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Dienstag, 6. Oktober 2020

Brachial die Zügel anziehen!

Man sollte nie eine Krise ungenutzt verstreichen lassen, lautete einst die zynische, aber realistische Empfehlung Winston Churchills, der sich auf diesen Rat auch stets verlassen hat. Die Corona-Krise bietet dazu viele Gelegenheiten - auch zur sprachlichen Entgleisung.

Der bayerische Ministerpräsident möchte "die Zügel anziehen", als ob seine Untertanen störrische Zugtiere wären, die man zur Räson bringen muss. Und die Kanzlerin, die ja bereits vor "Öffnungsdiskussionsorgien" gewarnt hat, soll jetzt bei einer Videokonferenz mit dem CDU-Präsidium gesagt haben, es müsse in den Regionen, die stark betroffen sind, "brachial durchgegriffen" werden. Zu Weihnachten könne es 19.200 Neuinfektionen am Tag geben, wenn sich das Infektionsgeschehen so weiterentwickelt. Sie habe das hochrechnen lassen.

Nun haben sich bislang alle Hochrechnungen in Sachen Covid-19 als wenig verlässlich erwiesen. Doch wollen wir kleinlich sein, wenn es darum geht, Leben zu retten? In der "größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg", wovon nicht nur der Generalsekretär der UN spricht? In höchster Not hilft nur - genau. Brachial sein. Das übersetzt man gemeinhin mit handgreiflich - und mit rücksichtslos.

Nun ist der Umgang mit Corona Ländersache. In die Entscheidungen der Bundesländer hat sich die Kanzlerin nicht einzumischen. Allerdings ist ihr das bereits einmal geglückt - als sie dekretierte, die Wahl eines FDP-Mannes zum Ministerpräsidenten in Thüringen sei ein "unverzeihlicher Vorgang", der "rückgängig" gemacht werden müsse. Das soll jetzt wohl Schule machen. Ganz offenbar hat die Kanzlerin vor, über die Länderzuständigkeit hinweg die Leitlinien der Corona-Politik selbst zu bestimmen.

Doch noch sträuben sich insbesondere die Ministerpräsidenten aus den östlichen Bundesländern wie Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Dort ist die Zahl der an Covid-19 Erkrankten oder Gestorbenen vergleichsweise niedrig und die Zahl der AfD-Wähler hoch, da empfiehlt es sich, die Bürger zu umschmeicheln, statt ihnen brachial die Kandare ins Maul zu schieben. Schließlich gibt es demnächst wieder Wahlen. Im Übrigen möchten sich nicht alle Ministerpräsidenten vom Bund diktieren lassen, wie sie ihre Bürger kontrollieren - und kujonieren.

Schon an den Grenzen der Bundesländer dürfte die Kanzlerin scheitern. Gottlob, denn die Vorschläge der Regierung sind, höflich gesagt, ein wenig abenteuerlich. Das gilt insbesondere für die Forderung, falsche persönliche Angaben in Restaurants in Zukunft mit einem Mindestbußgeld von 50 Euro zu belegen - in Schleswig-Holstein drohen sogar 1000 Euro. Wie soll das gehen? Sollen Gastronomen sich von ihren Gästen demnächst Ausweis oder Führerschein vorlegen lassen? Darauf dürften sich weder die Wirte noch ihre Gäste einlassen. Das, sowie Ausschankverbote von Alkohol, wären der Todesstoß für die eh schon gebeutelte Branche.

Nun, mit den Deutschen kann man‘s ja machen, wird sich mancher denken, und den kurzen Weg zum Wutbürger antreten. Denn falsche Angaben von Asylbewerbern zu ihrer Identität oder Staatsangehörigkeit bleiben auch weiterhin straffrei. Kann es sein, dass unsere Politiker nicht wahrnehmen wollen, dass das durchaus noch vorhandene Vertrauen in die Regierung zu schwinden beginnt?

