Mittwoch, 9. Februar 2011

Wenn Mutti vom Krieg erzählt...

Frauen können alles und machen es niemandem recht – nicht sich selbst, nicht den Männern, nicht anderen Frauen, mit den Müttern angefangen. Und vor allem nicht den Müttern der Frauenbewegung.
Seltsam vertraut klingen die Ermahnungen, die wir von Alice Schwarzer gewohnt sind und die jetzt auch Bascha Mika serviert, zehn Jahre lang Oberdompteuse der taz. Schrill, anmaßend, unduldsam. Ganz so wie die unangenehmeren Exemplare unserer Altvorderen, die ihren Töchtern mit zusammengepressten Lippen erklärten, dass ihr Platz zu Hause sei und nicht in den unendlichen Weiten der Berufswelt.
Bei Schwarzer und Mika lautet der Vorwurf natürlich umgekehrt: die „Girlies“ und „Propagandistinnen eines Wellness-Feminismus“ (Schwarzer) sind nicht emanzipiert genug, schleichen sich heimlich in die Küche und an den Herd, wo sie ihre eigene „Vermausung“ betreiben (Mika), verludern damit den Feminismus (Schwarzer) und machen sich zu „Komplizinnen des Systems“ (Mika), statt sich und damit „einen Teil der Welt“ zu retten.
Girls just wanna have fun, inklusive Kerle, Kinder, Küche? Nichts da. Revolution muss sein oder wenigstens eine entsprechende Berufskarriere. Vielleicht bei den Rettungsschwimmern?
Der gekränkte Aufschrei der Mütter der Bewegung trägt gewiss nichts bei zur Verständigung der Generationen. Die alte Leier wird nicht dadurch aufregender, dass hier nicht Vati, sondern Mutti vom Krieg erzählt. Und vor allem: Wo ist der Realitätssinn geblieben, der die Frauenbewegung einst doch auch auszeichnete – inmitten heftigsten Ringens um die richtige Linie und den dazu passenden Lebensentwurf? Und wo ist die wenigstens partielle Rezeption neuer Erkenntnisse über das, was Frauen treibt – ja, was sie wollen? Weil alle Frauen „falsche Bedürfnisse“ haben, nur unsere Oberfeministinnen nicht?
Noch allen Müttern ist es schwergefallen, sich damit abzufinden, dass die Töchter ihre gewonnene Freiheit nicht dazu nutzen, das „Richtige“ zu tun. Bascha Mika zufolge müssen sie sich vor allem „von der inneren Kittelschürze verabschieden“ und die „Opferrolle“ ablegen. Das ist eine seltsam eindimensionale Sicht des Frauenlebens und erfasst herzlich wenig von den vielen gelebten Möglichkeiten. Zumal es ein Trugschluss ist, dass Frauen Opfer sind, nur weil sie nicht leben, wie linke Metropolenfrauen.
Gut, ich gebe es zu: Auch ich störe mich daran, wie viele auf Kosten der Gemeinschaft hochqualifizierte Frauen ihre Energien in die Verwaltung des Einkaufszettels und der Termine ihrer Sprösslinge stecken, ganz zu schweigen vom Rücken, den sie ihrem Mann freihalten. Doch Freiheit heißt nunmal, sich frei entscheiden zu dürfen, egal, wem das nicht passt und welches Weltbild etwas anderes vorsieht. Die gesammelten Botschaften aus der Realität zeigen, dass Frauen einfach nicht tun, was „Gender Mainstreaming“ vorsieht. Nur vor einem sehr engen Horizont lässt sich das als Unterwerfung interpretieren. Die Dinge sind komplizierter.
Richtig: Die wenigsten Frauen entscheiden sich heute für gutbezahlte Männerberufe, für die zeitraubende Karriere, für Macht und Geld. Warum nicht? Weil sie das nicht attraktiv finden. Sie entscheiden sich für mehr Zeit – für die Familie, vor allem. Mag sein, dass das feige sind. Aber es gehört zu des Menschen Freiheit, auf die Verbesserung der Welt auch mal keine Lust zu haben.
