Donnerstag, 28. Januar 2021

Stimme der Provinz, Kolumne 4: Die Provinz schlägt zurück


Nein, üblicherweise schießen meine Nachbarn hier nicht mit dem Vorderlader die Äpfel vom Baum.* Das schließt nicht aus, dass in der einen oder anderen Scheune ein Schießprügel in der Ecke steht, das kann auch ein so antikes Gerät wie der Vorderlader sein, man ist hier traditionsbewusst und ehrt die Vorfahren. Jedenfalls ist der Landmensch wehrhaft und mitnichten so nett wie die lieben Mutterkühe mit ihren süßen Kälbchen, die das im übrigen auch nicht sind .

Die Provinz kann zurückschlagen, wenn sie den Einheimischen krumm kommen, die Invasoren aus den Städten. Und niemals waren die Gelegenheiten dafür so günstig wie heute. Die Furcht, dass Städter üble Sitten und Gebräuche mitbringen, mit denen sie die unschuldigen rotbackigen Landkinder verderben, hat sich zwar längst erledigt, nichts kann das Landvolk mehr verderben, was es nicht schon lange via Internet erlebt und erlitten hat. Doch jetzt kommt Covid-19 ff. ins Spiel, und schon ist der Wunsch wieder da, sich abzuschotten vom Sündenpfuhl Großstadt, wo ein virusaffines Gedränge herrscht, das wir, verdammt noch eins, hier nicht haben und auch nicht brauchen. Virusschleudern mögen uns vom Leibe bleiben! Insofern ist jetzt nicht die günstigste Zeit, sich um einen Zweitwohnsitz auf dem Land zu bewerben. 

Wie man hört, ist die Stimmung mancherorts schon ein bisschen so wie im zweiten Weltkrieg, als die ausgemergelten Städter in Trupps aufs Land zogen, um etwas Nahrhaftes zu ergattern oder zu erbetteln oder gar zu stehlen. Oder so wie nach dem Krieg, als Flüchtlinge, Vertriebene und andere Unbehauste auf den Bauernhöfen einquartiert werden wollten. Damals hatte die ländliche Bevölkerung die eindeutig besseren Karten und ließ das die Fremden hier und da durchaus spüren. Zur Strafe durfte sie sich als fremdenfeindlich und verhockt beschimpfen lassen. Nun – jetzt ist die Zeit der Rache gekommen.

Ein Schwein schlachten oder jagen gehen

Der Vorzug der Städte ist in Krisenzeiten ihre Achillesferse: Stadtluft macht nur solange frei, wie der Nachschub stimmt – solange man die Abhängigkeit nicht spürt von all denen, die produzieren, was man essen will. Autarkie ist nazi, wir haben schließlich den Weltmarkt? Solange wir ihn haben. Im ersten Weltkrieg etwa gelang es den Briten, Deutschland weitgehend vom Welthandel abzuschneiden. Was wurde da gehungert. In den Städten. Auf dem Land konnte und kann man immer noch den Garten bestellen, ein Schwein schlachten oder jagen gehen, es gibt auch tauglichere Waffen als einen Vorderlader. 

Noch sind wir global und lassen die Heidelbeeren im Winter aus Peru einfliegen. Die Panikpandemie allerdings hat ihren Schatten über die sonst gepriesene Weltoffenheit geworfen. Selbst Frau Kanzler denkt nun laut darüber nach, die Grenzen zu schließen. Gegen ein Virus. Hat sie nicht 2015 davon gesprochen, dass man Grenzen (gegen weit größere Entitäten wie etwa Menschen) nicht schließen könne? Hat sie sich nicht jüngst wieder entschieden gegen kleinlichen Impfnationalismus verwahrt? Sind wir doch alle gemeinsam Europa, solidarisch selbst im Versagen. Und jetzt soll der Schlagbaum wieder heruntergehen?

Mag sein, dass hier der Mantel der Geschichte eingegriffen hat. Niemand von denen da oben hat einen Grund gesehen, 150 Jahre Deutsches Reich zu feiern. So ärgerlich widerspenstige Landesfürsten für die Kanzlerin auch sein mögen – immerhin ist seine Kleinstaaterei den Deutschen und allen anderen weit besser bekommen. Was lehrt uns das? Small is beautiful. Mecklenburg-Vorpommern hat es begriffen. 

So kann sie aussehen, die Rache der Provinz

Man erinnere sich: Bereits im Frühjahr des vergangenen Jahres wollte man die Schriftstellerin Monika Maron expedieren, die in Berlin den Haupt- und in einem Kaff an der Grenze zu Polen einen Zweitwohnsitz hat. Die potenzielle Virusträgerin möge in ihren Sündenpfuhl zurückkehren, dekretierte man. In diesem Sinne sind auch jetzt die offenbar unausgelasteten Behörden des Landkreises Vorpommern-Greifswalds wieder tätig geworden. Angeordnet ist hiermit: Auch in tiefster Einöde darf man zwischen 21 und 6 Uhr sein Grundstück nicht verlassen, solange sich die sogenannte Inzidenz nicht irgendwie Richtung ZeroCovid bewegt. Und schon gar nicht darf man einfach so seine Zweitbehausung ansteuern, das sei, steht in der achtseitigen Fleißarbeit, kein triftiger Grund

Vorbildlich – sofern nicht wieder irgendein Verwaltungsgericht dem Landkreis in die Quere kommt. So kann sie aussehen, die Rache der Provinz: Wenn ihr starker Arm es will, stehen alle Zweitwohnungsbesitzer still. Auch das ist Frieden schaffen ganz ohne Waffen. Nicht nur die Bundesregierung versteht es, aus so einer Panikpandemie alles herauszuholen. Ob sie den Besen irgendwann wieder in den Schrank kriegt?

* Die Autorin dankt allen Lesern der vorangegangenen Kolumne für ihr Verständnis dafür, dass sie als gelernte Städterin einen Frontlader mit einer antiken Waffe verwechselt hat.  


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Donnerstag, 21. Januar 2021

Die Stimme der Provinz - Kolumne 3: Stadtflucht und Landwahn

 Flucht aufs Land? Alle Jahre wieder. Das hat seine Konjunkturen. Man denke an die Künstlerkolonien um die Wende vom 19. aufs 20. Jahrhundert, Worpswede ist hierzulande die bekannteste. Doch die letzten Ausbrüche des Landwahns liegen noch gar nicht so lange zurück.

In den Siebziger Jahren dürften die autochthonen Ländler die aus den Städten flüchtenden Kommunarden abstoßend bis possierlich gefunden haben. Nicht nur der damals beliebten Selbsterkundungsrituale wegen oder angesichts nackerter Mondanbeter unter Drogeneinfluss. Mit schadenfroher Anteilnahme wird man auch die Versuche im ökologischen Gartenanbau beobachtet haben.