Nun, das schert offenbar keinen, dem es um höchste Ziele geht, da muss man auch mal Späne machen beim Hobeln. Am deutlichsten zeigte der Grüne Anton Hofreiter während der Haushaltsdebatte, dass er von Churchill gelernt hat: Die Handlungsfähigkeit und Veränderungsbereitschaft, mit der die Politik der Pandemie begegnet sei, müsse nun genutzt werden, um die Klimakrise zu bewältigen. 

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann zieht keine erfreuliche Bilanz: "Ich werde mich in der demokratischen Zivilgesellschaft nie wieder so sicher fühlen wie früher. Denn ich habe ja jetzt gesehen, wie schnell unter dem Druck der Angst wesentliche Freiheitsrechte reduziert werden können. Potenzielle Autokraten wissen jetzt sehr gut, dass eine Epidemie ein sehr effektiver Weg zur Machtergreifung sein kann."

NDR Info, Die Meinung, 4. Oktober 2020

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Freitag, 5. März 2010

Urheberexzeß

Natürlich geht es am wenigsten um ein Buch in der aufgeregten Feuilletondebatte um „Axolotl Roadkill“. Die allgemeine Gefühlseskalation deutet auf Abgründe ganz anderer Art. Deshalb vernimmt man noch unter den Triumphrufen begeisterter Literaturkritiker leise Verzweiflungsschreie – hatte man doch ganz kurz glauben dürfen, die alte Deutungshoheit wiedergewonnen zu haben. Doch über Erfolg und Niederlage auf dem Buchmarkt entscheidet längst nicht mehr das Feuilleton und das hat sich mit dem jüngsten Medienhype auch nicht geändert.
Denn der Event im Fall „Axolotl“ ist eben nicht das Buch, sondern die Person, die da als Autorin auftritt. Und die tut ihr bestes, das eigene Werk zum Verschwinden zu bringen. Nicht durch gedankenloses Abschreiben allein – da gibt es gravierendere Fälle. „Axolotl“ wird erst zum Fall durch die Veredelung des Plagiats zu einem Protest - gegen „diesen ganzen Urheberrechtsexzess“, der irgendwie nicht mehr paßt zur Generation Copy and Paste. In Wirklichkeit, so liest man unter den der 4. Auflage hinzugefügten Quellenvermerken, haben wir es hier mit einer „Ästhetik“ zu tun, die sich „Prinzip der Intertextualität“ nennt. Kurz: Kunst darf das.
Also doch nur ein Streit um Literatur? Nein. Die Nonchalance in Sachen Urheberrecht, die man einer jungen Autorin verzeihen mag, träufelt Gift in die Blutbahn einer siechen Branche. Autoren, Verlage, Buchhandlungen, das Feuilleton und der Kulturbetrieb insgesamt leb(t)en nun mal von der Gewißheit, daß geistiges Eigentum, zum Produkt gemacht und auf den Markt gebracht, noch Einkommen erschließen kann. Diese feste Burg ist längst am Bröckeln – und die Bausünden sind bekannt..
Die „Bezahlt wird nicht“-Mentalität im Internet ist der eine Punkt. Wer will schon noch für Zeitungen echtes Geld hinlegen, wenn man ihren Inhalt gratis im Internet abgreifen kann? „Content“ ist nichts mehr wert, sobald ihn der Leser auf dem Schirm hat. Ihm Geld abzuverlangen für ein paar flüchtige Zeilen oder Bilder, findet er unverfroren und zieht weiter – an die nächste Ecke, dorthin, wo öffentlich-rechtliche Medien dank der Gebührenzahler am Markt vorbei agieren können.
Das mag man Bequemlichkeit und Denkfaulheit nennen, gegen die moralische Appelle nichts ausrichten. Doch viele fühlen sich auch moralisch im Recht, da sie den kostenfreien Zugang zu Inhalten für den Ausdruck von Freiheit und Demokratie halten. Information für alle! Und Kultur für alle – na klar. Wie gut das klingt. Dabei weiß eigentlich jeder, daß die wenigsten Menschen Künstler sind und nicht jeder Schreibende etwas zu sagen hat.
