Donnerstag, 24. Februar 2011

Maggie!

Ich glaube langsam, ich könnte Fan der Eisernen werden...

Ich bekenne! In aller Demut!

... dass mir beim Abschreiben, nein: beim Zitieren ein Fehler unterlaufen ist. Mir war "TINA" als ein Spruch aus der Finanzwelt bekannt: There is no alternative sagt man dort, wenn klamme Banken, Staaten oder sonstwas gerettet werden wollen. Woraufhin die Kanzlerin "das ist alternativlos!" sagt und es also geschieht. Niemand versteht allerdings so recht, warum es keine Alternative ist, wenn Deutschland NICHT den Zahlmeister macht.
Aber nun gut: "there is no alternative" stammt, wie mich Wolfgang Stock vorgestern im SWR2-Forum belehrte, von - Maggie Thatcher, der Dame mit der Handtasche. Gemeint hatte die Iron Lady allerdings: es gibt keine Alternative zum Marktliberalismus - und der Sozialismus gehört abgestaubt.
Man kann sich vorstellen, wie Thatcher das intonierte: mit der ihr eigenen Arroganz, gepaart mit Witz.

Da kann die Kanzlerin nicht mit. Auch nicht mit Thatchers "No! No! No!" Bei dieser Lady gabs kein mattes "alternativlos" a la: "Da muss man durch, da kann man leider gar nichts machen." Ich gebe den unkeuschen Wunsch zu, dass ich mir das immer noch von Angela Merkel wünsche: ein klares "Mit uns nicht" statt dieses ewige "so isses eben."
Oder auch: Nein, nein, nein!

Falsch gewählt?

Sieht ganz so aus - hier ist das einige Tage lang verschwundene Interview mit Cecile Schortmann in der Kulturzeit...

Mittwoch, 23. Februar 2011

Honeckers Rache

Wer ein Buch über Politik und Politiker schreibt, lernt dazu. Auch, ganz nebenbei, über die Stimmungslage seiner Zeitgenossen, eine zugegeben statistisch nicht relevante Population. Doch immerhin: wen auch immer man fragt – die meisten haben zum Thema etwas zu sagen. Ach was: alle wissen es besser. Vor allem, wenn das Sujet die Bundeskanzlerin ist.
Eine der typischen Reaktionen ist unschwer dem hedonistisch-großstädtischen Milieu zuzuschlagen:

„Ein Buch über …? Ach, das tut mir aber leid für Dich!“
Wieso Mitleid? Wegen Angela Merkel? Jein. Das Mitleid wäre mindestens so groß, wenn das Thema Sigmar Gabriel hieße. Die Antwort lässt erkennen: Politikerverdrossenheit, hart an der Grenze zur Verachtung, ist weit verbreitet und findet sich auch in sonst tolerant empfindenden Kreisen.
In den allerbesten Kreisen, beim kreativen, produktiven, intelligenten deutschen Metropolenbürger, ist sie gemildert durch freundliches Desinteresse. Dort nimmt man den Staat noch nicht einmal mehr als Störfaktor wahr, man regelt längst seine Belange ohne ihn – Parallelgesellschaften gibt es eben nicht nur im Kiez. Solche Menschen ignorieren Politik mit Souveränität und Humor. Da sie aber gutwillig sind, empfehlen sie nach dem zweiten Riesling, die Gehälter für Kanzler und Minister und überhaupt die Diäten radikal heraufzusetzen. „Damit wir da mal eine positive Auslese reinkriegen.“
Nach dem dritten Glas aber lassen sie erkennen, dass sie sich unter Niveau regiert fühlen: „Die Merkel will das Weltklima retten, und bringt noch nicht mal eine vernünftige Steuerreform zustande.“
Das stimmt. Die ungeheure Diskrepanz zwischen globalem Anspruch und politischem Alltagsgeschäft fiel schon in der großen Koalition auf. Das machte die Arbeit am Buch zu einer Abenteuerreise in die postdemokratische Moderne, in der es schon längst nicht mehr um eine politische Agenda oder gar um Problemlösungen geht. Man beschränkt sich auf die Ruhigstellung des Bürgers mit Brot und Spielen – und auf das Verwalten der Probleme. Die Klimakatastrophe dient dabei als ordnungspolitische Peitsche, als übergesetzlicher Notstand, der jegliches Regierungshandeln, auch das fehlende, als alternativlos erscheinen lässt. So wenig Politik war selten.

