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Mittwoch, 17. Februar 2021

Die Stimme der Provinz: Natur oder Kultur?

 Wisset: Mutter Natur ist gut!

Wer sich gegen sie vergeht, den straft sie – etwa mit einem besonders ekligen Virus. Also bitte! Die Natur rächt sich und schlägt zurück, wenn der Mensch ihr etwas antut. Das ist das Basiswissen aller gut und recht denkenden Menschen unschuldigen Gemüts, die ihre Lebensmittel gern genfrei hätten. Wir haben uns Covid-19 verdient mit unserer menschlichen Hybris. Manch einer hätte der Menschheit sogar eine ordentliche Pest an den Hals gewünscht, so als natürliche Regelung der Überbevölkerung.

Jetzt bitte nicht überlegen lächeln! Das lernen sie doch schon im Kindergarten, dass „genmanipuliert“ den feigen Eingriff finsterer Frankensteins bedeutet. Nichts als Natur soll in unseren Lebensmitteln sein!

Der reine Naturzustand ist allerdings schwer herzustellen, es sei denn, man stellt sich wieder auf ein Leben als Sammler und Jäger ein. Landwirtschaft manipuliert seit Jahrtausenden – vom Urkorn bis zum heutigen Weizen ist ein weiter Weg der Zuchterfolge. Haus- und Nutztiere würden in der mütterlichen Natur schlicht zugrundegehen. Zurück zur Natur heißt auf in den Limbus.

Borkenkäfer sind nur im Kindergarten lieb und putzig

Ich weiß, ich weiß, das muss man Achgut.com-Lesern nicht groß erklären, die vom Dengeln und Vorderladern mehr verstehen als ich. Außerhalb unserer Städte sucht man vergeblich nach „Natur“ in ihrer unberührten Form, und was nach Urwald aussieht, ist einfach nur ein unaufgeräumter Wald, sonst nichts. Und in dem herrscht nicht die uneingeschränkte Mutterliebe der Natur, sondern der Borkenkäfer.

Der ist nur im Kindergarten lieb und putzig. Im Nationalpark Harz fanden das augenscheinlich auch Erwachsene. Dort durfte Berti Borkenkäfer auf bunten Schildern „Ich schaffe Wildnis“ verkünden. Nach geharnischten Protesten verzichtet man auf die Werbung mit ihm – er könne „Gefühle verletzen“. Schlimm! Doch bis es soweit kommt, verletzt er Bäume, und zwar nicht nur die eh schon Geschwächten (die ja nicht an, sondern nur mit Berti verenden), sondern auch völlig gesunde Waldbestände. Was hülfe? Der Einsatz eines zugelassenen Pflanzenschutzmittels ... Armer Berti!

Ja, der Wald, immer ein schönes Objekt der Mythenbildung, insbesondere, was seine „Wildnis“ betrifft. Die hiesigen Wälder sind im Schnitt zwischen 120 und 150 Jahren alt, heute ist Deutschland weit waldreicher als noch im 19. Jahrhundert. Die Monokulturen der Nadelbäume sind jünger und haben sich als besonders anfällig für Wind und Dürre erwiesen. Die meisten Versuche, Wälder durch zugelassene Wildnis „naturnäher“ zu machen, haben sich als Flop erwiesen: nur der Borkenkäfer und andere Schädlinge freuten sich.

So schnell kann Naturschutz das Gegenteil bewirken

Dass an vermehrten und verheerenderen Waldbränden der Mensch schuld ist, stimmt allerdings auch wieder. Man kann auch schuldig werden, indem man etwas unterlässt: in Australien haben Wildnisfreunde dafür gesorgt, dass die alte Sitte der Aborigines, das Unterholz regelmäßig kontrolliert abzubrennen, aus der Mode kam. Der Verzicht auf die Weisheit der Vorfahren aber hat, wenn anhaltende Dürre dazukam, aus jedem Feuer eine flächendeckende Feuersbrunst gemacht.

