Dienstag, 6. Oktober 2020

Brachial die Zügel anziehen!

Man sollte nie eine Krise ungenutzt verstreichen lassen, lautete einst die zynische, aber realistische Empfehlung Winston Churchills, der sich auf diesen Rat auch stets verlassen hat. Die Corona-Krise bietet dazu viele Gelegenheiten - auch zur sprachlichen Entgleisung.

Der bayerische Ministerpräsident möchte "die Zügel anziehen", als ob seine Untertanen störrische Zugtiere wären, die man zur Räson bringen muss. Und die Kanzlerin, die ja bereits vor "Öffnungsdiskussionsorgien" gewarnt hat, soll jetzt bei einer Videokonferenz mit dem CDU-Präsidium gesagt haben, es müsse in den Regionen, die stark betroffen sind, "brachial durchgegriffen" werden. Zu Weihnachten könne es 19.200 Neuinfektionen am Tag geben, wenn sich das Infektionsgeschehen so weiterentwickelt. Sie habe das hochrechnen lassen.

Nun haben sich bislang alle Hochrechnungen in Sachen Covid-19 als wenig verlässlich erwiesen. Doch wollen wir kleinlich sein, wenn es darum geht, Leben zu retten? In der "größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg", wovon nicht nur der Generalsekretär der UN spricht? In höchster Not hilft nur - genau. Brachial sein. Das übersetzt man gemeinhin mit handgreiflich - und mit rücksichtslos.

Nun ist der Umgang mit Corona Ländersache. In die Entscheidungen der Bundesländer hat sich die Kanzlerin nicht einzumischen. Allerdings ist ihr das bereits einmal geglückt - als sie dekretierte, die Wahl eines FDP-Mannes zum Ministerpräsidenten in Thüringen sei ein "unverzeihlicher Vorgang", der "rückgängig" gemacht werden müsse. Das soll jetzt wohl Schule machen. Ganz offenbar hat die Kanzlerin vor, über die Länderzuständigkeit hinweg die Leitlinien der Corona-Politik selbst zu bestimmen.

Doch noch sträuben sich insbesondere die Ministerpräsidenten aus den östlichen Bundesländern wie Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Dort ist die Zahl der an Covid-19 Erkrankten oder Gestorbenen vergleichsweise niedrig und die Zahl der AfD-Wähler hoch, da empfiehlt es sich, die Bürger zu umschmeicheln, statt ihnen brachial die Kandare ins Maul zu schieben. Schließlich gibt es demnächst wieder Wahlen. Im Übrigen möchten sich nicht alle Ministerpräsidenten vom Bund diktieren lassen, wie sie ihre Bürger kontrollieren - und kujonieren.

Schon an den Grenzen der Bundesländer dürfte die Kanzlerin scheitern. Gottlob, denn die Vorschläge der Regierung sind, höflich gesagt, ein wenig abenteuerlich. Das gilt insbesondere für die Forderung, falsche persönliche Angaben in Restaurants in Zukunft mit einem Mindestbußgeld von 50 Euro zu belegen - in Schleswig-Holstein drohen sogar 1000 Euro. Wie soll das gehen? Sollen Gastronomen sich von ihren Gästen demnächst Ausweis oder Führerschein vorlegen lassen? Darauf dürften sich weder die Wirte noch ihre Gäste einlassen. Das, sowie Ausschankverbote von Alkohol, wären der Todesstoß für die eh schon gebeutelte Branche.

Nun, mit den Deutschen kann man‘s ja machen, wird sich mancher denken, und den kurzen Weg zum Wutbürger antreten. Denn falsche Angaben von Asylbewerbern zu ihrer Identität oder Staatsangehörigkeit bleiben auch weiterhin straffrei. Kann es sein, dass unsere Politiker nicht wahrnehmen wollen, dass das durchaus noch vorhandene Vertrauen in die Regierung zu schwinden beginnt?

Nun, das schert offenbar keinen, dem es um höchste Ziele geht, da muss man auch mal Späne machen beim Hobeln. Am deutlichsten zeigte der Grüne Anton Hofreiter während der Haushaltsdebatte, dass er von Churchill gelernt hat: Die Handlungsfähigkeit und Veränderungsbereitschaft, mit der die Politik der Pandemie begegnet sei, müsse nun genutzt werden, um die Klimakrise zu bewältigen. 

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann zieht keine erfreuliche Bilanz: "Ich werde mich in der demokratischen Zivilgesellschaft nie wieder so sicher fühlen wie früher. Denn ich habe ja jetzt gesehen, wie schnell unter dem Druck der Angst wesentliche Freiheitsrechte reduziert werden können. Potenzielle Autokraten wissen jetzt sehr gut, dass eine Epidemie ein sehr effektiver Weg zur Machtergreifung sein kann."

NDR Info, Die Meinung, 4. Oktober 2020

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Samstag, 26. September 2020

Kinder an der Macht. Leider.


„Kinder an die Macht!“, jubelte Herbert Grönemeyer einst. „Gebt den Kinder das Kommando, sie berechnen nicht, was sie tun!“ Ist erledigt. Kindermund tut Wahrheit kund, sie sind die neuen Propheten, vor ihrem „I want you to panic“ erzittern die Mächtigen der Welt. Und sie berechnen in der Tat nicht, sie können ja gar nicht rechnen, Zahlen sind kalt und unmenschlich, das weiß schließlich jedes Kind.

Ist das lustig? Nein. Ja. Aber nur für Erwachsene, die längst schon das Wahlalter nicht herunter-, sondern heraufsetzen würden. Und zwar gehörig.

Es ist verblüffend, wie sehr die Infantilen heute das Bild beherrschen. Das betrifft nicht mehr nur den Habitus – Mutti trägt die gleichen kunstvoll zerlöcherten Jeans wie die Tochter, im Fitnessstudio und in der Kneipe wird geduzt, auch wenn der Altersunterschied zwischen Personal und Kunde mehr als vierzig Jahre beträgt. Es reicht bis in die Politik, wo Gesetze dem Bürger schelmisch als „Gute-Kita-Gesetz“ oder „Starke-Familien-Gesetz“ nahegebracht werden.

„Ministerien duzen die Bürger, Bildungszentralen erklären die Demokratie mit Piktogrammen, Medien machen aus Nachrichten lustige Clips, Laute und Bilder ersetzen Begriffe wie in Vor- und Grundschule. Kommunikation wird zum niedrigschwelligen Angebot für alle Schichten, alle Generationen.“ Ja, das verbindet! Verkindern statt spalten! Schon deshalb sieht man in den Städten des Landes allenthalben Menschen auf putzigen Rollern durch die Stadt sausen. 

