"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Montag, 4. Juli 2016

Politik und Literatur. Man sollte sie nicht verwechseln

Ein Roman lebt von seinen Figuren und ihrer Geschichte, von ihren Eigenheiten und ihren mehr oder weniger irrigen Vorstellungen von Gott und der Welt, der Liebe, den Menschen. Wer aus der Perspektive seiner Charaktere schreibt, muss radikal subjektiv sein, alles verstehen, viel verzeihen. Keine Figur, die glaubhaft sein soll, steht für irgendetwas anderes als für sich selbst.

Germanisten mögen sich hernach über das Werk beugen und das Schicksal der Helden für exemplarisch erklären. Doch wer seine Figuren dazu benutzt, um an ihnen ein Exempel zu statuieren, muss es schon sehr geschickt anstellen, um seine Leser zu fesseln, denn die Moral von der Geschicht’ ist schnell erzählt und Leser lieben es nicht, wenn man sie belehrt, statt sie für ein menschliches Schicksal zu interessieren.

Das Allgemeine, etwa das ganz große schicksalhafte Verhängnis, interessiert nur insofern, als es den Protagonisten auf die Füße fällt. Die Zeiten der „politischen Literatur“ sind gottlob vorbei, in denen alles Gleichnis war. Eine Geschichte, in der ein Kapitalist eine Rolle spielt, sagt nichts Verallgemeinerbares über den Kapitalismus, die Geschichte von Blaubart ist keine gültige Aussage über die Monarchie und ein preußischer Grundbesitzer macht noch keine Analyse des Junkertums. Heinrich Manns „Untertan“ steht nicht pars pro toto für die Deutschen und der Glöckner von Notre Dame nicht für alle Buckligen.

Die Schriftstellerin Antje Ravic Strubel definierte kürzlich als „Aufgabe von Schriftstellern“, „konkret zu werden, Geschichten zu erzählen, in denen die Individuen dann nicht einfach ‚Flüchtling’ heißen und in einer Statistik mit großen Zahlen verschwinden.“ „Es reduziert das Individuum auf einen Fall, es bringt Unterschiede zum Verschwinden. Solange man verallgemeinert, geht einen nichts wirklich an. Es gibt keine Identifikation mit dem Leid und keinen Respekt vor der Lebensgeschichte der anderen. Da, wo die politische und mediale Sprache im Vagen bleiben, können Autoren konkret werden, die Vielschichtigkeit eines Lebens veranschaulichen.“

Recht hat sie, einerseits. Das Wort „Flüchtling“ wird in der deutschen Debatte zur Vernebelung benutzt – der Tatsache, dass sich unter den Tausenden derer, die sich auf den Weg vor allem nach Deutschland machen, Menschen verbergen, deren Schicksal und Absichten sich völlig voneinander unterscheiden. „Flüchtling“ im strikten Sinn sind sie alle nicht, da sie bereits vor der Ankunft in Deutschland in einem sicheren Land waren, viele von ihnen aber sind Menschen, denen Schutz gewährt werden soll und muss. Einen Anspruch auf Asyl wiederum hat nur, wer eine persönliche Verfolgung zu beklagen haben. All jenen aber, die auf der Suche nach einem besseren Leben sind, kann man Verständnis entgegenbringen, ein Anspruch leitet sich daraus jedoch nicht her. Unter der Verschleierungsvokabel „Flüchtlinge“ steckt also ein gewaltiges Potential, vor allem eines für Konflikte. Das wäre eine spannende Erzählung: wie der schwule Blogger sich gegen einen jungen Muslim behaupten muss, der seine homoerotischen Neigungen unter aggressiver Schwulenfeindlichkeit verbirgt, wie die junge Mutter zweier Kinder bei einem Mann Schutz sucht, der sich als so gewalttätig entpuppt, wie die Brüder zuhause, vor denen sie geflohen ist...

Andererseits: es steht zu befürchten, dass die Schriftstellerin genau das nicht meint, wenn sie schließt: „Wenn ich die Erfahrung eines einzelnen Menschen anschaulich mache, ist das schon ein politischer Vorgang.“ Man kann sich vorstellen, welchen „einzelnen Menschen“ sie meint: eine Ikone des Opfertums, großäugige Kinder, weinende Frauen. Stoff für Literatur? Gewiss. Politisch? Nur im Sinne jenes Politikbegriffs, demzufolge es darauf ankomme, in Menschen Gefühle zu erzeugen. „Ein Bild sagt mehr als alle Worte“: darin fasst sich die Absicht der medial erzeugten Propaganda zusammen.

Das Politische hat es nunmal genau mit dem zu tun, was die Schriftstellerin anprangert, mit dem Allgemeinen, also mit Statistik und großen Zahlen. Die politische Aufgabe, an der die Merkel-Regierung in Sachen Migrationskrise gescheitert ist, besteht ja genau darin, zu erklären, was sich unter dem unzutreffenden Allgemeinbegriff „Flüchtling“ jeweils verbirgt. Das Land, „die Allgemeinheit“, muss wissen, wer hierhin kommt und mit welchen Absichten, wer gehen muss und wer bleiben kann. Wir brauchen Zahlen und Statistik. Der Einzelfall gehört der Literatur.

Die Verwechslung von Politik mit Literatur verheert die politische Debatte. Die „politische Literatur“ überlebt ausgerechnet da, wo sie nicht hingehört. Sie hat schon der Literatur nicht gut getan, dem Politischen sui generis aber hat sie den Garaus gemacht. Politik, so glauben ihre Kommunikatoren heute, braucht eine Erzählung. Ein Gefühl. Etwas, das betroffen macht. Alles, nur keine kalten Fakten oder soetwas Brutales wie die Wirklichkeit. Politik ist heute ein einziger großer Roman namens „Der Alte aus der Eifel.“

Dem geneigten Schweizer Publikum sei das erklärt: die bundesdeutsche Ministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles, begründete ihre Entscheidung, das Renteneintritts-alter wieder auf 63 Jahre zu senken, mit dem Schicksal ihres Vaters, der mit 61 nicht mehr arbeiten konnte. „Mein Vater war Maurer und ist mit 73 Jahren gestorben. Wenn mir da einer mit Arbeiten bis 70 kommt, werde ich sauer”, sagte sie Bild am Sonn-tag. Papi also ist der Maßstab für alle Menschen in der Bundesrepublik, ach was: die Eifel ist die Welt! Im Bundestag stimmte Nahles das Pippi-Langstrumpf-Lied an, das dieses Politikverständnis auf den Punkt bringt: „Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Dass das Thema ihrer Magisterarbeit an dieser Weltsicht schuld ist, möchte ich ihr indes nicht unterstellen. Es lautete: „Funktion von Katastrophen im Serien-Liebesroman“.

Ihre Kollegin, Familienministerin Manuela Schwesig, tut es ihr nach. „Mein Vater ist Schlosser, der hat jahrelang auf dem Bau gearbeitet, der hat es nicht mal bis 65 geschafft, weil seine Knochen kaputt sind“, sagte sie jüngst im Fernsehen, als es um die Rente ging. Übrigens ist ihr Neffe Polizist, sie schöpft also auch hier direkt aus der Quelle.

