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Dienstag, 29. Juli 2014

So gehn die Deutschen, die Deutschen gehen so.

Kaum ein eingefleischter Fußballfan vermochte sich zu erregen über den Berliner Triumphgesang von La Mannschaft nach dem Sieg – das Bild vom Besiegten, der geduckt vom Schlachtfeld wankt, während der Sieger strahlend die Heldenbrust zeigt, gehört zum Fanritual. Man ist dort nicht auf Feinheiten abonniert. Edlere Seelen aber erkannten im Siegestanz der Nationalelf die Demonstration deutscher Überlegenheit, ja geradezu Herrenmenschentum. Dem Land der Hunnen und Barbaren gebührt der geduckte Gang und nicht die strahlende Siegerpose. Kurz, da ist sie wieder, die ewige Frage: Wer sind sie, "die Deutschen"? Bestien oder Feierbiester?

In der angstvollen Überprüfung des Nationalcharakters schwingt die Vorstellung mit, zwei verlorene Weltkriege und die Verbrechen, die von Deutschen und in ihrem Namen unter der Hitler-Herrschaft begangen wurden, hätten etwas mit einem urdeutschen Wesen, einer Art genetischem Code zu tun. In den Siebzigerjahren forschte eine betroffene Generation der Nachgeborenen nach dem "Hitler in mir", in den Neunzigerjahren machte das Buch von Daniel Goldhagen Furore, das den Deutschen "eliminatorischen Antisemitismus" nachweisen wollte. Weniger exotisch ist die Herleitung deutscher Eigenart aus einem "Sonderweg", der das Land über viele Generationen hinweg ins Abseits geführt habe. Kein Wunder also, dass es manch einer unschicklich findet, wenn die Deutschen "unschuldig" sein wollen, und sei es nur am Ersten Weltkrieg.

Dass Christopher Clarks Buch über den Ersten Weltkrieg gerade in Deutschland ein Bestseller wurde, gibt kritischen deutschen Beobachtern denn auch zu denken. Wollen seine Leser Clarks Thesen "instrumentalisieren", wollen sie sich "entlasten"? Und steckt dahinter nicht die alte "deutsche Krankheit Selbstmitleid"? So argumentiert Andreas Wirsching, Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, in der "Süddeutschen Zeitung". Der jüngst verstorbene Historiker Hans-Ulrich Wehler sagte es deutlicher: Der Verkaufserfolg von Clarks Buch verrate "ein tief sitzendes, jetzt wieder hochgespültes apologetisches Bedürfnis, sich von jenen Schuldvorwürfen zu befreien", die seit Fritz Fischers Thesen über den deutschen "Griff nach der Weltmacht" hierzulande Konsens sind, jedenfalls in vielen Klassenzimmern und Redaktionsstuben. Auch der Historiker Heinrich August Winkler wittert bei Christopher Clark "relativierende Darstellungen" und "nationalapologetische Tendenzen", was nicht nach Lektüreempfehlung klingt.

Nicht so sehr der wissenschaftliche Wahrheitsgehalt von Clarks Studie steht also hier auf dem Prüfstand, sondern vielmehr das, was "entlastende" Darstellungen im deutschen Gemüt anrichten könnten. Gauchotänze, womöglich. Und so fordert man die Fortsetzung der deutschen Nabelschau, mit der in der Tat nicht nur Christopher Clarks Buch aufräumt, auch die großartigen Studien von Herfried Münkler, Jörg Friedrich oder Jörn Leonhard tun es, auf je unterschiedliche Weise.Hier entpuppt sich das Deutsche Reich, im Kontext betrachtet, als Schurke neben anderen; die Zocker in Frankreich, Russland, Österreich-Ungarn und England teilen sich mit ihm die Verantwortung für den millionenfachen Tod von Männern auf dem Schlachtfeld und Frauen, Alten und Kindern an der "Heimatfront". Das ist nicht erst heute Forschungsstand – allerdings vor allem außerhalb Deutschlands.

Entlastet das "die Deutschen"? Gewiss. Schließlich hatten nur wenige, die damals starben, direkte Verwandtschaftsbeziehungen zum Kaiser oder dem deutschen Generalstab. Es verblüfft, wenn ausgerechnet ein Historiker keinen Unterschied mehr macht zwischen Volk und Regierung oder Führungseliten.
Hier offenbart sich, wohl in Entgegensetzung zu einer vermuteten "Nationalapologetik", ein verklemmter "negativer Nationalismus", der an deutscher Selbstbezichtigung fest-hält, ein illiberaler Geist, dem alles suspekt ist, was den irgendwann einmal erreichten "Errungenschaften" der Erkenntnis widerspricht.
Zur Freiheit des Denkens aber gehört, dass von Überzeugungen Abschied genommen werden kann, wenn neue Evidenzen ihnen widersprechen. Wissenschaftliche Erkenntnissuche kann sich nicht davon abhängig machen, ob sich darob irgendein Mensch mit womöglich hässlicher Weltanschauung "entlastet" fühlt.

Insbesondere Wirschings Ironisierung der angeblich selbstmitleidigen deutschen Psyche, der er "Sehnsucht nach einer historisch unbelasteten, gleichsam 'unschuldigen', vielleicht bloß 'normalen'" historischen Rolle attestiert, ist nicht nur ungerecht, sie offenbart auch eine verblüffende Mitleidlosigkeit. Tatsächlich bedeutet eine "Entlastung" durch die schlichte Aussage, dass der Erste Weltkrieg eine gemeinsam herbeigeführte Tragödie war, vielen Deutschen einen lange verschütteten Zugang zu ihren Urahnen: Es erlaubt die Trauer um die Gefallenen und Gestorbenen, um Soldaten, die sich zur Verteidigung des Vaterlands ebenso selbstverständlich aufgerufen fühlten wie die Frankreichs oder Englands, weshalb sich übrigens an den Kriegsfronten keineswegs ausschließlich "nationalistischer Hass" austobte. Davon zeugen nicht zuletzt die vielen Bei-spiele von Verbrüderungen.

