Dienstag, 21. Juni 2011

Marx: Alle Windkraftanlagen stillegen!

In Kirtorf im Vogelsbergkreis ist am Sonntag ein Windkraftrad umgeknickt und hat die gesamte Anlage zerlegt. “Warum kann ein Windrad einfach abknicken”, fragt die Alsfelder Allgemeine, “obwohl es eigentlich auf Kräfte ausgelegt ist, ‘die einer Tsunami-Böe (sic!) trotzen’?” Nach diesem Super-Gau fordert der Landrat Rudolf Marx die sofortige Stillegung sämtlicher Windkraftanlagen gleichen Typs. “Aus Gründen der Sicherheit”. Das verdient Respekt. Seit Fukushima ist man auch im Vogelsberg wachsam geworden. Immerhin stehen hier noch 17 WKA gleichen Typs, die eigentlich Tsunamis und Böen aller Art trotzen können müssten, inklusive der entsprechenden “Kräfte”.
Schlimm für den Vogelsberg, wo normalerweise mäßige Kräfte walten. Doch auch im gesamten Bundesgebiet sind hunderte dieser Anlagen im Einsatz. Was wird nun aus der Energiewende?
Im Vogelsberg schaut man besorgt auf die Skyline, an der sie noch immer rotieren, unsere vielen schönen Windsammler. Man hatte gerade begonnen, sich an sie zu gewöhnen… …

Montag, 20. Juni 2011

Wikipedia - seriös UND unterhaltsam!

Es ist immer wieder interessant, zu beobachten, wie sich die eigene Biografie hinter dem eigenen Rücken verändert. Dank Wikipedia! Da gibt es stets Überraschungen. Folgende Korrespondenz ist in jeder Hinsicht reizvoll:

"Die Biografie von Cora Stephan wird seit einigen Monaten immer wieder selektiv und politisch einseitig verändert, zuletzt von Justus Nussbaum. Eindeutig falsche Aussagen (C. St. ist für Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken) wurden zwar korrigiert, aber man fragt sich wirklich, warum nicht auch auf andere Themenfelder hingewiesen wird, mit denen sich C. St. beschäftigt (Frauen, Politik, Krieg) - sämtlich nachzulesen auf ihren Websites und in ihrem Blog.
Auch der Eintrag " Die Autorin gehört auch zu den Hauptautoren des klimaskeptischen und neokonservativen Weblogs Die Achse des Guten" von Justus Nussbaum ist alles andere als neutral oder auch nur sachlich richtig. Cora Stephan plaziert immer wieder Kommentare auf der "Achse" , gehört aber nicht zu den Hauptautoren. Noch würde sie sich jemals als "klimaskeptisch" bezeichnen (dem Klima gegenüber skeptisch zu sein, ist ziemlich unsinnig). Auch ist der "Webblog" Achse nicht "neokonservativ", mag sein, dass das einige der dort schreibenden Autoren sind. Cora Stephan jedenfalls bezeichnet sich als liberal.
Ich bitte darum, in einem Lexikoneintrag keine politischen Fehden auszutragen. Dem Nimbus von Wikipedia schadet das nur." Millebises 16:16, 20. Jun. 2011 (CEST)

"Wikipedia ist KEINE Werbeplattform! [Bearbeiten]
Der von Ihnen regelwidrig betriebene Wunsch, das Lemma Cora Stephan von allen möglicherweise unangenehmen Tatsachen frei zu halten, hat keine Grundlage. Wikipedia lässt sich nicht unbehelligt als Werbeschaufenster missbrauchen, siehe Wikipedia:Was Wikipedia nicht ist Unterpunkt 3. Da hilft auch kein dauernd online präsent sein und Editwar zu versuchen. - Aus dem Blick auf die Beiträge von User:Millebises geht hervor, dass fast ausschließlich dieses eine Lemma bearbeitet wurde, daher wohl die Autorin Stephan selbst dahintersteckt. Umso mehr wundert es, dass jemand mit dem Ausbildungshintergrund so wenig Wp-Regelkenntnis - bei frei und leicht zugänglichem Regelwerk - erworben hat. - Und dann die seltsame Drohung mit dem "öffentlich machen". Alles was online bei Wikipedia passiert, ist und bleibt dauerhaft öffentlich, da online dokumentiert und prinzipiell zugänglich. - Seinen eigenen Artikel aber so zu "verteidigen" als wäre es eine eigene, private Homepage ist doch etwas (online-)weltfremd. Hausrecht hat man individuell prinzipiell nicht bei Wikipedia. - Ich mache mal einen Vorschlag für einen - angesichts dieser geltenden Regeln - auch für mich noch tragbaren Kompromiss. 1. Achgut bleibt drin, wird aber von mir in der Beschreibung abgemildert zu "umstrittenen" statt "neokonservativen" Weblog. 2. DRadio-Ref bleibt drin, aber ohne das attributierte PR-Gesülze. 3. Sie klären mal auf, was an biografischen Fakten mit den Angaben Lektorat, Übersetzerin und Kolummnen angesprochen wurde im Text, dazu gibt es nämlich bislang keinerlei Belege. 4. Sie verhalten sich fortan sachlich und kompromissbereit (und geben die reichlich alberne Pseudo-Eigentümer-Haltung mitsamt Editwar-Neigung s.o. auf). - Die Tatsache, dass dieser unhaltbare Anthologie-Abschnitt kurzerhand von Ihnen zurückgenommen wurde, macht mich optimistisch, dass sich vernünftiges Reden mit Ihnen lohnt. Sachliche Gründe, auf diesem Atomforum-Lobby-Aktivsein - das bestens belegt ist! - zu bestehen, gäbe es durchaus. Schließlich werden Persönlichkeiten wie Dieter Hildebrandt auch mit Wp-Streit um seine jugendliche(!) NSDAP-Mitgliedschaft etc. behelligt. Falls von Ihnen keinerlei Einsicht in die Wp-Regeln erkennbar wird, bleibt leider nur eine interne Vandalismusmeldung. Ich hoffe, das ist nicht nötig. -- Justus Nussbaum 16:52, 20. Jun. 2011 (CEST)"