Ein loser Bund der Rücksichtslosen

Alexander Kisslers neues Buch ist ein Panoptikum des aktuellen Irrsinns. Doch halt: So neu ist das Phänomen gar nicht, die Kindsvergottung setzt nicht erst ein, seit Kinder ein seltenes und um so kostbareres Gut geworden sind. Schon bei Dickens findet sich jener „morbide Kult des Infantilen“, den Aldous Huxley beklagt. Und was ist mit Peter Pan, erfunden um die Wende zum 20. Jahrhundert, das Vorbild für alle Menschen, die nicht erwachsen werden wollen? Morbide vielleicht, mörderisch auf jeden Fall: ein niedlicher Killer und Ausbeuter. Eine Gesellschaft der Peter Pans wäre asozial, ein loser Bund der Rücksichtslosen.

Der ewig Kind bleibende Peter hat weder Moral noch Gedächtnis und schon gar kein Gespür für die Folgen seines Tuns. „Der kindische Mensch wird schnell zum manipulierten Bürger – oder zum skrupellosen Machthaber.“ Wer sich noch an den eigenen unerbittlichen Willen zur Weltverbesserung dank allumfassender Gerechtigkeit erinnert, die idealistische Jugendliche schon immer gerne pflegten, den dürfte das Sendungsbewusstsein einer Greta Thunberg und das herrische Gebaren der Klimaretter von Fridays for Future eher an Maos Junge Garde gemahnen denn an niedliche kleine Gummibärenwerfer.

Doch Kinder und Jugendliche dürfen das, was erwachsene Menschen sich verbieten sollten. „Von den Kindern solle man lernen, tönt es aus Politikermund. Auf die Kinder möge man hören, fordern Künstler und Wissenschaftler. Das eben ist dann doch eine kindische Zumutung zu strategischen Zwecken. Nicht Kindern ist vorzuwerfen, dass sie wie Kinder reden. Aber Erwachsenen ist vorzuwerfen, wenn sie Aussagen von Kindern nutzen, um ihre eigene erwachsene Agenda gegen Kritik zu immunisieren. (…) Sie schaffen sich durch Kinder auf dem Podest eine Tabuzone, in der die Positionen des Podestebauers nicht kritisiert werden sollen.“ Das ist die Macht hinter der Infantilisierung. 

Das Kindische schlägt die göttlichsten Kapriolen. Man kann Alexander Kisslers Buch mit seinen unzähligen Beispielen lesen, um sich zu gruseln – oder aber, um sich, auch dank seiner spitzen Anmerkungen, zu amüsieren. Etwa über Berti, den lustigen kleinen Kerl, von Beruf Borkenkäfer, seine Aufgabe: den Fichtenwald zu zerlegen, was Waldbesitzer nicht erbaut. Im Harz aber freut man sich auf ihn und hat ihn neben Lena Luchs und Wolle Wolf als Helden einer Aufklärungskampagne erkoren. Natur ist gut, egal, in welcher Form sie auftritt.

Projektionsfläche erwachsener Sehnsüchte

Überhaupt, der Wolf: Der ist vor allem lieb. Auch das Ehepaar Habeck hat ihm schon mehr als ein literarisches Denkmal gesetzt. Der Wolf muss gerettet werden, koste es, was es wolle – Hühner, Kinder, Lämmer. Nun mag man zur „Rückkehr des Wolfes“ stehen, wie man will. Doch was hinter der Wolfsbegeisterung steckt, ist meist eine Vorstellung von Natur, die nicht nur hoffnungslos verkitscht ist, sondern auch gefährlich naiv. Die Natur ist immer gut? Achwas. Die Menschheit hat nur deshalb überlebt, weil sie gehörig Respekt vor ihrer natürlichen Umgebung hatte. 

Kisslers Analyse der Verherrlichung von Greta Thunberg ist erhellend. Ein ihrer Selbstanalyse zufolge autistischer junger Mensch wird zur Projektionsfläche erwachsener Sehnsüchte. Geradezu rauschhaft wird ihr applaudiert, wenn sie sich in ihre Wut hineinsteigert – panisch sollen sie werden, die Erwachsenen, man wird ihnen nicht verzeihen, wird es ihnen nicht durchgehen lassen, die herbeifantasierte Weltzerstörung. Man wird ihnen gehörig was hinten drauf geben! 

Vor soviel Moralfuror kapituliert offenbar der Verstand vieler ihrer Anhänger – ein Reporter ließ sich zu der Frage hinreißen: „Wie kann der Wandel zu einer CO2-freien Welt gelingen?“ Auf die gleiche Weise, wie man eine genfreie Welt erzeugt – durch sofortiges Indieluftsprengen derselben.

Es sind, darauf weist Kissler immer wieder hin, nicht die Kinder, sondern die Erwachsenen, die heute das denunzieren, was das Erwachsensein ausmacht: Vernunft. Rationalität. Und bei allem, was man tut, an die Folgen denken. 

Nicht jeder Zorn ist heilig, fürwahr. Doch das Kindischsein frisst sich durch alle Bereiche. Ausgerechnet an den Universitäten herrschen die „Schneeflocken“, die „Safe spaces“ und Trigger-Warnungen brauchen, damit sie nichts und niemand erschreckt. Lernen war gestern, Wissen ist doof. Leben unter der Kuscheldecke.

Exemplifiziert am Duktus der Frau Kanzler

Die Politik assistiert mit „leichter Sprache“, die jeder, aber auch jeder verstehen soll. Kissler exemplifiziert das am Duktus der Frau Kanzler, die sich gern in den Grenzbereichen der Leichten Sprache tummelt, mit „haben“ und „sein“ und „Dingen“ und „Maßnahmen“. Das muss man gelesen haben: „Im Ist-Glanz leuchten Plattitüden. Die Erde ist ein Planet, die Sinne ein Stern, die Bundesrepublik ein Staat. Dies ist ein Buch. Sie sind die Leserin.“ Das ist Tyrannei im Namen der Toleranz. Betreutes Denken für Menschen, denen man keine eigenen Gedanken zutraut.

Das Feuchtbiotop für die Verkindlichung der Welt ist Berlin – „die Stadt gewordene Kinderüberraschung“, wo nichts funktioniert, aber alles so schön bunt ist. Nicht zu übertreffen? Doch! Von den christlichen Kirchen. Dort beherrscht man die Sprache der Bibel längst nicht mehr, man spricht das Pidgin der Sozialarbeiter und Werbetreibenden. Man hänge eine Schaukel in die Kirchenkuppel, und schon hat man „eine spannende Intervention, die befreiende und seligmachende Erfahrungen und Begegnungen (…) ermöglicht“. Die Losung: „Selig schaukeln, glauben, hoffen und lieben auf eigene Gefahr!“ 

Gefahr ist das Wort der Stunde, Mut muss man haben, Glauben „wagen“, „schauen wagen“ und, ja, „getragen wagen“, wenn im Kirchenschiff Klettergerüste aufgebaut werden. Zur Belohnung gibt es „Kirchenkuscheln im Adventsstress“ oder, in Thüringen, „Gottesdienst zum Kloßsonntag“. Fürchtet euch nicht, ihr Kinder, alles ist im warmen Kloß. Kuscheln wagen.

