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Mittwoch, 18. Juni 2014

Wenn die Politik poetisch wird und die Literatur politisch


Die Politik Deutschlands oder anderer westlicher Industrienationen mutet derzeit an wie ein schlechtes Gedicht: viel Gefühl und Wellenschlag, aber nichts Konkretes und keine Substanz. Die Poeten wiederum sind nur noch in der Schwundform des altgedienten „Engagée“ unterwegs, der jede Petition unterzeichnet, die fürs Gute und gegen das Böse wirbt. Meist klingt hohl, was sie in politicis zu sagen haben. Was ja in Ordnung wäre: es ist nicht ihr Job.
Aber: Irgendwie ist die Politik der Poesie nicht bekommen – und vice versa. Die politische Erzählung verliert das Große Ganze aus dem Blick, aus dem nicht wenige Poeten sich herausgeträumt haben, um in der eigenen Innerlichkeit zu landen. Im schlimmsten Fall produziert Politik schlechte Literatur, geht der Poesie die Phantasie aus. Vielleicht sollten sich beide wieder auf ihr Kerngeschäft besinnen?

I
Angst? Angeblich eine deutsche Spezialität. Im Umgang mit ihr empfehlen sich zwei Strategien: man überprüfe das, wovor man Angst hat, auf seine Wahrscheinlichkeit. Das ist, wenn sie ihr Handwerk verstehen, Aufgabe von Wissenschaftlern und Journalisten. Nicht jedoch, offenbar, Aufgabe jener Politiker, die zu Wahlkampfzeiten Bilder besorgt dreinschauender weißhaariger Omas plakatieren, denen sie, sollten sie gewählt werden, „Sicherheit“ versprechen.
Wie sehr sie sich anstrengen müssen, um dieses Versprechen zu erfüllen, hängt von der Wahrscheinlichkeit ab, etwa in Frankfurt am Main, der „kriminellsten Stadt Deutschlands“, als über 60 Jahre alte Frau auf offener Straße angegriffen zu werden. Die ist glücklicherweise verschwindend gering. Wer die Polizeistatistik zu lesen gelernt hat, weiß, dass sie Auskunft über das gibt, was die Polizei tut und nicht, was die Verbrecher anstellen. In Frankfurt am Main wird jedoch nicht nur aktenkundig, was auf seinen Straßen mit lieben Omas passiert (dort werden zumeist junge Männer Opfer junger Männer), sondern auch, was aus aller Welt kommend beim Frankfurter Flughafen anlandet oder bei den in Frankfurt ansässigen weltweit operierenden Kreditkartenunternehmen gemeldet wird. Die Sicherheit im öffentlichen Raum ist davon nicht berührt. Kurz: Politiker erzählen Märchen.
Der Literatur ist das erlaubt. Denn was würde aus einer der beliebtesten Literaturgattungen werden, dem Kriminalroman, wenn dort nur die statistisch relevanten Vorfälle bearbeitet würden? Das Genre wäre tot, so tot wie die Opfer im Rockerkrieg oder im Drogenmilieu oder unter verfeindeten libanesischen Clans. Übrig blieben ein paar Beziehungsmorde, eine magere Ausbeute für ein boomendes literarisches Gewerbe.
Aber vielleicht boomt der Krimi auch deshalb, weil er die zweite Strategie der Angstbekämpfung verfolgt: Indem er sie bearbeitet. Literatur, nicht nur Genreliteratur, beansprucht eine radikal subjektive Sicht auf die Dinge. Wir wollen wissen, wie das gesammelte Unheil der Welt aufs Individuum trifft, wie es daran zusammenbricht oder sich, besser noch, aus der Asche erhebt und davonfliegt. Ob das Schicksal der statistischen Wahrscheinlichkeit folgt oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Und das gilt gerade für den Krimi, auch wenn einige seiner Autoren von sich behaupten, Realität «abzubilden», etwa Henning Mankell oder Liza Marklund.
Wie man beides unterscheidet und sich dennoch in beiden Bereichen aufhält, ist eine nicht ganz einfache Aufgabe, die ich gut kenne. Die Sachbuchautorin pauschaliert und bilanziert, das subjektive Empfinden spielt dabei eine nur geringe Rolle. Kein individuelles Schicksal ändert etwas daran, dass der Sozialetat im deutschen Staatshaushalt der größte und der des Verteidigungsministeriums der kleinste Posten ist. „Andrea W., 33, ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder und kommt mit den Hartz IV-Sätzen nicht aus.“ Das ist Stoff für eine Erzählung, aber keine gesellschaftliche Analyse.
Das gilt auch für viele andere Phänomene. Um eine Aussage über das Leben in Deutschland zu machen, brauche ich verlässliche Zahlen, und nicht Gerüchte, etwa über Jugendgewalt oder die Folgen von zu viel Internetkonsum. Dass meine Nachbarin jemanden kennt, „der gesehen hat, wie ...“, ist keine belastbare Aussage. Erst recht nicht, wenn sie hinzufügt, von „kalten Zahlen“ nicht beeindruckbar zu sein, weil sie „ihre Menschen“ kenne.
Der vielgescholtene Thilo Sarrazin brachte die Differenz zwischen dem subjektiven Empfinden und allgemeinen Aussagen auf den Begriff: „Um zu wissen, wie hoch die Getreideernte im letzten Jahr war, gucke ich doch auch ins Statistische Jahrbuch und muss nicht über die Felder gehen und mit dem Bauern reden.“ Wenn ich indes von menschlichen Schicksalen erzählen will, hilft der Gang aufs Maisfeld, denn das Statistische Jahrbuch bietet Erkenntnisse, was spannend sein kann, aber kein Lesevergnügen.
Vom einen Ufer ans andere zu gelangen, ist alles andere als einfach. Die Sachbuchautorin liefert der Erzählerin den Stoff und steht ihr zugleich im Weg – mit ihren störrischen Fragen, ob denn dieses oder jenes „plausibel“ sei. Und weil sie stets zu viel weiß.
Doch wenn ihre Charaktere lebendig sein sollen, darf die Romanautorin nicht mehr wissen, als ihre Figuren zu einem bestimmten Zeitpunkt aller Wahrscheinlichkeit nach wissen können.
Ich schreibe derzeit an einem Roman, in dem mir das mehr als einmal schwer gefallen ist. Er spielt zwischen 1936 und 2006 und eine der ersten Fragen, die sich mir stellte, war die nach dem Wissen einer 15jährigen, die im 3. Jahr der Herrschaft Hitlers in einer deutschen Kleinstadt lebt, über das, was die nationalsozialistische Herrschaft für die Kritiker des Regimes, für Juden, für Behinderte, für alle, die nicht begeistert mitliefen, bedeutete und noch bedeuten würde. Ich hätte mich entscheiden und das Leben in Berlin beschreiben können, dort, wo Pogrome, Judenboykott und Bücherverbrennung offenkundig waren, auch wenn sie den Alltag nicht so bestimmten, wie man heute zu wissen glaubt. In der Provinz aber applaudierten die Massen nicht, das Verhalten der nichtjüdischen Deutschen bündelte sich nicht zu einem „massenhaften Phänomen“, es war extrem unterschiedlich. Ein Roman darf zuspitzen, sich auf das Böse konzentrieren. Er darf aber auch differenzieren.
Nur in der Rückschau glaubt man, der Schwefelgeruch habe damals bereits allen in der Nase gestanden. Aus einer rückschauenden Erzählperspektive entstehen höchstens Abziehbilder, aber keine Charaktere, die Leser interessieren könnten. Den sadistischen SS-Mann kennen wir zur Genüge. Ebenso den opferwilligen Widerstandskämpfer. Interessanter wäre, ihn als ambivalenten Charakter zu zeichnen – als Zweifelnden, an sich Verzweifelnden.
Vielleicht gelingt mir das noch.

