"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Montag, 20. Januar 2014

Darf man um deutsche Soldaten trauern?

Über Europas Zukunft kann man nicht reden, wenn man über seine Vergangenheit schweigt. Sprechen wir also davon. Kein Jahr ist schließlich besser dazu geeignet als das soeben beginnende. Im Jahr 2014 bestimmt die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, an den Ursprung des katastrophischen 20. Jahrhunderts, die Agenda. In Großbritannien hat die Regierung beträchtliche Mittel für die Zentenarfeiern zur Verfügung gestellt. Und in Frankreich wird die Anzahl der Besucher mächtig anschwellen, die schon jetzt Jahr für Jahr die Schlachtfelder an der Westfront besuchen.
Die Franzosen versammeln sich vor allem bei Verdun, der lothringischen Stadt an der Maas, einem geradezu mythischen Ort der Erinnerung. Die Briten pilgern an die Somme, nördlich von Paris, dort, wo ihre Streitkräfte die heftigsten Gefechte und die größten Verluste ihrer Geschichte hinnehmen mussten. Die Gedenkstätte bei Verdun mit der endlosen Reihe weißer Kreuze vermittelt ein Gefühl für die „Blutmühle“, in der der Gegner ausbluten sollte, wie General Falkenhayn Sinn und Zweck des Stellungskrieges benannte. An der Somme sind die Zeichen vergangenen Schreckens nicht weniger präsent. Hier liegen rund 400 Friedhöfe zwischen Wiese, Rübenfeld und Wald, dazwischen Kapellen und Denkmäler. Tausende weißer Steine, auf vielen ein Name, auf manchen nur die Inschrift: „A Soldier of the Great War. Known unto god.“
Jahr um Jahr, am 1. Juli 1916, dem Tag, an dem britische Infanterie ihren Angriff auf deutsche Stellungen an der französischen Somme begann, liegen rote Mohnblumen dort, wo die Spuren der großen Materialschlachten noch heute sichtbar sind: Granattrichter, zerschossene Bunker, die verwaschenen Konturen der Schützengräben.
An der Somme hat das britische Empire in einer ebenso tapferen wie waghalsigen und nutzlosen Offensive Bataillon um Bataillon geopfert, das Regiment der Neufundländer etwa wurde fast vollständig aufgerieben. Nur die deutschen Opferzahlen übertreffen die der Briten.
Grund also auch für uns, zu trauern. Dafür geeignete Orte gibt es genug. Doch vielleicht ist jener Ort besonders geeignet, an dem sich Bundespräsident Joachim Gauck im Jahr des Gedenkens mit Frankreichs Präsidenten François Hollande treffen wird: im Elsass, genauer: am Hartmannsweilerkopf in den Vogesen.
Auf dem Kämmen der Vogesen lagen sich deutsche und französische Soldaten Jahr um Jahr gegenüber, kaum 30 Meter voneinander entfernt, verschanzt in Tunneln und Gräben. Die Gipfelkuppe wurde bestürmt und erobert, insgesamt acht Mal wechselte sie den Besitzer. „Männerfresser“ heißt der Hartmannsweilerkopf seither. In den Laufgängen und Stollen starben fast 30 000 deutsche und französische Soldaten. Ab 2015 wird es hier eine gemeinsame Gedenkstätte geben. Es ist ein angemessener Ort für die Trauer auch um deutsche Soldaten. Den Franzosen, die sich um die Gedenkstätte bislang allein gekümmert haben, liegt daran.
Umso verwunderlicher, dass sich der deutsche Bundespräsident „eine deutsche Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg nur als Respekt vor dem Leid derer vorstellen“ kann, „die damals durch uns bekämpft wurden“, wie er jüngst dem Spiegel gegenüber bekannte. Man möchte ihn ungern missverstehen. Aber man fragt sich unwillkürlich, ob das Leid der deutschen Soldaten etwa keinen Respekt verdient?
Die ehemaligen Kriegsgegner jedenfalls lassen es daran selten mangeln. Es scheint eine deutsche Eigenheit zu sein, sich die Trauer um jene zu verbieten, die millionenfach starben, weil die europäischen Staatsmänner aus einem begrenzten Konflikt, dem zwischen Österreich-Ungarn und Serbien, einen Weltkrieg werden ließen. Gewiss, das Deutsche Reich gehörte zu den Verlierern des Krieges. Aber ist das ein Grund, sich von der eigenen Geschichte und seinen Vorvätern abzuschneiden?
In Deutschland ist die Erinnerung an den 1. Weltkrieg überschattet von dem Gedenken an die Verbrechen Nazideutschlands und an den 2. Weltkrieg. Und in politischen Sonntagsreden, in Schulstuben und Redaktionen, grassiert häufig noch immer die Vorstellung, Deutschland sei nicht nur am zweiten, sondern auch am ersten Weltkrieg schuld, die Schützengräben des Großen Krieges hätten jede Menge williger Gefolgsleute Hitlers ausgebrütet, um die man nicht zu trauern habe.
Doch die These, deutsches Weltmachtstreben habe den Ersten Weltkrieg verursacht, die nach den 60er Jahren die Debatte dominierte, hat sich längst erledigt, ebenso die Vorstellung, es gebe eine Kontinuität deutscher Geschichte, in der das Dritte Reich kein Ausrutscher, sondern logische Konsequenz gewesen sei. In den aktuellen Büchern von Christopher Clark oder Herfried Münkler ist dieser Paradigmenwechsel anschaulich zusammengefasst.
Das Attentat auf den österreichischen Thronfolger am 28. Juni 1914 war mehr als ein bloßer Anlass und Österreich hatte jeden Grund, Serbien dafür zur Verantwortung zu ziehen. Doch erst im Laufe der Julikrise weitete sich der lokale Konflikt im Chaos von Bündnisverpflichtungen und diplomatischen Fehleinschätzungen aus. Alle Spieler haben sich verzockt, alle haben ihren Anteil an der großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Die Deutschen, nicht nur, aber auch weil sie dumm genug waren, Österreich-Ungarn eine Blankovollmacht zu erteilen; die Franzosen, die der russischen Führung versprachen, im Falle eines österreichischen Angriffs auf Serbien den Bündnisfall zu erklären; die Russen, die als erste mobilmachten, und die britischen Politiker, die außer ihrer Bündnisverpflichtung gegenüber Frankreich und Russland keinen Grund hatten, sich einzumischen – höchstens, weil sie Russland mehr fürchteten als Deutschland.
War es wirklich das Leid Belgiens, das der britischen Regierung ein Eingreifen gebot? Oder diente die deutsche Verletzung der belgischen Souveränität, jene unbestreitbaren „Greuel“ beim Durchmarsch durch Belgien, als „gottgesandter Vorwand“ für eine britische Intervention, wie die spätere Frau des britischen Schatzkanzlers Lloyd George damals schrieb? Mit dem britischen Eingreifen jedenfalls wurde der Konflikt wahrhaftig global.
Dass es in diesem Ringen um große Dinge gegangen wäre, um den Kampf zwischen Kultur und Zivilisation, so die deutsche Interpretation, oder um einen Kreuzzug gegen „Barbarei“ und „ungezähmte Machtgier“ des Kaisers, wie es von britischer Seite hieß, ist im besten Fall eine Notlüge, im schlimmeren Fall Propaganda. Sie dient der Sinngebung des Sinnlosen. Wie sonst hätte man den Tod von 10 Millionen rechtfertigen können?
Für manche unter unseren europäischen Nachbarn mögen die neuen Erkenntnisse bedrohlich sein, sie rühren an die eigenen nationalen Legenden: etwa in Großbritannien, wo man sich derzeit darüber streitet, ob der Krieg ein „gerechter Krieg“ gewesen sei, um ein nach Weltmacht strebendes barbarisches Deutschland in seine Schranken zu weisen – oder ob sich, im Gegenteil, nicht gerade die britische Seite vorwerfen lassen müsse, dass ihre politische Führung im eigenen Machtinteresse einen zunächst begrenzten Konflikt auf Weltniveau katapultiert hat.
Doch davon ganz abgesehen: Was kann ein Sieg noch bedeuten nach einem vierjährigen Schlachten mit zehn Millionen Toten, nicht zu reden von den tödlichen Folgen der Blockadepolitik und der Grippewelle für die Zivilbevölkerung?
Der amerikanische Präsident Wilson sprach damals von einem Krieg, um allen Krieg zu beenden. Doch das Ergebnis war ein Frieden, der keinen Frieden zuließ. Tatsächlich hatte das große Sterben nicht ein einziges Problem gelöst, aber dafür viele neue geschaffen. Der Krieg gebar die bolschewistische Revolution. Die Verträge von Versailles schufen keinen Frieden, sondern neuen Sprengstoff, etwa zwischen Polen und Deutschland. Sie ebneten Hitler den Weg, der die Welt glauben machte, in den Schützengräben hätten „Volk und Führer“ zusammengefunden, eine der geschicktesten Propagandalügen des Joseph Goebbels. Ebenso wenig befriedete die Nachkriegsordnung den Balkan oder den Nahen Osten.
Ist etwas daraus zu lernen? Man sollte nicht allzu optimistisch sein. Und doch wird uns das bereits jetzt anschwellende Erinnerungstheater womöglich eine Erkenntnis vermitteln: dass die Ursünde des 20. Jahrhunderts eine gemeinsame ist. Und dass sich in den Schützengräben keine Feinde gegenübergelegen haben, hier perfide Briten, dort verlogene Franzosen und überall blutrünstige Deutsche, sondern Männer, die wahrscheinlich ähnliches erlitten und empfunden haben: Opfer einer gigantischen Kriegsmaschinerie zu sein, die über sie hinwegrollte und viel zu viele unter sich begrub.
Die europäische Ursünde teilen wir. Die Trauer auch. Niemand muss sich davon ausschließen. Auch die Deutschen nicht.