„Ach das Merkel. Ein Irrtum. Und das merkst Du erst jetzt?“
So etwas sagen herablassend die, die eh schon alles wissen und gewusst haben. Eher links anzusiedeln im Meinungsspektrum. Sie unterscheiden sich allerdings in nicht ganz unwichtigen Nuancen. Die einen gehören zu der Fraktion, die Politiker generell für entweder korrupt und intrigant oder dumm und bestechlich halten. Die irren sich nie. Das wappnet gegen jede Enttäuschung. Die finden es naiv, überhaupt noch was zu erwarten von den Fehlzündern da oben. Wenn sie jünger sind, empfehlen sie die Revolution. Wenn älter, trauern sie ihr hinterher.
Ein Irrtum in Bezug auf Angela Merkel wäre schon deshalb undenkbar, weil in diesem Milieu niemand die CDU wählen würde, die man in Verkennung der Realität für eine rechte Partei der sozialen Kälte hält. Und wenn es schon eine Ostfrau sein muss, dann steht man dort auf Regine Hildebrandt selig und nicht auf einem „Wendehals“ wie Angela Merkel.
Die Primitiveren rufen „Wie die schon aussieht!“ Bei denen helfen kein pinkes Kostüm und kein Promifriseur. Und auch nicht der Hinweis, dass Schmähungen, die das Äußere einer Person betreffen, auch wenn sie weiblich ist, keineswegs politisch korrekt sind. Doch wenn es um „das Merkel“ geht, sind auch Frauen und Feministen nicht frei von Menschenverachtung. Wäre Merkel als schwarze Alice aufgetreten, als Superfeministin, hätte sie sich unangreifbar gemacht. So aber musste sie sich gefallen lassen, ungezähmt und rücksichtslos angerüpelt zu werden.
Dass gerade die Frauen, die am lautesten nach der Quote rufen, so wenig zur Kenntnis nehmen, dass Merkel dem ersten Kabinett vorsteht, das zu mehr als einem Drittel mit Frauen besetzt ist, gibt allerdings zu denken.

„Sie will doch auch nur die Macht.“
Ja, sicher. Im Reich der Macht kann man von der Macht nicht schweigen. Da geht es nun einmal darum, wer das Sagen hat. Und das hat sich Angela Merkel hart erkämpfen müssen, bis zuletzt. Schon der knappe Wahlsieg 2005 wurde ihr streitig gemacht – von einem bräsigen Gerhard Schröder, der seine Niederlage nicht erkennen wollte, man erinnere sich an die legendäre Elefantenrunde. Bei den darauffolgenden Koalitionsverhandlungen wollten ihr die Koalitionspartner sogar die Richtlinienkompetenz streitig machen. Und die Jungs vom „Andenpakt“, ihre Konkurrenten aus der CDU, hielten die „Krankenschwester“ für einen Unfall der Geschichte. Merkel erlegte einen nach dem anderen. Wer sich nicht frustriert zurückzog, wurde, wie Christian Wulff, weggelobt. Man darf gespannt sein, wie sie mit ihrer weiblichen Konkurrenz verfährt.
Auch das war ein Lehrstück in Sachen politischer Kultur: Die Männer haben Angela Merkel unterschätzt – ihr Machtgespür, ihr taktisches Geschick und ihre Rachsucht. Doch Macht kann sie. Dafür scheint sich Angela Merkel sogar die Bewunderung Gerhard Schröders eingehandelt zu haben. Und der versteht was davon.