Warum sollte man also jenen Deutschen Erleichterung verübeln, die bislang den im Schützengraben traumatisierten Uropa für einen Kriegsverbrecher gehalten haben oder der goebbelsschen Lüge auf den Leim gingen, Adolf Hitler habe sich seinen Antisemitismus bei den Kameraden im Ersten Weltkrieg abgeguckt?
Man muss nicht noch hundert Jahre später die damalige britische Propaganda nachbeten. Lehrreich ist die heutige Debatte in Großbritannien, wo man im selbstkritischen Umgang mit der eigenen Geschichte den Deutschen in nichts nachsteht: Dort kritisieren Historiker eher linksliberalen Zuschnitts den unreflektierten Nationalismus manch britischer Zeitgenossen, die sich noch heute rühmen, man habe 1914 einen gerechten Krieg gegen Hunnen und Barbaren geführt. Die negativen Nationalisten hierzulande befinden sich also in bester nationalapologetischer Gesellschaft mit den Jingoisten jenseits des Kanals.

"Entlastung" im Blick auf den Ersten Weltkrieg ist keineswegs ein erster Schritt zu einer Relativierung deutscher Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Wenn man schon über Errungenschaften redet, dann steht doch diese nicht infrage: Wir dulden hierzulande – als Deutsche – keinen tobenden antisemitischen Mob auf den Straßen, egal, welcher Provenienz. Wer das als "Islamophobie" kritisiert, schürt sie.

Montag, 20. Januar 2014

Darf man um deutsche Soldaten trauern?

