Montag, 6. Juni 2011

Ökodiktatoren

Die Kanzlerin hat ihr klimapolitisches Schicksal eng an das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung geknüpft, insbesondere an seinen Gründer und Direktor Hans Joachim Schellnhuber, Physiker wie sie und Berater der Bundesregierung seit 1992. Sein Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ist ein mächtiger Thinktank mit weitreichendem politischem Einfluss.
Auch Schellnhuber scheint zu jenen zu gehören, die es gar nicht so ungern sähen, könnte man die Skeptiker kriminalisieren – oder wenigstens mundtot machen. Seine Vorstellungen von Wissenschaftsfreiheit und Demokratie jedenfalls sind, höflich formuliert, irritierend. In einem Interview meinte er jüngst: „Kernfragen wie diese, ebenso die der Menschenrechtsfragen, gehören in die Verfassung. Das hätte zur Folge, dass es Richter gibt, die auch gegen eine Mehrheit entscheiden, wenn es im Sinne unseres Verfassungskonsenses richtig ist. Sie brauchen also auch ein paar wenige Leute, die eine ethische Elite darstellen. Am Ende werden Sie vermutlich mit einer breiten Mehrheit nicht Probleme lösen können, die eine kausale Distanz wie beim Klimawandel besitzen.“
Ins Deutsche übertragen: in Sachen Klimawandel muss die Demokratie zugunsten der Herrschaft einer ethischen Elite ausgeschaltet werden, weil den meisten Menschen die ferne Zukunft (und die dann womöglich sterbenden Kinder, mit denen auch Schellnhuber gern droht) nicht nah genug geht.
Das ist im Klartext die Politik des übergesetzlichen Notstands. In Schellnhubers schöner neuer Welt bestimmt eine „ethische Elite“, wo’s lang geht, die ihre Empfehlungen für – alternativlos hält.
Tatsächlich haben manche Vertreter der Klimalobby einen religiösen Glanz in den Augen. Sie sind die Hohepriester einer neuen Religion – die übrigens nicht schlecht zu einem protestantischen Pfarrhaus passt, dem Angela Merkel entstammt. Und auch nicht zu einer Sozialisation in der DDR, in der man die „Diktatur des Proletariats“ versprach – in Gestalt der Partei, denn die hat immer recht. Ihren Marxismus-Leninismus hat Angela Merkel gründlich gelernt.
Die neue Klima-Religion verspricht uns das Jüngste Gericht schon heute – es sei denn, wir unternehmen eine letzte große dramatische Anstrengung zur Rettung der Menschheit vor ihrem wohlverdienten Untergang. Am besten, wie das bei Religionen üblicherweise empfohlen wird, durch tätige Buße wie Ein- und Umkehr, Demut und Selbstbeschränkung und vor allem durch Ablasszahlungen ohne Ende.
Die neue Religion stößt in eine Lücke vor, die der Niedergang der großen Kirchen und Ideologien hinterlassen hat. Probaterweise bedient sie sich einer im wohlstandsverwöhnten Westen weitverbreiteten Grundstimmung: des schlechten Gewissens. Irgendwann, fürchten wir, präsentiert uns irgendeine Instanz die Rechnung für unser Wohlleben, sei’s Gott oder die Natur – mit biblischen Plagen wie Wirbelstürmen, Riesenwellen, Sintfluten, feuerspeienden Vulkanen, kurz: Tod und Teufel.
Die neuen Priester, die solches verkünden und mit ihrer Vorhersage des Weltuntergangs ein Milliardenpublikum Gläubiger versammeln, dulden wie alle Propheten keinen Zweifel an ihren Vorhersagen. Wer sie dennoch äußert, ist ein egoistischer Wicht, ein Beschwichtiger und Verharmloser, ein starrköpfiger Lügner oder schlimmeres, mindestens aber ein bezahlter Agent des Bösen. Der Vorsitzende des Weltklimarates IPCC, Rajendra Pachauri, spricht inzwischen wie der Anführer einer Aktivistengruppe, die sich berufen fühlt, die Gesellschaft zu schockieren, um sie „aufzurütteln“. „Der Übergang von der wissenschaftlichen Beratung zur politischen pressure group ist fließend.“