II
Die Hauptfigur in der „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz ist ein Kunstmaler, dem während der Hitlerzeit das Malen verboten wird. Die Figur des Malers Max Ludwig Nansen sei „nach einem sehr realen Vorbild modelliert“, schreibt Jochen Hieber in der FAZ, nach Emil Nolde, dem expressionistischen Maler, dessen Werke während des Dritten Reichs als „Entartete Kunst“ verfemt waren. Emil Nolde war jedoch nicht nur ein Held des Widerstands, er war auch bekennender Antisemit, Nationalsozialist und glühender Anhänger Adolf Hitlers. Muss man deshalb die „Deutschstunde“ des Schriftstellers Lenz „neu lesen“, ein in der deutschen Nachkriegszeit prägendes Buch, das Lenz selbst als den Versuch sieht, Politik dort zu zeigen, „wo sie am äußersten Rand der Gesellschaft ... getragen, erlitten, manchmal mit kleinen Genugtuungen ausgekostet wird“? Natürlich nicht. Wonach auch immer ein Schriftsteller „modelliert“: keine fiktive Person ist identisch mit ihrem Vorbild oder gar rechenschaftspflichtig dafür.
Und ein Autor muss nicht für die Verfehlungen seiner Figuren büßen. Ich erhielt vor einiger Zeit den erbosten Brief einer Frau, die mich wegen Frauenfeindlichkeit vor Gericht bringen wollte. Ich habe nie verstanden, was genau sie mir vorwarf: dass eine meiner weiblichen Charaktere zickenbissige Bemerkungen machte? Oder dass ich eine Figur erfunden hatte, die nicht von jedem Frauentypus etwas hielt? Im übrigen: Gilt die alte Weisheit unserer Deutschlehrerinnen nicht mehr, dass es für den Wert eines Werks irrelevant ist, ob sein Autor ein guter Mensch ist?
Der Narr darf die Wahrheit sagen und der Überbringer der Botschaft wird nicht geköpft: das gehört oder gehörte zum Umgang mit Literatur. Mit einem seltsamen Säuberungsfuror aber beugt man sich heutzutage über gestandene Werke der Weltliteratur, um sie von Vokabeln wie „Neger“ zu befreien. Seit wann müssen Literatur und die Sitten und Gebräuche der Gegenwart im Einklang sein?
Liegt es daran, dass die Grenze zwischen Politik und Poesie verschwimmt?

