Montag, 9. April 2018

Die beste Feindin der Frau


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Wer hätte das gedacht? Wenn Frauen dürfen, tun sie, was sie wollen. Nicht, was sie sollen.
Seit Frauen, jedenfalls hierzulande, nicht mehr den Gatten fragen müssen, ob sie dieses tun oder jenes lassen dürfen, also seit etwa 1977, ist genug Zeit verstrichen, um verlässliche Aussagen darüber zu treffen, was es will, das Weib, wenn es frei ist, sich zu entscheiden.
Möchte es in die Aufsichtsräte der Republik? Begehrt es, neue Wege der Energiegewinnung zu erforschen? Möchte es auf den Mond geschossen oder an entlegene Kriegsschauplätze entsandt werden, Wolkenkratzer oder Fußgängerbrücken errichten? Nur zu! Republikweit wird Frauen der rote Teppich vor die Füße gelegt und innigst gebetet, dass sie ihn auch betreten mögen.
Doch sie tun es einfach nicht. Eine neue Untersuchung hat untermauert, was man außerhalb der Filterblase von feministischen Lobbies, Frauenbeauftragten und Politiker längst ahnt, ach was: weiß: Frauen wollen nicht massenhaft Aufsichtsrat werden. Und auch nicht Ingenieur oder Informatiker, weshalb es dort partout nicht gelingen will, die Hälfte der Führungspositionen weiblich zu besetzen, wie es politisch erwünscht ist. Der weibliche Anteil an den technischen Berufen mit den höheren Gehältern steigt trotz aller Bemühungen nicht, im Gegenteil: er sinkt, und das vor allem in den westlichen Wohlstandsländern. Einer Studie ausColumbia kann man entnehmen, dass in Ländern mit den besten Bildungschancen wie den skandinavischen der Anteil der Frauen, die mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer studieren, inzwischen bei 20 Prozent stagniert. Könnte es sein, dass sich Frauen dort, wo das private Glück dank starkem Sozialstaat nicht vor allem vom Gelderwerb abhängt, freier fühlen, ihren Neigungen nachzugehen, die offenbar auch noch ganz anders geartet sind als die der Männer?
Das hört natürlich niemand gern, der Strategien wie Quotierung und positive Diskriminierung befürwortet. Es wird schon nach wie vor das Patriarchat schuld sein, das Frauen in die Küche zu den Kindern schickt. Oder auch der konkrete Mann, der ihnen beim Aufstieg im Weg steht. Oder sexuelle Übergriffe alter weißer Männer. Und dann der Gender Pay Gap: werden Frauen nicht bei gleicher Arbeit noch immer schlechter bezahlt? Politiker profilieren sich hierzulande gern mit frauenfreundlichen Forderungen, oder besser: mit allem, was sie dafür halten. Kinderbetreuung etwa, ganztags, so früh wie möglich, damit die Mütter ungehindert arbeiten gehen können.
Aber wollen sie das? Wollen das alle Frauen? Und wollen es alle Frauen gleichermaßen?
Unzweifelhaft sollen Männer und Frauen gleiche Chancen haben. Doch sie sind nicht gleich in ihren Neigungen, und das betrifft keineswegs nur den biologischen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Den allerdings auch: Frauen verdienen oft deshalb weniger, weil sie, ihrer Familie wegen, auf die eine oder andere Weise weniger arbeiten. Positiv gewendet: sie arbeiten weniger verbissen an ihrer Karriere, weil sie auch noch andere Interessen haben. Und, auch das sei berücksichtigt, weil sie (männliche) Partner haben, die sie darin unterstützen.
Wenn also Quoten und positive Diskriminierung nicht das gewünschte Ergebnis haben, sofern man darunter Gleichheit zwischen den Geschlechtern versteht, dann stellt sich die Frage, ob sie nicht geradezu schaden.
Quoten auch in Bereichen, in denen Frauen in der Minderheit sind, woran übrigens auch die Verwendung weiblicher Formen anstelle des generischen Maskulinums nichts ändert, stellt die Qualifikation jeder Frau in Frage, die hier reüssiert: sie wird stets im Verdacht stehen, lediglich Quotenfrau zu sein. Noch bedenklicher: wer die unterschiedlichen Neigungen und Interessen unterschlägt, damit also die freie Entscheidung von Frauen bezweifelt, hält sie in der Opferrolle fest. Dabei werden Frauen dank politischem Druck mittlerweile überall händeringend gesucht. An mangelnder Nachfrage dürften Frauenkarrieren also nicht mehr scheitern.
Womöglich gibt es mittlerweile nur noch eins, das weiblichem Streben im Wege steht: die Frauen selbst. Lieber sieht sich manch eine als Opfer der Männer oder des Patriarchats, als sich einzugestehen, dass sie sich nicht nur entscheiden kann, sondern auch entscheiden muss. Kurz: dass sie selbst für ihr Schicksal verantwortlich ist. Um es mit Martin Luther King zu sagen: Wir sollten aufhören, dem weißen Mann die Schuld zu geben.
Freiheit erhöht Verschiedenheit. Entsteht einer Gesellschaft, deren Eliten es doch gern möglichst bunt und divers haben, dadurch ein Nachteil? Ich denke: nein.