Was so volkstümlich daher kommt - seht her, ich bin ein Mensch wie du und ich! – ist zu einer Unsitte geworden, die jedes politische Gespräch abtötet. Allgemeine Aussagen werden mit dem Verweis auf eigene Erfahrungen und subjektives Empfinden zurückgewiesen, was etwa so logisch ist wie der entrüstete Ausruf des Kunden zum Handwerker, der den Fernseher reparieren soll: „Gestern ging er doch noch!“

Warum fällt es offenbar vielen schwer, zwischen einer verallgemeinernden Aussage (Statistik und „kalte Zahlen“!) und persönlichen Erfahrungen zu unterscheiden?
Der politische Journalismus pflegt die Verwechslung von Literatur und Politik schon lange. Beim „Spiegel“ nennt man einen Artikel denn auch treffenderweise „Geschich-te“. Eine Geschichte beginnt mit einem Einzelfall, der in der folgenden Beweisführung zum Exemplarischen hochgesampelt wird. Einzelschicksal und die Ich-Perspektive gelten als authentisch, was sie natürlich nicht sind, ein subjektiv schweres Schicksal mag man bedauern, aber dass es fürs Ganze steht, müsste eine saubere Recherche erst beweisen.

Neuerdings nehmen Journalisten sogar sich selbst als Maßstab. „Das Private ist politisch?“ Was für ein Missverständnis! Als politische Masche ist es eine Zumutung. Unübertroffen Angela Merkel, die, wenn das Volk Politik nicht darauf reduziert sehen möchte, ein „freundliches Gesicht“ zu zeigen, wo es um Angelegenheiten von allgemeiner Bedeutung wie die Hoheit über die eigenen Grenzen geht, „dann ist es nicht mehr mein Deutschland“ repliziert. Mit Verlaub: mich interessiert die „Stimme des Herzens“ nicht, wenn es um Entscheidungen geht, die auf gravierende Weise die Allgemeinheit betreffen. A bisserl Verstand wäre uns Untertanen lieber.

Was aber die Literatur betrifft: nur ihr gehört das Subjektive, der unverstellte Blick aufs Einzelne, Einmalige. Sie sollte es vor politischem Missbrauch bewahren.

NZZ, 2. Juni 2016

Sonntag, 12. Juni 2016

Abschied von Deutschland aber von welchem?


Deutschland im Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende. Ein entspanntes Land. Die grossen Anstrengungen nach 1990 liegen hinter ihm, viel ist gelungen, wenn auch nicht alles. Doch die gute Konjunktur und die anhaltende Produktivität lassen vieles vergessen. Das Land ist ein Land der Älteren, Gesetzteren, und das bekommt ihm gut. Keine Militanz, weder aussen- noch innenpolitisch, vom rechten und linken Rand abgesehen. Im Vergleich mit den europäischen Nachbarn ist Deutschland fremdenfreundlich und «weltoffen», rechte Parteien und Bewegungen sind marginalisiert, und für die Utopie eines geeinten Europa haben seine Bürger (wenn auch mit verhaltenem Grummeln) sogar auf die D-Mark verzichtet. Sie sind hilfsbereit, das Elend anderer rührt sie, Gerechtigkeit geht ihnen über alles, und «Solidarität» lassen sie sich etwas kosten. Deutschland ist im Ausland stetig beliebter geworden, was nur die Deutschen selbst kaum glauben können.

Doch jetzt sieht es so aus, als ob das Land seine besten Jahre hinter sich hätte. Führende Politiker und Meinungsmacher jedenfalls möchten, dass Deutschland sich verändert, ja sie sehnen dies sogar herbei: Bunter soll es werden, jünger, vielfältiger, weltoffener. Ganz anders eben.

So jedenfalls klang es zu Beginn der «Flüchtlingskrise», die das im Grunde nicht ist, denn es kommen ja nicht überwiegend Schutzsuchende nach Deutschland, sondern Einwanderer. Zur Krise wurde das Ganze auch nicht durch Flüchtlinge, sondern durch ungeregelte und ungehemmte Migration und durch die politische Unfähigkeit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Unterschiedliche Antworten wären verlangt – die Veränderungseuphorie aber unterscheidet nicht.

«Deutschland wird sich durch die Flüchtlingskrise verändern», so Angela Merkel in Sommer 2015, sekundiert von Innenminister Thomas de Maizière. Verändern soll es sich, natürlich, zum Positiven. «Unsere Gesellschaft wird weiter vielfältiger werden, das wird auch anstrengend, mitunter schmerzhaft sein», aber «alle müssen sich darauf einlassen und die Veränderungen annehmen», meinte die SPD-Vizechefin, die Flüchtlingsbeauftragte Aydan Özoguz, im September. Und die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, rief noch im November letzten Jahres euphorisch aus: «Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich drauf!»

Diese Freude wird von den Deutschen immer weniger geteilt. Warum? Weil sie keine Veränderung wünschen? Oder weil sie nicht glauben können, dass das so ziemlich beste Deutschland, das es je gab, dank überwiegend muslimischen Migranten noch strahlender und schöner wird?

Mit Veränderung kennen wir uns weiss der Himmel aus. Kaum ein Land hat so viel Übung damit – auch Abschied von Deutschland hat seine Bevölkerung mehr als einmal genommen. Vielleicht haben wir sogar eine Art Abschieds-Tick? Der verdankt sich einer Version von Deutschland, die unübertroffen furchtbar war: der Nazizeit 1933 bis 1945. Diesen Kulturbruch verzeihen wir uns bis heute nicht – und viele können ihn sich nicht erklären, ohne gleich die ganze deutsche Geschichte von diesen schlimmen Jahren vereinnahmen zu lassen.

Kaum ein Land hat so viel Übung in Veränderung damit – Abschied von Deutschland hat seine Bevölkerung mehr als einmal genommen.

In dieser Logik erscheint schon das Kaiserreich nach 1871 als eine Art präfaschistischer Staat, der konsequenterweise den Ersten Weltkrieg als die «Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts» angezettelt, wenn nicht verschuldet habe. Weder das eine noch das andere ist zutreffend. Die Deutschen bestanden mehrheitlich nicht aus Karikaturen wie in Heinrich Manns «Untertan», und sie brauchten auch nicht die Niederlage im Ersten Weltkrieg, um gute Demokraten zu werden. Trotz einem ungerechten Wahlsystem gab es im Deutschen Reich einen überaus lebhaften Parlamentarismus. Bereits seit 1890 erhielt die SPD die meisten Wählerstimmen, im Reichstag löste sie 1912 das Zentrum als stärkste Fraktion ab.

Was hätten die Siegermächte Deutschland also beibringen müssen? Den Verzicht auf die Monarchie? Die Demokratie? Dass eine Monarchie sich gut verträgt mit freien Wahlen und einem starken Parlament, bewies damals nicht zuletzt Grossbritannien.


Die Weimarer Republik war ungeliebt, auch, aber nicht nur, weil es in Deutschland zu wenig Demokraten gab. Sie litt an den Radikalen rechts wie links, an einem zaghaften Bürgertum und nicht zuletzt an einer zögernden und zaudernden SPD, die immer noch nicht wusste, ob sie nicht doch lieber für die Revolution war. Den Todesstoss aber versetzten der Republik nicht die Wähler, sondern die bürgerlichen Eliten. Die NSDAP erhielt bei den letzten freien Reichstagswahlen im November 1932 mit 33,1 Prozent weniger Stimmen als bei der Wahl zuvor (und 4,2 Prozentpunkte weniger als SPD und KPD zusammen). Selbst im März 1933, als SPD und KPD bereits von der Hitler-Regierung verfolgt wurden, verfehlte die NSDAP mit 43,9 Prozent die absolute Mehrheit. Das Volk war mit «seinem Führer» nie identisch, und man wusste durchaus nicht schon 1933, wo das alles enden würde

Nein, das Unheil war nicht zwangsläufig; mit Hitler sei es nach einem halben Jahr schon wieder vorbei, glaubten viele. Dass die Juden Deutschland 1933 nicht fluchtartig verliessen, verdankte sich nicht zuletzt ihrer Loyalität zu einem Land, das sie bereits 1871 zu gleichberechtigten Bürgern gemacht hatte. Der Antisemitismus war keine deutsche Spezialität, im Gegenteil. Auch daher rührt das Erschrecken über den Holocaust: Ausgerechnet dem deutschen «Kulturvolk» war so viel abgrundtief böser Vernichtungswille nicht zugetraut worden.