III
Warum wird ausgerechnet nach Dichtern und Denkern gerufen, wenn man glaubt, das Volk benötige ethisch-moralische Handreichung? Sind Schriftsteller aus Handwerkstradition oder gar per se „moralische Instanz“? Kennen sie die Welt genauer als andere? Haben sie einen besseren Zugang zum politischen Geschäft, verstehen sie mehr von Krieg und Frieden?
Eine Zeitlang hatten goldene Worte deutscher Literaten die Funktion von Kirchentagsreden: das unordentliche Volk braucht seine regelmäßige Dosis Mahnen & Warnen und wer könnte das besser als jene, deren Geschäft das Wort ist, mit dem ja bekanntlich alles anfing?
Dass Schriftsteller irgendwie „politisch“ seien, speiste sich aus dem Verdacht, Literatur sei per se „widerständig“, weil sie dem bloßen Sosein und Dasein eine eigene Dimension entgegensetze. Links glaubte man sogar, dass Literatur die Bannerträgerin der Arbeiterbewegung sein müsse, dass sie „aufklärerisch“ zu sein habe, wolle sie mehr sein als „l’art pour l’art“, als ein kunstvolles Nichts. Weiß der Himmel, warum man glaubte, dass sich dieses Programm von Propaganda unterscheide.
Derweil ist der Ruf nach dem mot juste der gern auch als „Intellektuelle“ – darunter firmiert so ziemlich alles vom Büchnerpreisträger über den Provinzsoziologen bis zum Feuilletonpraktikanten – apostrophierten Schriftsteller etwas seltener geworden, vielleicht, weil niemand in Sicht ist, der sich vehement um die Nachfolge von Günter Grass bewirbt. Nicht nur dessen Prosa begann matt zu werden, als sie Botschaften zu transportieren hatte, man denke an die Dystopie „Die Rättin“, auch die Lyrik litt unter einem Überschuss an Politik, ich meine seine famöse als Gedicht verkleidete Israelkritik „Was gesagt werden muss“. Die heutigen Literaten aber machen noch nicht einmal Wahlkampf für die SPD, sondern, so schimpfen ihre Kritiker, hangeln sich von Literaturstipendium zu Literaturstipendium und nutzen die Landverschickung via Goethe-Institut nicht etwa, um andere Länder und Sitten kennenzulernen, sondern als eine Lebensweise, der man feingeklöppelte Introspektion abgewinnen kann.
Vielleicht hat die in Leipzig geschulte neue Schriftstellergeneration ja politisch nichts mehr zu sagen. Auch recht. Aber muss, wenn sie schon einmal einen „Aufruf“ von sich gibt, der gleich so unliterarisch ausfallen wie Juli Zehs Protest gegen die NSA, ein Schriftstück, das offenbar noch nicht einmal eine Word-Autokorrektur gesehen hat? So etwas unterschreibt manch einer offenbar, weil es der Selbstvermarktung dient – wenn alle anderen unterschreiben, will man doch dabei sein! Der engagierte Schriftsteller aber tritt hier wie eine blasse Karikatur aus Zeiten auf, als „Rock gegen Rechts“ noch hip war und die Schleife am Revers den Empfindsamen adelte.
Gewiss wohnt dem Dichten eine eigene Wahrheit inne, die indes nichts mit dem zu tun hat, was man „politisch“ nennen kann. Das „Widerständige“, dieses Anreden gegen „die Verhältnisse“ liegt in der Perspektive, in der radikalen Subjektivität erzählender Prosa. Und das ist das gerade Gegenteil von Politik.
Anders gesagt: seit dem Gilgamesch-Epos oder der Bibel kreisen die Menschheitserzählungen nicht um das große ganze Unheil, sondern darum, wie es dem Individuum ergeht, dem es auf die Füße fällt. Ihr Anliegen ist nicht, die Sintflut zu erklären, sondern Menschen zu zeigen, die sie erleiden.
Wie eng der Begriff des Engagiertseins gefasst ist, wie einseitig das „Politische“ gedacht ist, zeigt sich stets, wenn eine anders empfindet als der Mainstream will. Als Sibylle Lewitscharoff ihr subjektives Unbehagen an künstlich gezeugten Menschen („Halbwesen“) äußerte, wollten einige Lautsprecher ihr gleich den Büchnerpreis aberkennen; eine entsprechende Petition sammelt Stimmen dafür. Als ob ihr literarisches Werk insgesamt durch solch konservative Befürchtungen kontaminiert sei, Befürchtungen übrigens, die eine lange Geschichte haben. Es beschäftigte die Menschheit schon immer, wer oder was bei der Zeugung mittut, von Dr. Frankenstein bis zum Heiligen Geist. Wäre das nicht eine Debatte wert gewesen, in der die Literatur etwas zu sagen gehabt hätte? Statt dessen hat sich das Feuilleton zum Richter in Sachen Political correctness aufgeschwungen.
Sichtweisen werden nicht dadurch interessant, dass alle sie teilen. Und „Widerständiges“ geht nicht nur in eine Richtung. Wer es damit ernst meint, muss genau das verteidigen, was anstößig ist. Das ist der Kern von Meinungsfreiheit. Dass sich im deutschen und auch im schweizerischen Blätterwald die Forderung nach Zensur breitmacht, wenn etwas nicht dem allgemeinem Empfinden (in den Zeitungsredaktionen) entspricht, ist traurig. Im Kampf um seine Deutungshoheit verliert das Feuilleton seine Vielstimmigkeit. Und seine Leser.