Wie verzweifelt muss man in unseren Kirchen sein, dass sie nicht mehr mit ihrer ureigenen Botschaft für sich werben können? Allem wohl, keinem weh – EKD. Wer sein Produkt auf diese schäbige Weise meint verkaufen zu müssen, glaubt nicht mehr daran. 

Und dann kam auch noch Corona – und „keineswegs nur in Deutschland wuchs der Verdacht, die Regierenden nutzten die krisenhafte Situation, um ihre Wähler geistig endgültig in die Kita zu schicken“. Selbst das Händewaschen glaubte man – „Freude, schöner Götterfunken!“ – dem kindischen Bürger beibringen zu müssen. Und da er sich ja nicht selbst schützen könne, fuhr die Regierung vorausschauend das öffentliche Leben und die Wirtschaft an die Wand, als eine Art Lockdownkuscheln. Das ist so kindisch, wie es so gar nicht lustig ist. 

Und was ist die Moral von der Geschichte? Erwachsensein wagen. Denn „der erwachsene Mensch vergisst nicht, dass er Kind war, aber er weiß, dass er es gewesen ist. Er kennt seine Gefühle gut genug, um sie nicht allen Menschen zumuten zu müssen. Er ist souverän genug, zu sich selbst auf Abstand zu gehen, und erträgt darum Distanz zu Anderen. Er weiß um die Unendlichkeit der Gefühle und die Endlichkeit des Lebens und sieht deshalb nicht in jeder Grenze eine Kränkung.“

Kisslers neuestes Werk ist ein Buch für alle, die sich manchmal fragen, ob sie die Irren sind oder vielleicht doch die Anderen. Nach der Lektüre fühlt sich der Zweifelnde nicht mehr ganz so einsam. Und es ist ein perfektes Geschenk für jene, die man noch unter der Kuscheldecke hervorlocken könnte. Ganz klar: ein Buch, das Leben retten kann.

Alexander Kissler, Die infantile Gesellschaft. Wege aus der selbstverschuldeten Unreife, HarperCollins, Hamburg 2020

Zuerst auf der Achse des Guten, 22. 9. 2020


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Männer: Runter von der Schleimspur!


„Sobald oft genug behauptet wird, Männer seien gefährlich, unfähig und überflüssig, glauben es irgendwann sogar die Betroffenen selber“, schreibt Holger Fuß. In der Tat. Und genau da, bei den Männern, liegt das Problem. Der verteufelte Mann ist in Wirklichkeit der Komplize einer weiblichen Machtstrategie. Und das hat er bis heute nicht gemerkt.

Denn er hat sich mit seiner aus Feigheit geborenen Anpassung an die aggressivste Variante des Feminismus dort keineswegs beliebter gemacht. Im Gegenteil: Je mehr er sich beugt, desto lustvoller wird nachgetreten. Zwar war er schon in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts als „potenzieller Vergewaltiger“ (Alice Schwarzer) angezählt, aber als rundherum „toxisch“ und als „Abfall“ gilt er erst heute. Es hat also alles nichts genützt: Auch nicht, dass Mann fleißig gendert, damit ja keine Frau auf die Idee kommt, beim Wort „Fußgänger“ oder „Bürgersteig“ komme sie nicht vor. Nichts hat geholfen, keine Bußübung, keine öffentliche Reue, keine großzügige Geste an die Damen, von denen Mann offenbar nicht erwartet hat, dass sie gern die ganze Hand nehmen, wenn man ihnen schon entgegenkommt.

Die „Weiber“ triumphieren

Männer haben ihr Elend selbst heraufbeschworen, über das sie sich heute durchaus beklagen dürfen. Sie haben Frauen unterschätzt, haben einigen zarten, aber lautstarken Wesen abgenommen, dass sie alle Opfer sind, die entschädigt gehören, haben sich gemüht (und sich dabei an ihrer eigenen Großmut besoffen) und nicht gemerkt, dass sie dabei sind, im Kampf um die Macht zu unterliegen. In der Öffentlichkeit sind sie längst unterlegen. Den triumphierenden Weibern ist es gelungen, alles madig zu machen, was einst dem Mann eine gewisse Größe verliehen hat, unterstützt von gewieften Frauenfreunden, die sich anschicken, sogar das Rad feministisch neu zu erfinden.

Körperkraft? Ist nur noch beim Holzhacken gefragt. Erfindergeist? Höchstens, wenn das Ergebnis CO2- und genfrei ist. Realitätssinn? „Kalte Zahlen und Fakten“, deklariert das ewig Weibliche, das es gern warm und menschlich haben will. (Wer das für Polemik hält, sollte sich die entsprechenden Aussagen führender Politikerinnen antun.)

Seit Jahrzehnten, seit der Wiederauferstehung der Frauenbewegung vor 50 Jahren, wird um Frauen gebuhlt – mindestens eine Alibifrau musste es schon damals sein, wenn es um die Besetzung eines Podiums oder einer Talkshow ging. Mittlerweile ist gleich Parität gefragt, also 50 Prozent, auch im Parlament, obzwar Frauen in den Parteien nur zu um die 30 Prozent vertreten sind. Fifty-fifty auch in Aufsichtsräten, offenbar besonders bedeutende Institutionen. In der Politik hat sich der Sexismus mittlerweile umgekehrt: Längst geht es bei der Besetzung von Listen und Posten nicht mehr um Kompetenz und Qualifikation, die, gewiss, auch bei männlichen Politikern durchaus rar ist. Das „richtige“ Geschlecht und andere Merkmale wie Hautfarbe oder Migrationshintergrund sind offenbar die weit wichtigeren Kriterien, wie man am Beispiel von Sawsan Chebli studieren kann, Staatssekretärin in Berlin. Frauenpower, koste es, was es wolle. Ketzerische Frage: Ob es nicht der Bundeswehr besser bekommen wäre, wenn sich die ehemalige Verteidigungsministern Ursula von der Leyen nicht gar so engagiert um das Wohl der winzigen Minderheit schwangerer Soldatinnen gesorgt hätte?

