenen. Und vor allem keinen vor ihren Erzeugern.
Rechtschreibung? „Das versteht doch jeder, egal, ob es falsch geschrieben ist.“ Wer in Sachen Grammatik und Orthografie Spießer war, musste die Beherrschung eines Ungetüms namens Composer lernen und sich nach Feierabend klammheimlich daran setzen, um Korrekturen zu tippen und in die fertige Satzvorlage zu kleben.
Composer sind ein längst vergangenes und zu Recht vergessenes Produktionsmittel, das man heute nur mit Mühe noch ergoogeln kann und dessen Umständlichkeit selbst jene Pioniere nicht ermessen können, die Frühfassungen von Word überlebt haben. Word war ein Wunder, ein Wunder an Umständlichkeit und jähen Abstürzen mit gnadenloser Textvernichtung. Und dennoch: der PC als Schreibmaschine war eine Erlösung, verglichen mit der Zeit davor.
Kein händisches copy and paste der Manuskripte auf dem Fußboden mehr. Schluss mit der Fehlerquote bei der Texterfassung. Dafür riskierte man schon mal hohe Anschaffungskosten – um festzustellen, dass man als Autor, der sein Manuskript auf Diskette einreichte, fortschrittlicher war als die Verlage. In den Lektoraten verlangte man noch nach einem ordentlichen Manuskriptausdruck. Doch auch dort lernte man schnell: welcher Autor hat schon Geld dafür gesehen, dass er den Verlagen die Texterfassung abgenommen hat, eine heute selbstverständliche Dienstleistung? Der Posten sei nicht kostenerheblich, hieß es, wenn man sich zu fragen traute. Offenbar hatte man den Texterfasserinnen zuvor Hungerlöhne gezahlt.
Dialektische Prozesse. Viele der Autoren, die mit dem PC zu arbeiten begannen, interessierte nur am Rande, dass sie mit dem neuen computergestützten Schreibwerkzeug bereits die Produktionsmittel der Zukunft zur Verfügung hatten und beschäftigten sich lieber mit der Frage, ob sich durch die vielfältigen Möglichkeiten der neuen Technik das Schreiben verändere. Die Antwort lautet, auch bei Oberkritiker Reich-Ranicki: Ja, gewiss. Selten werden Texte durch mehrfaches Überarbeiten schlechter. Am Erzählen selbst aber hat sich seit der mündlichen Überlieferung am Lagerfeuer so viel nicht geändert.
Doch das Abwälzen der Texterfassung auf den Autor hat das Tor weit geöffnet für seine Emanzipation. Selbermachen? Kein Problem. Für ein weltweit verfügbares E-Book braucht der Autor einen PC, ein Texterfassungsprogramm, ein bisschen Software, um die Textmasse in eine taugliche Form zu bringen, eine ISDN-Nummer, einen Breitbandanschluss und einen Amazon-Account. Dazu das Übliche: eine Idee, einen Plot, eine gute Geschichte. Talent hilft auch.
Gewiss, jene Qualitätskontrolle durch Verlag und Buchhandel fällt weg, auf die sich beide gern berufen. Doch für Autoren, die durch den Verzicht auf einen Verlag keinen Verlust erleiden, weil sie dort ein gründliches Lektorat, Werbemaßnahmen oder gar einen Vorschuss längst nicht mehr erwarten können, und die auch dem Buchhandel keine Rücksicht entgegenbringen müssen, weil der ihn ignoriert – für all die ist das digitale Veröffentlichen eine Chance.
Muss man sich also vor einer Flut miserabler Selbstverwirklichungsprosa fürchten? Nicht mehr als heute schon. Auch im Netz entscheidet der Markt. Werden die wahren Perlen der Dichtkunst im Brackwasser des digitalen Tümpels untergehen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Dort wird man sie womöglich eher finden als im stationären Buchhandel, der mit seinem geringen Raum auf Bestseller setzen muss, will er Umsatz machen.
Doch gemach – wenigstens in Deutschland ist die Welt noch in Ordnung. Noch müssen sich hierzulande die Verlage keine Sorgen darüber machen, dass ihnen die Autoren weglaufen, denn die sind treu. Noch zehrt diese Beziehung von der Aura, die „das Buch“ hat, das in einem renommierten Verlag erschienen ist, „ein zertifiziertes Siegel für wertvollen Inhalt“ (Rüdiger Wischenbart). Und von der Aura des „Kleinen Buchhändlers um die Ecke“, von dem vermutet wird, dass er ungehobene Schätze bereithalte. Eine Illusion, meistens jedenfalls, denn was nicht bestsellt, überlebt heute selten länger als vier Monate in den Regalen der Buchhändler, sofern es überhaupt dorthin vorgedrungen ist.
In Deutschland wird der Abschied von Verlag und Buchhandel so bald nicht stattfinden. Noch verdrängt man den Trend, den die USA vorgeben – schließlich ist auch die Zahl der mit einem E-Book-Reader ausgestatteten Leser noch klein. Doch durch das E-Book ist der Buchmarkt global geworden und es sind gerade die Kernkunden des Geschäfts, die gut ausgebildeten, gut verdienenden, oft älteren Kulturbeflissenen, die sich zunutzemachen, dass beim E-Book auch der Preis global geworden ist, und die zum englischen Original greifen, wenn die deutsche Übersetzung ihnen zu teuer ist.
Amerikanische Autoren wiederum haben erkannt, dass der deutschsprachige Buchmarkt, immerhin der drittgrößte weltweit, beweglichen Geistern Chancen bietet. Warum nicht die eigenen Werke selbst ins Deutsche übersetzen lassen und fürs Kindle anbieten? Ob sie davon profitieren, weiß man nicht. Gewiss aber profitieren die Leser.
Noch sind in Deutschland Verlage und Buchhandel die Bremser und die Autoren zeigen sich wenig wagemutig. Darauf, dass das so bleibt, sollte man nicht setzen. Ob es ein neues Bündnis zwischen Verlagen und ihren „Contentproduzenten“ geben wird? Noch ist Zeit dafür. Doch eines ist gewiss: ihre Produktionsmittel wird man den Autoren nicht mehr wegnehmen können.
Literarische Welt, 3. Dezember 2011

Montag, 28. November 2011

Aufschrei der Herzen

Warum schweigen die deutschen Intellektuellen zur derzeitigen Krise und zu Europa, fragt es neuerdings wieder im Feuilleton. Weil sie den Schlachtruf aus den 80er Jahren nicht mehr hören können und, weise geworden, wissen, dass die wichtigen Debatten heute im Wirtschaftsteil der Zeitungen und nicht mehr im Kulturteil stattfinden? Schön wär’s. Denn sie reden ja. Doch den einen hört man nicht zu – etwa Botho Strauß und Peter Sloterdijk, die Kluges zu sagen haben. Die aber stehen, wie es eine TV-Moderatorin unnachahmlich formulierte, „unter konservativem Verdacht.“ Dabei lassen sie sich nur eines zuschulden kommen: Sie argumentieren zur Sache und ohne den lächerlichen Gestus der Empörung, mit dem die alten Vokabeln der Systemkritik neuerdings wieder zirkuliert werden. Ist Denken konservativ?
Offenbar. Denn was jene Intellektuellen verkünden, die das Wasser nicht halten können, zeugt von einer zutiefst gestörten Wirklichkeitswahrnehmung. Oder von ewiger Treue zu altbackenen Bildern von den „Furien des Kapitals“, der „Macht des Geldes“ oder vom „verwilderten Finanzkapitalismus“, an dessen Drähten was baumelt? Natürlich: die Marionetten der politische Klasse. „Empört euch“-Tiraden, die bei DDR-Nostalgikern wohliges Schauern auslösen dürften. Mit Analyse hat das nichts zu tun.
So betreibt man vielmehr das Spiel all jener Nebelwerfer, über die zu reden wäre, wenn nicht „Banken“ und „Märkte“ als Sündenbock zur Verfügung stünden: die Politiker. Denn die derzeitige Krise ist keine Finanz- oder Bankenkrise, sie ist im wesentlichen von politisch Handelnden verursacht, die solange Staatsschulden angehäuft haben, bis auch die geduldigsten Gläubiger Zweifel an der Zahlungswilligkeit ihrer Schuldner bekamen. Natürlich wollten sie damit nichts als sozialstaatlich Gutes tun und haben mit strahlendem Optimismus auf immerwährendes Wirtschaftswachstum gesetzt. Man kann es auch brutaler sagen: So kauft man Wählerstimmen. Und auch die besten Absichten erzielen paradoxe Wirkungen. Was für die Gegenwart gelegen kommt, ist für die Zukunft Gift.
„Die Märkte“ sind nicht die Übeltäter, sondern die Überbringer der Botschaft, das notwendige Korrektiv, das aufklärende Moment gegen eine politische Elite, die von eigener Verantwortung nichts wissen will. Weshalb es mitnichten urdemokratisch ist, wenn sich einer, wie Papandreou in Griechenland, im Notfall aufs Volk und sein salomonisches Urteil herauszureden versucht. Das war ein Fluchtversuch, sonst nichts.
Wo bleibt der zündende Gedanke? Das Professoren-Rezept, die Politiker müssten wieder „mit den Leuten reden und nicht zu ihnen“, ist von rührender Naivität. Aber solche Herzensgüte passt zum angeblichen „Linksruck“, in dem nicht ein Spürchen theoretischer Anstrengung wahrzunehmen ist. Nein, es geht wahrlich kein Ruck durchs Land, es schwappt ein unbestimmtes Gefühl hindurch, ein Schrei nach Wärme & Menschlichkeit. Links ist, wo das Herz schlägt, das empfindet man bis in die (klein-) bürgerliche Mitte so. Wir haben es mit einem Aufschrei der Herzen zu tun, dem man offenbar mit keiner „kalten“ Analyse beikommen kann.
Das aber, die kalte Analyse, wäre eigentlich das Geschäft der Intellektuellen. Oder sagen wir es freundlicher: die kühle Vernunft, die Anstrengung des Verstandes. Solcherlei intellektuelles Bemühen aber hat keine gute Presse. Argumente sind unbeliebt. Harte Fakten, kalte Zahlen, „Statistiken, die den Menschen zur Nummer machen“, zählen spätestens seit der Sarrazin-Debatte nachgerade zu den Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Politiker haben das schneller erkannt als manch anderer: heute wollen sie „die Menschen“ nicht mehr bloß „abholen“, sondern, ganz soziale Wärme, distanzlos „in den Arm nehmen“, ob die das schön finden oder nicht.
Klar: Wenn sowas links ist, muss ja alles andere rechts sein. Schon, wer sich seines Verstandes bedient und die Betroffenheitslyrik nicht mitsummt, ist demnach verdächtig. Obwohl man doch gemeinhin der Rechten nur Dumpfes unterstellt, gilt paradoxerweise zugleich die schneidende Kälte des Verstandes als obskur. Die geistige Landschaft wird damit nicht gerade bunter, denn zwischen links, wo das Herz schlägt, und rechts ist Niemandsland – leere Wüste anstelle einer belebten Landschaft, in der es einst liberale Standpunkte gab, bevor sie mit „neoliberal“ zum Synonym für „soziale Kälte“ oder „Marktradikalismus“ erklärt worden sind. Und in der „konservativ“ nicht in die rechte Schmuddelecke gehörte.
Heute wird „liberal“ nicht mehr mit den Freiheitsrechten des Individuums, sondern mit schrankenlosem, „entfesseltem“ Egoismus assoziiert, wobei der „Raubtierkapitalismus“ bereits um die Ecke lugt. Heute herrscht das Justemilieu, ein linkes Spießertum, eine Gefühlsschickeria, der es reicht, gegen Rechts „Gesicht zu zeigen“, statt sich ihres Verstandes zu bedienen.
Gewiss: Das geisterte immer schon durch deutsche Debatten, die Angst vor der Freiheit, die man von ihrem möglichen Missbrauch her diskutiert. Was sich „sozial“, „gerecht“ und „sicher“ nennt, gerät in diesen Verdacht erst gar nicht. Dabei empfinden viele Menschen als „sozial“ nur das, was ihnen nützt, auch wenn es auf Kosten anderer geht. Und manches Sicherheitsverlangen kann man auch risikoscheu und mutlos nennen.
Den Gefühlssozialismus stört das nicht. Links ist frei von Kategorien, auch der Marxschen, um die noch in der Sozialdemokratie der Weimarer Republik mit großer Gelehrsamkeit gestritten wurde. Nichts könnte den Unterschied zwischen damals und heute deutlicher machen als das Ende jener Übereinkunft, dass die linke Utopie keine Gefühlsangelegenheit sei, sondern streng wissenschaftlich begründet werden könne und auf einer Kritik des Bestehenden beruhe.
Kritik am Bestehenden? Also auch an Gefühlstatbeständen? Bloß nicht. Die Gefühlsschickeria hat das kritische Besteck beiseitegelegt. Kritik am Bestehenden endet dort, wo sie Besitzstände praktischer und moralischer Art berühren könnte.
Die Gefühlslinke ist nicht krisentauglich. Denn die heutige Lage bedarf einer kühlen Analyse. Und der Antwort auf die Frage, was übrigbleibt von einer Demokratie, die seit Jahrzehnten auf Wählerbestechung baut. Die einen haben die Schmiermittel mobilisiert, die anderen haben sie dankend angenommen. Jetzt ist die Blase geplatzt. Und selbst wenn man alle Reichen enteignen würde, bevor sie ins sichere Ausland geflohen sind: Nichts wird mehr sein wie zuvor.

