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Dienstag, 29. November 2016

Ichichich. Der Selfiejournalismus

Sie ist noch gar nicht solange her, die Zeit, als Ichsagen als unhöflich galt. Vorbei: die Politik in der ersten Person, in den 70er Jahren erfunden, hat sich mittlerweile in Politik und Medien breit gemacht. Wer aus dem eigenen Inneren schöpft, gilt als authentisch. Den Politiker soll das Persönliche und Private zum Sympathieträger machen, dem Journalisten erspart es harte Arbeit – denn wenn man sich selbst zum Gegenstand der Beobachtung machen kann, fällt aufwendige Recherche flach. Selbermachen führt zur Erkenntnis: Wer wissen will, wie es sich unter dem Ganzkörperschleier lebt, zieht sich einen an und versucht es mit Spaghettiessen. Der Leser lebt und leidet mit.

Selfiejournalismus kann durchaus unterhaltsam sein. Weniger lustig wird’s, wenn das vermeintlich Authentische auch gleich noch als exemplarisch gilt.

Das Phänomen ist nicht neu: beim „Spiegel“ etwa heißt ein Artikel treffenderweise „Geschichte“, die am besten mit einem Einzelschicksal beginnt, das man dann aufs Große Ganze hochrechnet. Nun, ein subjektiv schweres Schicksal mag man bedauern, aber dass es fürs Ganze steht, müsste eine saubere Recherche erst beweisen.

Genau da beginnt das Problem. Die Vorstellung, dass das, was das Ich erlebt, universal und umstandslos verallgemeinerbar sei, verdirbt nicht nur das klassische journalistische Geschäft, in dem streng zwischen verallgemeinerbaren Fakten und subjektivem Befinden  unterschieden wurde, es schadet auch dem politischen Diskurs.

Arbeitsministerin Andrea Nahles etwa erzählt vom Vater und dem kleinen Dorf in der Eifel, wenn sie ihre Rentenpolitik begründen soll. Papi ist also der Maßstab für alle Menschen in der Bundesrepublik und die Eifel ist die Welt. Ähnlich Familienministerin Manuela Schwesig, die einen Schlosser zum Vater und einen Polizisten zum Neffen hat. Mit derart weitem Erfahrungshorizont wird man natürlich zu einem jener Experten, wie sie Plenarsäle und Talkshowrunden bevölkern. 

Experten, die aus der eigenen Biografie schöpfen und sich auf das verlassen, was sie „Bauchgefühl“ nennen, etwas, das ihnen sagt, was gut und richtig ist. Selbst die sonst eher nüchterne Bundeskanzlerin bekannte sich kürzlich zu einem „absolut sicheren Gefühl“, in der fälschlichen Annahme, wir lebten in postfaktischen Zeiten und die Menschen verstünden nur noch das, was nicht ihren Verstand anspricht, sondern geradewegs aufs Herz zielt.

Das alles könnte ein Irrtum sein. Wer die Kommentare in den Onlineausgaben der Zeitungen liest, hat nicht den Eindruck, dass die ja offenkundig politisch Interessierten, die sich dort zu Wort melden, Nachrichten vom Ich und Appelle ans Herz vermissen. Eher bemängeln sie, dass man ihnen klare Angaben zur Lage vorenthält. Sie fordern Sachdienliches, nicht Gefühlvolles.

Politik, so glauben ihre Kommunikatoren heute, braucht eine Erzählung. Ein Gefühl. Etwas, das betroffen macht. Alles, nur keine kalten Fakten oder soetwas Brutales wie die Wirklichkeit. Politik ist heute ein einziger großer Roman namens „Der Alte aus der Eifel.“ Das, in der Tat, ist postfaktisch. Das mag authentisch sein, vertrauensbildend ist es nicht.

Sie hat es einst treffend gesagt, Ingeborg Bachmann: Die Wahrheit ist den Menschen zuzumuten. Die aber ist mit subjektiver Befindlichkeit nicht zu verwechseln.

Montag, 4. Juli 2016

Politik und Literatur. Man sollte sie nicht verwechseln

Ein Roman lebt von seinen Figuren und ihrer Geschichte, von ihren Eigenheiten und ihren mehr oder weniger irrigen Vorstellungen von Gott und der Welt, der Liebe, den Menschen. Wer aus der Perspektive seiner Charaktere schreibt, muss radikal subjektiv sein, alles verstehen, viel verzeihen. Keine Figur, die glaubhaft sein soll, steht für irgendetwas anderes als für sich selbst.

Germanisten mögen sich hernach über das Werk beugen und das Schicksal der Helden für exemplarisch erklären. Doch wer seine Figuren dazu benutzt, um an ihnen ein Exempel zu statuieren, muss es schon sehr geschickt anstellen, um seine Leser zu fesseln, denn die Moral von der Geschicht’ ist schnell erzählt und Leser lieben es nicht, wenn man sie belehrt, statt sie für ein menschliches Schicksal zu interessieren.