Wo es um das Besondere geht, gibt es keine Gleichheit – und auch die Copy-and-Paste-Generation wird lernen (falls man es dort nicht längst schon weiß), daß „das Recht zum Kopieren und zur Transformation“ nur gilt, wo die Transformation in etwas Neues tatsächlich gelingt. Das aber ist Arbeit. Und die will bezahlt werden – solange der Staat nicht alle alimentiert, die auch nur ein Bruchteil Talent erkennen lassen. Stipendienliteratur aber ist, mit Verlaub, selten erfolgreich.
Die Buchverlage spüren es womöglich nicht im gleichen Maß, aber auch ihnen gehört die Ware nicht mehr, die sie verkaufen wollen. Es gibt schon jetzt kaum ein Buch von Publikumsinteresse, das nicht umgehend, ja oft noch vor Erscheinen kostenlos im Netz zu haben wäre – auch „Axolotl Roadkill“ ist für lau herunterzuladen, von jedem, der Urheberrechte für übertrieben hält.
Natürlich ist das Internet kein völlig rechts- und moralfreier Raum: es war schließlich ein Bewohner der Blogosphäre, der Hegemanns „intertextuelle“ Arbeitsweise bekanntmachte. Und – wer hätte das gedacht – in der Blogwelt findet man „helenisieren“ und „hegemannen“ überhaupt nicht lustig.
Doch nicht jeder dort, und das ist der zweite Punkt, der geistigen Diebstahl ablehnt und deshalb noch unter jede Marginalie seinen Copyright-Vermerk setzt, mag auch für Geistesprodukte zahlen. Das emphatische Bekenntnis zum „freien Zugang zu Informationen“ bemäntelt, daß das Internetpiratentum eine verdammt schäbige Seite hat. Man enteignet ja nicht nur Springer und andere, um die es angeblich nicht schade wäre, sondern vor allem Journalisten und Autoren, die von ihrem Gewerbe leben wollen.
Gewiß, die jammern schon immer gern – aber heute fürchten Autoren mit einigem Recht, Opfer jener Netzmentalität zu werden, die den kostenlosen Download der geistigen Produkte anderer für ein Menschenrecht hält. Denn wir haben es, und das ist der dritte Punkt, nicht nur mit einer schleichenden Enteignung der Urheber, sondern auch mit der Entwertung ihrer Inhalte zu tun. Die meisten Konsumenten dürften das nur elektronisch anwesende Buch für weniger wertvoll halten als eines, das gedruckt und gebunden ist und schwer in der Hand liegt (und mag das heute noch so kostengünstig zu machen sein). Noch immer werden Bücher nicht nur ihres Inhalts wegen, sondern auch als Gegenstand gekauft, den man in Bücherregalen ausstellt. Ihre virtuelle Erscheinungsform wird als weniger wert empfunden.
Für die Autoren ist das ein schlechtes Geschäft. Und für die Verlage wiederum ist das elektronische Buch wohl nicht so kostensparend, wie wir Autoren vermuten. Zumal „das Buch“ nicht untergehen wird, auch wenn das E-Book einen größeren Platz einnehmen sollte. Man muß also beide Systeme bedienen: den Vertrieb im Virtuellen und den handfesten in der Welt gebundener Bücher, in der schon längst nicht mehr der Literaturfreund mit seinem Buchladen, sondern die großen Buchhandelsketten das Marktgeschehen bestimmen.
Ja, auch die klassischen Buchverlage haben’s schwer, daran ändert auch ein „gemachter“ Bestsellererfolg nichts. Doch Leser wie Autoren brauchen eine Instanz, die prüft und sortiert und vermarktet und bewirbt (und auch mal hilft, wenn aus der „Ästhetik des Intertextuellen“ ein richtiges Buch werden soll). Das Geschäftsmodell von Amazon aber verheißt ihre Entmachtung: Dort hat man kürzlich dem Schriftsteller Ian McEwan die Bücher seiner Backlist abgekauft, um sie als E-Book zu verkaufen, und ihm 50 % des Erlöses angeboten. Kein Verlag kann da mit. Autoren sind also auf dem Weg in den Abgrund nicht allein.
