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Mittwoch, 17. Januar 2018

Kindergarten statt Lustgarten?

In Deutschland greifen medienaffine Mädels zum medienwirksamen Aufschrei, wenn alte weiße Männer harmlose Anzüglichkeiten von sich geben oder altmodisch gutgemeinte Komplimente machen. Neuerdings bejubeln sie auch ein „drittes Geschlecht“, was frau praktischerweise der Unbequemlichkeit enthebt, sich über ein gedeihliches Verhältnis zwischen Mann und Frau Gedanken zu machen. Sicher doch: Wenn alle weder Mann noch Frau sind, ist die Welt ein Paradies.
Bis dahin ist der fluide Mann mit Wollmütze auf dem Kopf und Baby vor dem Bauch gerade noch akzeptabel.
Manch neuerdings zu uns migrierter edler Wilde sieht das anders. Doch wenn so einer mit weniger avanciertem Männerbild die Ebene der Belästigung  verlässt und gegenüber Frauen (auch tödlich) handgreiflich wird, schreien sie nicht auf, die Schwestern. Ganz im Gegenteil: sie schweigen.
In den USA erinnern sich gutbetuchte und spärlich bekleidete Damen Jahrzehnte später, dass sie ihren Aufstieg hässlichen weißen Männern verdanken. Jetzt rächen sie sich dafür: mit nicht zwangsläufig wahrheitsgetreuen, jedenfalls schlecht überprüfbaren Berichten von der Besetzungscouch, auch schon mal mit Denunziation. Die Damen zeigen Gratismut – hochgeschlitzt, aber in Schwarz -, statt hilfreich den jüngeren Frauen zuzurufen: Begeht nicht unsere Fehler! Ihr müsst nicht auf die Besetzungscouch, wenn ihr nicht wollt! Verlasst euch auf eure Qualität. Und eine Hand auf dem Bein kann man ganz einfach beherzt woanders hinlegen.
Lieber sind sie willenlose Opfer. Virtue signalling – die eigene Tugend wird ausgestellt. Wenn dadurch, dank Generalverdacht gegenüber weißen Männern, die eine oder andere männliche Karriere zu Unrecht beendet wird – so what. Es trifft doch irgendwie die richtigen, oder? James Bond wird demnächst von einer Frau gespielt. Sieg auf allen Linien.
Wie altmodisch dagegen die Französinnen, voran die Grande Dame Catherine Deneuve!
Und wie beruhigend: hier ist sie noch aufgehoben, die Erinnerung daran, dass das Geschlechterverhältnis auch ganz anders aussehen kann: nicht so vergiftet, nicht so – undifferenziert. Wer wäre nicht gegen Gewalt gegen Frauen? Aber ist jede dumme Anmache schon gleich ein Übergriff?
Vor allem: wollen wir Kindergarten, wenn es um Sexualität geht? Schneeflöckchensex? Ja, Flirt und Verführung bedingen Grenzüberschreitung. Und die Spannung wächst, je länger das Spiel dauert, in dem man sich vortastet bis zu – oder eben nicht bis zu Sex. Das Spiel, das nicht nur eins „davor“, sondern womöglich das eigentlich spannende zwischen Mann und Frau ist: der Flirt mit der Grenzüberschreitung. Seit der albernerweise als sexuelle Befreiung annoncierten Umstandslosigkeit der 60er Jahre ist Sex auf Geschlechtsverkehr reduziert und die eigentlich spannende Sache zum bloßen Vorspiel degradiert worden, dessen man sich tölpelig bis missmutig entledigt.
Ja, es gibt Gewalt gegen Frauen, und ich wäre dankbar, wenn sich der Aufschrei der Damen auf ALLE Formen von Gewalt richtete, nicht nur auf die Grenzüberschreitungen alter weißer Männer. Aber vielleicht hätten beide, achwas: alle Geschlechter wieder etwas zu lernen? Nämlich wie man das Spiel der Annäherung spielt, nicht plump, nicht klinisch sauber, sondern voll lustvoller Spannung, was oft heißt: hart an der Grenze. Über die bestimmt selbstverständlich jeder und jede selbst. Wer sind wir denn?
„In den Händen der Erbinnen der 68er ist der Feminismus zu dem geworden, was er nie sein sollte: Ein mit astrologischem Schwurbel bedrucktes Filzzelt (….) Dem Metoo-Feminismus die Frage nach Sex, Mann und Frau zu überlassen, ist, als gäbe man das Rind dem Metzger und erwarte, dass er es heilen würde.“ Sarah Pines.
Me too, Sarah.
Zuerst bei publicomag.com.