Über Europas Zukunft kann man nicht reden, wenn man über seine Vergangenheit schweigt. Sprechen wir also davon. Kein Jahr ist schließlich besser dazu geeignet als das soeben beginnende. Im Jahr 2014 bestimmt die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, an den Ursprung des katastrophischen 20. Jahrhunderts, die Agenda. In Großbritannien hat die Regierung beträchtliche Mittel für die Zentenarfeiern zur Verfügung gestellt. Und in Frankreich wird die Anzahl der Besucher mächtig anschwellen, die schon jetzt Jahr für Jahr die Schlachtfelder an der Westfront besuchen.
Die Franzosen versammeln sich vor allem bei Verdun, der lothringischen Stadt an der Maas, einem geradezu mythischen Ort der Erinnerung. Die Briten pilgern an die Somme, nördlich von Paris, dort, wo ihre Streitkräfte die heftigsten Gefechte und die größten Verluste ihrer Geschichte hinnehmen mussten. Die Gedenkstätte bei Verdun mit der endlosen Reihe weißer Kreuze vermittelt ein Gefühl für die „Blutmühle“, in der der Gegner ausbluten sollte, wie General Falkenhayn Sinn und Zweck des Stellungskrieges benannte. An der Somme sind die Zeichen vergangenen Schreckens nicht weniger präsent. Hier liegen rund 400 Friedhöfe zwischen Wiese, Rübenfeld und Wald, dazwischen Kapellen und Denkmäler. Tausende weißer Steine, auf vielen ein Name, auf manchen nur die Inschrift: „A Soldier of the Great War. Known unto god.“
Jahr um Jahr, am 1. Juli 1916, dem Tag, an dem britische Infanterie ihren Angriff auf deutsche Stellungen an der französischen Somme begann, liegen rote Mohnblumen dort, wo die Spuren der großen Materialschlachten noch heute sichtbar sind: Granattrichter, zerschossene Bunker, die verwaschenen Konturen der Schützengräben.
An der Somme hat das britische Empire in einer ebenso tapferen wie waghalsigen und nutzlosen Offensive Bataillon um Bataillon geopfert, das Regiment der Neufundländer etwa wurde fast vollständig aufgerieben. Nur die deutschen Opferzahlen übertreffen die der Briten.
Grund also auch für uns, zu trauern. Dafür geeignete Orte gibt es genug. Doch vielleicht ist jener Ort besonders geeignet, an dem sich Bundespräsident Joachim Gauck im Jahr des Gedenkens mit Frankreichs Präsidenten François Hollande treffen wird: im Elsass, genauer: am Hartmannsweilerkopf in den Vogesen.
Auf dem Kämmen der Vogesen lagen sich deutsche und französische Soldaten Jahr um Jahr gegenüber, kaum 30 Meter voneinander entfernt, verschanzt in Tunneln und Gräben. Die Gipfelkuppe wurde bestürmt und erobert, insgesamt acht Mal wechselte sie den Besitzer. „Männerfresser“ heißt der Hartmannsweilerkopf seither. In den Laufgängen und Stollen starben fast 30 000 deutsche und französische Soldaten. Ab 2015 wird es hier eine gemeinsame Gedenkstätte geben. Es ist ein angemessener Ort für die Trauer auch um deutsche Soldaten. Den Franzosen, die sich um die Gedenkstätte bislang allein gekümmert haben, liegt daran.
Umso verwunderlicher, dass sich der deutsche Bundespräsident „eine deutsche Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg nur als Respekt vor dem Leid derer vorstellen“ kann, „die damals durch uns bekämpft wurden“, wie er jüngst dem Spiegel gegenüber bekannte. Man möchte ihn ungern missverstehen. Aber man fragt sich unwillkürlich, ob das Leid der deutschen Soldaten etwa keinen Respekt verdient?
Die ehemaligen Kriegsgegner jedenfalls lassen es daran selten mangeln. Es scheint eine deutsche Eigenheit zu sein, sich die Trauer um jene zu verbieten, die millionenfach starben, weil die europäischen Staatsmänner aus einem begrenzten Konflikt, dem zwischen Österreich-Ungarn und Serbien, einen Weltkrieg werden ließen. Gewiss, das Deutsche Reich gehörte zu den Verlierern des Krieges. Aber ist das ein Grund, sich von der eigenen Geschichte und seinen Vorvätern abzuschneiden?
In Deutschland ist die Erinnerung an den 1. Weltkrieg überschattet von dem Gedenken an die Verbrechen Nazideutschlands und an den 2. Weltkrieg. Und in politischen Sonntagsreden, in Schulstuben und Redaktionen, grassiert häufig noch immer die Vorstellung, Deutschland sei nicht nur am zweiten, sondern auch am ersten Weltkrieg schuld, die Schützengräben des Großen Krieges hätten jede Menge williger Gefolgsleute Hitlers ausgebrütet, um die man nicht zu trauern habe.
Doch die These, deutsches Weltmachtstreben habe den Ersten Weltkrieg verursacht, die nach den 60er Jahren die Debatte dominierte, hat sich längst erledigt, ebenso die Vorstellung, es gebe eine Kontinuität deutscher Geschichte, in der das Dritte Reich kein Ausrutscher, sondern logische Konsequenz gewesen sei. In den aktuellen Büchern von Christopher Clark oder Herfried Münkler ist dieser Paradigmenwechsel anschaulich zusammengefasst.
Das Attentat auf den österreichischen Thronfolger am 28. Juni 1914 war mehr als ein bloßer Anlass und Österreich hatte jeden Grund, Serbien dafür zur Verantwortung zu ziehen. Doch erst im Laufe der Julikrise weitete sich der lokale Konflikt im Chaos von Bündnisverpflichtungen und diplomatischen Fehleinschätzungen aus. Alle Spieler haben sich verzockt, alle haben ihren Anteil an der großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Die Deutschen, nicht nur, aber auch weil sie dumm genug waren, Österreich-Ungarn eine Blankovollmacht zu erteilen; die Franzosen, die der russischen Führung versprachen, im Falle eines österreichischen Angriffs auf Serbien den Bündnisfall zu erklären; die Russen, die als erste mobilmachten, und die britischen Politiker, die außer ihrer Bündnisverpflichtung gegenüber Frankreich und Russland keinen Grund hatten, sich einzumischen – höchstens, weil sie Russland mehr fürchteten als Deutschland.
War es wirklich das Leid Belgiens, das der britischen Regierung ein Eingreifen gebot? Oder diente die deutsche Verletzung der belgischen Souveränität, jene unbestreitbaren „Greuel“ beim Durchmarsch durch Belgien, als „gottgesandter Vorwand“ für eine britische Intervention, wie die spätere Frau des britischen Schatzkanzlers Lloyd George damals schrieb? Mit dem britischen Eingreifen jedenfalls wurde der Konflikt wahrhaftig global.
Dass es in diesem Ringen um große Dinge gegangen wäre, um den Kampf zwischen Kultur und Zivilisation, so die deutsche Interpretation, oder um einen Kreuzzug gegen „Barbarei“ und „ungezähmte Machtgier“ des Kaisers, wie es von britischer Seite hieß, ist im besten Fall eine Notlüge, im schlimmeren Fall Propaganda. Sie dient der Sinngebung des Sinnlosen. Wie sonst hätte man den Tod von 10 Millionen rechtfertigen können?
Für manche unter unseren europäischen Nachbarn mögen die neuen Erkenntnisse bedrohlich sein, sie rühren an die eigenen nationalen Legenden: etwa in Großbritannien, wo man sich derzeit darüber streitet, ob der Krieg ein „gerechter Krieg“ gewesen sei, um ein nach Weltmacht strebendes barbarisches Deutschland in seine Schranken zu weisen – oder ob sich, im Gegenteil, nicht gerade die britische Seite vorwerfen lassen müsse, dass ihre politische Führung im eigenen Machtinteresse einen zunächst begrenzten Konflikt auf Weltniveau katapultiert hat.
Doch davon ganz abgesehen: Was kann ein Sieg noch bedeuten nach einem vierjährigen Schlachten mit zehn Millionen Toten, nicht zu reden von den tödlichen Folgen der Blockadepolitik und der Grippewelle für die Zivilbevölkerung?
Der amerikanische Präsident Wilson sprach damals von einem Krieg, um allen Krieg zu beenden. Doch das Ergebnis war ein Frieden, der keinen Frieden zuließ. Tatsächlich hatte das große Sterben nicht ein einziges Problem gelöst, aber dafür viele neue geschaffen. Der Krieg gebar die bolschewistische Revolution. Die Verträge von Versailles schufen keinen Frieden, sondern neuen Sprengstoff, etwa zwischen Polen und Deutschland. Sie ebneten Hitler den Weg, der die Welt glauben machte, in den Schützengräben hätten „Volk und Führer“ zusammengefunden, eine der geschicktesten Propagandalügen des Joseph Goebbels. Ebenso wenig befriedete die Nachkriegsordnung den Balkan oder den Nahen Osten.
Ist etwas daraus zu lernen? Man sollte nicht allzu optimistisch sein. Und doch wird uns das bereits jetzt anschwellende Erinnerungstheater womöglich eine Erkenntnis vermitteln: dass die Ursünde des 20. Jahrhunderts eine gemeinsame ist. Und dass sich in den Schützengräben keine Feinde gegenübergelegen haben, hier perfide Briten, dort verlogene Franzosen und überall blutrünstige Deutsche, sondern Männer, die wahrscheinlich ähnliches erlitten und empfunden haben: Opfer einer gigantischen Kriegsmaschinerie zu sein, die über sie hinwegrollte und viel zu viele unter sich begrub.
Die europäische Ursünde teilen wir. Die Trauer auch. Niemand muss sich davon ausschließen. Auch die Deutschen nicht.