Sind «die Deutschen» 1945 befreit worden? Das kann nur behaupten, wer es für erträglicher hält, unter der Knute Stalins gelandet zu sein, ein Schicksal, das der sowjetisch besetzte Teil Deutschlands mit anderen Völkern teilt, wie etwa den Polen, die im Krieg gegen Hitler einen hohen Preis bezahlten und ihn dennoch verloren.

Die Westdeutschen haben nach den Hungerjahren der Nachkriegszeit unzweifelhaft das grosse Los gezogen. Deutschland war keine Gefahr mehr, seine Sicherheit wurde von anderen gewährleistet, man musste und man durfte Pazifist sein. Das alte Trauma des Dreissigjährigen Krieges aber, der grosse Teile des Landes verwüstete, blieb bestehen. Im Falle eines heissen Kriegs zwischen der Sowjetunion und den USA würde ganz Deutschland der Austragungsort einer Schlacht sein, die verbrannte und verseuchte Erde hinterlassen musste. Die Friedensbewegung war ein gesamtdeutsches Phänomen und brachte viele dazu, die DDR milden Blicks als zweiten deutschen Staat zu akzeptieren, schliesslich sah man sich gemeinsam von der Vernichtung bedroht.

Mit Frustration ist zu rechnen, wenn die Versprechen der deutschen Willkommensseligkeit nicht eingelöst werden.

1989 brachte den Abschied von Bundesrepublik und DDR. Auf beiden Seiten gab es welche, die damit nicht einverstanden waren, es war doch nicht alles schlecht gewesen vorher, oder? Die europäischen Nachbarn fürchteten sich mal mehr, mal weniger vor der neuen deutschen Grossmacht und bemühten sich, sie einzuhegen – mit dem Ersatz der D-Mark durch den Euro, womit man Deutschland, so hiess es damals im Elyséepalast, «seine Atombombe» genommen habe.

Kurz: Im Abschiednehmen kennen wir uns aus, mit Veränderungen ebenso. Es gibt also keinen Grund, uns etwas vorzuwerfen, oder?

Vielleicht kriegen wir ja auch noch die Sache mit der Selbstabschaffung hin. Wenn man dem britischen Historiker Brendan Simms folgt, tun wir dem Rest der Welt damit einen Gefallen: Noch immer und schon wieder gehe es in Europa um die «deutsche Frage», heute sei es «ein lähmendes politisches Vakuum mitten im Zentrum» Europas. Also weg damit, auf welche Weise auch immer? Nun, Simms bevorzugt die Lösung fortschreitender europäischer Vereinigung. Doch die wird wohl daran scheitern, dass keiner der Nachbarn Deutschlands seine nationalstaatliche Souveränität aufgeben will. Dann bliebe, sofern seine These stimmt, wirklich nur eines: weg mit Deutschland. Sind wir damit nicht bereits auf bestem Weg?

Ein weitgehend entspanntes Land, in dem mehrheitlich Menschen wohnen, die schon aus Altersgründen friedlich sind, hat neuerdings mit einem Problem zu tun, das Gesellschaften seit Menschengedenken zerreisst. Eine Mehrheit der Zugewanderten besteht aus jungen Männern, die weder durch Familie noch durch Arbeit «befriedet» und gebunden sind und deren Religion oder Nationalgefühl nicht zu einem säkularen und wenig national gestimmten Deutschland passt. Mit ihrer Frustration ist zu rechnen, wenn die Versprechen, die sie aus der deutschen Willkommensseligkeit herausgelesen haben, nicht eingelöst werden. Die wenigsten bringen zudem die Voraussetzungen mit, die ihre baldige Integration in den Arbeitsmarkt wahrscheinlich machen – einmal abgesehen davon, dass noch lange unklar sein wird, wer bleiben darf und wer gehen muss, was alle Integrationsbemühungen voreilig oder sinnlos macht. Jung sein allein ist keine hinreichende Qualifikation.

Nebenbei: Den wirklich Hilfsbedürftigen hilft man nicht mit einer Politik, die zum Missbrauch ihrer Generosität geradezu einlädt. Die Push-Faktoren, also das, was Menschen aus ihrer Heimat vertreibt, bleiben bestehen, und der grösste Pull-Faktor, das vergleichsweise bestens ausgestattete soziale Netz Deutschlands, wird dem Ansturm nicht standhalten, sollte es so weitergehen. Radikalliberalen Reformern dürfte diese Veränderung noch am ehesten gefallen: der Abschied vom Sozialstaat.

Was unsere Politiker (mit abnehmendem Enthusiasmus) begrüssen, wird das Land mitnichten weltoffener machen – bunter vielleicht, wenn man blaue Flecken dazurechnet. Die ungeregelte Migration ersetzt keine einzige Veränderung, die das Land tatsächlich braucht, von der 2005 im Wahlprogramm von Angela Merkel versprochenen Steuerreform bis zu einer Rentenreform, die der Tatsache Rechnung trägt, dass Menschen bei anhaltendem Leistungsvermögen immer älter werden. Also ja: Wir brauchen Veränderungen. Aber brauchen wir welche, die an die Substanz gehen?

Es gibt sie, die Deutschen mit dem notorischen Selbsthass, die das begrüssen würden. Soll sich Deutschland doch abschaffen – dann gibt es ein Problem weniger. Wirklich? Es ist ein Missverständnis der deutschen Geschichte, das Land auf das dreckige Dutzend Jahre von 1933 bis 1945 zu reduzieren. Und fragen wir doch einfach einmal die Nachbarn, was sie von einem destabilisierten Deutschland mitten in Europa halten. Wäre das bunt und weltoffen? Oder einfach nur brandgefährlich?

In: NZZ, 2. Mai 2016

Kritik ist keine Hetze

Wörter und Begriffe haben ihre Konjunktur und ihre Konnotationen. Wenn Begriffe, die einen historischen Echoraum haben, plötzlich wieder Mode werden, ist das eine Überlegung wert.

Da ist das Wort «Hetze», das seit einiger Zeit die Runde macht. Menschen mit Gedächtnis erinnert es an einen Straftatbestand der DDR namens «Boykotthetze». Darauf konnte die Todesstrafe stehen. Gemeint waren, neben Spionage, «Staatsverleumdung» oder «staatsgefährdende Propaganda». Faktisch zielte der Vorwurf auf abweichende Meinungen, also auf die Meinungsfreiheit.

Das ist vielleicht nicht jedem bewusst, der den Terminus benutzt. Doch wer denkt dabei nicht an die Judenhetze des «Stürmer», an die nationalsozialistische Propaganda also? Das allerdings ist so ziemlich das grösste Geschütz, das man im Meinungsstreit auffahren kann.