Die Welt, 24. 11. 2011

Mittwoch, 2. November 2011

Empört euch mal nicht so

Man kann ja viel entschuldigen, wenn man selbst in seiner Jugend so blöde Parolen skandiert hat wie „Kapitalismus führt zum Faschismus. Kapitalismus – muss – weg“ – und erst recht, wenn man sich auch noch den superblöden Spruch „USA-SA-SS“ zu verzeihen hat. Insofern hat die „Occupy“-Jugend von heute bei mir vieles gut. Sogar, dass die meisten dort gar nicht zu wissen scheinen, wogegen und worum es eigentlich geht, ist irgendwie nachzuvollziehen.
Exemplarisch die Frankfurter, die ausgerechnet vor der Europäischen Zentralbank lagern, dem Fels in der Brandung gegen die Anmaßungen der Staatenlenker. Gut, das Ding heißt „Bank“, also ist man da schon irgendwie richtig, oder? Nun ja...
Doch warum sollen junge Leute verstehen, was ein Großteil der Bevölkerung nicht begreift? Schlauer sind die Politiker, auch bei der CDU, die sich solidarisch an die Seite der Bewegung stellen. Denen kann es nur recht sein, wenn das Volk die Sündenböcke bei den Banken oder beim „System“ sucht. Sonst würde man ja womöglich über falsche politische Entscheidungen zu reden haben - und über die Bedürfnisse der Bürger nach Rundumversorgung, die Politiker glauben befriedigen zu müssen.
Die „Occupy“-Bewegung bellt vor dem falschen Baum und glaubt den falschen Parolen vom „Raubtierkapitalismus“ und dem „Finanzkapital“. Aber hört man das nicht täglich? Im Rundfunk oder im Fernsehen? Steht das nicht so in der Zeitung (wenngleich nicht im Wirtschaftsteil)?
Stimmt. Auch in den Feuilletons der Qualitätsmedien wird wieder mit schlichten Wahrheiten gehandelt. Der Geist steht links und feiert die Rückkehr zur guten alten Kapitalismuskritik. Die einen glauben offenbar, damit den Zeitgeist zu bedienen. Die anderen kehren, nach gerade mal zehn Jahren „unter Rechten“, zu ihren Wurzeln zurück, zu 68ff, als man noch wusste, wer schuld ist: Die Großindustrie und ihre Büttel.
Wer derlei liest, möchte die Jungen in Schutz nehmen und ihnen zurufen: Glaubt ihnen nicht, den angegrauten Männern, die sich über euch beugen, Verständnis heucheln und doch nur die eigenen Jugendträume verwirklicht sehen wollen. Es ist das Recht der Jungen, auch mal radikalen Schwachsinn zu erzählen. Aber lasst es euch nicht von alten Männern vorsagen – oder von all den lieben Medienmenschen, die sich karitativ über euch beugen, um euch zu soufflieren, was sie für die richtigen Erkenntnisse halten.
Glaubt ihnen nicht, den Trittbrettfahrern, die Ladenhüter als frische Einsichten verkaufen, oder den Frustrierten, die endlich, endlich hören möchten, dass sie schon vor vierzig Jahren, ach was: vor hundert Jahren Recht gehabt haben. Seid misstrauisch, wenn es gegen „das Finanzkapital“ geht und das Adjektiv „jüdisch“ dabei mitschwingt. Und vergesst nicht: immer, wenn „Jugend“ zu rebellieren scheint, sind Lobbyisten unterwegs, die Gefolgschaft suchen – ob sie sich „Attac“ nennen, die Gewerkschaften oder die Kirchen sind.
Und doch: Die Jüngeren habt natürlich völlig recht, wenn sie sich Sorgen machen. Wer würde sich nicht verschaukelt fühlen, dessen Erbe aus gigantischen Schulden besteht, die der Staat in den letzten Jahrzehnten angesammelt hat, plus den noch gigantischeren, die er noch zu machen gedenkt. Woher dieses Geld kommt? In der Tat: von den Banken, die an der Kreditwürdigkeit der Staaten zu spät gezweifelt haben. Auch wenn sie profitiert haben: Sie sind nicht „schuld“ an den politischen Entscheidungen, die dem Schuldenmachen zugrunde liegen.
Politische Entscheidungen, insbesondere zu Wahlzeiten getroffen, von denen (fast) jeder etwas hatte: Studenten, Rentner, Pendler. Auch die sozial Schwachen, gewiss, vor allem aber jene, die sie verwalten. Jede gute Gabe mündet im Aufblähen der Sozialbürokratie. Es ist das Gutgemeinte, jener „Ammenstaat“, den viele Bürger so gern bemühen, der hinter der jetzigen Krise steckt. Darin unterscheiden sich auch die Deutschen nicht von anderen. „Die Banken“ sind nur Sündenböcke. Man kann sich ruhig auch mal an die eigene Nase fassen.
Also: Empört euch mal nicht, lernt lieber dazu. Klar ist das einfacher, das Pamphlet eines zornigen alten Mannes wie Stephane Hessel lesen, der so schön bestätigt, was insbesondere junge Menschen gerne glauben: dass alles immer schlimmer und ungerechter wird. Als vor vierzig Jahren Marx angesagt war, wenn man den Kapitalismus kritisieren wollte, musste man sich wenigstens mit anspruchsvoller Lektüre beschäftigen. Es hat sich gelohnt: Nach einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem Marxismus fällt man auf Parolen nicht mehr herein.
Ach, ich wiederhole nur ungern, was 1968ff. meine Eltern zu mir sagten: Euch geht’s noch viel zu gut. Aber es ist was dran. Eine Episode aus Frankfurt mag das illustrieren: Die Frankfurter Innenstadt ist abgesperrt, überall Polizisten in voller Montur. Endlich nähert sich ein Häuflein Demonstranten mitsamt Lautsprecherwagen und den abgenutzten Requisiten aus 40 Jahren Demonstrationstradition. Vorneweg feixende Studis mit einem großen Transparent. Und darauf steht: „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“ Mich hat’s schier umgehauen. Nicht nur, weil dieser Spruch auch schon mal bei der NPD oder beim Bund der Steuerzahler Dienst verrichtet haben soll. Sondern weil er so unfassbar unangemessen ist. Denn worum ging es wohl? Genau: Man leistete pflichtgemäßen Widerstand gegen – Studiengebühren.
Was sich als links versteht und im juste milieu gut ankommt, ist, wie nicht nur dieses Beispiel zeigt, ebenso gut „rechts“ denkbar – der Affekt gegen das (jüdische?) Finanzkapital wie das Hochrechnen eigener Interessen zum Gattungsanliegen. Der Kampf gegen Studiengebühren ist dafür übrigens ein gutes Beispiel. Die Debatte darüber ist geradezu exemplarisch für verzerrte Wahrnehmung.
Zukunftsorientierte Parolen müssten ganz anders lauten: „Her mit den Studiengebühren!“ Damit die Allgemeinheit nicht für künftig Besserverdienende einstehen muss. „Weg mit der Rentengarantie!“ Weil sie die jetzige Rentnergeneration gegenüber den zukünftigen begünstigt. Und Schluss mit dem Kindergeld für Reiche, dem Ehegattensplitting, der Pendlerpauschale. Weg mit allen Steuerprivilegien, bei allen. Her mit der Kirchhof-Reform! Und ein Ende den kostspieligen Wahlgeschenken.
Wenn ich Studenten, Steuerzahler, Rentner und Eltern mit diesen Parolen auf der Straße sehe, weiß ich, dass wir eine Zukunft haben.
Sie auch die Welt vom 1. 11. 2011

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Mama mag kein Risiko

Radio is good for you. Aber ein Übermaß schadet der Gesundheit. Denn Radio schrumpft.
Zum Beispiel Deutschland: während alle Welt behauptet, das Land sei so reich und so mächtig, dass man Angst vor ihm und seinem unbändigen Drang nach Größe haben müsse – ein Titan, der beständig alle Ketten sprengt und dabei „Nein! Nein! Nein!“ ruft, weshalb das Land an- und eingebunden gehöre, also ab ins Laufgeschirr oder in harte Bandagen... Während wir also in den Augen der Welt ganz schön was hermachen, schrumpft Radio den Titanen auf Erdmännchengröße.
Nach vier Stunden sanfter Moderation zwischen Oberhessen und Berlin weiß man, dass alle Welt keine Ahnung von uns hat. Deutschland ist nicht mächtig und nicht Titan und schon gar nicht gefährlich – und Weltmeister auch nur alle Jubeljahre. Wir beißen nicht und wir wollen noch nicht einmal spielen. Schalt dein Radio ein: Deutschland ist Mamaland. Bevölkert von Mamasöhnchen und von Frauen, die möglichst schnell zu Mama mutieren möchten.
Also: Alles tranquilo. Keine Aggro.
Mama ist nichts Böses. Mama passt nur auf. Nach der Erdbebenkatastrophe in Japan, die hierzulande „Atomkatastrophe“ hieß, fragten sich Tausende gehobener Schreibtischinhaber, ob der Verzehr ihres geliebten Sushis zu Mittag noch zuträglich sei. Mama riet ab von rohem Fisch, da man ja nicht wisse, ob der im atomar verseuchten Gewässer von Fukushima schon vorgegart wurde. So wie sie vor Salatgurken aus Spanien warnte, von denen man auch nichts Genaues weiß. Man sollte Mama nicht unterschätzen: sie kann ganze Volkswirtschaften niedermachen, wenn es um ihre Lieben geht. Um deren Sicherheit und die Gesundheit, das wichtigste von allem. Denn Freiheit und Risiko hatten wir. Und was hat es uns und der Welt gebracht? Eben.
Radio macht klein und friedlich. Wer dem Öffentlich-Rechtlichen mit Bildungsauftrag und reger Hörerbeteiligung eine Weile zugehört hat, könnte auf die Idee kommen, seine Landsleute gingen alle mit dem Schnuller ins Bett – nicht ohne sich zuvor vergewissert zu haben, dass der Honig, der ihn schmackhaft macht, nicht durch irgendeine unwissend an gentechnischem Pollen naschende Biene verseucht ist. „Gentechnisch verändert“ rangiert hierzulande direkt hinter „atomar verseucht“ und löst Urängste aus. Schon gewusst? Radio sorgt dafür, dass sowas in Mamaland nicht auf den Tisch kommt.
Oder gar nicht erst ins Haus oder auf die Straße. Die Muttilation erfasst alle Lebensbereiche. Keine Internationale Automobilausstellung ohne die Warnhinweise sanfter Moderatorinnenstimmen, dass PS-starke Autos Umweltzerstörer und Phallussymbole sind und wir es doch bitte lieber nachhaltig und klein hätten. Schlimm genug, dass aufstrebende Länder gentechnisch verändert essen und aufgemotzte Boliden fahren wollen, aber wenigstens an Deutschland soll die Welt nicht mehr zugrundegehen. Schon der Kinder wegen, auch wenn man hierzulande immer weniger davon bekommt.
Und das ist vielleicht auch besser so. Denn für kleine Jungs, die schon im Sandkasten einen Fahrradhelm tragen müssen, ist Mamas schützende Hand eine echte Plage. Übrigens auch für kleine Mädchen, die solche Mamasöhnchen später mal heiraten sollen, und für eine Alternative dankbar wären.
Also schalt dein Radio aus und gib Gas, damit wir endlich wieder in Deutschland und bei der Alternative sind.
Klar doch: man kann gegen Männer vieles einwenden, vor allem, dass sie es so wahnsinnig gerne krachen und stinken und explodieren lassen, wenn sie sich einer Sache mal richtig angenommen haben. Doch genau das spricht eben auch für sie. Ohne ihre Risikofreude wäre Deutschland nie das Land der Tüftler, Erfinder und Ingenieure geworden – ohne sie und all die Frauen, die ihnen für ihre Experimente den Küchentisch freiräumten oder ihre Mitgift plünderten. Wie einst Bertha Benz, die sich für ein gewagtes Menschenexperiment zur Verfügung stellte, indem sie sich auf eine unbekannte Höllenmaschine setzte, über deren Spätfolgen man noch nichts wusste.
Sowas käme heute nicht mehr vor. Spaß, Spiel, Risiko sind in Mamaland verpönt. Dort rechnet man sich frühzeitig die Rente aus, die ja sicher ist, und die man möglichst fit und entspannt antreten will, weshalb man sich nicht zuviel vornehmen sollte im Leben, oder?
Ja, Deutschland schafft sich ab. Da muss man gar nicht an die Geburtenrate denken. Ein Land, in dem „Risiko“ zum Inbegriff des Schreckens geworden ist, verdient nichts anderes.
Doch halt. Ist Deutschland nicht noch immer der Wachstumsmotor Europas? Das Land der Erfinder? Der Ingenieure und Maschinenbauer? Das Reich des Mittelstands, wo handfeste Männer und Frauen dafür sorgen, dass der Schornstein möglichst schadstoffarm raucht?
Die Zahlen sprechen für diesen Befund. Doch die produktive Klasse waltet im Verborgenen. Mamaland jedenfalls nimmt sie nicht zur Kenntnis. Den unsichtbaren Heinzelmännchen scheint das ganz recht zu sein. Sie sind die neue schweigende Mehrheit, dein Mittelstand, das unbekannte Wesen. Sie reden nicht über ihr abenteuerliches Leben voller Chancen und Risiken, mit oder ohne Fukushima-Sushi und Gen-Honig. Sie klagen nicht über mangelnde Aufmerksamkeit. Denn Erfindergeist stinkt und macht Krach, hinterlässt Schmauch- und Bremsspuren und ist nie, niemals ohne Risiko zu haben. Und er ist eher selten der Liebling von Krötenschützern und Frauenbeauftragten.
In Mamaland gibt es nicht nur ein oder zwei Parallelgesellschaften. Politik und Öffentlichkeit blenden die interessantesten gern aus. Weshalb man davon ausgehen kann, dass der Erfindergeist seine Heimat heute in der größten Partei von allen findet: in der der Nichtwähler. Weil er bei fast allen relevanten Debatten in der Öffentlichkeit intonieren müsste, was einst Minderheiten zu behaupten pflegten: ich komme hier wieder einmal nicht vor.
Doch das sollte besser so bleiben. Denn es spricht nicht für den festen Glauben ans eigene Produkt, wenn Möbelhäuser Kunden mit dem Versprechen werben, einen Teil ihres Umsatzes den Armen zu spenden. Entweder haben sie für den Kauf ihrer Waren keine guten Argumente. Oder sie wollen aller Welt beweisen, dass man sich vor deutscher Wertarbeit nicht fürchten muss.
Doch das wüsste alle Welt längst – wenn sie unser Radio einschalten würde. Gut, dass sie es nicht tut.
In: Die Welt, 6. Oktober 2011