Siehe "Gedanken zur Zeit", NDR und WDR, 19. Januar 2014



Montag, 30. Dezember 2013

Hundert Jahre Traurigkeit. Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs wäre vermeidbar gewesen

Wer in Nordfrankreich die Picardie besucht, ein Gebiet nördlich von Paris und Reims, ist meist weniger an seiner lieblichen Landschaft interessiert als an dem, was darunter liegt. Es sind die Toten, die Jahr um Jahr die Besucher anziehen. Vor allem Briten pilgern an die Somme, in das Dreieck zwischen Péronne und Abbeville, auf der Suche nach einem der rund 400 Friedhöfe, die zwischen Wiese, Rübenfeld und Wald liegen, dazwischen Monumente und Totenhallen, Kapellen und Denkmäler. Tausende weisser Steine über den Überresten von Briten und Franzosen – manchmal liegen darunter sogar die Knochen der Männer, deren Namen auf den Steinen stehen, mitsamt Rang, Geburts- und Todestag. Meist ist dazu ein Kreuz eingraviert, oft ein Davidstern, auf vielen aber steht kein Name, sondern nur «A Soldier of the Great War. Known unto God.»
In Thiepval erinnert der Ulster-Tower an die 2500 irischen Soldaten, die hier an einem einzigen Tag gefallen sind, in Beaumont-Hamel gilt die riesige Skulptur eines Karibus dem Regiment der Neufundländer, das dort fast völlig aufgerieben wurde. Noch heute erkennt man in der sanften Dünung des Bodens die Konturen der Schützengräben, in denen sich die gegnerischen Soldaten gegenüber lagen. Jeden Sommer, am 1. Juli, dem Datum, an dem 1916 die für die Briten mit fast 80 000 Toten verlustreichste Schlacht begann, sind die Stätten des grossen Sterbens übersät mit Poppies, jenen Mohnblumen, die zum Symbol der gescheiterten Offensive an der Somme geworden sind.