"Justus Nussbaum [Bearbeiten]
Guten Tag, Herr Nussbaum. Ich lese Ihre Antwort auf die Interventionen meines Mitarbeiters mit Verblüffung. Es geht nicht darum, den Eintrag "von allen möglicherweise unangenehmen Tatsachen frei zu halten", mein Diskussionsbeitrag auf dem Atomforum ist bekannt, man kann das alles auf meiner Website nachlesen. Er ist mir auch keineswegs unangenehm. Ich frage mich nur, warum ausgerechnet dieser Beitrag in einer BIO hervorgehoben werden soll - wo es doch noch so viele andere erwähnenswerte gibt - zuerst im übrigen nachweislich falsch.
Auch frage ich mich, warum Sie einen Diskussionsbeitrag als "Atomforum-Lobby-Aktivsein" bezeichnen und mit der jugendlichen NSDAP-Mitgliedschaft von Hildebrandt vergleichen. Weder ist die "Atomlobby" eine Partei, noch bin ich der beigetreten. Ich würde auch der Alternativenergie-Lobby nicht beitreten. Sie verwechseln Diskussionsbereitschaft mit Gefolgschaft.
Ähnliches gilt für Ihren Hinweis auf meine "Achse"-Tätigkeit. Sie scheinen das Kommentieren auf der Achse ebenfalls mit Parteimitgliedschaft (in der NSDAP?) zu verwechseln. Ein Blog von derart vielen Autoren ist nicht automatisch "klimaskeptisch" (allein schon ein schwachsinniger Begriff) oder "neokonservativ" - und im übrigen auch nicht deshalb schon "umstritten", weil er Ihnen nicht passt.
Oder soll ich nach den Erfahrungen mit Ihnen von der "umstrittenen" Wikipedia reden?
Und wieso ist ein Zitat aus einer Rezension in der FR genehm, aber ein Zitat aus einer Rezension im DeutschlandRadio "PR-Gesülze"?
Ihren Tonfall empfinde ich im übrigen als überaus unangenehm und unsachlich. "Editwar" wird, wenn ich mir die Versionsgeschichte "meiner" Bio anschaue, wohl eher von Ihrer Seite betrieben.
Warum ist der Anthologie-Abschnitt "unhaltbar"? Ich habe ihn nicht veranlasst, außerdem ist er unvollständig. Ich habe meinen Mitarbeiter gebeten, ihn zu entfernen, da es zuviel Zeit kosten würde, ihn zu vervollständigen.
Die "interne Vanadalismusmeldung" interessiert mich. Kann mein Mitarbeiter auch Sie als "Vandale" melden? Ich hoffe natürlich auch, dass das nicht nötig ist.
Ich mache einen Vorschlag: Sie verweisen in der Bio auf meine Websites, da steht alles nötige drin. Dann muss Wikipedia auch keine Werbung mehr für meine Werke machen (wenn allein schon die Aufzählung derselben Werbung sein soll). Dass ich Atom-Lobby-aktiv bin, klimaskeptisch (warum nicht "Klimaleugnerin"?!) und neokonservativ, schreiben Sie dann bitte als Ihre eigene Meinung hinein. Dann kann sich auch jeder andere eine Meinung bilden.
Ich hoffe, dass es bei Wikipedia auch noch maßvolle Menschen gibt und nicht derart aggressive "Aktivisten" wie Sie.
Herzlich, Ihre Cora Stephan PS. Ich werde hier sicher auch gegen irgendwelche Regeln verstoßen haben, sehen Sie's mir nach, ich beschäftige mich meistens mit anderen Dingen."

Freitag, 10. Juni 2011

Hitlers erster Krieg

Vielleicht hilft es, wenn man eine Weile Deutschland verlässt, damit man Distanz zu unsren Obsessionen gewinnt. Wie man den hindsight-Fehler vermeidet, zeigt die großartige Untersuchung von Thomas Weber...

Über Thomas Weber, Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg - Mythos und Wahrheit. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer, Propyläen, Berlin 2011, 585 Seiten.

Dass Hitler im ersten Weltkrieg ein guter Soldat gewesen und in größter Gefahr unzählige Male dem Tod entgangen sei, das Antlitz des Kriegs also weit besser kannte als die Generäle hinter den Linien, und dass er sich insofern halbwegs plausibel einbilden durfte, vom Kriegführen etwas zu verstehen, haben weit größere Geister als einst die Rezensentin versichert. Es stimmt, der Gefreite Hitler, der sich freiwillig gemeldet hatte, diente fast ununterbrochen an der Westfront, und zwar als Meldegänger. Wer sich aus den vorhandenen Informationen ein Bild von der Schlacht an der Somme oder dem Kampf um Verdun gemacht hat, ahnt, wie gefährlich Meldegänger lebten - ähnlich gefährdet wie jene Soldaten, die die Essensrationen in die Schützengräben bringen mussten. Sie waren Scharfschützen und Maschinengewehrfeuer ausgesetzt und stets davon bedroht, in einem der mit verwesenden Leichen und verseuchtem Wasser gefüllten Granattrichtern zu ersaufen. Und war nicht der österreichische Gefreite mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse geehrt worden, einer Auszeichnung, die Mannschaftsgraden normalerweise nicht zustand?
Mit dieser Heldenbiografie beglaubigte Hitler die mythische Verbundenheit mit dem deutschen Volk: Seine politischen Vorstellungen seien aus dem Schützengraben hervorgestiegen, im Einklang mit den deutschen Frontkämpfern, deren Kameradschaft ihm Heimat gewesen sei. Der Krieg sei ihm Universität und sein größtes Erlebnis gewesen, ja er sei vom Krieg und von seinem Regiment geschaffen worden. Diese Einheit von Führer und Volk haben ihm nicht nur die abgenommen, die ihm gefolgt sind. Auf dieser Legende beruhen auch manch andere Thesen - etwa vom aggressiven antisemitischen deutschen Charakter. Hitler hat früh schon das ganze „deutsche Volk“ in eine tödliche Umarmung genommen, deren Spuren ihm noch heute anhaften.