Siehe "Gedanken zur Zeit", NDR und WDR, 19. Januar 2014



Montag, 30. Dezember 2013

Hundert Jahre Traurigkeit. Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs wäre vermeidbar gewesen

Wer in Nordfrankreich die Picardie besucht, ein Gebiet nördlich von Paris und Reims, ist meist weniger an seiner lieblichen Landschaft interessiert als an dem, was darunter liegt. Es sind die Toten, die Jahr um Jahr die Besucher anziehen. Vor allem Briten pilgern an die Somme, in das Dreieck zwischen Péronne und Abbeville, auf der Suche nach einem der rund 400 Friedhöfe, die zwischen Wiese, Rübenfeld und Wald liegen, dazwischen Monumente und Totenhallen, Kapellen und Denkmäler. Tausende weisser Steine über den Überresten von Briten und Franzosen – manchmal liegen darunter sogar die Knochen der Männer, deren Namen auf den Steinen stehen, mitsamt Rang, Geburts- und Todestag. Meist ist dazu ein Kreuz eingraviert, oft ein Davidstern, auf vielen aber steht kein Name, sondern nur «A Soldier of the Great War. Known unto God.»
In Thiepval erinnert der Ulster-Tower an die 2500 irischen Soldaten, die hier an einem einzigen Tag gefallen sind, in Beaumont-Hamel gilt die riesige Skulptur eines Karibus dem Regiment der Neufundländer, das dort fast völlig aufgerieben wurde. Noch heute erkennt man in der sanften Dünung des Bodens die Konturen der Schützengräben, in denen sich die gegnerischen Soldaten gegenüber lagen. Jeden Sommer, am 1. Juli, dem Datum, an dem 1916 die für die Briten mit fast 80 000 Toten verlustreichste Schlacht begann, sind die Stätten des grossen Sterbens übersät mit Poppies, jenen Mohnblumen, die zum Symbol der gescheiterten Offensive an der Somme geworden sind.