Wer in der Wissenschaft Widerspruch nicht zulässt, gerät schnell in den Verdacht, es gehe ihm um Glaubenssätze, nicht um Argumente. Und Glaubenssätze verbreiten sich wie die Spinne in der Yuccapalme, also mit der Dynamik eines Gerüchts: Irgendwann glaubt jeder, einem Eisbären beim Ertrinken zugesehen zu haben.
Nun, In der Sphäre der Politik haben Katastrophenprophetien ihren handfesten Nutzen. Wer sie ausruft, bestimmt das Ausmaß des „Notstands“ und der zu ergreifenden „Maßnahmen.“ Logisch also, dass manch einer die liberale Demokratie für ein Hindernis bei der Rettung des Globus hält und ein autoritäres Regime der Experten empfiehlt.
Unser Jahrhundert, sagt Peter Sloterdijk, wird womöglich als „ein Jahrmarkt der Erlösereitelkeiten in die Geschichte eingehen, an dessen Ende sich die Menschen nach Erlösung von der Erlösung und Rettung von den Rettern sehnen wird.“
Für Politiker aber sind solche Erlösungsgeschichten ein Himmelsgeschenk. Mit Blick aufs drohende Fegefeuer kann man den Untertanen Ungeahntes zumuten. Mit dem Versprechen der Rettung aus der Not auch.
Angie, die Naturwissenschaftlerin, hätte sich auf düstere Prognosen mit schwacher Datenbasis womöglich nie eingelassen. Zu Tinas Profil aber passt das: der prognostizierte Weltuntergang ist der Notstand, der fast jede Maßnahme rechtfertigt und von all dem anderen unerledigten Kram ablenkt. Alternativlos. Das ist der Wunschzustand jedes Politikers, denn dann kann er sein anstrengendes Handwerk ruhenlassen, das da heißt: Kompromisse finden.
Mittlerweile ist der Glaube an die finsteren Prophezeihungen der Klimagurus brüchig geworden. Kluge Bürger wissen, wo sie die gängigen Dogmen überprüfen können – in einer überaus regen Gegenöffentlichkeit im Internet. Der Glaube, dass „die da oben“ wissen, was sie tun, ist schon länger dahin. Der moralische Vorsprung, den man durchs Besetzen von Gattungsfragen erwerben kann, schmilzt ab. Es ist sicht- und spürbar geworden, dass die politische Steuerung des umstandslos Guten nicht funktioniert. Im Gegenteil, sie verhindert womöglich das Bessere.

Wer wollte bestreiten, dass es darauf ankommt, mit Gas, Öl und Kohle hauszuhalten, andere Energiequellen zu erschließen und die vorhandenen besonders sparsam einzusetzen? Niemand, denn das ist ganz ohne apokalyptische Szenarien erkennbar vernünftig. Aber wissen ausgerechnet unsere Politiker, was dafür nottut? Geschickte Lobbyisten sagen es ihnen – und das nennt sich dann Klimapolitik.

Aus: Cora Stephan, Angela Merkel – ein Irrtum. Knaus Verlag, München 2011

Kommentare:

  1. Danke für diesen Artikel, der das Problem in kurzen Worten auf den Punkt bringt. Ich erlaube mir, ihn auf meinen Blog zu verlinken.

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  2. Werde ich ebenfalls verlinken. Danke für diesen leider völlig zutreffenden Eintrag.

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  3. Cora, dein Buch ist eine intellektueller Hochgenuss! Es geht dabei nicht nur um Merkel, sondern um die Befindlichkeit der Politiker- und Wählerhirne. Das macht es interessanter als eine Nur-Biographie.

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