Thomas Weber, in Hagen geborener Historiker, der Europäische Geschichte in Aberdeen lehrt, ist anhand neuer Akten- und Dokumentenfunde dem Mythos vom tapferen Frontkämpfer und treuen Kameraden Hitler nachgegangen. Jetzt liegt in deutscher Sprache vor, was sich trotz seiner knapp 600 Seiten wie ein historischer Spannungsroman liest. Akribisch entblättert Weber Hitlers Legende - angefangen mit Hitlers Anwesenheit auf einer Kundgebung auf dem Münchner Odeonsplatz im August 1914. Viel bleibt vom Mythos nicht übrig. Hitler diente nach seiner „Feuertaufe“ beim flämischen Dorf Gheluvelt und nach der Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse nicht in den Schützengräben der Westfront, sondern als Meldegänger des Stabs des sogenannten List-Regiments, der einige Kilometer hinter den Linien residierte. Ein Etappenschwein also, kein Frontkämpfer. Er galt als Einzelgänger. Teil einer Schützengrabenkameradschaft war er ebensowenig wie man dort gemeinsame politische Überzeugungen pflegte, gar antisemitischer Art.
Webers Quellen geben keine Auskunft über einen verschworenen antisemitischen und hasserfüllten Haufen von Frontkämpfern, in dessen Mitte Hitler eine Heimat hätte finden können. Von einer frühen Symbiose mit dem deutschen Volk kann schon mal gar nicht die Rede sein. Das Eiserne Kreuz I. Klasse wurde dem Gefreiten 1918 überdies, welch Ironie der Geschichte, auf Vermittlung des ranghöchsten jüdischen Offizier seines Regiments verliehen, Hugo Gutmann. Wäre Hitler damals schon bekennender Antisemit gewesen, hätte Gutmann die Ehrung wohl kaum befürwortet. Die Heldentat, deren Hitler sich später rühmen ließ - er habe Anfang Juni 1918 ganz allein zwölf französische Soldaten gefangengenommen - wurde im übrigen von Hugo Gutmann begangen, dem es 1940 mit knapper Not gelang, nach Amerika zu entkommen.
Hitler hat einen wochenlangen „Wirbelsturm des Trommelfeuers“ nie erlebt. Die schrecklichsten Verluste erlitt sein Regiment, nachdem er im Oktober 1916 nach einer leichten Verwundung Heimaturlaub angetreten hatte. Nicht nur die Moral an der „Heimatfront“ brach zusammen, wie Hitler später schrieb, sondern auch die seines Regiments.
Tatsächlich, schreibt Weber, galt Hitler als durchaus tapfer, aber nicht als ehrgeizig. „So eigenartig das klingen mag: Adolf Hitler bewies im Krieg keinerlei Führungsqualitäten.“