Samstag, 1. Oktober 2011

Hüter der Demokratie bestätigt Zweifel am Parlament als Forum der Nation

Der zweite Mann im Staat über die Kritik am Rederecht für Abgeordnete mit von der Mehrheit der Parlamentarierer, nicht der Bevölkerung, abweichender Meinung: „Dass meine Entscheidung, die beiden reden zu lassen, Ärger verursachen würde, war mir durchaus klar. Dass die parlamentarischen Geschäftsführer aller Fraktionen so geschlossen und massiv auf ein exklusives Benennungsrecht der Redner durch die Fraktionen bestanden haben, hat mich dann doch gewundert und nachdenklich gestimmt. Mit Blick auf die Verfassungslage und die Erwartungen der Öffentlichkeit auf einen repräsentativen Parlamentarismus empfinde ich diese Kritik als erstaunlich: Sie bestätigt eher die Zweifel am Parlament als Forum der Nation, statt sie offensiv auszuräumen.“
Mehr über Norbert Lammert hier...

Freitag, 30. September 2011

Vorschlag zur Güte

Wir müssen alle sparen. Warum nicht auch an der aufwendigen Demokratie, die viel Zeit und Geld kostet? Wenn man abweichende Meinungen von der Mehrheitsentscheidung eh nicht mehr dulden will, wenn also alle Abgeordneten gleich abstimmen müssen, braucht man nur noch einen Abgeordneten pro Partei und der repräsentiert die Stimmenzahl, die seine Partei bei den Wahlen eingefahren hat. Unfassbar, was das uns allen ersparen würde.

Perlen vor die Säue?

http://www.youtube.com/watch?v=UNaLjxzBvpc&

Keine Ahnung oder was?

http://daserste.ndr.de/panorama/media/panorama3563.html

Absolutistische Demokratie

Was braucht Angela Merkel eine „Kanzlermehrheit“ im Bundestag? Sie hat ja die Grünen und die Sozialdemokraten. Die retten nicht nur Kröten und Feldhamster, sondern auch notleidende Staaten, egal, was die ökonomische Vernunft dazu sagt. Deshalb ist auch das Demokratiedefizit Euro-Europas für Tierfreunde kein Thema. Oder die drohende Einschränkung der eigenen Macht, nämlich der Budgethoheit des deutschen Bundestags, durch weitgehende Übertragung seiner Rechte bei der Bewilligung von Milliardenbeträgen.
Und was ist schon ein Schuldenberg in Höhe von 2 Billionen, den Deutschland vor sich herschiebt, wo es doch um „Solidarität“ geht und um die Wiege der Demokratie und überhaupt um Europa, das man gern mit der EU und dem Euro verwechselt? Schließlich gibt’s ja noch die „Reichensteuer“! Mit diesem Wundermittel, das vielleicht gut 5 Milliarden in die Kassen spülen würde, will die SPD nicht nur Schuldenabbau betreiben, sondern auch noch andere gute und edle Sachen wie Bildung finanzieren. Da hat aber jemand ganz scharf gerechnet.
Ob Sigmar Gabriel in letzter Sekunde Zweifel an der Vernunft des Ganzen gekommen sind? Über grundsätzliche Fragen der Europapolitik solle das Volk in Zukunft direkt entscheiden, verkündete er kurz vor der Konsensabstimmung im Bundestag und meldete Zweifel an einem „Eliteprojekt Europa“ an. Die Eliten müssten „das europäische Projekt wieder erklären, sich Mühe geben und dafür werben“.
Das klingt nach der bekannten Litanei, man habe dem Bürger eben etwas „nicht richtig kommuniziert“, wenn der sich nicht überzeugen lässt. Dabei hat er das Spiel vielleicht nur durchschaut.
Gabriel weiß, dass der Appell ans Volk auch „schiefgehen“ kann. Ist er also heimlich für das Scheitern der EU-Politik der Regierung? Damit wären alle fein raus, die ihre Zweifel an der Weisheit der europapolitischen Entscheidungen von Merkel und Sarkozy hegen, aber sich nicht outen wollen. Und wenn das Volk wider Erwarten „ja“ zur Transferunion sagte? Dann hätte es einem entweder die richtige Entscheidung abgenommen oder man wäre als Politiker wenigstens nicht daran schuld, wenn der Wirtschaftsriese Deutschland sich am Retten überhebt und verzwergt. Deutschlandgegner hielten das eh für die beste Lösung.
Sigmar Gabriels Plädoyer für ein Volksvotum ist wenig heldenhaft. Bereits jetzt sieht das Bundesverfassungsgericht einen Volksentscheid vor, sollte Deutschland Souveränitätsrechte an ein „Vereinigtes Europa“ abtreten. Eine Opposition, die erst jetzt daran erinnert, ist nicht furchtbar glaubwürdig. Oder kündigt sich hier bereits die neue „absolutistische Demokratie“ (FAZ) an, die vom repräsentativen Prinzip Abschied genommen hat und wo man nur noch in wenigen „Schicksalsfragen“ Volkes Zustimmung abholt?
Partizipation ist populär – und meistens eine faule Ausrede. Als die Grünen noch klein waren, erschien ihnen Volkes Stimme das probate Mittel zu sein, die in ordnungsgemäßen Wahlen nicht erreichte Legitimation nachzuholen. Heute haben alle Parteien diesen Vorzug erkannt. Zwar sollen die Repräsentanten politische Entscheidungen treffen, die ihnen im Sinne des Gemeinwohls die Richtigen zu sein scheinen. Doch droht die Strafe des Wutbürgers, trägt er die Schuld daran, dass man politisch nichts riskiert hat.
So schließt sich der Kreis: Politiker wollen den Bürger abholen, wo er steht, während dieser sich darüber beklagt, dass die Politik, abgehoben, wie sie ist, sein Wollen und Wünschen nicht zur Kenntnis nimmt. Das Resultat: ein tragisches Missverständnis. Und politischer Stillstand. Tatsächlich scheinen beide Seiten vergessen zu haben, was „repräsentative Demokratie“ bedeutet.
Der Bürger hat noch anderes zu tun als wählen zu gehen, niemand kann ihn zwingen, sich politisch zu engagieren. Auch darf er ungeniert seine ureigenen Interessen in den Vordergrund stellen, ohne dauernd aufs „Gemeinwohl“ schauen zu müssen. Denn dafür hat er sie ja, die demokratisch gewählten Repräsentanten, die an seiner Stelle ums Allgemeine ringen sollen. Weshalb er schon gar nicht dazu da ist, ihnen politische Entscheidungen abzunehmen.
Es ist eine nicht erst bei Angela Merkel spürbare Unsitte, das „Volk“ zu funktionalisieren, solange seine „Stimmung“ in den eigenen Kram passt. Ebenso anstößig ist es, den Charakterzuschnitt der Bürger („Egoisten“) zu bemängeln, wenn man sich aus populistischen Erwägungen nicht traut, ihnen etwas zuzumuten.
„Weniger Demokratie wagen“ fordert der Auslandskorrespondent Laszlo Trankovits in seinem Buch gleichen Titels – und meint damit, dass das Volk seinen Repräsentanten zutrauen und zumuten muss, stellvertretend Konflikte auszutragen und zu einer politischen Lösung zu führen. Statt zurückzuzucken, wenn der Souverän mal muckt – oder ihm, alternativ, Zucker zu geben, wie Angela Merkel mit ihrer Politik des gefühlten Notstands nach Fukushima. „Politikern Vertrauen schenken – und sie verantwortlich machen“, nennt er das. Eine gute Idee.
Womöglich ist es schon zu spät dafür. Die wechselseitige Verachtung von Volk und Politikern lässt sich kaum noch steigern. War es also naiv, sich von der Debatte über „Euro-Rettungsschirme“, über Europa, Deutschland und die Folgen noch etwas zu erhoffen? Muss man in Sachen Europa auf das Volksvotum hoffen, dass, sollte es dann anstehen, vernichtend ausfallen könnte - vernichtend für die Europapolitik und die Demokratie in Deutschland?
Bundestagspräsident Lammert hat womöglich erkannt, dass es nicht vertrauensfördernd ist, wenn im Bundestag nur die Ja-Sager sprechen dürfen. Er gab auch den „Abweichlern“ Raum, jenen, die einen großen Teil jener Volksmeinung repräsentieren, die ohne die paar Dissidenten im Bundestag gar keine Stimme gehabt hätten. Für diesen Versuch, das Repräsentationsprinzip zu retten, kriegt er jetzt eins auf die Mütze.
Großartig. Willkommen in der „absolutistischen Demokratie.“

