Sonntag, 5. Februar 2012

Das Haus unter der Burka

Es ist ein gutmütiger Geist, der ab und an durchs Haus weht und mir mit kühlen Fingern das Haar streichelt. Er mag es, wenn es draußen kalt ist und drinnen die Holzdielen knacken. Wenn der Sturm an den Dachziegeln zupft und durch den Kamin ruft. Wenn Regentropfen unter den Ziegeln hindurchgeschlüpft sind, durch den brüchigen Lehmstrich dringen und Klopfzeichen geben. Er fächelt mir zu, wenn mir am Schreibtisch warm geworden ist. Und manchmal erinnert mich der alte Herr (schon knorrige 170 Jahre alt) an die Zeiten, als man drei mit Holz und Briketts zu heizende Öfen brauchte, um das Haus auch nur annähernd warmzukriegen – wenn er mich auf dem Flur und im Treppenhaus eiskalt anhaucht.
Prosaische Gemüter bestreiten natürlich, dass es ein guter Geist ist, der dieses Haus beseelt. Ein kleines, unscheinbares Fachwerkhaus mitten in einem 30-Seelendorf. Innen alte Eichenbalken und Dielenboden aus gewachster Lärche, zwischen den Gefachen Lehmstrich, draußen Rauhputz. Keines dieser aufgebrezelten Fachwerkidyllen, die von außen nach Museum aussehen, aber auch keine mit Metzgerfliesen oder für die Ewigkeit gedachtem Eternit vollverkleidete Hofreite wie bei den Nachbarn. 3 ZKB. Vorne schmal, nach hinten heraus lang. Im ehemaligen Stall ist heute das Esszimmer.
Prosaische Gemüter nennen Zugluft, was mich in diesem Haus bewegt. Mangelnde Wärmedämmung. Energetischer Sündenfall. Die Kinder der Nachbarn sind längst in einen Neubau gezogen, genau deswegen. Und weil es in einem neuen Haus gerade Wände und rechte Winkel gibt.
Besucher aus der Stadt, begeisterte Leser von Zeitschriften in hohen Auflagen, deren trügerische Titel „Land“ mit „Lust“ oder „Liebe“ kombinieren, finden das Haus idyllisch. Gemütlich. Putzig. Verträumt. Und sind, trotz Auto mit Allradantrieb, natürlich immer falsch angezogen, wenn sie mal vorbeikommen, um die gute Landluft zu atmen – was ihnen auffällt, sobald ihnen mein Geist spielerisch unters Hemd geht. Dann empfehle ich tief Durchatmen und reiche einen Pullover. Wann haben sie in ihrem durchklimatisierten städtischen Alltag schon mal die Chance, ihre Haut und ihre Sinne dem Tanztheater auszusetzen, das die Klimazonen eines alten Hauses mit seinen Bewohnern anstellt?

Schluss. Alles Unsinn. Alte Häuser sind nicht putzig. Sie sind erstens unpraktisch und machen zweitens Arbeit und sehen, wie meins, auch nicht unbedingt schön aus. Muss ja auch nicht, in dem Alter. Energiesparend beheizen kann man so eine alte Hütte nur, wenn man Thilo Sarrazins Empfehlung folgt: warm anziehen und beim guten alten Glühbirnenlicht lesen. Das wärmt nämlich zusätzlich. Oder den Kaminofen anzünden. Holz wächst nach. Auch wenn die Feinstaubbelastung dank alter Schornsteine in der Energiebilanz zu berücksichtigen wäre.
Man kann natürlich auch die beiden alten Eichenfenster im Schlafzimmer oder das Flurfenster durch Dreifachisoliergläser ersetzen – Uw-Werte unter 0,8 W/m2K! Aber das kommt mir nicht ins Haus. Energetisch gesehen bin und bleibe ich ein Sünder, der in den Ökobioablasskasten zahlen muss, und zwar kräftig. Da hilft auch nicht der biodynamische Salatanbau im Vorgarten, der Komposthaufen hinter dem Schuppen und die saubere Mülltrennung. Oder das gute AAA-Rating der Elektrogeräte. Mein altes Haus passt nicht ins neue Deutschland, wie es einst Angela Merkel sah, die auf die Frage der Bildzeitung, was sie an Deutschland schätze, antwortete: „Ich denke an dichte Fenster! Kein Land kann so dichte und so schöne Fenster bauen.“ (29. 11. 2004).
Mag sein. Es ist noch niemand erstunken, aber schon viele erfroren. Und vielleicht hocken Politiker ja gern in der heißen Luft, die sie produzieren. Doch für ein Fachwerkhaus sind allzu dichte Fenster der Anfang vom Ende. Und was seinen sicheren Tod bedeutet: Luftdichter Verschluss außen und innen plus Silikon für die letzten widerstrebenden Ritzen. Manches Eichenfachwerk wird heute schon nur noch von den Eternitplatten zusammengehalten, die findige Handlungsreisende meinen Nachbarn in den 60er und 70er Jahren angedreht haben.
Wer ihnen den Geist austreibt, die federleichte Luftbewegung, die sie durchzieht, tötet Fachwerkhäuser ab, da hilft weder Stoß- noch Zwangslüften. Tatsächlich sind Holz und Lehmstrich Baustoffe, die ein Leben haben – sie müssen atmen. Luftdichte Verpackung erledigt selbst jahrhundertealtes, eisenhartes Eichenholz binnen weniger Jahre. Die kann man dann, ganz ohne Vorarbeit durch Holzwürmer, mit dem Zeigefinger durchbohren. Die Leichen sind zu besichtigen – in allen Landstrichen, in denen in den 60er Jahren der Charme alter Häuser wiederentdeckt wurde, wobei die wenigsten Handwerksbetriebe noch wussten, wie Fachwerk funktioniert. Vielen Häusern wäre es besser bekommen, man hätte sie in Wind und Wetter und Würde vergehen lassen. Zerstörung bracht keinen Luftangriff oder die Abrissbirne, das geht auch auf die sanfte Tour.