IV
Wozu brauchen wir noch Literaten, wenn wir Politiker haben? Während der Engagèe klassischen Musters bestenfalls steril und hölzern wirkt, schlimmstenfalls wie ein Veteran aus dem Willy-Wahlkampf, hat sich die Politik in den warmen Mantel der Subjektivität gehüllt. Hier ein Tränchen, dort ein Kniefall: Hauptsache, es rührt. Hatte man nicht einst geglaubt, politisches Sprechen lebe von der Verallgemeinerung und vom Unterschied zwischen Fakten und Befindlichkeit, Sache und Emotion? Hieß es nicht immer, Entrüstung sei keine politische Kategorie?
Ach was. Richtig eingesetzt, wird sie zur PR-Allzweckwaffe. Vielleicht ist es also genau diese Poetisierung der Politik, die den literarischen Engagèe überflüssig gemacht hat. Moral kommt jetzt direkt von oben, muss der Politik nicht mehr von anderen als Wärmespender zur Seite gestellt werden. Politik hat ihr semantisches Feld verlassen, sie verhandelt nicht mehr die allgemeinen Dinge. Sie ist beim Menschen im Singular angekommen. „Du bist Deutschland!“
Wer sich regelmäßig Talkshows antut, erlebt das in Dauerschleife. Dort gilt das reine, das „sachliche“ Argument als kalt, sofern es nicht auch „Betroffenheit“ erzeugt, dieses heute für unverzichtbar gehaltene Gefühl von „tua res agitur“: hier geht es um dich, um deine Angelegenheiten. Betroffenheit ruft hervor, wer das jeweilige Phänomen überzeugend groß zeichnet, so dass jene wohlige Mischung aus Angst und Demut entsteht, die ein Fernsehgesicht mit einem ernsten „Das könnte jedem von uns passieren“ begleitet.
Der subjektive Ausgangspunkt, die Erzählung über ein individuelles Schicksal, das, wenn es schon nicht pars pro toto steht, doch zumindest zur Identifikation auffordert, die den allgemeinen Sachverhalt schmackhaft machen soll, motiviert Prosa nicht erst seit heute. Später wurde er vom Journalismus entdeckt: nicht aufklären soll er, der Skribent, sondern eine Geschichte erzählen. Das ist mittlerweile die Grundmelodie politischen Sprechens: immer schön subjektiv sein. Immer schön bei einer Erzählung bleiben, die uns nahe geht, mit Opfern, Tätern, Kronzeugen der Anklage. Natürlich ist das steigerungsfähig: Betroffen macht schließlich auch, wenn vom eigenen Verhalten Wohl und Wehe des ganzen Globus abhängt. Jeder anständige Religionsführer versteht es, seine Schäfchen mit dem Verweis aufs Fegefeuer auf Linie zu bringen.
Hatte nicht Politik einmal die Aufgabe, gerade das Fernstliegende gegen die Wünsche der Einzelnen zu verteidigen? Heute muss es uns als ureigenes Interesse verkauft werden. Das erfordert Verrenkungen, die nicht jedem gelingen.
Das mieseste Beispiel für diese Strategie findet sich in dem dafür berüchtigten Film von Al Gore, „Eine unbequeme Wahrheit“, in dem uns ein weinendes Kind dazu auffordert, die Welt zu retten. Jeder Imperativ braucht ein weinendes Kind. „Das ist kein politisches Problem, sondern ein moralisches“: Al Gore hat die Sache auf den Punkt gebracht.
Es waren nicht vor allem Thilo Sarrazin und seine Thesen, sondern die Diskussion um und mit ihm, die ich nie vergessen werde. Eine Horde gackernder Politikerinnen hielt ihm bei jedem mit Daten und Fakten unterfütterten Argument entgegen, er reduziere Menschen auf „kalte“ Zahlen, wo es doch auf jeden Einzelnen in seiner Unverwechselbarkeit ankomme.
Wer mit Statistiken oder gar Wahrscheinlichkeiten operiert, „relativiert“, und das kommt nicht gut an bei Menschen, die gelernt haben, nur ihrem eigenen Gefühl, also ihren Ängsten zu vertrauen. „Engagierter“ Journalismus unterstützt das gern: was macht es schon, wenn die Fakten nicht ganz stimmen, Hauptsache, man hat aufgerüttelt.
Politik also als konkrete Poesie! Das könnte die Entscheidung der deutschen Bundeskanzlerin erklären, nach der – durch ein Erdbeben samt Flutwelle ausgelösten – Havarie eines Atomreaktors in Japan die deutsche Energieproduktion auf Sonne und Wind umzustellen, die, wie es die Sage will, keine Rechnung schreiben. Seither entsteht in Deutschland etwas, das Schilda weit übertrifft. Bei gutem Wetter produzieren wir Strom im Überfluss und bezahlen Nachbarländer dafür, dass sie ihn uns abnehmen. Bei schlechtem Wetter brauchen wir die maroden Atommeiler der Nachbarn, damit bei uns das Licht nicht ausgeht. Das ist Lyrik.

V.
Die Poesie den Poeten, die Politik den Politikern! Vielleicht sollte man wieder über den Unterschied reden. Wer die durch einen Tsunami verursache Havarie im fernen Japan zum Anlass nimmt, das Industrieland Deutschland ins Windmühlenzeitalter zurückzuführen, macht Politik zum Objekt subjektiven Empfindens, einer gerade mal gefühlten „Mehrheitsstimmung“. Wer glaubt, sich an gar nichts mehr halten zu müssen, was nach überprüfbaren Fakten aussieht, glaubt an Märchen.
Der Poet wiederum ist nichts und niemandem verpflichtet, schon gar nicht einem albernen Petitionssozialismus, wie er gerade wieder die Runde macht. Da fordern die üblichen Verdächtigen dazu auf, sich an der Europawahl zu beteiligen – mit Statements, wie sie unbedarfter noch nicht einmal den Verfassern von Wahlkampfparolen gelingen. Ist das die Sehnsucht nach dem alten Willy-Feeling und der EsPeDe von Günther Grass oder der Wunsch, den eigenen Namen endlich wieder großgedruckt zu sehen?
Kann es sein, dass der Publikumserfolg von Büchern wie Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ sich gar nicht vor allem deren Inhalt verdankt, sondern ihrer rabiaten Ablehnung durch die Mehrheit der Meinunghabenden, die noch immer nicht verstehen wollen, dass ihre Leser nicht umerzogen werden wollen?
Die Deutungshoheit der „Qualitätsmedien“ hat sich erledigt. Sie bestimmen nicht mehr, was gelesen, was gedacht wird. Sie haben sich längst von ihren Lesern verabschiedet, die sie schon nicht mehr heimlich verachten. Wichtiger ist das Lob im Kollegenkreis. Das, dieser hohe Ton des Besserwissens, hat ihnen sicher mehr geschadet als die Bezahlt-wird-nicht-Mentalität des Netzes.

