Dienstag, 28. September 2010

Verdacht!

Eben gesehen und selten so gelacht: Kulturzeit auf 3sat vom 13. September.

Andrea Meier spricht mit dem Politologen Albrecht von Lucke - ach was, sie spricht nicht mit ihm, sie bestichwortet ihn, während er atemlos eine altbekannte Erzählung zum Besten gibt: die Geschichte vom wieder einmal drohenden "Rechtsruck", der, kenntlich seit der Sarrazin-Debatte, durchs Land gehe, von einem Diskurs, der "ansteckend" sei, vom "Dammbruch" (braune Flut?), von einer "rechtsintellektuellen Bewegung". Es ist wieder soweit!

Das ist natürlich eine Story, bei der jeder mitnicken kann, dessen Herz links schlägt. Auch die Herzlosen, denn wollen sie sich etwa verdächtig machen, dieses ansteckende Virus weiter zu tragen, bis das Land von der braunen Flut... usw. usf.? Wehret den Anfängen!

Ich will schon abschalten, weil ich die Welt normalerweise etwas differenzierter sehe, da passiert's: Andrea Meier, die adrette neutrale Schweizerin, hat noch ein As im Ärmel, einen dramatischen Höhepunkt sozusagen, der den Dammbruch erst richtig deutlich macht: Nicht nur Sloterdijk ist irgendwie irgendwas, sondern auch: "Die feministische Autorin Cora Stephan steht unter konservativem Verdacht."
Auweia! Konservative verdächtigen mich? Und wenn, dann wessen?

Okay, Beckmesser aus. Frau Meier wollte natürlich sagen: die Feministin ist des Konservatismus verdächtig.

Was soll ich da sagen? "Feministin" war ich zwar nie, das Wort liebe ich mindestens so sehr wie das Wort "Aktivistin", dennoch würde ich jederzeit konzedieren, daß auch eine Feministin konservativ sein darf. Andererseits: wer "unter Verdacht" steht, muß doch mindestens etwas Strafwürdiges getan haben, oder? Gehört also bei der niveauvollen Kulturzeitredaktion "konservativ" zu Pfui Bäh und anderen Dingen, die man weder tun noch sein darf? Also fast so schlimm wie's Kinderschänden?

Schon möchte ich belehren, entwerfe in Gedanken einen Brief, etwa folgenden Inhalts: "Liebe Frau Meier, bislang ist hierzulande 'konservativ' noch nichts Verdächtiges und im übrigen auch nicht 'rechts', wußten Sie das? Und, liebe Frau Meier, gibt es Ihnen nicht zu denken, daß man im linken juste milieu selbst genuin liberale Positionen nicht mehr versteht, weil in diesem Wolkenkuckucksheim alles, was nicht links ist, vollautomatisch als rechts gilt?
Und wollen Sie wirklich, daß ich Ihnen mit einer Retourkutsche komme, so in die Richtung 'Die Schweizerin Frau Meier steht unter Dummheitsverdacht'? Nein, oder?"

Aber das wäre wohl Zeitverschwendung. Ich fürchte, gegen Verbohrtheit ist kein Kraut gewachsen.

Dienstag, 21. September 2010

Habermas...

oder: wie peinlich darf ein deutscher Professor sein?
Ein offener Brief von Aramech Dustdar an den Philosophen, in dem er sich mit dessen SChwärmerei für den Iran auseinandersetzt, veröffentlicht von Thomas Eppinger.

Montag, 20. September 2010

Phase 2

"Klar aber wurde in den folgenden Tagen, dass nun offenbar Phase zwei des Sarrazin-Phänomens eingeleitet ist, die der Publikumsbeschimpfung. Mit Sarrazin waren die Apparate und der Großteil der Medien eher rumpelnd und krachend fertig geworden. Er ist, wie der SPIEGEL schrieb, "erfolgreich geächtet" worden. Nun knöpft sich "das verunsicherte journalistische Milieu, das im Minutentakt seine Meinung ändert" (Schirrmacher) die bürgerliche Mitte vor und legt sie auf die Couch und bescheinigt ihr Pogrombereitschaft gegen Minderheiten. So was nennt man dann wohl Deutungshoheit in einer Debatte. Sie ist immer sehr weit oben angesiedelt."
Matthias Matussek, Spiegel (aber nur der online)

Es geht doch...