Donnerstag, 28. März 2013

Wenn Frauen zu viel lesen

Fernsehen mag verderblich sein. Doch schlimmer noch ist Literatur.
Dass Lesen die geistige Gesundheit gefährdet, weiß man, seit Gutenberg es demokratisiert hat. Sittsame Frauen lasen zwar lange Zeit nur die Bibel, doch schon das bedeutete, bedenkt man den Inhalt, einen Schritt ins Verderben. Geradezu katastrophale Wirkung hatte die Lektüre von Gebetbüchern, wie Gustave Flaubert am Beispiel der Landarztfrau Emma Bovary zeigte. Als Klosterschülerin verliebte sie sich in den leidenden Jesus; die Gleichnisse vom himmlischen Geliebten versetzten sie in süße Schauer. Im Alter von fünfzehn Jahren wurde die Droge stärker. Emma las Romane, in denen es von tugendsamen Herren auf hohen Rössern, Küssen, Schwüren, Gondelfahrten und schluchzenden Nachtigallen nur so wimmelte. Das Verhängnis begann, als die junge Frau nach all dem Schönen zu suchen begann - in der Wirklichkeit. Dort aber gab es keine weißen Ritter. Das Ende von Madame Bovary ist bekannt. Was blieb, war Arsen.
Lehren aus der Geschichte? Schon. Seit einigen Jahren scheint die Gefahr erkannt. Literatur von und für Frauen beugt heutzutage dem Bovary-Effekt vor. Insbesondere, wer Krimis liest, möglichst aus Schweden oder Dänemark, ist schon nach hundert Seiten gegen Irrtum gefeit. Hier gibt es keine tugendsamen Herren, hier sind Männer Schweine, die zur Strecke gebracht werden müssen. Das Böse ist männlich. Das Böse muss sterben.
In meiner Arbeit als Jurorin beim Deutschen Kurzkrimipreis habe ich diesen Eindruck bestätigt gefunden. Das Gros der eingesandten Arbeiten kreiste nur um eines. Kurzgeschichtenschreibende Frauen haben unendlich viel Spaß daran, Männer umzubringen. Manchmal einfach nur so, in der Tradition Ingrid Nolls: will ja nur spielen. Manchmal aus frommer Lust an der Bereicherung - als Witwe, das ist bekannt, lebt es sich gänzlich ungeniert. Und immer öfter in höherem Auftrag: so etwa, wenn sich eine Truppe patenter Freundinnen zusammentut, um die geschlagene, entwürdigte, entrechtete und geknechtete Freundin von ihrem gewalttätigen Gatten zu befreien. Der Trend ist eindeutig. Männer werden ihrer gerechten Strafe zugeführt, mehr und mehr per Lynchjustiz, denn es herrscht die Überzeugung vor, dass der Rechtsstaat (vulgo: das patriarchalische System) zu „Gerechtigkeit“ oder wenigstens einem ordentlichen Verfahren nicht in der Lage ist. Henning Mankell lässt grüßen.
Dieses Muster taucht nur wenig variiert in Büchern auf, die es auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft haben, woraus man schließen muss, dass es auch bei den Leserinnen beliebt ist. Es sind ja nunmal Frauen, die jene Bücher kaufen, die Männer nicht lesen. Mir jedenfalls ist noch kein Mann begegnet, der seine Lesefreude daran zugegeben hätte, so dass ich noch immer auf Antwort warte auf die Frage: wie fühlt man sich eigentlich nach der Lektüre von Männer-schlagen-Frauen-und-missbrauchen-Kinder-Romanen? Oder nach dem zigsten Tatort darüber? Lässt euch das kalt? Oder macht ihr vorsichtshalber bei jedem #aufschrei mit, damit alle wissen, dass ihr anders als die anderen seid?
Beim neuesten Bestseller von Nele Neuhaus, „Böser Wolf“, geht es um Kinderschändung, zu der sich Männer aus den besten Kreisen der Gesellschaft verschwören. In Camilla Läckbergs friedlich-freundlich betiteltem Krimi „Der Leuchtturmwärter“ geht es um etwas, das im schwedischen Fjällbacka offenbar Tradition hat: um Frauenmisshandlung, die mindestens jede zweite Frau des ansehnlichen Romanpersonals erdulden musste. Alternativ: Missbrauch, als Kind. Oder beides. Auch hier scheint nur Eigeninitiative der Opfer zu helfen, denn die halbwegs netten Männer sind so, wie einer der ihren heißt: Matte.
Dass es solche Verbrechen und solche Verbrecher gibt – keine Frage. Thema für einen Krimi? Gewiss doch. Aber die Sache scheint sich zum Trend auszuwachsen, der weit über die Kriminalitätsstatistik hinausschießt. Heißt das was? Und wenn ja – was genau?
Überraschende Erkenntnis: ein Dauerbestseller passt auf den ersten Blick gar nicht, auf den zweiten um so besser zu den Krimis auf dem Nachttisch – Shades of Grey, Softporno und Romanze in einem. Der Roman erzählt mitnichten von der weiblichen Lust an der Unterwerfung und männlicher Dominanz, er erzählt ganz im Gegenteil von der Umerziehung des Biestes zum überirdisch perfekten Liebhaber: niemand macht es so gut wie der reiche, schöne und auch ansonsten perfekte Mr. Grey. Shades of Grey ist die ultimative Kampfansage an den Mann.
Im Krimi wird er als Monster umgebracht. In Shades of Grey wird er umerzogen. Gefährlicher für den Mann als die mörderische ist die erotische literarische Phantasie. Der Mann zwischen Verteufelung, Verachtung und Überforderung: wenn Frauenlektüre Gebrauchsanweisung wäre, hätte die Beziehung zwischen Mann und Frau keine Chance mehr.
Hat Flaubert in seiner „Madame Bovary“ den Einfluss der die weibliche Phantasie stimulierenden Literatur überschätzt? Aber sicher doch. Heute verwechselt natürlich keine Leserin mehr den Roman mit der Wirklichkeit. Und wenn doch?


