Sonntag, 20. Oktober 2013

Prunk, Protz, Pranger

In Sachen Bischof von Limburg hat der Protestantismus gesiegt oder das Proletariat. Passend dazu jene Worte, die Verachtung regelrecht herausprusten: Prunk und Pracht, protzen und prassen. Also: Pranger.
Vom fröhlichen Agnostiker bis zum strengen Lutheraner scheinen sich alle einig zu sein: der Katholik habe es an Bescheidenheit fehlen lassen, als er die Bischofsresidenz des hübschen Städtchens zu einem Schmuckstück ausbauen ließ – zu Kosten, die mittlerweile angeblich auf das zehnfache des ursprünglich vorgesehenen Betrags gestiegen sind.
Nun ist jener Bischof, ein schmales Männchen, gewiss kein Sympathieträger. Doch wie auch immer er gesündigt hat: niemand scheint ihn kontrolliert zu haben. Das Versagen sämtlicher kritischer Instanzen ist ein Krimi für sich. Wer sich da im Nachhinein unschuldig gibt, verhält sich unredlich.
Was jedoch am meisten irritiert: die öffentliche Empörung übersteigt bei weitem den Schaden. Denn der Bischof hat keine Steuergelder veruntreut, Vorwürfe können ihm höchstens seine Kirche und ihre Gläubigen machen. Woher also die Aufregung, die so auffällig fehlt, wenn es um „demokratisch“, also von der öffentlichen Hand geplante Bauwerke geht? Bei denen ist es üblich, dass die Kosten explodieren, was, wenn es nicht vorsätzliche Irreführung ist, zumindest darauf schließen lässt, dass Politik und Verwaltung Planung und Kostenkalkulation verlernt haben.
Der Schaden, sofern einer dem Bistum entstanden ist, geht im Grunde weder Politik noch Nichtkatholiken etwas an. Womöglich speist sich also die allgemeine Erregung aus tieferen Quellen, was so sprechende Worte wie „Protz“ und „Prunk“ nahelegen. Sie lassen vor unseren Augen ein Sittengemälde entstehen, in dem Klerus und Adel enthemmt verprassen, was das Volk mit Fleiß erschaffen hat. Und so führen sich all die Empörten und Selbstgerechten auf wie weiland im 18. Jahrhundert die Jakobiner, die im Namen der Tugend zum Tyrannensturz aufrufen. Dabei sieht ausgerechnet Tebartz-van-Elst nicht im Entferntesten aus wie die Karikatur des versoffenen und verfressenen Kirchenmannes. Doch wem, denken offenbar die Erregten, ist schon zu trauen, der sich eine freistehende Wanne ins Badezimmer stellen und goldglänzende Türklinken verbauen lässt?
Ohne mich zum Anwalt der katholischen Kirche machen zu wollen: an diesen Bildern und an dieser Empörung stimmt etwas nicht.
Etwa, was das Protzen und Prunken betrifft: wer, bitte schön, wäre geeigneter für die Entfaltung von Pracht als die katholische Kirche? Ihre Mönche und Bischöfe haben der Nachwelt die schönsten Dinge hinterlassen: Kathedralen und Champagner, um es mal auf diesen Punkt zu bringen. Bleiben wir bei den Kathedralen, diesen großartigen Bauten zu Ehren Gottes: nichts als Protz und Prunk und Verschwendung, nach den Maßstäben der Empörten. Doch – wollen wir sie missen? Ein Ort ohne Gotteshaus ist eine Ansiedlung ohne Mitte – und ohne Geschichte. Es sind nunmal die Adelspaläste, Bischofssitze und Bürgerhäuser, die Europa noch heute prägen, während die Behausungen der kleinen Leute selten ein Menschenleben überdauerten. Sollen wir deshalb auf die Zeugnisse früherer Prachtentfaltung verzichten?
Mag sein, dass sich dieser Bischof und jener Papst mit prächtigen Bauten ein Denkmal setzen oder seine Macht demonstrieren wollte. Doch sogar den sichtlich Eigensüchtigen darf man unterstellen, dass sie über den Tag hinaus gedacht haben. Kirchen und Paläste waren nicht für nur ein Menschenleben gedacht, sie sollten überdauern, bis in alle Ewigkeit, amen. In Zeiten, in denen Zweckarchitektur die Innenstädte veröden lässt und Reihenhäuser armselige Lebensabschnittshüllen geworden sind, die keinen Charakter mehr haben, ist das vielleicht einen Gedanken wert: dass es im Leben auch darauf ankommen könnte, etwas Bleibendes zu schaffen und zu hinterlassen.