Unorte, explosiv
Das lothringische Verdun, im Nordosten Frankreichs, ist der wichtigste Erinnerungsort der Franzosen. Auch hier eine Parade weisser Steine, die sich bis zum Horizont erstreckt. Daneben verbotene Orte, unbetretbar, weil der Boden unter Krüppelbewuchs, Gestrüpp und schillernden Sümpfen noch heute explosiv ist. Der Erste Weltkrieg lebt: selbst im freigegebenen Gelände treffen die Pflüge der Bauern immer wieder auf Stacheldraht und Knochen, auf Geschosshülsen, Bajonette, Koppel. Und auf Blindgänger.
Noch vor zwanzig Jahren war man bei Reisen zu den Schlachtfeldern an der Westfront des Ersten Weltkriegs allein mit den Briten und Franzosen. Auch heute sind deutsche Besucher in der Minderzahl. Für viele Deutsche ist der Erste Weltkrieg «ein paar verwitterte Steine in Form von Kriegerdenkmälern und Soldatenfriedhöfen» und nicht weiter von Bedeutung, wie der ehemalige Aussenminister Joschka Fischer nicht ohne Bedauern anmerkt, er ist überschattet von der grösseren Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Und wie Joschka Fischer und sein Nachfolger als deutscher Aussenminister, Guido Westerwelle, reklamieren viele Deutsche die Schuld am Ersten, als ob es angesichts des Zweiten Weltkriegs darauf nun auch nicht mehr ankomme. Sie können mit den völkerverbindenden Trauerritualen der anderen wenig anfangen: Weil die Vorväter eine schmähliche Niederlage erlitten haben? Oder vielmehr, weil man glaubt, die Schützengräben hätten jede Menge williger Gefolgsleute Hitlers ausgebrütet, um die man nicht zu trauern hat?
Für die anderen aber ist der Erste Weltkrieg die bestimmende Signatur des 20. Jahrhunderts: hier begann, was in Strömen von Blut mündete und erst 1989 zu Ende ging. Und was derzeit auf ungemütliche Weise wieder nähergerückt zu sein scheint.
Mich hat das Thema nie losgelassen. Mehr als fünfzehn Jahre habe ich mit der Suche nach dem Grund verbracht, der die Männer in den Schützengräben ausharren liess, im stinkenden Schlamm, verseucht mit Rattenkot, Leichenresten und Chlorkalk. Was hielt sie dort? Vaterlandsliebe? Der Glaube an die Kultur (die Deutschen) oder die Zivilisation (die Briten)? Der Hass auf den Gegner, die Liebe zum eigenen Regiment? War es ein «guter», ein «gerechter» Krieg, den Briten und Franzosen führten; ging es um die lebensnotwendige Verteidigung gegen feindliche Umzingelung, wie die Deutschen dachten? War es gar der «Krieg, um alle Kriege zu beenden» und galt es, die Welt «sicher für die Demokratie» (der amerikanische Präsident Woodrow Wilson) zu machen? War das legitime Kriegsziel der Alliierten im Ersten ganz ebenso wie im Zweiten Weltkrieg, ein nach der Weltmacht strebendes barbarisches Deutschland in seine Schranken zu weisen? Und war man mit dem Deutschen Reich am Ende viel zu sanft umgegangen, hätte man es «zerschmettern» müssen? Oder war es, umgekehrt, just das ungerechte und rachsüchtige Diktat von Versailles, das Deutschland reif für Hitler machte?
Und was bedeutete noch ein «Sieg» nach einem vierjährigen Schlachten, in dem schätzungsweise zehn Millionen Männer umkamen, nicht zu reden von den tödlichen Folgen der Blockadepolitik und der Grippewelle, die vielfach auf eine ausgehungerte Zivilbevölkerung traf?
In Grossbritannien ist ein Etat von 50 Millionen Pfund für die Gedenkfeierlichkeiten ab 2014 beschlossen, doch dort streitet man schon jetzt um das, was genau das Grosse Erinnern denn nun vermitteln soll. Trauern um des Trauerns willen? Erinnerung um der Erinnerung willen? Was bei den Deutschen so auffällig fehlt, ist bei den Briten im Überfluss vorhanden, wo es in den letzten Jahrzehnten eine Flut von Literatur zum «Krieg des kleinen Mannes» gegeben hat. Während viele Deutsche ihre Vorfahren offenbar allesamt für irgendwie schuldig halten, sehen die Briten in ihren Gefallenen nur Opfer, und nicht Männer, die doch ebenfalls getötet haben, wie die Historikerin Joanna Bourke moniert, die fürchtet, dass Erinnerung auch verklären, verkleistern und Rachegefühle nähren kann.
Kurz: es geht um die Lehren aus dem Grossen Krieg, und die sind, sofern man es nicht beim mahnenden «Nie wieder Krieg!» belässt, nicht eben leicht zu ziehen. Kritiker unter den britischen Historikern bestreiten, dass es sich um einen «gerechten Krieg» gehandelt habe – und konstatieren, dass von einem «Sieg» wohl kaum gesprochen werden könne. Tatsächlich hat der Erste Weltkrieg nicht ein einziges Problem gelöst, dafür viele neue geschaffen. Er gebar die bolschewistische Revolution und den Stalinismus. Die Verträge von Versailles schufen keinen Frieden, sondern neuen Sprengstoff, etwa zwischen Polen und Deutschland. Sie ebneten Hitler den Weg, der die Welt glauben machte, in den Schützengräben hätten «Volk und Führer» zusammengefunden, eine Propagandalüge, die Thomas Webers «Hitlers Erster Krieg» abschliessend widerlegt hat. Ebenso wenig befriedete die Nachkriegsordnung den Balkan oder den Nahen Osten. Schon 1994 machten die Kriege im auseinandergebrochenen Jugoslawien klar, dass die Transformationsprozesse auf dem Balkan hinter dem Eisernen Vorhang nur ruhiggestellt, aber nicht abgeschlossen waren.
Paradigmenwechsel
Tatsächlich war das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajevo am 28. Juni 1914 mehr als ein blosser Anlass eines aus anderen Gründen überfälligen Konflikts. Es war die (nur zufällig geglückte) Tat der «Schwarzen Hand», einer von Serbien unterstützten Terroristentruppe. Österreich hatte jedes Recht, Serbien dafür zur Verantwortung zu ziehen. Erst im Laufe der Julikrise weitete sich der lokale Konflikt im Chaos von Bündnisverpflichtungen und diplomatischen Fehleinschätzungen aus und wurde, zuerst durch die russische Mobilmachung und zuletzt durch den Kriegseintritt Grossbritanniens, global. Seine Ausweitung war, so argumentieren auch Historiker wie Sean McMeekin, Niall Ferguson oder Andreas Rose, alles andere als notwendig, zwingend oder konsequent. Und die Rolle des Schurken mit dem rauchenden Colt in der Hand bleibt unbesetzt, es sei denn, man möchte unbedingt Frankreich und Russland an die Stelle des Deutschen Kaiserreichs setzen.
Man darf das sicher einen Paradigmenwechsel nennen. Christopher Clarks «Die Schlafwandler» und Herfried Münklers Werk «Der Grosse Krieg» sind dazu die Bücher der Stunde. Zwei literarische Ereignisse, die zeigen, was Geschichtsschreibung vermag, die sich der moralischen Wertung und ideologischen Verzerrung enthält und die so weit wie irgend möglich auf jenen «Rückschaufehler» verzichtet, mit dem vergangene Ereignisse vom Wissen um ihr «Ergebnis» her beurteilt werden. Der historische Kanon muss neu aufgelegt werden.
Die Führungselite von Grossbritannien und Russland, Frankreich und Österreich-Ungarn, Serbien und Deutschland: sie alle haben ihren Anteil an der grossen Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Die Deutschen, nicht nur, aber auch, weil sie dumm genug waren, Österreich-Ungarn eine Blankovollmacht zu erteilen; die Franzosen, die der russischen Führung versprachen, im Falle eines österreichischen Angriffs auf Serbien den Bündnisfall zu erklären; die Russen, die als erste mobilmachten, und die britischen Politiker, die neben ihrer Bündnisverpflichtung gegenüber Frankreich und Russland keinen Grund hatten, sich einzumischen – ausser, dass sie Russland mehr fürchteten als Deutschland. War es wirklich das Leid Belgiens, das der britischen Regierung ein Eingreifen gebot? Oder diente die deutsche Verletzung der belgischen Souveränität, jene unbestreitbaren «Greuel» beim Durchmarsch durch Belgien, als Vorwand? Erst mit der britischen Intervention wurde der Konflikt global. Wussten sie, was sie taten?
Der Grosse Krieg war, wie Niall Ferguson schon vor Jahren schrieb, ein «falscher Krieg». Fergusons provozierende These: Hätte man das Deutsche Reich 1914 nicht bekämpft, sondern an den Tisch der Grossmächte gelassen, hätte man ganz ohne Millionen von Toten erreicht, was heute der Fall ist: Deutschland ist als stärkster (ökonomischer) Faktor die Zugmaschine Europas.
Tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass man in Grossbritannien langsam vom nationalen Mythos Abschied nimmt, dass man im Deutschen Reich das Böse bekämpft habe und in diesem grauenvollen Gemetzel die Guten gewesen sei. Eine nationale Legende, die über den Verlust der Weltmacht an Amerika hinweggetröstet hat: Bei Kriegsende war Grossbritannien nicht mehr Gläubiger, sondern Schuldner der USA, des einzigen Beteiligten, der vom europäischen Krieg profitiert hat. Deutschland, sonst gewohnheitsmässig Objekt britischer Häme, ist im Land des Hun-Bashing heute so beliebt wie nie zuvor. Nur die Deutschen trennen sich ungern von der Rolle des schuldigen Schurken.
Warum? Weil Rechtsausleger nun frohlocken könnten, die «Kriegsschuldlüge» sei endlich widerlegt? Lasst sie doch. Dass es keinen gibt, den man als einzig Schuldigen am Tod von Millionen herausgreifen kann, macht die Sache ja nicht besser, ganz im Gegenteil. Der wahre Skandal ist die Erkenntnis, dass das grosse Schlachten vermeidbar gewesen wäre, dass es ganz und gar sinnlos gewesen sein könnte, dieses Ausharren und Sterben der Männer in den Schützengräben und der Menschen an der «Heimatfront». Und dass es beim besten Willen nicht gelingt, dem gigantischen Blutbad im Nachhinein auch nur ein Fünkchen Sinn zu implantieren. Der Krieg, der alle Kriege beenden sollte, endete in einem Frieden, der allen Frieden zunichtemachte. Es gibt keine Sinngebung des Sinnlosen.
Die Europäer haben nicht nur eine traumatische Erfahrung gemeinsam, wie man heute vielleicht deutlicher erkennt als je zuvor. Sie haben auch allesamt einen Trost verloren: dass es, hier wenigstens, Schwarz und Weiss gibt im Krieg, Täter und Opfer, Schuldige und weisse Ritter, Schurken und Helden. Nur, solange man an das Böse glauben kann, ist auch das Gute denkbar. Das mag einer der Gründe sein, warum man in Deutschland die Bürde des Schurken nicht erleichtert abwirft. Und könnte eine Paradoxie erklären: Wer an eine Inkarnation des Bösen glaubt, erwartet vom «Guten» oft mehr, als menschenmöglich ist.
Doch hat der deutsche Schurke nicht wenigstens den Nachbarn ein gutes Gefühl gegeben: den Franzosen moralische Überlegenheit trotz Niederlage, den Briten den Trost, ihr Weltreich für die richtige Sache riskiert zu haben? Gewiss. Zyniker verweisen überdies darauf, dass nur ein Schuldspruch den Siegern erlaubte, die enormen Kosten des Krieges auf den Besiegten abzuwälzen. Die Reparationszahlungen sind seit dem 3. Oktober 2010 abgeleistet.