Unorte, explosiv
Das lothringische Verdun, im Nordosten Frankreichs, ist der wichtigste Erinnerungsort der Franzosen. Auch hier eine Parade weisser Steine, die sich bis zum Horizont erstreckt. Daneben verbotene Orte, unbetretbar, weil der Boden unter Krüppelbewuchs, Gestrüpp und schillernden Sümpfen noch heute explosiv ist. Der Erste Weltkrieg lebt: selbst im freigegebenen Gelände treffen die Pflüge der Bauern immer wieder auf Stacheldraht und Knochen, auf Geschosshülsen, Bajonette, Koppel. Und auf Blindgänger.
Noch vor zwanzig Jahren war man bei Reisen zu den Schlachtfeldern an der Westfront des Ersten Weltkriegs allein mit den Briten und Franzosen. Auch heute sind deutsche Besucher in der Minderzahl. Für viele Deutsche ist der Erste Weltkrieg «ein paar verwitterte Steine in Form von Kriegerdenkmälern und Soldatenfriedhöfen» und nicht weiter von Bedeutung, wie der ehemalige Aussenminister Joschka Fischer nicht ohne Bedauern anmerkt, er ist überschattet von der grösseren Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Und wie Joschka Fischer und sein Nachfolger als deutscher Aussenminister, Guido Westerwelle, reklamieren viele Deutsche die Schuld am Ersten, als ob es angesichts des Zweiten Weltkriegs darauf nun auch nicht mehr ankomme. Sie können mit den völkerverbindenden Trauerritualen der anderen wenig anfangen: Weil die Vorväter eine schmähliche Niederlage erlitten haben? Oder vielmehr, weil man glaubt, die Schützengräben hätten jede Menge williger Gefolgsleute Hitlers ausgebrütet, um die man nicht zu trauern hat?
Für die anderen aber ist der Erste Weltkrieg die bestimmende Signatur des 20. Jahrhunderts: hier begann, was in Strömen von Blut mündete und erst 1989 zu Ende ging. Und was derzeit auf ungemütliche Weise wieder nähergerückt zu sein scheint.
Mich hat das Thema nie losgelassen. Mehr als fünfzehn Jahre habe ich mit der Suche nach dem Grund verbracht, der die Männer in den Schützengräben ausharren liess, im stinkenden Schlamm, verseucht mit Rattenkot, Leichenresten und Chlorkalk. Was hielt sie dort? Vaterlandsliebe? Der Glaube an die Kultur (die Deutschen) oder die Zivilisation (die Briten)? Der Hass auf den Gegner, die Liebe zum eigenen Regiment? War es ein «guter», ein «gerechter» Krieg, den Briten und Franzosen führten; ging es um die lebensnotwendige Verteidigung gegen feindliche Umzingelung, wie die Deutschen dachten? War es gar der «Krieg, um alle Kriege zu beenden» und galt es, die Welt «sicher für die Demokratie» (der amerikanische Präsident Woodrow Wilson) zu machen? War das legitime Kriegsziel der Alliierten im Ersten ganz ebenso wie im Zweiten Weltkrieg, ein nach der Weltmacht strebendes barbarisches Deutschland in seine Schranken zu weisen? Und war man mit dem Deutschen Reich am Ende viel zu sanft umgegangen, hätte man es «zerschmettern» müssen? Oder war es, umgekehrt, just das ungerechte und rachsüchtige Diktat von Versailles, das Deutschland reif für Hitler machte?
Und was bedeutete noch ein «Sieg» nach einem vierjährigen Schlachten, in dem schätzungsweise zehn Millionen Männer umkamen, nicht zu reden von den tödlichen Folgen der Blockadepolitik und der Grippewelle, die vielfach auf eine ausgehungerte Zivilbevölkerung traf?
In Grossbritannien ist ein Etat von 50 Millionen Pfund für die Gedenkfeierlichkeiten ab 2014 beschlossen, doch dort streitet man schon jetzt um das, was genau das Grosse Erinnern denn nun vermitteln soll. Trauern um des Trauerns willen? Erinnerung um der Erinnerung willen? Was bei den Deutschen so auffällig fehlt, ist bei den Briten im Überfluss vorhanden, wo es in den letzten Jahrzehnten eine Flut von Literatur zum «Krieg des kleinen Mannes» gegeben hat. Während viele Deutsche ihre Vorfahren offenbar allesamt für irgendwie schuldig halten, sehen die Briten in ihren Gefallenen nur Opfer, und nicht Männer, die doch ebenfalls getötet haben, wie die Historikerin Joanna Bourke moniert, die fürchtet, dass Erinnerung auch verklären, verkleistern und Rachegefühle nähren kann.
Kurz: es geht um die Lehren aus dem Grossen Krieg, und die sind, sofern man es nicht beim mahnenden «Nie wieder Krieg!» belässt, nicht eben leicht zu ziehen. Kritiker unter den britischen Historikern bestreiten, dass es sich um einen «gerechten Krieg» gehandelt habe – und konstatieren, dass von einem «Sieg» wohl kaum gesprochen werden könne. Tatsächlich hat der Erste Weltkrieg nicht ein einziges Problem gelöst, dafür viele neue geschaffen. Er gebar die bolschewistische Revolution und den Stalinismus. Die Verträge von Versailles schufen keinen Frieden, sondern neuen Sprengstoff, etwa zwischen Polen und Deutschland. Sie ebneten Hitler den Weg, der die Welt glauben machte, in den Schützengräben hätten «Volk und Führer» zusammengefunden, eine Propagandalüge, die Thomas Webers «Hitlers Erster Krieg» abschliessend widerlegt hat. Ebenso wenig befriedete die Nachkriegsordnung den Balkan oder den Nahen Osten. Schon 1994 machten die Kriege im auseinandergebrochenen Jugoslawien klar, dass die Transformationsprozesse auf dem Balkan hinter dem Eisernen Vorhang nur ruhiggestellt, aber nicht abgeschlossen waren.
Paradigmenwechsel
Tatsächlich war das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajevo am 28. Juni 1914 mehr als ein blosser Anlass eines aus anderen Gründen überfälligen Konflikts. Es war die (nur zufällig geglückte) Tat der «Schwarzen Hand», einer von Serbien unterstützten Terroristentruppe. Österreich hatte jedes Recht, Serbien dafür zur Verantwortung zu ziehen. Erst im Laufe der Julikrise weitete sich der lokale Konflikt im Chaos von Bündnisverpflichtungen und diplomatischen Fehleinschätzungen aus und wurde, zuerst durch die russische Mobilmachung und zuletzt durch den Kriegseintritt Grossbritanniens, global. Seine Ausweitung war, so argumentieren auch Historiker wie Sean McMeekin, Niall Ferguson oder Andreas Rose, alles andere als notwendig, zwingend oder konsequent. Und die Rolle des Schurken mit dem rauchenden Colt in der Hand bleibt unbesetzt, es sei denn, man möchte unbedingt Frankreich und Russland an die Stelle des Deutschen Kaiserreichs setzen.
Man darf das sicher einen Paradigmenwechsel nennen. Christopher Clarks «Die Schlafwandler» und Herfried Münklers Werk «Der Grosse Krieg» sind dazu die Bücher der Stunde. Zwei literarische Ereignisse, die zeigen, was Geschichtsschreibung vermag, die sich der moralischen Wertung und ideologischen Verzerrung enthält und die so weit wie irgend möglich auf jenen «Rückschaufehler» verzichtet, mit dem vergangene Ereignisse vom Wissen um ihr «Ergebnis» her beurteilt werden. Der historische Kanon muss neu aufgelegt werden.
Die Führungselite von Grossbritannien und Russland, Frankreich und Österreich-Ungarn, Serbien und Deutschland: sie alle haben ihren Anteil an der grossen Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Die Deutschen, nicht nur, aber auch, weil sie dumm genug waren, Österreich-Ungarn eine Blankovollmacht zu erteilen; die Franzosen, die der russischen Führung versprachen, im Falle eines österreichischen Angriffs auf Serbien den Bündnisfall zu erklären; die Russen, die als erste mobilmachten, und die britischen Politiker, die neben ihrer Bündnisverpflichtung gegenüber Frankreich und Russland keinen Grund hatten, sich einzumischen – ausser, dass sie Russland mehr fürchteten als Deutschland. War es wirklich das Leid Belgiens, das der britischen Regierung ein Eingreifen gebot? Oder diente die deutsche Verletzung der belgischen Souveränität, jene unbestreitbaren «Greuel» beim Durchmarsch durch Belgien, als Vorwand? Erst mit der britischen Intervention wurde der Konflikt global. Wussten sie, was sie taten?
Der Grosse Krieg war, wie Niall Ferguson schon vor Jahren schrieb, ein «falscher Krieg». Fergusons provozierende These: Hätte man das Deutsche Reich 1914 nicht bekämpft, sondern an den Tisch der Grossmächte gelassen, hätte man ganz ohne Millionen von Toten erreicht, was heute der Fall ist: Deutschland ist als stärkster (ökonomischer) Faktor die Zugmaschine Europas.
Tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass man in Grossbritannien langsam vom nationalen Mythos Abschied nimmt, dass man im Deutschen Reich das Böse bekämpft habe und in diesem grauenvollen Gemetzel die Guten gewesen sei. Eine nationale Legende, die über den Verlust der Weltmacht an Amerika hinweggetröstet hat: Bei Kriegsende war Grossbritannien nicht mehr Gläubiger, sondern Schuldner der USA, des einzigen Beteiligten, der vom europäischen Krieg profitiert hat. Deutschland, sonst gewohnheitsmässig Objekt britischer Häme, ist im Land des Hun-Bashing heute so beliebt wie nie zuvor. Nur die Deutschen trennen sich ungern von der Rolle des schuldigen Schurken.
Warum? Weil Rechtsausleger nun frohlocken könnten, die «Kriegsschuldlüge» sei endlich widerlegt? Lasst sie doch. Dass es keinen gibt, den man als einzig Schuldigen am Tod von Millionen herausgreifen kann, macht die Sache ja nicht besser, ganz im Gegenteil. Der wahre Skandal ist die Erkenntnis, dass das grosse Schlachten vermeidbar gewesen wäre, dass es ganz und gar sinnlos gewesen sein könnte, dieses Ausharren und Sterben der Männer in den Schützengräben und der Menschen an der «Heimatfront». Und dass es beim besten Willen nicht gelingt, dem gigantischen Blutbad im Nachhinein auch nur ein Fünkchen Sinn zu implantieren. Der Krieg, der alle Kriege beenden sollte, endete in einem Frieden, der allen Frieden zunichtemachte. Es gibt keine Sinngebung des Sinnlosen.
Die Europäer haben nicht nur eine traumatische Erfahrung gemeinsam, wie man heute vielleicht deutlicher erkennt als je zuvor. Sie haben auch allesamt einen Trost verloren: dass es, hier wenigstens, Schwarz und Weiss gibt im Krieg, Täter und Opfer, Schuldige und weisse Ritter, Schurken und Helden. Nur, solange man an das Böse glauben kann, ist auch das Gute denkbar. Das mag einer der Gründe sein, warum man in Deutschland die Bürde des Schurken nicht erleichtert abwirft. Und könnte eine Paradoxie erklären: Wer an eine Inkarnation des Bösen glaubt, erwartet vom «Guten» oft mehr, als menschenmöglich ist.
Doch hat der deutsche Schurke nicht wenigstens den Nachbarn ein gutes Gefühl gegeben: den Franzosen moralische Überlegenheit trotz Niederlage, den Briten den Trost, ihr Weltreich für die richtige Sache riskiert zu haben? Gewiss. Zyniker verweisen überdies darauf, dass nur ein Schuldspruch den Siegern erlaubte, die enormen Kosten des Krieges auf den Besiegten abzuwälzen. Die Reparationszahlungen sind seit dem 3. Oktober 2010 abgeleistet.