Die Hippies hatten die Bibel des biodynamischen Gemüsestreichelns studiert, pflanzten mit dem Mond, um in Harmonie mit den Planeten zu geraten und erlitten ihre Niederlagen dank bodenschonendem Verzicht auf mechanische Unterstützung beim Hacken und Säen mit heroisch ertragenen Rückenproblemen. Hauptsache chemiefrei. Nur aus den wenigen Zähen unter den vielen Idealisten wurden erfolgreiche Biobauern. Etwas blieb – und auch das hat das Land langsam aber sicher verändert.

Auch Tourismus erhält ländliche Kultur

Im französischen Teil meiner Familie hat der Pariser Mai 1968 und der Kontakt mit dem Tränengas der französischen Polizei den Wunsch nach einem Ausstieg aus dem kapitalistischen Verwertungszusammenhang enorm beflügelt. Als „néoruraux“ zog man in die tiefe französische Provinz, wo nichts los war, und kaufte mürrischen Bauern efeubewachsene Steinhaufen ab, um daraus mit blutenden Händen wieder ein Haus zu errichten. Wer sich landwirtschaftlich betätigte, erhielt staatliche Unterstützung – auch das ein Anreiz für Aussteiger.

Doch nach Ausflügen in die Himbeerzucht stellte meine Verwandtschaft die Landwirtschaft wieder ein und verlegte sich auf das Vermieten romantischer Unterkünfte in alten Steinburgen, die nach dem unverhofft beendeten Seidenraupenboom im 19. Jahrhundert in der Ardèche seit Jahren leerstanden. Dieser Idee folgten andere, und so ist auch in der einst einsamen Gegend mittlerweile reichlich was los. Selbst die französischen Bauern sind nicht mehr ganz so mürrisch. Merke: Auch Tourismus erhält ländliche Kultur.

Die französischen Hippies, die damals in die düsteren Cevennen zogen, haben dabei nicht nur Shit geraucht und getrommelt, sondern auch untergegangene Traditionen wieder aus der Versenkung geholt, das, was jahrelang als nicht mehr modern galt, wie etwa der traditionelle Chevre, der französische Ziegenkäse. Man hielt Schafherden, baute Obst- und Gemüse an, authentisch öko, und versuchte sich bald auch im Weinanbau. Besser und professioneller als zu der Zeit, als viele den eigenen Weinberg für die Selbstversorgung mit einer nur von Ferne nach Wein aussehenden Plörre nutzten. Das Rad dreht sich: etwas verschwindet, dann taucht es wieder auf, in dieser oder jener Form.

Eine Kneipe könnten wir noch gebrauchen

Die Wiederentdeckung des Landes ist ebensowenig neu wie der Niedergang der Stadt, auch das scheint ein ewiger Kreislauf zu sein. Wer London aus den 70er Jahren kennt, weiß, in welchem desolaten Zustand sich die Stadt befand, die sich jetzt mächtig aufplustert als Megacity. Vor fünfzig Jahren war sie ein Dorado für Hippies, Esoteriker und Musiker. Eine ähnliche Bewegung vollzog sich in New York: Künstler und Bohemiens eroberten die armen und heruntergekommenen Stadtteile, bis die sich vom Geheimtipp zum neuen Anziehungspunkt entwickelt hatten. Auch in deutschen Städten wurden die einst zum Abriss freigegebenen Gründerzeitquartiere wiederentdeckt und „gentrifiziert“. Und was jetzt? Offenbar werden sie wieder verlassen, die Städte, von der Coronapolitik der Regierung gefleddert und unwirtlich gemacht. Die Innenstädte leegeräumt und verwahrlost, den Rest teilen sich Alte, Arme und Ausländer. In dreißig Jahren mag das wieder anders sein.

Es gibt keinen alternativlosen Abschied vom Land, das Rad dreht sich, aber es gibt nicht nur Wiederholung. Der Bauerngarten wird überleben, aber nicht jeder aufs Dorf gespülte Städter wird zum Selbstversorger werden, wie es die Utopie noch in den 70ern war. Oder doch? Vielleicht wird auch die lange Zeit übliche Nebenerwerbslandwirtschaft eine neue Blüte erleben. Anleitungen findet der Willige in den Landlustillustrierten, deren Leserschaft viermal so groß ist wie die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten. Im übrigen könnte der Hang zum Regionalen bei den noch nicht veganen woken Stadtflüchtigen auch dazu führen, dass sie das bekommen, was sie dem Tierwohl zuliebe wollen: Wo eine Nachfrage ist, findet sich auch ein Angebot.

Bei uns werden wieder vermehrt Schafe gehalten und verwertet, der Schafskäse aus dem Dorf nebenan ist übrigens großartig. In meinem Dorf gibt es mittlerweile mehr Hühner als Menschen. Wer sich als Zugezogener beliebt machen will, sollte uns vielleicht mit einer Hausbrauerei und angeschlossener Kneipe überraschen, das bräuchten wir hier. Das würde uns, die wir hier schon eine kleine Weile länger wohnen, glatt dafür entschädigen, dass die Neuländler sich womöglich so dumm anstellen wie einst unsereins.

Denn, ja: hier herrschen noch immer andere Sitten und Gebräuche. Man grüßt einander, wenn man sich begegnet. Man hält noch ein Schwätzchen über den Gartenzaun (wofür ich so gar kein Talent habe). Man macht vieles selbst, was man in der Stadt gewohnheitsmäßig der Straßenreinigung, dem Hauswirt oder anderen Institutionen überlässt. Wer etwas tut, fällt angenehm auf. Wenn man also mit der Leiter nicht an die Äpfel rankommt, weil sie einfach zu hoch hängen, darf man den Nachbarn bitten, mit dem Vorderlader vorbeizukommen.

Ist das nicht paradiesisch?

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Donnerstag, 14. Januar 2021

Die Stimme der Provinz - Kolumne 2: Parkplatz für Schweinesilos?


Was ist das, die Provinz? Abstellraum für Windparks und Biogasanlagen? Parkplatz für Schweinesilos und andere Zuchthäuser? Maisfelder bis an den Horizont neben Ödnis, verstockten Einwohnern und Restnatur? Oder hier und da noch immer Sehnsuchtsort für alle Abonnenten von Landlust?

Abgesehen von touristischen Hochburgen kennt der Metropolenbewohner die Namen vieler Dörfer und Städtchen höchstens aus Staumeldungen, sofern eine Autobahnauffahrt nach ihnen benannt wurde. Oder, falls der Stadtmensch so einer wie der woke Alex ist, wenn man Bäumen wehtut, wie im Dannenröder Forst, liebevoll Danni genannt, gleich bei mir um die Ecke. Dort sollen Bäume ihr Leben für einen Autobahnausbau lassen. Geht gar nicht!

