Samstag, 7. Dezember 2013

Alles Alice oder was?

Dass der deutsche Feminismus wie Alice Schwarzer aussieht, ist ihm nicht bekommen.

Zur Fußballweltmeisterschaft 2006 wurden in Deutschland 40 000 zugereiste Prostituierte erwartet. Wer damals schon wusste, dass es sich nur um 40 000 Zwangsprostituierte handeln konnte, war Alice Schwarzer. Sie hat seither dazugelernt. Heute weiß sie es besser: nicht alle, nur 95 % der Prostituierten täten ihren Job ungern, verkündete sie jüngst. Denen (und den restlichen 5 % gleich mit) soll ihr ungeliebtes Geschick zukünftig erspart werden. Die neueste Kampagne von Alice Schwarzer zielt auf die Abschaffung des ältesten Gewerbes der Welt.
Woher die „Ikone der Frauenbewegung“ ihre Zahlen hat? Das bleibt das Geheimnis Schwarzerscher Wahrheitsfindung und ist im Grunde auch wurscht. Denn es geht ihr nicht um den widerwärtigen Menschenhandel, in dem es eindeutig Opfer gibt, die beschützt, und Täter, die bestraft werden müssen. Es geht ihr ums sorgsam gepflegte Weltbild, wonach Männer Schweine und Frauen Opfer sind.
Dagegen gibt es nun einen Aufschrei besonderer Art: die im „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“ organisierten Frauen protestieren gegen ihre Vereinnahmung durch die Berufsfeministin Schwarzer. Sie halten deren Kampagne für einen Akt der Bevormundung. „Man kann Menschen nicht gegen ihren Willen helfen“, sagt Verbandssprecherin Undine de Rivière. Denn die Professionellen sehen sich nicht als Opfer. Männer, die sexuelle Dienstleistungen bezahlen (müssen), üben im Regelfall keine Macht aus. Es mag sein, dass manche von ihnen Schweine sind – arme Schweine, etwa, wie jene Kunden, „ die einmal zahlen, zehn Mal wollen und dann zwei Mal können“ (de Riviére über Flatrate-Freier). Aber eine freie Vereinbarung zweier Erwachsener über eine Dienstleistung ist keine Unterdrückung der Frau – es sei denn, man vertritt die Auffassung, Frauen seien mit ihrem Körper und ihrem Sex identisch. In paternalistischen Kulturen wird das so gesehen, weshalb man Frauen in den Ganzkörperschleier zwingt. Manch einer scheint das auch hierzulande für eine gute Idee zu halten.
Die neue Kampagne ist, was Schwarzers Kampagnen immer waren: Selbstinszenierung. Dass sie eine Ikone der Frauenbewegung sei, beruht auf einem Missverständnis. Eigentlich ist sie der beste Freund der Männer. Denen hat das Weltbild der Oberfeministin zunächst einen unschätzbaren Dienst getan: Sie dürfen Frauen als arme Hascherl betrachten, als Opfer, die beständig gefördert und beschützt werden müssen. Die überwiegend rein symbolischen Akte der Wiedergutmachung sind ein kleiner Preis für den geübten Frauenfreund, und das gendergerechte Parlieren tut nur einer winzigen Minderheit weh, die unter der Sprachverhunzung im öffentlichen Raum leidet.
In diesem Frauenbild ist kein Platz für Partnerinnen. Für Konkurrentinnen, die zu respektieren sind. Oder für Gegnerinnen, die man fürchten sollte. Denn fürchterlich kann Frau sein, wenn sie sich den Opferbonus zunutzemacht und den Spieß umdreht. Wer einen Mann des Sexismus oder der Vergewaltigung beschuldigt, ist mittlerweile in einer unschlagbaren Machtposition: so kann man Existenzen ruinieren.
Schwarzers Feminismus, demzufolge alle Männer potentielle Vergewaltiger sind, ist männerverachtend, gewiss. Aber sie hat, wie ihre Biografin Bascha Mika sagt, „vor allem ein Problem auf der Welt: Frauen. In nahezu allen Konflikten und Krächen, die sie ausgefochten hat, standen Frauen auf der Gegenseite. Mit Männern hat sie sich kaum je persönlich angelegt.“
In der Tat. Mit Frauen, die ihr die Gefolgschaft verweigern, geht sie gnadenlos ins Gericht. Das sind „"Wellness-Feministinnen“, die sich nur „für Karriere und Männer“ interessierten. Andere wiederum sind, wenn sie ihr kritisch kommen, Erfüllungsgehilfinnen, die „den Jungs nach dem Maul reden“ und ihre eigene „Vernuttung“ betreiben. Dass Frauen sich gegen solcherlei Anmaßungen der selbsternannten „Ikone“ selten wehren, liegt nicht nur an mangelndem Mut, sondern auch an fehlendem Masochismus: Schwarzers Gegenangriffe pflegen stets sexistisch zu sein und immer unter die Gürtellinie zu zielen. Wer ihr widerspricht, behauptet sie, handelt denunziatorisch und ist eine von Männern bestellte und bezahlte Agentin des Bösen.
Dass auch Alice Schwarzer von Männern bezahlt wird, ist hingegen kein Problem, steht sie doch so zweifelsfrei fürs Gute. Ihre komfortable Existenz im Kölner Bayenturm, wo sie über die Linie der „Emma“ und über ein „Frauenarchiv“ wacht, das jährlich weniger als 300 Besucher anzieht, verdankt sie Männern, darunter dem Mäzen Jan-Philipp Reemtsma, der sie mit Millionenbeträgen förderte. Auch so einer, der die Frauenbewegung mit Alice Schwarzer verwechselt hat. Erst eine Frau, Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, hatte den Mut, den Landeszuschuss für ein Privatprojekt von recht geringem öffentlichen Interesse radikal zu kürzen. Dass ausgerechnet Kristina Schröder, die Familienministerin, dann mit Bundesgeldern aushalf, ist ein Sonderfall von weiblichem Masochismus. Schröder wurde von Alice Schwarzer einst in einem offenen Brief als „hoffnungslose(r) Fall. Schlicht ungeeignet“ attackiert. Sie eigne sich höchstens als „Pressesprecherin der neuen, alten, so medienwirksam agierenden, rechtskonservativen Männerbünde und ihrer Sympathisanten.“
Doch ausgerechnet die haben längst ihren Frieden mit Alice Schwarzer gemacht. Eine Krawallschachtel, die ihre Geschlechtsgenossinnen kleinhält, ist entschieden einfacher zu handhaben als erwachsene Frauen, die keine Opfer sein wollen. Und das beantwortet schon die Frage, warum Alice Schwarzer „größer (ist) als der Feminismus in Deutschland“. Dies überaus zweischneidige Kompliment von Harald Schmidt sagt vor allem eins: dass es der „Ikone des Feminismus“ gelungen ist, die Frauenbewegung klein zu halten.
Dass ausgerechnet die „"Dienstleisterinnen“ des horizontalen Gewerbes den Opferbonus ablehnen, der ihnen angeboten wird, ist wahre Größe. Andere fühlen sich schon bei täppischen Männersprüchen als Opfer von Sexismus. Was lernen wir daraus? In Deutschland ist Feminismus zu einer weiblichen Problemzone geworden, die mit symbolischen Sprechakten glattgebügelt werden soll. Mit der Wirklichkeit hat das alles nichts zu tun. Höchstens mit Alice Schwarzer.