Wenn sich die Literatur zum Büttel der herrschenden Meinung macht, verliert sie mit. Nicht wenigen Lesern steht der Sinn nicht nach Traktaten, auch nicht nach gutgemeinten, schon eher nach Berichten aus dem Leben, in dem nichts gerade ist, weder gut noch böse und selten bunt, eher grau in allen Schattierungen. Am liebsten aber haben sie womöglich jene Bücher, die sie aus der gegenwärtigen Welt entführen, in einen Kosmos, der auf jeden Fall aufregender ist als das Land des Lächelns, als die Konsensdemokratie samt Mutti, deren Verwalter zwar mit der Wirklichkeit nur noch wenig zu tun haben, deren Phantasie aber noch nicht einmal für eine solide Utopie reicht.
Doch, ja, vielleicht für eine: „Die Rente ist sicher.“ Aber das ist ja noch nicht einmal ein Märchen.
Schweizer Monat, Juni 2014


Sonntag, 20. Mai 2012

Eine echte Menschenfreundin

Frau Mely Kiyak führt beredte Klage über “die Verplemperung unserer Fernsehgebühren für diese lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur, die Sonntagabend in Ruhe das tun darf, was er am besten kann; das niedrigste im Menschen anzusprechen.” Menschenkarikatur? Wow! Bei Frau Mely Kiyak wurde offenbar wirklich das Niedrigste angesprochen. Der Kommentar in seiner ganzen schönen Länge in der Berliner Zeitung.

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Applaus für Güner Balci

Ich finde, man kann Güner Yasemin Balci verzeihen, daß sie den bösen Thilo Sarrazin auch nicht gelesen hat - wer die Jungs (und Mädels) derart elegant tiefer hängt, verdient Beifall - schon fürs Ironisieren einer tränenreichen Empörungskampagne falscher Opfer...

"Lieber Fatih, lieber Feridun!

Mit Betroffenheit nehme ich zur Kenntnis, dass ihr euch nicht mehr zum Zeitungsladen traut, dass Ihr Angst habt vor den Anfeindungen, die in dieser Welt auf euch lauern - schlicht, weil ihr Moslems seid. Mir war gar nicht bewusst, wie diskriminiert ihr euch in eurem eigenen Land fühlt. Ich dachte eigentlich immer: Die Jungs haben's geschafft, zwei leuchtende Vorbilder für gelungene Integration und - mehr noch - eine Bereicherung für die Kultur der Republik. Mit euren Filmen und Geschichten über die Zwänge und Konflikte patriarchalischer Stammesstrukturen aus Anatolien habt ihr nicht nur die Kritiker der Feuilletons begeistert, sondern ganze Aufklärungsarbeit geleistet.

Ich meine zum Beispiel den Film "Gegen die Wand", in dem die Protagonistin sich dem Kampf gegen ihre Familie stellt, weil sie selber entscheiden will, mit wem sie ins Bett geht. Oder den Roman "Leyla", der die schockierenden Gewaltexzesse eines anatolischen Tyrannen gegen seine Frau und Kinder zeigt. Waren die Geschichten der muslimischen Frauen, die der Unterdrückung durch ihre Familien ausgesetzt sind, nun ernst gemeint - oder waren das etwa die von euch beklagten "stereotypen Bilder", also realitätsferne Fiktionen mit dem einzigen Zweck, das Publikum zu unterhalten? Wenn Letzteres zutrifft, hat eine ganze Nation euch wohl missverstanden. Auch ich möchte mich dann bei euch entschuldigen: Ich habe alles für bare Münze genommen!"
Weiterlesen in der Welt...

Freitag, 1. Oktober 2010

Heilsarmee Deutschland

"In der taz kann man heute einen Appell mit dem Titel „Nein zur Ausgrenzung“ lesen.
Darin geht es selbstverständlich um die von Sarrazin angeblich so schrecklich gemobten Migranten. Die Migration sollte nicht nach Kosten-Nutzen-Erwägungen beurteilt werden. Vielmehr sollte den Betroffenen ein selbstbewusstes Leben in Deutschland ermöglicht werden. Sind wir die Heilsarmee oder das Schlaraffenland?"
fragt Richard Wagner.

Dienstag, 28. September 2010

Verdacht!

Eben gesehen und selten so gelacht: Kulturzeit auf 3sat vom 13. September.

Andrea Meier spricht mit dem Politologen Albrecht von Lucke - ach was, sie spricht nicht mit ihm, sie bestichwortet ihn, während er atemlos eine altbekannte Erzählung zum Besten gibt: die Geschichte vom wieder einmal drohenden "Rechtsruck", der, kenntlich seit der Sarrazin-Debatte, durchs Land gehe, von einem Diskurs, der "ansteckend" sei, vom "Dammbruch" (braune Flut?), von einer "rechtsintellektuellen Bewegung". Es ist wieder soweit!

Das ist natürlich eine Story, bei der jeder mitnicken kann, dessen Herz links schlägt. Auch die Herzlosen, denn wollen sie sich etwa verdächtig machen, dieses ansteckende Virus weiter zu tragen, bis das Land von der braunen Flut... usw. usf.? Wehret den Anfängen!

Ich will schon abschalten, weil ich die Welt normalerweise etwas differenzierter sehe, da passiert's: Andrea Meier, die adrette neutrale Schweizerin, hat noch ein As im Ärmel, einen dramatischen Höhepunkt sozusagen, der den Dammbruch erst richtig deutlich macht: Nicht nur Sloterdijk ist irgendwie irgendwas, sondern auch: "Die feministische Autorin Cora Stephan steht unter konservativem Verdacht."
Auweia! Konservative verdächtigen mich? Und wenn, dann wessen?