Was wird geschehen? Die Romanautoren und viele ihre Leser beteuern natürlich tapfer: „das Buch bleibt!“ – schon aus haptischen und ästhetischen Gründen. Und es stimmt ja, noch ist kein Lesegerät auf dem Markt, das man (und vor allem frau) freudig mit ins Bett nehmen würde.
Doch das wird nicht lange auf sich warten lassen – Amazons Kindle und das iPad von Apple sind erst der Anfang. Wahrscheinlich wird es irgendwann Steve Jobs mit seinem Sinn für Schönheit und leichte Bedienbarkeit sein, der uns ein (bezahlbares) Lesegerät beschert, das nicht nur technisch überzeugt. Was dann?
Wie sorgt man dafür, daß sich nicht jeder aus dem Netz bedient, sondern seine elektronische Bibliothek redlich erwirbt? Soll man die Fehler der Musikindustrie wiederholen und es mit Kopierschutz versuchen? Hilft der Appell an die Moral, fordert man martialische Verfolgung der Übeltäter? Oder geht man zähneknirschend einen Deal ein und einigt sich mit Apple, dessen geschlossenes System mit funktionierender Bezahlroutine ja einige Vorteile bietet – genau deshalb, weil es nicht „frei“ ist (was im Ernst nur jene bemängeln, die vor allem wissen wollen, wie es funktioniert, während sich Normalsterbliche damit begnügen, daß es funktioniert). Das iPad garantiert, daß für „content“ auch bezahlt wird – auch an Apple, gewiß. Aber ebenso an Verlage und Autoren. Das wäre eine Chance.
Die letzte Möglichkeit aber ist die wahrscheinlichste: alle machen die Augen fest zu und hoffen, daß es so schlimm nicht kommt. Es reicht ja, wenn wir das Weltklima retten. Das, scheint mir, ist die Haltung, auf die man sich in der Branche stillschweigend verständigt hat. Und insofern ist der Ersatz des Buchs durch den Autor, wie wir ihn beim Hype um „Axolotl“ gerade erleben, nur konsequent. Auch in der Buchbranche wird man vielleicht demnächst mit dem Verkauf von Fanartikeln und Accessoires mehr verdienen als mit dem „Content“. Vielleicht hätte sich Helene Hegemanns Verlag auch die Markenrechte an den putzigen Schwanzlurchen rechtzeitig sichern sollen? Die sind derzeit der große Renner in Zoogeschäften.
Möglich wäre es natürlich auch, das Produkt neu zu denken. Das Buch neu zu erfinden. Die technischen Möglichkeiten seiner neuen „Hülle“ zu nutzen, um ihm seine Magie zurückzugeben, es mit Fühlern auszustatten, die nach anderen Welten ausgreifen und alle Sinne beschäftigen. Es wieder zum Wunderding zu machen, aus dem eine Stimme spricht, die Besonderheit verkörpert. Die einem Autor gehört im wahrsten Sinn des Wortes.
Und hatten wir nicht davon einige in der jüngsten Vergangenheit, Erfolgsgeschichten, die längst zu Legenden geworden sind? Man denke an die Harry-Potter-Saga oder an ebenso überraschende Wunder wie die Bestseller von Andrea Maria Schenkel und Daniel Kehlmann. Hier wurde kein Hype aufgezogen und kein Skandälchen provoziert, der Erfolg war ein unerwartetes Geschenk der Leser an die Autoren und ihre Verlage. Und um diese beiden und deren Überleben geht es – wieder mal, gewiß, aber auch ganz neu. Vielleicht gelingt es ja, in einem kreativen Bündnis, auch mit den Lesern, die Chancen des Zukünftigen auszuloten.
Denn eines ist gewiß: jede technische Revolution braucht einen Inhalt. Ohne den Erfindungsreichtum von Autoren bleibt der Bildschirm leer.

Quellenhinweis: Dieser Text verdankt viel den Gesprächen mit Reinhard Jahn

Wir Untertanen.

  Reden wir mal nicht über das Versagen der Bundes- und Landesregierungen, einzelner Minister, der Frau Kanzler. Dazu ist im Grunde alles ge...