1 Kommentar:

  1. Sie haben in vielem recht, Frau Stephan. Ergänzen möchte ich aber noch, daß Alice S. die Kinder (und somit die Menschen?) haßt. Ich erinnere mich an Äußerungen, die sinngemäß besagten, daß Kinder ihre Mütter versklaven. – Fast schlecht wurde mir, als ich vor längerer Zeit einen Rückblick auf eine zur Hoch-Zeit der Abtreibungsdebatte nicht ausgestrahlte Panorama-Sendung sah. Da war Alice zu sehen, wie sie einer Abtreibung beiwohnte. (Warum die betroffene Frau bei einem solchen, intimste Belange berührenden Eingriff A. Schwarzer zugegen sein ließ, weiß ich nicht.) Es wurde nicht gesagt, warum die Frau abtrieb, ob sie um ihre Gesundheit fürchtete, ob sie in einer materiellen Notlage war, ob es Gewissensbisse gab, die der Frau vielleicht die Entscheidung schwer machten, all das blieb unbekannt. In äußerst unangenehmer Weise hat sich mir jedoch das triumphierende Gesicht der A. Schwarzer eingeprägt, als der Embryo gerade entfernt war, und sie zu der Frau fast freudig sagte: „So, das war’s“. Da war keinerlei Mitgefühl für die Frau, kein Gedanke an das eben getötete werdende Leben, sondern nur Triumph, so als hätte man eben die Frau von einer Geschwulst befreit. Dieser Haß auf werdendes Leben erinnert an die böse Fee aus dem Märchen.
    Überhaupt stört mich an vielen Feministinnen die Behauptung, Abtreibung sei ein gewissermaßen elementares Grundrecht der Frauen. Da gibt es gar kein Nachdenken, daß es sich nur um eine Notlösung handeln kann; denn schließlich ist der Fötus eben nicht identisch mit dem Körper der Frau. Ständig versuchen diese Frauen (heute erschreckenderweise fast unwidersprochen) der Allgemeinheit zu suggerieren, eine Abtreibung sei so nüchtern zu betrachten wie die Entfernung einer häßlichen Warze.

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