So schnell kann Naturschutz das Gegenteil bewirken. Ab wann hat das Gutgemeinte eigentlich die Vorherrschaft über jahrhundertealte Erfahrung und menschliche Vernunft gewonnen?

Und seit wann ist die Landwirtschaft der Prügelknabe für alles, was grünerseits als ökologisch bedenklich gilt? Gewiss doch: man kann mit Kulturlandschaft erheblich schonenender umgehen als es im Zuge der Industrialisierung der Agrarwirtschaft geschehen ist. Die nachhaltigste Bodenverdichtung durch schweres Gerät auf großen Ackerflächen aber ist nicht der Landwirtschaft anzulasten. Den Leuchttürmen der Klimafreunde verdanken wir Bodenversiegelung in bislang unbekanntem Ausmaß.

Bei mir um die Ecke, am Rande Vogelsberg, gibt es kaum noch einen unverstellten Blick auf den Horizont, überall recken sich die Windmühlen wie mahnende Zeigefinger. Viele stehen mitten im Wald. Jede Mühle braucht ein Stahlbetonfundament, das bis zu dreieinhalbtausend Tonnen wiegen kann. Hinzu kommt das Gewicht des Turms, des Maschinenhauses und der Rotorblätter, zusammen etwa 3.500 Tonnen. Dafür und für den Zugangsweg muss der Boden nicht nur gerodet, sondern massiv verdichtet werden.

Was tut man nicht alles fürs Gute und Richtige!

Ein paar Haken hat die Sache bekanntlich. Die Lebenszeit der Mühlen ist weit geringer, als man gedacht hatte. Rückbaupflicht? Einschließlich der Fundamente? Wer’s glaubt. Und wir haben noch nicht über geschredderte Vögel geredet. Über Insektentod an den Rotorblättern. Darüber, dass sich Wild in der Nähe der Dinger nicht mehr blicken lässt. Über die Entsorgung der Rotorblätter. Oder gar über den Einfluss einer ganzen Windradrotte auf Windströmung, Bodenerwärmung und Dürre.

Doch bis wir darüber reden, reden wir lieber über die wahren Umweltschädlinge: die Bauern. Gut so?


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Donnerstag, 14. Januar 2021

Die Stimme der Provinz - Kolumne 2: Parkplatz für Schweinesilos?


Was ist das, die Provinz? Abstellraum für Windparks und Biogasanlagen? Parkplatz für Schweinesilos und andere Zuchthäuser? Maisfelder bis an den Horizont neben Ödnis, verstockten Einwohnern und Restnatur? Oder hier und da noch immer Sehnsuchtsort für alle Abonnenten von Landlust?

Abgesehen von touristischen Hochburgen kennt der Metropolenbewohner die Namen vieler Dörfer und Städtchen höchstens aus Staumeldungen, sofern eine Autobahnauffahrt nach ihnen benannt wurde. Oder, falls der Stadtmensch so einer wie der woke Alex ist, wenn man Bäumen wehtut, wie im Dannenröder Forst, liebevoll Danni genannt, gleich bei mir um die Ecke. Dort sollen Bäume ihr Leben für einen Autobahnausbau lassen. Geht gar nicht!

Und deshalb kennt jetzt alle Welt Dannenrod – schon weil sich dort Carola Rackete an ein Baumhaus gekettet hat, es gibt ja zu Land und zur See immer was zu retten. Nur die verstockten Anwohner wünschen sich seit Jahren nichts dringenderes, als endlich vom Durchgangsverkehr befreit zu sein, man weiß ja, Lärm, Abgase, Feinstaub. In der Stadt wäre der Wunsch legitim? Ach?