"… wir wollen unsere Texte nicht in Dossiers wiederfinden, wo sie von Menschen, die das Buch nicht gelesen haben, dazu verwendet werden, jemanden zu sanktionieren. Wir schreiben nicht für Personalchefs und karrierebewusste Bundesbankpräsidenten, der Journalismus ist nicht dafür da, an den Rufmord grenzende Prozesse zu munitionieren, in denen die Ankläger sich nicht dazu herablassen, auch nur mit einem Wort Argumente zu widerlegen.”
Frank Schirrmacher, FAZ

Dienstag, 14. September 2010

Großartig.

Es gibt noch unabhängige Journalisten - in Frankfurt: nämlich Volker Zastrow.

Um München hingegen kann einem bange werden: dort darf man zwar sein Bürgerrecht ausüben, aber man sollte sich nicht wundern, wenns dafür Mordanschläge gibt: "Sicherlich, Westergaard kann denken und zeichnen, was er will. Wenn er
aber meint, dass dies sein Bürgerrecht ist, muss er auch die
Konsequenzen bedenken." Oh, heilige SZ...

Sonntag, 12. September 2010

Peinlich...

oder Wissenschaft? Claus Leggewie u. a. in der taz.

Samstag, 11. September 2010

Mal nachgerechnet....

bei den Sarrazinkritikern hat David Harnasch in seiner TV-Kritik.

Freitag, 10. September 2010

Gut gegeben

"Kann man nicht endlich mal Strafparagraphen gegen die Indienstnahme des Holocaust aus Argumentationsnot wegen geistiger Minderbemitteltheit einführen? Das wäre doch ein schöner Erfolg der Sarrazin-Sturms, mit dem der Debattenkultur in Deutschland eindeutig gedient wäre."
Jan Fleischhauer.

Naika Foroutan und die Kunst des Zählens...

Hier:

Donnerstag, 9. September 2010

Meinungsvielfalt

Die FAZ über den Rücktritt Sarrazins von seinem Amt im Vorstand der Bundesbank: "Sarrazin hatte mit Äußerungen in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ über eine angeblich erbliche Dummheit muslimischer Einwanderer bundesweit für Empörung gesorgt."
Was wird hier unter "bundesweit" verstanden? Die bundesweite Meinungsführerschaft? Und wo steht das mit der "erblichen Dummheit muslimischer Einwanderer"? Ich hab die Stelle nicht gefunden.

Mittwoch, 8. September 2010

Richtlinienkompetenz

Hier hat wohl jemand die eigene Zeitung nicht gelesen:

"Angela Merkels Solidarität mit Westergaard, die einen hohen außenpolitischen Preis fordern könnte, inspiriert die Freiheitsbewegung in Iran und verleiht auch den internationalen Einsätzen der Bundeswehr eine symbolische Legitimation. So kurz nach ihrem Einspruch gegen das pauschale Urteil von Thilo Sarrazin über die in Deutschland lebenden Muslime kommt dieser symbolischen Handlung eine besondere dialektische Geltung zu: Hier halten wir uns von biologistischen Abqualifizierungen fern, dort feiern wir das so hart erworbene Recht auf freie und freche Meinungsäußerung.

So steckt die Kanzlerin die breite republikanische und bürgerliche Fahrspur ab, die sich selbstbewusst zwischen Bartträgern und den Hitzköpfen der anderen Seite eröffnet. So gefällt uns Richtlinienkompetenz."
Nils Minkmar, FAZ

Dienstag, 7. September 2010

Von der Meinungsfreiheit

In der FAZ, deren Herausgeber Frank Schirrmacher den Biologismus von Thilo Sarrazin entdeckt hat, heute ein bemerkenswertes Resümee - zwei Autoren kommen zu einem ganz anderen Resultat: "Sarrazin argumentiert, zumindest was das Psychologische angeht, für einen Laien bemerkenswert differenziert; Korrelation wird von Kausalität unterschieden, andere Ansichten werden zitiert und argumentativ bewertet." "Sarrazins Thesen sind (...) im Großen und Ganzen mit dem Kenntnisstand der modernen psychologischen Forschung vereinbar." Usw. usf., eine sehr lange, sehr gründliche Auseinandersetzung mit seinen Thesen zu Intelligenz, Vererbung, Kultur.

Kompliment an die FAZ: das nennt man Meinungsfreiheit.