Das Allgemeine, etwa das ganz große schicksalhafte Verhängnis, interessiert nur insofern, als es den Protagonisten auf die Füße fällt. Die Zeiten der „politischen Literatur“ sind gottlob vorbei, in denen alles Gleichnis war. Eine Geschichte, in der ein Kapitalist eine Rolle spielt, sagt nichts Verallgemeinerbares über den Kapitalismus, die Geschichte von Blaubart ist keine gültige Aussage über die Monarchie und ein preußischer Grundbesitzer macht noch keine Analyse des Junkertums. Heinrich Manns „Untertan“ steht nicht pars pro toto für die Deutschen und der Glöckner von Notre Dame nicht für alle Buckligen.

Die Schriftstellerin Antje Ravic Strubel definierte kürzlich als „Aufgabe von Schriftstellern“, „konkret zu werden, Geschichten zu erzählen, in denen die Individuen dann nicht einfach ‚Flüchtling’ heißen und in einer Statistik mit großen Zahlen verschwinden.“ „Es reduziert das Individuum auf einen Fall, es bringt Unterschiede zum Verschwinden. Solange man verallgemeinert, geht einen nichts wirklich an. Es gibt keine Identifikation mit dem Leid und keinen Respekt vor der Lebensgeschichte der anderen. Da, wo die politische und mediale Sprache im Vagen bleiben, können Autoren konkret werden, die Vielschichtigkeit eines Lebens veranschaulichen.“

Recht hat sie, einerseits. Das Wort „Flüchtling“ wird in der deutschen Debatte zur Vernebelung benutzt – der Tatsache, dass sich unter den Tausenden derer, die sich auf den Weg vor allem nach Deutschland machen, Menschen verbergen, deren Schicksal und Absichten sich völlig voneinander unterscheiden. „Flüchtling“ im strikten Sinn sind sie alle nicht, da sie bereits vor der Ankunft in Deutschland in einem sicheren Land waren, viele von ihnen aber sind Menschen, denen Schutz gewährt werden soll und muss. Einen Anspruch auf Asyl wiederum hat nur, wer eine persönliche Verfolgung zu beklagen haben. All jenen aber, die auf der Suche nach einem besseren Leben sind, kann man Verständnis entgegenbringen, ein Anspruch leitet sich daraus jedoch nicht her. Unter der Verschleierungsvokabel „Flüchtlinge“ steckt also ein gewaltiges Potential, vor allem eines für Konflikte. Das wäre eine spannende Erzählung: wie der schwule Blogger sich gegen einen jungen Muslim behaupten muss, der seine homoerotischen Neigungen unter aggressiver Schwulenfeindlichkeit verbirgt, wie die junge Mutter zweier Kinder bei einem Mann Schutz sucht, der sich als so gewalttätig entpuppt, wie die Brüder zuhause, vor denen sie geflohen ist...

Andererseits: es steht zu befürchten, dass die Schriftstellerin genau das nicht meint, wenn sie schließt: „Wenn ich die Erfahrung eines einzelnen Menschen anschaulich mache, ist das schon ein politischer Vorgang.“ Man kann sich vorstellen, welchen „einzelnen Menschen“ sie meint: eine Ikone des Opfertums, großäugige Kinder, weinende Frauen. Stoff für Literatur? Gewiss. Politisch? Nur im Sinne jenes Politikbegriffs, demzufolge es darauf ankomme, in Menschen Gefühle zu erzeugen. „Ein Bild sagt mehr als alle Worte“: darin fasst sich die Absicht der medial erzeugten Propaganda zusammen.

Das Politische hat es nunmal genau mit dem zu tun, was die Schriftstellerin anprangert, mit dem Allgemeinen, also mit Statistik und großen Zahlen. Die politische Aufgabe, an der die Merkel-Regierung in Sachen Migrationskrise gescheitert ist, besteht ja genau darin, zu erklären, was sich unter dem unzutreffenden Allgemeinbegriff „Flüchtling“ jeweils verbirgt. Das Land, „die Allgemeinheit“, muss wissen, wer hierhin kommt und mit welchen Absichten, wer gehen muss und wer bleiben kann. Wir brauchen Zahlen und Statistik. Der Einzelfall gehört der Literatur.

Die Verwechslung von Politik mit Literatur verheert die politische Debatte. Die „politische Literatur“ überlebt ausgerechnet da, wo sie nicht hingehört. Sie hat schon der Literatur nicht gut getan, dem Politischen sui generis aber hat sie den Garaus gemacht. Politik, so glauben ihre Kommunikatoren heute, braucht eine Erzählung. Ein Gefühl. Etwas, das betroffen macht. Alles, nur keine kalten Fakten oder soetwas Brutales wie die Wirklichkeit. Politik ist heute ein einziger großer Roman namens „Der Alte aus der Eifel.“

Dem geneigten Schweizer Publikum sei das erklärt: die bundesdeutsche Ministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles, begründete ihre Entscheidung, das Renteneintritts-alter wieder auf 63 Jahre zu senken, mit dem Schicksal ihres Vaters, der mit 61 nicht mehr arbeiten konnte. „Mein Vater war Maurer und ist mit 73 Jahren gestorben. Wenn mir da einer mit Arbeiten bis 70 kommt, werde ich sauer”, sagte sie Bild am Sonn-tag. Papi also ist der Maßstab für alle Menschen in der Bundesrepublik, ach was: die Eifel ist die Welt! Im Bundestag stimmte Nahles das Pippi-Langstrumpf-Lied an, das dieses Politikverständnis auf den Punkt bringt: „Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Dass das Thema ihrer Magisterarbeit an dieser Weltsicht schuld ist, möchte ich ihr indes nicht unterstellen. Es lautete: „Funktion von Katastrophen im Serien-Liebesroman“.