Die minutiöse Analyse, die Thomas Weber anstellt, ist spannend genug. Seine Arbeit ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie anschaulich Geschichte geschrieben sein kann, nicht trotz, sondern wegen größter Quellennähe. Die Lektüre eröffnet aber weit mehr Erkenntnisse als jene, dass Hitler seine Biografie geschönt hat, um die Einheit von Führer und Vaterland, im Krieg geschmiedet, zu behaupten. Weber zeichnet ein Bild vom Deutschen Reich vor Hitler, das weder des Führers vaterländischem Panorama entspricht noch dem Zerrbild, das die Deutschen bis heute selbst verinnerlicht haben. Dieses Zerrbild verdankt sich sowohl der Propaganda der ehemaligen Kriegsgegner als auch einem epochemachenden Werk, das einst stark umstritten war und heute zur Schullektüre zu gehören scheint: Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“, in dem das Deutsche Reich als preußisch-militaristischer Parvenü erscheint, der mit aggressiver Eroberungspolitik zur Weltmacht aufschließen will.
Webers Analyse hingegen ist geprägt von der Nüchternheit britischer Historiker, die längst von eigener nationaler Legendenbildung frei sind, und der präzisen Kenntnis eines deutschen Schuldkomplexes, deren Anhänger das Verhängnis oft schon bei Luther (mindestens!) beginnen sehen. Nebenbei ist er, als dessen ehemaliger Schüler, Niall Ferguson verbunden, dessen Buch „Der falsche Krieg“ rigoros mit der These von der deutschen Kriegsschuld aufräumte - und der die Borniertheit der Briten und Franzosen rügt, die im eigenen nationalen Größenwahn versäumten, den Aufsteiger Deutschland einzubinden in die Riege der Großmächte.
„Hitlers erster Krieg“ entlarvt mit der nationalsozialistischen Legendenbildung also auch den Schuldspruch über „die“ Deutschen. Dazu gehört etwa die Vorstellung, das Volk habe Hitler an die Macht gejubelt, und nicht, wie es wirklich war, die Parteien. Dazu gehört ebenso die Unterstellung, dass Antisemitismus zur natürlichen Grundausstattung aller Deutschen gehörte. Oder die These, die Erfahrung des Ersten Weltkriegs habe zu einer Brutalisierung und damit zu einer aggressiven Männlichkeit geführt, die sich Hitlers Gröfaz-Plänen bereitwillig unterwarf.
Stück für Stück, teils in dichter Analyse der deutschen militärischen Optionen, rückt Weber das Bild zurecht. Weder gab es einen deutschen Sonderweg noch war das Deutsche Reich reaktionär - den Ruf verdiente sich vielmehr das zaristische Russland. Auch war es nicht der Krieg, der Hitler und seine Kameraden radikalisierte, ebensowenig war sein Regiment die Brutstätte nationalsozialistischer Ideen. Und schon gar nicht entsprang Hitlers Wahn der Mitte der Gesellschaft: Die deutsche Gesellschaft hatte kein „Feindbild“, auch nicht der Franzosen oder Briten, sie drängte nicht aktiv auf den Krieg, sie sah sich 1914 vielmehr bedroht und zur Selbstverteidigung gezwungen - gegen einen Feind, der sich ausgerechnet mit dem reaktionären Russland verbündet hatte. Auch jubelte man keineswegs allenthalben bei Kriegsanbruch, höchstens in den Städten und oft bloß in die Kameras.
Und die „Kriegsgreuel“ beim Durchmarsch durch Belgien? Weber macht plausibel, dass nicht deutsche Zerstörungswut, Mordlust und Hass regierten, sondern Angst, die zu einem tragischen Missverständnis führte. Die deutschen Truppen fürchteten sich, in Erinnerung an 1870/71, vor „franc tireurs“, vor Scharfschützen aus dem Hinterhalt, vor als Zivilisten getarnten Partisanen. Die belgische Bürgergarde, reguläre Kombattanten, trugen keine als solche erkennbaren Uniformen - die Deutschen hielten sie deshalb für Freischärler.
Zum berühmten „Weihnachtsfrieden“ 1914 kam es im übrigen tatsächlich - allerdings nur dort, wo auf der anderen Seite Briten lagen. Das spricht nicht für weitverbreitete Anglophobie, zumal sich die Verbrüderung über die Schützengräben hinweg 1915 wiederholte. Im übrigen schienen die Männer aus Devonshire oder Norfolk der britischen Propaganda von den deutschen Soldaten als verrohten Monstern nicht ohne weiteres zu glauben.
„Im Felde unbesiegt“ waren die Deutschen nicht. Das Kriegsende sah sie demoralisiert, wie viele ihrer Gegner auch. Sie kehrten dennoch nicht brutalisiert und radikalisiert zurück, im Gegenteil: sie wollten, wie auch die Briten oder Franzosen, nach Hause. Sie wollten den Krieg vergessen.
Wo aber, wenn nicht an der Front im Milieu Gleichgesinnter, fand Hitler zu seinen radikalen Ideen? Die jüdischen Soldaten des Regiments waren besser integriert gewesen als das „Etappenschwein“ Hitler. Dort hat er Antisemitismus also nicht gelernt. Und der Bolschewismus? Auch während der Münchner Räterepublik gehörte er nicht zu den fanatischen Kommunistenjägern. Wie aus ihm ein charismatischer „Führer“ und ein mörderischer Antisemit wurde, weiss selbst Thomas Weber nicht zu sagen.
Webers Buch ist über weite Strecken eine Ehrenrettung der Deutschen vor Hitlers Zeit, wie es im übrigen jüngst auch Philipp Blom (Der taumelnde Kontinent) versucht hat. Nicht „die Deutschen“ haben Hitler gewählt, auch 1932 nicht, als, im Gegenteil, die NSDAP fast am Ende war. Es waren die Konservativen, die ihn im Januar 1933 zum Reichskanzler machten. Die politische Elite hatte versagt.
Webers Buch lohnt die Diskussion. Wer darin einen „Freispruch“ für die Deutschen erkennen möchte, greift zu kurz. Dass sie sich im Ersten Weltkrieg kaum von ihren angeblich zivilisierteren Gegnern unterschieden, bedeutet eine weit bittere Erkenntnis: die Zerstörung der Demokratie ist keine deutsche Spezialität.

(C) 2011 Cora Stephan

Donnerstag, 9. Juni 2011

Die Zukunft des Buchmarkts - finster

Keynote auf den Buchtagen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zum Thema „Im Sog der Evolution“, Berlin, 9. Juni 2011