Der Limburger Bischof hat jedenfalls ein gutes Werk für Limburg und seine Besucher getan, in dem er mit beträchtlichem Aufwand die prächtige Vikarie aus dem 15. Jahrhundert restaurieren ließ. Ob die Neubauten der Residenz Bestand haben, unterliegt einem ästhetischen Urteil, keinem moralischen oder buchhalterischen.
Doch das Spektakuläre des Neubaus scheint überwiegend unter der Sichtbarkeitsgrenze zu liegen. Und die Schießschartenoptik der neuen Kapelle lässt befürchten, dass sie in hundert Jahren niemanden mehr berührt. Dieses Urteil aber müssen wir der Nachwelt überlassen. Und der katholischen Kirche, sofern es sie und ihr Vermögen dann noch gibt.

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Ach, die FDP. Ach ja.

Vergangen, vergessen, vorüber und vorbei. Die FDP hat bekommen, was sie verdient. Denn nicht erst jetzt fehlt im Bundestag eine liberale Stimme. Wir Liberalen und Libertären sind schon lange heimatlos und leiden nicht erst seit gestern darunter, dass Liberalismus hierzulande mit der FDP identifiziert wird – zu Unrecht.
Oder soll man vielleicht doch ein klein wenig Mitleid haben? Denn jetzt mauert ihr auch noch die neue Führungsmannschaft, welche die Partei nach dem tiefen Fall wieder zur Sonne, zur Freiheit führen soll, den Grabstein breit. Als ob man Koalitionstreue nachholen müsste, sollen die wenigen verbliebenen Eurokritiker in der Partei endgültig mundtot gemacht werden. Man wolle ja nicht der Alternative für Deutschland hinterherlaufen. Natürlich nicht – man hat ihr schließlich den Weg bereitet.
Denn die FDP hatte ihre Chancen, der Freiheit eine Gasse zu schlagen – und hat eine nach der anderen verspielt. Statt dagegen zu halten, wenn die anderen Parteien ihre Kuschelparolen ausgeben, hat sie sich angebiedert. „Mitfühlender“ Liberalismus – ja herrje, haben wir das wirklich noch gebraucht angesichts des Gesumses und Gesäusels unserer Menschlichkeitsspezialisten von links bis CDU? Das letzte ehrliche Wort, das Guido Westerwelle ganz schnell wieder zurücknahm, um fortan den sprachlosen Außenminister zu geben, war das von der „spätrömischen Dekadenz“. Recht hatte er: das System der Wahlgeschenke soll, wie Brot und Spiele, das Volk ruhigstellen. Die Staatsschuldenkrise verdankt sich genau jener Politik, in der Stimmenkauf das politische Projekt ersetzt.
Doch die FDP blieb spätrömisch bis zum bitteren Ende, als ob Ruhigstellen die erste Bürgerpflicht wäre. Wäre sie eine liberale Partei gewesen, hätte sie der Debatte über die Risiken der Eurorettungspolitik Raum und Stimme gegeben und damit die „Alternative für Deutschland“, über die sie jetzt so bitter klagt, unnötig gemacht. Eine liberale Partei hätte den permanenten Rechtsbruch zum Thema gemacht, auf dem die „Eurorettung“ basiert und auf Vertragstreue, Eigenverantwortung und das Haftungsprinzip gepocht. Liberal wäre gewesen, auf dem Budgetrecht der frei gewählten Abgeordneten des (nationalen) Parlaments zu beharren, statt das Geld der Bürger irgendwelchen durch nichts legitimierten (europäischen) Instanzen auszuliefern. Liberal hieße, sich gegen eine Energiepolitik zu stemmen, die durch gigantische Subventionen den Wettbewerb verzerrt, die hierzulande weitgehend nutzlose Photovoltaik zugunsten innovativer Technik privilegiert und Umverteilung von unten nach oben begünstigt.