Dienstag, 20. September 2011

Der gute Krieg

Lassen wir Guido Westerwelle. Natürlich kann man nicht erst gegen den Nato-Eingriff in Libyen sein und sich dann den Erfolg zugutehalten, sobald es nach einem aussieht. Und natürlich hätte sich der deutsche Außenminister ein paar bessere Argumente gegen die Tyrannenjagd der Nato einfallen lassen können als faule Ausreden. Jetzt steht er als Drückeberger vor Bündnispflichten dar und schon wird wieder geraunt: über Deutschland im Abseits. Auf dem Sonderweg.
Geschenkt.
Deutschland fehlt nicht nur ein trittsicherer Außenminister. Uns fehlt vor allem eine öffentliche Debatte, in der Optionen abgewogen, Alternativen skizziert, Risiken und Chancen eingeschätzt werden. Statt dessen stehen sich wie gehabt zwar nicht mehr „Bellizisten“ und „Pazifisten“ gegenüber, aber die Entgegensetzung von Interventionisten und Drückebergern ist auch nicht viel schlauer.
Ja doch, man wünschte sich und dem Land manchmal mehr vom hochgemuten Interventionsgeist der Nachbarn, mehr ungetrübte Freude an freiheitstrunkener Begeisterung auf dem Tharirplatz oder anderswo. Wir haben hier in Deutschland eher zu wenig als zu viel Freiheitspathos. Und dennoch: man muss kein egoistischer Verweigerer oder prinzipienstarker Pazifist sein, um Bedenken gegen Einsätze wie den in Libyen zu haben. Bedenken ist man auf jeden Fall denen schuldig, die man im Falle des Falles entsendet sehen möchte, den Soldaten. Und den Fallstricken, die jeder Eingriff bereithält, und sei er noch so sehr von besten Absichten getragen.
Völkerrechtlich stehen derlei Interventionen auf schwankendem Boden. Sie sind erlaubt, um Zivilbevölkerung zu schützen. Faktisch aber laufen sie wie soeben in Libyen darauf hinaus, einen Regimewechsel zu unterstützen. Das ist ebensowenig wie die Jagd auf Gaddhafi – um ihn zu fangen oder zu töten – von der entsprechenden Resolution des Sicherheitsrates gedeckt.
Das kümmert niemanden, wenn alles gut geht. Bislang haben die Nato und die Aufständischen Glück gehabt. Es stimmt ja nicht, dass Gewalt nichts nützt und ein Krieg nur Verlierer kennt. Aber das Kriegsglück garantiert nicht, dass immer das Gute siegt. Gut ist höchstens eine schnelle und klare Entscheidung anstelle eines blutigen, lang anhaltenden Bürgerkriegs.
Doch die Sache ist eben noch nicht entschieden. Und gerade die Freunde der Freiheit wissen, dass nicht alles, was sich Volksbefreiung nennt, dieses Versprechen auch hält. Ist das Mullah-Regime im Iran vielleicht besser als die Schah-Diktatur? Und veredelt nicht oft erst der Sieg das ursprüngliche Ziel? Was nach Gaddafi kommt, ist unklar. Außerdem ist er noch nicht am Ende. Ohne (von wem? Von der Nato?) garantiertes Gewaltmonopol aber droht anhaltende Selbstzerfleischung.
War man also mit Gaddafi gut bedient, lange Liebling des Westens, der sein prunkvolles Beduinenzelt vor kurzem noch vorm französischen Präsidentenpalast aufbauen lassen durfte? Besser das Unglück, das man kennt?
Das ist das unfreundliche Gesicht der Realpolitik. Aber fragen muss man. Schließlich: wie glaubhaft ist die Pose ausgerechnet Sarkozys, der nun, wo es nichts mehr zu kosten scheint, verkündet, sein Land werde sich „überall engagieren, wo die Freiheit der Völker und die Demokratie bedroht sind“? Als ob nicht alle wüssten, dass der Anspruch, das Menschenrecht auch außerhalb der eigenen Grenzen zu verteidigen, nicht einzulösen ist. First we take Tripolis, aber wann kommen Damaskus und Teheran dran? Auch da gibt es befreiungswürdige Menschen.
Überhaupt, die Franzosen: Sarkozys neuerwachter Kampfesgeist wird von Intellektuellen wie Bernard-Henri Levy unterstützt. Da darf man annehmen, dass die napoleonischen Feldzüge präsent sind. Kaiser Napoleon pflegte seine kriegerischen Abenteuer hervorragend abzusichern: man wolle nur Gutes, lautete die Propaganda, nämlich den Nachbarvölkern die Flamme der Freiheit vorbeibringen. Dumm, wenn man sie dabei ein bisschen verbrennen musste.
Wer hängt schon an Unterdrückern, wer liebt Diktatoren und blutige Despoten? Doch Entrüstung ist keine politische Kategorie, wie man mit dem Realpolitiker Bismarck weiß. Im Krieg wie in der Liebe wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Und stets soll es der hehre Zweck sein, der die Mittel heiligt. Gegen Propaganda wie Illusion zugleich setzen Völkerrecht und Rechtsstaat auf Regeln und Verfahren. Was sonst: Wer will entscheiden, was gut und richtig ist? Der Sieger, allein auf Grund der Macht des Faktischen? Dass der Sieger in einem militärischen Konflikt weder Grenzen versetzen noch das politische System verändern darf, ist keine Erfindung des moderne Kriegsvölkerrechts. Diese Regel fußt auf weit älteren Sitten und Gebräuchen. Eine Intervention, um das Volk einer gegnerischen Macht vom Tyrannen zu befreien, war kein legitimes Kriegsziel. Denn niemals hätten unsere Altvorderen einer Interventionsmacht abgenommen, dass sie marschiert, um Freiheit und Glückseligkeit zu bringen. Wer Soldaten riskiert, hat eigene Interessen. Und das ist auch gut so: Eigeninteresse bremst, der „höhere Auftrag“ (Gottes oder eines anderen „Prinzips“) entgrenzt.
Damit ist nicht der altbekannte Vorwurf gemeint, „der Westen“ marschiere nur ein, wo Öl oder anderer Reichtum winkt. Es ist die Selbstbeschränkung gemeint, die das Völkerrecht auferlegt. 1991 hatte man vereint Saddam Hussein daran gehindert, Kuweit zu annektieren, also eigenmächtig und völkerrechtswidrig Grenzen zu verändern. Für Saddam Husseins Entmachtung aber gab es kein Mandat.
Was also tun? Nichts tun? Abwarten – so quälend lange, wie im Kosovo, bis es fast zu spät ist? Sich beherzt in den Kampf stürzen, um sich im vormodernen Gefüge des „befreiten“ Landes zu verheddern wie in Afghanistan? Wer reingeht, muss wissen, wie es wieder rausgeht. Eine alte Soldatenweisheit, die überstürztes Handeln bremst. Dass sie entsetzlich unbefriedigend sein kann, jedenfalls wenn man Gefühl und Gewissen hat, wird man ertragen müssen, solange man nicht selbst den Kopf hinhält.
Nichts als Ambivalenzen? In der Tat. Umso mehr käme es darauf an, endlich auszuloten, welche Optionen bleiben, wenn man sich weder drücken noch moralisch-pathetisch belügen möchte. Oder ist es dafür bereits zu spät? Gut möglich, dass die Intervention in Libyen die letzte war, die sich die USA und ihre europäischen Verbündeten noch leisten konnten. Über die Folgen gilt es nachzudenken. Denn die Welt wird auch dadurch nicht gemütlicher.

Erschienen in: Die Welt, 14. September 2010

Montag, 12. September 2011

Zum Kotzen

Aus Versehen Wiglaf Droste gelesen: "Der Einsturz zweier häßlicher und sehr verzichtbarer Türme hat nur nationalfolkloristische Bedeutung. Für mich wird der 11. September 2001 bleiben als die Geburtsstunde der bemannten fliegenden Architekturkritik. Das Ingenieurbüro bin Laden & Erben könnte weiterhin viel zur Verschönerung der Welt beitragen. Gegen blindundtaube Hirne/ hilft recht gut die Abrißbirne. Um es präsidial zu sagen: auch und gerade in Deutschland."
Hier mehr, wer's aushält...

Dienstag, 6. September 2011

Sehr lesenswert: Matthias Küntzel über Breivik, Broder und die Islamkritik.
Ich lese gerade "Civilization. The West and the Rest" des großartigen Historikers Niall Ferguson und bin gerührt über die Widmung:
"It is dedicated to someone who understands better than anyone I know what Western civilization really means - and what it still has to offer the world." To Ayaan (Hirsi Ali).

Käme ein deutscher Historiker auf so eine (doch naheliegende) Idee? Oder würde man hierzulande fürchten, dann zum "Menschenrechtsfundamentalisten" erklärt zu werden?

Samstag, 3. September 2011

Renaissance der Dummheit

Die Zeiten sind hart. Nur im deutschen Feuilleton sind sie heiter. Dort walten Feingeister, die uns Analysen bescheren, die von aller Erdenschwere (und den Erkenntnissen auf den vorderen Seiten) befreit sind. Was soll man sich auch mit Ursachen und Auswirkungen der Staatsschuldenkrise herumschlagen, wenn man doch einfach gleich den „Raubtierkapitalismus“ zu Grabe tragen kann? „Wir leben in falschen System!“ heißt es triumphierend. Endlich ist sie resozialisiert, die „linke Gesellschaftskritik“, rufen die Trendsetter.
Ja, die derzeitigen Krise bietet schöne Möglichkeiten für Wohlstandsverwahrloste, den sozialistischen Traum zu propagieren: Armut für alle (die es sich leisten können). Dagegen kann sich doch nur der hässliche Deutsche sträuben, oder? Der Solidaritätsverweigerer, der Egoist, der nur an die eigenen Interessen denkt, womöglich sogar die der Nation. Einer, vor dem das Ausland wieder Angst haben muss. Weil er sich von Europa abwendet – wehret dem deutschen Sonderweg! Oder, im Gegenteil, weil er unter der Tarnkappe des Euro-Retters erreichen will, „was dem Land mit Waffen nicht gelang“, wie man es raunen hört: „Die Herrschaft über den ganzen Kontinent“. Also: ein Viertes Reich! Müssen unsere Nachbarn da nicht fürchten, unter das „Diktat Berlins“ zu geraten?
Schwachsinn? Sicher. Aber wir kennen unseren wunden Punkt. Die anderen auch. Bei jedem Nazivergleich zucken wir schuldbewusst zusammen und verzeihen allen: den Briten, wg. Humor. Und den armen Griechen, die auch mal mit dem Hakenkreuz fuchteln dürfen.
Und so darf die frisch resozialisierte „linke Gesellschaftskritik“ den alten Käse wieder aufbacken, den üblichen antinationalen und antideutschen Affekt, der im sozialistischen Paradies mündet: Am Ende sind alle gleich arm. Darauf läuft der Aufruf zur „Solidarität“ und die Warnung vor „nationalem Egoismus“ hinaus: Das (noch) prosperierende Deutschland soll ohne Wenn und Aber und auf Dauer einspringen – was an den Ursachen der Schuldenkrise zwar nichts ändert, aber wenigstens Deutschland solidarisch mitruiniert.
Schwache Analyse scheint irgendwie Zeitgeist zu sein. Selbst kluge konservative Politiker, die es besser wissen, beklagen enthemmte Finanzmärkte, wenn sie auf Beifall aus dem Publikum schielen, der ihnen dafür sicher ist. Ablenkungsmanöver im Eigeninteresse: Nicht die Banken haben den verschuldeten Ländern ihr Geld aufgedrängt, sondern Politiker haben es dankend entgegengenommen. Um natürlich nichts als Gutes zu tun – auch wenn man einigen milden Gaben ansieht, dass sie Wähler bestechen sollten.
Die Politik billigen Geldes hat alle ermutigt, über ihre Verhältnisse zu leben, die Bürger wie die Staaten. Was jetzt geschieht, ist die fällige Korrektur: Schuldenmachen auf Kosten künftiger Generationen geht nicht mehr. Punkt. Warum ausgerechnet die linke Gesellschaftskritik von dieser „Aufklärung durch die Märkte“ (Botho Strauss) profitieren soll – schleierhaft.
Ach, und das „Vierte Reich“. Mit dem ist es auch nicht weit her. Selbst wenn die deutsche Regierung sich trauen würde, für Zahlungsbereitschaft Bedingungen zu stellen, wie es im übrigen die Selbstachtung gebietet, würde es schwerlich gelingen, alle EU-Partner zum deutschen Wirtschaften zu bringen. Hinter solchen populistischen Parolen steckt nur eine Botschaft: moralische Erpressung. Weil der Euro ja schließlich nur erfunden worden ist, um Deutschland in Schach zu halten ...
Ach? Deutschland bleibt Deutschland, ob Demokratie oder nicht? Gut, dass wir darüber geredet haben...
Eine bescheidene Bitte: Ob sich unsere Repräsentanten für die Bundestagsdiskussion Ende dieses Monats intelligentere Einlassungen überlegen könnten? Ob man wohl auf moralisch aufgeblasene Vokabeln wie „Solidarität“ und „Egoismus“, auf Empörungssprech a la „Monster“ oder „Gier“ der „enthemmten Finanzmärkte“ verzichten kann? Auf alle Parolen, die den Blick nur vernebeln?
Denn der deutschen Demokratie droht ja in der Tat Gefahr. Allerdings nicht in Gestalt eines „Vierten Reichs“, sondern vom Gegenteil: Vom Wunsch, der solidarische EU-Musterknabe zu sein. Vom Wunsch der Kanzlerin, als Europaretterin ins Geschichtsbuch einzugehen. Koste es was es wolle. Und von all den antikapitalistischen Schwätzern, die den Ursprung der Staatsschuldenkrise nicht begreifen wollen: Auch der deutsche Sozialstaat, der heißgeliebte, ist auf Pump finanziert worden. Nehmet den Reichen, gebt den Armen? Die Kosten für die Eurorettung und die bereits jetzt vorhandenen 2 Billionen Schulden dürften noch nicht einmal durch an Enteignung grenzende Steuersätze reingeholt werden können.
Und gerade deshalb ist es keine Kleinigkeit, wenn der Bundestag in Sachen Eurorettungsfond seine Entscheidungshoheit einschränkt. Das Budgetrecht des Parlaments ist das Herzstück der Demokratie und nicht erst ab dreistelligen Milliardenbeträgen in Gefahr.
Zu Misstrauen gibt es jeden Grund. Die Regierung Merkel lässt eine Freude am Regelbruch erkennen, den sich der Bundestag viel zu lange gefallen ließ. Gefühlter Notstand und gefühlte Volksstimmung – schon wird herrschende Beschlusslage zu Makulatur erklärt oder Recht und Gesetz gebogen, ob bei der „Energiewende“ oder beim Eurorettungsfond. Das Parlament wurde übergangen, ließ sich übergehen und nur wenige maulten halbherzig. So kann man sich auch überflüssig machen: Wer braucht schon Repräsentanten, wenn es auch mit Volksabstimmung á la Angela Merkel geht?
Das Rechtsbewusstsein schwindet – bei denen, die eigentlich dafür einstehen sollten. Wie will man etwa den Gegnern von Stuttgart 21 plausibel machen, dass nach Recht und Gesetz zustande gekommene Beschlusslagen nicht je nach Volkslaune geändert werden können, wenn sich die Kanzlerin selbst mehr als flexibel verhält, sobald es ihr in den politischen Kram passt? Eben noch Klimakanzlerin, dann Atomaussteigerin, jetzt Europaretterin: Langsam wünscht man sich ein Ende dieser kostspieligen Suche nach dem passenden Eintrag ins Geschichtsbuch.
Der Bundespräsident, dessen Unterschrift an letzter Stelle steht, hat Widerstand gegen eine Selbstermächtigung der Kanzlerin und die Selbstentleibung des Parlaments angekündigt. „In freiheitlichen Demokratien müssen die Entscheidungen in den Parlamenten getroffen werden. Denn dort liegt die Legitimation.“ Das sind klare Worte, die man Christian Wulff schon gar nicht mehr zugetraut hatte.
Hoffentlich hält er sich dran.