Quod licet jovi, non licet bovi, würde der alte Lateiner da murmeln: Was dem Stadtöko frommt, hat der Ochse auf dem Land hinzunehmen. Bäume abholzen und Bodenverdichtung ist nur schlimm, wenn es den falschen Zwecken dient. Wenn es hingegen um die Klimarettung geht, darf, ja muss man gigantische Betonmengen in den Waldboden des Naturparks Vogelsberg versenken und Bäume fällen sonder Zahl, auch der Zufahrtsstraßen wegen, die man braucht, um die Vielzahl gigantischer Windmühlen an Ort und Stelle zu bringen. Vogelmörder, übrigens. Und Förster berichten, dass unter den Rotoren kein Stück Wild anzutreffen ist.

Bauern sind eine langsam verschwindende Minderheit

Doch schweigen wir davon und vom verstellten Horizont. Oder von der Bodenverdichtung. Und der Energiebilanz. Und der Entsorgung. Manch ein alteingesessener Bewohner unseres Landstrichs dürfte froh sein, die saure Wiese an einen Windbauer verpachten zu können, da sich Landwirtschaft schon lange nicht mehr lohnt, es sei denn, im großen Maßstab.

Was ist es also, das Land, sofern es nicht aus schützenswerter und weniger schützenswerter Natur besteht? Was finden Stadtflüchtige vor, wenn es sie dort hinzieht? Schöne Landschaft? Malmendes Fleckvieh auf grünen Wiesen, bäuerliche Idylle mit kuhwarmer Milch, frischen Eiern und krähenden Hähnen?

Zwar werden 51 Prozent der Fläche Deutschlands landwirtschaftlich genutzt, doch nur noch von knapp 250.000 Betrieben. Deren Zahl hat seit 1949 um 86 Prozent abgenommen, der Anteil der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft lag 2017 nur noch bei 1,4 Prozent. Bauern sind eine langsam verschwindende Minderheit, in manchem Dorf gibt es keinen einzigen mehr. Das alles kann man übrigens in Ruhe nachlesen in dem faktenreichen und dennoch von Liebe getragenen Buch von Werner Bätzing: Das Landleben.

Hier wohnen Realisten, keine woken Ideologen

Ich erinnere mich noch gut, wie meine Nachbarn in den 80er Jahren die Milchkühe morgens und abends auf die und von der Weide trieben, begleitet von auffordernden Rufen und dem satten Geräusch, mit dem der Stock auf die Hintern der Kühe prallte, die mit schwankendem Euter und unter Hinterlassenschaft fetter Fladen zum Stall schlenderten. Ich habe die Schreie der Schweine noch im Ohr, nicht, wenn sie geschlachtet, sondern wenn sie gefüttert wurden. Meine Rosen konnten mit den Düften aus dem Schweinestall nicht konkurrieren. Besonders widerlich allerdings roch es aus den Silos, in denen das Heu für die Kühe vergoren wurde.

Vorbei. Milch- und Fleischproduktion lohnen sich nicht mehr. Der Nachbar baut nur noch Getreide an und mäht das Bioheu in der Flussaue. Heute ist um mich herum die Luft rein und die Fliegenbevölkerung hat deutlich abgenommen. Es gibt nur noch einen einzigen großen Schweinestall im Dorf, modern belüftet. Was stinkt, ist die Gülle, wenn sie auf die Felder gebracht wird. Und das passiert nicht jeden Tag.

Ist die Provinz damit ein mehr oder weniger menschenleerer Siedlungsraum geworden? Offen für alles? Ganz und gar nicht. Es gibt sie immer noch, die Landbevölkerung, und sie unterscheidet sich von der in den Städten. Oft, ich gestehe, durchaus vorteilhaft: hier wohnen Realisten, keine woken Ideologen.

Außerdem gibt es jetzt Hühner, glückliche, freilaufende Hühner. Schafe und Ziegen. Und statt brüllender Bullen im Stall Mutterkühe und ihre Kälber auf grüner Wiese.

Ja, es geht etwas zuende. Was beginnt?

Mehr dazu demnächst auf diesem Sender ...