Montag, 6. September 2010

Stimmen...

z. B. Matthias Matussek in dem ansonsten staatsteagenden Spiegel.
Oder Oswald Metzger.

Sonntag, 5. September 2010

Fundstücke

Neues vom Juden-Gen - übermittelt von Bastian Wolf aus Tel Aviv:
Haaretz
Ein interessanter Artikel von Chaim Noll (Jerusalem) in der FAS, nachzulesen mit weiteren links bei Gudrun Eussner.

In der FAS heute ein hochinteressanter Beitrag von Claudius Seidl - nein, nicht gegen die "Islamophoben". Sondern über gute Gründe, sich mal mit Demographie und der Weitergabe von Verhaltensmustern zu beschäftigen.

Samstag, 4. September 2010

Umfrageergebnisse zu Sarrazin

Hier.
Siehe auch hier.

Wie man kein Einwanderungsland wird

Wenn Deutschland ein Einwanderungsland werden will, muß es noch üben. Mit einer „Debattenkultur“, in der Fernsehmoderatoren als heilige Inquisition den freien Gedankenaustausch brutal unterbinden, mit einer politischen Führung, die sich untertänigst bei allen entschuldigt, die sich von ausgeübter Meinungsfreiheit womöglich beleidigt fühlen könnten, ist jedenfalls kein Staat zu machen. Das lockt keine Fachkraft zu uns – und die Deutschen selbst, die man ja so eigentlich nicht mehr nennen darf, fühlen sich der Political Correctness geopfert. Wenn wir schon vom guten Ruf Deutschlands reden, dann hat ihm nicht Thilo Sarrazin, sondern Politik und öffentliche Meinung den Rest gegeben.
Was bitte ist von einem Land zu halten, dessen öffentlich auftretende Elite das Hantieren mit Zahlen und Tatsachenbehauptungen als „unmenschlich“ und „gefühlskalt“ empfindet? Wo eine Landesministerin verkündet, sie brauche keine Analyse, sie kenne ihre Migranten, die müsse man halt mit „kultursensibler Sprache“ und menschlicher Wärme „in die Mitte“ nehmen? Wo der Bundespräsident die Integration für eine Frage der Teilnahme an „Integrationskursen“ hält und wo in einem seriösen Blatt wie der „Zeit“ gefordert wird, wichtige Debatten nicht während des Ramadam zu führen, weil „Menschen mit Migrationshintergrund“ dann andere Sorgen hätten? Da lachen doch die Hühner. Und die Inder.
Wer seinen Kopf benutzt, weiß, daß man in diesem Land viel für die Integration der Hinzugekommenen getan hat und daß nun auch mal die anderen dran sind. Die Wahrheit ist den Menschen zuzumuten. Denn das Grundproblem, das Thilo Sarrazin in seinem Buch anspricht, ist ja gar nicht neu und längst bekannt, wie plötzlich alle behaupten: Bislang haben hierzulande die Anreize überwogen, die einen Zuzug nicht in Arbeit, sondern in das Sozialsystem attraktiv gemacht haben. Ausländer mit jener so dringend benötigen naturwissenschaftlich-technischen Intelligenz, ehrgeizige Hochqualifizierte, die hier etwas werden und gestalten wollen, lockt das nicht.
Statt dessen gibt es eine auffällige Minderheit mit überwiegend türkischem oder arabischen Hintergrund, die dieses Land, seine Bevölkerung, deren Kultur, Religion und Lebensweise verachten. Warum man diese autoritär-patriarchalisch geprägte Bevölkerungsgruppe umarmend „in die Mitte“ nehmen will, ist mir schleierhaft. Die will nicht umarmt werden.
Die sind auch keine Opfer und schon mal gar nicht dumm. Kinderreiche Migranten, die „hartzen“, können zumindestens eines: rechnen. Und es reichen die Grundrechenarten, um zu erkennen, daß sich in diesem Land arbeiten nicht lohnt – zumal sich die ökonomischen Anreize mit einer öffentlichen Rhetorik verbinden, in der „Leistung“ nicht gerade angesehen ist.