Ihre Kollegin, Familienministerin Manuela Schwesig, tut es ihr nach. „Mein Vater ist Schlosser, der hat jahrelang auf dem Bau gearbeitet, der hat es nicht mal bis 65 geschafft, weil seine Knochen kaputt sind“, sagte sie jüngst im Fernsehen, als es um die Rente ging. Übrigens ist ihr Neffe Polizist, sie schöpft also auch hier direkt aus der Quelle.

Was so volkstümlich daher kommt - seht her, ich bin ein Mensch wie du und ich! – ist zu einer Unsitte geworden, die jedes politische Gespräch abtötet. Allgemeine Aussagen werden mit dem Verweis auf eigene Erfahrungen und subjektives Empfinden zurückgewiesen, was etwa so logisch ist wie der entrüstete Ausruf des Kunden zum Handwerker, der den Fernseher reparieren soll: „Gestern ging er doch noch!“

Warum fällt es offenbar vielen schwer, zwischen einer verallgemeinernden Aussage (Statistik und „kalte Zahlen“!) und persönlichen Erfahrungen zu unterscheiden?
Der politische Journalismus pflegt die Verwechslung von Literatur und Politik schon lange. Beim „Spiegel“ nennt man einen Artikel denn auch treffenderweise „Geschich-te“. Eine Geschichte beginnt mit einem Einzelfall, der in der folgenden Beweisführung zum Exemplarischen hochgesampelt wird. Einzelschicksal und die Ich-Perspektive gelten als authentisch, was sie natürlich nicht sind, ein subjektiv schweres Schicksal mag man bedauern, aber dass es fürs Ganze steht, müsste eine saubere Recherche erst beweisen.

Neuerdings nehmen Journalisten sogar sich selbst als Maßstab. „Das Private ist politisch?“ Was für ein Missverständnis! Als politische Masche ist es eine Zumutung. Unübertroffen Angela Merkel, die, wenn das Volk Politik nicht darauf reduziert sehen möchte, ein „freundliches Gesicht“ zu zeigen, wo es um Angelegenheiten von allgemeiner Bedeutung wie die Hoheit über die eigenen Grenzen geht, „dann ist es nicht mehr mein Deutschland“ repliziert. Mit Verlaub: mich interessiert die „Stimme des Herzens“ nicht, wenn es um Entscheidungen geht, die auf gravierende Weise die Allgemeinheit betreffen. A bisserl Verstand wäre uns Untertanen lieber.

Was aber die Literatur betrifft: nur ihr gehört das Subjektive, der unverstellte Blick aufs Einzelne, Einmalige. Sie sollte es vor politischem Missbrauch bewahren.

NZZ, 2. Juni 2016

Politik und Literatur. Man sollte sie nicht verwechseln

Ein Roman lebt von seinen Figuren und ihrer Geschichte, von ihren Eigenheiten und ihren mehr oder weniger irrigen Vorstellungen von Gott und der Welt, der Liebe, den Menschen. Wer aus der Perspektive seiner Charaktere schreibt, muss radikal subjektiv sein, alles verstehen, viel verzeihen. Keine Figur, die glaubhaft sein soll, steht für irgendetwas anderes als für sich selbst.

Germanisten mögen sich hernach über das Werk beugen und das Schicksal der Helden für exemplarisch erklären. Doch wer seine Figuren dazu benutzt, um an ihnen ein Exempel zu statuieren, muss es schon sehr geschickt anstellen, um seine Leser zu fesseln, denn die Moral von der Geschicht’ ist schnell erzählt und Leser lieben es nicht, wenn man sie belehrt, statt sie für ein menschliches Schicksal zu interessieren.

Das Allgemeine, etwa das ganz große schicksalhafte Verhängnis, interessiert nur insofern, als es den Protagonisten auf die Füße fällt. Die Zeiten der „politischen Literatur“ sind gottlob vorbei, in denen alles Gleichnis war. Eine Geschichte, in der ein Kapitalist eine Rolle spielt, sagt nichts Verallgemeinerbares über den Kapitalismus, die Geschichte von Blaubart ist keine gültige Aussage über die Monarchie und ein preußischer Grundbesitzer macht noch keine Analyse des Junkertums. Heinrich Manns „Untertan“ steht nicht pars pro toto für die Deutschen und der Glöckner von Notre Dame nicht für alle Buckligen.