Okay, Beckmesser aus. Frau Meier wollte natürlich sagen: die Feministin ist des Konservatismus verdächtig.

Was soll ich da sagen? "Feministin" war ich zwar nie, das Wort liebe ich mindestens so sehr wie das Wort "Aktivistin", dennoch würde ich jederzeit konzedieren, daß auch eine Feministin konservativ sein darf. Andererseits: wer "unter Verdacht" steht, muß doch mindestens etwas Strafwürdiges getan haben, oder? Gehört also bei der niveauvollen Kulturzeitredaktion "konservativ" zu Pfui Bäh und anderen Dingen, die man weder tun noch sein darf? Also fast so schlimm wie's Kinderschänden?

Schon möchte ich belehren, entwerfe in Gedanken einen Brief, etwa folgenden Inhalts: "Liebe Frau Meier, bislang ist hierzulande 'konservativ' noch nichts Verdächtiges und im übrigen auch nicht 'rechts', wußten Sie das? Und, liebe Frau Meier, gibt es Ihnen nicht zu denken, daß man im linken juste milieu selbst genuin liberale Positionen nicht mehr versteht, weil in diesem Wolkenkuckucksheim alles, was nicht links ist, vollautomatisch als rechts gilt?
Und wollen Sie wirklich, daß ich Ihnen mit einer Retourkutsche komme, so in die Richtung 'Die Schweizerin Frau Meier steht unter Dummheitsverdacht'? Nein, oder?"

Aber das wäre wohl Zeitverschwendung. Ich fürchte, gegen Verbohrtheit ist kein Kraut gewachsen.

Freitag, 10. September 2010

Gut gegeben

"Kann man nicht endlich mal Strafparagraphen gegen die Indienstnahme des Holocaust aus Argumentationsnot wegen geistiger Minderbemitteltheit einführen? Das wäre doch ein schöner Erfolg der Sarrazin-Sturms, mit dem der Debattenkultur in Deutschland eindeutig gedient wäre."
Jan Fleischhauer.

Naika Foroutan und die Kunst des Zählens...

Hier:

Donnerstag, 9. September 2010

Meinungsvielfalt

Die FAZ über den Rücktritt Sarrazins von seinem Amt im Vorstand der Bundesbank: "Sarrazin hatte mit Äußerungen in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ über eine angeblich erbliche Dummheit muslimischer Einwanderer bundesweit für Empörung gesorgt."
Was wird hier unter "bundesweit" verstanden? Die bundesweite Meinungsführerschaft? Und wo steht das mit der "erblichen Dummheit muslimischer Einwanderer"? Ich hab die Stelle nicht gefunden.

Dienstag, 7. September 2010

Von der Meinungsfreiheit

In der FAZ, deren Herausgeber Frank Schirrmacher den Biologismus von Thilo Sarrazin entdeckt hat, heute ein bemerkenswertes Resümee - zwei Autoren kommen zu einem ganz anderen Resultat: "Sarrazin argumentiert, zumindest was das Psychologische angeht, für einen Laien bemerkenswert differenziert; Korrelation wird von Kausalität unterschieden, andere Ansichten werden zitiert und argumentativ bewertet." "Sarrazins Thesen sind (...) im Großen und Ganzen mit dem Kenntnisstand der modernen psychologischen Forschung vereinbar." Usw. usf., eine sehr lange, sehr gründliche Auseinandersetzung mit seinen Thesen zu Intelligenz, Vererbung, Kultur.

Kompliment an die FAZ: das nennt man Meinungsfreiheit.

Sonntag, 5. September 2010

Fundstücke

Neues vom Juden-Gen - übermittelt von Bastian Wolf aus Tel Aviv:
Haaretz
Ein interessanter Artikel von Chaim Noll (Jerusalem) in der FAS, nachzulesen mit weiteren links bei Gudrun Eussner.

In der FAS heute ein hochinteressanter Beitrag von Claudius Seidl - nein, nicht gegen die "Islamophoben". Sondern über gute Gründe, sich mal mit Demographie und der Weitergabe von Verhaltensmustern zu beschäftigen.

Samstag, 4. September 2010

Umfrageergebnisse zu Sarrazin

Hier.
Siehe auch hier.