Ich komme als Überbringerin guter Nachrichten, sehr geehrte Damen und Herren. Von uns deutschen Autoren haben Sie nichts zu befürchten. Wir bleiben, was wir sind: Treue Anhänger des „Buchs, das nicht untergehen darf“, weshalb wir nicht müde werden, von ihm zu schwärmen – von diesem Mysterium aus Papier, Leim und Druckerschwärze, das uns seit unserer Jugend begleitet, von seinen innewohnenden Geheimnissen, von seinen haptischen und olfaktorischen Reizen. Davon, was es heißt, es in den Händen zu halten unter dem sanften Licht einer Leselampe. Wir pflegen deshalb sein digitales Derivat ähnlich angeekelt zu betrachten wie kultivierte Leser einst das Taschenbuch, dieses Einfallstor für Schmutz und Schund.
Und so ist uns auch das angestammte Reich dieses Mysteriums heilig – die kleine Buchhandlung um die Ecke, wo gebildete Damen und Herren den Kunden an der Nasenspitze ansehen, mit welchen Preziosen der Dicht- und Denkkunst sie ihnen eine Freude machen können. Nicht mit Massenware, natürlich. Weshalb wir auch die kleinen Verlage lieben, diese unermüdlichen Entdecker köstlich unbekannter Autoren und Werke, die es, genau wie wir, nicht des Profits, sondern der Sache wegen tun.
Autoren, mit anderen Worten, haben ein sozusagen natürliches Missverhältnis zur Realität. Kundige Verlegerpersönlichkeiten halten sie deshalb fern von den unschönen Seiten des Geschäfts. Die meisten Autoren sind über Verlagsverträge so glücklich, dass sie jeden unterschreiben würden. Und dass sie recht eigentlich „Contentproduzenten“ sind, ohne die kein Verlag die Geschäftsführung und die Buchhaltung bezahlen könnte, hören sie ungern. Das klingt so gefühlsarm. So kühl kalkulierend. Mit dem Rechnen haben wir Autoren es nämlich nicht so.
Und deshalb sitzen wir lieber mit all den anderen netten Menschen im Keller und pfeifen. Es wird schon so schlimm nicht kommen. Nicht im kultivierten Deutschland. Dort hat im Jahre 2010 schließlich nur ein verschwindend geringer Teil der Buchkäufer ein E-Book erworben, es handelt sich dabei angeblich vor allem um Männer, jüngere, während wir ja alle zu wissen glauben, dass es die älteren Frauen sind, die Bücher kaufen. Die aber scheinen bislang noch nicht so recht bereit zu sein, ihren Schmöker im Bett auf dem IPad oder dem Kindle zu lesen.
E-Book-Käufer sind also eine Minderheit, und damit die sich nicht auch noch vermehrt, haben die Verlage beschlossen, so ein digitales Teil möglichst teuer zu machen. Also: normaler Mehrwertsteuersatz statt des ermäßigten und höchstens zwanzig Prozent billiger als in gedruckter Form. Das wird den Leuten die Lust auf diesen digitalen Kram schon vermiesen!
Applaus. Es danken: die Autoren, die den alten Schlachtruf „Macht unsere Bücher billiger“ noch immer nicht verstanden haben.

Hochverehrtes Publikum, ich weiß ja, wo ich hier stehe, bei meinen Verbündeten, meinen Gegnern, meinen großzügigen Unterstützern, meinen gnadenlosen Profiteuren, meinen Fans und meinen Verächtern, und Sie werden von mir nicht verlangen, dass ich es mir mit Ihnen allen auf einen Schlag zu verderben versuche. Lassen Sie mich deshalb bei den Autoren bleiben, und zwar bei denen, die, wie trotzige Kinder, dem Gängelband von Verlagen und Buchhändlern entfliehen und sich selbständig machen möchten. Das sind diejenigen, die sich anschicken, ein Bündnis mit dem Teufel zu schließen. Mit amazon, dem bösen Versucher, der mittlerweile in großem Stil auf Verlag macht.
Sie kennen diesen Autorentypus. Der hat schon anno dunnemals gemault, als ihm sein Verlag nicht honorieren wollte, dass er die bis dato teure und ineffiziente Texterfassung selbst übernahm, mit dem teuer finanzierten Computer, was den Verlag Geld sparte und Fehler reduzierte. Und als sich die Verlage, ohne ihre Autoren groß zu fragen, auf 20 % Autorenanteil beim EBook geeinigt hatten, hat der wieder aufgemuckt, und zwar mit dem weltfremden Argument, dass doch der Buchhandel normalerweise 40 und mehr % vom Ladenverkaufspreis kassiere, während die meisten Autoren sich mit weit unter 10 % bescheiden müssten. Und dass man das digitale Äquivalent des E-Book ja sozusagen bereits frei Haus geliefert habe. Wieso beim Wegfall der Herstellung, des Vertriebs und der Lagerung des handfesten Buchs also nicht mehr für ihn abfalle?
Das sind übrigens die Autoren, die auch schon mal fragen, wieso sie den Buchhandel eigentlich lieben müssten, all die vielen netten Menschen, die ihre Bücher jedenfalls nicht verkaufen, sondern nur das anbieten, was bereits in den Bestsellerlisten steht oder eine ähnlich sichere Nummer ist. Einen Buchhandel, der sich dann auch noch wundere, wenn die Kunden gelangweilt wieder rausgehen aus dem Schatzkästlein für Entdeckerfreudige, weil sie in dem nur noch vorfinden, was schon überall herumliegt, beim Supermarkt und an den Tankstellen.
Solche Autoren erzählen gern davon, dass etwa Liza Marklund ihre Bücher in schwedischen Tankstellen verkauft habe und Nele Neuhaus ihre Krimis über Metzgereitheken gehen ließ, bevor sich ein Verlag für die neue Krimikönigin interessierte. Es waren die Autorin selbst und die Kunden, die den Buchhandel auf Neles Taunuskrimis aufmerksam gemacht haben – das gilt, wie man hört, übrigens auch für Thilo Sarrazins Buch, auf das der Buchhandel erst nichts gab.
Wenn man diese Autoren auf die Gatekeeper- und Portalfunktion von Buchhandlungen und Verlage aufmerksam erntet man nicht selten Hohngelächter. Die Verlage, sagen sie, hielten ja keineswegs die Flut des immergleichen Immerseichten von den Lesern fern, verpassten aber dennoch oft das Bestsellerträchtige und müssten – wie viele Buchhändler auch – von den Autoren und den Lesern zum Jagen getragen werden.
Wenn also Verlage und Buchhandlungen ihre Bücher nicht mehr an- oder verkaufen, denken solche Autoren, weil sie nur noch auf Bestseller setzen, kann man es getrost auch selbst tun. Das Einfallstor dafür: das E-Book und amazon, wo man Autoren 70 % vom Verkaufspreis anbietet.
Ich weiß, dass Sie alle, die Sie hier sitzen, weit besser rechnen können als ich, ich bin ja schließlich eine Autorin. Aber ich versuche es trotzdem einmal: bei 10 % von einem Ladenpreis von 20 Euro erhält der Autor pro Buch 2 Euro. Bei sechs Prozent von neun Euro für ein Taschenbuch erhält er 54 Cent.
Bei 20 % von einem 15 Euro teuren E-Book erhält er 3 Euro. Bei 70 % von einem 6 Euro teuren amazon-E-Book erhält er pro verkauftes Exemplar hingegen 4 Euro 20 – mit guter Aussicht auf einen erheblich höheren Umsatz und, nebenbei, auf die abnehmende Attraktivität digitaler Piraterie.
Hohe E-Book-Preise halten die Käufer fern, die nicht einsehen, dass sie dafür nur unwesentlich weniger zahlen müssen als für ein „richtiges“ Buch, das sie in der Hand halten und ins Regal stellen können. Sie bedenken nicht, dass das Teure am Buch in den seltensten Fällen noch seine gegenständliche Existenz ist. Auch die inhaltliche Arbeit am Manuskript bestimmt den Buchpreis nicht, nicht die im Lektorat und erst recht nicht die des Autors. Es sind die Overheadkosten der Verlage und der Vertrieb, die die Kosten treiben. Das alles aber kann sich der Autor sparen, der seine Seele an amazon verkauft.