Mir persönlich ist das Wort das erste Mal im Jahre 2011 nahe gerückt, als eine Rezensentin meine Kritik an der deutschen Bundeskanzlerin als «Hetze» bezeichnete – eine Kritik an Angela Merkel, pikanterweise vom Standpunkt ihrer einst marktliberalen Positionen von vor 2005 aus. Zum Hass auf Merkel hatte ich nicht aufgerufen, auch nicht zu ihrer Vernichtung, und von Staatsverleumdung ist in einer Demokratie gottlob nicht bereits die Rede, wenn man die Regierung kritisiert.

Kritik ist Hetze? Das wäre eine erstaunliche Karriere, war doch die radikalkritische Infragestellung des Gegebenen einst die Königsdisziplin jedes Menschen, der einmal Intellektueller werden wollte. Bis vor kurzem verstand sich jedenfalls von selbst, dass insbesondere eine CDU-geführte Regierung das legitime Ziel solcher Kritik hergab. An den Sozialdemokraten kritisierte man höchstens, dass sie nicht links genug seien. Heute aber findet es ein von der «FAZ» zum «Spiegel» gewechselter Journalist ungehörig, «wenn selbst Intellektuelle gegen Politiker wettern» und «Panik stiften», denn daraus folgten Taten – wie die Messerattacke auf die spätere Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker im Oktober 2015. Auch das ein beliebtes Bild: Wer hat nicht schon alles mitgeschossen oder mitgestochen nach Meinung vieler gouvernementaler Journalisten, bevor noch der Tatbestand geklärt war, weil seine Verlautbarungen ein Klima erzeugt hätten, das andere zur Gewalt geradezu nötige?

Also: Wer die Politik der Merkel-Regierung kritisiert, ist ein Hetzer und ein Brandstifter, also: ein Rechtsextremer? Kritik ist Aufstachelung zu Mord und Totschlag?

Dann wäre «Angst schüren» die Vorstufe dazu. Einst gehörte Angst zum deutschen Nationalheiligtum, und allein der Aufschrei «Ich habe Angst» rechtfertigte umfassende Massnahmen weit über Erste Hilfe hinaus. Bisher galt es stets als Tugend, auch schon einmal voreilig und ohne fundierten Nachweis Alarm zu schlagen, etwa was die Schädlichkeit von Lebensmitteln betrifft oder die Bedeutung eines Erdbebens in Japan für die Sicherheit von Kernkraftwerken in Deutschland.

Für eine kritische Begutachtung der Massenmigration nach Europa aber gilt das nicht. Wer zu Willkommensrufen keinen Anlass sieht, verbreite Panik, heisst es nun. «Angst schüren» ist dann verwerflich, wenn die Panikmacher nicht zu der anerkannten Spezies der Klimaapokalyptiker zählen oder nicht wenigstens Anti-Atomkraft-«Aktivisten» und antikapitalistische Systemkritiker sind.

Merke: Wer mahnt und warnt, ist ein guter, wer Angst schürt, ein schlechter Mensch.

Ein ganz schlechter Mensch aber ist einer, der einen «Generalverdacht» ausspricht. Doch wenn Politiker davor warnen, Menschen wegen ihrer Abstammung, oft gleichgesetzt mit ihrer Religionszugehörigkeit, unter «Generalverdacht» zu stellen, dann sind davon pikanterweise die «Biodeutschen» ausgenommen, die jedes Verdachts würdig sind, insbesondere, wenn es sich um Sachsen handelt. (Das sind ganz finstere Gestalten, die in einem Landzipfel weit im Osten Deutschlands hausen.)

Der «Kampf gegen Rechts» rechtfertigt offenbar einiges. Doch diese Art von Kampf gegen das Erzböse gebiert Monster. Wenn Menschen besten Gewissens öffentlich erklären, das Schlimmste an den Anschlägen in Brüssel sei, dass sie von «den Rechten» instrumentalisiert werden könnten, zeugt das von einer atemberaubenden Mitleidlosigkeit mit den Opfern des islamistischen Terrors. Woher die verschobene Wahrnehmung? Was lässt einen deutschen Politiker wie Heiko Maas, immerhin Justizminister, nach den Pariser Terroranschlägen vom Januar 2015 demonstrativ in einer Moschee knien, als ob dort die wahren Opfer anzutreffen seien?

Und was sagt uns das, wenn sich Politiker beständig im Ton vergreifen, von Pack, Mob und Pöbel sprechen, lauter Hetzer und Heuchler unterwegs sehen und in «Wutbürgern» eine «Schande für Deutschland» erkennen (Finanzminister Schäuble)? Ist es wirklich derzeitig vordringlich, deutsche Nazis ausfindig zu machen und auszuschalten? Oder vernehmen wir hier nichts anderes als die Fassungslosigkeit einer abgehobenen Elite, denen das Volk begegnet ist, der ungezogene Lümmel, der sich anmasst, in Angelegenheiten von elementarer Bedeutung mitreden zu wollen?

Gewiss, auch beim Stimmvieh ist der Ton rauer geworden, seit jeder, auch wer weder sprachlich noch inhaltlich auf höchstem Niveau operiert, seine Meinung herausstammeln oder -stottern darf. Im digitalen Zeitalter meldet sich eben auch die Plebs zu Wort, und die macht oft und gern kurzen Prozess. Davon aber aufs grosse Ganze zu schliessen, wozu auch wehleidig gestimmte Journalisten neigen, ist nichts anderes als – ein Generalverdacht.

Mein Verdacht ist ein anderer. Warum kann, was geschieht, nicht ohne solch aufgeladene Vokabeln benannt werden? Natürlich sind Brandanschläge zu verurteilen, mit aller verbalen Entschiedenheit, selbst wenn man den Täter noch nicht kennt. Natürlich ist der Gewalt zu wehren, egal, gegen wen sie sich richtet. Häuser abzufackeln, ist ein Verbrechen, der Aufruf zum Hass ist es ebenfalls, egal, woher er kommt. Doch mich irritiert die Renaissance von Vokabeln, die aus der Kiste des Klassenkampfs stammen. Oder aus der Kiste des «antifaschistischen Kampfs» der bolschewistischen Linken.

So klingt das jedenfalls, wenn vor dem «Beifall von der falschen Seite» gewarnt wird oder Argumenten entgegengehalten wird, dass sie nur «den Populisten» dienten: wie in alten Zeiten, als die Kommunisten sogar die Sozialdemokraten unter die «Faschisten» zählten. Denn mal ehrlich: Wer den «Kampf gegen Rechts» für wichtiger hält als den Kampf gegen den islamistisch inspirierten und begründeten Terrorismus, hat entweder einen gewaltigen Knick in der Optik oder lebt im vergangenen Jahrhundert, als der real existierende Sozialismus noch viele Völker glücklich machte.

Doch vielleicht sind wir bereits im (rhetorischen) Bürgerkrieg? Der Ministerpräsident Sachsens, jenes Landstrichs, der unter Generalverdacht steht, meinte kürzlich zu in der Tat hässlichen Szenen in zwei sächsischen Dörfern, gemünzt auf «grölende» Einwohner und ohne höheren Wissensstand über die wirklichen Vorkommnisse: «Das sind keine Menschen, die so was tun. Das sind Verbrecher.»

Sind Verbrecher keine Menschen? Haben sie, und etwas anderes kann ja kaum gemeint sein, etwa nicht den unter Menschen üblichen Umgang zu gewärtigen? Gilt für sie nicht, was doch in vielen Debatten als höchstes Gut gilt: das Menschenrecht? Gehören sie – eliminiert?