Und deshalb nützen all die entweder nur symbolischen (Quote in Aufsichtsräten) oder finanziellen (Kinderbetreuung) Angebote wenig: Frauen tun, was sie wollen. Eine Minderheit sieht in der Arbeit den Lebenszweck, eine weitere Minderheit in Mann und Kindern. Die große Mehrheit möchte Beruf und Familie möglichst bequem vereinbaren, ein von Bildungsniveau und Milieu völlig unabhängiger Wunsch. Dafür nehmen sie in Kauf, dass sie im Schnitt weniger Geld verdienen als Männer. Das ist das Ergebnis einer anderen Lebensplanung – und die meisten Frauen wählen sie in vollem Bewusstsein der Tatsache, dass sie dafür mit einer niedrigeren Rente bezahlen werden.
Aus diesen Entscheidungen resultiert jene Differenz, die wir als augenfälligen Beweis für die Diskriminierung von Frauen ansehen: Frauen verdienen im Schnitt weniger als Männer, weil ihnen kompensierende Faktoren wie etwa den der Zeit wichtiger sind. Die Länder mit der niedrigsten Erwerbsquote der Frauen kennen die geringsten Lohndifferenzen: Portugal und Spanien. „Ehrgeizige und leistungsstarke Männer und Frauen, deren Lebenszentrum die Arbeit ist, glauben, jeder sei so wie sie. Das stimmt glücklicherweise nicht“, schreibt die britische Soziologin Catherine Hakim.
Wer sich die Freiheit nimmt, Frauen in ihren Lebensentscheidungen ernst zu nehmen, wer daraus auf Geschlechtsunterschiede schließt und gar die Biologie, die Hormone, die „Natur“ zitiert, erntet noch immer schrille Empörung, vor allem der Frauen, die ihre Geschlechtsgenossinnen für beschränkt zu halten scheinen. Es sind vor allem Frauen, die bezweifeln, dass sich andere Frauen wirklich frei für Kinder und Haushalt entscheiden oder selbstbewusst dem sozialen Beruf statt der lukrativen Karriere den Vorzug geben könnten. Doch unbeirrt treffen die meisten Frauen auch weiterhin wenig karrierefördernde Entscheidungen, arbeiten Teilzeit und lassen sich von den Männern abhängen, die mit größerem Ehrgeiz und der freiwilligen 60-80-Stundenwoche an ihnen vorbeiziehen.
Ihre zögernde Haltung, schreibt die amerikanische Feministin und Buchautorin Susan Pinker, „gibt anderen Kandidaten, die vielleicht weniger qualifiziert, aber selbstbewusster sind, die Möglichkeit, diesen Platz einzunehmen.“
Sind die privaten Entscheidungen von Frauen also schuld daran, dass Machtpositionen ausgerechnet von denen besetzt werden, deren Qualifikation sich auf die Kunst der Intrige und des Pokerns um die Macht beschränkt? Dass, mit anderen Worten, die Dümmeren über unser aller Leben bestimmen? Man könnte eine regelrechte Sarrazinade aus diesen Überlegungen spinnen: die klugen Frauen hindern die mediokren Männer nicht nur nicht daran, die Macht zu erobern, sie kompensieren das noch nicht einmal mit höheren Reproduktionsanstrengungen. Siehste: Die Dummen, nicht ein mächtiges Patriarchat, regieren die Welt. Und Frauen sind ihre Komplizinnen. Also doch?
Frauen sind keine Opfer. Und Männer nicht nur Täter. Frauen können rechnen und oft sind sie auch berechnend. Für viele von ihnen ist der gutverdienende Ernährer noch immer eine Alternative zur unfreundlichen Berufswelt. Und deshalb ist es höchste Zeit, die Welt der Männer zu betrachten. Und die ist so bekömmlich nicht.
Schon ihre biologische Rolle ist nicht sehr attraktiv, die ein freundlicher Anthropologe einmal mit „Stud, Dud, Thud“ umschrieben hat – also etwa: rammeln, versagen, tot umfallen. Und sie mögen das stärkere Geschlecht sein, was die Muskelmasse betrifft. Psychisch sind sie anfälliger, werden in ihrer Jugend kriminell oder leiden unter ADHS, Legasthenie oder dem Asperger-Syndrom. Sie sind die unermüdlichen Schaffer, die sich krummlegen für die Familie und das Leben nach der Rente – und dann, wie zum Hohn, kurz nach dem 65. Geburtstag tot umfallen. Sie schwanken zwischen Genie und Wahnsinn, bringen es dank ihres Wagemuts zu höchsten Leistungen – und zu traurigen Rekordzahlen bei Unfällen und Selbstmorden.