Nun, die Einwände dagegen sind bekannt und werden übrigens besonders oft von den Autoren geäußert. Was wären Bücher ohne ein anständiges Lektorat! Wie kommen sie an ihre Leser ohne Werbung! Ohne professionelle Pressearbeit! Ohne engagierte Buchhändler!
Lassen Sie mich die Antwort kurz machen. Für ein ordentliches Lektorat hat man in vielen Verlagen keine Zeit mehr. Autoren haben mittlerweile nicht nur Texterfassung, sondern auch professionelles Layout gelernt und helfen sich im übrigen längst untereinander aus: mit intensivem gegenseitigem Lektorat ebenso wie mit neuen Marketing-Tricks im Internet. Eine gut gepflegte mailing-list ist selbstverständlich bei Autoren, die eine eigene Website unterhalten – auch die, selbstredend, auf eigene Kosten.
Und ob sich das E-Book-Publishing lohnt? Mal sehen. Ein deutscher Kollege hat jüngst einen Roman bei amazon eingestellt und binnen zweier Monate 900 Stück davon verkauft. Für einen Preis von 4,99. Ganz ohne Werbung.

Aber hatte ich Ihnen nicht versprochen, dass die deutschen Autoren treu zum Buch und seinen Marktagenten halten?
Nun, garantiert ist das natürlich nicht. Auch wage ich nicht zu hoffen, dass mein kleiner Bericht vom Denken und Trachten der Autoren, den weithin unbekannten Wesen, bei Ihnen zum Aha-Erlebnis wird. Es fällt schon auf, wie gut hierzulande die Diskussion über die digitale Zukunft des Buchs ohne die Autoren funktioniert, die offenbar weder von den Verlagen noch von den Buchhändlern in ihr Kalkül einbezogen geschweige denn umworben werden. Dabei wäre ein neues Bündnis durchaus nicht auszuschließen, da wir ja wissen, wie treu Autoren sind und sein wollen.
Wie also wird das Spiel ausgehen? Lesen wir die Zeichen.
Die britische Buchhandelskette Waterstone’s will unter der Leitung von James Daunt vom Diktat des Zentrallagers abrücken und qualifizierten Buchhändlern ihren alten Job zurückgeben: kundenorientiert auszuwählen. Buchhändler, die ihre Kunden besser kennen als die Bestsellerlisten, dürften auch in E-Book-Zeiten überleben.
Unter den Verlagen werden die schnellen Eingreiftrupps eine gute Chance haben, die keinen großen Apparat benötigen, also Kosten nicht ausgerechnet und ausschließlich beim „Content“, das heißt den Autoren einsparen müssen.
Amazons verführerisches Angebot an die Autoren wird nicht heute, aber morgen von vielen genutzt werden – die Leser danken es ihnen. „Das Buch“ ist damit natürlich nicht an seinem Ende. Ausserdem muss es ja gar nicht schaden, wenn sich in Zukunft der Prozess umkehrt: gedruckt wird nur noch, was sich in seiner digitalen Form bereits bewährt hat – und auch nur, wenn der Leser es will. Was dann noch auf einem Büchertisch landet, ist es womöglich sogar wert, ins Regal gestellt zu werden.