Und deshalb kennt jetzt alle Welt Dannenrod – schon weil sich dort Carola Rackete an ein Baumhaus gekettet hat, es gibt ja zu Land und zur See immer was zu retten. Nur die verstockten Anwohner wünschen sich seit Jahren nichts dringenderes, als endlich vom Durchgangsverkehr befreit zu sein, man weiß ja, Lärm, Abgase, Feinstaub. In der Stadt wäre der Wunsch legitim? Ach?

Quod licet jovi, non licet bovi, würde der alte Lateiner da murmeln: Was dem Stadtöko frommt, hat der Ochse auf dem Land hinzunehmen. Bäume abholzen und Bodenverdichtung ist nur schlimm, wenn es den falschen Zwecken dient. Wenn es hingegen um die Klimarettung geht, darf, ja muss man gigantische Betonmengen in den Waldboden des Naturparks Vogelsberg versenken und Bäume fällen sonder Zahl, auch der Zufahrtsstraßen wegen, die man braucht, um die Vielzahl gigantischer Windmühlen an Ort und Stelle zu bringen. Vogelmörder, übrigens. Und Förster berichten, dass unter den Rotoren kein Stück Wild anzutreffen ist.

Bauern sind eine langsam verschwindende Minderheit

Doch schweigen wir davon und vom verstellten Horizont. Oder von der Bodenverdichtung. Und der Energiebilanz. Und der Entsorgung. Manch ein alteingesessener Bewohner unseres Landstrichs dürfte froh sein, die saure Wiese an einen Windbauer verpachten zu können, da sich Landwirtschaft schon lange nicht mehr lohnt, es sei denn, im großen Maßstab.

Was ist es also, das Land, sofern es nicht aus schützenswerter und weniger schützenswerter Natur besteht? Was finden Stadtflüchtige vor, wenn es sie dort hinzieht? Schöne Landschaft? Malmendes Fleckvieh auf grünen Wiesen, bäuerliche Idylle mit kuhwarmer Milch, frischen Eiern und krähenden Hähnen?

Zwar werden 51 Prozent der Fläche Deutschlands landwirtschaftlich genutzt, doch nur noch von knapp 250.000 Betrieben. Deren Zahl hat seit 1949 um 86 Prozent abgenommen, der Anteil der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft lag 2017 nur noch bei 1,4 Prozent. Bauern sind eine langsam verschwindende Minderheit, in manchem Dorf gibt es keinen einzigen mehr. Das alles kann man übrigens in Ruhe nachlesen in dem faktenreichen und dennoch von Liebe getragenen Buch von Werner Bätzing: Das Landleben.

Hier wohnen Realisten, keine woken Ideologen

Ich erinnere mich noch gut, wie meine Nachbarn in den 80er Jahren die Milchkühe morgens und abends auf die und von der Weide trieben, begleitet von auffordernden Rufen und dem satten Geräusch, mit dem der Stock auf die Hintern der Kühe prallte, die mit schwankendem Euter und unter Hinterlassenschaft fetter Fladen zum Stall schlenderten. Ich habe die Schreie der Schweine noch im Ohr, nicht, wenn sie geschlachtet, sondern wenn sie gefüttert wurden. Meine Rosen konnten mit den Düften aus dem Schweinestall nicht konkurrieren. Besonders widerlich allerdings roch es aus den Silos, in denen das Heu für die Kühe vergoren wurde.

Vorbei. Milch- und Fleischproduktion lohnen sich nicht mehr. Der Nachbar baut nur noch Getreide an und mäht das Bioheu in der Flussaue. Heute ist um mich herum die Luft rein und die Fliegenbevölkerung hat deutlich abgenommen. Es gibt nur noch einen einzigen großen Schweinestall im Dorf, modern belüftet. Was stinkt, ist die Gülle, wenn sie auf die Felder gebracht wird. Und das passiert nicht jeden Tag.

Ist die Provinz damit ein mehr oder weniger menschenleerer Siedlungsraum geworden? Offen für alles? Ganz und gar nicht. Es gibt sie immer noch, die Landbevölkerung, und sie unterscheidet sich von der in den Städten. Oft, ich gestehe, durchaus vorteilhaft: hier wohnen Realisten, keine woken Ideologen.

Außerdem gibt es jetzt Hühner, glückliche, freilaufende Hühner. Schafe und Ziegen. Und statt brüllender Bullen im Stall Mutterkühe und ihre Kälber auf grüner Wiese.

Ja, es geht etwas zuende. Was beginnt?

Mehr dazu demnächst auf diesem Sender ...

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Mittwoch, 6. Januar 2021

Die Stimme der Provinz - Kolumne 1

 Der Megacity gehört die Zukunft, höre ich sie eben noch sagen, die Kristallkugelforscher. Seit Jahren prophezeien sie der Provinz ein Schicksal wie in den „Tributen von Panem“: Die Elite dekadenzt in der Stadt, während das Land, wo die Deplorables hausen, gerade noch ein paar Gemüse- und Tierfabriken beherbergt, vor allem aber als Windpark und Müllkippe fungiert. 

Soll uns recht sein, uns Provinzlern, die wir die Panikpandemie von 2020 am Waldesrand entspannt ausgehalten haben. Bleibt ruhig in euren Quartieren und in euren Gehäusen, ihr Megacitybürger, bei Lockdown und Ausgangssperre. Wir haben das bessere Teil erwählt. 
So war das übrigens immer schon. Wenn Pest und Cholera die Stadtbevölkerung in ihren engen Vierteln dezimierte, zogen sich alle, die es konnten, in ihre Villen in der Toscana zurück und warteten gemütlich ab, bis sich die Seuche erledigt hatte. Gewiss, Villen sind aus der Mode gekommen, Landhäuser mit 60 Zimmern sind schlecht zu heizen, im Übrigen fehlt das Dienstpersonal. Doch auch in bescheidenen Fachwerkhäusern kann man sich feudal fühlen – Michel de Montaigne hatte eine anständige Bibliothek in seinem Schlossturm, wir haben Internet. 

