Einige Juden beiderlei Geschlechts, vor allem die selbsternannten, gehen mir furchtbar auf den Wecker. Ich halte auch nichts vom „besonderen Verhältnis“ zwischen Deutschland und Israel, das deutsche Politiker feiertags beschwören. Der Holocaust ist nicht der Gründungszweck Israels und Deutschlands Geschichte besteht aus mehr als den schmutzigen 12 Jahren Nazizeit. Auch bin ich kein Freund des Staates Israel. Noch nicht mal auf Facebook bin ich mit Staaten befreundet. In übrigen unterscheide ich zwischen Volk und Regierung, sogar, wenn es um Deutschland unter den Nazis geht. Auch glaube ich nicht, dass man dem Volk in Israel Nachhilfe geben muss, was Kritik betrifft, Selbstkritik und Nörgeln an der eigenen Regierung ist da schließlich Volkssport. Dafür mag ich sie übrigens, die Israelis.
Ich bin, ganz ohne Holocaust und Freundschaftsbekundungen, auf der Seite Israels, wann immer es um die Verteidigung seiner Existenz geht. Dafür gibt es gute Gründe, ganz ohne Vergangenheit und besondere Verhältnisse. Israel, dieses verrückte, zerrisse-ne Land, ist die einzige Demokratie im Nahen Osten. Es ist das Bollwerk des Westens. Es ist seit Jahrzehnten Objekt der zynischen Palästinenserpolitik seiner arabischen Nachbarn. Es wird nicht nur von einem wahnsinnigen Idioten im Iran in seiner Existenz bedroht. Und weil es zum Westen gehört, werden seine Aktionen genauso einäugig beurteilt wie die der Amerikaner. Oder der Natotruppen. Zur deutschen Folklore gehört, denen mit „andersartiger Kultur“ so gut wie alles zu verzeihen, auch Selbstmordanschläge mit voller Tötungsabsicht, während „Kollateralschäden“ von amerikanischen oder israelischen Soldaten, also versehentliche Ziviltote, als das Verwerflichste überhaupt gelten.
Ceterum censeo: das politische Denkvermögen von Dichtern und Feuilletonisten wird überschätzt. Und eine „moralische Instanz“ ist man nicht schon, wenn man ganze Sätze schreiben kann. Denjenigen, die Grass applaudieren, sei es von links oder von rechts, sei gesagt: Kritisiert meinetwegen Israel. Oder auch „die Juden“, wenn ihr schon nicht präzisieren könnt, wer genau gemeint ist. Aber versteckt eure Verklemmtheit nicht hinter Auschwitz und dem Holocaust. Und kommt mir nicht mit „besonderer Verantwortung“ und eurer Freundschaft zu Israel. Moralisieren ist keine politische Kategorie.
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Dienstag, 10. April 2012
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