Ich habe mein altes Geisterhaus 1981 für wenig Geld gekauft, ohne auch nur eine Idee, was ich mir damit einhandelte. Eigentlich sollte das seit Jahren leerstehende Rattennest abgerissen werden, eines der ältesten, aber gewiss das kleinste Haus im Ort. Früher Sitz eines Schneiders, der auch Bürgermeister war, bis Solms eingemeindet wurde und nicht mehr fürstlich sein durfte. Des Schneiders Arbeitsplatz ist heute mein Schreibtisch, ich sehe, wenn ich schreibe, die Spuren des Rollschneiders auf dem Holz, mit dem der alte Keil die Stoffe zugeschnitten hat. Der Blick geht durch zwei (dichte!) Fenster hinaus, auf den Weg hoch zum Friedhof. Und wenn ich diese Fenster sehe, weiß ich, wie viel auch ich falsch gemacht habe. Gottlob nicht alles.
Fachwerk bewegt sich. Fachwerk muss atmen, weshalb es durchlässig bleiben sollte. Und deshalb atmen auch andere Lebewesen in einem Fachwerkhaus freier: Ich habe keinen Schimmelpilz in den Wänden und keinen Sporenflug in der Luft und leide höchstens ab und an unter dem Duft nach Schweinegülle und Silage, der von draußen eindringt. Soll ich deshalb mein Home and Castle zum Bunker ausbauen?
Für die Kriegsgeneration, die gehungert und gefroren hat, war das Draußen feindlich, weshalb es ausgeschlossen werden musste. Lange vor der „Energiewende“, schon zu Zeiten, als das Öl noch spottbillig war, hat man in meiner Familie das Wohnen in versiegelten Räumen zum Maßstab des Glücks erklärt. Ich reagiere auf solche Behausungen mit Atemnot. Wer unter der Energiewende großflächige Dämmaßnahmen versteht, weiß nicht, was er sich oder anderen antut.
Die Burka für das Haus ist ein Todesurteil – für die großbürgerlichen Gründerzeitwohnungen in der Stadt ebenso wie für die letzten verbliebenen Fachwerkhäuser, die das romantische Bild von Deutschland prägen und deretwegen man so viele Japaner in Rothenburg trifft. Ich habe schon einige alte Häuser sterben gesehen, an Eternitplatten und undurchlässigen Silikonanstrichen, und habe nur eine Hoffnung: dass die relative Armut des Landstrichs, in dem ich lebe, verhindert, dass das Fachwerkhaussterben dank moderner Wärmedämmung Tempo aufnimmt.
Woanders wird sich zeigen, dass Vollverdämmung die Bewohner krank und die Vermieter arm macht und nur einer Menschengruppe nützt: Bau- und Abrissunternehmen. Vielleicht ist das sogar der Sinn des Ganzen?
Doch wen kümmerts? Ganze Landstriche werden aussterben, versichern die Demographen, der Vogelsberg liegt vorn, was die Bevölkerungsflucht betrifft. Sie werden also mehr oder weniger würdig vergehen, die alten Häuser, bei denen sich teure Wärmedämmung erst gar nicht lohnt. Und mit ihnen ihre Bewohner, im warmen Pullover, gebeugt, aber abgehärtet. Im Winde klirren die Fahnen. In den verwaisten Bauerngärten abgenagte Kohlstrünke und fliehende Katzen. Zeitenende.
Doch es kann auch ganz anders kommen...