Zuerst: NDR, Die Meinung, 8. April 2018


Dienstag, 6. März 2018

Munin - der Roman zur Lage und zur Zeit



Wer als freie Autorin arbeitet, muss auch mal Aufträge übernehmen, die einem nicht wirklich am Herzen liegen. Nur wegen der verführerischen Höhe des Honorars nimmt Mina Wolf den Auftrag an, zu einer Festschrift aus Anlass des tausendjährigen Jubiläums einer westfälischen Kleinstadt einen Aufsatz über den 30jährigen Krieg beizusteuern. Viel versteht sie vom Thema nicht – aber man kann sich doch kundig machen, es soll ja keine Detailstudie werden, nur eine Art Überblick über das Große Ganze.
„Nur.“
Das Große Ganze ist immerhin Herzkammer des deutschen Traumas: als Land in der Mittellage Austragungsort eines gigantischen Schlachtens gewesen zu sein, dem alle zum Opfer fallen konnten, die Bevölkerung vor allem, aber auch die zwischen den Seiten hin- und herflutenden, von Krankheit und Hunger irre gewordene Söldner.
Mina tastet sich an das Thema heran, auf der Suche nach einer „zarte(n) Nervenfaser aus jener Zeit, über die sich ein Signal senden ließ an unser Nervengestränge.“ Eine mühselige und trostlose Suche, und das in einem herrlichen Sommer, der noch verführerischer nach draußen gelockt hätte, wären von dort nicht Signale an der Schriftstellerin empfindliches Ohr gedrungen, schriller als die Trompetenstöße vor einer Feldschlacht. Durch die eigentlich ruhige Berliner Straße, die Hälfte gepflegte Altbauten, die andere Hälfte billig hochgezogene Neubauwohnungen, schallt von morgens bis abends der misstönende Gesang einer Frau, die vom Balkon herab Arien von Callas bis Czardasfürstin zum Besten gibt, erst solo, später im noch schrilleren Duett mit der Originalaufnahme.
Der Protest der Anwohner fruchtet nicht, er ermuntert die Sängerin eher. Mina Wolf fühlt sich bald eingekreist von einer wahren Kakophonie, die nicht nur sie reizbar macht; die Nachrichten aus aller Welt stimmen düster, Kriege und Terroranschläge, Milliardentransfers von einem zum anderen Land, dazwischen abstruse Debatten über die auch noch ständig wachsende Anzahl der Geschlechter. Sie beschließt, die Nacht zum Tag zu machen, um in Ruhe lesen, denken und schreiben zu können und durch das Dunkel der Nacht einen „Pfad durch die Zeit“ zu finden.
Dabei rückt ihr der ferne 30jährige Krieg – immerhin liegt sein Beginn 400 Jahre zurück – immer näher, seine „Vorkriegszeit“ erscheint ihr wie eine „grobe Vorlage für die Gegenwart“: Klimawandel, Bevölkerungswachstum, der Bedeutungszuwachs von Religion und der eskalierende Streit darum. In der Nacht fliegen ihr die Gedanken nur so zu – auch scheinbar kleine Dinge wachsen auf, etwa, dass die Eltern sie nach der italienischen Schlagersängerin Mina genannt hatten, wegen deren Lied: „Heißer Sand und ein verlorenes Land und ein Leben in Gefahr. Heißer Sand und die Erinnerung daran, dass es einmal schöner war.
Die Ahnung, dass das gute Leben keinen Bestand haben kann, bedrängt Mina. Vielleicht, denkt sie, sind die ganzen Untergangsprophezeihungen, etwa der seit Jahren beschworene Klimawandel, nur das Menetekel einer ganz anderen Gefahr, die man nicht wahrnehmen will, weshalb „das Unglück, wie für unsere Vorfahren, aus dem Himmel“ kommen muss.