Wie man kein Einwanderungsland wird

Wenn Deutschland ein Einwanderungsland werden will, muß es noch üben. Mit einer „Debattenkultur“, in der Fernsehmoderatoren als heilige Inquisition den freien Gedankenaustausch brutal unterbinden, mit einer politischen Führung, die sich untertänigst bei allen entschuldigt, die sich von ausgeübter Meinungsfreiheit womöglich beleidigt fühlen könnten, ist jedenfalls kein Staat zu machen. Das lockt keine Fachkraft zu uns – und die Deutschen selbst, die man ja so eigentlich nicht mehr nennen darf, fühlen sich der Political Correctness geopfert. Wenn wir schon vom guten Ruf Deutschlands reden, dann hat ihm nicht Thilo Sarrazin, sondern Politik und öffentliche Meinung den Rest gegeben.
Was bitte ist von einem Land zu halten, dessen öffentlich auftretende Elite das Hantieren mit Zahlen und Tatsachenbehauptungen als „unmenschlich“ und „gefühlskalt“ empfindet? Wo eine Landesministerin verkündet, sie brauche keine Analyse, sie kenne ihre Migranten, die müsse man halt mit „kultursensibler Sprache“ und menschlicher Wärme „in die Mitte“ nehmen? Wo der Bundespräsident die Integration für eine Frage der Teilnahme an „Integrationskursen“ hält und wo in einem seriösen Blatt wie der „Zeit“ gefordert wird, wichtige Debatten nicht während des Ramadam zu führen, weil „Menschen mit Migrationshintergrund“ dann andere Sorgen hätten? Da lachen doch die Hühner. Und die Inder.
Wer seinen Kopf benutzt, weiß, daß man in diesem Land viel für die Integration der Hinzugekommenen getan hat und daß nun auch mal die anderen dran sind. Die Wahrheit ist den Menschen zuzumuten. Denn das Grundproblem, das Thilo Sarrazin in seinem Buch anspricht, ist ja gar nicht neu und längst bekannt, wie plötzlich alle behaupten: Bislang haben hierzulande die Anreize überwogen, die einen Zuzug nicht in Arbeit, sondern in das Sozialsystem attraktiv gemacht haben. Ausländer mit jener so dringend benötigen naturwissenschaftlich-technischen Intelligenz, ehrgeizige Hochqualifizierte, die hier etwas werden und gestalten wollen, lockt das nicht.
Statt dessen gibt es eine auffällige Minderheit mit überwiegend türkischem oder arabischen Hintergrund, die dieses Land, seine Bevölkerung, deren Kultur, Religion und Lebensweise verachten. Warum man diese autoritär-patriarchalisch geprägte Bevölkerungsgruppe umarmend „in die Mitte“ nehmen will, ist mir schleierhaft. Die will nicht umarmt werden.
Die sind auch keine Opfer und schon mal gar nicht dumm. Kinderreiche Migranten, die „hartzen“, können zumindestens eines: rechnen. Und es reichen die Grundrechenarten, um zu erkennen, daß sich in diesem Land arbeiten nicht lohnt – zumal sich die ökonomischen Anreize mit einer öffentlichen Rhetorik verbinden, in der „Leistung“ nicht gerade angesehen ist.
Deutschland fehlt es an Selbstachtung. Warum sollten kleine Machos Respekt vor einem Land haben, in dem die Menschen fürchten, als ausländerfeindlich und rassistisch zu gelten, wenn sie primär an die eigenen Wertvorstellungen - und erst danach an den Ramadan denken? In dem niemand Grenzen zieht und überall der Kuschelfaktor dominiert? In dem „Leistungsträger“ verachtet und „Leistungsempfänger“ heilig gesprochen werden? Und in dem man glaubt, Bildung sei durch mehr Geld zu bekommen, und nicht vielmehr durch eine Umgebung, in der Produktivität, Leistung und Herausforderung den Alltag bestimmen - kurz: in der gearbeitet wird?
Doch man beugt sich nunmal hierzulande lieber über Opfer, als sich um die Ehrgeizigen zu bemühen, die „Leistungsträger“. Vielen wird ja allein bei diesem Wort schon übel.
Nein, an der Fertilität der „Falschen“ wird dieses Land nicht zugrundegehen, da hat Sarrazin sich gründlich verrannt. Gewiß aber ist für eine erfolgreiche Integration schlecht gerüstet, wer sich einer paternalistischen Kultur zugehörig fühlt, in der das Individuum nichts, die Familie bzw. die (Glaubens-) gemeinschaft alles ist. Die individuelle Zurechnung von Erfolg ist die Bedingung für jenen Aufstiegswillen, von dem wir hier nicht weniger, sondern mehr benötigen. Irgend jemand muß den Wohlstand schaffen, den Politiker verteilen möchten. Doch das macht wenig Spaß, wenn man schon bei gemäßigtem Wohlstand als einer der Reichen gilt, denen man nehmen muß.
Thilo Sarrazin ist der Racheengel der frustrierten Mittelschicht – die hohen Zustimmungsraten für ihn spiegeln den Unmut der arbeitenden Bevölkerung. Sie hätten alles Recht der Welt, gekränkt und beleidigt zu sein. Nicht nur Sarrazins Äußerungen sind „für viele Menschen in diesem Land nur verletzend", wie Angela Merkel wissen ließ. Auch der Kanzlerin Ignoranz all den anderen gegenüber. Und die erzürnt nicht nur, daß mit Sarrazin ein Sündenbock zum Opfer gebracht wurde – sondern auch, daß im Zuge der Hatz auf ihn ein paar zivilisatorische und politische Grundwerte auf der Strecke geblieben sind.
Die Bundeskanzlerin gerierte sich als Oberzensorin, obwohl sie das Buch des Autors gar nicht gelesen hatte, empfahl hernach dem Vorstand der Bundesbank öffentlich, sich von Thilo Sarrazin zu trennen, und lobte zum Schluß dessen „unabhängige Entscheidung“. Sollte das ein Scherz sein? Und was ist von einem Bundespräsidenten zu halten, der sich eilfertig als Erfüllungsgehilfe annonciert? Langsam ahnt man, was Altbundespräsident Köhler dazu bewogen haben könnte, den Bettel hinzuschmeißen. Soviel Arroganz gegenüber den Regeln der Demokratie, sowenig Respekt vor dem Amt, das man ausübt, hat man hierzulande selten erlebt. Und jetzt möchte unsere verlogene Elite, nachdem der Provokateur entfernt ist, endlich über das „Megathema der nächsten Jahre“ diskutieren: Über Integration.
Man faßt es nicht. Müßten wir nicht langsam mal, umgekehrt, über die Qualitäten und Kriterien diskutieren, die über Zuzug entscheiden sollten? Sofern noch jemand kommen mag? Müßten wir nicht endlich damit beginnen, ein Einwanderungsland zu werden?
Übrigens: wir sind schon weiter, als die politische Betulichkeit wahrnimmt. Das selbstbewußte Auftreten der Vorzeigemuslimas in der Debatte um Sarrazin hat gezeigt, daß jemand mit Migrationshintergrund längst nicht mehr das Opfer ist, das man umhätscheln muß. Auch wenn sie sich gerne beleidigt geben: Falsche Rücksichtnahme auf ein so starkes Gegenüber ist nicht mehr nötig.