„Merkel? Das ist die Rache Honeckers.“
Dieser Aufschrei kommt eher von denen, die ihre CDU nicht mehr wiedererkennen: Vollfeminin und durchsozialdemokratisiert, pfui Teufel! Die brechen angesichts der Tatsache, dass eine Frau die Kanzlerin auch kritisch sehen möchte, schon mal in ein frustriertes „Ich versteh Sie nicht!“ aus. „Nun ist mal eine Frau ganz oben, und das reicht Ihnen auch wieder nicht. Was wollen Sie denn noch?“
Hier liegt ein Missverständnis vor. Ich halte es da mit Angela Merkel, die mal gesagt hat: „Ich glaube nicht, dass es ein Vorteil oder ein Nachteil ist, eine Frau zu sein. Es kommt mehr darauf an, dass man sich durchsetzt.“ Und sie hat sich durchgesetzt. Prima, nur von ihren einst so mutigen Projekten ist nichts übrig geblieben. Man würde sie allerdings beleidigen, wenn man sie dafür nicht kritisieren dürfte – nur, weil sie eine Frau ist.
Ob sie die Rache Honeckers ist? Nun ja. Wer Bücher „nicht hilfreich“ und Entscheidungen alternativlos nennt, muss sich nicht wundern, wenn jemand das totalitär findet. Doch die Ähnlichkeiten liegen woanders. Auch im vereinigten Deutschland lebt man, wie einst in der DDR, auf Kosten anderer, werden milde Gaben ohne finanzielle Deckung verteilt. Merkel macht, was vor ihr alle taten: den Sozialstaat füttern, um Verfügungsmasse für Wahlgeschenke zu haben. Die DDR war ein Reich der Wunder: dort gab es Vollbeschäftigung ohne produktive Arbeit. Auch im vereinigten Deutschland gibt es Wunder über Wunder. Dort entstehen ständig neue Arbeitsplätze, die der Verwaltung der Nichtarbeit dienen. In der Sozialbürokratie.
2005 noch wollte sie das ändern. Warum ihr das nicht gelungen ist, ist ein spannender Krimi, der viel verrät über die Mechanismen unseres Wahlsystems und unserer Politik.

„In einer Demokratie hat das Volk die Regierung, die es verdient.“
Das sagen die ganz Süffisanten. Außerdem hätten die Deutschen ja schon Hitler gewählt. Dumm, wie sie sind.
Respektvoll ist der Vergleich nicht. Vor allem aber stimmt er nicht. Nicht die Wähler, die Parteien der Weimarer Republik haben Hitler den Weg zur Macht geebnet. Selbst in den Wahlen nach der „Machtergreifung“ erzielte die NSDAP nicht die absolute Mehrheit der Wählerstimmen.
Und Angela Merkel? Ist 2005 mit dem schwächsten Ergebnis für die CDU/CSU zur Kanzlerin geworden. 2009 haben gerade noch 14,6 Millionen Wahlberechtigte sie gewählt. Die größte Partei auch dieser Bundestagswahl stellten mit 18 Millionen die Nichtwähler. Keine von Merkels Regierungen hatte also eine Mehrheit der Wahlberechtigten hinter sich.
Die deutsche Crux ist das im Grundgesetz eingebaute Misstrauen gegen „das Volk“. Föderalismus und Wahlrecht sollten nach den Erfahrungen mit Hitlerdeutschland dafür sorgen, dass in Deutschland nicht „durchregiert“ werden kann, weil Koalitionen Kompromisse erzwingen. Die aber werden umso unwahrscheinlicher, je öfter sich die Koalitionspartner in Wahlkämpfen gegeneinander profilieren müssen. In solchen Zeiten bleibt man besser vage. Da der von Angela Merkel angekündigte „Herbst der Entscheidungen“ ausgeblieben ist, wird es angesichts des Superwahljahrs 2011 auch kein Frühjahr der Entscheidungen geben.
Es kommt hinzu, dass die beständig wahlkämpfenden Politiker am liebsten jene Klientel bedienen, die Stimmen versprechen. Und das sind alle, die ungern am Ast sägen, auf dem sie sitzen. Rentner, Beamte, Staatsangestellte. Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger. Auch deshalb lohnt es sich nicht, die Minderheit der produktiven, am Bruttosozialprodukt arbeitenden Bürger, ohne die das ganze nicht funktionieren kann, zu umwerben. Sie sind die Kuh, die zu melken ist. Zu sagen haben sie rein gar nichts. Im öffentlichen Diskurs kommen sie nicht vor.
Die intelligente und produktive Mitte der Gesellschaft liegt nicht falsch, wenn sie sich unter Niveau regiert fühlt. Die Zahl der Nichtwähler zeigt, dass sie daran weitgehend unschuldig ist.