Erschienen in: die Welt, 2. September 2011


Donnerstag, 7. Juli 2011

Der alternativlose Absolutismus der Angela Merkel

Alexander Gauland trauert in der "Welt" um die „verlorene Seele“ der CDU. Zugegeben: die kümmert mich mäßig. Schon eher tut es mir um die „preisgegebenen Inhalte“ leid, etwa die, mit denen die CDU 2005 in die Bundestagswahlen gezogen ist. Vom großen Wurf einer Steuerreform etwa ist gerade mal eine Art Kirschkernspucken übriggeblieben, und die nun für 2013 versprochene „Erleichterung“ muss man schon aus Gründen zeitlicher Nähe ein „Wahlgeschenk“ nennen. Stattdessen marschiert die Kanzlerin neuerdings unter dem gelbroten „Atomkraft – nein danke!“-Banner. Mit geänderten, komplexer gewordenen Verhältnissen, wie Gerd Langguth meint, hat das wenig zu tun. Auch nicht mit neuen Einsichten. Eher mit einem Abschied von der Politik, sofern sie die Mühen der Ebene bedeutet. Das scheint mir das Problem zu sein.
Nun, Deutschland und seine Bürger tun so, als ob sie das nicht weiter stört. Die Wirtschaft boomt, nicht zuletzt dank einer Ingenieurskunst, die auf technische Rationalität und entsprechend abgesicherte Entscheidungen setzt. Was schert uns da eine Regierung, die für ihre überstürzten Entscheidungen etwa in Sachen Atomenergie kein rationales Argument heranzieht (jedenfalls keins, das es nicht vor Fukushima schon gegeben hätte), sondern der gefühlten Angst der Bürger folgt, weshalb sie zur Wahrheitsfindung eine Ethikkommission bemüht?
Nun: Auspendeln wäre billiger gekommen. Ein geordneter Rückzug aus der Atomenergie auch. Die Kosten für einen Verzicht auf Stuttgart 21 sind Peanuts im Vergleich zu dem, was sonst noch auf deutsche Steuerzahler zurollt: Entschädigungen für die Atomindustrie, Subventionen für die Ökoindustrie – und dann ist da ja noch die EU, die Deutschland retten muss, wg. „Solidarität“, also selbstredend ebenfalls aus ethischen Gründen.
Ethisch gesehen ist man in Deutschland nicht pingelig. Denn sind nicht auch das Peanuts angesichts dessen, worum es geht? Um die Menschen. Um das Klima. Um den Planeten. Um die Zukunft unserer Kinder.
Also um die Zukunft der Menschheit. Mal ehrlich: wer wollte angesichts so hehrer Ziele kleinlich sein? Nicht die guten deutschen Steuerbürger, die „Steuergeschenke“ völlig zu Recht für Augenwischerei halten – aber leider ebenso darauf verzichten, sich den Kopf über eine Ausgabenpolitik zu zerbrechen, mit der es gelungen ist, die Schulden des Landes auf fast zwei Billionen Euro hochzuschrauben.
Tugendhaft fragt man sich lieber nicht, ob wir uns mit all den „Rettungsaktionen“, zu denen wir uns berufen fühlen, längst überfordert haben. Man muss nicht das Wesen zitieren, an dem die Welt genesen soll, um den Deutschen einen Hang zum Retten zu unterstellen – was wiederum der Grund ist, warum sie Katastrophen lieben, die ihre Hilfsbereitschaft erfordern. Die Kehrseite sehen sie ungern: der Gebende macht den Nehmenden abhängig. Von dieser Art ist die „Hilfe“, die man Griechenland gewährt und die seine Agonie nur verlängert, weshalb sie unwürdig ist. Dass hinter der deutschen Vorliebe für den Sozialstaat ein ähnlicher Mechanismus lauern könnte, wird ebenso ungern eingestanden.
Und deshalb ist Angela Merkels Inszenierung „Superwoman rettet den Globus und braucht unsere Hilfe dabei“ schwer zu überbieten. Was Superwoman anpackt, ist selbstredend „alternativlos“. Der Parteifreund Jens Spahn mag also beruhigt sein: Die Kanzlerin gibt sich schon lange nicht mehr als kühl-rationale Pragmatikerin, die sich am „politischen Klein-Klein“ abarbeitet. Und mag ihr auch das Gefühlstremolo abgehen: dass es mit ihr kein großes Kino gäbe, keine „Politik der Emotionen“, kann ich nicht feststellen. Gewiss, sie ist nicht so aufdringlich wie Al Gore. Aber auch Angela Merkel zelebriert die Messe, feiert eine Art union sacrée mit ihrem Volk. Erst als Klimakanzlerin, aber das war gestern. Heute ist sie als Vollstreckerin des Atomausstiegs dem gefühlten Volkswillen noch näher. Und damit hat sie die CDU von einer bloßen Volkspartei auf ein weit höheres Level gehoben: sie ist die Partei des Gattungsinteresses geworden, also das, was die Sozialdemokratie seit ihren Gründungsjahren in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts stets sein wollte und was sich die Grünen einst auf die Fahne geschrieben haben. Eine Partei, die keine ist, weil sie mehr ist als ein Teil. Die fürs Ganze steht, eben: für die Gattung. Mit der es deshalb keine Kompromisse geben kann, kein Aushandeln, kein Feilschen. Die Rettung der Welt ist unteilbar und gehört, recht eigentlich, ins Grundgesetz geschrieben. Da soll ja mittlerweile alles mögliche reingeschrieben werden, für das Gute, gegen das Böse.
So hat Angela Merkel nicht nur die FDP an die Wand gedrückt, die sich aus ihrer Selbstverzwergung als Klientelpartei nicht lösen kann. Auch der SPD fehlt ein Projekt, mit dem sie ähnlich auftrumpfen könnte. Die Grünen mögen sich noch eine Zeitlang damit beruhigen, dass der Wähler lieber dem Original statt der Kopie seine Stimme gibt – doch wer weiß, wie weit das Gedächtnis des Wahlvolks reicht.
Was heißt das für die CDU? Nun, einige scheinen noch nicht begriffen zu haben, wie groß die Vorzüge sind, die der selbsterklärte Gattungsauftrag beschert. Denn alles, was im Gattungsinteresse liegt, beansprucht Souveränitätsverzicht – erst der Bürger, dann seiner Institutionen. Das Budgetrecht des Parlaments respektieren, das auf dem Weg der EU zur Transferunion verlorenzugehen droht? Nicht, wenn Gefahr im Verzug ist, wenn die rettenden Entscheidungen also schnell getroffen werden müssen. Man nannte das einst übergesetzlichen Notstand. Heute gehört es zum Regierungsstil Angela Merkels. Unter einer „pragmatischen, unideologischen Problemlöserin“ (Gerd Langguth) stelle ich mir etwas anderes vor.
Insofern trifft Alexander Gaulands Schlusspointe, so bösartig sie sein mag, ins Schwarze. Regieren in Hinblick auf Gattungsinteresse und Ausnahmezustand hat etwas Absolutistisches. Ob Angela Merkel das von Katharina der Großen gelernt hat oder beim Studium des Marxismus-Leninismus, kann den Untertanen egal sein.
Bleibt die Frage, warum die Parteifreunde in der CDU sich das alles gefallen lassen. Vielleicht, weil Angela Merkel wirklich alternativlos ist – nicht nur, was Personalfragen betrifft? Denn wer ausgerechnet jetzt die Kanzlerin stürzen will, kann gleich zur Wahl von Rotgrün aufrufen. Ein Gegenprogramm zum Ausstieg aus der Atomkraft ist schlechterdings nicht denkbar, obwohl der Ausstieg aus der einen Energieform erfolgt, ohne dass der Einstieg in eine andere bereits gesichert wäre. Angela Merkel hat sich unangreifbar gemacht.
Wer aufs große Ganze zielt, muss sich nicht mit dem schmutzig-partikulären Kleinklein der Politik abgeben, mit den bloßen „Interessen“, die man in Deutschland seit je zu den niederen Instinkten zählt. Das Faszinierende an der Kanzlerin ist, wie virtuos sie die Idee des übergesetzlichen Notstands anspielt, der vor allem ihr eigenes Handeln (oder Unterlassen) alternativlos mache. Angela Merkel – Weltgeist.
Dagegen ist nicht nur die CDU machtlos. Doch was für die einstige Volkspartei tragisch sein mag, ist dramatisch für das Land. Wer glaubt, wir würden von Stümpern regiert, irrt sich womöglich. Es ist weit schlimmer.
In leicht gekürzter Form erschienen in der Welt, 7. Juli 2011

Dienstag, 21. Juni 2011

Marx: Alle Windkraftanlagen stillegen!