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Dienstag, 26. November 2013

Zurück zu den Wurzeln

In jedem Hotelklo wird die Welt gerettet und für unsere Umwelt gespart, ob an Handtüchern, Klopapier oder Spülung. Die Frauenquote gilt, egal, was Frauen davon halten. Und geraucht wird nur draußen. Also bitte: Die Grünen haben an allen Fronten gesiegt! Was wollen sie mehr?
Besser gefragt: wozu braucht man sie noch? Den Todesstoß versetzte ihnen Angela Merkel schon vor Jahr und Tag, als sie den Abschied von der Atomkraft verkündete. Das, die Anti-AKW-Bewegung, war einmal das Herz der Grünen und der Punkt, an dem Ökos und K-Grüppler einst zusammenfanden. Und nun das Ende. Grün hat sich zu Tode gesiegt. Das, womit sie früher einmal Neuland betraten, gehört mittlerweile zur Standardmöblierung der Parteienlandschaft.
Fast möchte man den Alternativgrünen von damals ein Tränchen hinterherweinen, den Waldschraten, Wallebärten und Strickliesels. Denn auch eine Partei wie keine andere sind die Grünen schon lange nicht mehr. Sicher, im Zuge der Normalisierung haben sie nicht nur liebenswerte Schrulligkeiten, sondern auch fundamentale Missverständnisse abgelegt – etwa über Sinn und Zweck eines Gewaltmonopols des Staates oder über den Nutzen frei gewählter und von der Partei unabhängiger Abgeordneter. Aber sind sie deshalb gleich zum politischen Doppelsprech verurteilt, der die Bündnisgrünen heute genauso öde macht wie all die anderen?
Bei näherer Betrachtung könnte man auf die Idee kommen, dass sich ihr Markenkern genau darin beweist: in der frömmelnden Floskelei vom Guten, Wahren und Schönen. Und gerade das haben die anderen Parteien von den Grünalternativen gelernt.
Deren Unwiderstehlichkeit bestand ja nie in ihren „Themen“ allein, sondern im Anspruch auf ihre Alleinvertretung. Wer sich mit tiefer Überzeugung in die Brust wirft und die Rettung der Welt, der Natur, der Frauen, also der Menschheit verspricht, dem kann man schwerlich widersprechen: wer möchte es sich schon mit den Ganz Großen Dingen verderben? Also! Die Grünen haben, ganz im Sinne einer „Politik in der ersten Person“, die persönliche Betroffenheit, das Gefühl und die Moral vor den kalten „Sachzwang“ und die noch kälteren Interessen gestellt. Das Ergebnis ist ein Programm mit Kuschel-Optik – für die Empfehlung eines „Veggie-Days“ gebührt ihnen deshalb eine Auszeichnung für die erfolgreiche Infantilisierung der Politik.
Doch mittlerweile menschelt es sogar bei den Liberalen, die sich „mitfühlenden Liberalismus“ verordnet haben. Alle Parteien scheinen den Begriffswandel des Politischen hinzunehmen, der sich darin ausdrückt. Dabei heißen sie Parteien, weil im Parlament Repräsentanten unterschiedlicher Interessen, also „parteilich“ miteinander konkurrieren sollen. Heute konkurriert man nur noch um die gelungene Darstellung moralischer Untadeligkeit und sozialer Wärme – und Interesse, das einst Ausweis für Ehrlichkeit war, ist ein schmutziges Wort geworden.