Giffey: „Rückfall in traditionelle Rollenbilder“

Bei allem „Fortschritt“ an der Frauenfront aber gilt das alte Wort von Alice Schwarzer: „Frau sein allein genügt nicht“, nein, es muss schon eine mit den richtigen Überzeugungen sein. Heute ist es längst nicht mehr so, dass Männer Frauen vorschreiben, wie sie zu sein, was sie zu tun und was zu lassen haben. Es sind die in der Öffentlichkeit dominierenden Frauen, die wissen, was Frauen sollen: Nicht etwa, wie während der Coronakrise, wieder mehr an Kinder und Küche denken, denn das sei eine „entsetzliche Retraditionalisierung“ (Jutta Allmendinger, Sozialwissenschaftlerin) beziehungsweise ein „Rückfall in traditionelle Rollenbilder“ (Franziska Giffey, immerhin Familienministerin). Sozialdemokratische Planerfüllung aber fordert Frauen Vollzeit in Führungspositionen, egal, welchen Lebensentwurf diese selbst haben.

Denn seit sie die Freiheit haben, zu tun, was sie wollen, entscheiden sie sich keineswegs massenhaft für das, wovon man glaubte, es sei der Männer gehütetes Privileg. Statt Baggerführer zu werden, machen sie lieber „was mit Menschen“. Sie ziehen Teilzeit einer Doppelbelastung vor, und der vielbeklagte „Gender Pay Gap“ verdankt sich eher ihren eigenen Entscheidungen denn den perfiden Unterdrückungsstrategien der Männer.

Die kleinbürgerliche Ehe als Hort der Subversivität

Frauensolidarität, die oft beschworene, ist eine Illusion. Solidarisch sind feministische Akademikerinnen mit allen, die ihrem Rollenverständnis entsprechen, doch niemals mit den Plätzchen backenden Müttern oder anderen entsetzlichen Traditionalistinnen, die ihren Kindern, weiblich, Zöpfe flechten und Puppen schenken. Wir lernen: Die von Politikern gern gepriesene bunte Vielfalt aller Lebensmodelle gilt nicht für irgendein „traditionelles“ Modell (das im Übrigen noch immer das eher normale ist).

Die wütende Attacke manch öffentlicher Akademikerin auf das „traditionelle“ Modell ist nicht nur nebenbei ein Angriff auf eine ganz andere Solidarität, auf die Solidargemeinschaft nämlich zwischen Mann und Frau. Dabei ist die kleinbürgerliche Ehe mittlerweile geradezu ein Hort der Subversivität, eine Nische des Widerstands gegen einen übergriffigen Nannystaat, der das Leben der Bürger bis in die Lufthoheit über den Kinderbetten bestimmen möchte. Die derzeitige Regierung hat längst erkannt: Der fundamentalistische Feminismus arbeitet einem Gesellschaftsmodell zu, in dem die Arbeitsmonade nur noch Mutter Staat kennt.

Aus allem kann man eine „Opfergeschichte stricken“

Was tun? Männer, ihr habt die Frauen unterschätzt. Sie waren noch nie lediglich „das unterdrückte Geschlecht“, dazu waren sie viel zu wichtig – und viel zu mächtig. Ihretwegen haben sich Männer in der Vergangenheit die Köpfe eingeschlagen – entweder, um sie zu erobern, oder, um sie (und ihre Nachkommen) zu schützen. Auch daraus kann man natürlich, wie es Hillary Clinton vorgemacht hat, eine Opfergeschichte stricken: Unter Kriegen leiden am meisten die Frauen, meinte sie, weil sie dadurch Sohn, Vater oder Mann verlieren könnten. Und daran sind, na klar, die Männer schuld. Auch die toten.

Und, Männer: Auch eure eingebildete Großmut fällt auf euch zurück. Mag sein, dass sich der ein oder andere Mann einst gedacht hat, es sei doch schön, wenn es Frauenlehrstühle gäbe, dann hätte man sich die lästige Konkurrenz mit den Frauen um normale Professuren elegant vom Hals geschafft. Das Ergebnis: Von „Frauenlehrstühlen“, es gibt so um die 100 im deutschsprachigen Raum, geht jener Obskurantismus aus, der mittlerweile die Gesellschaft spaltet. Dort gedeihen die irrsten feministischen Theorien, darunter die These von der „Intersektionalität“, von einer Hierarchie der Opfer, eine Theorie, die eine neue Konkurrenz eröffnet – die Konkurrenz der Opfer um den ersten Platz. Es gewinnt, wer die meisten Minderheitsmerkmale auf sich vereint, schwarz, Frau, lesbisch und/oder Migrationshintergrund siegt durch alle Instanzen.

Es kann genügen, „Mann“ zu sein, um „schuldig“ zu sein

Gewiss gibt es Opfer, Opfer von Gewalt, auch, aber nicht nur unter Frauen. Doch die Definition dessen, was Opfer und was Gewalt ist, ist mittlerweile so unendlich weit gefasst, dass es, hielten sich alle an die neue Empfindlichkeit, keinen normalen Umgang mehr geben dürfte. So hört man nicht nur aus den USA den Rat, Männer sollten am besten nicht in einen Fahrstuhl steigen, in dem sich eine Frau befindet, und ihre Bürotür stets offen halten, ist eine Kollegin oder Studentin zu Besuch. Mittlerweile kann jeder, auch der unbegründete Vorwurf, ein Mann habe sexuell belästigt, ihn Ehre und Karriere kosten.

Denn ja: Die Behauptung, Opfer geworden zu sein, lässt sich trefflich als Waffe nutzen. Männern müsste spätestens seit dem „Fall“ Jörg Kachelmann – der fälschlich der Vergewaltigung beschuldigt wurde – klar geworden sein, dass manche Frauen diese Waffe auch nutzen. Warum? Weil sie es können. Weil ihnen Rache leicht gemacht wird. Weil sie die Chancen ergreifen, die sich ihnen bieten. Weil sie nicht die besseren Menschen sind. Weil sie nicht blöd sind. Weil sie, liebe Männer, stark genug sind, um als Gegner zu taugen, vor allem dann, wenn sie sich als Opfer deklarieren.

Nun könnte die derzeitige Opferschwemme der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Bei Feministens scheinen sich die schrillsten Vertreter durchgesetzt zu haben. Wer sich als Opfer fühlt, von was auch immer, dessen Gefühl darf beileibe nicht angezweifelt werden, zumal nicht von toxischen weißen Männern. Wer fühlt, hat recht. Was für eine Anmaßung.

Doch das machen auch viele Frauen nicht mit. Es beleidigt ihre Intelligenz. Es ist toxisch für ein gedeihliches Zusammenleben. Vielleicht sollte Mann, der verteufelte, endlich runter von der Schleimspur und sich diesen Frauen anschließen – den normalen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Tagespost.