Aus Literarische Welt, 30. 3. 2013

Mittwoch, 13. März 2013

So macht Journalismus Spaß!

Es ist immer wieder lustig, die Berichterstattung über Angelegenheiten zu lesen, die man selbst beobachtet hat. Der junge Mann, der für das Wallstreetjournal über die erste Veranstaltung der neugegründeten „Alternative für Deutschland“ berichtete, hat mir viel Vergnügen bereitet. Dass er noch einigermaßen jung ist, weiß ich aus eigener Anschauung. Die Frage des Alters ist hier wichtig, wie man bald sehen wird…
Erste Beobachtung von Christian, wie ich ihn mal nennen will: auf die AFD „trifft zu“, was Lenin über deutsche Revolutionäre sagte: bevor sie den Bahnhof stürmen, kaufen sie eine Bahnsteigkarte. „Trifft zu“? Von Revolution war bei dieser Versammlung nicht die Rede, soweit ich es mitgekriegt habe.
Doch was ist es anders als eine Revolution, wenn die Alternativler „die Verhältnisse in Europa auf den Kopf stellen“ wollen, insistiert mein Gewährsmann? Das wäre es womöglich, wenn sie das denn wollten. Aber soweit ich das verstanden habe, wollen sie die Verhältnisse in Europa ganz konservativ in Ordnung bringen: wo Rechtsbruch herrscht (Bruch der Maastricht-Verträge), soll wieder Rechtsstaatlichkeit einkehren.
Aber das hätte dem Kollegen ja den Gag verhagelt: denn siehe da, die Anhänger der Alternative (Anhänger? War da nicht auch bloßes Publikum dabei sowie jede Menge JournalistInnen?) kommen „wenig umstürzlerisch daher“. Klar. Wenn sie doch gar keine Umstürzler sind?
Nun gut. Die wenig umstürzlerischen Revolutionäre mit den grauen Schöpfen waren in der Mehrheit. Kommen wir zum Frauenanteil der Versammlung. Der war nicht nur schmal, er wurde überdies von „Gattinnen“ gebildet. Hat der Kollege etwa alle Frauen auf ihre Gattinnenhaftigkeit überprüft? Das wäre bei 1200 Anwesenden eine steile Leistung. Und was soll der Terminus „Gattin“ signalisieren? Dass diese Frauen weder aus eigenem Antrieb noch eigenem Interesse anwesend waren? Wenn es sich um junge Frauen gehandelt hätte, müsste man Christian wohl einen Sexisten nennen. Aber bei älteren - womöglich gar kinderlosen Rentnerinnen oder pensionierten Studienrätinnen – darf man sowas ja wohl mal sagen, oder? Die kann man doch gar nicht mehr beleidigen, gell?
Halten wir dem Berichterstatter zugute, dass der Gattinnenbegriff sich aus der Behauptung erklärt, dass es „die alte Bundesrepublik“ sei, die sich hier getroffen habe, Menschen, „die Wiederaufbau und Wirtschaftswunder selbst (sic!) erlebt haben“ und die „zurück zur D-Mark“ wollen. Klar, so Leute haben Gattinnen.
Aus eigener Anschauung möchte ich dem Befund allerdings widersprechen. Die Wi-Wi-Generation findet sich eher bei den Jahrgängen 1920 ff. Was sich in Oberursel versammelte, war, zum Teil deutlich sichtbar, eher die Alt-68er Generation. Die tatsächlich einst im Mai dazugehört haben, kennen sich aus mit Aufruhr, d. h. sie wissen oft aus eigener Erfahrung, wie öde Revolutionen sind und wie schön ein respektabler Rechtsstaat sein kann.
Aber macht nix, der Punkt ist gesetzt: alte Säcke, keine schönen Piratinnen dabei, und rückwärtsgewandte Nostalgie: D-Mark! Das riecht nicht gut.
Und dann auch noch dieses: Im Saal wird gebuht, als „eine Unterstützerin aus England“ (Gattin? Von wem?) (oder gibt es „Gattinnen“ nur bei diesen reaktionären Deutschen?), als also eine Dame den Namen „Alternative für Europa“ vorschlägt, weil, so unser Beobachter, das „Deutschland“ im Namen die Initiative in die rechte Ecke stellen könnte. Das aber schert die Graubeschopften mit ihren Gattinnen nicht. Wehret den Anfängen?
Ehrlich gesagt: ich hatte das Gefühl, dass der eine oder andere Unmutslaut eher damit zu tun hatte, dass die Partei zu den Wahlen zum deutschen Bundestag antreten will und nicht zur Europawahl und dass es daher zunächst um eine Alternative „für Deutschland“ gehen muss, auch wenn die sich auf Europa segensreich auswirken könnte. Aber lassen wir das.
Denn dass die Sorge, „die falschen Leute“ anzuziehen, nicht unberechtigt sei, meint unser Beobachter, zeige sich am Ende der Veranstaltung. Da versuchte sich „die NPD als Trittbrettfahrerin“ und verteilte „Flyer in Form von wertlosen Euro-Scheinen“.
Ach, Christian. Wenn Du wüsstest, was für irrsinnige Flugblätter schon bei Versammlungen von SPD und Grünen verteilt wurden! Aber das weiß man vielleicht nicht, wenn man noch jung ist.
Ja, schon schade, dass die AFD so wenig hübsche junge Frauen zu bieten hat. Aber es war irgendwie beruhigend, dass keine Männer in Sandalen anwesend waren. Soweit ich das beobachten konnte.

Montag, 28. Januar 2013

Warum schweigt Brüderle?