In Kirtorf im Vogelsbergkreis ist am Sonntag ein Windkraftrad umgeknickt und hat die gesamte Anlage zerlegt. “Warum kann ein Windrad einfach abknicken”, fragt die Alsfelder Allgemeine, “obwohl es eigentlich auf Kräfte ausgelegt ist, ‘die einer Tsunami-Böe (sic!) trotzen’?” Nach diesem Super-Gau fordert der Landrat Rudolf Marx die sofortige Stillegung sämtlicher Windkraftanlagen gleichen Typs. “Aus Gründen der Sicherheit”. Das verdient Respekt. Seit Fukushima ist man auch im Vogelsberg wachsam geworden. Immerhin stehen hier noch 17 WKA gleichen Typs, die eigentlich Tsunamis und Böen aller Art trotzen können müssten, inklusive der entsprechenden “Kräfte”.
Schlimm für den Vogelsberg, wo normalerweise mäßige Kräfte walten. Doch auch im gesamten Bundesgebiet sind hunderte dieser Anlagen im Einsatz. Was wird nun aus der Energiewende?
Im Vogelsberg schaut man besorgt auf die Skyline, an der sie noch immer rotieren, unsere vielen schönen Windsammler. Man hatte gerade begonnen, sich an sie zu gewöhnen… …

Montag, 20. Juni 2011

Wikipedia - seriös UND unterhaltsam!

Es ist immer wieder interessant, zu beobachten, wie sich die eigene Biografie hinter dem eigenen Rücken verändert. Dank Wikipedia! Da gibt es stets Überraschungen. Folgende Korrespondenz ist in jeder Hinsicht reizvoll:

"Die Biografie von Cora Stephan wird seit einigen Monaten immer wieder selektiv und politisch einseitig verändert, zuletzt von Justus Nussbaum. Eindeutig falsche Aussagen (C. St. ist für Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken) wurden zwar korrigiert, aber man fragt sich wirklich, warum nicht auch auf andere Themenfelder hingewiesen wird, mit denen sich C. St. beschäftigt (Frauen, Politik, Krieg) - sämtlich nachzulesen auf ihren Websites und in ihrem Blog.
Auch der Eintrag " Die Autorin gehört auch zu den Hauptautoren des klimaskeptischen und neokonservativen Weblogs Die Achse des Guten" von Justus Nussbaum ist alles andere als neutral oder auch nur sachlich richtig. Cora Stephan plaziert immer wieder Kommentare auf der "Achse" , gehört aber nicht zu den Hauptautoren. Noch würde sie sich jemals als "klimaskeptisch" bezeichnen (dem Klima gegenüber skeptisch zu sein, ist ziemlich unsinnig). Auch ist der "Webblog" Achse nicht "neokonservativ", mag sein, dass das einige der dort schreibenden Autoren sind. Cora Stephan jedenfalls bezeichnet sich als liberal.
Ich bitte darum, in einem Lexikoneintrag keine politischen Fehden auszutragen. Dem Nimbus von Wikipedia schadet das nur." Millebises 16:16, 20. Jun. 2011 (CEST)

"Wikipedia ist KEINE Werbeplattform! [Bearbeiten]
Der von Ihnen regelwidrig betriebene Wunsch, das Lemma Cora Stephan von allen möglicherweise unangenehmen Tatsachen frei zu halten, hat keine Grundlage. Wikipedia lässt sich nicht unbehelligt als Werbeschaufenster missbrauchen, siehe Wikipedia:Was Wikipedia nicht ist Unterpunkt 3. Da hilft auch kein dauernd online präsent sein und Editwar zu versuchen. - Aus dem Blick auf die Beiträge von User:Millebises geht hervor, dass fast ausschließlich dieses eine Lemma bearbeitet wurde, daher wohl die Autorin Stephan selbst dahintersteckt. Umso mehr wundert es, dass jemand mit dem Ausbildungshintergrund so wenig Wp-Regelkenntnis - bei frei und leicht zugänglichem Regelwerk - erworben hat. - Und dann die seltsame Drohung mit dem "öffentlich machen". Alles was online bei Wikipedia passiert, ist und bleibt dauerhaft öffentlich, da online dokumentiert und prinzipiell zugänglich. - Seinen eigenen Artikel aber so zu "verteidigen" als wäre es eine eigene, private Homepage ist doch etwas (online-)weltfremd. Hausrecht hat man individuell prinzipiell nicht bei Wikipedia. - Ich mache mal einen Vorschlag für einen - angesichts dieser geltenden Regeln - auch für mich noch tragbaren Kompromiss. 1. Achgut bleibt drin, wird aber von mir in der Beschreibung abgemildert zu "umstrittenen" statt "neokonservativen" Weblog. 2. DRadio-Ref bleibt drin, aber ohne das attributierte PR-Gesülze. 3. Sie klären mal auf, was an biografischen Fakten mit den Angaben Lektorat, Übersetzerin und Kolummnen angesprochen wurde im Text, dazu gibt es nämlich bislang keinerlei Belege. 4. Sie verhalten sich fortan sachlich und kompromissbereit (und geben die reichlich alberne Pseudo-Eigentümer-Haltung mitsamt Editwar-Neigung s.o. auf). - Die Tatsache, dass dieser unhaltbare Anthologie-Abschnitt kurzerhand von Ihnen zurückgenommen wurde, macht mich optimistisch, dass sich vernünftiges Reden mit Ihnen lohnt. Sachliche Gründe, auf diesem Atomforum-Lobby-Aktivsein - das bestens belegt ist! - zu bestehen, gäbe es durchaus. Schließlich werden Persönlichkeiten wie Dieter Hildebrandt auch mit Wp-Streit um seine jugendliche(!) NSDAP-Mitgliedschaft etc. behelligt. Falls von Ihnen keinerlei Einsicht in die Wp-Regeln erkennbar wird, bleibt leider nur eine interne Vandalismusmeldung. Ich hoffe, das ist nicht nötig. -- Justus Nussbaum 16:52, 20. Jun. 2011 (CEST)"

"Justus Nussbaum [Bearbeiten]
Guten Tag, Herr Nussbaum. Ich lese Ihre Antwort auf die Interventionen meines Mitarbeiters mit Verblüffung. Es geht nicht darum, den Eintrag "von allen möglicherweise unangenehmen Tatsachen frei zu halten", mein Diskussionsbeitrag auf dem Atomforum ist bekannt, man kann das alles auf meiner Website nachlesen. Er ist mir auch keineswegs unangenehm. Ich frage mich nur, warum ausgerechnet dieser Beitrag in einer BIO hervorgehoben werden soll - wo es doch noch so viele andere erwähnenswerte gibt - zuerst im übrigen nachweislich falsch.
Auch frage ich mich, warum Sie einen Diskussionsbeitrag als "Atomforum-Lobby-Aktivsein" bezeichnen und mit der jugendlichen NSDAP-Mitgliedschaft von Hildebrandt vergleichen. Weder ist die "Atomlobby" eine Partei, noch bin ich der beigetreten. Ich würde auch der Alternativenergie-Lobby nicht beitreten. Sie verwechseln Diskussionsbereitschaft mit Gefolgschaft.
Ähnliches gilt für Ihren Hinweis auf meine "Achse"-Tätigkeit. Sie scheinen das Kommentieren auf der Achse ebenfalls mit Parteimitgliedschaft (in der NSDAP?) zu verwechseln. Ein Blog von derart vielen Autoren ist nicht automatisch "klimaskeptisch" (allein schon ein schwachsinniger Begriff) oder "neokonservativ" - und im übrigen auch nicht deshalb schon "umstritten", weil er Ihnen nicht passt.
Oder soll ich nach den Erfahrungen mit Ihnen von der "umstrittenen" Wikipedia reden?
Und wieso ist ein Zitat aus einer Rezension in der FR genehm, aber ein Zitat aus einer Rezension im DeutschlandRadio "PR-Gesülze"?
Ihren Tonfall empfinde ich im übrigen als überaus unangenehm und unsachlich. "Editwar" wird, wenn ich mir die Versionsgeschichte "meiner" Bio anschaue, wohl eher von Ihrer Seite betrieben.
Warum ist der Anthologie-Abschnitt "unhaltbar"? Ich habe ihn nicht veranlasst, außerdem ist er unvollständig. Ich habe meinen Mitarbeiter gebeten, ihn zu entfernen, da es zuviel Zeit kosten würde, ihn zu vervollständigen.
Die "interne Vanadalismusmeldung" interessiert mich. Kann mein Mitarbeiter auch Sie als "Vandale" melden? Ich hoffe natürlich auch, dass das nicht nötig ist.
Ich mache einen Vorschlag: Sie verweisen in der Bio auf meine Websites, da steht alles nötige drin. Dann muss Wikipedia auch keine Werbung mehr für meine Werke machen (wenn allein schon die Aufzählung derselben Werbung sein soll). Dass ich Atom-Lobby-aktiv bin, klimaskeptisch (warum nicht "Klimaleugnerin"?!) und neokonservativ, schreiben Sie dann bitte als Ihre eigene Meinung hinein. Dann kann sich auch jeder andere eine Meinung bilden.
Ich hoffe, dass es bei Wikipedia auch noch maßvolle Menschen gibt und nicht derart aggressive "Aktivisten" wie Sie.
Herzlich, Ihre Cora Stephan PS. Ich werde hier sicher auch gegen irgendwelche Regeln verstoßen haben, sehen Sie's mir nach, ich beschäftige mich meistens mit anderen Dingen."

Freitag, 10. Juni 2011

Hitlers erster Krieg

Vielleicht hilft es, wenn man eine Weile Deutschland verlässt, damit man Distanz zu unsren Obsessionen gewinnt. Wie man den hindsight-Fehler vermeidet, zeigt die großartige Untersuchung von Thomas Weber...

Über Thomas Weber, Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg - Mythos und Wahrheit. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer, Propyläen, Berlin 2011, 585 Seiten.

Dass Hitler im ersten Weltkrieg ein guter Soldat gewesen und in größter Gefahr unzählige Male dem Tod entgangen sei, das Antlitz des Kriegs also weit besser kannte als die Generäle hinter den Linien, und dass er sich insofern halbwegs plausibel einbilden durfte, vom Kriegführen etwas zu verstehen, haben weit größere Geister als einst die Rezensentin versichert. Es stimmt, der Gefreite Hitler, der sich freiwillig gemeldet hatte, diente fast ununterbrochen an der Westfront, und zwar als Meldegänger. Wer sich aus den vorhandenen Informationen ein Bild von der Schlacht an der Somme oder dem Kampf um Verdun gemacht hat, ahnt, wie gefährlich Meldegänger lebten - ähnlich gefährdet wie jene Soldaten, die die Essensrationen in die Schützengräben bringen mussten. Sie waren Scharfschützen und Maschinengewehrfeuer ausgesetzt und stets davon bedroht, in einem der mit verwesenden Leichen und verseuchtem Wasser gefüllten Granattrichtern zu ersaufen. Und war nicht der österreichische Gefreite mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse geehrt worden, einer Auszeichnung, die Mannschaftsgraden normalerweise nicht zustand?
Mit dieser Heldenbiografie beglaubigte Hitler die mythische Verbundenheit mit dem deutschen Volk: Seine politischen Vorstellungen seien aus dem Schützengraben hervorgestiegen, im Einklang mit den deutschen Frontkämpfern, deren Kameradschaft ihm Heimat gewesen sei. Der Krieg sei ihm Universität und sein größtes Erlebnis gewesen, ja er sei vom Krieg und von seinem Regiment geschaffen worden. Diese Einheit von Führer und Volk haben ihm nicht nur die abgenommen, die ihm gefolgt sind. Auf dieser Legende beruhen auch manch andere Thesen - etwa vom aggressiven antisemitischen deutschen Charakter. Hitler hat früh schon das ganze „deutsche Volk“ in eine tödliche Umarmung genommen, deren Spuren ihm noch heute anhaften.