Wer sich jemals in die Geschichte des 30jährigen Kriegs vertieft hat, wer den Simplicissimus von Grimmelshausen kennt oder Schillers Schilderung der Zerstörung Magdeburgs in seiner „Geschichte des dreißigjährigen Kriegs“, der kann die Melancholie der Autorin nachempfinden, die da im Dunkeln ihren Gedanken nachgeht – und wer die Zeichen der Zeit aufmerksam verfolgt, begreift auch, worüber sie sich in der Gegenwart Sorgen macht. Der wünscht sich zugleich, er möge über ihren feinen Spott, ihren stillen Sarkasmus, ihre Leichtigkeit trotz düsterster Gedanken verfügen: Mina ist kein Jammerlappen, keine schrille „Wutbürgerin“, keine Katastrophenpredigerin, sie ist eine kluge Beobachterin, die den eigenen düsteren Gedanken mit leiser Ironie begegnet. Doch nicht nur das. Bei allem Zweifel an den eigenen Einsichten kann Mina Wolf auch kräftig zubeißen: wenn es um die „Genderscheiße“ geht, etwa, die etwas so wunderbares wie die deutsche Sprache verhunze. Gegen diesen Irrsinn, denkt sie, hatte der 30jährige Krieg doch wenigstens den Vorzug, vergangen zu sein.
Rettung ist zwar nicht nah, aber ein Wunder geschieht dennoch, in der Gestalt von Munin, der einbeinigen Krähe, die zur Gefährtin wird in der Nacht. Mit großer Geduld und mit Wurst und Hundefutter hat Mina Wolf das Tier angelockt, das sie nach einem der beiden Raben, die auf Odins Schulter sitzen, „Munin“ nennt. Hugin und Munin sind Götterboten, sie fliegen täglich um die ganze Welt, um Odin, Göttervater der nordischen Mythologie, zum Frühstück von allen Neuigkeiten zu unterrichten. Dabei ist Hugin fürs Denken, Munin für die Erinnerung zuständig. Darauf hofft Mina: Waren die Krähen nicht immer sozusagen hautnah dabei, auf dem Galgen und der Richtstatt, haben sie sich nicht auch von den Toten des 30jährigen Kriegs genährt, wie Annette von Droste-Hülshoff es in ihrem Gedicht beschrieb: „Kein Geier schmaust’, kein Weihe je so reich! In achtzehn Schwärmen fuhren wir herunter, das gab ein Hacken, Picken, Leich’ auf Leich“...?
Endlich hockt die Krähe bei ihr im Zimmer und beginnt zu sprechen. Wer Marons Skizze „Krähengekrächz“ kennt, wird hier einiges wiederfinden: mit feinen Strichen zeichnet sie die magische Verbindung zwischen Mensch und Tier, paradiesisch, möchte man glauben. Doch als ihre Protagonistin dem Tier Erinnertes entlocken möchte, erhält sie vielmehr Nachhilfestunde in zynischer Menschenkenntnis: die Krähe macht sich lustig über die menschlichen Skrupel, die nur verdeckten, dass sie in Not und Hungerzeiten nichts anderes als Tiere seien, die ans eigene Überleben denken, nicht an hohe Moral. „Sterben lassen, was nicht leben kann“, doziert die Krähe. Die Menschen aber würfen sich schützend über alles, was sie für schwach und hilflos hielten. Doch: „Das dümmste Tier weiß, dass es nicht mehr Nachkommen haben darf, als es ernähren kann.“
Der Roman lockt nicht nur mit einer spannenden Versuchsanordnung und mit einer zwischen Melancholie und leisem Spott changierenden Erzählerstimme. Monika Maron ist eine Meisterin darin, historische Reflexion mit der Betrachtung der gegenwärtigen conditio humana zu verbinden, so dass es gar nicht mehr sonderlich gewagt erscheint, die heutige wie die vor gut 400 Jahren für eine Vorkriegszeit zu halten.