Es ist ja geradezu augenfällig: der sogenannten Energiewende fehlt Sinn und Verstand. Bald ist jede Anhöhe im Vogelsberg mit Windanlagen bestückt. Auf den Dächern der Scheunen um mich herum blitzen Solarpaneele, chinesischer Provenienz, natürlich, der Landwirt ist schließlich sparsam. Und irgendwann wird man in der Ferne die Masten der Starkstromleitung sehen, die Windenergie von Nord nach Süd transportieren soll. Und selbst die Menschen in den wärmegedämmten Ställchen mit eingebauter Stoßlüftung werden für eine Politik zahlen, die nach Opportunität verfährt.
Und ich? Schraube mir keine Solardinger aufs Dach. Nicht aus ästhetischen Gründen oder weil bloß die schmale Giebelfront nach Süden ausgerichtet ist, man kann dank Subventionsgelder mit der Sache ja Geld machen ganz ohne Effizienz. Sondern weil ich kaum etwas vernünftiger finde, als an fossilen Energieträgern zu sparen. Fragt sich nur: wie.

Während andere auf die Sonne warten, träume ich nachts, wenn sich die Katzen an mich kuscheln, weil der Hausgeist kühl durch die Räume streift, vom Dachs. Und von Robert Stirling, einem auf den ersten Blick nicht sonderlich attraktiven Herrn. Schottischer Geistlicher, 1790-1878. Erfand den Stirling-Motor, der mit minimalem Energieinput Wärme erzeugt. Heute sitzt er in Blockheizkraftwerken, die es mittlerweile klein und handlich auch für Einfamilienhäuser gibt. Wenn ich genau hinsehe, sieht mein Hausgeist aus wie Robert Stirling.

Donnerstag, 2. Februar 2012

Helden?