Weil schon genug gelabert wird? Weil man nicht jeden Medienblödsinn mitmachen muss? Oder - fällt ihm tatsächlich nichts ein?
Unglaubhaft. Dennoch hier ein Vorschlag, zur Verwendung freigegeben:
Liebes Publikum, liebe Empörte, Entrechte, Beleidigte und Erniedrigte, liebe junge, aber auch liebe alte Menschen,
es tut mir sehr leid, dass mich Frau Himmelreich offenbar missverstanden hat. Ich habe mich an diesem netten Abend in der Hotelbar durch ihren launigen Hinweis auf mein Alter zugegebenermaßen ein Stück weit diskriminiert gefühlt. Nun ist es jedoch nicht meine Art, daraufhin grob oder unhöflich zu werden.
Der altväterliche Handkuss und der Wink mit meiner Tanzkarte hatten, dachte ich, in aller Freundlichkeit gezeigt, dass ich ihre Bemerkung ein ganz klein wenig unangemessen fand.
Schade. Frau Himmelreich hat den Witz nicht verstanden. Das ist traurig. Noch trauriger ist höchstens, dass Frau Himmelreichs Vorgesetzte in der Chefredaktion auf Kosten dieser netten jungen Frau noch kurz vor ihrem Abgang einen Coup landen wollten, den der Nachfolger jetzt ausbaden darf.
Ich schlage als nächsten “Aufschrei” vor: Wir sind über 60, stolz drauf, zeigen es auch, und haben die Nase voll! Wir lassen uns nicht mehr diskriminieren!
Jung sein ist zweifellos prima. Aber es gibt sich ganz von allein.