Ein Irrtum? Wohl eher enttäuschte Liebe, oder?
Ja. Auch das habe ich gelernt bei der Arbeit an diesem Buch: Was für eine historische Chance verspielt wurde. Angela Merkel war DDR-sozialisiert und damit unbeleckt vom westdeutschen Politikkiez, diesem Biotop der Seilschaftler, in dem es warm nach Stall riecht. Sie kam von außen, teilte die westdeutschen Minderwertigkeitskomplexe nicht, aber auch nicht die Ideologeme und schlechten Angewohnheiten. Sie war das, was Evelyn Roll in ihrer großartigen Merkel-Biografie einen „Maverick“ nennt, einen Menschen ohne die „Brandzeichen“ der Clique oder Klasse, unabhängig und frei von Rücksichten. Und: sie war, fünfzehn Jahre nach der deutschen Einheit, die erste gesamtdeutsche Kanzlerin.
Deshalb war ihr zuzutrauen, was andere vorher nicht geschafft haben: ohne Rücksicht auf althergebrachte Ansprüche von Klientel und Lobbys jene Reformen durchzusetzen, die Deutschland so dringend nötig hat. Mein Irrtum. Und nicht nur meiner.

Wo bleibt der Respekt?
Gewiss: sie und ihr Amt verdienen Respekt. Doch den darf auch das Land und seine Menschen einfordern. Dort aber wächst das Gefühl, missachtet zu werden. Die Predigt von der Alternativlosigkeit existentieller Entscheidungen - man denke an die Europäische Union – ist schlimmer als respektlos. Es tut nicht gut, Wähler und Bürger zu unterschätzen. Die lassen sich nicht mehr mit durchschaubaren Parolen abspeisen. Das zeigen die mehr als 1,3 Millionen Protestkäufer des Buchs von Thilo Sarrazin - und die Kritiker von „Stuttgart 21“, die Angela Merkel mütterlich glaubte maßregeln zu dürfen. Doch deren Einwände sind nicht renitent, sondern wohlinformiert.
Mit der Informiertheit der Bürger sollten alle Parteien rechnen. Denn die Alternative zu Angela Merkel ist nicht rot oder gelb oder grün. Die Alternative heißt: aus der Postdemokratie auswandern. Das Spiel nicht mehr mitspielen. Die Zustimmung verweigern.
Ungültig wählen.

Literarische Welt, 19. 2. 2011
© Cora Stephan 2011

Sonntag, 13. Februar 2011

Angie Honecker. KEINE Biografie

Frau Stephan, 2005 haben Sie Angela Merkel gewählt. Jetzt sind Sie enttäuscht. Warum?

Ich habe „Angie“ gewählt, eine Frau mit einer deutlichen Sprache und einem mutigen Reformprogramm. Und habe Mutti bekommen, eine Kanzlerin, die entscheidungsschwach und matt vor sich hinregiert.

Wann hat Merkel Ihre Zustimmung verloren?

Ach, ich habe wie viele andere lange die Hoffnung nicht aufgegeben. Aber es bewegte sich einfach nichts. Und dann kam die Sarrazin-Debatte. Da ist mir der Geduldsfaden gerissen. Wie bitte? Die Frau, die von Mut und Freiheit geredet hat, erklärt ein Buch für „nicht hilfreich“, das sie noch nicht einmal gelesen hat? Da erinnert sie mich an Erich Honecker. Müssen Bücher und Meinungen heute wieder „nützlich“ sein? Werden sie sonst verboten?

Mehr in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und hier: faz.net

Mittwoch, 9. Februar 2011

Wenn Mutti vom Krieg erzählt...