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Parität? Nachhilfestunden in Demokratie

 Sie hätten doch nur ins Grundgesetz schauen müssen, die roten und grünen Parteien in Thüringen, dann hätten sie gewusst, dass sie auf dem falschen Dampfer waren. Die von ihnen im Juli 2019 verabschiedete Änderung des Landeswahlgesetzes, mit der Parteien gezwungen werden sollten, ihre Landeslisten paritätisch mit Männern und Frauen zu besetzen, ist vor dem Verfassungsgerichtshof in Weimar gescheitert. Die lesenswerte Begründung liest sich wie eine Nachhilfestunde in Sachen Demokratie. Dem „Prinzip der Repräsentation“ gemäß, heißt es da, „vertritt jede und jeder Abgeordnete das gesamte Volk und ist diesem gegenüber verantwortlich. Die Abgeordneten sind nicht einem Land, einem Wahlkreis, einer Partei oder einer Bevölkerungsgruppe, sondern dem ganzen Volk gegenüber verantwortlich; sie repräsentieren das Volk grundsätzlich in ihrer Gesamtheit, nicht als Einzelne.“

„Im Parlament schlagen sich die parteipolitischen Präferenzen des Volkes nieder, nicht dessen geschlechtermäßige, soziologische oder sonstige Zusammensetzung.“ M. a. W.: Weder Hautfarbe noch Herkunft, weder die soziale Schicht noch die sexuelle Neigung oder das Lebensalter spielen dabei eine Rolle. Wir leben nicht in einem Ständestaat, in dem jede Interessengruppe eine eigene Vertretung beanspruchen darf.

Heiter stimmt im übrigen auch, dass der rotrotgrüne Vorstoß vor Heteronormativität nur so strotzt: war nicht kürzlich noch Geschlecht ein bloßes Konstrukt? Und wo bleiben die Diversen?

Wollen Frauen nicht, was sie sollen?

Doch ebenso verblüffend ist, dass CDU und FDP eine Klage gegen das so offenkundig verfassungwidrige Gesetz der AfD überlassen haben, die sich nun als einzige Opposition verstehen darf, die Demokratie und Rechtsstaat verteidigt. Auch im Land Brandenburg wird sie gegen das dort verabschiedete Paritätsgesetz klagen. Und solange wir noch Richter haben, wird sie auch dort obsiegen.

Nun könnte man einwenden, dass doch gar nichts dagegen spricht, mehr Frauen in die Parlamente zu bringen. Sicher, nur: warum sollen ausschließlich Frauen in der Lage sein, die Interessen von Frauen zu vertreten? „Die“ Interessen „der“ Frauen gibt es nicht, schließlich wollen nicht alle in Führungspositionen oder in Aufsichtsräte einziehen oder die nächste Verteidigungsministerin werden. Dass sie heutzutage an solchen Karrieren noch gehindert würden, dürfte ein Gerücht sein, sie werden ja regelrecht angebettelt. Könnte es sein, dass sie nicht wollen, was sie sollen?

Denn um in ein Parlament gewählt zu werden, müssten Frauen in eine Partei eintreten. Das tun sie jedoch nicht zu den gewünschten 50 Prozent, egal, wie heftig sie umworben werden. Womöglich haben sie keine Lust auf allzu häufige Kungelsitzungen.

Kurz: sind nicht zuallererst die Parteien gefragt, wenn es um etwas geht, das sie sich offenbar wünschen, aber nicht hinkriegen? Brauchen sie dafür ein Gesetz, das sie dazu nötigt? Konsequenterweise müsste es dann auch eins geben, das Frauen dazu zwingt, paritätisch in Parteien einzutreten.

Wenn nur noch das zählt, was man zwischen den Beinen hat

Die CDU wird dieses Problem noch beschäftigen. Annegret Kramp-Karrenbauer, stolz darauf, eine Quotenfrau zu sein, möchte, dass sich die CDU auf eine verbindliche Frauenquote von 50 Prozent bis 2025 verständigt. Doch woher die Frauen nehmen, wenn die Partei nur über gut 26 Prozent weiblicher Mitglieder verfügt?

Dabei könnte es gut sein, dass Wähler und Wählerin ein ganz anderes Problem quält: dass es nunmehr offenkundig ist, dass es in der Politik nicht darum geht, dass sich der Kompetenteste durchsetzt, der gerne auch eine Frau sein darf. Gewiss, in der Frauenbewegung kursierte einst der Spruch: Gewonnen haben wir erst, wenn Frauen an der Macht genauso beschränkt sein dürfen wie Männer. Ziel erreicht, möchte man entnervt rufen, wenn nur noch das zählt, was man zwischen den Beinen hat und nicht, was sich im Kopf abspielt.

Und wäre es nicht an der Zeit, über das deutsche Wahlrecht nachzudenken, demzufolge nur die Hälfte der Volksvertreter vom Souverän direkt gewählt werden, während alle anderen über Listen in die Parlamente geraten, Listen der Parteien, die meist nach parteiinternen Kriterien besetzt werden, die nichts mit der Qualifikation zur Repräsentation der Interessen aller zu tun haben müssen?

Die modische Aufteilung des Wahlvolks in zu begünstigende Teilmengen wird den Parteien nicht das Wohlwollen jener einbringen, auf die sie setzen. Außer Frau Kramp-Karrenbauer will nämlich keine Frau, die etwas auf sich hält, eine Quotenfrau sein.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Homepage des NDR.


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Das neue ist das alte Normal


Ich fürchte den Herbst oder jedenfalls den Zeitpunkt, an dem wir überschüttet werden mit Büchern à la „Mein Leben mit Corona“. Jedenfalls die, in denen Autoren die Freuden des einfachen Lebens entdecken: Wie schön es ist, abends nicht ausgehen zu müssen! Wie wohl es tut, stattdessen ein gutes Buch zu lesen! Und wieder kochen zu lernen! Selbstgenügsam zu sein, sich wieder auf sich und die kleinen Dinge zu besinnen! Das neue Normal! Will man soetwas wirklich lesen? Ich nicht.

Die Zeit des angeordneten Stillstandes lehrt doch womöglich etwas ganz Anderes: dass sich unter der vielfältigbuntdiversen Oberfläche die ganze Zeit das alte Normal versteckt hielt. Das, was man zu Zeiten, als man sich noch nicht aussuchen konnte, welches Geschlecht man hat, die „Natur des Menschen“ nannte. Und die zeigt Züge in der Krise, die man sympathisch finden kann oder auch nicht, die aber tief verwurzelt zu sein scheinen.

Angesichts einer Gefahr schließen Menschen sich zusammen, die einander die Nächsten sind. Familien, funktionierende Nachbarschaften. Sie ziehen die Brücken hoch und schließen die Tore. Sie schotten sich ab gegen die Gefahr, die da von außen und, ja, wie so ein Virus: durch andere Menschen droht. Sie tun das, was vor Jahrzehnten noch völlig üblich war, als sich keine Supermärkte in der Nähe befanden, die von morgens bis abends offen hatten: sie legen Vorräte an und bemühen sich ansonsten um Selbstversorgung. Der Welthandel wird im Übrigen nicht zum Erliegen kommen, wenn auch Unternehmen wieder lernen, Vorrat zu halten, statt allein auf Lieferketten zu setzen.