Nun ja, was geht uns das an, das deutsche Syndrom einmal wieder, mag der glückliche Schweizer denken. Doch nicht nur in Deutschland scheint das Moralisieren die Politik verdrängt zu haben – und die Propaganda den Meinungsstreit. Es wäre für ganz Europa und die kommenden Jahre nützlich, man könnte den Disput wieder üben. Denn jeder Konsens ist erzwungen, der ohne sachliche Auseinandersetzung zustande kommt. Doch vom offenen Streit scheinen wir uns jeden Tag weiter zu entfernen.

In: NZZ, 13. 6. 2016



Warum mir der Abschied von Facebook trotzdem schwerfällt

Erst sage ich Nein: Ich geh. Dann sage ich wieder Ja. Schleiche mich rein ins Getümmel, hinterrücks, tue so, als ob ich gar nicht richtig da wäre. Und bin ganz schnell wieder drin im Spiel: Poste possierliche Elefanten und verschmuste Wildkatzen und lese dabei verstohlen, was die anderen so treiben. Mir fällt der Abschied schwer.

Facebook kann so schön sein, für Schreibtischmenschen etwa, denen niemand über die Schulter guckt, wenn sie abschweifen, weil ihnen gerade nichts einfällt. Man muss nur die richtigen «Freunde» haben. Zum Beispiel all jene, denen es so geht wie unsereins, Schriftsteller also, die sich Grosses vornehmen («Zehn Seiten!»), kläglich scheitern und getröstet werden müssen. Denen man zujubeln darf, wenn das Buch unverhofft in der «Spiegel»-Bestsellerliste gelandet ist. Und denen man verzeiht, dass sie von jeder Lesung die immer irgendwie ähnlichen Bilder posten: Tisch, Schreibtischlampe, Wasserglas. Gebanntes Publikum. Händeschütteln, Blumenstrauss.

Dabei wäre einem schnell langweilig, gäbe es nicht all jene anderen, die etwas mehr in den grossen Topf geben. Unentbehrlich: Frans de Waal, der seine Gefolgschaft (so um die 500 000!) mit prächtigen Fotos und Videos von klugen Vögeln, begabten Fröschen und nachdenklichen Gorillas versorgt. Unbedingt sehenswert: der Schriftsteller Richard Birkefeld aus Hannover, der die kunstvollsten Selfies macht von sich, der Stadt (und dem Hund). Jeden Sonntag: die «Tatort»-Kritik vom Veranstalter des deutschen Krimipreises, dem Krimiautor Reinhard Jahn. Hintersinnig: Peter Glaser (ja, der!), der dem vielverrufenen «cat content» einen neuen Inhalt gegeben hat. Verführerisch: Max Dernet und sein «Hermann Löwauer Fragott und Horchester» mit Sätzen, die man sich täglich um die Ohren hauen sollte: «Wir leben, um eines Besseren belehrt zu werden.»

Besserwisser gibt es natürlich zur Genüge auf Facebook: die Vielleser, die das Gefundene teilen, gern auch aus der ausländischen Presse, das erspart eigene Mühe. Die Blogger, die ihre Posts auf Facebook verlinken. Die Menschen mit den geschliffenen Kommentaren zum Zeitgeschehen. Und nicht zuletzt die Qualitätspresse, die für ein bisschen Facebook-Freundschaft ihr Kostbarstes für lau unters Follower-Volk streut: die Texte ihrer Autoren.

Alles gut also. Doch. Ja. Wenn man es halbwegs geschickt anstellt.

Wer Facebook für ein Panoptikum hält, voll mit kuriosen Figuren, die jede Mahlzeit fotografieren, die Welt mit Herzchen und Kätzchen beglücken oder hässliche Sachen in schlechtem Deutsch verlauten lassen, hat zwar einerseits recht, vor allem aber die falschen Freunde. Hassposter, Trolle, Dummköpfe, Schwadronierer und andere Entbehrliche kann man abstellen, wenn man will. Freunde, die mit penetranter Selbstwerbung nerven, kann man unsichtbar machen, ohne sie entfreunden zu müssen. Themen, die einen nicht interessieren, einfach ignorieren: Facebooks Algorithmik sorgt schon dafür, dass einem das irgendwann nicht mehr unter die Augen kommt. Facebook ist eben, was man draus macht. Und doch ist nach einiger Zeit der Spass vorbei.

Das liegt nicht nur am beträchtlichen Zeitaufwand, zu dem Facebook ermuntert. Man muss schliesslich lesen, was die «Freunde» so posten, wenn man den Anschluss behalten will. Und zur Höflichkeit und zur Ermunterung der Mitmenschen gehört mindestens ein «Gefällt mir», wenn nicht gar ein möglichst phantasievoller Kommentar.

Aber nur nicht das Falsche liken, vor allem, wenn es sich um Politisches handelt! Politik ist, wie zurzeit wohl überall, der grosse Störenfried. Die Lager bekriegen sich auch bei Facebook. Da kann man nicht einfach in aller Unschuld posten, was man für diskussionswürdig hält, auch wenn man die im Beitrag zum Ausdruck kommende Position nicht teilt – es sei denn, man reicht die Gebrauchsanweisung in Gestalt der eigenen Meinung gleich mit. In Zeiten wie diesen folgt eher die Entfreundung anstelle der erwünschten Auseinandersetzung. Und wehe dem, der sich aus purer Neugier einer Gruppe zuwendet – sagen wir einmal: «Wir lesen ‹Deutschland von Sinnen›»? (Ja, genau, der Bestseller des kürzlich wegen etwas, was er nicht gesagt hat, durchs Dorf getriebenen «Hasspredigers» Akif Pirinçci.) So einer erhält schon einmal die Nachricht eines wohlmeinenden Freundes, man möge da «schleunigst austreten und die Sache richtigstellen», so etwas mache im Netz ganz schnell die Runde. (Ach ja? Und was, wenn?)

Sogar das unbedachte Posten eines Goethe-Zitats, das man für harmlos gehalten hat (es ging, falls ich mich richtig erinnere, um die Wahrheit und darum, dass der Irrtum auch in Zeitungen zu Hause sei), kann einem den Vorwurf eintragen, man drifte immer mehr ab nach rechts. (Also sogar unser Goethe? Schock!)

Von «rechten» Hasskommentaren zeigen sich alle betroffen, dabei sind die «linken» mitnichten harmloser. Aber es geht ja ums Abgrenzen, nicht ums Abwägen. Wir sind bei Facebook wirklich nicht auf dem Ponyhof.

Richtig unheimlich aber wird die Sache, wenn ein Kommentar, ein «Gefällt mir» oder auch nur ein Emoticon an der falschen Stelle existenzielle Konsequenzen hat. Ein bekannter deutscher Journalist, einst ein begeisterter Facebook-Bewohner, hatte hinter eine aus heutiger Sicht wenig strittige Bemerkung im Nachgang der Pariser Terroranschläge ein «Smiley» gesetzt, das man im Kontext gewiss für deplaciert halten konnte. Darob folgte die öffentliche Kündigung – die der Chefredakteur seinem Autor über Twitter androhte. Da fragt sich schon, wer von beiden das grössere Stilgefühl besitzt.

Ja, der Spass ist vorbei. Entfreundungen werden mittlerweile systematisch organisiert. Es gibt Leute, die zu Säuberungsaktionen aufrufen, Ratschläge machen die Runde, wie man Sympathisanten der «falschen» Partei im Freundeskreis aufspüren und unschädlich machen kann. Ein «Gefällt mir» an der falschen Stelle – und schon bist du ein Klassenfeind.