Die Schriftstellerin Antje Ravic Strubel definierte kürzlich als „Aufgabe von Schriftstellern“, „konkret zu werden, Geschichten zu erzählen, in denen die Individuen dann nicht einfach ‚Flüchtling’ heißen und in einer Statistik mit großen Zahlen verschwinden.“ „Es reduziert das Individuum auf einen Fall, es bringt Unterschiede zum Verschwinden. Solange man verallgemeinert, geht einen nichts wirklich an. Es gibt keine Identifikation mit dem Leid und keinen Respekt vor der Lebensgeschichte der anderen. Da, wo die politische und mediale Sprache im Vagen bleiben, können Autoren konkret werden, die Vielschichtigkeit eines Lebens veranschaulichen.“

Recht hat sie, einerseits. Das Wort „Flüchtling“ wird in der deutschen Debatte zur Vernebelung benutzt – der Tatsache, dass sich unter den Tausenden derer, die sich auf den Weg vor allem nach Deutschland machen, Menschen verbergen, deren Schicksal und Absichten sich völlig voneinander unterscheiden. „Flüchtling“ im strikten Sinn sind sie alle nicht, da sie bereits vor der Ankunft in Deutschland in einem sicheren Land waren, viele von ihnen aber sind Menschen, denen Schutz gewährt werden soll und muss. Einen Anspruch auf Asyl wiederum hat nur, wer eine persönliche Verfolgung zu beklagen haben. All jenen aber, die auf der Suche nach einem besseren Leben sind, kann man Verständnis entgegenbringen, ein Anspruch leitet sich daraus jedoch nicht her. Unter der Verschleierungsvokabel „Flüchtlinge“ steckt also ein gewaltiges Potential, vor allem eines für Konflikte. Das wäre eine spannende Erzählung: wie der schwule Blogger sich gegen einen jungen Muslim behaupten muss, der seine homoerotischen Neigungen unter aggressiver Schwulenfeindlichkeit verbirgt, wie die junge Mutter zweier Kinder bei einem Mann Schutz sucht, der sich als so gewalttätig entpuppt, wie die Brüder zuhause, vor denen sie geflohen ist...

Andererseits: es steht zu befürchten, dass die Schriftstellerin genau das nicht meint, wenn sie schließt: „Wenn ich die Erfahrung eines einzelnen Menschen anschaulich mache, ist das schon ein politischer Vorgang.“ Man kann sich vorstellen, welchen „einzelnen Menschen“ sie meint: eine Ikone des Opfertums, großäugige Kinder, weinende Frauen. Stoff für Literatur? Gewiss. Politisch? Nur im Sinne jenes Politikbegriffs, demzufolge es darauf ankomme, in Menschen Gefühle zu erzeugen. „Ein Bild sagt mehr als alle Worte“: darin fasst sich die Absicht der medial erzeugten Propaganda zusammen.

Das Politische hat es nunmal genau mit dem zu tun, was die Schriftstellerin anprangert, mit dem Allgemeinen, also mit Statistik und großen Zahlen. Die politische Aufgabe, an der die Merkel-Regierung in Sachen Migrationskrise gescheitert ist, besteht ja genau darin, zu erklären, was sich unter dem unzutreffenden Allgemeinbegriff „Flüchtling“ jeweils verbirgt. Das Land, „die Allgemeinheit“, muss wissen, wer hierhin kommt und mit welchen Absichten, wer gehen muss und wer bleiben kann. Wir brauchen Zahlen und Statistik. Der Einzelfall gehört der Literatur.

Die Verwechslung von Politik mit Literatur verheert die politische Debatte. Die „politische Literatur“ überlebt ausgerechnet da, wo sie nicht hingehört. Sie hat schon der Literatur nicht gut getan, dem Politischen sui generis aber hat sie den Garaus gemacht. Politik, so glauben ihre Kommunikatoren heute, braucht eine Erzählung. Ein Gefühl. Etwas, das betroffen macht. Alles, nur keine kalten Fakten oder soetwas Brutales wie die Wirklichkeit. Politik ist heute ein einziger großer Roman namens „Der Alte aus der Eifel.“

Dem geneigten Schweizer Publikum sei das erklärt: die bundesdeutsche Ministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles, begründete ihre Entscheidung, das Renteneintritts-alter wieder auf 63 Jahre zu senken, mit dem Schicksal ihres Vaters, der mit 61 nicht mehr arbeiten konnte. „Mein Vater war Maurer und ist mit 73 Jahren gestorben. Wenn mir da einer mit Arbeiten bis 70 kommt, werde ich sauer”, sagte sie Bild am Sonn-tag. Papi also ist der Maßstab für alle Menschen in der Bundesrepublik, ach was: die Eifel ist die Welt! Im Bundestag stimmte Nahles das Pippi-Langstrumpf-Lied an, das dieses Politikverständnis auf den Punkt bringt: „Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Dass das Thema ihrer Magisterarbeit an dieser Weltsicht schuld ist, möchte ich ihr indes nicht unterstellen. Es lautete: „Funktion von Katastrophen im Serien-Liebesroman“.

Ihre Kollegin, Familienministerin Manuela Schwesig, tut es ihr nach. „Mein Vater ist Schlosser, der hat jahrelang auf dem Bau gearbeitet, der hat es nicht mal bis 65 geschafft, weil seine Knochen kaputt sind“, sagte sie jüngst im Fernsehen, als es um die Rente ging. Übrigens ist ihr Neffe Polizist, sie schöpft also auch hier direkt aus der Quelle.