Sonntag, 27. Januar 2013

Arme Opfer

Was ist eigentlich peinlicher: betüddelte alte Dödel, die sich an junge hübsche Dinger ranwanzen? Oder all die jungen hübschen Dinger, die so tun, als ob sie sich gegen plumpe Anmache betüddelter alter Dödel nur mit massenhaftem öffentlichen Aufschrei wehren könnten? Wenn schon ein wenig gelungener Auftritt eines offenbar nicht mehr ganz nüchternen Politikers in einer Bar zur späten Stunde alle weibliche Welt über „Sexismus“ wehklagen lässt, dann frag ich mich, wie wir künftig Verhalten nennen wollen, das wirklich sexistisch ist. Weil es handgreiflich und gewalttätig Frauen ihrer Freiheit und ihrer körperlichen Unversehrtheit beraubt. Und nicht nur unangenehm ist wie ein Handkuss (Brüderle) oder eine Hand auf dem Oberschenkel (der Fahrlehrer) oder eine Anzüglichkeit, für die der Kerl ein deutliches Wort oder zur Not auch eine Ohrfeige verdient, aber doch bitte keinen landesweiten Aufstand der entrechteten und entehrten Frauen der Republik. Herrscht hier schon der Taliban? Also!
Kann man euch etwa nicht mehr allein in die Kneipe gehen lassen? Oder in die Hotelbar? Oder an andere Orte, wo sich Männer aufhalten könnten, die noch nicht umerzogen sind? Und, sorry, hat euch die Frauenbewegung denn wirklich gar keine Einsicht hinterlassen? Dort hieß es einst: „Die Arbeit am Mann ist einzustellen.“ Warum? Weil sie nichts nützt. Manche Männer kann man nicht belehren. Aber man kann sich gegen sie wehren – am besten nicht erst ein Jahr später, sondern gleich. An einer öffentlichen Hotelbar sollte das nicht schwerfallen.
Man kann dumme Sprüche ignorieren. Man kann sie ironisch kontern. Man kann die biedere Anmache lächerlich machen. Man kann das alles souverän an sich abperlen lassen. Man muss auch nicht beleidigt flüchten, es sind ja noch andere in der Bar. Vielleicht Jüngere und Hübschere. Und schließlich, sollte wirklich alles nichts nützen und man vor der verdienten Ohrfeige zurückschrecken: ein wohlplaziertes Glas Wein, Bier oder Wasser ins Gesicht macht spitze Männer schlagartig stumpf. Und dann lächelnd sagen: „Dieses Glas geht auf meine Rechnung.“
Aber das ist offenbar zu praktisch gedacht. Es ist womöglich gar zu männlich gedacht. Denn viele Frauen wollen Probleme keineswegs lösen. Sie wollen sie behalten, schon um der Welt zu zeigen, wie unendlich verbesserungswürdig sie ist. Mann soll sich ändern. Die Welt soll sich ändern. Nur sie selbst nicht. Sie sind ja Opfer.
Das ist das Hinterhältige am Opfer-Diskurs: er schließt aus, dass man etwas dagegen tun könnte, ein Opfer zu sein. Denn dann wäre man ja auch den Opfer-Bonus los – oder darf man das jetzt wieder nicht sagen, wegen „Opfer-Abo“? Ach was. Man muss es sagen. Frau müsste blind sein, um nicht zu sehen, dass es beides gibt: Frauen, die sich als Opfer geben, ohne es zu sein, und eine Öffentlichkeit, die es nicht wagt, Frauen zuzutrauen, dass sie selbstbewusste Subjekte mit keineswegs ausschließlich nur gutem Willen sein könnten. Und damit auch Täterinnen. Ja, doch, es gibt einen Opfer-Bonus. Er bedeutet Entmündigung auf samtweichen Pfoten.