Moralische Sinngebung
Der Abschied von Gut und Böse führt ins Reich der Schatten und in die kalte Welt der Realpolitik, in der Interessen zählen, ohne dass Moral sie veredelt. Und das ist gut so. Denn der Erste Weltkrieg hat weiteres Unheil in die Welt gesetzt: die moralische Aufladung, aus der Notwendigkeit gezeugt, dem Sinnlosen einen Sinn zu verleihen. Ging es wirklich, wie der britische Premier Asquith 1916 postulierte, um einen edlen Kreuzzug gegen «Barbarei» und «ungezähmte Machtgier»? Dass Grossbritannien wegen «Little Belgium» das Risiko der Globalisierung des Konflikts eingegangen ist, dass es moralisch dazu gezwungen gewesen sei, dass es eingreifen musste, ist natürlich eine entschieden sympathischere Deutung als die kühle Schilderung Christopher Clarks: Belgien sei das einzige Argument gewesen, dass die Regierung Grey noch hatte, um den Krieg vor der eigenen Bevölkerung zu rechtfertigen. Denn auch in den britischen und französischen Kriegsplänen war das neutrale Belgien als Durchmarschgebiet vorgesehen. Und die USA, die erst recht keinen Grund hatten, sich in die kontinentalen Querelen einzumischen? Woodrow Wilson wählte die hochtrabende Begründung, dies sei nicht weniger als «ein Krieg, um alle Kriege zu beenden».
Man bemühte höchste Ziele, weil naheliegende nicht zu haben waren. Dabei weiss jeder verstandesbegabte Befehlshaber, dass ein Sieg von überlegenen Kräften und dem Glück abhängt, und nicht vom moralischen Zuschnitt des Siegers.
Tatsächlich setzte der Erste Weltkrieg vor allem in Grossbritannien eine Propagandamaschinerie in Gang, die das Sinnlose mit den gröbsten Mitteln moralisch zu veredeln suchte. Es ist halt das Problem von Demokratie, dass man Kriegshandlungen nicht einfach anordnen kann, man muss das Volk überzeugen – was meistens heisst: es manipulieren. Wie immer man die Appeasement-Politik Chamberlains gegenüber Hitler beurteilen mag (und auch hier gibt es nicht nur schwarz und weiss): britischen Politikern war später sehr wohl bewusst, dass die britische Propaganda gegen das Kaiserreich sämtlichen Gepflogenheiten widersprach, die in den europäischen Staatenkriegen bis dato galten, wozu Respekt vor dem Gegner gehörte. Frontsoldaten hat der Jingoismus an der Heimatfront denn auch zutiefst abgestossen. Nicht zufällig gab es zu Weihnachten zwischen Deutschen und Briten Versöhnung über die Schützengräben hinweg.
Was zu lernen wäre
Welche Lehren soll man also ziehen? «Nie wieder Krieg»? Das ist ein frommer, aber kindlicher Wunsch. Militärische Gewalt ist ja nicht immer sinnlos. Und berechtigte Interessen oder die nationale Souveränität muss man auch verteidigen können.
Mehr Europa? Auch das ist ein frommer Wunsch, wenn man ihn an der Realität misst. Nicht in erster Linie die EU oder die deutsch-französische Freundschaft haben dem Kontinent Jahrzehnte des Friedens geschenkt, sondern der Kalte Krieg. Mit dem Ende der bipolaren Welt 1991 ist Krieg wieder begrenzbar und damit möglich geworden. Die krisenhafte Neuformierung Ex-Jugoslawiens ist einstweilen beendet, die Brandherde im Nahen Osten aber sind noch lange nicht gelöscht.
Und was den Euro betrifft: ganz offenbar hat er Europa nicht vereint, sondern die unterschiedlichen Interessen, die seine Nationen vertreten, schmerzhaft deutlich gemacht. Deutschland zur Kasse bitten mit dem Argument, dass das Land nach zwei verschuldeten Weltkriegen mit seiner Euro-Politik die dritte Katastrophe verursache, ist keine überzeugende Basis für ein einiges Europa. Dass das Argument überhaupt eine Rolle spielt, zeigt, dass das neue Deutschland in einer Hinsicht das alte ist: wieder wirkt es isoliert, unsicher, in welche Richtung es schwanken soll, unwillig, eine Rolle zu übernehmen, die es nicht ein einziges Mal gemeistert hat, nämlich wenn nicht Weltmacht, so doch zumindest Führungsmacht zu sein. Es ist heute das, was Churchill ihm einst an den Hals wünschte: «fat and impotent».
Wir müssen, gerade jetzt, in seiner schwersten Krise seit 1945, Europa neu denken. Der Kontinent hat sich vereint die Wunde geschlagen, von der er sich bis heute nicht erholt hat. Hitlers unvorstellbare Verbrechen haben den Blick darauf verstellt.
Kann man die Wunde heilen? Die erneute Isolation Deutschlands als des ewigen Schurken ist fatal. Wenn der Euro als „Fortsetzung von Versailles mit anderen Mitteln“ betrachtet wird, muss er scheitern. Das starke Deutschland braucht starke Bündnispartner. Ein Tipp: man kann ihnen womöglich am 1. Juli an der Somme begegnen.


