"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Samstag, 21. September 2013

Wie schön ist doch die Revolution.

Warum nur hat Revolution so einen sagenhaften Ruf? Warum glaubt nicht nur die Werbeindustrie, wo man neue Produkte gern als „revolutionär“ anpreist, damit sei Aufbruch und Befreiung gemeint, Erneuerung, Umwertung aller Werte, frische Luft, also rundum Schönes und Gutes? Und so gebiert in beschwingter Wahrnehmungsschwäche noch jede Generation ihre eigene rote Garde standesgemäß gewandeter Revoluzzer. Viele der Älteren applaudieren: hatte man nicht einst selbst die Hüften geschwungen zum „Street fighting man“ der Stones? Dann hat man in der Zwischenzeit womöglich vergessen, dass die Stones zwar dem Zeitgeist von 1968 Tribut zollten, aber sich zum melancholischen Salonmarxismus bekannten: marschiert ihr nur da draußen rum, wir müssen Musik machen, was anderes können wir nicht. Eine weise Entscheidung. Sie hat sich im Unterschied zu den Ritualen der Straßenkämpfer über die Jahre bewährt.
Und so fragt man sich, warum das reputierliche Lucerne Festival kürzlich mit „!Viva la Revolución!“ (schwarze Schrift in roten Blutblasen) und mit barbusiger Marianne für ein anspruchsvolles musikalisches Programm warb. Das ist ebenso witzig wie die übliche Werbung für Krimilesungen, wo man Mord und Totschlag für den heiteren Zeitvertreib von schwarzen Witwen zu halten scheint („Wie morden Sie am liebsten?“).
Revolution – nichts als ein lustiges Zitat? Die Freude am Aufstand (gern fremder Völker) nichts als ein modischer Irrtum von Sesselhockern? Die Begeisterung für die „Arabellion“ jedenfalls kündete von einem Missverständnis: dass allein schon der Aufstand der nach Freiheit dürstenden Massen die Dinge zum Besseren wenden müsse.
Gewiss: auch Friedrich Wilhelm Hegel erklärte die Freiheit zum Ziel der Revolution, mahnte allerdings, dass ihrer politischen Verwirklichung allerlei Hinderliches im Wege stehe. Denn die Schattenseite der Revolution war stets der Schrecken, der Terror, der die Häupter nicht nur der Vertreter des ancien regime wie die Kohlköpfe in die Körbe rollen ließ. Stets mündete der Freiheitswunsch der Individuen in der Diskussion, ob es angesichts des Erstrebten, der Freiheit für alle eben, denn auf das Leben eines Einzelnen noch ankomme. Einzelschicksale sind Krampf, in der Revolution oder im Klassenkampf. Menschenopfer für höhere Ziele sind der Revolution eingeschrieben.
An den postrevolutionären Blutströmen entwickelt meist nur bedingungs- und erbarmungslose Jugend Vergnügen. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann führt den Nimbus der Revolution denn auch nicht auf ihre Praxis, sondern auf ihr Pathos, ihre Gestik, ihre Symbolik zurück. Und das zieht all jene an, die ihren Schatten noch nicht gesehen haben. Den allerdings kennt man spätestens nach etlichen Jahrzehnten Anschauung. Allen anderen hilft das Studium der Geschichte.
Der Sturz des Schah-Regimes in Persien etwa sollte die Befreiung der unter der Last des Pfauenthrons ächzenden Masse bringen. Freiheit statt Farah Diba! Heute müsste sie ihre Bienenkorbfrisur unter einem muffigen dunklen Sack verstecken, die Herrschaft der Mullahs ist tödlicher und unerfreulicher als alles, was vorher war.
Die „Arabellion“ war das letzte große Ereignis, das Sehnsucht weckte. Gewiss, sogar im idealistischen Westen ahnte man, dass sie vielleicht ein Kampf für Demokratie war, gewiss aber nicht für rechtstaatliche Institutionen. Doch die neuerliche Faszination vom Aufstand der Massen war nicht nur Ausdruck von „Geschichtsvergessenheit, letzter Reflex einer Revolutionsromantik“ (Liessmann), sondern ebensosehr Gegenwartsblindheit: man musste schon die Augen vor der Realität einer durch Stammes- und Religionsfehden gespaltenen Gesellschaft ganz fest verschließen, um den Schatten zu übersehen: nach dem Sturz des Tyrannen neue Tyrannis. Und man musste Adonis überhören, den arabischen Schriftsteller Ali Ahmad Said, der schon zu Beginn des arabischen Frühlings erklärte, er könne an keiner Revolution teilnehmen, die in einer Moschee beginne.
Und doch gibt es etwas, das Revolution immer wieder zum Faszinosum macht, weil es tiefere Schichten anspricht, die das nüchterne Argument zunächst nicht erreicht.
Da ist das konservative Grundelement jeder Revolution: der Wunsch nach Wiederherstellung der gerechten Ordnung. Mit „gerecht“ ist hier nicht gemeint, was heute als Wieselwort jeden Wahlkampf krönt. Es bedeutet „regelrecht“, dem gewohnten Recht gemäß. Eine Herrschaft, die auf Dauer gegen die Regeln verstößt, ist unrecht, es ist legitim, sich gegen sie aufzulehnen. (Auch dieses konservativen Elements wegen haben Berufsrevolutionäre stets versucht, den Aufstand über sich hinauszutreiben, ihnen ging es nicht um Wiederherstellung der alten, „gerechten“ Ordnung, sondern um ihren Umsturz.)
Dank einer Politik von Brot und Spielen, mit der in Parteiendemokratien Gefolgschaft organisiert wird, ist von revolutionärem Elan im satten Westen wenig zu spüren. Doch ein offenbar nicht gänzlich zu betäubendes Gespür für das Unrechte des Regelbruchs lässt uns mitfiebern, wenn andere sich dagegen erheben.
An noch tiefere Schichten rühren die Bilder, die skandierende Massen zeigen, Menschenmenge in Bewegung. „Everywhere I hear the sound of marching, charging feet, boy, ’cause summer’s here and the time is right for fighting in the street, boy“, sang Mick Jagger zu einem treibenden Rhythmus, zu dem man nicht nur gut tanzen, sondern auch prima marschieren konnte. Rhythmisch bewegte Massen erzeugen einen archaischen Impuls und etwas, das man in der Psychologie „Bonding“ nennt. Wer mit anderen marschiert, ist ihnen verbunden – spätestens seit der Heeresreform des Moritz von Nassau ist das im übrigen auch beim Militär bekannt.
Es muss ja nicht immer „Bandera Rossa“ oder „Rede, Genosse Mauser“ sein, zu dem man marschiert. Der „Hohenfriedberger“ passt auch. Oder Ludwig van Beethovens „Schlacht von Vitoria“, ein Stück, das er nach dem Sieg der britischen über die französische Armee bei Vitoria 1813 schrieb.
Was wären wir also ohne Revolution? Besser dran? Dass die Französische Revolution uns Menschenrechte und Aufklärung beschert hat, gehört zu ihrem Mythos, der die Blutströme vergessen lässt, die ihre Anführer vergossen haben. Doch solche Kosten ändern offenbar nichts an dem archaischen Schauder, den eine Menge in Aufruhr auslöst. Glücklich, wer sich bei ihrem Anblick im Fernsehsessel befindet und die glimmenden Barrikaden andere wegräumen lässt.

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