Thomas Weber, in Hagen geborener Historiker, der Europäische Geschichte in Aberdeen lehrt, ist anhand neuer Akten- und Dokumentenfunde dem Mythos vom tapferen Frontkämpfer und treuen Kameraden Hitler nachgegangen. Jetzt liegt in deutscher Sprache vor, was sich trotz seiner knapp 600 Seiten wie ein historischer Spannungsroman liest. Akribisch entblättert Weber Hitlers Legende - angefangen mit Hitlers Anwesenheit auf einer Kundgebung auf dem Münchner Odeonsplatz im August 1914. Viel bleibt vom Mythos nicht übrig. Hitler diente nach seiner „Feuertaufe“ beim flämischen Dorf Gheluvelt und nach der Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse nicht in den Schützengräben der Westfront, sondern als Meldegänger des Stabs des sogenannten List-Regiments, der einige Kilometer hinter den Linien residierte. Ein Etappenschwein also, kein Frontkämpfer. Er galt als Einzelgänger. Teil einer Schützengrabenkameradschaft war er ebensowenig wie man dort gemeinsame politische Überzeugungen pflegte, gar antisemitischer Art.
Webers Quellen geben keine Auskunft über einen verschworenen antisemitischen und hasserfüllten Haufen von Frontkämpfern, in dessen Mitte Hitler eine Heimat hätte finden können. Von einer frühen Symbiose mit dem deutschen Volk kann schon mal gar nicht die Rede sein. Das Eiserne Kreuz I. Klasse wurde dem Gefreiten 1918 überdies, welch Ironie der Geschichte, auf Vermittlung des ranghöchsten jüdischen Offizier seines Regiments verliehen, Hugo Gutmann. Wäre Hitler damals schon bekennender Antisemit gewesen, hätte Gutmann die Ehrung wohl kaum befürwortet. Die Heldentat, deren Hitler sich später rühmen ließ - er habe Anfang Juni 1918 ganz allein zwölf französische Soldaten gefangengenommen - wurde im übrigen von Hugo Gutmann begangen, dem es 1940 mit knapper Not gelang, nach Amerika zu entkommen.
Hitler hat einen wochenlangen „Wirbelsturm des Trommelfeuers“ nie erlebt. Die schrecklichsten Verluste erlitt sein Regiment, nachdem er im Oktober 1916 nach einer leichten Verwundung Heimaturlaub angetreten hatte. Nicht nur die Moral an der „Heimatfront“ brach zusammen, wie Hitler später schrieb, sondern auch die seines Regiments.
Tatsächlich, schreibt Weber, galt Hitler als durchaus tapfer, aber nicht als ehrgeizig. „So eigenartig das klingen mag: Adolf Hitler bewies im Krieg keinerlei Führungsqualitäten.“

Die minutiöse Analyse, die Thomas Weber anstellt, ist spannend genug. Seine Arbeit ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie anschaulich Geschichte geschrieben sein kann, nicht trotz, sondern wegen größter Quellennähe. Die Lektüre eröffnet aber weit mehr Erkenntnisse als jene, dass Hitler seine Biografie geschönt hat, um die Einheit von Führer und Vaterland, im Krieg geschmiedet, zu behaupten. Weber zeichnet ein Bild vom Deutschen Reich vor Hitler, das weder des Führers vaterländischem Panorama entspricht noch dem Zerrbild, das die Deutschen bis heute selbst verinnerlicht haben. Dieses Zerrbild verdankt sich sowohl der Propaganda der ehemaligen Kriegsgegner als auch einem epochemachenden Werk, das einst stark umstritten war und heute zur Schullektüre zu gehören scheint: Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“, in dem das Deutsche Reich als preußisch-militaristischer Parvenü erscheint, der mit aggressiver Eroberungspolitik zur Weltmacht aufschließen will.
Webers Analyse hingegen ist geprägt von der Nüchternheit britischer Historiker, die längst von eigener nationaler Legendenbildung frei sind, und der präzisen Kenntnis eines deutschen Schuldkomplexes, deren Anhänger das Verhängnis oft schon bei Luther (mindestens!) beginnen sehen. Nebenbei ist er, als dessen ehemaliger Schüler, Niall Ferguson verbunden, dessen Buch „Der falsche Krieg“ rigoros mit der These von der deutschen Kriegsschuld aufräumte - und der die Borniertheit der Briten und Franzosen rügt, die im eigenen nationalen Größenwahn versäumten, den Aufsteiger Deutschland einzubinden in die Riege der Großmächte.
„Hitlers erster Krieg“ entlarvt mit der nationalsozialistischen Legendenbildung also auch den Schuldspruch über „die“ Deutschen. Dazu gehört etwa die Vorstellung, das Volk habe Hitler an die Macht gejubelt, und nicht, wie es wirklich war, die Parteien. Dazu gehört ebenso die Unterstellung, dass Antisemitismus zur natürlichen Grundausstattung aller Deutschen gehörte. Oder die These, die Erfahrung des Ersten Weltkriegs habe zu einer Brutalisierung und damit zu einer aggressiven Männlichkeit geführt, die sich Hitlers Gröfaz-Plänen bereitwillig unterwarf.
Stück für Stück, teils in dichter Analyse der deutschen militärischen Optionen, rückt Weber das Bild zurecht. Weder gab es einen deutschen Sonderweg noch war das Deutsche Reich reaktionär - den Ruf verdiente sich vielmehr das zaristische Russland. Auch war es nicht der Krieg, der Hitler und seine Kameraden radikalisierte, ebensowenig war sein Regiment die Brutstätte nationalsozialistischer Ideen. Und schon gar nicht entsprang Hitlers Wahn der Mitte der Gesellschaft: Die deutsche Gesellschaft hatte kein „Feindbild“, auch nicht der Franzosen oder Briten, sie drängte nicht aktiv auf den Krieg, sie sah sich 1914 vielmehr bedroht und zur Selbstverteidigung gezwungen - gegen einen Feind, der sich ausgerechnet mit dem reaktionären Russland verbündet hatte. Auch jubelte man keineswegs allenthalben bei Kriegsanbruch, höchstens in den Städten und oft bloß in die Kameras.
Und die „Kriegsgreuel“ beim Durchmarsch durch Belgien? Weber macht plausibel, dass nicht deutsche Zerstörungswut, Mordlust und Hass regierten, sondern Angst, die zu einem tragischen Missverständnis führte. Die deutschen Truppen fürchteten sich, in Erinnerung an 1870/71, vor „franc tireurs“, vor Scharfschützen aus dem Hinterhalt, vor als Zivilisten getarnten Partisanen. Die belgische Bürgergarde, reguläre Kombattanten, trugen keine als solche erkennbaren Uniformen - die Deutschen hielten sie deshalb für Freischärler.
Zum berühmten „Weihnachtsfrieden“ 1914 kam es im übrigen tatsächlich - allerdings nur dort, wo auf der anderen Seite Briten lagen. Das spricht nicht für weitverbreitete Anglophobie, zumal sich die Verbrüderung über die Schützengräben hinweg 1915 wiederholte. Im übrigen schienen die Männer aus Devonshire oder Norfolk der britischen Propaganda von den deutschen Soldaten als verrohten Monstern nicht ohne weiteres zu glauben.
„Im Felde unbesiegt“ waren die Deutschen nicht. Das Kriegsende sah sie demoralisiert, wie viele ihrer Gegner auch. Sie kehrten dennoch nicht brutalisiert und radikalisiert zurück, im Gegenteil: sie wollten, wie auch die Briten oder Franzosen, nach Hause. Sie wollten den Krieg vergessen.
Wo aber, wenn nicht an der Front im Milieu Gleichgesinnter, fand Hitler zu seinen radikalen Ideen? Die jüdischen Soldaten des Regiments waren besser integriert gewesen als das „Etappenschwein“ Hitler. Dort hat er Antisemitismus also nicht gelernt. Und der Bolschewismus? Auch während der Münchner Räterepublik gehörte er nicht zu den fanatischen Kommunistenjägern. Wie aus ihm ein charismatischer „Führer“ und ein mörderischer Antisemit wurde, weiss selbst Thomas Weber nicht zu sagen.
Webers Buch ist über weite Strecken eine Ehrenrettung der Deutschen vor Hitlers Zeit, wie es im übrigen jüngst auch Philipp Blom (Der taumelnde Kontinent) versucht hat. Nicht „die Deutschen“ haben Hitler gewählt, auch 1932 nicht, als, im Gegenteil, die NSDAP fast am Ende war. Es waren die Konservativen, die ihn im Januar 1933 zum Reichskanzler machten. Die politische Elite hatte versagt.
Webers Buch lohnt die Diskussion. Wer darin einen „Freispruch“ für die Deutschen erkennen möchte, greift zu kurz. Dass sie sich im Ersten Weltkrieg kaum von ihren angeblich zivilisierteren Gegnern unterschieden, bedeutet eine weit bittere Erkenntnis: die Zerstörung der Demokratie ist keine deutsche Spezialität.

(C) 2011 Cora Stephan

Donnerstag, 9. Juni 2011

Die Zukunft des Buchmarkts - finster

Keynote auf den Buchtagen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zum Thema „Im Sog der Evolution“, Berlin, 9. Juni 2011

Ich komme als Überbringerin guter Nachrichten, sehr geehrte Damen und Herren. Von uns deutschen Autoren haben Sie nichts zu befürchten. Wir bleiben, was wir sind: Treue Anhänger des „Buchs, das nicht untergehen darf“, weshalb wir nicht müde werden, von ihm zu schwärmen – von diesem Mysterium aus Papier, Leim und Druckerschwärze, das uns seit unserer Jugend begleitet, von seinen innewohnenden Geheimnissen, von seinen haptischen und olfaktorischen Reizen. Davon, was es heißt, es in den Händen zu halten unter dem sanften Licht einer Leselampe. Wir pflegen deshalb sein digitales Derivat ähnlich angeekelt zu betrachten wie kultivierte Leser einst das Taschenbuch, dieses Einfallstor für Schmutz und Schund.
Und so ist uns auch das angestammte Reich dieses Mysteriums heilig – die kleine Buchhandlung um die Ecke, wo gebildete Damen und Herren den Kunden an der Nasenspitze ansehen, mit welchen Preziosen der Dicht- und Denkkunst sie ihnen eine Freude machen können. Nicht mit Massenware, natürlich. Weshalb wir auch die kleinen Verlage lieben, diese unermüdlichen Entdecker köstlich unbekannter Autoren und Werke, die es, genau wie wir, nicht des Profits, sondern der Sache wegen tun.
Autoren, mit anderen Worten, haben ein sozusagen natürliches Missverhältnis zur Realität. Kundige Verlegerpersönlichkeiten halten sie deshalb fern von den unschönen Seiten des Geschäfts. Die meisten Autoren sind über Verlagsverträge so glücklich, dass sie jeden unterschreiben würden. Und dass sie recht eigentlich „Contentproduzenten“ sind, ohne die kein Verlag die Geschäftsführung und die Buchhaltung bezahlen könnte, hören sie ungern. Das klingt so gefühlsarm. So kühl kalkulierend. Mit dem Rechnen haben wir Autoren es nämlich nicht so.
Und deshalb sitzen wir lieber mit all den anderen netten Menschen im Keller und pfeifen. Es wird schon so schlimm nicht kommen. Nicht im kultivierten Deutschland. Dort hat im Jahre 2010 schließlich nur ein verschwindend geringer Teil der Buchkäufer ein E-Book erworben, es handelt sich dabei angeblich vor allem um Männer, jüngere, während wir ja alle zu wissen glauben, dass es die älteren Frauen sind, die Bücher kaufen. Die aber scheinen bislang noch nicht so recht bereit zu sein, ihren Schmöker im Bett auf dem IPad oder dem Kindle zu lesen.
E-Book-Käufer sind also eine Minderheit, und damit die sich nicht auch noch vermehrt, haben die Verlage beschlossen, so ein digitales Teil möglichst teuer zu machen. Also: normaler Mehrwertsteuersatz statt des ermäßigten und höchstens zwanzig Prozent billiger als in gedruckter Form. Das wird den Leuten die Lust auf diesen digitalen Kram schon vermiesen!
Applaus. Es danken: die Autoren, die den alten Schlachtruf „Macht unsere Bücher billiger“ noch immer nicht verstanden haben.