Nicht, dass ich das Horten von Klopapier verstünde, aber man sollte nicht Hamstern nennen, was einer ursprünglichen Vernunft entspricht. Die Welt schrumpft wieder auf ein überschaubares Maß, und siehe da: Nicht nur nationale Grenzen erscheinen wieder erstrebenswert, auch regional wird ausgegrenzt: Selbst in so gering besiedelten Landstrichen wie in Vorpommern nahe der polnischen Grenze verwehrte man Menschen mit Zweitwohnsitz den Aufenthalt.

Die feindliche Umwelt

Kann sein, dass es manch einen demütig macht, zu erfahren, dass all das Große, was man sich vorgenommen und angemaßt hat, nichts bedeutet vor dem Angriff eines Feindes, der es aufs Leben abgesehen zu haben scheint, ohne dass der Mensch eine Waffe zur Gegenwehr besitzt.

Wir retten das Klima, wir schützen die Natur? Welch Hybris. In Gestalt eines Virus erscheint die Natur als das, was sie immer schon war: als feindliche Umwelt, derer sich der nackte Mensch zu erwehren versucht. An die Güte der Natur kann nur glauben, wem es, wie die westliche Zivilisation, gelungen ist, sich seit Jahrhunderten erfolgreich gegen sie zu verbarrikadieren, wer Feuersbrünste und Überschwemmungen zu verhindern und zu bekämpfen gelernt hat und wer fernab aktiver Vulkane lebt. Doch die Natur hat keine Moral, sie denkt nicht daran, gut oder böse zu sein und würde – könnte sie es – all jene belächeln, die so größenwahnsinnig sind, zu glauben, dass sie die Macht hätten, sie zu schützen oder gar zu retten.

Also doch eine Lehre aus der Krise, die man ziehen könnte? Ach, ich habe keine pädagogischen Absichten, ich denke nur, dass es sinnvoll ist, sich ab und an mal klarzumachen, dass wir im Ernstfall weder das Klima noch die Welt retten können und womöglich noch nicht einmal uns selbst. Und dass es im Übrigen viele Menschen gibt, die kein neues Normal brauchen, weil sie im alten Normal leben. In der Krise wird sichtbar, wen und was wir wirklich brauchen: eher keine Gendersternchen oder heiße Debatten um Toiletten für ein drittes Geschlecht, keine politisch korrekte Sprachsäuberung oder Kampagnen gegen alte weiße Männer, sondern Handwerker und Landwirte, Postboten und LKW-Fahrer, Verkäuferinnen, Apotheker, Ärzte und Pfleger. Normale Menschen, eben.

Romane über „Mein Leben mit Corona“ werde ich ganz bestimmt nicht lesen.

Zuerst auf NDR Info, 3. Mai 2020


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Montag, 20. Januar 2020

Zickenkrieg

„Angela vom anderen Stern. Merkel, der Superstar, der alle Starklischees überwand. Die absurde Karriere einer hoffnungslos überschätzten Dilettantin, die aus jedem Handicap einen Glamourfaktor machte. Ihr Spitzenplatz in US-Rankings der Topmagazine wurde zum Abonnement über Jahre. Ihre Rechtsverstöße mehrten ihren Ruhm. Jeder ihrer spektakulären Regelbrüche wurde unter Merkels Deutungsanweisung zum humanitären, ökologischen oder friedensstiftenden Sieg erklärt. Das Talent der Laien-Politikerin führte sie im politischen globalen Business auf den idealen Platz: zur Symbolpolitik.“
Wer noch immer Nachhilfe braucht beim Merkel-Bashing, ist hier richtig. Hell hath no fury than Gertrud Höhler: Die hat ihr Merkel-Trauma noch immer nicht verwunden und stimmt in ihrem jüngsten Buch ein Requiem auf die bereits ins Globale entrückte Kanzlerin an.
Boshaft kann die Höhler. Vernichtend auch. „Nichts, was (Angela Merkel) anfasste, wurde vollendet.“ Sie agiere „intransparent und entscheidungsscheu“, werde „mit den Mitteln der Demokratie die Demokratie überwinden“, und gerate „bei ihren amokhaften Ausbrüchen in Richtung Intensivtäterin“ zur „Rechtsbrecherin“. Puh. Merkel erledigt? Noch lange nicht.

Abräumen demokratischer Standards

Die Kanzlerin setze „auf Omnipräsenz, um den Eindruck der Omnipotenz zu erwecken“, betreibe nichts als Symbolpolitik, aber auch schon mal, wie in Griechenland, Kolonialpolitik. Die „Verächterin des Parlamentarismus“ trotte „wasserdicht durch ihre Geschichtssekunden“, doch wehe, wenn Merkel-Herrschaft und grüne Ideologie sich zusammentun! Dann „wird im Schlafsaal Rasen gemäht, und die Weltöffentlichkeit geht zur lange vernachlässigten Tagesordnung über, ohne Deutschland.“
Gertrud Höhler bricht sämtliche Stäbe über der Kanzlerin, vom Mikado bis Kantholz. Merkel betreibe die „Entmachtung des Rechtsstaates“, setze Recht, indem sie geltendes Recht ignoriert, sei eine Pioniergestalt beim Abräumen demokratischer Standards. Ihr Projekt: „die Ablösung der Demokratie durch eine internationale Weltregierung vorzubereiten“. Ausräumen, umräumen, abräumen!
Kurz: Merkel, der Superstar, ist „eine Regentin mit autistischen Zügen“, ihr Erfolg „die absurde Karriere einer hoffnungslos überschätzten Dilettantin, die aus jedem Handicap einen Glamourfaktor machte.“ „‚Merkel was here‘ singen die deutschen Wälder“: Das Wild ist erlegt. Jagdsignal Hirsch tot.

Wenn Bücher töten könnten!