Deutschland fehlt es an Selbstachtung. Warum sollten kleine Machos Respekt vor einem Land haben, in dem die Menschen fürchten, als ausländerfeindlich und rassistisch zu gelten, wenn sie primär an die eigenen Wertvorstellungen - und erst danach an den Ramadan denken? In dem niemand Grenzen zieht und überall der Kuschelfaktor dominiert? In dem „Leistungsträger“ verachtet und „Leistungsempfänger“ heilig gesprochen werden? Und in dem man glaubt, Bildung sei durch mehr Geld zu bekommen, und nicht vielmehr durch eine Umgebung, in der Produktivität, Leistung und Herausforderung den Alltag bestimmen - kurz: in der gearbeitet wird?
Doch man beugt sich nunmal hierzulande lieber über Opfer, als sich um die Ehrgeizigen zu bemühen, die „Leistungsträger“. Vielen wird ja allein bei diesem Wort schon übel.
Nein, an der Fertilität der „Falschen“ wird dieses Land nicht zugrundegehen, da hat Sarrazin sich gründlich verrannt. Gewiß aber ist für eine erfolgreiche Integration schlecht gerüstet, wer sich einer paternalistischen Kultur zugehörig fühlt, in der das Individuum nichts, die Familie bzw. die (Glaubens-) gemeinschaft alles ist. Die individuelle Zurechnung von Erfolg ist die Bedingung für jenen Aufstiegswillen, von dem wir hier nicht weniger, sondern mehr benötigen. Irgend jemand muß den Wohlstand schaffen, den Politiker verteilen möchten. Doch das macht wenig Spaß, wenn man schon bei gemäßigtem Wohlstand als einer der Reichen gilt, denen man nehmen muß.
Thilo Sarrazin ist der Racheengel der frustrierten Mittelschicht – die hohen Zustimmungsraten für ihn spiegeln den Unmut der arbeitenden Bevölkerung. Sie hätten alles Recht der Welt, gekränkt und beleidigt zu sein. Nicht nur Sarrazins Äußerungen sind „für viele Menschen in diesem Land nur verletzend", wie Angela Merkel wissen ließ. Auch der Kanzlerin Ignoranz all den anderen gegenüber. Und die erzürnt nicht nur, daß mit Sarrazin ein Sündenbock zum Opfer gebracht wurde – sondern auch, daß im Zuge der Hatz auf ihn ein paar zivilisatorische und politische Grundwerte auf der Strecke geblieben sind.
Die Bundeskanzlerin gerierte sich als Oberzensorin, obwohl sie das Buch des Autors gar nicht gelesen hatte, empfahl hernach dem Vorstand der Bundesbank öffentlich, sich von Thilo Sarrazin zu trennen, und lobte zum Schluß dessen „unabhängige Entscheidung“. Sollte das ein Scherz sein? Und was ist von einem Bundespräsidenten zu halten, der sich eilfertig als Erfüllungsgehilfe annonciert? Langsam ahnt man, was Altbundespräsident Köhler dazu bewogen haben könnte, den Bettel hinzuschmeißen. Soviel Arroganz gegenüber den Regeln der Demokratie, sowenig Respekt vor dem Amt, das man ausübt, hat man hierzulande selten erlebt. Und jetzt möchte unsere verlogene Elite, nachdem der Provokateur entfernt ist, endlich über das „Megathema der nächsten Jahre“ diskutieren: Über Integration.
Man faßt es nicht. Müßten wir nicht langsam mal, umgekehrt, über die Qualitäten und Kriterien diskutieren, die über Zuzug entscheiden sollten? Sofern noch jemand kommen mag? Müßten wir nicht endlich damit beginnen, ein Einwanderungsland zu werden?
Übrigens: wir sind schon weiter, als die politische Betulichkeit wahrnimmt. Das selbstbewußte Auftreten der Vorzeigemuslimas in der Debatte um Sarrazin hat gezeigt, daß jemand mit Migrationshintergrund längst nicht mehr das Opfer ist, das man umhätscheln muß. Auch wenn sie sich gerne beleidigt geben: Falsche Rücksichtnahme auf ein so starkes Gegenüber ist nicht mehr nötig.