Doch mit unserer Ruhe könnte es bald vorbei sein. Seit Corona, oder, wie uns der öffentlich-rechtliche Rundfunk vorbetet, in „Coronazeiten“, weht der städtische Mief in unsere Richtung. Mein Bürgermeister erzählte mir kürzlich nicht ohne einen gewissen Stolz, dass bei uns im Vogelsberg mittlerweile noch die kleinste Bauernkate verkauft oder vermietet sei. Ich kann das verstehen, ich komme ja auch aus der Stadt, aus der „Mainmetropole“, dessen sich Frankfurt am Main einst rühmte. Aber will ich mehr von so Leuten wie mir hier haben? Warnung! Hier gibt es keine ländliche Idylle, bei uns stinkt es nach Gülle, die Hähne schreien schon morgens früh und wir benutzen Glyphosat für das Unkraut in der Straßenrinne. In den folgenden Wochen deshalb für alle, die sich mit dem Gedanken tragen, in die Provinz auszuwandern, eine kleine Gebrauchsanweisung. Ich weiß schließlich, welche Fehler ich einst gemacht habe.

Und doch – mit einer Träne im Auge zuerst ein kleiner Nachruf auf die Stadt, die ich einst geliebt habe, es muss ja nicht Frankfurt sein. Alle Städte leiden besonders unter Corona, nicht nur, weil die Menschendichte dort größer und die Ansteckungsgefahr höher ist als in meinem Dorf, wo es mehr Hühner als Menschen gibt. Doch sie leiden womöglich weit mehr noch unter dem untauglichen Versuch, ein Virus an seiner Verbreitung zu hindern. Wo ist sie hin, die Anziehungskraft der Stadt, wenn die Innenstädte veröden, weil alles, was sie ausgemacht hat, verschwunden ist? Wer geht noch „shoppen“, wenn er hinterher nicht mehr einkehren kann, wer hat Lust, abends durch eine menschenleere Stadt zu lustwandeln, wo sich nur noch die üblichen jungen Männer aufhalten, die sich um behördliche „Maßnahmen“ nicht scheren? 

Und wer sehnt sich noch nach den vollverglasten Angestelltensilos, wenn er seine Büro-Arbeit auch zu Hause erledigen kann? Im Frühsommer haben angeblich bereits eine Million Pariser der Stadt den Rücken gekehrt. Aus den USA hört man, dass zwei von fünf Stadtbewohnern ihre Metropole verlassen wollen. Und mehr als die Hälfte der Londoner Angestellten könnten ihren Job auch im Homeoffice erledigen, heißt es in einer aktuellen Studie. Wenn das auch nur 20 Prozent aller Bürobeschäftigten täten, schätzt die OECD, würden 128 Millionen Menschen kein Vollzeitbüro mehr benötigen. Und was, wenn Angestellte aus Angst vor dem Virus nicht mehr in Aufzüge steigen wollen? Entleerte Hochhaustürme, die für nichts mehr zu gebrauchen sind: Wir kennen die Bilder aus dem Kino. 
Was wäre eine Stadt wie Frankfurt am Main ohne die Angestelltenströme, die täglich in ihre Silos strömen? Es wäre das Ende der Gastronomie, die von Geschäftsessen lebt. Und das Ende des öffentlichen Nahverkehrs, der sich nicht mehr rentieren würde.

Manch ein Zukunftsprophet sieht in seiner Glaskugel den Niedergang der Städte voraus, wie wir es vor 30, 40 Jahren bereits einmal erlebt haben – als von bürgerlicher Öffentlichkeit entkernter Leerraum, in denen nur noch die drei A anzutreffen sind – Alte, Arme und Ausländer.

Und deshalb: Blickt zurück in Wehmut, bevor ihr euch auf die Landflucht macht, ihr Stadtmüden. Doch seid gewarnt: Bei uns geht es anders zu. Vor allem anders, als ihr denkt.

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Montag, 14. Dezember 2020

Zug um Zug. Sucht und Ordnung.

Es ist jetzt fast 30 Jahre her, dass ich die letzte Zigarette meines Lebens geraucht habe. Angefangen habe ich mit 15. Meine Mutter, die damals gerade das Rauchen aufgeben wollte, kam jetzt zu mir, um eine Kippe zu schnorren. Ein ungewohntes Machtgefühl. 

Rauchzeichen auf dem Schulklo. Nach der Schule beim Tchibo. Und während des Studiums mussten Benson & Hedges auf dem Schreibtisch liegen, bevor ich auch nur einen Gedanken denken konnte, die kamen in so einer schönen goldenen Schachtel, das täuschte Stil vor. Später bevorzugte ich Selbstgedrehte, Samson Halfzware, das krümelte zwar, war aber die stärkere Dröhnung (freihändig drehen kann ich noch heute). Die erste morgens im Bett. Die letzte abends im Bett. Davor, danach, zwischendurch. Immer. 

Bis mir zwei übermütige Ärzte den baldigen Tod verhießen und an meinen Überlebenstrieb appellierten. Ihre Diagnose war falsch, aber das wusste ich erst, als ich mit dem Rauchen aufgehört hatte. Und nein, es war nicht, wie schwache Charaktere behaupten, leicht – sie hätten das ja schon mehrmals geschafft! Es war eine Qual und bescherte mir zehn Kilo mehr. Andererseits: der Wein schmeckte besser und man roch nicht mehr so abgestanden, ganz zu schweigen von anderen Vorzügen. Doch wer denkt schon vernünftig, wenn es um Sucht geht?

Auch Matthias Matussek nicht, der brauchte einen Herzinfarkt, um das Rauchen aufzugeben. Das Buch, das er darüber geschrieben hat, ist ein wunderbarer Trip zurück in eine Welt, als Rauchen noch erotisch war, jedenfalls, wenn Lauren Bacall sich von Humphrey Bogart Feuer geben ließ. Oder Steve McQueen und Faye Dunaway. Was fing nicht alles mit einer geteilten Zigarette an! 

Das Buch ist eine Reise in eine längst entschwundene Ära, „in der in den Flugzeugen in den schmalen Seitenlehnen noch schmalere Aschenbecher untergebracht waren“. In Werner Höfers „Internationalem Frühschoppen“ wurde derart gequarzt, dass böswillige Menschen behaupten, man habe nur noch die Stimmen der sechs Journalisten aus fünf Ländern vernommen. (Ich habe später noch im Presseclub mitgequarzt.)

Man könnte nostalgisch werden. In den 70er Jahren war Rauchen irgendwie intellektuell. Oder existenzialistisch, hing ganz von der Marke ab. Rebellen rauchten, die Suffragetten taten es, und selbst Delinquenten erlaubte man einen letzten Zug vor der Hinrichtung. Die Raucher waren überhaupt die Interessanteren, selbst auf Parteitagen der Grünen, wo vor allem die Weiber auf dem Rauchverbotstrip waren (nicht alle, gottlob). Draußen vor der Tür fanden weltentscheidende Intrigen statt, das wollte man doch wissen! Noch heute gehe ich mit den Rauchenden (m/w/d) unter meinen Freunden auf den Balkon oder vor die Tür, um nichts zu versäumen. Und nicht vergessen: Wir verdanken den Rauchern die wärmespendenden Einrichtungen über den Tischen vor den Gasthäusern, auch Nichtraucher saßen da gern, watching the girls and boys go by. Ob es das jemals wieder gibt?