Frauen können alles und machen es niemandem recht – nicht sich selbst, nicht den Männern, nicht anderen Frauen, mit den Müttern angefangen. Und vor allem nicht den Müttern der Frauenbewegung.
Seltsam vertraut klingen die Ermahnungen, die wir von Alice Schwarzer gewohnt sind und die jetzt auch Bascha Mika serviert, zehn Jahre lang Oberdompteuse der taz. Schrill, anmaßend, unduldsam. Ganz so wie die unangenehmeren Exemplare unserer Altvorderen, die ihren Töchtern mit zusammengepressten Lippen erklärten, dass ihr Platz zu Hause sei und nicht in den unendlichen Weiten der Berufswelt.
Bei Schwarzer und Mika lautet der Vorwurf natürlich umgekehrt: die „Girlies“ und „Propagandistinnen eines Wellness-Feminismus“ (Schwarzer) sind nicht emanzipiert genug, schleichen sich heimlich in die Küche und an den Herd, wo sie ihre eigene „Vermausung“ betreiben (Mika), verludern damit den Feminismus (Schwarzer) und machen sich zu „Komplizinnen des Systems“ (Mika), statt sich und damit „einen Teil der Welt“ zu retten.
Girls just wanna have fun, inklusive Kerle, Kinder, Küche? Nichts da. Revolution muss sein oder wenigstens eine entsprechende Berufskarriere. Vielleicht bei den Rettungsschwimmern?
Der gekränkte Aufschrei der Mütter der Bewegung trägt gewiss nichts bei zur Verständigung der Generationen. Die alte Leier wird nicht dadurch aufregender, dass hier nicht Vati, sondern Mutti vom Krieg erzählt. Und vor allem: Wo ist der Realitätssinn geblieben, der die Frauenbewegung einst doch auch auszeichnete – inmitten heftigsten Ringens um die richtige Linie und den dazu passenden Lebensentwurf? Und wo ist die wenigstens partielle Rezeption neuer Erkenntnisse über das, was Frauen treibt – ja, was sie wollen? Weil alle Frauen „falsche Bedürfnisse“ haben, nur unsere Oberfeministinnen nicht?
Noch allen Müttern ist es schwergefallen, sich damit abzufinden, dass die Töchter ihre gewonnene Freiheit nicht dazu nutzen, das „Richtige“ zu tun. Bascha Mika zufolge müssen sie sich vor allem „von der inneren Kittelschürze verabschieden“ und die „Opferrolle“ ablegen. Das ist eine seltsam eindimensionale Sicht des Frauenlebens und erfasst herzlich wenig von den vielen gelebten Möglichkeiten. Zumal es ein Trugschluss ist, dass Frauen Opfer sind, nur weil sie nicht leben, wie linke Metropolenfrauen.
Gut, ich gebe es zu: Auch ich störe mich daran, wie viele auf Kosten der Gemeinschaft hochqualifizierte Frauen ihre Energien in die Verwaltung des Einkaufszettels und der Termine ihrer Sprösslinge stecken, ganz zu schweigen vom Rücken, den sie ihrem Mann freihalten. Doch Freiheit heißt nunmal, sich frei entscheiden zu dürfen, egal, wem das nicht passt und welches Weltbild etwas anderes vorsieht. Die gesammelten Botschaften aus der Realität zeigen, dass Frauen einfach nicht tun, was „Gender Mainstreaming“ vorsieht. Nur vor einem sehr engen Horizont lässt sich das als Unterwerfung interpretieren. Die Dinge sind komplizierter.
Richtig: Die wenigsten Frauen entscheiden sich heute für gutbezahlte Männerberufe, für die zeitraubende Karriere, für Macht und Geld. Warum nicht? Weil sie das nicht attraktiv finden. Sie entscheiden sich für mehr Zeit – für die Familie, vor allem. Mag sein, dass das feige sind. Aber es gehört zu des Menschen Freiheit, auf die Verbesserung der Welt auch mal keine Lust zu haben.