© Cora Stephan 2010
Welt Online 4. 9. 2010

Freitag, 3. September 2010

Von Zahlenmenschen und Gefühlsspezialisten

Nein, Herr Wang möchte nicht nach Deutschland einwandern. Eigentlich mag er das Land. Und das Geld stimmt auch. Aber er hat unsere Kultur ein wenig näher studiert. Seither möchte er lieber nicht.
Herr Wang ist Naturwissenschaftler. Herr Wang hat mitbekommen, wie man in Deutschland Debatten zu führen pflegt. Mit viel Gefühl. Und mit ganz wenig Verstand. Und gänzlich ohne Respekt vor Zahlen und Tatsachen. Das aber ist schlecht für die Ingenieurskunst. „Was soll ich denn machen“, sagt Herr Wang, „wenn ein Mitarbeiter, der meine Zahlen bezweifelt, sie nicht etwa überprüft, sondern sich von ihnen verletzt und beleidigt fühlt?“
Deutschland, einst Hort der Ingenieurskunst und noch immer eine starke Wirtschaftsmacht, Deutschland, sagt Herr Wang, ist im Begriff, sich selbst abzuschaffen. Und da möchte er nicht dabeisein.

Nun, wer in den letzten Tagen ferngesehen hat, wird Herrn Wang nicht widersprechen können. Er hat ein Land erlebt, in dem der Ökonom Thilo Sarrazin von der Politikerin Renate Künast als „menschlich schäbig“ und „gefühlskalt“ beschimpft wurde, weil er sich auf Zahlen und Statistiken bezieht. In dem eine deutschtürkische Landesministerin aus Niedersachsen, die der Presse „kultursensible Sprache“ gegenüber türkischen Migranten verordnen wollte, stolz verkündet, „sie brauche keine Statistiken und Analysen“, da sie die „Migranten ja kenne“.
Ob bei Beckmann, ob bei Plasberg: es triumphierten die Menschlichkeit und das Leben über das statistische Teufelszeug, das „Menschen auf Zahlen“ reduziere. Selbst die Bundeskanzlerin, von Haus aus Naturwissenschaftlerin, übernahm den neuen Gefühlssprech und ließ uns an ihren Empfindungen teilhaben. Alles andere hieße ja wohl auch, über eigene Versäumnisse zu reden.
Denn Thilo Sarrazin konstatiert, was schlechterdings nicht zu leugnen ist: eine Minderheit hierzulande will sich nicht integrieren, da sie diese Gesellschaft, ihre Kultur und ihre autochthone Bevölkerung verachtet – deren Vertreter wiederum trauen sich nicht, den nötigen Respekt auch einzufordern. Das ist und bleibt der Hauptpunkt der Debatte – die nun im Namen der Menschlichkeit und der Gefühle zusammen mit Thilo Sarrazin erlegt und erledigt werden soll.
Es ist an Schäbigkeit nicht zu überbieten, was uns hier als Debattenkultur, als Weltoffenheit, als Menschlichkeit und buntes Multikulti vorgeführt wird. Die Vertreter der deutsch-türkischen Community tun beleidigt und leugnen das Problem. Politiker setzen auf das dort vermutete Wählerpotential und leugnen ihrerseits, daß das hierzulande übliche „Fördern statt Fordern“ längst an seine Grenzen gestoßen ist. Und niemand vertritt die Interessen der eingeborenen Bevölkerung, die ja womöglich Gründe dafür hat, daß sie sich die Objekte ihrer kulturellen Sensibilität von niemandem vorschreiben lassen will.
Und Sarrazin? Ist der Sündenbock, dem blanke Menschenverachtung und blanker Hass entgegenschlagen und der dennoch und auf fast rührende Weise immer und immer wieder versucht, doch noch ein Argument loszuwerden.
Nun, Umfragewerte und Internetkommentare lassen erkennen, daß das Volk mit den politischen Eliten auch hier nicht übereinstimmt. Beide großen Parteien haben die Gefolgschaft ihrer Wählerschaft eingebüßt. Der SPD droht ein Aufstand der Basis, wenn sie Sarrazin ausschließt. Und der Kanzlerin wird man es übel vermerken, daß sie einen wichtigen Amtsträger, die Meinungsfreiheit und die ihr von Amtswegen angemessene Distanz geopfert hat, um der SPD das Leben noch ein wenig schwerer zu machen. Und alle gemeinsam haben sich mit ihrer menschelnd aufgemotzten Verlogenheit bis auf die Knochen blamiert. Eine große Mehrheit der Deutschen sieht Thilo Sarrazin nun erst recht als den aufrechten, integren, ehrlichen, standhaften Mann, dem es an jener Aalglätte fehlt, mit der die anderen sich unangreifbar gemacht haben.
Der Fall Sarrazin ist für dieses Land eine historische Wegmarke. Und das ist in der Tat kein gutes Zeichen.
Zum Hören: DeutschlandRadio

Wir Untertanen.

  Reden wir mal nicht über das Versagen der Bundes- und Landesregierungen, einzelner Minister, der Frau Kanzler. Dazu ist im Grunde alles ge...