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Donnerstag, 1. April 2010

Doch keine Pause....

Am Sonntag wird es auf buchmarkt.de ein Gespräch über das Thema geben - und heute hat bereits die NZZ einen Essay über die Zukunft des Buchs, des Buchhandels, der Verlage, der Autoren veröffentlicht. Hier ist er:


Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das E-Book dem herkömmlichen Buch den Platz streitig machen wird. Eine ganze Branche fürchtet sich vor einer technologischen Revolution, die kaum aufzuhalten ist. Hart treffen wird es den Buchhandel und Verlage mit hohen Fixkosten. Den Autoren indes bieten sich Chancen.

«Niemals. DAS BUCH wird nicht sterben. Nicht nach 500 Jahren Erfolgsstory. Und nicht ausgerechnet jetzt.»

Wenn man genau hinhört, vernimmt man das Pfeifen im Keller. Dort sitzen Verlage, Buchhandel und Autoren beisammen, halten sich Augen und Ohren zu und beteuern, dass es sie auch in Zukunft noch geben werde, weil die Welt sie brauche. Kann sein. Oder auch nicht. Die Branche taumelt im Sturm einer technologischen Revolution, und bei Revolutionen geht es bekanntlich nicht zimperlich zu. Da fürchtet jeder um seinen Kopf.
Enteigner am Werk

Am meisten fürchten sich wie immer die Autoren – und das nicht ohne Grund. Wir regen uns zu Recht darüber auf (siehe die «Leipziger Erklärung»), wenn Feuilleton und Verlag es lässig nehmen, dass eine 17-Jährige aus der Generation Copy and Paste ein bisschen abgekupfert hat. Während man in der Musikbranche dafür bitter büssen muss – der deutsche Rapper Bushido wird wegen ähnlicher Vorwürfe ganze elf Alben schreddern müssen –, jubelte das Feuilleton den Pubertätsaufschrei «Axolotl Roadkill» mit seiner «Ästhetik der Intertextualität» in die Bestsellerlisten. Das mobilisiert alle Ängste, die ein Autor so hat, der vom Verkauf seines geistigen Eigentums leben will.

Denn da sind ja noch ganz andere Enteigner unterwegs. Noch nie war Raubkopieren so einfach wie heute. In seiner digitalen Form kann man im Internet jedes halbwegs erfolgreiche Buch kostenlos herunterladen. Schliesslich gebe es, meinen die Urheberrechtsverletzer, ein Menschenrecht auf Informationsfreiheit. Für die Autoren ein schwacher Trost: Immerhin sind es ihre Fans, die so scharf auf ihre Bücher zu sein scheinen, dass ihnen der Umweg über die Ladenkasse zu mühselig ist.
Wundertüte Internet

In düsteren Autorenträumen dauert es nicht mehr lange, und kreative Leistung ist gar nichts mehr wert. Das Internet, glauben viele, ist nicht ihr Freund: Diese Tüte voller Wunder, für die man nicht bezahlen muss, hat die Preise verdorben. Auch deshalb klammern Autoren sich ans Fortleben des BUCHS: Denn das E-Book wird billiger sein müssen, soll es eine Chance auf einem Markt haben, dessen Nutzer «Bezahlt wird nicht!» gewohnt sind. Für Autoren aber ist der Buchpreis noch immer das Mass aller Dinge, solange sich ihr Honorar in Prozenten daran bemisst.

Und so pfeifen sie eben mit im Keller und machen sich Hoffnungen: Noch ist es einigermassen mühsam, als Leser illegal an seinen Stoff zu kommen. Noch sind E-Book-Reader zu teuer und nicht elegant genug, damit Leserinnen sie gerne mit ins Bett nähmen. Noch lieben alle die nette Buchhändlerin in dem kleinen Laden gerade um die Ecke. Noch wollen die meisten Belletristik auf die gewohnte Weise lesen.

Noch gibt es wahre Lesefreunde, die jederzeit ein Plädoyer für DAS BUCH halten würden: Nichts gehe über dieses Kultobjekt aus Druckerschwärze und Papier, in feines Leinen oder Leder gebunden, gar noch mit Lesebändchen; einen edlen Gegenstand eben, in dem man nicht nur lesen, sondern den man auch streicheln, betrachten und ins Regal stellen kann. Ein Buch, das einen ordentlichen Ladenpreis auch wert ist!