Pikanterweise ist in Deutschland ein staatlich bestelltes Kommando unterwegs, um Facebook von «Hasskommentaren» frei zu halten, in dem auch Anetta Kahane sitzt, die einst für die Stasi tätig war, den Spitzeldienst der DDR, für Mielkes Gedankenpolizei. Wie passend.

Wer Missverständnisse vermeiden will, poste also nichts öffentlich, halte seinen «Freundeskreis» klein, vermeide Gesinnungsschnüffler und like nicht einfach so ins Blaue hinein, nach Lust und Laune, heiter und unbedacht. Facebook ist längst kein nettes Gesellschaftsspiel mehr, es ist zu einer bierernsten Sache geworden.

Was immer man tut, sofern man nicht alles lässt: So geht es schnurstracks in die berühmte «Filterblase» – also in jenen schalltoten Raum, den niemand anstrebt, der sich nicht langweilen will, dorthin, wo man nur noch unter Gleichgesinnten ist. Dann lieber Bilder von Blumen, Katzen und Pizza teilen, lustige Videos, treffende Sinnsprüche und Spiele à la «Welcher Filmstar bin ich?». Ach, das dann vielleicht doch nicht.


Wen ich vermissen werde, wenn ich mich endgültig zurückziehe? Die Liberalen, die es auch in der FDP gibt, die Humorvollen, die es noch in der CDU aushalten, die Vernünftigen aus der AfD, die Realisten bei den Grünen. All die Menschen, die wissen, was die Welt an Israel hat, der einzigen Demokratie im Nahen Osten. Die urchigen Schweizer, die sich nicht dauerschuldig fühlen und darum nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Die Ossis, also alle, die in der DDR oder im Bereich der Sowjetunion aufgewachsen und/oder ihr entflohen sind und überaus empfindliche Nasen und Ohren haben für den Neusprech, der ihnen im goldenen Westen mittlerweile immer lauter entgegenschallt. Die Frauen und Männer, die als Sprachkünstler unterwegs sind, als Meister des Aperçus, als schnelle Einsatztruppe gegen die Nebelkerzenwerfer aller Couleur. Die Gründlichen, die naturwissenschaftlich oder überhaupt gebildet sind und ihr Wissen bereitwillig teilen. Die Botschafter aus anderen Ländern, die mutigen Ex-Muslime, die Freunde von Boris Johnson, die Kämpfer für die armenische Sache. Die Freundlichen, die als Gutenachtgruss ein Youtube-Video von Philippe Jaroussky posten, wie er engelsgleich eine Vivaldi-Arie singt. All diejenigen, die über Facebook Freunde geworden sind, ganz virtuell wirklich. Ach, was werd ich euch vermissen.

Wenn ich dann gehe. Falls.

In: NZZ, 9. März 2016

Dienstag, 7. Juni 2016

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Es gibt Dinge, hat Thomas de Maiziere einmal gesagt, die man der Bevölkerung nicht erzählen sollte, da es sie „verunsichern“ könne. Zum Beispiel harte Fakten und solide Zahlen über das, was sie jetzt und in Zukunft erwartet, wenn der Zustrom nach Deutschland anhält.
Da hat er sein Publikum aber durchschaut! Hart und solide? Kalt und nüchtern? Das mögen die Landeskinder nicht. Wo es doch „um Menschen“ geht! Die Kanzlerin bevorzugt ja auch ein freundliches Gesicht, weil das einfach menschlicher ist. Und so folgt ein jeder der Stimme des Herzens, ohne dass wir erfahren, wohin das führt.

Die persönliche Betroffenheit ist das Markenzeichen des „menschlichen“ Politikers geworden. Wer keinen direkten Zugang zu einem menschlichen Schicksal hat, kennt gewiss jemanden, der jemanden kennt. Familienministerin Manuela Schwesig etwa hat einen Schlosser zum Vater, was für die Rentendiskussion von Belang sei, und einen engen Draht zu unseren Sicherheitskräften, da ihr Neffe Polizist ist. Sie schöpft also direkt aus der Quelle.

Arbeitsministerin Andrea Nahles hat ebenfalls einen direkten Zugang zum Volk, da ihr Vater Maurer in der Eifel war. Deshalb die Rente schon ab 63! Nichts könnte menschlicher sein. Papi ist der Massstab für alle anderen Mühseligen und Beladenen und die Eifel ist der Nabel der Welt. Es entspricht ungeschminkter Selbsterkenntnis, wenn Nahles im Bundestag das Pippi-Langstrumpf-Lied anstimmt: „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Wie hieß das noch in den 70er Jahren? Das Private ist politisch. Politik in der ersten Person. ICH mach mir die Welt...

Dass der Einzelfall exemplarisch sei, prägt schon länger das Verhältnis zur Wirklichkeit in Politik und Medien. Im Spiegel heißt ein Artikel treffenderweise „Geschichte“, die am besten mit einem singulären Schicksal anfängt, das man im Folgenden, gern mithilfe von „Dunkelziffern“, zum Gesamtbild hochrechnet. Wer das scheinbar so Evidente anzweifelt, wird vom mitleidenden Publikum mit Sätzen wie: „Aber ich kenne jemanden, der selbst gesehen hat, wie ...“ ins kaltherzige Abseits gestellt. Allein die Bemerkung, dass die Politik der offenen Grenze auch Kriminellen und Terroristen freien Zugang gewährt, wird gern beantwortet mit: „Meine muslimischen Freunde würden nie...“ Natürlich nicht. Meine auch nicht. Ich bin schließlich nicht mit Terroristen befreundet.

Wie kam das in die Welt, das Verwechseln des Einzelnen mit dem Allgemeinen? Warum fällt es vielen so schwer, zwischen einer verallgemeinernden Aussage und dem Einzelfall bzw. persönlichen Erfahrungen zu unterscheiden? Und kann man diese Unart auch wieder abstellen?

Wohl nicht, solange Politiker und Medien der Verkaufsstrategie folgen, dass es darauf ankomme, Gefühle zu erzeugen, wenn man dem Publikum etwas unterjubeln will. Unterstellen wir freundlicherweise, dass die wenigsten dabei wohl auf die Idee kämen, dass auch das, was in gutwilliger Absicht geschieht, den Grundsätzen der Propaganda folgt. „Ein Bild sagt mehr als alle Worte“, beispielsweise. In der Tat: es appelliert direkt ans Gefühl, wie etwa das Foto des kleinen an den Strand von Bodrum gespülten Aylan. Mitleid, dem Individuum geschuldet, bestimmte danach die Debatte weit über den Einzelfall hinaus.

Doch auch Fotos bilden nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit ab und stehen oft ganz und gar nicht für „das Ganze“. Dennoch ist die Angst vor „hässlichen Bildern“ nicht nur bei der Kanzlerin groß.

Politik aber ist keine Märchenstunde oder eine einzige große Erzählung, bei der es tatsächlich nur auf das Subjekt, auf die Gefühle und Motive der Protagonisten ankäme. Politik ist nicht Literatur, die das nicht nur darf, sondern soll: sich radikal auf den Einzelfall beziehen. Das Politische hat das Allgemeine zum Thema, dazu braucht es nüchterne Fakten, kalte Zahlen und eine Analyse der großen Zusammenhänge. Ein subjektiv schweres Schicksal wird jeder bedauern, aber ob es eine Aussage über das Ganze trifft – „die Gesellschaft“, „unseren“ Charakterzuschnitt – bedarf einer genauen Analyse. In einer so gründlich durchmoralisierten Debatte, wie sie hierzulande vorherrscht, gilt aber selbst das schon als Sakrileg.