Wenigstens auf einem Schiff ist der Mann noch Mann – dachten wir, bis zum unseligen Kapitän der Costa Concordia, diesem Milchgesicht, eine Landratte, wie sie im Buche steht. Ratte? Naja - es sollen ja die Ratten sein, die das sinkende Schiff als erste verlassen. Und der Kapitän, der als letzter geht. Alles eine Frage der Ehre, des Seerechts und, früher jedenfalls, des Eigeninteresses an der Sicherung der Ladung.
Tempi passati. Francesco Schettino, der Kapitän des havarierten Kreuzfahrtschiffes, nicht gerade die Inkarnation eines Seebären, hatte weder mit der Ehre noch mit seiner Ladung viel am Hut und flüchtete, statt standzuhalten. Als Kapitän der Herzen hätte er vielleicht noch getaugt – immerhin hat der Mann Gefühl gezeigt! – , aber nicht als Exemplar jener stolzen Lenker, die auf stürmischer See Ruhe bewahren und die Stellung halten, um die ihnen Anvertrauten sicher in den nächsten Hafen zu leiten.
Der Mann hat seinen Beruf verfehlt. Oder findet vielleicht der Beruf keine Männer mehr? Schaut man sich die derzeit frisch aufgeflammte Geschlechterdebatte an, so scheint Schettino alles zu verkörpern, was Frauen am neuen Mann bemängeln. Der riecht nicht mehr nach Tang und See, was ja seine Vorzüge hat; ist statt dessen reinlich und sieht nett aus. Doch hinter der ansprechenden Fassade lauert der Schluffi, der ziellose und entscheidungsunfähige, sich selbstquälerisch immer nur hinterfragende Weichspüler, der Mädchenmusik hört und „ich möchte lieber nicht“ sagt, wenn’s zum Schwure kommt. Der für nichts und niemanden Verantwortung übernimmt, noch nicht einmal für sich selbst. Weil er eine unglückliche Kindheit hatte und schlechte Erfahrungen gemacht hat. Mit so jemandem ist man nicht gern auf hoher See. Oder in einer Lebensbindung.
Mal abgesehen von der interessanten Frage, ob die Frauen daran womöglich mit schuld sind: War das tatsächlich mal anders? Zumal angesichts der Tatsache, dass Kindheit früher schrecklicher war, als wir es uns heute vorstellen können?
Muss wohl. Die Legende jedenfalls sagt ja. Die Legende behauptet sogar, es sei die Seefahrt, die den Mann zum Manne gemacht habe. Angesichts der ewig webenden Penelope fragt man sich zwar, ob das nicht auch eine Art von Beziehungsflucht war. Und von Odysseus’ Weggefährten wissen wir schließlich, dass nicht die Seefahrt, sondern Circe sie optimierte – als sie die Männer in Schweine verwandelte. Jedenfalls sollen sie nach diesem Abenteuer schöner und schlauer gewesen sein als zuvor. Doch wo Circe nicht zur Verfügung stand, half in der Tat ein Schiff, um die Männer zu verbessern. Und wenn es nur ein schlichtes Langboot war, auf dem 20 oder 30 Männer Platz hatten. Die Wikinger bewiesen vor tausend Jahren, dass man mit solchen Nussschalen die Welt erobern konnte.
Die Wikinger, Nordmänner aus Schweden, Dänemark, oder Norwegen, die zu Zeiten lebten, als die Geburtenrate hoch und Grönland grün war, hatten ein Problem, das ganz Europa plagte: junge Männer bzw. zu viele davon. Was an jungen Männern störte? Dass sie nichts zu tun hatten, sofern sie weder erben, heiraten oder zum Klerus gehen konnten, und aus lauter Frustration marodierend durch die Lande zogen.
Im fränkischen Mittelalter kanalisierte man die überschießende Kraft der „Überflüssigen“ in den Ritterheeren, eine zivilisatorische Großtat sondergleichen, übrigens. Die komplizierten Manöver, die man bei Reiterturnieren vorführte, erforderten unermüdliche Übung, was der Gesellschaft die üblen Folgen überschüssiger Energie ersparte, schufen Gruppengefühl, boten den besonders Geschickten Lebensunterhalt und waren die ökonomische Basis für einen ansehnlichen Tross, von Gauklern bis zu Marktfrauen.
Bei den Nordmännern ging es schlichter zu. Die überschüssigen Jungmänner bestiegen ein Boot, das, selbst wenn es mit einem Drachenkopf geschmückt war, überaus primitiv war. Ein Langboot verlangte seinen Insassen ein Höchstmaß an Entbehrungen und unendlich viel Disziplin ab: Zusammenarbeit, Durchhaltevermögen und ein Gefühl der Verantwortung fürs Ganze, was schon mit dem gleichmäßigen Ruderschlag beginnt. Wer das nicht nur überleben wollte, um an fernen Gestanden ausgehungert zu plündern, sondern, wie es den Nordmännern gelang, um Stützpunkte zu errichten und Handel zu treiben, brauchte mehr als reine Kraft und schiere Abenteuerlust. Zum organisierten und schlagkräftigen Verband wurde die Männerhorde auf hoher See.
Den Rest kennt jeder, der die Romane um Horatio Hornblower gelesen hat. Die christliche Seefahrt vereinte gnadenlosen Drill und unfassbare Brutalität mit hocheffizienter Organisation und absoluter Verlässlichkeit. Der Schauergeschichten gibt es in der christlichen Seefahrt genug: erbarmungslose Offiziere, entmenschte Mannschaft. Unterdrückung hier, Meuterei dort. Klar: Abstimmen und Ausdiskutieren geht nicht in existentieller Lage. Doch Befehl und Gehorsam setzen nicht nur Unterdrückung, sondern auch Verantwortung und Vertrauen voraus. Und wenn es um die Existenz ging, waren eine klare Befehlslage und eingeübte Routine gefragt.
Und deshalb geht der Kapitän als letzter von Bord – nicht nur der Ehre oder einer kostbaren Ladung wegen. Sondern weil er ohne das Vertrauen seiner Mannschaft nicht überlebt. Und das muss er sich verdienen.
Die Nutzanwendung für heute? Tja. Da stocken wir schon. Im Zeitalter von Einparkhilfen und Navigation für jedermann kommt einem das seemännisch-militärische Getue an Bord eher seltsam vor. Was brauch ich Vertrauen in einen weißgekleideten Tressenträger, der dem Captain’s Dinner vorsteht, wenn so ein riesiger Pott nur noch von feinster Technik abhängt, statt von Segeln, Wind, Wetter und dem lieben Gott? Umgekehrt gefragt: gibt es keinen Bedarf mehr, was den disziplinierten und verantwortungsvollen Mann betrifft (außer vielleicht beim Militär)?
Männer sind, rein zahlenmäßig, selten geworden, man behält sie also lieber im sicheren Zuhause. Doch nicht nur deshalb ist die Zeit der Helden vorbei. Wir leben in der friedlichsten aller Welten. Alles um uns herum ist auf Risikovermeidung optimiert. Entscheidungen existentieller Art sind nur noch selten nötig. Krieg und gefährliche Tiere leben weit weg. Kurz: der Mensch verlernt, was er nicht beständig übt. Soll man das bedauern?
Eigentlich nicht. Manchmal schon. Der havarierte Atommeiler von Fukushima zeigt, dass auch ausgefeilte Technik nicht vor Verwundbarkeit den Elementen gegenüber schützt. Und so einen riesigen Pott wie die Costa Concordia kriegt ein bloßer Felsbrocken in Küstennähe klein. Es gibt noch wirkliche Gefahren in dieser Welt. Und Menschen, die Verantwortung übernehmen, werden noch immer gebraucht. Es müssen ja nicht nur Männer darunter sein.
Die Welt, 2. 2. 2012