Was so volkstümlich daher kommt - seht her, ich bin ein Mensch wie du und ich! – ist zu einer Unsitte geworden, die jedes politische Gespräch abtötet. Allgemeine Aussagen werden mit dem Verweis auf eigene Erfahrungen und subjektives Empfinden zurückgewiesen, was etwa so logisch ist wie der entrüstete Ausruf des Kunden zum Handwerker, der den Fernseher reparieren soll: „Gestern ging er doch noch!“

Warum fällt es offenbar vielen schwer, zwischen einer verallgemeinernden Aussage (Statistik und „kalte Zahlen“!) und persönlichen Erfahrungen zu unterscheiden?
Der politische Journalismus pflegt die Verwechslung von Literatur und Politik schon lange. Beim „Spiegel“ nennt man einen Artikel denn auch treffenderweise „Geschich-te“. Eine Geschichte beginnt mit einem Einzelfall, der in der folgenden Beweisführung zum Exemplarischen hochgesampelt wird. Einzelschicksal und die Ich-Perspektive gelten als authentisch, was sie natürlich nicht sind, ein subjektiv schweres Schicksal mag man bedauern, aber dass es fürs Ganze steht, müsste eine saubere Recherche erst beweisen.

Neuerdings nehmen Journalisten sogar sich selbst als Maßstab. „Das Private ist politisch?“ Was für ein Missverständnis! Als politische Masche ist es eine Zumutung. Unübertroffen Angela Merkel, die, wenn das Volk Politik nicht darauf reduziert sehen möchte, ein „freundliches Gesicht“ zu zeigen, wo es um Angelegenheiten von allgemeiner Bedeutung wie die Hoheit über die eigenen Grenzen geht, „dann ist es nicht mehr mein Deutschland“ repliziert. Mit Verlaub: mich interessiert die „Stimme des Herzens“ nicht, wenn es um Entscheidungen geht, die auf gravierende Weise die Allgemeinheit betreffen. A bisserl Verstand wäre uns Untertanen lieber.

Was aber die Literatur betrifft: nur ihr gehört das Subjektive, der unverstellte Blick aufs Einzelne, Einmalige. Sie sollte es vor politischem Missbrauch bewahren.

NZZ, 2. Juni 2016

Dienstag, 7. Juni 2016

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Es gibt Dinge, hat Thomas de Maiziere einmal gesagt, die man der Bevölkerung nicht erzählen sollte, da es sie „verunsichern“ könne. Zum Beispiel harte Fakten und solide Zahlen über das, was sie jetzt und in Zukunft erwartet, wenn der Zustrom nach Deutschland anhält.
Da hat er sein Publikum aber durchschaut! Hart und solide? Kalt und nüchtern? Das mögen die Landeskinder nicht. Wo es doch „um Menschen“ geht! Die Kanzlerin bevorzugt ja auch ein freundliches Gesicht, weil das einfach menschlicher ist. Und so folgt ein jeder der Stimme des Herzens, ohne dass wir erfahren, wohin das führt.

Die persönliche Betroffenheit ist das Markenzeichen des „menschlichen“ Politikers geworden. Wer keinen direkten Zugang zu einem menschlichen Schicksal hat, kennt gewiss jemanden, der jemanden kennt. Familienministerin Manuela Schwesig etwa hat einen Schlosser zum Vater, was für die Rentendiskussion von Belang sei, und einen engen Draht zu unseren Sicherheitskräften, da ihr Neffe Polizist ist. Sie schöpft also direkt aus der Quelle.

Arbeitsministerin Andrea Nahles hat ebenfalls einen direkten Zugang zum Volk, da ihr Vater Maurer in der Eifel war. Deshalb die Rente schon ab 63! Nichts könnte menschlicher sein. Papi ist der Massstab für alle anderen Mühseligen und Beladenen und die Eifel ist der Nabel der Welt. Es entspricht ungeschminkter Selbsterkenntnis, wenn Nahles im Bundestag das Pippi-Langstrumpf-Lied anstimmt: „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Wie hieß das noch in den 70er Jahren? Das Private ist politisch. Politik in der ersten Person. ICH mach mir die Welt...

Dass der Einzelfall exemplarisch sei, prägt schon länger das Verhältnis zur Wirklichkeit in Politik und Medien. Im Spiegel heißt ein Artikel treffenderweise „Geschichte“, die am besten mit einem singulären Schicksal anfängt, das man im Folgenden, gern mithilfe von „Dunkelziffern“, zum Gesamtbild hochrechnet. Wer das scheinbar so Evidente anzweifelt, wird vom mitleidenden Publikum mit Sätzen wie: „Aber ich kenne jemanden, der selbst gesehen hat, wie ...“ ins kaltherzige Abseits gestellt. Allein die Bemerkung, dass die Politik der offenen Grenze auch Kriminellen und Terroristen freien Zugang gewährt, wird gern beantwortet mit: „Meine muslimischen Freunde würden nie...“ Natürlich nicht. Meine auch nicht. Ich bin schließlich nicht mit Terroristen befreundet.

Wie kam das in die Welt, das Verwechseln des Einzelnen mit dem Allgemeinen? Warum fällt es vielen so schwer, zwischen einer verallgemeinernden Aussage und dem Einzelfall bzw. persönlichen Erfahrungen zu unterscheiden? Und kann man diese Unart auch wieder abstellen?

Wohl nicht, solange Politiker und Medien der Verkaufsstrategie folgen, dass es darauf ankomme, Gefühle zu erzeugen, wenn man dem Publikum etwas unterjubeln will. Unterstellen wir freundlicherweise, dass die wenigsten dabei wohl auf die Idee kämen, dass auch das, was in gutwilliger Absicht geschieht, den Grundsätzen der Propaganda folgt. „Ein Bild sagt mehr als alle Worte“, beispielsweise. In der Tat: es appelliert direkt ans Gefühl, wie etwa das Foto des kleinen an den Strand von Bodrum gespülten Aylan. Mitleid, dem Individuum geschuldet, bestimmte danach die Debatte weit über den Einzelfall hinaus.

Doch auch Fotos bilden nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit ab und stehen oft ganz und gar nicht für „das Ganze“. Dennoch ist die Angst vor „hässlichen Bildern“ nicht nur bei der Kanzlerin groß.

Politik aber ist keine Märchenstunde oder eine einzige große Erzählung, bei der es tatsächlich nur auf das Subjekt, auf die Gefühle und Motive der Protagonisten ankäme. Politik ist nicht Literatur, die das nicht nur darf, sondern soll: sich radikal auf den Einzelfall beziehen. Das Politische hat das Allgemeine zum Thema, dazu braucht es nüchterne Fakten, kalte Zahlen und eine Analyse der großen Zusammenhänge. Ein subjektiv schweres Schicksal wird jeder bedauern, aber ob es eine Aussage über das Ganze trifft – „die Gesellschaft“, „unseren“ Charakterzuschnitt – bedarf einer genauen Analyse. In einer so gründlich durchmoralisierten Debatte, wie sie hierzulande vorherrscht, gilt aber selbst das schon als Sakrileg.

Kann man die Unart, Politik und Moral, Gefühl und Realität zu verwechseln, wieder aus der Welt bringen? Es wäre an den Medien, das zu verweigern, worauf die stets wahlkämpfenden Politiker setzen, nämlich vor allem Gefühle zu erzeugen. Es wäre Aufgabe des Journalismus, alle Fakten zu benennen, auch und vor allem jene, die unangenehm sind, auch dem eigenen Gefühl. Kampagnenjournalismus ist nicht nur schnell entlarvt, er bringt vor allem die ganze Branche in Verruf. Wer einen AfD-Politiker so „überführen“ möchte, wie es die FAS kürzlich mit Alexander Gauland versucht hat, gibt zu erkennen, dass er keine besseren Argumente als den Appell ans gesunde Volksempfinden kennt.



Donnerstag, 15. Oktober 2015

Unser Kampf. Antwort auf Thomas Schmid

Es ist die Zeit aufsteigenden Nebels, und das hat nichts mit dem Herbst zu tun, sondern mit den vielen verschleiernden Sprachregelungen, die den öffentlichen Diskurs durchwabern. Eines der Worte, die vernebeln statt benennen, lautet „Flüchtlingskrise“. Doch es handelt sich bei denen, die in ungekannter Menge zu uns strömen, zum geringsten Teil um „Flüchtlinge“ (und auch nicht, wie die Grünen neuerdings wollen, um „Flüchtige“), sondern um Einwanderer, viele von ihnen unregistriert und illegal. Die meisten kommen aus sicheren Drittstaaten, die wenigsten haben Anspruch auf Schutz oder gar auf Asyl, wozu persönliche Verfolgung gehört, Krieg allein ist kein Grund.
Dass „alle Syrer“ kommen dürfen, hat nur der kleinen, aber feinen Passfälscherindustrie genützt. Je suis Syrer.

„Aber das ist egal“, sagt Angela Merkel. Haben wir also anstelle einer „Flüchtlings“- eine Regierungskrise? Das Kanzlerinnenwort „Wir schaffen das“ hat ja den gleichen Zauber wie das Wunder der Energiewende: Was wie wer schaffen soll, bleibt im Nebel der Gefühle.

Vielleicht hat ja die Jugendorganisation der Grünen all das ganz richtig und im Geiste des Fortschritts interpretiert, zumal bekannt ist, dass Angela Merkel die deutsche Fahne nicht sonderlich schätzt... Zum Tag der Deutschen Einheit posteten die jungen Grünen: „Am 3. Oktober wurde ein Land aufgelöst und viele freuen sich noch 25 Jahre danach. Warum sollte das nicht noch einmal mit Deutschland gelingen?“

Jubel! Wir sind auf dem besten Weg dahin.

Nun, was die einen so zu freuen scheint, fürchten die anderen: was ist die Souveränität eines Staates noch wert, der noch nicht einmal seine Grenzen sichern kann, der jeden hineinlässt, egal, um wen es sich handelt? Im Ausland hält man nicht nur die Deutschen, sondern auch die Kanzlerin für verwirrt. Wer genau hinschaut (und nicht nur auf die Bilder weinender oder gar toter Kinder), sieht junge Männer einmarschieren, gut genährt und gut gelaunt. (Nebenbei: die demografische Notlage, von der viele reden, wird dadurch nicht behoben, Kinder gebären können nur Frauen.) Sie haben an der Grenze zu Deutschland als erstes gelernt, dass man sich in diesem Land nimmt, was man will.

Nun ist die Lage da. Was tun?
Aufhören mit dem Jammern – denn hat nicht alles seine guten Seiten?

Das meint zumindest Thomas Schmid, einst Herausgeber der „Welt“ und noch viel früher Frankfurter Sponti, was vielleicht den anspielungsreichen Titel seines Essays erklärt: „Unser Kampf heißt Integration.“

„Diese Einwanderung“, schreibt er, „gegen die wir uns nicht wirklich abschließen können, wird Deutschland und Europa merklich verändern. Es wird ein Abenteuer werden“, „ein riskantes Spiel.“ Und in dieser Unübersichtlichkeit lägen die Chancen.

Sehen wir das alles also als Herausforderung, als Abenteuer. Denn es stimmt ja: die Deutschen leben seit vielen Jahren in einer Art Wolkenkuckucksheim, in dem man den „Klimawandel“ mit Windmühlenflügeln bekämpft und wo es darum geht, was man isst – bio, ohne „Gen“ und möglichst noch vegan –, statt darum, ob es überhaupt etwas zu essen gibt. Ein Land der Wunder, in dem weniger produziert als umverteilt wird. Ein Reich der Vollbeschäftigung, da wir Probleme nicht zu lösen, sondern zu verwalten pflegen, was eine Fülle staatlich besoldeter Arbeitsplätze schafft. Ein Paradies, in dem jeder Neuankömmling ein hilfsbedürftiges Opfer ist und nicht etwa Konkurrenz um knappe Ressourcen. Ein Biotop, in denen Frauen sich über dumme Sprüche mehr empören als über Frauenunterdrückung streng nach Koran.

Menschen, die noch nicht schon lange mit uns gekuschelt haben, könnten also durchaus angenehm frischen Wind in die Idylle bringen. „Der grüne Moralimperialismus“ etwa, schreibt Schmid, „schmilzt wie Schnee in der Sonne.“ Frischen Wind brachten übrigens bereits die Ossis nach Wessiland, die sich ein kritisches Ohr für rotgrünen Gutsprech bewahrt haben und noch heute auf Propaganda überaus empfindlich reagieren. Und es stimmt ja, Migranten sind weniger darauf angewiesen, sich ängstlich dem Gruppenkonsens anzupassen, den sie oft gar nicht kennen, ja viele der sonst so konsensfreudigen Deutschen freuen sich geradezu darüber, wenn jemand auf seiner „eigenen Kultur“ besteht. (Die Verachtung des Eigenen gehört offenbar zu den deutschen Sonderheiten, an denen wir festhalten wollen, denn es ist wohl kaum zu erwarten, dass sich Biodeutsche ein Beispiel an der Treue nehmen, mit denen Migranten an ihrem kulturellen Hintergrund festhalten. Ironie off.)

Also gut: es könnte sicher nicht schaden, unser verträumtes Eiland inmitten einer chaotischen Welt einmal gründlich durchzuschütteln. Doch in welche Richtung soll das gehen? Von welchem alten Plunder müssen wir uns noch verabschieden, nachdem sich die politisch korrekte und durchgegenderte grüne Bioveganfraktion marginalisiert hat?
Als erstes: weg mit dem Mindestlohn. Wer Migranten nicht auf Drogenhandel oder Randexistenz im eigenen Biotop reduzieren will, muss die Schwelle zum Einstieg in den Arbeitsmarkt senken. Und die ebenfalls von Andrea Nahles durchgesetzte Frühverrentung? Unsinn, sagt Professor Sinn: wir müssen länger arbeiten, um eine wachsende Zahl von Migranten zu ernähren, die überwiegend gering qualifiziert sind.

Und der Sozialstaat? Wer Einwanderung in großer Zahl will, muss sich vom deutschen Modell des Sozialstaats verabschieden, das auf einem engen nationalstaatlichen Rahmen beruht. Also weg auch damit.

Es wird, mit anderen Worten, vor allem eng für jene, die jetzt schon hierzulande am Existenzminimum leben. Wer von Herausforderung redet, sollte das nicht vergessen. Schon jetzt konkurrieren die Ärmsten und die Obdachlosen um Nahrung und um Wohnung. Wer nicht alle, die hartzen, für arbeitsscheu hält, wird sich damit abfinden müssen, dass die Willkommenskultur Opfer unter denen schafft, die bereits hier sind.

Über all die „Chancen“ der „Herausforderung“ kann man reden. Aber man sollte es auch tun.

Eines immerhin kann man dem Abschied aus dem Wolkenkuckucksheim abgewinnen: die Attraktivität Deutschlands – „Millionen mögen dieses Land“, Angela Merkel – wird abnehmen, also auch die Migrantenströme.

Ein letztes Wort zu „unserem Kampf“: noch bevor man weiß, wer gekommen ist und wer bleibt bzw. bleiben darf, ist Integration das neue Mantra, das alle anstimmen, die über die weniger hellen Momente ungern sprechen wollen. Wem das Zauberwort hilft, ist nicht ganz klar, nur eines ist gewiss: es schafft neue Stellen.

In alten Einwanderungsgesellschaften war Integration allerdings denen überlassen, die einwanderten. Sollte sich „unser Kampf“ nicht eher auf etwas anderes richten, auf das, was uns mehr wert ist als Symbolpolitik und „korrekte“ Sprache? Ein Alltag in Freiheit und Gleichberechtigung? Und freie Marktwirtschaft statt Staatsabhängigkeit?

Der Katalog darf gern ergänzt werden und meinetwegen darf das alles auch Leitkultur heißen. Denn wenn wir nicht wissen, wer wir sind und was wir sein wollen, wird aus dem Abenteuer und der Herausforderung das, was Michel Houellebecq so präzise beschrieben hat: Unterwerfung.

www.cora-stephan.de




Sonntag, 23. März 2014

100 Tage und kein Ende

100 Tage Große Koalition sind eigentlich keine Bilanz wert. Schließlich ist bislang alles so verlaufen, wie man es sich hat denken können. Die Kanzlerin hält auf bewährte Weise still, Sigmar Gabriel macht geübt den starken Mann und Andrea Nahles arbeitet an ihrer Unsterblichkeit. Mindestlohn, Rente mit 63, Energiewende: alles wie beschlossen und verkündet. Bedenken und andere störende Vorbehalte verfliegen im warmen Wind der Zustimmung, die der Regierung aus dem Volke zuströmt: was sozial aussieht, finden alle gut. Auch wenn es sozial nicht ist.
Angesichts dessen kommt sich furchtbar altmodisch vor, wer da noch an den Sinn der repräsentativen Demokratie erinnert, in der es nämlich nicht darauf ankommt, den Willen des Volkes zu exekutieren, sondern ihn sozusagen zu veredeln im Sinne des Interesses der Allgemeinheit. Doch von solchen Ideen ist die lobby- und klientelorientierte Parteiendemokratie so weit entfernt wie nie.
Die Rente mit 63 betrifft zwar nur eine Minderheit, aber das Signal ist gegeben: die sanfte Erhöhung des Renteneintrittsalters steht wieder zur Disposition, als ob nicht alle Welt wüsste, dass zunehmendes Lebensalter und abnehmende Geburtenzahl die deutsche Rentenformel längst obsolet gemacht haben. Und als ob nicht gerade erst eine Untersuchung bestätigt hat, dass der von lebenslanger harter Arbeit entkräftete Frührentner eine Ausnahmeerscheinung ist unter all den bis in die 80er energiegeladenen Senioren.
Auch die Einführung eines Mindestlohns ist nicht das, was sie zu sein behauptet: sozial. Zur Freude der besitzstandswahrenden Gewerkschaften drängt er die Jungen und die Unterqualifizierten aus dem Markt. Das ist den westdeutschen Arbeitervertretern ja bereits damals nach der Wende prima gelungen: gleicher Lohn für alle hat den Aufbruchswilligen im Osten die einzige Chance genommen, die sie hatten: sich mit niedrigen Löhnen einen Startvorteil zu verschaffen. Wie das geht, kann man in Polen sehen. Stattdessen legte man die neuen Bundesländer an den staatlichen Tropf.
Im Griff mächtiger Lobbies ist auch Sigmar Gabriel eingeknickt, der sich zunächst kühn ans Heiligtum der Energiewende wagte. In der Tat ist das Gesetz zur Förderung der erneuerbaren Energien, da man es leider nicht ersatzlos streichen kann, reformbedürftig. Es hat sich zu einem klassischen Fall für alle entwickelt, die die negativen Folgen staatlicher Subventionen studieren wollen: falsche Anreize führen mittlerweile zu einer gigantischen Geldvernichtung, während die versprochene Energiewende selbst ausbleibt. Energie wird weder sicherer noch erschwinglicher. Das EEG begünstigt Eigenheimbesitzer und Parzelleneigentümer. Man kann das auch Umverteilung von unten nach oben nennen.
Dem energiebedürftigen Industriestandort Deutschland schadet das. Und damit auch der alten Kernklientel der SPD, die übrigens erheblich unter der sogenannten kalten Progression leidet, einer außergesetzlichen Bereicherung des Staates auf Kosten der unteren Mittelschicht, wo jede Lohn- oder Gehaltserhöhung durch Aufrücken in der Steuerprogressionsleiter verloren geht. Das trifft gerade die Facharbeiter.
Die SPD scheint bemüht, alles abzuwickeln, was man ihr bislang zugutehielt. Nein, die Agenda 2010 ist nicht die alleinige Mutter des deutschen Wirtschaftswunders. Aber sie war ein wichtiger Teil, von dem nicht mehr viel übriggeblieben ist. Und so macht sich selbst bei Zynikern die Sehnsucht nach alten Haudegen wie Gerhard Schröder und Franz Müntefering breit, die das in jedem Interview selbstzufrieden auskosten.
Gibt es also nichts Positives zu berichten? Doch! Man muss sich nur ein wenig Mühe geben.
Da ist zum ersten die erfreuliche Tatsache, dass die Kanzlerin wieder ohne Krücken gehen kann. Und zum zweiten: dass Deutschland endlich wieder einen Außenminister hat, der diesen Namen verdient. Und über die Fallstricke des Gesetzes über erneuerbare Energien darf wenigstens geredet werden. Insofern gibt es Hoffnung: dass die SPD wieder ihre Kernklientel entdeckt – jene Arbeiterschaft, der daran liegt, dass Deutschland ein Industriestandort bleibt. Und wo man unter Solidarität nicht versteht, dass dieses Land sich dem Wirtschaftsniveau Griechenlands annähert, sondern dass es, im Gegenteil, stark genug bleibt, um die Hilfe auch leisten zu können, die es anderen so gern anbietet.

23. März 2014, NDR Info, Die Meinung

Wir Untertanen.

  Reden wir mal nicht über das Versagen der Bundes- und Landesregierungen, einzelner Minister, der Frau Kanzler. Dazu ist im Grunde alles ge...