Kann man die Unart, Politik und Moral, Gefühl und Realität zu verwechseln, wieder aus der Welt bringen? Es wäre an den Medien, das zu verweigern, worauf die stets wahlkämpfenden Politiker setzen, nämlich vor allem Gefühle zu erzeugen. Es wäre Aufgabe des Journalismus, alle Fakten zu benennen, auch und vor allem jene, die unangenehm sind, auch dem eigenen Gefühl. Kampagnenjournalismus ist nicht nur schnell entlarvt, er bringt vor allem die ganze Branche in Verruf. Wer einen AfD-Politiker so „überführen“ möchte, wie es die FAS kürzlich mit Alexander Gauland versucht hat, gibt zu erkennen, dass er keine besseren Argumente als den Appell ans gesunde Volksempfinden kennt.



Dienstag, 24. Mai 2016

Moralisches Herrenmenschentum


Ich mag Österreich, das Land, die Leute, seine Küche, die großartigen Weine. Ich wünsche seinen Bewohnern alles erdenklich Gute. Schon deshalb würde ich mir nie anmaßen, zu wissen, was gut für sie ist oder gar Ratschläge zu erteilen, etwa, wen sie zu ihrem Präsidenten wählen sollen und wen nicht. Immerhin haben sie die Wahl, das unterscheidet die Ösis schon mal von den Deutschen.

Ob Norbert Hofer oder Alexander van der Bellen – mir liegen beide nicht am Herzen, weder die Wahl des einen noch des anderen bedeuten den Untergang oder die Errettung Österreichs. Weit mehr beschäftigt mich unsere Debattenkultur. Die aber war in den vergangenen Tagen geprägt von dummdreistdeutscher Überheblichkeit und moralinsauersattem Tremolo. Was bitte geht es die deutsche Öffentlichkeit an, wie und wer im Nachbarland gewählt wird? Sie hat das Ergebnis zur Kenntnis zu nehmen, that’s all. Was soll die Ermahnung an die offenbar dessen bedürftigen Ösis, das Richtige zu tun, nämlich einen älteren Herrn zu wählen, den die Meinungs-, Macht- und Rechthaber hierzulande für den passableren Kandidaten halten? Was sollen all die erhobenen Zeigefinger, das raunende Mahnen und Warnen, die Beschwörungen dunkelster Zeiten, sollte der Kandidat der FPÖ, Hofer, das Rennen machen? Marschiert dann in Wien die SA auf?

Und was veranlasst einen Mann wie den oft so klugen Norbert Lammert, auch er ein Präsident, und zwar des Bundestags, was ihn in der deutschen politischen Hierarchie an die zweite Stelle setzt, sich „heilfroh“ zu zeigen, dass der Präsident in Deutschland nicht direkt gewählt wird?

Ja, bei uns entscheidet eine Bundesversammlung über den Bundespräsidenten – in der Tat eine einzigartige Veranstaltung, deren Legitimität in vieler Hinsicht rätselhaft ist. Denn nur die Hälfte der Stimmberechtigten besteht aus Bundestagsmitglieder, die andere Hälfte wird von den Ländern bestimmt, und die setzen nicht nur ihre Ehemaligen und Spitzenpolitiker, sondern auch Prominente, Sportler und Künstler auf die Liste. Nach welchen Kriterien? Das ist ihnen überlassen. Man kann das volksnah nennen, man darf es aber auch für einigermaßen obskur halten, Sportler und Künstler sind schließlich selten weiser als das Volk.

Nun bin ich keine Anhängerin von Volksabstimmungen, schon damals nicht, als die Grünen als Allzweckwaffe für Basisdemokratie votierten. Das hatte stets einen Beigeschmack, denn die basisdemokratische Abstimmung in Einzelfragen sollte jene Legitimität sozusagen durch die Hintertür einholen, die die Grünen in regulären Wahlen nie erreicht haben oder hätten. Das sind Manöver, die kein sonderlich subtiles Demokratieverständnis offenbaren. Heute ist auch den Grünen längst aufgefallen, dass das Volk nicht naturgemäß auf ihrer Seite ist.
Im übrigen ist Demokratie nicht alles, ein bisschen Rechtsstaat gehört schon dazu, man möchte sich schließlich weder von einer Minderheit noch von einer Mehrheit unterdrücken lassen. Es hat seinen Sinn, wenn der liberale Konstitutionalismus dem Wählerwillen Grenzen setzt und es wäre bedenklich, wenn, wie Karl-Peter Schwarz in der FAZ analysiert, sich ein radikaler Demokratismus durchsetzte, der rechtsstaatliche Kollateralschäden in Kauf nimmt.

Es geht allerdings nicht an, sich für „Basisdemokratie“ nur dann stark zu machen, wenn sie einen in den Kram passt. Wahrscheinlich würde mit der Stimmengewalt der Städter in Deutschland Glyphosat schlankweg verboten, ob es gefährlich ist oder nicht und egal, ob die Alternative womöglich schädlicher wäre. Ähnliches gilt für Atomkraft: kaum ein überzeugter Teilhaber am deutschen Nationalsport namens German Angst ließe sich wohl davon überzeugen, dass die Technologie sich längst weiterentwickelt hat und moderne Atomkraftwerke weder allzu viel Abfall erzeugen noch ein zweites Hiroshima auslösen könnten und dass sie im übrigen weit weniger umweltschädlich sind als die landschaftsverschandelnden Spargel, die vor allem eines erreicht haben: dass Energie immer teurer wird. Doch wenn es um die Regierungspolitik unter Kanzlerin Merkel geht, ist des Volkes Willkommensapplaus mittlerweile kaum noch zu hören.

Auf das Volk und seine Stimme ist also kein Verlass, als gefährlich gilt es vor allem, wenn Mehrheiten zu befürchten sind, die den Parteien nicht in den Kram passen. Insofern ist wohl kaum zu erwarten, dass sie die Bundespräsidentenwahl in Österreich, egal wie sie ausgeht, als Lehre annehmen. Denn dass der Kandidat, der nicht dem Mehrheitswillen der Mainstreamparteien entspricht, also Norbert Hofer von der FPÖ, die rechtspopulistisch zu nennen in Deutschland schon zu den höflicheren Beschimpfungen gehört, um die 50 % der Wählerstimmen auf sich vereinigen konnte, zeigt vor allem eines mehr als deutlich: in Österreich ebenso wie hier bei uns hat eine große Zahl der Bürger die Nase wohl vom einlullenden Singsang der Konsensparteien. Die Wahl ist das Menetekel an der Wand.

Doch die Warnung kam schon für König Belsazar zu spät, dem die Schrift einst verkündete, dass die Tage seiner Herrschaft gezählt seien.


Montag, 11. April 2016

Da muss man durch. Sarrazins neues Buch

Seit unter regierungstreuen Journalisten Kritik als Hetze gilt, muss sich der Kritiker gefallen lassen, zum hasserfüllten Aggressor erklärt zu werden. Vor allem, wenn er Thilo Sarrazin heißt und ein alter weißer Mann ist.

Was war schon anderes zu erwarten als ein Verriss des neuen Buchs „Wunschdenken“, dass dieser Tage erschienen ist? Beim „Spiegel“ wird der Autor als Hassprediger vorgestellt, der aus persönlicher Frustration der Regierungspolitik der Kanzlerin auf Deubel komm raus nicht zustimmen mag: „Erfolglos versucht Thilo Sarrazin in seinem neuen Buch, seiner Aggression gegen die Welt einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben.“ (Nils Minkmar, 23. April 2016)

Erfolglos? Vergebens, ist offenbar gemeint. Denn Erfolg hat das neue Buch des Autors eines Millionensellers wie „Deutschland schafft sich ab“ schon vor dem Tag seines Erscheinens, und Polemiken dieser Art sind es, die den Verkaufserfolg des Buchs noch befeuern werden. Denn das ist man, wenn es gegen Sarrazin geht, ja nachgerade gewohnt: Wer keine Argumente hat, arbeitet sich am Menschen ab. Merke: das verfängt nicht mehr.