Es ist bezeichnend, dass in den derzeitigen Verhandlungen um die „Groko“ – ein Wort, das lautmalerisch ausdrückt, wonach manch einem dabei ist – keine einzige Frage verhandelt wird, die mehr als symbolischen Wert hat. Weder spricht man über Europa und den Euro, noch über die Schuldenkrise, noch über die dramatisch gescheiterte „Energiewende“, auf die gerade die Grünen so unkritisch stolz sind. Dass die gigantischen Subventionen, die dabei im Spiel sind, Zocker anlocken – windige Investoren bis hin zu den Hell’s Angels und der Mafia – verwundert niemanden, der rechnen kann. Auch nicht, dass die Ökoindustrie mittlerweile eine mächtige Lobby unterhält.
Hier liegt womöglich der eigentliche Grund, warum die Grünen verzichtbar geworden sind. Wenn noch nicht einmal eine Partei, in der „Natur“ einst hoch firmierte (was immer jeweils darunter verstanden wurde) zur Kritik am Desaster der „Energiewende“ fähig ist, dann hat sie ihren letzten Daseinszweck verfehlt. Wer Natur und Umwelt einer unausgereiften Technologie opfert, weil es um ein angeblich höheres Ziel gehe, hat sich vom „grünen“ Gedanken verabschiedet. Und von der Nachhaltigkeit: der irgendwann nötige Rückbau der Windkraftanlagen wird der vorhandenen Zerstörung ganzer Landschaften eine weitere, kostenträchtige hinzufügen. Aber so ist das eben, wenn man im „Gattungsauftrag“ unterwegs ist: da müssen halt Opfer gebracht werden, das hat schon Lenin so gesehen. Opfer der anderen, natürlich.
Wenn die SPD nicht achtgibt, wird sie den Grünen in den Abwärtssog folgen. Auch die SPD sah sich im 19. Jahrhundert als Vertreterin der Menschheit. Erst nach 1945 reifte sie zu einer Partei, die im besten Sinne Interessen vertrat, nämlich die der Industriearbeiterschaft (und damit auch der Wirtschaft). Mit den Gewerkschaften zusammen wurde sie zum Garant der sozialen Marktwirtschaft. Gewiss, die Treue zum Steinkohlebergbau war irgendwann anachronistisch. Und der Kampf für einen „Mindestlohn“ riecht nach der alten Gewerkschaftsstrategie, Einsteiger, die mit niedrigen Löhnen in den Markt drängen, wegzubeißen. Im Grunde aber hat die SPD ihre Klientel der Facharbeiter und Handwerker, Techniker und Ingenieure längst verlassen und verraten. Statt dessen grast sie ebenso wie alle anderen bei den Staatsabhängigen und den städtischen Milieus, in denen man heute immerhin auch andere Weine als die aus der Toscana kennt.
Die Partei des Fortschritts, die sie einst sein wollte, ist sie schon lange nicht mehr. Sonst wären es die Sozialdemokraten, die ein Ende der absurden Energiepolitik forderten - im Vertrauen auf die deutsche Ingenieurskunst, deren Erfindungsreichtum längst zu besseren Lösungen des Energieproblems geführt hätte, wären nicht die Gelder in die falsche Richtung geflossen. Statt dessen schaut die Partei gelassen zu, wie dem Wirtschaftsstandort Deutschland Schaden zugefügt wird. Heute scheint der Partei alles andere wichtiger zu sein als Arbeitsplätze.
Im Blick auf die Zukunft wünscht man sich ein Zurück zum alten Markenkern: zurück zur Natur bei den Grünen. Dass sie sich in einer Koalition mit der hessischen CDU zu einer neuen liberalen Kraft entwickeln, ist zu viel gehofft. Und zurück zum Fortschritt bei der SPD. Dafür ist Opposition eine gute Ausgangsposition. Hessen vorn!
Im Vertrauen: das Erbe der gescheiterten Energiewende und der nutzlosen Klimapolitik kann man getrost der Kanzlerpartei überlassen.