Doch die dingliche Form des Buchs stellt in den meisten Fällen keinen Wert mehr dar, der für seinen Preis bestimmend wäre. Das Teure am Buch ist nicht seine gegenständliche Existenz. Die Druckkosten sind marginal in Relation zu den bis zu 50 Prozent vom Buchpreis, die an den Buchhandel gehen. Oder im Vergleich mit den Kosten eines Verlages, der eine teure Geschäftsleitung und viele Mitarbeiter beschäftigt, die für Vertrieb und Marketing sorgen. Auch die inhaltliche Arbeit am Buch bestimmt den Buchpreis nicht, nicht die im Lektorat und erst recht nicht die des Autors, der, wenn es hochkommt, 10 Prozent vom Ladenpreis eines Hardcovers und 6 Prozent von dem eines Taschenbuchs erhält.
In der Klemme

Fragen wir also einmal andersherum: Wäre es nicht geradezu eine Befreiung, wenn der Zwang zur Körperlichkeit mitsamt dem kostenaufwendigen Vertrieb wegfiele? Könnte es nicht sein, dass die Revolution der Gutenberg-Galaxis gerade für die Autoren die grössten Chancen bereithält?

Nehmen wir die Verlage. Insbesondere die grossen Tanker unter ihnen sitzen in der Klemme. Sie werden für eine womöglich recht lange Übergangszeit Bücher sowohl in der gewohnten handfesten Weise als auch als elektronisches und körperloses Wesen auf den Markt bringen müssen. Der ganze Vertriebsapparat muss also erhalten bleiben. Das mindert die Chancen, die im E-Book liegen: nämlich an den Kosten für den teuren Verkehr mit den Buchhändlern sparen zu können.
Die Macht der Ketten

Durchaus möglich, dass manch ein Verleger davon sogar träumt. Davon, endlich die Macht der grossen Sortimenter brechen zu können, die ihm nur noch das abnehmen, was sich massenhaft verkauft. Und die ihm ein «Warenkostenzuschuss» genanntes Bestechungsgeld abverlangen, wenn er möchte, dass seine Neuerscheinungen einen guten Platz auf den Verkaufstischen bekommen.

Solche Träume könnten wahr werden. Die Macht der grossen Ketten bröckelt. Denn wozu braucht man sie noch? Gewiss nicht ihrer alten Kernkompetenz der Beratung wegen. Angesichts der Fülle von Neuerscheinungen und des Triumphzugs des Online-Handels ist Beratung höchstens noch ein Pluspunkt der kleineren Buchläden. Die deutsche Grossbuchhandlung Hugendubel spart folgerichtig qualifiziertes Personal ein und will überdies ein Drittel seines Sortiments mit «Non-Books» bestücken. Konsequenter ist die Buchhandelskette Thalia, wo man selbst ins E-Book-Geschäft einsteigen will, denn dafür braucht man keinen Buchhändler mehr.

Braucht man womöglich auch keine Verlage mehr in Zeiten des E-Books? Doch, doch, pfeifen die Verleger im Keller: Wo wären alle ohne uns als Vermittlungsinstanzen, ohne unser verlegerisches Eros, ohne unsere Aufzucht und Pflege von Autoren, ohne unsere Leidenschaft für schöne Bücher . . . Gewiss. Der Dankbarkeit ihrer Autoren können sie gewiss sein: Wo wären wiederum wir ohne Verlagsvorschüsse, die uns von Existenznot befreien und vom mühseligen Geschäft des Werbens und Verkaufens? Wo wären wir ohne Lektoren? Also mucken wir nicht lange und unterschreiben Verträge, in denen uns immerhin 20 Prozent vom niedrigen Preis eines E-Books zugesichert werden. Was soll's: Wir glauben ja fest an DAS BUCH! Also die Augen zu und weiterschreiben. So sind wir Autoren.
Mehr Selbstbewusstsein

Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein wäre gewiss nicht schlecht. Auch das Internet braucht «Content» – also Urheber. Auch gibt es immer wieder von der Marketingabteilung und den auf garantierte Verkäuflichkeit setzenden Sortimentern nicht vorhergesehene Wunder. Es sind die Leser, die das Kalkül unterlaufen, indem sie einen unbekannten Autor mit einem unbekannten Titel zum Bestseller machen.

Die Wiederbeatmung der Autoren aber kommt heute aus einer ganz anderen Richtung. Es wird Amazon sein, der Online-Handels-Riese, der das Bündnis zwischen Buchhandel, Verlagen und Autoren zerschlagen könnte. Amazon stellt seit kurzem eine Plattform zur Verfügung, auf der Autoren ihre Bücher selbst veröffentlichen können – und zwar auch ohne Verlag. Man will dabei die Autoren mit 70 Prozent am Erlös beteiligen (zum Vergleich: An den Buchhandel gehen bis anhin um die 50 Prozent). Auch Apple verhandelt momentan mit den sechs grössten amerikanischen Verlagsgruppen über ähnliche Konditionen. Eine Revolution? Zweifellos. Nur in Europa versucht man die Sache zu verschlafen.