Gegen Höhlers Wutausbruch war mein Bekenntnis von 2011, mich im Falle Angela Merkels zu ihren Gunsten geirrt zu haben, ein laues Lüftlein. Also immer feste druff, gnädige Frau! Ich bin dabei! Aber hätte es dafür ein ganzes Buch gebraucht?
Die Professorin kontert Merkels eher schlichte Sprache mit enormer Wortgewalt, da rollt jeder Satz wie eine Lawine zu Tale und erschlägt die paar triftigen Gedanken, die unterwegs aufkreuzen. Irgendwann schwindet das Vergnügen an inhaltlich identischen Boshaftigkeiten in variierendem Sprachspiel. Ein Drittel der 351 Seiten hätte auch genügt und seinen Zweck erfüllt: das Requiem auf eine Kanzlerin zu sein, die zur Abrissbirne Deutschlands geworden ist.
Denn in vielem hat Gertrud Höhler ja recht. Nur fehlt es ein wenig an analytischem Unterfutter – Höhler beruft sich da, wo sie erklären müsste, am liebsten auf die eigenen vergangenen Werke, die hier noch einmal in den Brei gerührt werden.
Angela Merkel kommt aus der DDR, hat also gelernt, dass alle Regelwerke vergänglich sind? Gewiss, das erklärt womöglich die Leichtigkeit, mit der sie darüber hinweggeht. Sie will ein neues Menschenbild? Sicher, das wollen die meisten Globalisierer. Schon in der DDR war der Kampf gegen Rechts Priorität? Stimmt, daraus hat allerdings nicht nur Merkels CDU gelernt.

„Zukunftsagentin auf einer Epochenfuge“

Über Höhlers Hauptthese aber ließe sich sinnvoll reden, wenn sie mehr als eine These wäre: Angela Merkel sei mit dem Oberteufel der digitalen Götterwelt im Bunde, als den Höhler Mark Zuckerberg enttarnt hat, und das gemeinsame Ziel sei eine „multipolare Weltordnung, die ökonomisch nicht mehr Marktwirtschaft und in ihren ethischen Standards nicht mehr demokratisch sein wird“. Adieu, kulturelle Differenzen und Nationalstaat.
Die zunehmende Überführung der Bürger in Sozialstaatsabhängigkeit kann man gewiss als Indiz dafür nehmen, ebenso den Angriff auf ursprüngliche Solidaritätsformen wie die Familie. Damit sind wir aber noch nicht beim Menschen als digitalem Datenträger angelangt, zumal der Kampf um kulturelle Identität oder gar die Beliebtheit des Nationalstaats weltweit, außer in Deutschland, zugenommen hat. Und warum Zuckerberg, warum nicht Jeff Bezos?
Egal. Angela Merkel als „Zukunftsagentin auf einer Epochenfuge“, die uns „präpariert für die Übernahme durch Maschinen ohne Seele“, ist auf jeden Fall eine eindrucksvolle These. Leider schnurrt sie zum Schluss zusammen wie das ganze Werk. Denn wer oder was steckt hinter dieser sinistren Figur, die einen „hohen Verschleierungsbedarf“ hat, derweil sie derart Weltumstürzendes anstrebt? Mark oder Jeff oder ein Algorithmus? Achwas. Eine Büroleiterin namens Beate Baumann, BBB also, sie ist „die dunkle Seite der Macht“. Der Beweis: eine in die Jahre gekommene Reportage aus dem „Stern“. Recht haben wir also, wenn wir uns vor solcher Frauenpower fürchten...
Kurz: Das Buch enthält ein paar starke Aussagen, verloren in einer wolkigen Suada, garniert mit ein paar englischen Blähwords aus der Unternehmensberaterszene. Vor allem aber fehlt der Analyse das, was viele Bürger in Deutschland womöglich am meisten interessiert: Wie sich das Agieren der so trefflich abgewatschten Kanzlerin auf das eigene Leben auswirkt, kurz: Wer den Preis zu bezahlen hat. Das scheint die eine ebenso wenig zu interessieren wie die andere.

„Angela Merkel. Das Requiem“ von Gertrud Höhler, 2019, Berlin: Ullstein, 351 Seiten, hier bestellbar.

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Sonntag, 12. Januar 2020

Kill me today...

Es ist das Jahr 2019. Der Diplomat Dr. Christian Zoet, einst Chef der größten (und teuersten) Mission der OSZE im Kosovo, ist Gast in der Sendung „Wolffsohns Historische Leckerbissen“. Im Hintergrund räkelt sich ein Bikinimädchen, im Vordergrund grillt der satt lächelnde Zoet Fisch und Gambas. Der Moderator Professor Michael Wolffsohn schmeichelt seinem Gast mit den Worten: „Im Gegensatz zu vielen anderen Diplomaten, die an der Champagnerfront ihren Mann stehen, kennen Sie menschliches Leid aus erster Hand.“ Darauf Zoet: „Und wir können gleich schon mal einen ersten Happen probieren.“
So geht Diplomatie, wie sie im Buche steht. Und das ist noch steigerungsfähig! Als der Moderator sich nach Zoets Zeit im Kosovo erkundigt und nach Verbindungen zu dessen Präsidenten, der seinen Weg zur Macht mit Drogen- und Waffenschmuggel, Frauen- und Organhandel finanzierte, antwortet der große Diplomat: „Mir ging es immer nur um die Menschen und darum, einen Raum für Vertrauen zu schaffen. Zum Fisch Chablis oder Pinot Noir?“ So kennt man es, das folgenlose Menscheln.
Natürlich ist die Szene fiktiv, auch wenn die Protagonisten vertraut sind. Im Film „Kill me today, tomorrow I’m sick“ spielt der Anwalt Joachim Steinhöfel den aasigen Chefdiplomaten. Michael Wolffsohn hat in real life leider noch keine eigene Talkshow. Die Szene steht am Schluss eines Films, der einen lachen und weinen lässt, meistens zugleich.
Er spielt in einer Region, die heute aus dem Blickfeld verschwunden zu sein scheint: im Kosovo, für das die Bundesregierung mit ihrem grünen Außenminister im Frühjahr 1999 den deutschen Pazifismus verabschiedete, um die Serben als eine Art neue Nazis am Massakrieren und Vertreiben der Kosovo-Albaner zu hindern. Seither sind die Fronten klar: Serben sind böse, alle anderen arme Opfer. Doch so einfach ist das in keinem Krieg. Die anderen sind auch nicht ohne. Das ahnt die junge Journalistin noch nicht einmal, die im Sommer 1999 am Flughafen Priština eintrifft, um ein „Netz freier Medien“ aufzubauen und dabei zu helfen, das Kosovo zu einer multiethnischen Vorzeigedemokratie zu machen.