© 2011 by Cora Stephan

Montag, 6. Juni 2011

Recht und Gerechtigkeit

Gerechtigkeit ist ein Zauberwort. Als ich jung war, empfand ich es als ungeheuerlichen Zynismus, dass mein Vater sich strikt weigerte, die Sehnsucht danach zu befriedigen. Gerechtigkeit, verkündete der Richter am Landgericht, gibt es bei mir nicht. Wohl aber ein Urteil nach Recht und Gesetz.
Daraus sprach gewiss die Arroganz des (deutschen) Richters, der seinen Ermessensspielraum kennt. Und zugleich die Demut des Rechtsdieners, der um die vielen Grauzonen weiß, durch die er sich bewegt. Insbesondere die Opfer von Gewalttaten vermögen schwer einzusehen, dass es bei einem Urteil weder um Gerechtigkeit geht noch um Rache oder Sühne gehen darf, sondern um Verfahrensgerechtigkeit, vulgo: das Einhalten der Regeln. Eine davon heißt: im Zweifel für den Angeklagten. Deshalb gibt es keinen Freispruch zweiter Klasse, wie im Fall Kachelmann behauptet wurde. Dass der Richter glaubte, seine Zweifel an der Unschuld des Angeklagten bei der Urteilsbegründung ein weiteres Mal zur Sprache bringen zu müssen, verdankt sich wohl eher der Medienaufmerksamkeit, die das Tribunal genoss.
Tribunal? Ja. Es fällt auf, dass einigen der Prozessbeteiligten die Regelhaftigkeit des Verfahrens nicht auszureichen schien. Die öffentliche Vorführung des Beschuldigten, wie sie nicht nur im Fall Dominique Strauss-Kahn in den USA üblich sein mag, hat mittlerweile auch in Deutschland ihre Anhänger. Jedenfalls wenn es um Prominente geht, deren tiefen Fall man dem Publikum vorzuführen wünscht, das darauf reagiert wie einst bei mittelalterlichen Exekutionen. Ein öffentliches Schauspiel für die Massen, die schon immer dem Sturz der Mächtigen applaudiert haben.
Hohn und Spott mag man als allzu menschlich verstehen, aber es stiftet keine Rechtsordnung. Ebensowenig das Sendungsbewusstsein der Staatsanwaltschaft oder der Versuch parteilicher Berichterstatterinnen, dem Verfahren einen gesellschaftspolitischen Auftrag zu erteilen.
Tatsächlich haben wir es im Prozess gegen Kachelmann mit einer „dunklen Stunde des Rechtsstaats“ zu tun, allerdings aus anderen Gründen, als die, welche Alice Schwarzer anführt. Die Emma-Frau hält es für einen Vorzug, dass Frauen häufig Recht mit Gerechtigkeit verwechselten, während Männer dabei nur an ein Regelwerk dächten, das ihrer Macht diene. Umgekehrt stimmt die Sache: das Verfahren ist von Anbeginn mit der Verhandlung über moralische Standards überfrachtet worden, obwohl die private Lebensführung von Herrn Kachelmann niemanden etwas angeht. Wahrheitsfindung überdehnt die Aufgabe des Gerichts, das eben nicht die Wahrheit zum Thema hat, sondern lediglich darüber befinden muss, ob vorliegende Beweise zur Verurteilung des Angeklagten ausreichen oder eben nicht.
Ganz sicher aber hatte es nicht die Aufgabe, darüber zu entscheiden, was im Interesse „der“ Frauen ist. „Die“ Frauen im allgemeinen haben es sicher keineswegs als Schlag auch in ihr Gesicht empfunden, dass die Nebenklägerin, das „Opfer“, ernstgenommen wurde – dadurch nämlich, dass man ihre Darstellung dem Zweifel aussetzte. Frauen sind keine willenlosen Opfer, denen man aktives Handeln nicht zutrauen darf. So bitter das im Einzelfall auch ist: Gerichtsverfahren sind nicht dazu da, über gesellschaftliche Rollen zu befinden und allgemeine moralische Standards zu setzen. Ihre Aufgabe ist begrenzt – und das ist auch gut so.
Die medienöffentliche Stimmung aber suggeriert, dass das nicht ausreicht. Als ob wir uns hierzulande mitten im alten Streit zwischen wahrer deutscher Kultur und bloßer oberflächlicher Zivilisation befinden, wie ihn Thomas Mann einst skizziert hat, gelten heutzutage „bloße Regeln“ als ebenso kalt und unmenschlich wie sachliche Argumente oder das Teufelswerk Statistik und Zahlen. Es gilt die gefühlte Wahrheit, nicht aber das, was Sache ist. Dazu passt auf erschreckende Weise, dass eine sachliche Entscheidung über die Nutzung der Atomenergie heutzutage und hierzulande einer sogenannten Ethikkommission überlassen wird und dass Wissenschaftler allen Ernstes die Demokratie und den Willensentscheid der Bürger suspendieren wollen, sobald es um Zukunftsentscheidungen geht, die ja über deren Horizont gingen.
So samtpfötig kommt ein neuer Totalitarismus daher, in dem Tugendwächter und Wissenseliten ihre Moral und ihr Expertenwissen ausspielen. Da lob ich mir die Demut des rechtsstaatlichen Gedankens, der sich auf Verfahrenstreue beschränkt. Nur das entspricht menschlichem Maß.
DeutschlandRadio, Politisches Feuilleton, 6. Juni 2011

Merkelismus

Angela Merkel enteignet ihre politischen Gegner der Ideen. Sie produziert eine Instantdemokratie, die Volkes Willen laufend aufbrüht. FOCUS-Chefredakteur Wolfram Weimer über die völlig neue Regierungsform der Bundeskanzlerin.
Wenn Angela Merkel so weiterregiert, wird sie zur Erfinderin einer völlig neuen Regierungsform: des Merkelismus. Dabei handelt es sich um eine verfeinerte Variante der demoskopischen Demokratie, die in etwa so funktioniert wie eine Klimaanlage mit Temperaturregler.