Die meisten Frauen aber sind keine Opfer. Sie können sich wehren. Und manche von ihnen wünschen sich gar keine von dummen Sprüchen und sexistischer Anmache porentief gereinigte und triebbefreite Welt, auch wenn sie das eine oder andere männliche Gehabe übel, empörend oder störend finden. Denn die haben jetzt schon keinen Spaß mehr an den Opportunisten, die ihr geschlechtergerechtes „Zuhörer und Zuhörerinnen“ auch dann noch skandieren, wenn gerade mal eine einzige Alibifrau im Publikum sitzt. Oder an den ewig schuldbewussten Buben, die peinlichst darauf achten, keinen Anlass für ein geschlechtsspezifisches Missverständnis zu geben. Als ob nicht die Möglichkeit eines Missverständnisses das Reizvolle am Flirt ist. Den darf man demnächst begraben, wenn es keinen Raum mehr gibt für Zwischentöne, für alles, was zwiespältig, riskant, hart an der Grenze oder über sie hinaus, andeutend und anzüglich ist.
Schöne neue cleane angstbesetzte prüde Welt. Gegen diese Schreckensvision würde ich gern auch die nicht mehr ganz frischen Herrenwitz-Schwadroneure in Kauf nehmen.
Worum also geht’s? Ums große Saubermachen, weil ein paar Frauen meinen, sie könnten Männern keine Grenzen zeigen? Oder – und jetzt wird’s ganz finster: weil es auch im journalistischen Gewerbe Kolleginnen geben soll, die ihre genetisch bedingten Vorzüge schamlos ausreizen? Denn dass Männer auf primitive Lockspeisen wie Bier und Titten vorhersehbar reagieren, kann frau auch zu ihrem Vorteil nutzen. Der Beispiele sind unendlich viele. Sind diese Kolleginnen unfair? Wenn ja, wem gegenüber? Den Männern, den armen Triebgesteuerten? Oder den anderen Frauen, die keine ganz so dirndlkonforme Strategie verfolgen können oder wollen? Und muss man da der Gerechtigkeit halber für alle den Ganzkörperschleier empfehlen?
In dieser Sache gibt es nicht nur Opfer unter den beleidigten Frauen. Gelitten hat auch der „Qualitätsjournalismus“, auf den man sich beim „Stern“ beruft. Ja, es gibt Verhalten, das man öffentlich machen muss. Annett Meiritz hat das im Spiegel cool und souverän getan, denn was man sich bei Piratens ihr gegenüber geleistet hat, war nicht nur geschmacklos, sondern rufschädigend. Dagegen kann sich eine Journalistin übrigens auf die machtvollste Weise wehren, die sich denken lässt: durch Öffentlichkeit.
Im Fall Brüderle aber wurde das für einen Politiker besonders gefährliche Skandalisieren gezielt als Waffe eingesetzt. Das Opfer ist in diesem Fall der Mann. Und auch die Öffentlichkeit ist ein Opfer: das Eingeständnis, dass Qualitäts-JournalistInnen wesentliche Erkenntnisse an der Hotelbar suchen, erklärt manches und lässt noch schlimmeres befürchten.
Die Welt, 27. 1. 2013

Wir Untertanen.

  Reden wir mal nicht über das Versagen der Bundes- und Landesregierungen, einzelner Minister, der Frau Kanzler. Dazu ist im Grunde alles ge...