Montag, 17. Juni 2013

Wer am Wasser baut

Volkserziehern ist jedes größere Naturereignis ein Menetekel, das vom nahenden Untergang kündet. Denn wird nicht alles immer schlimmer? Beweise spart man sich, es gibt ja den Augenschein: Wir haben es doch gesehen, im Fernsehen, gerade eben! Gewiss: die Prognose, dass wir in unseren Breiten keine kalten Winter mehr erleben werden, hat sich als falsch erwiesen. Den wahren Prognostiker aber schreckt das nicht: auch das passt notfalls ins Szenario, demzufolge es die Menschen zu bunt getrieben haben mit ihrem Tun, mit ihrer egoistischen Gier, die sie immer weiter und höher treibt.
Es steht ja schließlich schon in der Bibel. „Denn siehe, ich will eine Sintflut mit Wasser kommen lassen auf Erden, zu verderben alles Fleisch, darin ein lebendiger Odem ist, unter dem Himmel. Alles, was auf Erden ist, soll untergehen.“
Den „Antideutschen“, wie sich ein paar Vermummte nannten, die Deiche für zerstörenswert hielten, dürfte das aus dem Herzen gesprochen sein. Doch weder Gott noch die Flut ist selektiv, die jetzige riss nicht Deutsche, sondern vor allem Rehe und Kühe, Ratten und Hühner, Katzen und Hunde mit. Kann es sein, dass den anschwellenden Flüssen und Bächen menschliche Sünder völlig egal sind?

Lasst doch die Apokalyptik, möchte man nüchtern dazwischenrufen, die Lage ist schon schlimm genug. Im übrigen ist das Weltrettungspathos anmaßend. Es überschätzt die Menschen sowohl, was ihre Bosheit betrifft als auch ihre Fähigkeit, durch Einkehr die Dinge zum Guten zu wenden. Wenn man den Predigern lange genug zuhört, schnurrt Mutter Natur zum zahnlosen Mütterlein zusammen, das den Menschen braucht, um schadlos über die Straße zu kommen.

Es ist schon paradox: Die Überzeugung, dass die Menschen nicht nur Böses, sondern nachgerade den Weltuntergang bewirken könnten, entspricht ja fast spiegelbildlich der Hybris technikgläubiger Macher, die glauben, alle Naturgewalten bezähmen und beherrschen zu können. Wer sind wir denn, dass wir die Natur entweder schützen oder „bewältigen“ könnten? Tatsächlich rächt sich mit jeder Flutwelle der alte Machbarkeitswahn, unter dessen Imperativ man Flüsse begradigte und kanalisierte, um bebaubare Fläche zu gewinnen. Die aber nimmt sich der Fluss bei jeder Flut zurück. Schuld am Schaden ist nicht der Fluss und auch nicht irgendeine Klimakatastrophe, sondern das kurze Gedächtnis der Menschen.

Auch die jüngste Hochwasserkatastrophe enthält eine das menschliche Selbstbewusstsein nachhaltig kränkende Botschaft: So wichtig sind wir gar nicht. Die Natur nimmt uns weit weniger ernst als wir uns. Und deshalb müssen wir sie respektieren. Wer am Wasser baut, muss mit der Flut rechnen.
Was lehrt uns das? Demut, gewiss, angesichts der Gleichgültigkeit der Natur. Denn sie will uns gar nichts zeigen oder beweisen, sie verurteilt uns nicht, sie braucht auch keine Gebete und keine Buße, sie will gar nichts, außer tun, was ihr beliebt. Die einzige Strategie, die dagegen helfen könnte: Kluges Zurückweichen. Flüsse brauchen Raum, in dem sie sich verlaufen können. Das gilt bekanntlich für jeden Gegner, der in der Übermacht ist.
Und was lehrt die Flut uns noch? Dass es nicht stimmt, was uns die Ablasshändler nun schon so lange erzählen: dass die Menschen egoistisch sind, dass man sie zwingen und gängeln muss, damit sie das von den Moralwächtern für richtig Befundene tun. Menschen mögen unvernünftig sein. Und nicht immer bereit stehen, um die Welt zu retten. Aber sie helfen einander, wenn Not ist, das war schon immer so und das war auch diesmal der Fall.




Wir Untertanen.

  Reden wir mal nicht über das Versagen der Bundes- und Landesregierungen, einzelner Minister, der Frau Kanzler. Dazu ist im Grunde alles ge...