Freitag, 10. Juni 2011

Hitlers erster Krieg

Vielleicht hilft es, wenn man eine Weile Deutschland verlässt, damit man Distanz zu unsren Obsessionen gewinnt. Wie man den hindsight-Fehler vermeidet, zeigt die großartige Untersuchung von Thomas Weber...

Über Thomas Weber, Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg - Mythos und Wahrheit. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer, Propyläen, Berlin 2011, 585 Seiten.

Dass Hitler im ersten Weltkrieg ein guter Soldat gewesen und in größter Gefahr unzählige Male dem Tod entgangen sei, das Antlitz des Kriegs also weit besser kannte als die Generäle hinter den Linien, und dass er sich insofern halbwegs plausibel einbilden durfte, vom Kriegführen etwas zu verstehen, haben weit größere Geister als einst die Rezensentin versichert. Es stimmt, der Gefreite Hitler, der sich freiwillig gemeldet hatte, diente fast ununterbrochen an der Westfront, und zwar als Meldegänger. Wer sich aus den vorhandenen Informationen ein Bild von der Schlacht an der Somme oder dem Kampf um Verdun gemacht hat, ahnt, wie gefährlich Meldegänger lebten - ähnlich gefährdet wie jene Soldaten, die die Essensrationen in die Schützengräben bringen mussten. Sie waren Scharfschützen und Maschinengewehrfeuer ausgesetzt und stets davon bedroht, in einem der mit verwesenden Leichen und verseuchtem Wasser gefüllten Granattrichtern zu ersaufen. Und war nicht der österreichische Gefreite mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse geehrt worden, einer Auszeichnung, die Mannschaftsgraden normalerweise nicht zustand?
Mit dieser Heldenbiografie beglaubigte Hitler die mythische Verbundenheit mit dem deutschen Volk: Seine politischen Vorstellungen seien aus dem Schützengraben hervorgestiegen, im Einklang mit den deutschen Frontkämpfern, deren Kameradschaft ihm Heimat gewesen sei. Der Krieg sei ihm Universität und sein größtes Erlebnis gewesen, ja er sei vom Krieg und von seinem Regiment geschaffen worden. Diese Einheit von Führer und Volk haben ihm nicht nur die abgenommen, die ihm gefolgt sind. Auf dieser Legende beruhen auch manch andere Thesen - etwa vom aggressiven antisemitischen deutschen Charakter. Hitler hat früh schon das ganze „deutsche Volk“ in eine tödliche Umarmung genommen, deren Spuren ihm noch heute anhaften.

Thomas Weber, in Hagen geborener Historiker, der Europäische Geschichte in Aberdeen lehrt, ist anhand neuer Akten- und Dokumentenfunde dem Mythos vom tapferen Frontkämpfer und treuen Kameraden Hitler nachgegangen. Jetzt liegt in deutscher Sprache vor, was sich trotz seiner knapp 600 Seiten wie ein historischer Spannungsroman liest. Akribisch entblättert Weber Hitlers Legende - angefangen mit Hitlers Anwesenheit auf einer Kundgebung auf dem Münchner Odeonsplatz im August 1914. Viel bleibt vom Mythos nicht übrig. Hitler diente nach seiner „Feuertaufe“ beim flämischen Dorf Gheluvelt und nach der Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse nicht in den Schützengräben der Westfront, sondern als Meldegänger des Stabs des sogenannten List-Regiments, der einige Kilometer hinter den Linien residierte. Ein Etappenschwein also, kein Frontkämpfer. Er galt als Einzelgänger. Teil einer Schützengrabenkameradschaft war er ebensowenig wie man dort gemeinsame politische Überzeugungen pflegte, gar antisemitischer Art.
Webers Quellen geben keine Auskunft über einen verschworenen antisemitischen und hasserfüllten Haufen von Frontkämpfern, in dessen Mitte Hitler eine Heimat hätte finden können. Von einer frühen Symbiose mit dem deutschen Volk kann schon mal gar nicht die Rede sein. Das Eiserne Kreuz I. Klasse wurde dem Gefreiten 1918 überdies, welch Ironie der Geschichte, auf Vermittlung des ranghöchsten jüdischen Offizier seines Regiments verliehen, Hugo Gutmann. Wäre Hitler damals schon bekennender Antisemit gewesen, hätte Gutmann die Ehrung wohl kaum befürwortet. Die Heldentat, deren Hitler sich später rühmen ließ - er habe Anfang Juni 1918 ganz allein zwölf französische Soldaten gefangengenommen - wurde im übrigen von Hugo Gutmann begangen, dem es 1940 mit knapper Not gelang, nach Amerika zu entkommen.
Hitler hat einen wochenlangen „Wirbelsturm des Trommelfeuers“ nie erlebt. Die schrecklichsten Verluste erlitt sein Regiment, nachdem er im Oktober 1916 nach einer leichten Verwundung Heimaturlaub angetreten hatte. Nicht nur die Moral an der „Heimatfront“ brach zusammen, wie Hitler später schrieb, sondern auch die seines Regiments.
Tatsächlich, schreibt Weber, galt Hitler als durchaus tapfer, aber nicht als ehrgeizig. „So eigenartig das klingen mag: Adolf Hitler bewies im Krieg keinerlei Führungsqualitäten.“