Und deshalb nützen all die entweder nur symbolischen (Quote in Aufsichtsräten) oder finanziellen (Kinderbetreuung) Angebote wenig: Frauen tun, was sie wollen. Eine Minderheit sieht in der Arbeit den Lebenszweck, eine weitere Minderheit in Mann und Kindern. Die große Mehrheit möchte Beruf und Familie möglichst bequem vereinbaren, ein von Bildungsniveau und Milieu völlig unabhängiger Wunsch. Dafür nehmen sie in Kauf, dass sie im Schnitt weniger Geld verdienen als Männer. Das ist das Ergebnis einer anderen Lebensplanung – und die meisten Frauen wählen sie in vollem Bewusstsein der Tatsache, dass sie dafür mit einer niedrigeren Rente bezahlen werden.
Aus diesen Entscheidungen resultiert jene Differenz, die wir als augenfälligen Beweis für die Diskriminierung von Frauen ansehen: Frauen verdienen im Schnitt weniger als Männer, weil ihnen kompensierende Faktoren wie etwa den der Zeit wichtiger sind. Die Länder mit der niedrigsten Erwerbsquote der Frauen kennen die geringsten Lohndifferenzen: Portugal und Spanien. „Ehrgeizige und leistungsstarke Männer und Frauen, deren Lebenszentrum die Arbeit ist, glauben, jeder sei so wie sie. Das stimmt glücklicherweise nicht“, schreibt die britische Soziologin Catherine Hakim.
Wer sich die Freiheit nimmt, Frauen in ihren Lebensentscheidungen ernst zu nehmen, wer daraus auf Geschlechtsunterschiede schließt und gar die Biologie, die Hormone, die „Natur“ zitiert, erntet noch immer schrille Empörung, vor allem der Frauen, die ihre Geschlechtsgenossinnen für beschränkt zu halten scheinen. Es sind vor allem Frauen, die bezweifeln, dass sich andere Frauen wirklich frei für Kinder und Haushalt entscheiden oder selbstbewusst dem sozialen Beruf statt der lukrativen Karriere den Vorzug geben könnten. Doch unbeirrt treffen die meisten Frauen auch weiterhin wenig karrierefördernde Entscheidungen, arbeiten Teilzeit und lassen sich von den Männern abhängen, die mit größerem Ehrgeiz und der freiwilligen 60-80-Stundenwoche an ihnen vorbeiziehen.
Ihre zögernde Haltung, schreibt die amerikanische Feministin und Buchautorin Susan Pinker, „gibt anderen Kandidaten, die vielleicht weniger qualifiziert, aber selbstbewusster sind, die Möglichkeit, diesen Platz einzunehmen.“
Sind die privaten Entscheidungen von Frauen also schuld daran, dass Machtpositionen ausgerechnet von denen besetzt werden, deren Qualifikation sich auf die Kunst der Intrige und des Pokerns um die Macht beschränkt? Dass, mit anderen Worten, die Dümmeren über unser aller Leben bestimmen? Man könnte eine regelrechte Sarrazinade aus diesen Überlegungen spinnen: die klugen Frauen hindern die mediokren Männer nicht nur nicht daran, die Macht zu erobern, sie kompensieren das noch nicht einmal mit höheren Reproduktionsanstrengungen. Siehste: Die Dummen, nicht ein mächtiges Patriarchat, regieren die Welt. Und Frauen sind ihre Komplizinnen. Also doch?
Frauen sind keine Opfer. Und Männer nicht nur Täter. Frauen können rechnen und oft sind sie auch berechnend. Für viele von ihnen ist der gutverdienende Ernährer noch immer eine Alternative zur unfreundlichen Berufswelt. Und deshalb ist es höchste Zeit, die Welt der Männer zu betrachten. Und die ist so bekömmlich nicht.
Schon ihre biologische Rolle ist nicht sehr attraktiv, die ein freundlicher Anthropologe einmal mit „Stud, Dud, Thud“ umschrieben hat – also etwa: rammeln, versagen, tot umfallen. Und sie mögen das stärkere Geschlecht sein, was die Muskelmasse betrifft. Psychisch sind sie anfälliger, werden in ihrer Jugend kriminell oder leiden unter ADHS, Legasthenie oder dem Asperger-Syndrom. Sie sind die unermüdlichen Schaffer, die sich krummlegen für die Familie und das Leben nach der Rente – und dann, wie zum Hohn, kurz nach dem 65. Geburtstag tot umfallen. Sie schwanken zwischen Genie und Wahnsinn, bringen es dank ihres Wagemuts zu höchsten Leistungen – und zu traurigen Rekordzahlen bei Unfällen und Selbstmorden.