Hochverehrtes Publikum, ich weiß ja, wo ich hier stehe, bei meinen Verbündeten, meinen Gegnern, meinen großzügigen Unterstützern, meinen gnadenlosen Profiteuren, meinen Fans und meinen Verächtern, und Sie werden von mir nicht verlangen, dass ich es mir mit Ihnen allen auf einen Schlag zu verderben versuche. Lassen Sie mich deshalb bei den Autoren bleiben, und zwar bei denen, die, wie trotzige Kinder, dem Gängelband von Verlagen und Buchhändlern entfliehen und sich selbständig machen möchten. Das sind diejenigen, die sich anschicken, ein Bündnis mit dem Teufel zu schließen. Mit amazon, dem bösen Versucher, der mittlerweile in großem Stil auf Verlag macht.
Sie kennen diesen Autorentypus. Der hat schon anno dunnemals gemault, als ihm sein Verlag nicht honorieren wollte, dass er die bis dato teure und ineffiziente Texterfassung selbst übernahm, mit dem teuer finanzierten Computer, was den Verlag Geld sparte und Fehler reduzierte. Und als sich die Verlage, ohne ihre Autoren groß zu fragen, auf 20 % Autorenanteil beim EBook geeinigt hatten, hat der wieder aufgemuckt, und zwar mit dem weltfremden Argument, dass doch der Buchhandel normalerweise 40 und mehr % vom Ladenverkaufspreis kassiere, während die meisten Autoren sich mit weit unter 10 % bescheiden müssten. Und dass man das digitale Äquivalent des E-Book ja sozusagen bereits frei Haus geliefert habe. Wieso beim Wegfall der Herstellung, des Vertriebs und der Lagerung des handfesten Buchs also nicht mehr für ihn abfalle?
Das sind übrigens die Autoren, die auch schon mal fragen, wieso sie den Buchhandel eigentlich lieben müssten, all die vielen netten Menschen, die ihre Bücher jedenfalls nicht verkaufen, sondern nur das anbieten, was bereits in den Bestsellerlisten steht oder eine ähnlich sichere Nummer ist. Einen Buchhandel, der sich dann auch noch wundere, wenn die Kunden gelangweilt wieder rausgehen aus dem Schatzkästlein für Entdeckerfreudige, weil sie in dem nur noch vorfinden, was schon überall herumliegt, beim Supermarkt und an den Tankstellen.
Solche Autoren erzählen gern davon, dass etwa Liza Marklund ihre Bücher in schwedischen Tankstellen verkauft habe und Nele Neuhaus ihre Krimis über Metzgereitheken gehen ließ, bevor sich ein Verlag für die neue Krimikönigin interessierte. Es waren die Autorin selbst und die Kunden, die den Buchhandel auf Neles Taunuskrimis aufmerksam gemacht haben – das gilt, wie man hört, übrigens auch für Thilo Sarrazins Buch, auf das der Buchhandel erst nichts gab.
Wenn man diese Autoren auf die Gatekeeper- und Portalfunktion von Buchhandlungen und Verlage aufmerksam erntet man nicht selten Hohngelächter. Die Verlage, sagen sie, hielten ja keineswegs die Flut des immergleichen Immerseichten von den Lesern fern, verpassten aber dennoch oft das Bestsellerträchtige und müssten – wie viele Buchhändler auch – von den Autoren und den Lesern zum Jagen getragen werden.
Wenn also Verlage und Buchhandlungen ihre Bücher nicht mehr an- oder verkaufen, denken solche Autoren, weil sie nur noch auf Bestseller setzen, kann man es getrost auch selbst tun. Das Einfallstor dafür: das E-Book und amazon, wo man Autoren 70 % vom Verkaufspreis anbietet.
Ich weiß, dass Sie alle, die Sie hier sitzen, weit besser rechnen können als ich, ich bin ja schließlich eine Autorin. Aber ich versuche es trotzdem einmal: bei 10 % von einem Ladenpreis von 20 Euro erhält der Autor pro Buch 2 Euro. Bei sechs Prozent von neun Euro für ein Taschenbuch erhält er 54 Cent.
Bei 20 % von einem 15 Euro teuren E-Book erhält er 3 Euro. Bei 70 % von einem 6 Euro teuren amazon-E-Book erhält er pro verkauftes Exemplar hingegen 4 Euro 20 – mit guter Aussicht auf einen erheblich höheren Umsatz und, nebenbei, auf die abnehmende Attraktivität digitaler Piraterie.
Hohe E-Book-Preise halten die Käufer fern, die nicht einsehen, dass sie dafür nur unwesentlich weniger zahlen müssen als für ein „richtiges“ Buch, das sie in der Hand halten und ins Regal stellen können. Sie bedenken nicht, dass das Teure am Buch in den seltensten Fällen noch seine gegenständliche Existenz ist. Auch die inhaltliche Arbeit am Manuskript bestimmt den Buchpreis nicht, nicht die im Lektorat und erst recht nicht die des Autors. Es sind die Overheadkosten der Verlage und der Vertrieb, die die Kosten treiben. Das alles aber kann sich der Autor sparen, der seine Seele an amazon verkauft.

Nun, die Einwände dagegen sind bekannt und werden übrigens besonders oft von den Autoren geäußert. Was wären Bücher ohne ein anständiges Lektorat! Wie kommen sie an ihre Leser ohne Werbung! Ohne professionelle Pressearbeit! Ohne engagierte Buchhändler!
Lassen Sie mich die Antwort kurz machen. Für ein ordentliches Lektorat hat man in vielen Verlagen keine Zeit mehr. Autoren haben mittlerweile nicht nur Texterfassung, sondern auch professionelles Layout gelernt und helfen sich im übrigen längst untereinander aus: mit intensivem gegenseitigem Lektorat ebenso wie mit neuen Marketing-Tricks im Internet. Eine gut gepflegte mailing-list ist selbstverständlich bei Autoren, die eine eigene Website unterhalten – auch die, selbstredend, auf eigene Kosten.
Und ob sich das E-Book-Publishing lohnt? Mal sehen. Ein deutscher Kollege hat jüngst einen Roman bei amazon eingestellt und binnen zweier Monate 900 Stück davon verkauft. Für einen Preis von 4,99. Ganz ohne Werbung.

Aber hatte ich Ihnen nicht versprochen, dass die deutschen Autoren treu zum Buch und seinen Marktagenten halten?
Nun, garantiert ist das natürlich nicht. Auch wage ich nicht zu hoffen, dass mein kleiner Bericht vom Denken und Trachten der Autoren, den weithin unbekannten Wesen, bei Ihnen zum Aha-Erlebnis wird. Es fällt schon auf, wie gut hierzulande die Diskussion über die digitale Zukunft des Buchs ohne die Autoren funktioniert, die offenbar weder von den Verlagen noch von den Buchhändlern in ihr Kalkül einbezogen geschweige denn umworben werden. Dabei wäre ein neues Bündnis durchaus nicht auszuschließen, da wir ja wissen, wie treu Autoren sind und sein wollen.
Wie also wird das Spiel ausgehen? Lesen wir die Zeichen.
Die britische Buchhandelskette Waterstone’s will unter der Leitung von James Daunt vom Diktat des Zentrallagers abrücken und qualifizierten Buchhändlern ihren alten Job zurückgeben: kundenorientiert auszuwählen. Buchhändler, die ihre Kunden besser kennen als die Bestsellerlisten, dürften auch in E-Book-Zeiten überleben.
Unter den Verlagen werden die schnellen Eingreiftrupps eine gute Chance haben, die keinen großen Apparat benötigen, also Kosten nicht ausgerechnet und ausschließlich beim „Content“, das heißt den Autoren einsparen müssen.
Amazons verführerisches Angebot an die Autoren wird nicht heute, aber morgen von vielen genutzt werden – die Leser danken es ihnen. „Das Buch“ ist damit natürlich nicht an seinem Ende. Ausserdem muss es ja gar nicht schaden, wenn sich in Zukunft der Prozess umkehrt: gedruckt wird nur noch, was sich in seiner digitalen Form bereits bewährt hat – und auch nur, wenn der Leser es will. Was dann noch auf einem Büchertisch landet, ist es womöglich sogar wert, ins Regal gestellt zu werden.

© 2011 by Cora Stephan

Montag, 6. Juni 2011

Recht und Gerechtigkeit

Gerechtigkeit ist ein Zauberwort. Als ich jung war, empfand ich es als ungeheuerlichen Zynismus, dass mein Vater sich strikt weigerte, die Sehnsucht danach zu befriedigen. Gerechtigkeit, verkündete der Richter am Landgericht, gibt es bei mir nicht. Wohl aber ein Urteil nach Recht und Gesetz.
Daraus sprach gewiss die Arroganz des (deutschen) Richters, der seinen Ermessensspielraum kennt. Und zugleich die Demut des Rechtsdieners, der um die vielen Grauzonen weiß, durch die er sich bewegt. Insbesondere die Opfer von Gewalttaten vermögen schwer einzusehen, dass es bei einem Urteil weder um Gerechtigkeit geht noch um Rache oder Sühne gehen darf, sondern um Verfahrensgerechtigkeit, vulgo: das Einhalten der Regeln. Eine davon heißt: im Zweifel für den Angeklagten. Deshalb gibt es keinen Freispruch zweiter Klasse, wie im Fall Kachelmann behauptet wurde. Dass der Richter glaubte, seine Zweifel an der Unschuld des Angeklagten bei der Urteilsbegründung ein weiteres Mal zur Sprache bringen zu müssen, verdankt sich wohl eher der Medienaufmerksamkeit, die das Tribunal genoss.
Tribunal? Ja. Es fällt auf, dass einigen der Prozessbeteiligten die Regelhaftigkeit des Verfahrens nicht auszureichen schien. Die öffentliche Vorführung des Beschuldigten, wie sie nicht nur im Fall Dominique Strauss-Kahn in den USA üblich sein mag, hat mittlerweile auch in Deutschland ihre Anhänger. Jedenfalls wenn es um Prominente geht, deren tiefen Fall man dem Publikum vorzuführen wünscht, das darauf reagiert wie einst bei mittelalterlichen Exekutionen. Ein öffentliches Schauspiel für die Massen, die schon immer dem Sturz der Mächtigen applaudiert haben.
Hohn und Spott mag man als allzu menschlich verstehen, aber es stiftet keine Rechtsordnung. Ebensowenig das Sendungsbewusstsein der Staatsanwaltschaft oder der Versuch parteilicher Berichterstatterinnen, dem Verfahren einen gesellschaftspolitischen Auftrag zu erteilen.
Tatsächlich haben wir es im Prozess gegen Kachelmann mit einer „dunklen Stunde des Rechtsstaats“ zu tun, allerdings aus anderen Gründen, als die, welche Alice Schwarzer anführt. Die Emma-Frau hält es für einen Vorzug, dass Frauen häufig Recht mit Gerechtigkeit verwechselten, während Männer dabei nur an ein Regelwerk dächten, das ihrer Macht diene. Umgekehrt stimmt die Sache: das Verfahren ist von Anbeginn mit der Verhandlung über moralische Standards überfrachtet worden, obwohl die private Lebensführung von Herrn Kachelmann niemanden etwas angeht. Wahrheitsfindung überdehnt die Aufgabe des Gerichts, das eben nicht die Wahrheit zum Thema hat, sondern lediglich darüber befinden muss, ob vorliegende Beweise zur Verurteilung des Angeklagten ausreichen oder eben nicht.
Ganz sicher aber hatte es nicht die Aufgabe, darüber zu entscheiden, was im Interesse „der“ Frauen ist. „Die“ Frauen im allgemeinen haben es sicher keineswegs als Schlag auch in ihr Gesicht empfunden, dass die Nebenklägerin, das „Opfer“, ernstgenommen wurde – dadurch nämlich, dass man ihre Darstellung dem Zweifel aussetzte. Frauen sind keine willenlosen Opfer, denen man aktives Handeln nicht zutrauen darf. So bitter das im Einzelfall auch ist: Gerichtsverfahren sind nicht dazu da, über gesellschaftliche Rollen zu befinden und allgemeine moralische Standards zu setzen. Ihre Aufgabe ist begrenzt – und das ist auch gut so.
Die medienöffentliche Stimmung aber suggeriert, dass das nicht ausreicht. Als ob wir uns hierzulande mitten im alten Streit zwischen wahrer deutscher Kultur und bloßer oberflächlicher Zivilisation befinden, wie ihn Thomas Mann einst skizziert hat, gelten heutzutage „bloße Regeln“ als ebenso kalt und unmenschlich wie sachliche Argumente oder das Teufelswerk Statistik und Zahlen. Es gilt die gefühlte Wahrheit, nicht aber das, was Sache ist. Dazu passt auf erschreckende Weise, dass eine sachliche Entscheidung über die Nutzung der Atomenergie heutzutage und hierzulande einer sogenannten Ethikkommission überlassen wird und dass Wissenschaftler allen Ernstes die Demokratie und den Willensentscheid der Bürger suspendieren wollen, sobald es um Zukunftsentscheidungen geht, die ja über deren Horizont gingen.
So samtpfötig kommt ein neuer Totalitarismus daher, in dem Tugendwächter und Wissenseliten ihre Moral und ihr Expertenwissen ausspielen. Da lob ich mir die Demut des rechtsstaatlichen Gedankens, der sich auf Verfahrenstreue beschränkt. Nur das entspricht menschlichem Maß.
DeutschlandRadio, Politisches Feuilleton, 6. Juni 2011