Moralische Sinngebung
Der Abschied von Gut und Böse führt ins Reich der Schatten und in die kalte Welt der Realpolitik, in der Interessen zählen, ohne dass Moral sie veredelt. Und das ist gut so. Denn der Erste Weltkrieg hat weiteres Unheil in die Welt gesetzt: die moralische Aufladung, aus der Notwendigkeit gezeugt, dem Sinnlosen einen Sinn zu verleihen. Ging es wirklich, wie der britische Premier Asquith 1916 postulierte, um einen edlen Kreuzzug gegen «Barbarei» und «ungezähmte Machtgier»? Dass Grossbritannien wegen «Little Belgium» das Risiko der Globalisierung des Konflikts eingegangen ist, dass es moralisch dazu gezwungen gewesen sei, dass es eingreifen musste, ist natürlich eine entschieden sympathischere Deutung als die kühle Schilderung Christopher Clarks: Belgien sei das einzige Argument gewesen, dass die Regierung Grey noch hatte, um den Krieg vor der eigenen Bevölkerung zu rechtfertigen. Denn auch in den britischen und französischen Kriegsplänen war das neutrale Belgien als Durchmarschgebiet vorgesehen. Und die USA, die erst recht keinen Grund hatten, sich in die kontinentalen Querelen einzumischen? Woodrow Wilson wählte die hochtrabende Begründung, dies sei nicht weniger als «ein Krieg, um alle Kriege zu beenden».
Man bemühte höchste Ziele, weil naheliegende nicht zu haben waren. Dabei weiss jeder verstandesbegabte Befehlshaber, dass ein Sieg von überlegenen Kräften und dem Glück abhängt, und nicht vom moralischen Zuschnitt des Siegers.
Tatsächlich setzte der Erste Weltkrieg vor allem in Grossbritannien eine Propagandamaschinerie in Gang, die das Sinnlose mit den gröbsten Mitteln moralisch zu veredeln suchte. Es ist halt das Problem von Demokratie, dass man Kriegshandlungen nicht einfach anordnen kann, man muss das Volk überzeugen – was meistens heisst: es manipulieren. Wie immer man die Appeasement-Politik Chamberlains gegenüber Hitler beurteilen mag (und auch hier gibt es nicht nur schwarz und weiss): britischen Politikern war später sehr wohl bewusst, dass die britische Propaganda gegen das Kaiserreich sämtlichen Gepflogenheiten widersprach, die in den europäischen Staatenkriegen bis dato galten, wozu Respekt vor dem Gegner gehörte. Frontsoldaten hat der Jingoismus an der Heimatfront denn auch zutiefst abgestossen. Nicht zufällig gab es zu Weihnachten zwischen Deutschen und Briten Versöhnung über die Schützengräben hinweg.
Was zu lernen wäre
Welche Lehren soll man also ziehen? «Nie wieder Krieg»? Das ist ein frommer, aber kindlicher Wunsch. Militärische Gewalt ist ja nicht immer sinnlos. Und berechtigte Interessen oder die nationale Souveränität muss man auch verteidigen können.
Mehr Europa? Auch das ist ein frommer Wunsch, wenn man ihn an der Realität misst. Nicht in erster Linie die EU oder die deutsch-französische Freundschaft haben dem Kontinent Jahrzehnte des Friedens geschenkt, sondern der Kalte Krieg. Mit dem Ende der bipolaren Welt 1991 ist Krieg wieder begrenzbar und damit möglich geworden. Die krisenhafte Neuformierung Ex-Jugoslawiens ist einstweilen beendet, die Brandherde im Nahen Osten aber sind noch lange nicht gelöscht.
Und was den Euro betrifft: ganz offenbar hat er Europa nicht vereint, sondern die unterschiedlichen Interessen, die seine Nationen vertreten, schmerzhaft deutlich gemacht. Deutschland zur Kasse bitten mit dem Argument, dass das Land nach zwei verschuldeten Weltkriegen mit seiner Euro-Politik die dritte Katastrophe verursache, ist keine überzeugende Basis für ein einiges Europa. Dass das Argument überhaupt eine Rolle spielt, zeigt, dass das neue Deutschland in einer Hinsicht das alte ist: wieder wirkt es isoliert, unsicher, in welche Richtung es schwanken soll, unwillig, eine Rolle zu übernehmen, die es nicht ein einziges Mal gemeistert hat, nämlich wenn nicht Weltmacht, so doch zumindest Führungsmacht zu sein. Es ist heute das, was Churchill ihm einst an den Hals wünschte: «fat and impotent».
Wir müssen, gerade jetzt, in seiner schwersten Krise seit 1945, Europa neu denken. Der Kontinent hat sich vereint die Wunde geschlagen, von der er sich bis heute nicht erholt hat. Hitlers unvorstellbare Verbrechen haben den Blick darauf verstellt.
Kann man die Wunde heilen? Die erneute Isolation Deutschlands als des ewigen Schurken ist fatal. Wenn der Euro als „Fortsetzung von Versailles mit anderen Mitteln“ betrachtet wird, muss er scheitern. Das starke Deutschland braucht starke Bündnispartner. Ein Tipp: man kann ihnen womöglich am 1. Juli an der Somme begegnen.