Trifft die kühle Bemerkung der Krähe nicht genau das, was in Afrika geschieht und unaufhaltsam nach Europa drängt, wo das gebotene Mitleid zum Verhängnis zu werden droht? Zu allen Zeiten und in allen Kulturen lag kriegerischer Zündstoff in einem Überschuss an jüngeren Söhnen, die nicht in die Familiennachfolge eintreten oder einen eigenen Hausstand gründen konnten. Ihr Ventil war (und ist) Krieg. Und wo liegt der Unterschied zwischen den wehrhaften Bauern, die man im 30jährigen Krieg mitsamt Schloss verbrannt hat und, sagen wir, einem christlichen Ehepaar nahe Lahore, das von seinen Nachbarn in einen Feuerofen gesteckt wurde? Ja, natürlich: historische Analogien sind mit Vorsicht zu genießen, aber man darf und soll über sie nachdenken.
Marons Erzählerin zweifelt übrigens durchaus an ihrer von ihr selbst als nahezu zwanghaft empfundenen Neigung, immer etwas zu finden, was damals und heute verbindet, doch sie findet genug, viel zu viel davon. Zudem beginnt nun unten auf der Straße, in ihrer Nachbarschaft, ein Krieg im Kleinen. Der Versuch, sich gegen die schrille Sängerin zu wehren, bringt die Nachbarschaft erst zusammen und dann auseinander. Der Taxifahrer, nennen wir ihn „das Volk“, streitet mit den Feinsinnigen, nennen wir sie die Toleranzbürger, und ehemalige DDR-Bewohner werden wieder „vorsichtig mit dem, was man sagt.“ Der Taxifahrer, der nachts arbeitet, will tags seine Ruhe, der Audifahrer, der irgendwas mit Medien macht, behauptet kühl, man benutze die ja eigentlich hilfsbedürftige Sängerin lediglich als stellvertretendes Ziel für eigentlich ziellose Wut. Weitaus schlimmer als strapaziöse Nachbarschaften seien schließlich Atomkraftwerke und Einflugschneisen von Flughäfen. Bätschi.
Doch dann wird eine junge Frau überfallen, von zwei Männern südländischen Aussehens, sagt sie. Ihr kleiner Hund will sie verteidigen, wird von einem der Männer erstochen, worauf sie so laut schreit, dass die beiden flüchten. Über den Tod des Hundes sind viele womöglich erschütterter als über die versuchte Vergewaltigung. Mina Wolf wiederum ist sich unsicher, ob das alles zusammenhängt, aber sie beobachtet, wie sich die Straße verändert: immer mehr deutsche Fahnen hängen aus den Fenstern und einmal ertönt gar der Chorgesang deutscher Volkslieder. Man könnte meinen, dass sich da Fronten ausbilden und verhärten.
Als die Sängerin stirbt, bleiben die Fahnen hängen. In der Tat: Die Wut galt nicht ihr, aber ziellos war sie deshalb nicht. Das alles beobachtet Mina mit Bangen und Staunen. Die Krähe ist das Chaos in ihrem Kopf, eine innere Stimme, nüchtern bis zynisch, der sie nicht folgen mag, der sie aber auch nicht widersprechen kann.
Monika Marons „Munin“ ist der Roman zur Zeit und zur Lage, kein Pamphlet, nirgends schrill, eher tastend, erprobend und immer wieder richtig komisch. Es gibt wohl derzeit kein anderes Buch, in dem thematisiert wird, was viele im Land beschäftigt, von der Einwanderung der überzähligen Söhne aus bevölkerungsreichen in bevölkerungsarme Länder, von Afrika also nach Europa, bis zur Ankündigung „unserer Eroberung“, wie die Protagonistin einmal sagt, „mit Waffen und Geburtenraten.“ Letzteres hat, übrigens, der türkischePräsident Erdogan schon mehrfach angedroht.
Treffend schreibt Tilman Krause von der "Welt": Hier „entfaltet sich in kunstvollen Assoziationskreisen ganz allmählich ein Stimmungsbild zur Lage der Nation, wie man es so sprachlich beiläufig einerseits, so raffiniert historisch gespiegelt andererseits noch nicht gelesen hat.“
Anderen scheint gerade das so gar nicht zu gefallen. Die Qualität einiger Kritiken, genährt von Abwehrreflexen und zwanghafter politischer Korrektheit, verdient eine eigene Betrachtung, man darf sie womöglich so symptomatisch finden, wie einige Kritiker das Buch.
Habe Monika Maron nicht zugegeben, dass sie vor dem Islam Angst habe? Und heißt es nicht über sie, sie sei rechts? Daraus schließt ein Rezensent messerscharf, in der Figur der Erzählerin gebe sich die Autorin zu erkennen. Eine andere Besprecherin findet ebenfalls nichts dabei, Autorin und Erzählerin in eins zu setzen, sie behauptet, „dass Monika Maron alles zusammenrührt, was ihr Angst und Sorgen bereitet“. Eine weitere Stimme: „Kaum verhohlen lässt sie ihre Protagonistin Ressentiments äußern, die keine erzählerische Notwendigkeit besitzen“, was den Kritiker zum Eindruck verführt, „dass manche Ansichten vor allem ein Ventil sind für die angestauten Meinungen der Autorin.“ Die Geißelung der Autorin für die Empfindungen der Erzählerin wäre das Ende der Literatur unter dem Diktat dessen, was gerade als politisch korrekt empfunden wird.
Selbst in der Süddeutschen spürt der ansonsten lobende Kritiker „eine Zustimmung heischende Darstellung des AfD-haften Wutbürgerressentiments durch die Erzählerin“, immerhin: nicht durch die Autorin. Was soll das? Die Erzählerin teilt hier und da die Verwirrung und Entgeisterung im Lande, Empfindungen, die dem Rezensenten offenbar so wenig vertraut sind, dass er sie unter Ressentiment ablegt, die nur ein Wutbürger haben kann, der AfD wählt. Dem Buch wird also vorgeworfen, dass die Protagonistin hellsichtiger ist als sein Rezensent.
Wie wäre es, wenn man umgekehrt solcherlei „Buchkritik“ als Beleg dafür nähme, dass die Sitten auch hier verrohen, indem Zensurwünsche einziehen? Wäre das der Stand heutiger Literaturkritik, wäre es schlecht um sie bestellt. Und tatsächlich: der Höhepunkt ist mit diesen Beispielen noch nicht erreicht. Die Palme gebührt dem Hessischen Rundfunk für eine „Buchempfehlung“, die am Ende keine sein darf.
Zunächst lobt die Rezensentin. Doch als es im Buch um eine „kopftuchtragende Bevölkerungsexplosion“ (sic!) gehe und gar noch um eine Vergewaltigung durch zwei südländisch aussehende Täter, dem die Autorin nichts entgegensetze, ist für sie „eine Grenze überschritten“. 
Wie? Die Autorin soll sich von der Erzählerin distanzieren? Und die wiederum soll die Aussage des Opfers einer Vergewaltigung anzweifeln? Ein in den Zeiten von „Me too“ bemerkenswert antifeministisches Ansinnen. Solch Urteil verdankt sich offenbar einer anderen Einschätzung, nämlich folgender: Marons Buch sei „ein Beleg dafür, dass die bürgerliche Mitte scheinbar unaufhaltsam nach rechts rutscht.“ Da ist wohl vor allem der Rezensentin einiges verrutscht. Zum einen hat die Vergewaltigung im Roman gar nicht stattgefunden. Zum anderen darf auch in der Literatur vorkommen, was zur Realität gehört. Oder darf man sich nur von alten weißen Männern bedroht fühlen? Maron überdies die Beweislast für bürgerliche Rechtsdrift aufzudrücken – ach, was soll’s. Dazu fällt einem wirklich nichts mehr ein. Der Kampf gegen rechts scheint manch eine blind zu machen.
Nicht nur Philipp Tingler im „Literarischen Quartett“, auch Tilman Krause in der „Welt“ hat gemerkt, was den anderen entgangen ist. Er erkennt „in der Heldin eine Suchende (...), die sich die gleichen Fragen stellt wie wir alle, denen nicht die Ideologie im Kopf schon alle Antworten gibt.“







Donnerstag, 18. Januar 2018

Mann. Frau. Wie weiter?

In einem deutschen Nachrichtenmagazin jubelt es: „Die alte, bipolare Welt, in der Männer noch Männer waren und Frauen nur Frauen, ist vorbei – und was heutzutage ‚normal‘ ist, muss neu verhandelt werden.“ Schade, dass sich mit der Natur nicht verhandeln lässt, die das mit der „Geschlechterpolarität“ angerichtet hat. Auch Menschen, die noch nicht so verfeinert sind wie deutsche Großstadtbewohner, die was mit Medien machen, lassen ungern mit sich verhandeln: Für viele neuerdings Eingewanderte mit dem entsprechenden „Hintergrund“ ist eine Frau, die sich lose bekleidet und ohne männliche Begleitung auf der Straße aufhält, Freiwild – und die Brüder, Männer, Väter, die diese Frauen nicht beschützen (können), Weicheier. Jede Attacke auf eine Frau zielt auch auf die Demütigung des (deutschen, westeuropäischen, metropolen) Mannes. Ob der das schon gemerkt hat?
Es ist das alte Lied: Der Vorteil liegt, ganz wie im Krieg, stets bei jenen, die die Regeln brechen: So siegte Napoleon.
Klar, ich mag sie irgendwie auch, die total fluiden Männer mit den Wollmützen auf dem Kopf und dem Baby vor dem Bauch. Ich fürchte nur, dass dieses Rollenmodell dem Angriff des Archaischen nicht lange standhalten wird.
Ganz offenbar blieben deutsche Frauen 2017 zu Silvester in großer Zahl zuhause. Ist ja nur vernünftig – und zugleich die Bestätigung des Gesellschaftsbildes der Angreifer: Sie gehört ins Verborgene und ins Haus, die Frau.
„Dekadenz“ nennt man, wenn eine Gesellschaft vergisst, dass ihre Sitten und Gebräuche vom Wohlwollen (oder der Ignoranz) aller anderen abhängen (oder von fest geschlossenen Grenzen). Die „Barbaren“ stehen, wie so häufig in der Geschichte, vor der Tür (nein, das ist keine rassistische Beleidigung), lachen über die sittliche Verfeinerung und bringen Archaisches ins Spiel: Männer rauben Frauen, wenn Männer sie nicht beschützen (können).
Was bleibt? Die fluide Metropolenfrau lernt heutzutage besser Krav Maga, als sich auf den fluiden Mann zu verlassen.
Zuerst in: Weltwoche 2/18.


Mittwoch, 17. Januar 2018

Kindergarten statt Lustgarten?

In Deutschland greifen medienaffine Mädels zum medienwirksamen Aufschrei, wenn alte weiße Männer harmlose Anzüglichkeiten von sich geben oder altmodisch gutgemeinte Komplimente machen. Neuerdings bejubeln sie auch ein „drittes Geschlecht“, was frau praktischerweise der Unbequemlichkeit enthebt, sich über ein gedeihliches Verhältnis zwischen Mann und Frau Gedanken zu machen. Sicher doch: Wenn alle weder Mann noch Frau sind, ist die Welt ein Paradies.
Bis dahin ist der fluide Mann mit Wollmütze auf dem Kopf und Baby vor dem Bauch gerade noch akzeptabel.
Manch neuerdings zu uns migrierter edler Wilde sieht das anders. Doch wenn so einer mit weniger avanciertem Männerbild die Ebene der Belästigung  verlässt und gegenüber Frauen (auch tödlich) handgreiflich wird, schreien sie nicht auf, die Schwestern. Ganz im Gegenteil: sie schweigen.
In den USA erinnern sich gutbetuchte und spärlich bekleidete Damen Jahrzehnte später, dass sie ihren Aufstieg hässlichen weißen Männern verdanken. Jetzt rächen sie sich dafür: mit nicht zwangsläufig wahrheitsgetreuen, jedenfalls schlecht überprüfbaren Berichten von der Besetzungscouch, auch schon mal mit Denunziation. Die Damen zeigen Gratismut – hochgeschlitzt, aber in Schwarz -, statt hilfreich den jüngeren Frauen zuzurufen: Begeht nicht unsere Fehler! Ihr müsst nicht auf die Besetzungscouch, wenn ihr nicht wollt! Verlasst euch auf eure Qualität. Und eine Hand auf dem Bein kann man ganz einfach beherzt woanders hinlegen.
Lieber sind sie willenlose Opfer. Virtue signalling – die eigene Tugend wird ausgestellt. Wenn dadurch, dank Generalverdacht gegenüber weißen Männern, die eine oder andere männliche Karriere zu Unrecht beendet wird – so what. Es trifft doch irgendwie die richtigen, oder? James Bond wird demnächst von einer Frau gespielt. Sieg auf allen Linien.
Wie altmodisch dagegen die Französinnen, voran die Grande Dame Catherine Deneuve!
Und wie beruhigend: hier ist sie noch aufgehoben, die Erinnerung daran, dass das Geschlechterverhältnis auch ganz anders aussehen kann: nicht so vergiftet, nicht so – undifferenziert. Wer wäre nicht gegen Gewalt gegen Frauen? Aber ist jede dumme Anmache schon gleich ein Übergriff?
Vor allem: wollen wir Kindergarten, wenn es um Sexualität geht? Schneeflöckchensex? Ja, Flirt und Verführung bedingen Grenzüberschreitung. Und die Spannung wächst, je länger das Spiel dauert, in dem man sich vortastet bis zu – oder eben nicht bis zu Sex. Das Spiel, das nicht nur eins „davor“, sondern womöglich das eigentlich spannende zwischen Mann und Frau ist: der Flirt mit der Grenzüberschreitung. Seit der albernerweise als sexuelle Befreiung annoncierten Umstandslosigkeit der 60er Jahre ist Sex auf Geschlechtsverkehr reduziert und die eigentlich spannende Sache zum bloßen Vorspiel degradiert worden, dessen man sich tölpelig bis missmutig entledigt.
Ja, es gibt Gewalt gegen Frauen, und ich wäre dankbar, wenn sich der Aufschrei der Damen auf ALLE Formen von Gewalt richtete, nicht nur auf die Grenzüberschreitungen alter weißer Männer. Aber vielleicht hätten beide, achwas: alle Geschlechter wieder etwas zu lernen? Nämlich wie man das Spiel der Annäherung spielt, nicht plump, nicht klinisch sauber, sondern voll lustvoller Spannung, was oft heißt: hart an der Grenze. Über die bestimmt selbstverständlich jeder und jede selbst. Wer sind wir denn?
„In den Händen der Erbinnen der 68er ist der Feminismus zu dem geworden, was er nie sein sollte: Ein mit astrologischem Schwurbel bedrucktes Filzzelt (….) Dem Metoo-Feminismus die Frage nach Sex, Mann und Frau zu überlassen, ist, als gäbe man das Rind dem Metzger und erwarte, dass er es heilen würde.“ Sarah Pines.
Me too, Sarah.
Zuerst bei publicomag.com.

Sonntag, 26. November 2017

Es geht auch ohne


Ein Hauch von Frühling wehte durch die Novemberrepublik, denn plötzlich war alles wieder offen. Es kam nicht zusammen, was nicht zusammenpasst: die FDP und die Grünen – weil in viel zu vielen Punkten auch nach wochenlangem Ringen keine Einigung erzielt worden war.
Christian Lindner und die Seinen haben den Wählerauftrag ganz offenbar anders verstanden als die Kanzlerin oder gar die Grünen: der FDP zufolge ist ein „Weiter so“ insbesondere in der Migrationsfrage, der Europapolitik und der Energie“wende“ ebenso abgewählt wie das warme Federbett einer Großen Koalition, unter dem alle strittigen Punkte seit Jahren vor sich hin dampfen.

Kommt also ins Offene! Endlich kann gestritten werden, ohne stets nach dem Konsens zu gieren. Eine Minderheitenregierung könnte keine Alternativlosigkeit mehr behaupten und müsste um jeden Punkt ringen. Was für eine Chance für ein Parlament, das sich in den letzten Jahren viel zu oft vor seiner Aufgabe gedrückt hat, nämlich im Interesse der Wähler, der Freiheit und einer aufgeklärten Öffentlichkeit zu streiten. Es ist weder in Sachen EU- und Eurorettung gefragt worden, die sein vornehmstes Recht, nämlich das Budgetrecht, berühren – noch etwa, was die sogenannte „Flüchtlingspolitik“ betrifft. Gut möglich, dass die FDP eines aus dem Wahldebakel von 2013 gelernt hat: dass sich Unterordnung unter das Verdikt der Alternativlosigkeit nicht auszahlt.

Aber ach: Die Bedenkenträger standen schon kurz nach der Erklärung Christian Lindners Spalier. Allenthalben wurde die FDP zu „staatspolitischer Verantwortung“ zum Wohle des Landes aufgerufen, als ob es eine patriotische Pflicht gäbe, auch eine Politik mitzutragen, zu der man nicht steht. Und erst die SPD, die sich doch gerade noch eine Erholung von der Vereinnahmung durch Kanzlerin Merkel verordnet hatte! Weimarer Republik, raunte da manch einer, und wir wissen doch, was daraus geworden ist. Also: wieder rein in die Groko – mit dem sicheren Untergang bei der nächsten Wahl vor Augen.

Ja, hierzulande scheinen viele zu glauben, das Land sei ohne „stabile Regierung“ dem Chaos ausgeliefert, Deutschland, das starke Rückgrat Europas!

Das kann man mit heiterer Gelassenheit bezweifeln. Wir haben Nachbarn, die es ziemlich lange ohne „stabile Regierung“ aushielten, ohne dass ihr Land Schaden genommen hätte. In den Niederlanden brauchte man jüngst sieben Monate, bis man sich auf eine Koalitionsregierung geeinigt hatte.

Willkommen, Deutschland, in der Wirklichkeit: auch bei uns verlieren die Volksparteien, was die Regierungsbildung erschwert, auch hier geht ein Graben durchs Land, der nicht einfach zugeschüttet werden kann.

Wer auf die Stimmung an der Börse etwas gibt, wird feststellen, dass das Scheitern einer Jamaika-Koalition ihr keineswegs geschadet hat, im Gegenteil. Überhaupt brummt die Wirtschaft, nicht weil, sondern obwohl ihr sowohl die hohen Strompreise als auch die Debatte um den Ausstieg aus Kohle und Individualverkehr eher Fesseln anlegen. Hier wäre weniger Regierungshandeln geradezu segensreich gewesen, schaut man auf die Krise bei Siemens. Denn die staatliche Subventionierung von Windkraft und Sonnenenergie hat nicht nur andere Energieformen aus dem Rennen geworfen, sondern auch die Erforschung alternativer Weisen der Energiegewinnung effektiv gekillt.

Im übrigen: kann man während der zwölf Jahre unter Merkel wirklich von einer „stabilen Regierung“ sprechen? Nicht nur im Fall des Ausstiegs aus der Atomkraft, sondern auch, was spontane humanitäre Gesten mit unabsehbaren Folgen betrifft, erwies sie sich als außerordentlich volatil, um nicht zu sagen: unkalkulierbar – als Quelle von Uneinigkeit und als Belastung für die europäischen Nachbarn.

Ich für mein Teil wäre schließlich keineswegs unfroh, wenn ich eine Weile verschont bliebe von dem unerbittlichen Willen zur Gestaltung, der insbesondere grüne Politiker umzutreiben scheint. Denn nein, der Staat hat im Leben der Bürger nicht mehr, sondern weniger zu suchen. Er hat die Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer sich die Tatkraft der Bürger entfalten kann, nicht mehr, aber vor allem nicht weniger. Der wahre Boden von Freiheit und Demokratie ist das Funktionieren rechtsstaatlicher Institutionen.

Und deshalb erschreckt mich die Vorstellung, eine Zeitlang ohne „stabile Regierung“ zu leben, weit weniger als der Gedanke daran, dass diese Basis in Gefahr ist. Die Berichte von einer völlig überlasteten Justiz sind ebenso alarmierend wie die über fehlende Sicherheit im öffentlichen Raum – Folgen des Kontrollverlusts nach der Grenzöffnung im Jahr 2015.

Merke: Auch eine stabile Regierung kann durch ihre Entscheidungen Destabilisierung bewirken.

NDR-Info, Die Meinung vom 26. 11. 2017



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