Ökodiktatoren

Die Kanzlerin hat ihr klimapolitisches Schicksal eng an das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung geknüpft, insbesondere an seinen Gründer und Direktor Hans Joachim Schellnhuber, Physiker wie sie und Berater der Bundesregierung seit 1992. Sein Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ist ein mächtiger Thinktank mit weitreichendem politischem Einfluss.
Auch Schellnhuber scheint zu jenen zu gehören, die es gar nicht so ungern sähen, könnte man die Skeptiker kriminalisieren – oder wenigstens mundtot machen. Seine Vorstellungen von Wissenschaftsfreiheit und Demokratie jedenfalls sind, höflich formuliert, irritierend. In einem Interview meinte er jüngst: „Kernfragen wie diese, ebenso die der Menschenrechtsfragen, gehören in die Verfassung. Das hätte zur Folge, dass es Richter gibt, die auch gegen eine Mehrheit entscheiden, wenn es im Sinne unseres Verfassungskonsenses richtig ist. Sie brauchen also auch ein paar wenige Leute, die eine ethische Elite darstellen. Am Ende werden Sie vermutlich mit einer breiten Mehrheit nicht Probleme lösen können, die eine kausale Distanz wie beim Klimawandel besitzen.“
Ins Deutsche übertragen: in Sachen Klimawandel muss die Demokratie zugunsten der Herrschaft einer ethischen Elite ausgeschaltet werden, weil den meisten Menschen die ferne Zukunft (und die dann womöglich sterbenden Kinder, mit denen auch Schellnhuber gern droht) nicht nah genug geht.
Das ist im Klartext die Politik des übergesetzlichen Notstands. In Schellnhubers schöner neuer Welt bestimmt eine „ethische Elite“, wo’s lang geht, die ihre Empfehlungen für – alternativlos hält.
Tatsächlich haben manche Vertreter der Klimalobby einen religiösen Glanz in den Augen. Sie sind die Hohepriester einer neuen Religion – die übrigens nicht schlecht zu einem protestantischen Pfarrhaus passt, dem Angela Merkel entstammt. Und auch nicht zu einer Sozialisation in der DDR, in der man die „Diktatur des Proletariats“ versprach – in Gestalt der Partei, denn die hat immer recht. Ihren Marxismus-Leninismus hat Angela Merkel gründlich gelernt.
Die neue Klima-Religion verspricht uns das Jüngste Gericht schon heute – es sei denn, wir unternehmen eine letzte große dramatische Anstrengung zur Rettung der Menschheit vor ihrem wohlverdienten Untergang. Am besten, wie das bei Religionen üblicherweise empfohlen wird, durch tätige Buße wie Ein- und Umkehr, Demut und Selbstbeschränkung und vor allem durch Ablasszahlungen ohne Ende.
Die neue Religion stößt in eine Lücke vor, die der Niedergang der großen Kirchen und Ideologien hinterlassen hat. Probaterweise bedient sie sich einer im wohlstandsverwöhnten Westen weitverbreiteten Grundstimmung: des schlechten Gewissens. Irgendwann, fürchten wir, präsentiert uns irgendeine Instanz die Rechnung für unser Wohlleben, sei’s Gott oder die Natur – mit biblischen Plagen wie Wirbelstürmen, Riesenwellen, Sintfluten, feuerspeienden Vulkanen, kurz: Tod und Teufel.
Die neuen Priester, die solches verkünden und mit ihrer Vorhersage des Weltuntergangs ein Milliardenpublikum Gläubiger versammeln, dulden wie alle Propheten keinen Zweifel an ihren Vorhersagen. Wer sie dennoch äußert, ist ein egoistischer Wicht, ein Beschwichtiger und Verharmloser, ein starrköpfiger Lügner oder schlimmeres, mindestens aber ein bezahlter Agent des Bösen. Der Vorsitzende des Weltklimarates IPCC, Rajendra Pachauri, spricht inzwischen wie der Anführer einer Aktivistengruppe, die sich berufen fühlt, die Gesellschaft zu schockieren, um sie „aufzurütteln“. „Der Übergang von der wissenschaftlichen Beratung zur politischen pressure group ist fließend.“
Wer in der Wissenschaft Widerspruch nicht zulässt, gerät schnell in den Verdacht, es gehe ihm um Glaubenssätze, nicht um Argumente. Und Glaubenssätze verbreiten sich wie die Spinne in der Yuccapalme, also mit der Dynamik eines Gerüchts: Irgendwann glaubt jeder, einem Eisbären beim Ertrinken zugesehen zu haben.
Nun, In der Sphäre der Politik haben Katastrophenprophetien ihren handfesten Nutzen. Wer sie ausruft, bestimmt das Ausmaß des „Notstands“ und der zu ergreifenden „Maßnahmen.“ Logisch also, dass manch einer die liberale Demokratie für ein Hindernis bei der Rettung des Globus hält und ein autoritäres Regime der Experten empfiehlt.
Unser Jahrhundert, sagt Peter Sloterdijk, wird womöglich als „ein Jahrmarkt der Erlösereitelkeiten in die Geschichte eingehen, an dessen Ende sich die Menschen nach Erlösung von der Erlösung und Rettung von den Rettern sehnen wird.“
Für Politiker aber sind solche Erlösungsgeschichten ein Himmelsgeschenk. Mit Blick aufs drohende Fegefeuer kann man den Untertanen Ungeahntes zumuten. Mit dem Versprechen der Rettung aus der Not auch.
Angie, die Naturwissenschaftlerin, hätte sich auf düstere Prognosen mit schwacher Datenbasis womöglich nie eingelassen. Zu Tinas Profil aber passt das: der prognostizierte Weltuntergang ist der Notstand, der fast jede Maßnahme rechtfertigt und von all dem anderen unerledigten Kram ablenkt. Alternativlos. Das ist der Wunschzustand jedes Politikers, denn dann kann er sein anstrengendes Handwerk ruhenlassen, das da heißt: Kompromisse finden.
Mittlerweile ist der Glaube an die finsteren Prophezeihungen der Klimagurus brüchig geworden. Kluge Bürger wissen, wo sie die gängigen Dogmen überprüfen können – in einer überaus regen Gegenöffentlichkeit im Internet. Der Glaube, dass „die da oben“ wissen, was sie tun, ist schon länger dahin. Der moralische Vorsprung, den man durchs Besetzen von Gattungsfragen erwerben kann, schmilzt ab. Es ist sicht- und spürbar geworden, dass die politische Steuerung des umstandslos Guten nicht funktioniert. Im Gegenteil, sie verhindert womöglich das Bessere.

Wer wollte bestreiten, dass es darauf ankommt, mit Gas, Öl und Kohle hauszuhalten, andere Energiequellen zu erschließen und die vorhandenen besonders sparsam einzusetzen? Niemand, denn das ist ganz ohne apokalyptische Szenarien erkennbar vernünftig. Aber wissen ausgerechnet unsere Politiker, was dafür nottut? Geschickte Lobbyisten sagen es ihnen – und das nennt sich dann Klimapolitik.

Aus: Cora Stephan, Angela Merkel – ein Irrtum. Knaus Verlag, München 2011