Samstag, 7. Dezember 2013

Alles Alice oder was?

Dass der deutsche Feminismus wie Alice Schwarzer aussieht, ist ihm nicht bekommen.

Zur Fußballweltmeisterschaft 2006 wurden in Deutschland 40 000 zugereiste Prostituierte erwartet. Wer damals schon wusste, dass es sich nur um 40 000 Zwangsprostituierte handeln konnte, war Alice Schwarzer. Sie hat seither dazugelernt. Heute weiß sie es besser: nicht alle, nur 95 % der Prostituierten täten ihren Job ungern, verkündete sie jüngst. Denen (und den restlichen 5 % gleich mit) soll ihr ungeliebtes Geschick zukünftig erspart werden. Die neueste Kampagne von Alice Schwarzer zielt auf die Abschaffung des ältesten Gewerbes der Welt.
Woher die „Ikone der Frauenbewegung“ ihre Zahlen hat? Das bleibt das Geheimnis Schwarzerscher Wahrheitsfindung und ist im Grunde auch wurscht. Denn es geht ihr nicht um den widerwärtigen Menschenhandel, in dem es eindeutig Opfer gibt, die beschützt, und Täter, die bestraft werden müssen. Es geht ihr ums sorgsam gepflegte Weltbild, wonach Männer Schweine und Frauen Opfer sind.
Dagegen gibt es nun einen Aufschrei besonderer Art: die im „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“ organisierten Frauen protestieren gegen ihre Vereinnahmung durch die Berufsfeministin Schwarzer. Sie halten deren Kampagne für einen Akt der Bevormundung. „Man kann Menschen nicht gegen ihren Willen helfen“, sagt Verbandssprecherin Undine de Rivière. Denn die Professionellen sehen sich nicht als Opfer. Männer, die sexuelle Dienstleistungen bezahlen (müssen), üben im Regelfall keine Macht aus. Es mag sein, dass manche von ihnen Schweine sind – arme Schweine, etwa, wie jene Kunden, „ die einmal zahlen, zehn Mal wollen und dann zwei Mal können“ (de Riviére über Flatrate-Freier). Aber eine freie Vereinbarung zweier Erwachsener über eine Dienstleistung ist keine Unterdrückung der Frau – es sei denn, man vertritt die Auffassung, Frauen seien mit ihrem Körper und ihrem Sex identisch. In paternalistischen Kulturen wird das so gesehen, weshalb man Frauen in den Ganzkörperschleier zwingt. Manch einer scheint das auch hierzulande für eine gute Idee zu halten.
Die neue Kampagne ist, was Schwarzers Kampagnen immer waren: Selbstinszenierung. Dass sie eine Ikone der Frauenbewegung sei, beruht auf einem Missverständnis. Eigentlich ist sie der beste Freund der Männer. Denen hat das Weltbild der Oberfeministin zunächst einen unschätzbaren Dienst getan: Sie dürfen Frauen als arme Hascherl betrachten, als Opfer, die beständig gefördert und beschützt werden müssen. Die überwiegend rein symbolischen Akte der Wiedergutmachung sind ein kleiner Preis für den geübten Frauenfreund, und das gendergerechte Parlieren tut nur einer winzigen Minderheit weh, die unter der Sprachverhunzung im öffentlichen Raum leidet.
In diesem Frauenbild ist kein Platz für Partnerinnen. Für Konkurrentinnen, die zu respektieren sind. Oder für Gegnerinnen, die man fürchten sollte. Denn fürchterlich kann Frau sein, wenn sie sich den Opferbonus zunutzemacht und den Spieß umdreht. Wer einen Mann des Sexismus oder der Vergewaltigung beschuldigt, ist mittlerweile in einer unschlagbaren Machtposition: so kann man Existenzen ruinieren.
Schwarzers Feminismus, demzufolge alle Männer potentielle Vergewaltiger sind, ist männerverachtend, gewiss. Aber sie hat, wie ihre Biografin Bascha Mika sagt, „vor allem ein Problem auf der Welt: Frauen. In nahezu allen Konflikten und Krächen, die sie ausgefochten hat, standen Frauen auf der Gegenseite. Mit Männern hat sie sich kaum je persönlich angelegt.“
In der Tat. Mit Frauen, die ihr die Gefolgschaft verweigern, geht sie gnadenlos ins Gericht. Das sind „"Wellness-Feministinnen“, die sich nur „für Karriere und Männer“ interessierten. Andere wiederum sind, wenn sie ihr kritisch kommen, Erfüllungsgehilfinnen, die „den Jungs nach dem Maul reden“ und ihre eigene „Vernuttung“ betreiben. Dass Frauen sich gegen solcherlei Anmaßungen der selbsternannten „Ikone“ selten wehren, liegt nicht nur an mangelndem Mut, sondern auch an fehlendem Masochismus: Schwarzers Gegenangriffe pflegen stets sexistisch zu sein und immer unter die Gürtellinie zu zielen. Wer ihr widerspricht, behauptet sie, handelt denunziatorisch und ist eine von Männern bestellte und bezahlte Agentin des Bösen.
Dass auch Alice Schwarzer von Männern bezahlt wird, ist hingegen kein Problem, steht sie doch so zweifelsfrei fürs Gute. Ihre komfortable Existenz im Kölner Bayenturm, wo sie über die Linie der „Emma“ und über ein „Frauenarchiv“ wacht, das jährlich weniger als 300 Besucher anzieht, verdankt sie Männern, darunter dem Mäzen Jan-Philipp Reemtsma, der sie mit Millionenbeträgen förderte. Auch so einer, der die Frauenbewegung mit Alice Schwarzer verwechselt hat. Erst eine Frau, Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, hatte den Mut, den Landeszuschuss für ein Privatprojekt von recht geringem öffentlichen Interesse radikal zu kürzen. Dass ausgerechnet Kristina Schröder, die Familienministerin, dann mit Bundesgeldern aushalf, ist ein Sonderfall von weiblichem Masochismus. Schröder wurde von Alice Schwarzer einst in einem offenen Brief als „hoffnungslose(r) Fall. Schlicht ungeeignet“ attackiert. Sie eigne sich höchstens als „Pressesprecherin der neuen, alten, so medienwirksam agierenden, rechtskonservativen Männerbünde und ihrer Sympathisanten.“
Doch ausgerechnet die haben längst ihren Frieden mit Alice Schwarzer gemacht. Eine Krawallschachtel, die ihre Geschlechtsgenossinnen kleinhält, ist entschieden einfacher zu handhaben als erwachsene Frauen, die keine Opfer sein wollen. Und das beantwortet schon die Frage, warum Alice Schwarzer „größer (ist) als der Feminismus in Deutschland“. Dies überaus zweischneidige Kompliment von Harald Schmidt sagt vor allem eins: dass es der „Ikone des Feminismus“ gelungen ist, die Frauenbewegung klein zu halten.
Dass ausgerechnet die „"Dienstleisterinnen“ des horizontalen Gewerbes den Opferbonus ablehnen, der ihnen angeboten wird, ist wahre Größe. Andere fühlen sich schon bei täppischen Männersprüchen als Opfer von Sexismus. Was lernen wir daraus? In Deutschland ist Feminismus zu einer weiblichen Problemzone geworden, die mit symbolischen Sprechakten glattgebügelt werden soll. Mit der Wirklichkeit hat das alles nichts zu tun. Höchstens mit Alice Schwarzer.