© Cora Stephan 2010
Welt Online 4. 9. 2010

Freitag, 3. September 2010

Von Zahlenmenschen und Gefühlsspezialisten

Nein, Herr Wang möchte nicht nach Deutschland einwandern. Eigentlich mag er das Land. Und das Geld stimmt auch. Aber er hat unsere Kultur ein wenig näher studiert. Seither möchte er lieber nicht.
Herr Wang ist Naturwissenschaftler. Herr Wang hat mitbekommen, wie man in Deutschland Debatten zu führen pflegt. Mit viel Gefühl. Und mit ganz wenig Verstand. Und gänzlich ohne Respekt vor Zahlen und Tatsachen. Das aber ist schlecht für die Ingenieurskunst. „Was soll ich denn machen“, sagt Herr Wang, „wenn ein Mitarbeiter, der meine Zahlen bezweifelt, sie nicht etwa überprüft, sondern sich von ihnen verletzt und beleidigt fühlt?“
Deutschland, einst Hort der Ingenieurskunst und noch immer eine starke Wirtschaftsmacht, Deutschland, sagt Herr Wang, ist im Begriff, sich selbst abzuschaffen. Und da möchte er nicht dabeisein.

Nun, wer in den letzten Tagen ferngesehen hat, wird Herrn Wang nicht widersprechen können. Er hat ein Land erlebt, in dem der Ökonom Thilo Sarrazin von der Politikerin Renate Künast als „menschlich schäbig“ und „gefühlskalt“ beschimpft wurde, weil er sich auf Zahlen und Statistiken bezieht. In dem eine deutschtürkische Landesministerin aus Niedersachsen, die der Presse „kultursensible Sprache“ gegenüber türkischen Migranten verordnen wollte, stolz verkündet, „sie brauche keine Statistiken und Analysen“, da sie die „Migranten ja kenne“.
Ob bei Beckmann, ob bei Plasberg: es triumphierten die Menschlichkeit und das Leben über das statistische Teufelszeug, das „Menschen auf Zahlen“ reduziere. Selbst die Bundeskanzlerin, von Haus aus Naturwissenschaftlerin, übernahm den neuen Gefühlssprech und ließ uns an ihren Empfindungen teilhaben. Alles andere hieße ja wohl auch, über eigene Versäumnisse zu reden.
Denn Thilo Sarrazin konstatiert, was schlechterdings nicht zu leugnen ist: eine Minderheit hierzulande will sich nicht integrieren, da sie diese Gesellschaft, ihre Kultur und ihre autochthone Bevölkerung verachtet – deren Vertreter wiederum trauen sich nicht, den nötigen Respekt auch einzufordern. Das ist und bleibt der Hauptpunkt der Debatte – die nun im Namen der Menschlichkeit und der Gefühle zusammen mit Thilo Sarrazin erlegt und erledigt werden soll.
Es ist an Schäbigkeit nicht zu überbieten, was uns hier als Debattenkultur, als Weltoffenheit, als Menschlichkeit und buntes Multikulti vorgeführt wird. Die Vertreter der deutsch-türkischen Community tun beleidigt und leugnen das Problem. Politiker setzen auf das dort vermutete Wählerpotential und leugnen ihrerseits, daß das hierzulande übliche „Fördern statt Fordern“ längst an seine Grenzen gestoßen ist. Und niemand vertritt die Interessen der eingeborenen Bevölkerung, die ja womöglich Gründe dafür hat, daß sie sich die Objekte ihrer kulturellen Sensibilität von niemandem vorschreiben lassen will.
Und Sarrazin? Ist der Sündenbock, dem blanke Menschenverachtung und blanker Hass entgegenschlagen und der dennoch und auf fast rührende Weise immer und immer wieder versucht, doch noch ein Argument loszuwerden.
Nun, Umfragewerte und Internetkommentare lassen erkennen, daß das Volk mit den politischen Eliten auch hier nicht übereinstimmt. Beide großen Parteien haben die Gefolgschaft ihrer Wählerschaft eingebüßt. Der SPD droht ein Aufstand der Basis, wenn sie Sarrazin ausschließt. Und der Kanzlerin wird man es übel vermerken, daß sie einen wichtigen Amtsträger, die Meinungsfreiheit und die ihr von Amtswegen angemessene Distanz geopfert hat, um der SPD das Leben noch ein wenig schwerer zu machen. Und alle gemeinsam haben sich mit ihrer menschelnd aufgemotzten Verlogenheit bis auf die Knochen blamiert. Eine große Mehrheit der Deutschen sieht Thilo Sarrazin nun erst recht als den aufrechten, integren, ehrlichen, standhaften Mann, dem es an jener Aalglätte fehlt, mit der die anderen sich unangreifbar gemacht haben.
Der Fall Sarrazin ist für dieses Land eine historische Wegmarke. Und das ist in der Tat kein gutes Zeichen.
Zum Hören: DeutschlandRadio