Und tatsächlich erwartet seine Leser etwas ganz anderes, als im einstigen Intelligenzblatt Spiegel behauptet wird.
Wer nicht als Allererstes in den immerhin 571 Seiten nach Stellen sucht, um den Autor zu überführen (den Gegner „stellen“, heißt das ja pikanterweise neuerdings), sondern das Buch von Anfang an liest, trifft weder auf Hass noch auf Aggression, höchstens auf Melancholie. Es handelt sich um eine etwas spröde Liebeserklärung an ein gut funktionierendes Gemeinwesen, das vernünftig regiert wird. An so etwas wie Deutschland vor der Eurorettung, der „Energiewende“ und der „Flüchtlingskrise“.

Der geneigte Leser braucht allerdings Langmut. Denn Sarrazin breitet in einer oft etwas pedantischen Art und mit nicht selten erhobenem Zeigefinger ein ansehnliches Wissen aus, mit Ausflügen zu Platon und Augustinus, zu Thomas Morus und Karl Marx. Er vertritt dabei ein Politikverständnis, das so altertümlich ist, dass man direkt Sehnsucht danach bekommt. Ironie off: an das man in der moralinsatten Welt der Nebelwerfer und Falschtöner gern wieder erinnert wird.

Da geht es um Politiker, die Interessen vertreten, statt andere mit ihren Gefühlen („Menschen umarmen“) oder Liebesaffären zu belästigen oder gar über die Gefühlslagen des Volks zu spekulieren („Kälte und Hass in den Herzen“). Um Politiker, die nicht den Anspruch haben, die Welt zu retten, sondern die Interessen des Gemeinwesens zu vertreten – eine Aufgabe, für die sie gewählt wurden. Die Recht und Gesetz achten, das Vertrauenskapital einer Gesellschaft, und sich mit dem Sichern von Rahmenbedingungen bescheiden, statt die Tugendwächter der Bürger zu spielen. Und die sich nicht anmaßen, das Wahlvolk als „Mob“ und „Pöbel“ zu beschimpfen, wenn es anders tickt als die politische und Meinungselite.

Das alles dekliniert Sarrazin lehrbuchmäßig durch, angefangen mit der menschlichen Entwicklung über gesellschaftliche Utopien bis zu „Prinzipien guten Regierens“ und Fallstudien aus der deutschen Politik.

Da muss man schon durch. Das schadet ja auch niemanden, vor allem denen nicht, die das alles zu wissen glauben.
Sarrazin untermauert seine Thesen im übrigen gründlich; dass er wissenschaftliche Erkenntnisse missbrauche, ja, dass er lediglich „kalter Aggression“ „einen sehr dünnen wissenschaftlichen Anstrich“ verpasse, ist ein unredlicher Anwurf. Menschlich verständlich vielleicht, wenn sich jemand seine Illusionen nicht rauben lassen, etwa die von der Gleichheit (anstelle der Gleichwertigkeit) von Menschen. Der Wahrheitsfindung aber dient das nicht.

Natürlich gibt es kulturelle und kognitive Faktoren, die Menschen unterscheiden, und nicht all diese Unterschiede sind per „Inklusion“ oder „Integration“ einzuebnen. Auch fällt es schwer, nationale Differenzen zu leugnen, selbst unter Demokratien: Demokratie verträgt sich durchaus, wie in Griechenland, mit Klientelismus oder, wie in Haiti oder Nigeria, mit kleptokratischen Eliten. Dass es Deutschland nach zwei verlorenen Weltkriegen wieder geschafft hat, der wirtschaftliche Motor Europas zu sein, hat mit seinen institutionellen Traditionen ebenso zu tun wie mit dem Einfluss des Protestantismus, dem Humboldtschen Bildungsideal und der kreativen Konkurrenz aus der Zeit der Kleinstaaterei.

Das zu verstehen wäre hilfreich, wenn man schon über die Verbesserung der Welt nachdenkt. Es ist eben nicht egal, wo jemand herkommt, was er glaubt, was er gelernt oder nicht gelernt hat. Das mag traurig stimmen. Trauriger aber ist, Realität zu missachten, denn das macht unglücklich.

Dass Sarrazin der Einwanderungspolitik Angela Merkel keine Sympathie entgegenbringt, war zu erwarten. Wer hier nach „Stellen“ sucht, wird reich belohnt. Merkel habe „das größte Sozialexperiment Europas seit der Russischen Revolution“ gestartet, heißt es da, sie führe die Deutschen „in ein neues Abenteuer der Entgrenzung“, womit sie nicht nur den eigenen Nationalstaat, sondern auch Europa gefährde. Solchen Sätzen werden seine Anhänger applaudieren: „Wer“, schreibt Sarrazin, „schützt eigentlich ein Land, wenn seiner Regierung die Urteilskraft abhandengekommen ist? Die untergegangenen DDR wurde immerhin von der westdeutschen Bundesrepublik aufgefangen. Wer aber fängt dereinst die Bundesrepublik auf?“

Das mag jemandem, der beständig ein „wir schaffen das“ auf den Lippen trägt, tatsächlich „finster“ vorkommen. Anderen dürfte es als wenig übertriebene Schilderung der Lage erscheinen.

Sarrazins Hauptthese zielt auf die große Lebenslüge, die die Willkommensgarde von Rotgrünschwarz vor sich her trägt: man brauche Einwanderung (man bekommt ja „Menschen geschenkt“, so unübertroffen Katrin Göring-Eckard), schon aus Eigeninteresse, um nämlich die Schrumpfung der deutschen Bevölkerung aufzuhalten und damit den Wohlstand Deutschlands zu sichern.

Doch es hat sich längst herumgesprochen, dass Einwanderung kein „Geschenk“ ist, solange sie völlig unkontrolliert vonstatten geht. (Verschenken kann man im übrigen höchstens Sklaven.) Einwanderer mit Aussicht auf ein erfolgreiches und gutes Leben in Deutschland, das auf Eigeninitiative und Arbeit beruht, müssen Qualifikationen mitbringen, die hierzulande gebraucht werden. (Von Menschen, die hier vorübergehend Schutz suchen, kann und darf das natürlich nicht erwartet werden.) Auf die schiere Menge kommt es nicht an, sondern auf das „kognitive Kapital“, das sie mitbringen. Nicht die Arbeitsmenge ist das Entscheidende, sondern die Arbeitsproduktivität, die sich auf Sozialisation, Intelligenz und Bildung stützt. Das kognitive Kapital aber, und da steht Sarrazin auf der Seite seriöser Bildungsforscher, ist nicht dort am höchsten, woher derzeit die meisten Zuwanderer kommen – im arabischen Raum.

Sarrazin war und ist auch in diesem Buch Politiker. Seine Polemik gehört im Grunde in den Bundestag, wo ja durchaus mit scharfen Geschützen operiert wird. Doch im Bundestag sitzt eben keine Opposition, die den Namen verdient. Und Sarrazins Partei, die SPD, wird auf ihn nicht hören. Sie sollte es einmal damit versuchen.