Rauchen ist eine Sucht, aber sicher. Doch Laster gehören „zum Erfahrungsschatz eines Lebens“, und Matussek hat damit einige Erfahrung (wie ja sogar der Hl. Augustinus, also bitte). Wenn es stimmt, dass niemand sich daran erinnern kann, der damals dabei war: Hier kann man all das aus den Tiefen des schwindenden Erinnerungsvermögens hervorkitzeln, was einst zur abenteuerfreudigen Jugend gehörte, jedenfalls bei denen, die nicht im RCDS waren. 

Ob die „Jugend von heute“ wissen will, wie es damals war, weiß ich nicht. Dringend zu empfehlen ist die Lektüre jedoch all den Veteranen, die bei Raucher-Entwöhnungskursen in der Reha in Bad Oeynhausen wie einst MM in den Sesseln liegen und über ihr verrauchtes und verrauschendes Leben nachdenken. Reihum sollte einer aus Matusseks Buch vorlesen, zum Miterleben: Als wir das erste Mal gekifft haben. Oder auf dem LSD-Trip waren. Es mit Heroin und Koks versucht haben, um beides schnell wieder aufzugeben. Oder in einem klapprigen VW-Bus Richtung Indien fuhren. Ich sehe die Damen und Herren lächeln und nicken – ja, so war das. Und eigentlich war es gar nicht so übel. Das Schönste aber: So naiv wie damals waren wir nie wieder. 

So naiv wie Matussek und seine Freunde, auf dem Trip nach Indien. Entweder Revolution oder Erleuchtung: Indien musste damals einfach sein. Die Freunde kamen auf die überzeugende Idee, schwarzen Afghan aus Pakistan nach Indien zu schmuggeln, als Reisefinanzierung. MM hatte sein Piece als orthopädische Einlage im Stiefel versteckt, wo es sich in der Hitze beim Grenzübergang verflüssigte – ein Duft, der niemandem entgehen konnte, dessen Nase tat, was sie soll. In Ketten gelegt, ins Gefängnis gebracht – ein Trip nach innen, dank der Lektüre von Marcuses „Der eindimensionale Mensch“. Vor allem aber dank Opium, was die zwei Monate im indischen Knast offenbar geradezu paradiesisch machte. 

Die Säufer wiederum waren ein anderer Stamm als die Kiffer. „Kiffer war verwöhnter Mittelstand, der Suff war Arbeiterklasse.“ Und wer soff wie Charles Bukowski, war Extraklasse. Der Bericht über den Besuch bei der „alten Drecksau“ (Der Spiegel) aber hat dennoch etwas von einem Trip, ebenso der bei William S. Burroughs, zwei Erfahrungen, um die man Matussek beneiden könnte. Vor allem um das Familientreffen der Gegenkultur zwanzig Jahre nach dem „Summer of love“ der Hippies in San Francisco. Und um die Katzen in Burroughs Häuschen: „Katzen schnüren über die zertretenen Dielenbretter, Katzen schwimmen in großen bunten Kissen auf dem Boden, Katzen sonnen sich auf der Durchreiche zur Küche.“ Der Meister selbst sammelt letzte Worte, etwa die von Billy the Kid. Der trat in ein dunkles Zimmer, sah einen Schatten und rief: „Quièn es“? Pat Garret erkannte die Stimme und erschoss ihn. „Quièn es“ heißt – wer ist da. Es war der Tod. 

Ja, der kommt näher. Da wird sogar einer, der sich noch immer wie ein alberner 14-Jähriger fühlt und manchmal auch so verhält, altersweise, zumal, wenn er mittlerweile ein guter Katholik geworden ist. „Auch Poeten, Priester und Philosophen werden älter – sogar Journalisten. Wie damit umgehen? Empörung bringt nichts – mag der innere Teenager auch noch so zürnen. Vorteil für uns Katholiken: Der Blick auf die Ewigkeit tröstet und ist für mich verbunden mit der Fähigkeit, Danke zu sagen. Oder, in diesem aktuellen Falle: Thank you for not smoking.“

Liebe noch immer Rauchende (m/w/d): Wenn Matthias Matussek den Entzug geschafft hat, schaffen Sie das auch. 

Matthias Matussek, Sucht und Ordnung. Wie ich zum Nichtraucher wurde und andere irre Geschichten, M&M productions 2020, E-Book 9,99, Buch 15 Euro.  

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Dienstag, 17. November 2020

Hilf, Mutti! Der Ruf der Kultuschaffenden

 Aber wir waren doch brav! Haben alles mitgemacht, im Frühjahr, als noch niemand so recht wusste, was da auf uns zurollte. Haben Abstand gehalten und Masken genäht, obwohl die angeblich nichts nutzten. Vielleicht, weil es gerade keine gab, die hatte man nach China geschickt. (Unsere Regierung hilft gern. Am liebsten weltweit.) Gaststätten und Versammlungsorte haben vorbildlich alles umgesetzt, was so empfohlen wurde, auch wenn es den Umsatz halbiert hat. Völlig egal, wie Gäste und Gastgeber das fanden, dass auch draußen im Biergarten die Maske aufgesetzt werden musste, wenn man aufs Klo ging, aber nicht, wenn man am Tisch saß. Wir haben Abstand gehalten, uns zur Begrüßung mit den Ellenbogen geknufft, gelacht und das Spiel gespielt. Better safe than sorry.

Es hatte ja auch alles seine Vorteile. Diese Entschleunigung! Herrlich! Und im Theater oder Kino konnte man endlich bequem sitzen, weil niemand mehr neben einem herumlümmelte – himmlisch! Lerneffekte hatte das Ganze auch. Wir Autoren haben unsere Lesungen aus dem Wohnzimmer gesendet, alle Veranstaltungen mit Menschenkontakt waren ja abgesagt, seither ist digital kein Neuland mehr für uns.

Und im Sommer, hatten wir gedacht, hat unsere Regierung Zeit, sich Gedanken zu machen, wie man mit so einem Virus lebt, ohne gleich das ganze Land vor die Wand zu fahren, das Ding verschwindet ja nicht, ebenso wenig wie das Grippevirus. Sicher hat man daran gedacht, die Risikogruppen in Alten- und Pflegeheimen besser zu schützen und darauf zu achten, dass sich im Krankenhaus niemand mit einem anderen dort grassierenden gefährlichen Keim ansteckt. Haben wir gedacht. Und die Gesundheitsämter hat man gewiss ertüchtigt, falls sie kommt, die viel beschworene zweite Welle! 