Dienstag, 26. November 2013

Zurück zu den Wurzeln

In jedem Hotelklo wird die Welt gerettet und für unsere Umwelt gespart, ob an Handtüchern, Klopapier oder Spülung. Die Frauenquote gilt, egal, was Frauen davon halten. Und geraucht wird nur draußen. Also bitte: Die Grünen haben an allen Fronten gesiegt! Was wollen sie mehr?
Besser gefragt: wozu braucht man sie noch? Den Todesstoß versetzte ihnen Angela Merkel schon vor Jahr und Tag, als sie den Abschied von der Atomkraft verkündete. Das, die Anti-AKW-Bewegung, war einmal das Herz der Grünen und der Punkt, an dem Ökos und K-Grüppler einst zusammenfanden. Und nun das Ende. Grün hat sich zu Tode gesiegt. Das, womit sie früher einmal Neuland betraten, gehört mittlerweile zur Standardmöblierung der Parteienlandschaft.
Fast möchte man den Alternativgrünen von damals ein Tränchen hinterherweinen, den Waldschraten, Wallebärten und Strickliesels. Denn auch eine Partei wie keine andere sind die Grünen schon lange nicht mehr. Sicher, im Zuge der Normalisierung haben sie nicht nur liebenswerte Schrulligkeiten, sondern auch fundamentale Missverständnisse abgelegt – etwa über Sinn und Zweck eines Gewaltmonopols des Staates oder über den Nutzen frei gewählter und von der Partei unabhängiger Abgeordneter. Aber sind sie deshalb gleich zum politischen Doppelsprech verurteilt, der die Bündnisgrünen heute genauso öde macht wie all die anderen?
Bei näherer Betrachtung könnte man auf die Idee kommen, dass sich ihr Markenkern genau darin beweist: in der frömmelnden Floskelei vom Guten, Wahren und Schönen. Und gerade das haben die anderen Parteien von den Grünalternativen gelernt.
Deren Unwiderstehlichkeit bestand ja nie in ihren „Themen“ allein, sondern im Anspruch auf ihre Alleinvertretung. Wer sich mit tiefer Überzeugung in die Brust wirft und die Rettung der Welt, der Natur, der Frauen, also der Menschheit verspricht, dem kann man schwerlich widersprechen: wer möchte es sich schon mit den Ganz Großen Dingen verderben? Also! Die Grünen haben, ganz im Sinne einer „Politik in der ersten Person“, die persönliche Betroffenheit, das Gefühl und die Moral vor den kalten „Sachzwang“ und die noch kälteren Interessen gestellt. Das Ergebnis ist ein Programm mit Kuschel-Optik – für die Empfehlung eines „Veggie-Days“ gebührt ihnen deshalb eine Auszeichnung für die erfolgreiche Infantilisierung der Politik.
Doch mittlerweile menschelt es sogar bei den Liberalen, die sich „mitfühlenden Liberalismus“ verordnet haben. Alle Parteien scheinen den Begriffswandel des Politischen hinzunehmen, der sich darin ausdrückt. Dabei heißen sie Parteien, weil im Parlament Repräsentanten unterschiedlicher Interessen, also „parteilich“ miteinander konkurrieren sollen. Heute konkurriert man nur noch um die gelungene Darstellung moralischer Untadeligkeit und sozialer Wärme – und Interesse, das einst Ausweis für Ehrlichkeit war, ist ein schmutziges Wort geworden.
Es ist bezeichnend, dass in den derzeitigen Verhandlungen um die „Groko“ – ein Wort, das lautmalerisch ausdrückt, wonach manch einem dabei ist – keine einzige Frage verhandelt wird, die mehr als symbolischen Wert hat. Weder spricht man über Europa und den Euro, noch über die Schuldenkrise, noch über die dramatisch gescheiterte „Energiewende“, auf die gerade die Grünen so unkritisch stolz sind. Dass die gigantischen Subventionen, die dabei im Spiel sind, Zocker anlocken – windige Investoren bis hin zu den Hell’s Angels und der Mafia – verwundert niemanden, der rechnen kann. Auch nicht, dass die Ökoindustrie mittlerweile eine mächtige Lobby unterhält.
Hier liegt womöglich der eigentliche Grund, warum die Grünen verzichtbar geworden sind. Wenn noch nicht einmal eine Partei, in der „Natur“ einst hoch firmierte (was immer jeweils darunter verstanden wurde) zur Kritik am Desaster der „Energiewende“ fähig ist, dann hat sie ihren letzten Daseinszweck verfehlt. Wer Natur und Umwelt einer unausgereiften Technologie opfert, weil es um ein angeblich höheres Ziel gehe, hat sich vom „grünen“ Gedanken verabschiedet. Und von der Nachhaltigkeit: der irgendwann nötige Rückbau der Windkraftanlagen wird der vorhandenen Zerstörung ganzer Landschaften eine weitere, kostenträchtige hinzufügen. Aber so ist das eben, wenn man im „Gattungsauftrag“ unterwegs ist: da müssen halt Opfer gebracht werden, das hat schon Lenin so gesehen. Opfer der anderen, natürlich.
Wenn die SPD nicht achtgibt, wird sie den Grünen in den Abwärtssog folgen. Auch die SPD sah sich im 19. Jahrhundert als Vertreterin der Menschheit. Erst nach 1945 reifte sie zu einer Partei, die im besten Sinne Interessen vertrat, nämlich die der Industriearbeiterschaft (und damit auch der Wirtschaft). Mit den Gewerkschaften zusammen wurde sie zum Garant der sozialen Marktwirtschaft. Gewiss, die Treue zum Steinkohlebergbau war irgendwann anachronistisch. Und der Kampf für einen „Mindestlohn“ riecht nach der alten Gewerkschaftsstrategie, Einsteiger, die mit niedrigen Löhnen in den Markt drängen, wegzubeißen. Im Grunde aber hat die SPD ihre Klientel der Facharbeiter und Handwerker, Techniker und Ingenieure längst verlassen und verraten. Statt dessen grast sie ebenso wie alle anderen bei den Staatsabhängigen und den städtischen Milieus, in denen man heute immerhin auch andere Weine als die aus der Toscana kennt.
Die Partei des Fortschritts, die sie einst sein wollte, ist sie schon lange nicht mehr. Sonst wären es die Sozialdemokraten, die ein Ende der absurden Energiepolitik forderten - im Vertrauen auf die deutsche Ingenieurskunst, deren Erfindungsreichtum längst zu besseren Lösungen des Energieproblems geführt hätte, wären nicht die Gelder in die falsche Richtung geflossen. Statt dessen schaut die Partei gelassen zu, wie dem Wirtschaftsstandort Deutschland Schaden zugefügt wird. Heute scheint der Partei alles andere wichtiger zu sein als Arbeitsplätze.
Im Blick auf die Zukunft wünscht man sich ein Zurück zum alten Markenkern: zurück zur Natur bei den Grünen. Dass sie sich in einer Koalition mit der hessischen CDU zu einer neuen liberalen Kraft entwickeln, ist zu viel gehofft. Und zurück zum Fortschritt bei der SPD. Dafür ist Opposition eine gute Ausgangsposition. Hessen vorn!
Im Vertrauen: das Erbe der gescheiterten Energiewende und der nutzlosen Klimapolitik kann man getrost der Kanzlerpartei überlassen.