A propos Umverteilung: Es mag ja ungerecht sein, dass sich die FDP nie vom Ruch hat freimachen können, sie sei eine gemeinwohlfreie Partei der Besserverdiener und nur daran interessiert, das Wohl ihrer reichen Lobby zu mehren. Die Gegenfrage sei gestellt: warum hat es in dieser Partei keiner verstanden, das Lob all jener zu singen, die dafür sorgen, dass fast die Hälfte aller Bürger keine Lohn- oder Einkommenssteuer zahlen muss? Man könnte das schließlich eine Leistung nennen, die sich sehen lassen kann. Reichenschelte betreiben schon die anderen, für eine liberale Partei aber gibt es mehr als einen Grund, die hohe Steuermoral der Mehrheit der „Besserverdienenden“ zu rühmen, als der man im übrigen hierzulande schon als Handwerker oder mittlerer Angestellter gilt. Das Keifen gegen Steuerzahler, die man glaubt ducken und beleidigen zu müssen, statt sie zu ehren und zu preisen, ist die hierzulande vorherrschende Tonlage. Kühe, die Milch geben sollen, werden besser behandelt.
Diejenigen, die keine Steuern zahlen, brauchen keine Extralobby, die haben sie bereits – in einem Staat, in dessen Haushalt der größte Posten das Sozialbudget ist, weiß man, wie man durch Abhängigkeit Treue erzielt.
Womit wir bei einem liberalen Kernprojekt wäre: der Abwehr eines Staates, der seine Eingriffe Fürsorge nennt. Was könnte liberaler sein, als sich gegen die anmaßende Einmischung des Staates in die private Lebensführung der Bürger zu wehren? Wer sich nicht als hilfloses Wesen fühlt, das vom Staat gepäppelt und von lächelnden Politikdarstellern in den Arm genommen werden muss, wer selber weiß, was ihm gut tut, und keine Anweisung braucht, wie man „richtig“ lebt, hat hierzulande keine Lobby. Hat aber mittlerweile einen Verdacht: Wer nichts Substantielles zu sagen hat, bläht sich eben moralisch auf. Die Fürsorgerhetorik der Parteien soll das große Nichts verdecken, das sich sonst gähnend auftäte.
Nach solcher Bedeckung einer Blöße scheint großer Bedarf zu herrschen. Auch die Grünen halten vom Bürger wenig, vom Staat umso mehr. Mit Jürgen Trittin ist man zu den autoritären Traditionen aus K-Gruppenzeiten zurückgekehrt. Dabei hat es ja einst ein durchaus liberales Intermezzo gegeben, befeuert durch das Bündnis mit Bürgerrechtlern aus der DDR. Tempi passati - auch der wirtschaftsliberale Flügel der Partei um Margareta Wolf oder Oswald Metzger hat sich längst verabschiedet. Die Grünen hatten der heiklen Eurorettungspolitik der Kanzlerin nichts entgegenzusetzen, begeisterten sich mit protestantischem Eifer für Steuererhöhungen und haben ihre städtisch-lockere Klientel endgültig mit dem „Veggie“-Day vergrault. Was, bitte, hat eine Partei in den Kantinen der Republik zu suchen?
Fast tragisch könnte man nennen, dass die Partei ausgerechnet, was die „Energiewende“ betrifft, jedes Gespür für das verloren hat, was ihr doch sonst so heilig ist: Nachhaltigkeit, Natur und Umwelt. Eine plan- und hirnlose Energiepolitik, die dazu führt, dass der auf Kosten der Stromkunden hochsubventioniert erzeugte Strom verschenkt werden muss, ist sicherlich alles andere als ressourcenschonend. Dabei sind die materiellen und ideellen Kosten noch gar nicht mitgerechnet, die Vermaisung und Verspargelung der Landschaft auf Kosten von Flora und Fauna erzeugen. Merke: Die Geldbauchunke und Hufnasenfledermaus haben immer nur als Vorwand gedient. Wenn es dem roten Milan und unzähligen Zugvögeln ans Gefieder geht, bleiben die Grünen völlig ungerührt. Hauptsache, das böse Atom ist erledigt. Doch noch nicht einmal diese Trophäe kann die Partei sich anheften. Dieser Drache ist von der Kanzlerin erschlagen worden.
Was tun also ohne eine Partei, die man liberal nennen könnte? Ach, man musste ja lange schon ohne auskommen. Souveräne Bürger brauchen keine Lobby. Ansonsten: bei der Europawahl die „Alternative für Deutschland“ wählen. Damit ärgert man unter Garantie alle.