Frauen, könnte man schließen, sind in ihrer Mehrzahl die normaleren – und deshalb machen sie nicht jeden Unsinn mit. Das hält gesund, beschert eine längere Lebensdauer und womöglich auch mehr Freude. Doch das Leben wäre ärmer ohne verrückte Männer und weit gefährlicher ohne vernünftige Frauen. Ganz offenkundig gehören beide zum Spiel – wie übrigens auch die etwa 20 % der Frauen, die das männliche Karrieremodell vorziehen und jene Minderheit der Männer, die es lieber kuschelig hat.
Sollte man Männern also den Ernährerstreik verordnen, damit Frauen endlich tun, was ihre feministischen Mütter für das richtige halten und die Welt eine bessere wird? Vielleicht hätte das auch andere positive Wirkungen. Matthias Horx hat unlängst „die männerbasierte Präsenzkultur“ aufs Korn genommen, die Monster erzeuge, nämlich „14 Stunden plus arbeitende Männer im Dopaminrausch“, in dem sich trefflich Finanz- und andere Krisen erzeugen lassen.
Frauen, andererseits, die in der reproduktiven Phase ihres Lebens mit ihrer Zeit geizen, sind, auch das vermelden die Forscher, weniger auf das mit der Rente gekrönte Berufsende fixiert. Sie suchen nach sinnvoller Beschäftigung auch nach dem Erreichen der Alters“grenze“. Das alles sind gute Gründe für ein Zurückdrängen des männlichen Karrieremodells, für die Entzerrung von Lebensplänen und für eine neue Form der Kooperation der beiden mit unterschiedlichen Präferenzen und Stärken ausgestatteten Geschlechter.
Die heute so hohe Lebenserwartung offenbart, wie absurd es ist, die wichtigen Dinge im Leben – wie ein befriedigendes Berufsleben und den Nachwuchs, den sich alle wünschen – in einen relativ kurzen Lebensabschnitt zu packen. Das zwingt Frauen, die beides wollen, zu einem anstrengenden Spagat. Ihnen droht nicht nur die „biologische Uhr“, sondern auch eine altertümliche Faustregel, die da heißt: wer mit 40 nichts ist, wird auch nichts mehr. Es liegt nahe, dass es die Perspektiven der Frauen über 40 sind, die jungen Frauen ihre Zukunft zeigen. Solange 40jährige im Berufsleben zum alten Eisen gezählt werden, ist es für jüngere Frauen klüger, auf den Ernährer zu setzen.
Eine Entzerrung des Arbeitsalltags wäre eine ebenso gute Idee wie eine Ablösung vom männlichen Arbeitsmodell, das da heißt: Maloche ohne Unterbrechung bis zur Rente. Ins heute so lange Leben sollte eigentlich alles passen – Kinder und Familie und Beruf. Nur vielleicht nicht alles auf einmal.
Sind Frauen feige? Ach was, das gibt sich mit den Jahren. Denn wie sagte noch Mae West? „Älterwerden ist nichts für Feiglinge.“ Lasst die Töchter also machen. Auch sie werden älter.

In: Literarische Welt, 6. Februar 2011

Montag, 7. Februar 2011

Klatsch und Tratsch aus dem Kanzleramt...

"Das wird der Kanzlerin nicht gefallen: Die Autorin Cora Stephan beschreibt Merkel in einem neuen Buch als politischen "Irrtum"." (...)
"Mit gewisser Nervosität blickt man im Kanzleramt auf einen Pressetermin am kommenden Donnerstag in Berlin. Präsentiert wird das Buch von Cora Stephan: "Angela Merkel. Ein Irrtum" (Knaus Verlag). In der Regierungszentrale hofft man, dass sich das Buch nicht zum Bestseller entwickelt..."
Cora Stephan hofft verständlicherweise anders, freut sich aber schon mal, dass ihr "Betroffenheitskult" zur Lieblingslektüre von Bundesinnenminister Thomas de Maizière zählt...

Mehr dazu hier: