Sieht ganz so aus. Jahrelang durfte man den lasterhaften vorlauten Flittchen nicht sagen, was man von ihnen hält. Doch seit überwiegend bärtige Männer aus spannenden Kulturkreisen (farbig wie bei Karl May!) es verstehen, aus dem bloßen Gefühl des Beleidigtseins Machtpolitik zu machen, kann auch der bartlose Softie hierzulande wieder in Würde sein Haupt erheben. Der deutsche Mann, der sich von Emma und ihren Schwestern jahrelang der schlimmsten Verbrechen hat beschuldigen lassen, der bis zur Selbstverleugnung tolerant gegenüber den Intoleranten gewesen ist, atmet durch und auf.
Ja, Allah sei Dank, der Islam hat Tugenden, die wir hier im gottlosen Westen nicht mehr kennen! Islam ist Friede, jedenfalls solange frau sich ordentlich anzieht und die Klappe hält.
Im Ernst: es fällt schwer, ernsthaft einzugehen auf das, was da in den letzten Wochen für ein Mist zusammengeschrieben (und gedruckt) wurde. Der Umkehrschluß feiert neue Beliebtheitsrekorde, überhaupt triumphiert eine kindliche Rhetorik, die sich im famosen Satz zusammenfassen läßt: „Wer es sagt, der isses auch!“ Damit pflegen sich schon Erstklässler gegen Kritik immun zu machen. In dieser kindlichen Welt ist man wehrlos, weil derjenige stets schuld ist, der etwas ausspricht.
Claudius Seidls Attacke in der FAZ (Untertitel „Broders Schwestern“) gebührt der Preis für die verklemmteste Frauendiskriminierung der noch jungen Saison. Erst wird Henryk Broder hart rangenommen, dann wird behauptet, Broder formuliere „nur besonders derb und drastisch“, „was auch andere behaupten, Menschen, die tatsächlich etwas vom Islam verstehen (…), wie die sympathische Necla Kelek“ – und schon wissen wir, was von Frau Kelek zu halten ist. Warum Seidl ihr nicht direkt gesagt hat, daß er ihre Argumente für absurd, falsch und zynisch hält? Weil sie FAZ-Herausgeber Schirrmacher den Börnepreis zuerkannt hat oder weil sie, als Frau, nicht ganz zurechnungsfähig ist? Mann kann es sich aussuchen.
Von bestechender Logik ist auch Thomas Steinfelds Analyse „unserer Haßprediger“ in der Süddeutschen Zeitung, den das alles tierisch nervt – „es muß nur irgendetwas geschehen, ein mißglücktes Attentat (…), schon geht die Debatte wieder los“ – weshalb er sein Bestes tut, sie zu erledigen.
Wer eine „Kampfschrift“ verfasse (wie Henryk Broder) „ähnelt“ „im Prinzip“ einem islamistischen Kämpfer, der die Waffe in die Hand nimmt; wer westliche Werte „beschwört“, ist ein „Haßprediger“; wer für die „offensive Verteidigung der ‚freien Gesellschaft’“ plädiert, begünstigt ein „autoritäres Regime“. Islamkritiker sind „selbstgerecht“, „gedankenfeindlich“, „bedingungslos militant“ und hängen einer „Siegerreligion“ an. Thema durch.
Ein Schelm, wer bei der Behauptung, daß eine Frau selbst an der Konfrontation schuld ist, wenn sie eine Konfrontation erkennt, sich an die alte These erinnert fühlt, daß, wer sich gegen einen Vergewaltiger wehrt, den Akt ja geradezu herauf beschwöre.
Auch Wolfgang Benz hat sich in der Süddeutschen seinen Ruf gründlich ruiniert. Mit dem ganzen Gewicht küchenpsychologischer Rhetorik weist er nach, daß Islamfeinde, also „Hetzer“, soetwas wie Antisemiten seien. Der Historiker hantiert mit Begriffen wie „Hysterie“ und „Abwehrreflex“, um zum Schluß zu kommen, daß das, was Islamkritiker stört (nicht nur mißglückte Attentate, übrigens), ebensowenig existiere wie das, was einst den Juden vorgeworfen wurde. Der Höhepunkt der Argumentation: „Derzeit wird der Islam gedanklich mit Extremismus und Terror verbunden, wodurch alle Angehörigen der islamischen Religion und Kultur mit einem Feindbild belegt und diskriminiert werden sollen.“ Leider morden und terrorisieren einige Fanatiker nicht nur gedanklich im Namen des Islam. Sollte es also die Absicht der Attentäter sein, den Islam zu diskriminieren? Und sollte man, um ihnen das Geschäft nicht zu erleichtern, deshalb lieber nicht vor Extremismus und Terror in Gedanken und Tat warnen? Ja, sind womöglich die "islamophoben" Kritiker die eigentlichen Bombenleger?
Nur Küchenpsychologen kämen jetzt auf die Idee, daß es offenbar westliche Männer gibt, die als unterdrückte Opfer der Frauenbewegung heimlich von ein bißchen Steinigen und Auspeitschen vorlauter Weber träumen. Oder daß sich Feuilletonredakteure nach Zensur sehnen, damit das Schreiben endlich wieder spannend wird,
Aber wahrscheinlich ist alles viel schlichter. Wahrscheinlich begreifen die feingeistigen Kulturrelativierer gar nicht, daß sie Solidarität aufkündigen – nicht mit Broders, sondern mit ihren eigenen Schwestern.