Die Wirtshäuser, schon immer Hort des Widerstands. 

Doch nichts dergleichen. Wie schon zu Jahresbeginn war man offenbar auf nichts vorbereitet, obzwar doch immer wieder vor der nächsten Welle gewarnt worden war. Und jetzt – frisch nach der Devise: der Mensch ist das Problem, nicht das Virus – wird plötzlich wieder in den Sack gesteckt und zugebunden, was den Bürger ja bloß unterhalten würde. Kinos, Theater, Oper, Museen, Galerien. Und jene Stätten, wo er sich treffen könnte, um am Stammtisch zur Rebellion aufzurufen: die Wirtshäuser aller Preisklassen, schon immer Hort des Widerstands. 

Und warum? Nicht, weil von diesen Orten des Amusements und der Verbrüderung die stärkste Infektionsgefahr ausginge, ganz und gar nicht. Schließlich wisse man von 75 Prozent der mutmaßlichen Infizierten gar nicht, wo sie sich angesteckt hätten, gibt die Kanzlerin zu. Warum also dann? Weil man es mit den Bravsten der Braven ja machen kann?

Ja, wir waren brav. Und sind es immer noch. Insbesondere meine Branche, die der Autoren. Obwohl der neue Lockdown den ganzen November über uns nun ein weiteres mal tief trifft. Wenn ich allein die Lesungen der Autoren meines Verlages zusammenzähle, die im November ausfallen, dann komme ich auf die beachtliche Zahl von fast siebzig Veranstaltungen. Entsprechend sind die Verdienstausfälle, bei den Großverdienern der Branche kommen da hübsche Summen zustande.

Ach, uns geht es doch noch gold, rufen wir da einander zu! Schaut nach Frankreich! Da sind die Buchhandlungen geschlossen und aus Egalité und Fraternité dürfen nun auch in anderen Einkaufsstätten keine Bücher mehr verkauft werden. Die Franzosen müssen nicht mehr nur von körperlichem Kontakt absehen, das fällt wegen der dortigen Bussikultur besonders schwer, sondern auch geistiger Nahrung entsagen! 

Amazon – der absolute Krisengewinnler

Doch halt. Es gibt auch in Frankreich amazon – der absolute Krisengewinnler, der überlebt alles, was man von vielen kleinen Buchhandlungen nicht sagen kann.

Egal. Wir bleiben brav, schlucken ein wenig, legen die Ohren an und ziehen uns an den Schreibtisch zurück, das ist unser natürliches Habitat, und schreiben an gegen die Feinde von Freiheit und Menschenrecht. Das regelmäßige Lüften nicht vergessen, Kollegen!

Widerstand ist von unsereins nicht zu erwarten. Das überlassen wir lieber den 36 tapferen Bürgermeistern aus Baden-Württemberg, die nicht verstehen wollen, warum ausgerechnet jene dicht machen sollen, von denen fürs Infektionsgeschehen die geringste Gefahr ausgeht. Weil sie am ehesten entbehrlich wären? „Dieser Auffassung treten wir entgegen. Kunst, Kultur und Gastronomie machen das Leben in unseren Städten wesentlich aus. Sie einfach abzuschalten, gefährdet auf Dauer Bürgersinn, Zusammenhalt und Lebensgeist der Stadtgesellschaften. Wir sehen die Gefahr, dass die Maßnahmen“ – „abstrakte Verbote“, heißt es an anderer Stelle – „damit das gefährden, was wir zuallererst brauchen, um die Pandemie durchzustehen.“ „Allein mit Geld kann man Unternehmergeist, Kreativität und Leistungswillen nicht erhalten.“

So kritisch sind unsere Musiker und Humoristen nicht, von Peter Maffay bis Dieter Nuhr, die in ihrem Appell unter anderem an Monika Grütters, Olaf Scholz und Jens Spahn „politischen Dank“ für die Bemühungen des Kulturbetriebs bei der Bekämpfung der Pandemie eingefordert haben. Ist die Veranstaltungsbranche nicht der sechstgrößte Wirtschaftszweig hierzulande, mit 1.7 Millionen Menschen Beschäftigten? Also „systemrelevant“? „Helfen Sie uns! Sonst werden wir in ein paar Monaten kulturell ein ärmeres Land sein“ – mit Geld. Als ob das derzeit nicht wie Kamelle beim Karneval unters Volk geworfen wird, um die nahende wirtschaftliche Katastrophe möglichst lange hinauszuzögern. 

Wenigstens der Musiker Till Brönner beklagt, dass sich die meisten Künstler immer noch viel zu vorsichtig äußerten. In der Tat: Zu vorsichtig, zu untertänig, zu unkritisch. Sie bitten, wenn es hochkommt, um Hilfe, ohne in aller Deutlichkeit zu sagen: Wir tragen das nicht mit, diesen Irrsinn. 

Wir, die Braven. Seit Jahren haben sich die „Kulturschaffenden“ von dem verabschiedet, was einst ihr Markenzeichen war: eben nicht systemrelevant zu sein, sondern der Stachel im Fleische der Herrschenden. Allein, dass sie sich so titulieren lassen, ist schon verräterisch: So wurden sie in der DDR genannt, die Schriftsteller und Musiker, Arbeiter der Stirn, halt, als Hofnarren des Systems vereinnahmt. Und so verhalten sie sich auch jetzt. Um Hilfe wird gebettelt, um Anerkennung gebuhlt, die eigene Wichtigkeit hervorgehoben. Doch kaum einer wagt es, das Vorgehen dieser Regierung infrage zu stellen. Um Himmelswillen! Das nützt doch nur - na wem wohl?

Unsere „Kulturschaffenden“ werden schön stillehalten

Der Regisseur Leander Haußmann sagt’s, in einer herzzerreißenden Ergebenheitsadresse an die Kanzlerin - „lächeln Sie mal!“. Der Lockdown sei richtig, gewiss, aber es bestehe die Gefahr, „dass die rechtspolitischen Parteien als Gewinner aus der Krise hervorgehen“ und „das gemeinsame Lachen (...) der schmallippigen Fratze des Hasses“ weicht. Falls da was ironisch gemeint war: Das ist mir entgangen. 

Wenigstens Juli Zeh schert aus, Bestsellerautorin, Spitzenjuristin und Verfassungsrichterin in Brandenburg. Sie vermutet, dass der „Diskurs an den Lebensrealitäten vorbeigeht“. Und sie fürchtet, dass man nach der Pandemie in wieder ruhigerem Fahrwasser auf die Idee kommen könnte, „bei der nächsten massiven Grippewelle staatliches Eingreifen zu verlangen.“ Als ob der Staat Unsterblichkeit versprechen könne.

Es gibt, so kann man hoffen, noch Richter in diesem Land. Schon beim „Beherbergungsverbot“ haben sie eingegriffen. Unsere „Kulturschaffenden“ aber werden schön stillehalten, selbst jetzt noch, wo es ans Eingemachte geht. Und keinen Gedanken daran verschwenden, wie die Welt aussehen wird, wenn alles am Boden liegt, was Lebensqualität und Freiheit ausgemacht hat. 

Deutschland - eine Kulturnation? Ich fürchte, so wird das nichts mehr.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Tagespost vom 5. November 2020


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Die Spaltung Amerikas

Trump spalte die Gesellschaft, hieß es in deutschen Gazetten über seine Rede am amerikanischen Unabhängigkeitstag, dem 4. Juli 2020, vor dem Nationalmonument Mount Rushmore. Warum? Weil er vor einem „neuen, weit linken Faschismus warnte“? „Unsere Nation wird Zeuge einer erbarmungslosen Kampagne, die darauf abzielt, unsere Geschichte auszulöschen, unsere Helden zu diffamieren, unsere Werte auszulöschen und unsere Kinder zu indoktrinieren“, sagte er in einer patriotischen, ja pathetischen Rede. „Wütende Mobs versuchen, die Statuen unserer Gründer niederzureißen, unsere heiligsten Denkmäler zu verunstalten und eine Welle von Gewaltverbrechen in unseren Städten auszulösen.“

War das nicht die schlichte Wahrheit? Die schlimmsten Ausschreitungen seit Jahrzehnten hatten die USA wochenlang in Atem gehalten: gewalttätige Demonstrationen, Plündereien, Denkmalsstürze unter der Flagge „Black lives matter“ infolge des Todes des Schwarzen George Floyd bei seiner Festnahme durch weiße Polizisten – angeblich das Ergebnis von „systemischem Rassismus“. Der gewalttätige Mob spaltete die Gesellschaft, auch die schwarze Minderheit (13–14 Prozent der amerikanischen Bevölkerung), nicht die Präsidentenrede. Oder hätte Trump darüber schweigen sollen?

Womöglich hätte ihm ausgerechnet Arthur M. Schlesinger jr. beigepflichtet, Demokrat, Kennedy-Berater und Historiker, jedenfalls vor dreißig Jahren, als 1991 die erste Fassung seines Buchs „The Disuniting of America“ erschien, jetzt in der ergänzten Fassung von 1998 von Paul Nellen ins Deutsche übersetzt („Die Spaltung Amerikas“). Das Buch liest sich, als ob es von heute wäre.

Die Vergangenheit zählte nicht

Allein das ist schon deprimierend genug, heißt es doch, dass sich nicht nur etwas wiederholt, sondern dass es sich perpetuiert hat: Apartheid, nicht mehr nur zwischen Weiß und Schwarz, sondern zwischen Männern und Frauen, Hetero- und Homosexuellen und allen anderen, die sich einer besonderen Merkmalsgruppe zugehörig fühlen. Der Schlachtruf, unter dem die jeweiligen sich gekränkt und zurückgesetzt fühlenden Gruppen antreten, heißt Gerechtigkeit, ein kaum zu überbietender Anspruch, und für den scheint jedes Mittel recht.

Dabei war es doch das stolze Prinzip e pluribus unum – aus vielen eines –, das Amerika groß gemacht hat. Wer in die USA auswanderte und dort Aufnahme fand, war ab diesem Moment kein Ire, Deutscher oder Brite mehr, sondern Amerikaner – die Vergangenheit zählte nicht, es galt, den Blick nach vorn zur richten, ja, man sprach sogar von den Amerikanern als neuer Rasse, als neuer Typ Mensch. Tocqueville meinte, hier eine Gesellschaft ohne Wurzeln und Erinnerungen zu erkennen – eine glückliche.

Ob Erinnerungslosigkeit immer eine glückliche Sache ist, sei dahingestellt und auch Schlesinger merkt an, dass die These vom Schmelztiegel ein Euphemismus war. Die Mehrheit der Amerikaner kam zunächst aus Großbritannien, und die Puritaner lehnten deutschen bierseligen Frohsinn ebenso ab wie die als Papisten verschrienen Iren, die wiederum die Schwarzen verachteten. Gemäß Hansens Gesetz (der „Dritte-Generationen-Effekt“) begannen die Enkel wieder, nach ihren Wurzeln zu forschen, ein Drang, der sich mit dem abnehmenden amerikanischen Optimismus spätestens in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts verstärkte.

Das Zeug zu einer „Konterrevolution“

In Europa, von Bevölkerungsaustausch, Flucht und Vertreibung gezeichnet, dürfte man für die Suche nach den „Wurzeln“ mehr Verständnis haben als in den USA, obwohl man auch hierzulande weiß, dass bei dieser Suche oft lediglich hilfreiche nationale Narrative oder alte Mythen zutage treten. Schlesinger aber hielt es mit Gunnar Myrdal, der „intellektuellen Oberklassen-Romantizismus“ diagnostizierte: „Die Begierde nach ‚geschichtlicher Identität‘“, meinte Myrdal, „ist in keiner Hinsicht eine Volksbewegung. Solche Sehnsüchte werden durch wenige, gut etablierte Intellektuelle, Professoren und Autoren geweckt – meist, wie ich vermute, solchen der dritten Generation.“

Auch in ihrer heutigen Form als Identitätspolitik ist der Rekurs auf Gruppenzugehörigkeit ein Geschöpf des Campus. Schlesinger kannte die neuen Moden noch nicht, doch er attestiert dem Ethnokult schon damals das Zeug zu einer „Konterrevolution“ – gegen die ursprüngliche Vorstellung einer gemeinsamen Kultur in einer geeinten Nation. Den Historiker bestürzt dabei vor allem, wie Geschichte als Waffe eingesetzt wird – oder als Therapie für sich unterdrückt fühlende Minderheiten: Jeder gegen jeden und alle gegen den weißen Mann und das europäische Erbe.

Nach den Ausschreitungen infolge des Todes von George Floyd wundert es vielleicht weniger und erschreckt doch umso mehr, dass Schlesingers Analyse zeigt, wie das Unheil ausgerechnet im Zuge der schwarzen Bürgerrechtsbewegung seinen Lauf nahm. Der Kampf gegen die Vorstellung einer Überlegenheit der weißen Rasse war nichts als legitim, das betont Schlesinger, ein Linksliberaler, immer wieder. Umso bedrückender seine Schilderung, wie der Wunsch nach schwarzem Selbstbewusstsein in der Vorstellung von einer schwarzen Überlegenheit mündete.