Donnerstag, 14. November 2013

Wir müssen über den Krieg reden...

Dass Deutschland „zwei Weltkriege angezettelt“ habe, ist in Deutschlands Schulen und Redaktionsstuben weitgehend Konsens. Auch die letzten beiden deutschen Außenminister reklamieren die Schuld am Ersten Weltkrieg, als ob es angesichts des Zweiten Weltkriegs darauf nun auch nicht mehr ankomme.
Ob man sich von der packenden Studie des in Cambridge lehrenden australischen Historikers Christopher Clark belehren lässt? Er weist in einer minutiösen Analyse der Wochen und Tage vor dem Beginn des Großen Kriegs nach, dass von einer deutschen „"Schuld“ an der Katastrophe nicht die Rede sein kann und dass sich die „"Verantwortung“ dafür die Staatsmänner aller beteiligten Nationen teilen müssen.
Für die Deutschen bedeutet das keine Erlösung und für die anderen ist es schmerzhaft. Der erste Weltkrieg ist und bleibt die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, aus ihm folgten noch größere Schrecken. Die je unterschiedlichen nationalen Erinnerungen an den „Großen Krieg“ bestimmen noch immer die europäische Gegenwart – und damit auch das Bild, das man in Europa von den Deutschen hat. Schon deshalb müssen wir über den Krieg reden – den ersten, nicht nur den zweiten.
In Großbritannien bereitet man sich auf die Gedenkfeiern zum hundertsten Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs vor. Eine schwierige Gratwanderung kündigt sich an. Zwar ist das „Hun-Bashing“ derzeit aus der Mode und die britische Regierung möchte Schuldzuweisungen vermeiden. Man bestehe, heißt es, auf lediglich zwei Punkten: dass der Krieg ein gerechter Krieg war, ein „just war“. Und dass man gesiegt habe.
Von deutscher Seite wird man wenig Widerspruch ernten. Mit nationalem Masochismus – oder Sadismus? – erklärte jüngst der einstige Außenminister Joschka Fischer den Vertrag von Versailles sogar für „zu sanft“ und „nicht konsequent genug“. Interessant sind die kritischen Stimmen in Großbritannien selbst. Gewiss, ein Mann wie der Autor Max Hastings verkauft sein neues Buch aggressiv mit dem Argument, man habe 1914 wie 1939 in den Deutschen das Böse bekämpft, und der ungleich eminentere Militärhistoriker und Regierungsberater Hew Strachan meint, es gebe bei den Zentenarfeierlichkeiten keinerlei Grund, Rücksicht auf das heutige Deutschland zu nehmen, bloß, weil es nicht zu seinen Niederlagen stehen wolle. Doch die Mehrheit der britischen Publizisten und Historiker, die sich zu Wort melden, fordert vom eigenen Land Selbstkritik. Der Deutschlandkenner Richard J. Evans, Historiker in Cambridge, sieht keinen Grund für die Annahme, dem Kaiser sei es darum gegangen, sich zum Diktator Deutschlands und Europas aufzuschwingen – also keinen Grund für einen „just war“. Auch habe niemand gesiegt. Die Hauptkonflikte blieben ungelöst, bis sie 1939 wieder virulent wurden. Der Mythos vom britischen Sieg verleihe keine verlässliche nationale Identität.
Noch deutlicher wird der konservative Publizist Simon Heffer: Nur aufgrund der Einmischung Großbritanniens sei aus einem begrenzten Konflikt ein Weltkrieg geworden. Die britische Intervention habe nicht nur Millionen Tote gekostet, sondern die alte europäische Ordnung zerstört, revolutionäre Bewegungen genährt und den Wohlstand der vorhergehenden Jahrzehnte vernichtet. Man hätte neutral bleiben, über die starken Handelsbeziehungen die Partnerschaft mit Deutschland pflegen und so die meisten Katastrophen des 20. Jahrhunderts verhindern können.
Das Buch von Christopher Clark, in dem die These von der Hauptverantwortlichkeit des Deutschen Reichs klaftertief begraben wird, gibt der Debatte neue Nahrung. Wer die 700 Seiten dieses Krimis durchgestanden hat, hat zwar keinen Schurken mit rauchendem Colt serviert bekommen, sondern eine Tragödie, in der alle Akteure mit offenen Augen und dennoch blind durch die Kulissen stolpern. Kein Zweifel aber besteht an der provozierenden Rolle Frankreichs – und daran, dass Großbritannien kein eigenes Eisen im Feuer hatte, also kein legitimes Interesse, das ihm das „ius ad bellum“ verliehen hätte. Großbritannien hat nicht nur nicht gesiegt. Es hat auch keinen „just war“ geführt – einen gerechten, d.h. gerechtfertigten Krieg.
Doch war die britische Regierung nicht wegen der Verletzung der Souveränität Belgiens durch die Deutschen moralisch und rechtlich zur Intervention verpflichtet gewesen? Das war, wie Clark minutiös nachzeichnet, eine nachgeschobene Begründung, und die These, man habe „die Freiheit“ gegen deutsche Hegemoniebestrebungen verteidigen müssen, ein Propagandamärchen. Tatsächlich war ein Durchmarsch durch Belgien auch in den Kriegsplänen Frankreichs und Englands vorgesehen, die Solidarität mit „Little Belgium“ zielte auf die Bevölkerung, die man moralisch mobilisieren musste. Mit Propaganda über kindermordende deutsche Hunnen, die ans Gemüt appellierte.
Clarks Buch ist politisch brisant. Ja, erst Großbritanniens Kriegseintritt hat den Krieg zum Weltkrieg werden lassen, wofür seine Regierung, wie Clark zeigt, keinen legitimen Grund hatte. Das ist das Päckchen, das England zu tragen hat – völlig unabhängig von der politischen Blindheit, den voreiligen Versprechen, der Selbstüberschätzung und Fehldiagnosen aller anderen.
Was die deutsche „Schuld“ betrifft, so teilen sich die Sieger selten die Verantwortung mit den Besiegten. Irgend jemand musste die enormen Kosten der Materialschlachten tragen. Vor allem aber brauchten die ausgebluteten und zerstörten Nationen wenigstens den Hauch einer Rechtfertigung für den millionenfachen Tod junger Männer. Dass ihr Opfer keinem vernünftigen Ziel diente, ja dass es ihnen geradezu absichtslos abverlangt wurde, war und ist schwer auszuhalten. Einer muss der Schurke sein, damit man weiterhin ans Gute glauben kann.
Manch einer in Großbritannien hält an alter Größe fest, auch wenn das Empire beim dauernden Siegen unterging. Und manchmal scheint es, als sei aus Deutschland geworden, was Winston Churchill einst boshaft versprochen hat: es ist „fat and impotent“, feist und unbeweglich, wie ein gut gemästeter Kapaun, es kann und will seine ökonomische Macht nicht in eine politische ummünzen. Doch selbst diese Zurückhaltung hilft dem Land nicht, das „zu groß für Europa und zu klein für die Welt“ ist (Kissinger). In der Eurokrise scheuen sich manche unserer Nachbarn nicht zu behaupten, mit der deutschen Austeritätspolitik drohe Deutschland „zum dritten Mal in einem Jahrhundert den Kontinent zu ruinieren“ (Gustav Seibt).
Nein, wir haben es alle gemeinsam getan. Und das ist, wenn man so will, die gute Botschaft für Europa: wir bewältigen die Krise auch nur – gemeinsam.