Frauen, könnte man schließen, sind in ihrer Mehrzahl die normaleren – und deshalb machen sie nicht jeden Unsinn mit. Das hält gesund, beschert eine längere Lebensdauer und womöglich auch mehr Freude. Doch das Leben wäre ärmer ohne verrückte Männer und weit gefährlicher ohne vernünftige Frauen. Ganz offenkundig gehören beide zum Spiel – wie übrigens auch die etwa 20 % der Frauen, die das männliche Karrieremodell vorziehen und jene Minderheit der Männer, die es lieber kuschelig hat.
Sollte man Männern also den Ernährerstreik verordnen, damit Frauen endlich tun, was ihre feministischen Mütter für das richtige halten und die Welt eine bessere wird? Vielleicht hätte das auch andere positive Wirkungen. Matthias Horx hat unlängst „die männerbasierte Präsenzkultur“ aufs Korn genommen, die Monster erzeuge, nämlich „14 Stunden plus arbeitende Männer im Dopaminrausch“, in dem sich trefflich Finanz- und andere Krisen erzeugen lassen.
Frauen, andererseits, die in der reproduktiven Phase ihres Lebens mit ihrer Zeit geizen, sind, auch das vermelden die Forscher, weniger auf das mit der Rente gekrönte Berufsende fixiert. Sie suchen nach sinnvoller Beschäftigung auch nach dem Erreichen der Alters“grenze“. Das alles sind gute Gründe für ein Zurückdrängen des männlichen Karrieremodells, für die Entzerrung von Lebensplänen und für eine neue Form der Kooperation der beiden mit unterschiedlichen Präferenzen und Stärken ausgestatteten Geschlechter.
Die heute so hohe Lebenserwartung offenbart, wie absurd es ist, die wichtigen Dinge im Leben – wie ein befriedigendes Berufsleben und den Nachwuchs, den sich alle wünschen – in einen relativ kurzen Lebensabschnitt zu packen. Das zwingt Frauen, die beides wollen, zu einem anstrengenden Spagat. Ihnen droht nicht nur die „biologische Uhr“, sondern auch eine altertümliche Faustregel, die da heißt: wer mit 40 nichts ist, wird auch nichts mehr. Es liegt nahe, dass es die Perspektiven der Frauen über 40 sind, die jungen Frauen ihre Zukunft zeigen. Solange 40jährige im Berufsleben zum alten Eisen gezählt werden, ist es für jüngere Frauen klüger, auf den Ernährer zu setzen.
Eine Entzerrung des Arbeitsalltags wäre eine ebenso gute Idee wie eine Ablösung vom männlichen Arbeitsmodell, das da heißt: Maloche ohne Unterbrechung bis zur Rente. Ins heute so lange Leben sollte eigentlich alles passen – Kinder und Familie und Beruf. Nur vielleicht nicht alles auf einmal.
Sind Frauen feige? Ach was, das gibt sich mit den Jahren. Denn wie sagte noch Mae West? „Älterwerden ist nichts für Feiglinge.“ Lasst die Töchter also machen. Auch sie werden älter.

In: Literarische Welt, 6. Februar 2011

Kommentare:

  1. Ich bin voll mit Ihnen einverstanden, Entzerrung des Arbeitsalltages, Ablösung vom männlichen Arbeitsmodell muss die Devise sein. Wie kann das in ein politisches Programm umgesetzt werden?

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  2. "Sie entscheiden sich für mehr Zeit – für die Familie, vor allem. Mag sein, dass das feige ist."
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    Denke nicht, daß das feige ist. Meiner Erfahrung nach, als Vater in Elternzeit (inzwischen beendet) und Arzt, der weitreichende onkologische Entscheidungen treffen muß, stelle ich fest, daß das Erziehen eines Sprößlings sehr viel mit Verantwortung und wenig mit Bequemlichkeit zu tun hat. Aus meiner persönlichen Erfahrung hoffe ich, daß Positionen á la Bascha Mika, die Entscheidung für Familie und Kinder hätte etwas mit Wegducken und Gemütlichkeit zu tun, nicht weiter salonfähig werden: Familie und Kinder sind mehr als jeder Beruf eine Herausforderung, noch dazu eine sinnvolle - sinnvoller als jede 80Wochenstundenplakerei für Geld und Karriere!

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