Der Höhepunkt des schwarzen Ethno-Chauvinismus

Der eine fatale Irrtum: die Suche nach den eigenen Wurzeln in Afrika. In den 1960ern begannen schwarze Amerikaner, sich afrikanische Namen zuzulegen und fanden es hilfreich, die eigenen Kinder mit Riten, Rap und Voodoo zu erziehen. Dabei sind die amerikanischen Schwarzen eben keine Afrikaner – sofern sie sich als homogen empfinden, meint Schlesinger, liege das eher am Plantagenleben zur Zeit der Sklaverei denn an einem gemeinsamen afrikanischen Erbe. Afrika war (und ist) von blutigen Stammesfehden geprägt, die Männer des unterlegenen Stammes wurden von den Siegern in die Sklaverei verkauft. Egon Flaig schätzt, dass nur 360.000 von insgesamt 9,9 Millionen der afrikanischen Sklaven ins britische Nordamerika gingen, von diesen dürften die heute in den USA lebenden Schwarzen abstammen. (Egon Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 196f.)

Der nächste Irrtum: Die Behauptung, dass Emotion „negroid“ sei und dass schwarze Kinder eben anders lernten und anders intelligent seien, weil sie tanzen und singen könnten, vermutet man eher beim Ku-Klux-Clan. Ebenso verquer die These der Ebonics, der höhere Melanin-Spiegel mache Schwarze überlegen, sie seien eben „Sonnenmenschen“. Fatal geradezu der Wunsch nach ethnischen Curricula an Schulen und Universitäten oder der Kampf gegen Standardenglisch oder die Behauptung, akademischer Erfolg sei ein Verrat an der schwarzen Sache und klassische Musik sei imperialistisch. Dass die europäische Kultur (und damit die Weißen) nicht mehr als Vorbild galt, versperrte vielen schwarzen Kindern den sozialen Aufstieg.

Auf dem Höhepunkt des schwarzen Ethno-Chauvinismus wurde gar verkündet, Afrika sei die Geburtsstätte aller Wissenschaft und aller Kultur. „Schwarze Intellektuelle verdammen die westliche Zivilisation und versuchen dennoch leidenschaftlich nachzuweisen, dass sie von ihren eigenen Vorfahren begründet wurde“, kommentiert der Wissenschaftshistoriker Pearce Williams diese Paradoxie.

Weiße Selbstverachtung und schwarzer Hass

Solcherlei mag man als Skurrilitätensammlung abtun, als intellektuelle Spinnereien, ohne großen Einfluss. Doch diese Thesen fielen besonders bei Weißen auf fruchtbaren Boden, es appellierte an ihre Schuldgefühle – und das verbindet die damalige Situation mit der heutigen. Gemeinsam ist den „Aktivisten“ damals wie heute die Verachtung des Westens, der europäischen Geschichte und Tradition. Westliche Bildungsinhalte gelten gar als „systemische Gewalt“. Dabei ist es die christliche Prägung Europas, der wir den Sieg des Individuums über kollektivistische Kulturen verdanken. Gewiss hat der Westen von der Sklaverei profitiert – und sie zugleich im Zuge der ihm inhärenten Selbstkritik abgeschafft, während sie in afrikanischen Ländern noch lange aufrechterhalten wurde. Der Stolz auf die afrikanischen Wurzeln blendet zudem aus, in welchem Ausmaß die Afrikaner selbst Sklavenhandel betrieben.

Man kann, meint Schlesinger, die weiße Schuld auch zu weit treiben – und damit die amerikanische Nation ruinieren. Die weiße Selbstverachtung und der schwarze Hass auf den Westen zerstörten die Grundlagen gesellschaftlicher Freiheit. Die einst universalistische Linke, schließt Schlesinger, betreibe heute Identitätspolitik und votiere für Zensur und Repression, während nunmehr die Rechte bürgerliche Gemeinsamkeiten betone. Die Verfassung aber gelte für Individuen, nicht für Gruppen. „Es entbehrt nicht der Ironie, dass das, was die Multikulturalisten als fröhliches Feiern der Diversität gestartet haben, als grimmiger Kreuzzug für Konformität endet.“ Wer Menschen als „kollektive Merkmalsträger“ behandelt und sie anhand von Abstammungsmerkmalen in Gut und Böse unterteilt, schreibt Sandra Kostner in ihrem Vorwort, betreibt im Kern rechte Politik. Der Antirassismus entpuppt sich als Rassismus.

Verletzte Gefühle sind nicht wichtiger als Verfassungsrechte, betont Schlesinger. Cancel-Culture und De-Platforming, mittlerweile auch hierzulande beliebt, nützt – um ein beliebtes Argument einmal umzudrehen – immer auch dem Gegner, denn der Zensor klingelt stets zweimal.

Eine Erleichterung für alle, die ihren Kopf nicht anstrengen wollen

Ob Schlesinger heute noch so hart argumentieren würde, wie er es hier streckenweise tut? Man kann über das eine oder andere sicher streiten. Doch eines ist gewiss: Wir waren bereits vor 30 Jahren gewarnt. Die Schlussfolgerungen für Europa und Deutschland heute liegen auf der Hand: „Multikulti ist gescheitert“ – Horst Seehofer und Angela Merkel noch 2010 – wenn es nichts Gemeinsames mehr gibt, man nenne es Leitkultur oder nationale Identität. Und noch nicht einmal eine gemeinsame Sprache: Parallelgesellschaften von Menschen mit Hintergrund, womöglich noch mit einer kulturellen Prägung, die Frauen aus der Öffentlichkeit verbannt, da sie nicht mitreden können, machen die Gesellschaft nicht bunt.

Das spaltet ebenso wie der Kult um die „Opferidentität“, hinter dem sich nur schlecht getarnt Machtanspruch verbirgt. Der Hass auf die Verachtung der europäischen „weißen“ Kultur beraubt im übrigen gerade Minderheiten jeder Aufstiegschance, es ist ein Verrat an all denjenigen, die wegen des Versprechens von Freiheit und Aufklärung ins Land gekommen sind. Aber wer weiß: vielleicht hat Schlesinger auch mit seiner schlitzohrigen Andeutung recht, dass der Abschied von der europäischen Kultur eine Erleichterung für alle sein könnte, die ihren Kopf nicht anstrengen wollen.

Arthur M. Schlesinger: „Die Spaltung Amerikas. Überlegungen zu einer multikulturellen Gesellschaft“, aus dem Amerikanischen von Paul Nellen, ibidem Verlag, im Handel, hier bestellbar. 

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Stimme der Provinz, Kolumne 4: Die Provinz schlägt zurück

Nein, üblicherweise schießen meine Nachbarn hier nicht  mit dem Vorderlader  die Äpfel vom Baum.* Das schließt nicht aus, dass in der einen ...