Als „Serbenfotze“ beinahe gelyncht

Zur Freude des Zuschauers wird sie von einem bosniakischen Schlitzohr namens Plaka abgeholt („Ich bin intelligent, sehe gut aus und habe Humor“), der, nachdem er sein eigenes Auto den albanischen Paramilitärs von der UÇK hat spenden müssen, als Chauffeur bei der OSZE angeheuert hat. Anna trifft im Hauptquartier der OSZE auf eine skurrile Versammlung von Glücksrittern, verlorenen Seelen, versoffenen Zynikern und naiven Weltverbesserern. Sie registriert mit Erstaunen, dass nicht nur die Serben andere Ethnien hassen. In der Stadt sind alle serbischsprachigen Schilder durchgestrichen oder übermalt, und in Annas von Serben verlassener Wohnung wurden die Bilder aus den Rahmen geschnitten.
(Später stellt sich heraus, dass es die serbische Familie mitnichten bis nach Belgrad geschafft hat.) Alltäglich auch die Autobombe, quittiert mit dem Spruch „SFOR, KFOR, what for“. Als Anna beim Kauf einer Kerze in einem Tante-Emma-Laden drei Finger hochhält, um zu signalisieren, dass sie 3 Dollar zahlen möchte, wird sie von den anwesenden Frauen als „Serbenfotze“ beinahe gelyncht. Sie hat unwissentlich das serbische Siegeszeichen gemacht. So unschuldig reist man also in ein Krisengebiet!
Während Anna staunt, ist Plaka, ihr Chauffeur und erfindungsreicher Übersetzer, Realist, mithin im Eigeninteresse tätig. Mit seinem einst bei Mercedes in Deutschland angestellten albanischen Kumpel aus alten Zeiten organisiert er einen florierenden Schwarzhandel mit Waren, die er, via Müllabfuhr, aus dem englischen PX stehlen lässt.
Plaka und Burim sind wie die Rabenvögel, die seit je den Heeren hinterherziehen und vom Irrsinn des Krieges profitieren, Kriegsgewinnler, hier in ihrer sympathischsten Form. Ein prima Leben, wäre da nicht der Oberschurke der UÇK, Gazmend, rechte Hand (und Gehirn) des „Commanders“ Rhaci, der die beiden erpresst. Bei der OSZE aber legt man Wert auf gute Beziehungen zu dem dubiosen Commander, man braucht ihn, der Stabilität wegen: „unbedachte Maßnahmen“ zerstören Vertrauen, salbadert Zoet – da drückt man schon ein Auge zu, wenn Rhaci und seine Leute sich mit Drogen-, Waffen- und Organhandel finanzieren.

Hinreißende Verarsche der „Internationals“

Ebenso ungerührt lassen die friedensstiftenden Kräfte zu, dass ein junger Mann aus einer serbischen Enklave, der weder albanisch noch englisch spricht, ohne Begleitung in den Herrschaftsbereich der UÇK fährt. Obwohl doch jeder, der slawisch spricht, des Todes ist. Sdrjan weiß, dass er sich in Gefahr begibt, aber was soll’s: „Kill me today, tomorrow I’m sick“. Das ist furchtbar anzuschauen, wie sich dieser Junge ergeben darin fügt, dass er keine Zukunft hat. Im Film, der Tragödie und Komödie vereint, ist das Mitleid nicht nur für eine Seite reserviert. Selbst die absurdesten Szenen sind im Grunde nichts als todtraurig.
Das allerabsurdeste Projekt aber stammt von Anna, ein Projekt, das mitten ins fette Gewölk der hehren Reden und guten Vorsätze sticht. Sie überredet Plaka, ein multiethnisches Radioprogramm zu moderieren – Technik und Sender versteckt hinter den vielen Kisten mit gestohlener Ware. Alle unterdrückten Minderheiten sollen vorkommen: die Frauen und die Tiere, die Roma und die Schwulen. Das Ergebnis ist eine hinreißende Verarsche des Traums der „Internationals“ vom multiethnisch durchgegenderten Paradies unterdrückter Minderheiten. Dardana ruft im Beisein des erschütterten Gatten Burim zur Emanzipation von den Männern auf und empfiehlt Masturbation statt Sex, assistiert von einer schwulen Diva. Dino, der Sohn Plakas, kämpft für Tiere und Veganismus. Im Schlachthaus der UÇK, in dem menschliche Organe entnommen werden, rettet er das Schaf, nicht den Menschen.
Die skurrile Show provoziert natürlich alle, alte militante Serben ebenso wie die UÇK – und vor allem Gazmend, den albanisch-amerikanischen Psychopathen, den Plaka bei aufgezogenem Mikrofon entlarvt hat. So kommt es schließlich zum Showdown mit höchstens einem Achtel Happy End.

Die „richtige“ Seite gibt es nicht

Der Film von Joachim Schröder und Tobias Streck ist extrem unterhaltsam und dazu noch, ja! – pädagogisch wertvoll: Es empfiehlt sich tiefes Misstrauen in alle internationalen Hilfsprojekte. Die wenigsten der „Internationals“ kennen die Gegebenheiten vor Ort, die Sitten und Gebräuche, die Eigenheiten und Idiosynkrasien. Zugleich lehrt der Film Misstrauen in die Moralisierung des Krieges. Die säuberliche Einteilung in Täter und Opfer, Gut und Böse ignoriert die Grauzonen und Randbereiche, von denen es gerade im ehemaligen Jugoslawien reichlich gibt. Selten ist man auf der sicheren, der „richtigen“ Seite, das glaubt nur der Sieger der Geschichte, und oft genug gibt es den noch nicht einmal.
Der Film ist von einer wahren Geschichte inspiriert. Schroeders Schwester Henriette hat in der Abteilung „Media Affairs“ der OSZE im Kosovo erlebt, was hier bis zur Kenntlichkeit karikiert wird. Glaubwürdig sind jedenfalls die Darsteller – multiethnisch, Laien und Profis, Frauen und Tiere. Mein Favorit ist Carlo Lubjek als Schlitzohr mit Herz, auf dem Fuße gefolgt von Karin Hanczewski, bekannt als Tatortkommissarin und sonst nicht mein Typ. Großartig, wie sie als naives Mädel anfängt, bald das Theater der Friedensstifter durchschaut und dann deren gute Absichten auf den Punkt bringt: Leute, so funktioniert das nicht. Eure guten Absichten laufen auf Mord und Totschlag hinaus.
Furchtbar schön ist Tommy Sowards als Gazmend, der durchgeknallte albano-amerikanische Killer, und mit Boris Milivojevic als Commander Rhaci ist den Filmemachern einer der populärsten Schauspieler der Region ins Netz gegangen. Ansehnliche Nebenrollen spielen Sigi und David Zimmerschied, Henryk Broder und Joachim Steinhöfel, Nikola Rakocevic und Eray Egilmez. Bei dieser Produktion jedenfalls scheint der multiethnische Traum funktioniert zu haben. Insgesamt acht Jahre hat es gedauert, bis aus der Idee ein Film wurde, der nun in die deutschen Kinos kommt. Zeit, sich wieder zu erinnern an eine Region, die uns so nah und so fremd ist wie der Balkan. Im Übrigen: Man kann bei Mord und Totschlag echt Spaß haben. Geht bei Tarantino schließlich auch.

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Brachial die Zügel anziehen!

Man sollte nie eine Krise ungenutzt verstreichen lassen, lautete einst die zynische, aber realistische Empfehlung Winston Churchills, der si...