Posts mit dem Label Kolonialzeit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kolonialzeit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 22. Mai 2017

Was wiwo online nicht weiter verbreiten wollte...

Seit Januar 2015 gab es bei wiwo online Stephans Spitzen, erst jede Woche Dienstag, dann jede zweite Woche. Die Kolumne vom  10. April erschien nur kurz, dann wurde sie offline genommen. Warum? 

Wer sich alles an Afrika versündigt hat
„Wir haben uns in der Kolonialzeit an Afrika versündigt“, sagte die Kanzlerin jüngst auf einem Treffen vieler ehrenamtlicher Helfer während und seit der Migrationskrise vom September 2015. Hm. Wen meinte sie wohl mit „wir“? Der pluralis majestatis kann es nicht gewesen sein, denn zur Kolonialzeit war die Kanzlerin noch nicht geboren. Der Verdacht und der Anlass legen nahe, dass sie mit „wir“ allen Deutschen nahelegen wollte, heute als Sünder für damals Buße zu tun. Man kennt das ja: die Neigung der Deutschen zu Schuldbewusstsein ist ein Hebel, der gern bedient wird, wenn es um das Einfordern ihrer Hilfsbereitschaft geht.

Doch zum einen gibt es keine Erbsünde und zum anderen waren die Deutschen anno dazumal keineswegs die allergrößten Sünder.

Überhaupt: das Wort „sündigen“ ist in diesem Kontext ein weites Feld. Sieht man mal von „wir“ und „wer“ ab: was genau ist damals geschehen, das man als Sünde bezeichnen müsste, weil es kein anderes Wort dafür gäbe – etwa politischer Fehler, menschliche Verrohung, andere Zeiten, Verbrechen?

Der deutsche Kolonialbesitz (den Bismarck nie wollte) war eher schmal und erst spät erlangt. Im „Wettlauf um Afrika“ in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts kam das Kaiserreich nach den Franzosen, Briten und Belgiern zu spät. Weder was Ausdehnung noch Ausbeutung oder Greuel betrifft, kann sich das Deutsche Reich mit den anderen Kolonialmächten Ländern messen. Gewiss, auch unter den deutschen Kolonialherren gab es üble Gestalten wie Carl Peters, doch eine nicht zuletzt dank des sozialdemokratischen „Vorwärts“ und den Reichstagsreden August Bebels überaus informierte und sensible Öffentlichkeit sorgte dafür, dass solche Leute den guten Ruf der Deutschen nicht lange beschmutzten – denn in der Tat: schon damals meinte man, alles besser machen zu können und sollen als etwa die englischen „Krämerseelen“.

Welche Sünden also sind gemeint? Ein aktueller Konflikt mit Namibia liegt nahe. 1904 hat sich in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika ein wahrlich unrühmliches Geschehen zugetragen. Der Stamm der Herero erhob sich gegen die deutschen Kolonialbehörden, die den Kriegern zunächst unterlegen waren. Nach monatelangen Kämpfen trieb eine „Schutztruppe" unter dem Kommando von Generalleutnant Lothar von Trotha Tausende Herero in die fast wasserlose Omaheke-Wüste, wo sie verdursteten. Womöglich kamen dabei 40.000 bis 60.000 Herero ums Leben. Im Jahre 2015 benannte die deutsche Bundesregierung das Vorgehen der kaiserlichen Truppen als Völkermord. Nunmehr geht es um Milliardensummen als Entschädigung für die Nachfahren der Herero – möglicherweise ein Präzedenzfall, der auch zukünftig kosten könnte. Kann man aber „Völkermord“ – die Sache selbst ist historisch durchaus nicht eindeutig entschieden – als Sünde bezeichnen?

Es fällt nicht immer leicht, die Kanzlerin zu verstehen.

Versuchen wir es aus einem anderen Blickwinkel. Merkel sprach in Hinblick auf das Treffen der G-20-Staaten am 7. und 8. Juli in Hamburg, wo es vor allem um Afrika gehen soll. Die Grenzen zwischen den afrikanischen Ländern seien von den damaligen Kolonialherren willkürlich gezogen worden – „ohne Rücksicht auf die Gebiete der einzelnen Stämme“.

Tatsächlich: so geschah es mit der Abschlusserklärung von 1885 der „Kongo-Konferenz“, zu der Reichskanzler Bismarck Vertreter der Kolonialmächte nach Berlin eingeladen hatte. Man teilte sich Afrika auf – mit dem Lineal. Willkür? Aber sicher. Es gab allerdings vorher weder ein einiges Afrika noch andere, „natürliche“ Grenzen.  Vor allem: liegt hier die Wurzel für das Elend Afrikas? Ist das die „Sünde des weißen Mannes“, die auch Jahrzehnte nach der Entkolonialisierung Afrikas beschworen werden muss, wenn man das Scheitern  afrikanischer Staaten erklären und beheben will?
„Wir müssen ein bisschen Leidenschaft für die Geschichte Afrikas entwickeln, ansonsten werden wir auch nicht zueinanderkommen“, sagte die Kanzlerin beim Gespräch mit den „Flüchtlingshelfern“. Das kann man nur unterstreichen: Leidenschaft für die Geschichte eines Kontinents, die weit komplizierter ist als die Erzählung der Kanzlerin von den Sünden des weißen Mannes. Sie könnte vielleicht auch erklären, warum europäische Entwicklungshilfe in den meisten Regionen Afrikas versickert ist – vor allem in den Taschen von Stammesfürsten, die sich dank willkürlich gezogener Grenzen heute Staatschefs nennen dürfen.

Aus der Geschichte der Kanzlerin aber ist wenig Sinnvolles für die Zukunft zu lernen.



Wir Untertanen.

  Reden wir mal nicht über das Versagen der Bundes- und Landesregierungen, einzelner Minister, der Frau Kanzler. Dazu ist im Grunde alles ge...