Auch die Autoren schlummern fest. Sie sollten vielleicht einfach einmal nachrechnen: 70 Prozent von 3 Euro oder 10 Prozent von 20 Euro oder 6 Prozent von 9 Euro? Ach? Genau.
Veränderter Auswahlprozess

Es sind also nicht die Autoren, die sich vorm E-Book am meisten fürchten müssten, sondern vor allem der Buchhandel. Und jene Verlage, die sich auf ein neues Bündnis mit ihren Autoren nicht einlassen wollen, die, wenn sie geschickt sind, die Verhandlungsmacht des Buchhandels übernehmen könnten. Denn anderswo locken bereits andere Partner: kleine, wendige, von vornherein auf E-Books spezialisierte Agenten, die jene Overhead-Kosten, unter denen die grossen ächzen, gar nicht erst anhäufen. Gewinnen werden Verlage und Autoren, denen es gelingt, aus dem bloss anderen Aggregatzustand des zum E-Book gewordenen Buchs etwas Genuines, Überraschendes, auch junge Leser Begeisterndes zu machen.

Sicher, wird man in der Verlagswelt vielleicht sagen. Demnächst also wird jeder Mist veröffentlicht, den wir bisher durch unsere sorgfältigen Qualitätskontrollen verhindert haben!

Nun – diese Kontrollen hat bisher erstaunlich viel Mist passiert, Bücher als Massenware, die sich entschieden weniger leicht entsorgen lassen als elektronische Impulse. Und vieles ist den Verlagen auf ihrer Jagd nach dem garantiert Verkäuflichen sogar entgangen.

Es muss nicht schaden, wenn sich in Zukunft der Prozess umkehrt: Gedruckt wird nur noch, was sich in seiner digitalen Form bereits bewährt hat – und auch nur, wenn der Leser es will. Was dann noch auf einem Büchertisch landet, ist es wert, ins Regal gestellt zu werden.

So wird es womöglich weiterleben: DAS BUCH.

In: NZZ vom 1. April 2010

Freitag, 5. März 2010

Urheberexzeß

Natürlich geht es am wenigsten um ein Buch in der aufgeregten Feuilletondebatte um „Axolotl Roadkill“. Die allgemeine Gefühlseskalation deutet auf Abgründe ganz anderer Art. Deshalb vernimmt man noch unter den Triumphrufen begeisterter Literaturkritiker leise Verzweiflungsschreie – hatte man doch ganz kurz glauben dürfen, die alte Deutungshoheit wiedergewonnen zu haben. Doch über Erfolg und Niederlage auf dem Buchmarkt entscheidet längst nicht mehr das Feuilleton und das hat sich mit dem jüngsten Medienhype auch nicht geändert.
Denn der Event im Fall „Axolotl“ ist eben nicht das Buch, sondern die Person, die da als Autorin auftritt. Und die tut ihr bestes, das eigene Werk zum Verschwinden zu bringen. Nicht durch gedankenloses Abschreiben allein – da gibt es gravierendere Fälle. „Axolotl“ wird erst zum Fall durch die Veredelung des Plagiats zu einem Protest - gegen „diesen ganzen Urheberrechtsexzess“, der irgendwie nicht mehr paßt zur Generation Copy and Paste. In Wirklichkeit, so liest man unter den der 4. Auflage hinzugefügten Quellenvermerken, haben wir es hier mit einer „Ästhetik“ zu tun, die sich „Prinzip der Intertextualität“ nennt. Kurz: Kunst darf das.
Also doch nur ein Streit um Literatur? Nein. Die Nonchalance in Sachen Urheberrecht, die man einer jungen Autorin verzeihen mag, träufelt Gift in die Blutbahn einer siechen Branche. Autoren, Verlage, Buchhandlungen, das Feuilleton und der Kulturbetrieb insgesamt leb(t)en nun mal von der Gewißheit, daß geistiges Eigentum, zum Produkt gemacht und auf den Markt gebracht, noch Einkommen erschließen kann. Diese feste Burg ist längst am Bröckeln – und die Bausünden sind bekannt..
Die „Bezahlt wird nicht“-Mentalität im Internet ist der eine Punkt. Wer will schon noch für Zeitungen echtes Geld hinlegen, wenn man ihren Inhalt gratis im Internet abgreifen kann? „Content“ ist nichts mehr wert, sobald ihn der Leser auf dem Schirm hat. Ihm Geld abzuverlangen für ein paar flüchtige Zeilen oder Bilder, findet er unverfroren und zieht weiter – an die nächste Ecke, dorthin, wo öffentlich-rechtliche Medien dank der Gebührenzahler am Markt vorbei agieren können.
Das mag man Bequemlichkeit und Denkfaulheit nennen, gegen die moralische Appelle nichts ausrichten. Doch viele fühlen sich auch moralisch im Recht, da sie den kostenfreien Zugang zu Inhalten für den Ausdruck von Freiheit und Demokratie halten. Information für alle! Und Kultur für alle – na klar. Wie gut das klingt. Dabei weiß eigentlich jeder, daß die wenigsten Menschen Künstler sind und nicht jeder Schreibende etwas zu sagen hat.
Wo es um das Besondere geht, gibt es keine Gleichheit – und auch die Copy-and-Paste-Generation wird lernen (falls man es dort nicht längst schon weiß), daß „das Recht zum Kopieren und zur Transformation“ nur gilt, wo die Transformation in etwas Neues tatsächlich gelingt. Das aber ist Arbeit. Und die will bezahlt werden – solange der Staat nicht alle alimentiert, die auch nur ein Bruchteil Talent erkennen lassen. Stipendienliteratur aber ist, mit Verlaub, selten erfolgreich.
Die Buchverlage spüren es womöglich nicht im gleichen Maß, aber auch ihnen gehört die Ware nicht mehr, die sie verkaufen wollen. Es gibt schon jetzt kaum ein Buch von Publikumsinteresse, das nicht umgehend, ja oft noch vor Erscheinen kostenlos im Netz zu haben wäre – auch „Axolotl Roadkill“ ist für lau herunterzuladen, von jedem, der Urheberrechte für übertrieben hält.
Natürlich ist das Internet kein völlig rechts- und moralfreier Raum: es war schließlich ein Bewohner der Blogosphäre, der Hegemanns „intertextuelle“ Arbeitsweise bekanntmachte. Und – wer hätte das gedacht – in der Blogwelt findet man „helenisieren“ und „hegemannen“ überhaupt nicht lustig.
Doch nicht jeder dort, und das ist der zweite Punkt, der geistigen Diebstahl ablehnt und deshalb noch unter jede Marginalie seinen Copyright-Vermerk setzt, mag auch für Geistesprodukte zahlen. Das emphatische Bekenntnis zum „freien Zugang zu Informationen“ bemäntelt, daß das Internetpiratentum eine verdammt schäbige Seite hat. Man enteignet ja nicht nur Springer und andere, um die es angeblich nicht schade wäre, sondern vor allem Journalisten und Autoren, die von ihrem Gewerbe leben wollen.
Gewiß, die jammern schon immer gern – aber heute fürchten Autoren mit einigem Recht, Opfer jener Netzmentalität zu werden, die den kostenlosen Download der geistigen Produkte anderer für ein Menschenrecht hält. Denn wir haben es, und das ist der dritte Punkt, nicht nur mit einer schleichenden Enteignung der Urheber, sondern auch mit der Entwertung ihrer Inhalte zu tun. Die meisten Konsumenten dürften das nur elektronisch anwesende Buch für weniger wertvoll halten als eines, das gedruckt und gebunden ist und schwer in der Hand liegt (und mag das heute noch so kostengünstig zu machen sein). Noch immer werden Bücher nicht nur ihres Inhalts wegen, sondern auch als Gegenstand gekauft, den man in Bücherregalen ausstellt. Ihre virtuelle Erscheinungsform wird als weniger wert empfunden.
Für die Autoren ist das ein schlechtes Geschäft. Und für die Verlage wiederum ist das elektronische Buch wohl nicht so kostensparend, wie wir Autoren vermuten. Zumal „das Buch“ nicht untergehen wird, auch wenn das E-Book einen größeren Platz einnehmen sollte. Man muß also beide Systeme bedienen: den Vertrieb im Virtuellen und den handfesten in der Welt gebundener Bücher, in der schon längst nicht mehr der Literaturfreund mit seinem Buchladen, sondern die großen Buchhandelsketten das Marktgeschehen bestimmen.
Ja, auch die klassischen Buchverlage haben’s schwer, daran ändert auch ein „gemachter“ Bestsellererfolg nichts. Doch Leser wie Autoren brauchen eine Instanz, die prüft und sortiert und vermarktet und bewirbt (und auch mal hilft, wenn aus der „Ästhetik des Intertextuellen“ ein richtiges Buch werden soll). Das Geschäftsmodell von Amazon aber verheißt ihre Entmachtung: Dort hat man kürzlich dem Schriftsteller Ian McEwan die Bücher seiner Backlist abgekauft, um sie als E-Book zu verkaufen, und ihm 50 % des Erlöses angeboten. Kein Verlag kann da mit. Autoren sind also auf dem Weg in den Abgrund nicht allein.
Was wird geschehen? Die Romanautoren und viele ihre Leser beteuern natürlich tapfer: „das Buch bleibt!“ – schon aus haptischen und ästhetischen Gründen. Und es stimmt ja, noch ist kein Lesegerät auf dem Markt, das man (und vor allem frau) freudig mit ins Bett nehmen würde.
Doch das wird nicht lange auf sich warten lassen – Amazons Kindle und das iPad von Apple sind erst der Anfang. Wahrscheinlich wird es irgendwann Steve Jobs mit seinem Sinn für Schönheit und leichte Bedienbarkeit sein, der uns ein (bezahlbares) Lesegerät beschert, das nicht nur technisch überzeugt. Was dann?
Wie sorgt man dafür, daß sich nicht jeder aus dem Netz bedient, sondern seine elektronische Bibliothek redlich erwirbt? Soll man die Fehler der Musikindustrie wiederholen und es mit Kopierschutz versuchen? Hilft der Appell an die Moral, fordert man martialische Verfolgung der Übeltäter? Oder geht man zähneknirschend einen Deal ein und einigt sich mit Apple, dessen geschlossenes System mit funktionierender Bezahlroutine ja einige Vorteile bietet – genau deshalb, weil es nicht „frei“ ist (was im Ernst nur jene bemängeln, die vor allem wissen wollen, wie es funktioniert, während sich Normalsterbliche damit begnügen, daß es funktioniert). Das iPad garantiert, daß für „content“ auch bezahlt wird – auch an Apple, gewiß. Aber ebenso an Verlage und Autoren. Das wäre eine Chance.
Die letzte Möglichkeit aber ist die wahrscheinlichste: alle machen die Augen fest zu und hoffen, daß es so schlimm nicht kommt. Es reicht ja, wenn wir das Weltklima retten. Das, scheint mir, ist die Haltung, auf die man sich in der Branche stillschweigend verständigt hat. Und insofern ist der Ersatz des Buchs durch den Autor, wie wir ihn beim Hype um „Axolotl“ gerade erleben, nur konsequent. Auch in der Buchbranche wird man vielleicht demnächst mit dem Verkauf von Fanartikeln und Accessoires mehr verdienen als mit dem „Content“. Vielleicht hätte sich Helene Hegemanns Verlag auch die Markenrechte an den putzigen Schwanzlurchen rechtzeitig sichern sollen? Die sind derzeit der große Renner in Zoogeschäften.
Möglich wäre es natürlich auch, das Produkt neu zu denken. Das Buch neu zu erfinden. Die technischen Möglichkeiten seiner neuen „Hülle“ zu nutzen, um ihm seine Magie zurückzugeben, es mit Fühlern auszustatten, die nach anderen Welten ausgreifen und alle Sinne beschäftigen. Es wieder zum Wunderding zu machen, aus dem eine Stimme spricht, die Besonderheit verkörpert. Die einem Autor gehört im wahrsten Sinn des Wortes.
Und hatten wir nicht davon einige in der jüngsten Vergangenheit, Erfolgsgeschichten, die längst zu Legenden geworden sind? Man denke an die Harry-Potter-Saga oder an ebenso überraschende Wunder wie die Bestseller von Andrea Maria Schenkel und Daniel Kehlmann. Hier wurde kein Hype aufgezogen und kein Skandälchen provoziert, der Erfolg war ein unerwartetes Geschenk der Leser an die Autoren und ihre Verlage. Und um diese beiden und deren Überleben geht es – wieder mal, gewiß, aber auch ganz neu. Vielleicht gelingt es ja, in einem kreativen Bündnis, auch mit den Lesern, die Chancen des Zukünftigen auszuloten.
Denn eines ist gewiß: jede technische Revolution braucht einen Inhalt. Ohne den Erfindungsreichtum von Autoren bleibt der Bildschirm leer.

Quellenhinweis: Dieser Text verdankt viel den Gesprächen mit Reinhard Jahn

Wir Untertanen.

  Reden wir mal nicht über das Versagen der Bundes- und Landesregierungen, einzelner Minister, der Frau Kanzler. Dazu ist im Grunde alles ge...