Die minutiöse Analyse, die Thomas Weber anstellt, ist spannend genug. Seine Arbeit ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie anschaulich Geschichte geschrieben sein kann, nicht trotz, sondern wegen größter Quellennähe. Die Lektüre eröffnet aber weit mehr Erkenntnisse als jene, dass Hitler seine Biografie geschönt hat, um die Einheit von Führer und Vaterland, im Krieg geschmiedet, zu behaupten. Weber zeichnet ein Bild vom Deutschen Reich vor Hitler, das weder des Führers vaterländischem Panorama entspricht noch dem Zerrbild, das die Deutschen bis heute selbst verinnerlicht haben. Dieses Zerrbild verdankt sich sowohl der Propaganda der ehemaligen Kriegsgegner als auch einem epochemachenden Werk, das einst stark umstritten war und heute zur Schullektüre zu gehören scheint: Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“, in dem das Deutsche Reich als preußisch-militaristischer Parvenü erscheint, der mit aggressiver Eroberungspolitik zur Weltmacht aufschließen will.
Webers Analyse hingegen ist geprägt von der Nüchternheit britischer Historiker, die längst von eigener nationaler Legendenbildung frei sind, und der präzisen Kenntnis eines deutschen Schuldkomplexes, deren Anhänger das Verhängnis oft schon bei Luther (mindestens!) beginnen sehen. Nebenbei ist er, als dessen ehemaliger Schüler, Niall Ferguson verbunden, dessen Buch „Der falsche Krieg“ rigoros mit der These von der deutschen Kriegsschuld aufräumte - und der die Borniertheit der Briten und Franzosen rügt, die im eigenen nationalen Größenwahn versäumten, den Aufsteiger Deutschland einzubinden in die Riege der Großmächte.
„Hitlers erster Krieg“ entlarvt mit der nationalsozialistischen Legendenbildung also auch den Schuldspruch über „die“ Deutschen. Dazu gehört etwa die Vorstellung, das Volk habe Hitler an die Macht gejubelt, und nicht, wie es wirklich war, die Parteien. Dazu gehört ebenso die Unterstellung, dass Antisemitismus zur natürlichen Grundausstattung aller Deutschen gehörte. Oder die These, die Erfahrung des Ersten Weltkriegs habe zu einer Brutalisierung und damit zu einer aggressiven Männlichkeit geführt, die sich Hitlers Gröfaz-Plänen bereitwillig unterwarf.
Stück für Stück, teils in dichter Analyse der deutschen militärischen Optionen, rückt Weber das Bild zurecht. Weder gab es einen deutschen Sonderweg noch war das Deutsche Reich reaktionär - den Ruf verdiente sich vielmehr das zaristische Russland. Auch war es nicht der Krieg, der Hitler und seine Kameraden radikalisierte, ebensowenig war sein Regiment die Brutstätte nationalsozialistischer Ideen. Und schon gar nicht entsprang Hitlers Wahn der Mitte der Gesellschaft: Die deutsche Gesellschaft hatte kein „Feindbild“, auch nicht der Franzosen oder Briten, sie drängte nicht aktiv auf den Krieg, sie sah sich 1914 vielmehr bedroht und zur Selbstverteidigung gezwungen - gegen einen Feind, der sich ausgerechnet mit dem reaktionären Russland verbündet hatte. Auch jubelte man keineswegs allenthalben bei Kriegsanbruch, höchstens in den Städten und oft bloß in die Kameras.
Und die „Kriegsgreuel“ beim Durchmarsch durch Belgien? Weber macht plausibel, dass nicht deutsche Zerstörungswut, Mordlust und Hass regierten, sondern Angst, die zu einem tragischen Missverständnis führte. Die deutschen Truppen fürchteten sich, in Erinnerung an 1870/71, vor „franc tireurs“, vor Scharfschützen aus dem Hinterhalt, vor als Zivilisten getarnten Partisanen. Die belgische Bürgergarde, reguläre Kombattanten, trugen keine als solche erkennbaren Uniformen - die Deutschen hielten sie deshalb für Freischärler.
Zum berühmten „Weihnachtsfrieden“ 1914 kam es im übrigen tatsächlich - allerdings nur dort, wo auf der anderen Seite Briten lagen. Das spricht nicht für weitverbreitete Anglophobie, zumal sich die Verbrüderung über die Schützengräben hinweg 1915 wiederholte. Im übrigen schienen die Männer aus Devonshire oder Norfolk der britischen Propaganda von den deutschen Soldaten als verrohten Monstern nicht ohne weiteres zu glauben.
„Im Felde unbesiegt“ waren die Deutschen nicht. Das Kriegsende sah sie demoralisiert, wie viele ihrer Gegner auch. Sie kehrten dennoch nicht brutalisiert und radikalisiert zurück, im Gegenteil: sie wollten, wie auch die Briten oder Franzosen, nach Hause. Sie wollten den Krieg vergessen.
Wo aber, wenn nicht an der Front im Milieu Gleichgesinnter, fand Hitler zu seinen radikalen Ideen? Die jüdischen Soldaten des Regiments waren besser integriert gewesen als das „Etappenschwein“ Hitler. Dort hat er Antisemitismus also nicht gelernt. Und der Bolschewismus? Auch während der Münchner Räterepublik gehörte er nicht zu den fanatischen Kommunistenjägern. Wie aus ihm ein charismatischer „Führer“ und ein mörderischer Antisemit wurde, weiss selbst Thomas Weber nicht zu sagen.
Webers Buch ist über weite Strecken eine Ehrenrettung der Deutschen vor Hitlers Zeit, wie es im übrigen jüngst auch Philipp Blom (Der taumelnde Kontinent) versucht hat. Nicht „die Deutschen“ haben Hitler gewählt, auch 1932 nicht, als, im Gegenteil, die NSDAP fast am Ende war. Es waren die Konservativen, die ihn im Januar 1933 zum Reichskanzler machten. Die politische Elite hatte versagt.
Webers Buch lohnt die Diskussion. Wer darin einen „Freispruch“ für die Deutschen erkennen möchte, greift zu kurz. Dass sie sich im Ersten Weltkrieg kaum von ihren angeblich zivilisierteren Gegnern unterschieden, bedeutet eine weit bittere Erkenntnis: die Zerstörung der Demokratie ist keine deutsche Spezialität.

(C) 2011 Cora Stephan

Wir Untertanen.

  Reden wir mal nicht über das Versagen der Bundes- und Landesregierungen, einzelner Minister, der Frau Kanzler. Dazu ist im Grunde alles ge...