Montag, 4. November 2013

Die Provinz leuchtet

Was sich geändert hat? Es riecht jetzt anders. Und es klingt anders, dort, wo ich lebe, in der oberhessischen Provinz, am Rande des Vulkans.
Am Anfang war der Schrei: ein langgezogenes „Aaaa-uf!“, mit dem die Nachbarin ihre Milchkühe angetrieben hat, begleitet vom Klatschen des dicken Stocks aus Buchenholz auf den Hintern der trödelnden Tiere. Dazu das Geräusch, das Kuhfladen machen, wenn sie auf Asphalt treffen: so ein kurzer, saftiger Platsch, wie ein zerberstender Apfel. Morgens und abends das gleiche Schauspiel, früh auf die Weide, später zurück zum Melken in den Stall. Das ordnete meinen Tag, wie die Kirchenglocken im Nachbarort.
Den meiner Nachbarin auch: Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe. Irgendwann trennte sie sich schweren Herzens vom Milchvieh. Statt dessen zogen Schweine in den Stall, der Duft nach Milch und verdautem Gras wich dem scharfen, strengen Gestank von Ammoniak. Und anstelle des satten Rülpsers einer zufrieden mampfenden Milchkuh hört man seither nebenan das empörte Schreien eingesperrter Fleischreserven.
Ja, das Dorf klingt anders, auch, weil Hermann fehlt. Der Hahn, der jeden Morgen bereits um vier verschnupft losgurgelte, ist tot. Ich vermisse ihn. Mehr noch die geschäftigen Hennen, hübsche Zwergwyandotten und prächtige Legehühner, die beste Eier gaben. Erst hat der Nachbar die Kaninchenzucht aufgegeben, danach wurden die Hühner abgeschafft. Und nun mussten auch noch die jubilierenden Kanarienvögel weichen – Hubert hat’s am Knie und ist sowieso nicht mehr der Jüngste.
Frei lebende Singvögel machen sich hier schon lange rar, das verdanken wir den hässlich schnarrenden Elstern. Wenigstens die Greifvögel von der nahen Flussaue rufen noch ab und an kreisend über dem Dorf. Kein Trost sind nächtliche Katergefechte.
Ja, es wird leiser im Dorf. Wenn man die Rasenmäher nicht zählt. Ebenfalls verzichtbar ist das Theater beim frühmorgendliche Abtransport der Schlachtschweine, ein schreckliches Schreien und Trommeln, das den Vegetarier in mir weckt. Doch auch das ist bald vorbei. Dann hört man morgens wahrscheinlich nur noch ein Flugzeug, das Warteschleife fliegt, weil der Frankfurter Flughafen überlastet ist. Oder den Bäckerwagen, der sein Kommen durch lautes Hupen ankündigt, was immer noch erträglicher ist als das fröhliche „Hier kommt der Eiermann“, das erschallt, wenn der Mann mit Wurst und Käse heranbraust. Aber ihm sei verziehen: die Nachbarin, um die neunzig, die jeden Tag wie um die siebzig mit dem Hund durch die Flussaue läuft, kauft lieber bei ihm als im Supermarkt, der ist zwei Dörfer entfernt. Überhaupt, die Alten, von denen es in meinem Dorf übrigens weniger gibt als Kinder: sie werden steinalt hier. Woran das liegt?
Bald hat es hier mehr Pferde als Rinder. Die Gemüsegärten mit den bunten Blumen und Stauden werden weniger. Die Maisfelder nehmen zu. Und nachts sind die Sterne ferner gerückt, seit sie am Horizont wie Weihnachtsbäume stehen und leuchten und leuchten: Windkrafträder, die Feinde der dunklen Nächte. Und des roten Milans und der Zugvögel. Sie sind so bekömmlich für die Natur und die karge Schönheit des Vogelsbergs wie die Monokulturen der Maisfelder.
Und dann ist auch noch Herbst. Äpfel fallen, Nebel wallen. Zeit fürs Kaminfeuer und eine gute Dosis Melancholie mit Hilfe von Schnaps und Statistik: Lasst uns leben hinterm Mond, solange das noch geht. Das Dorf stirbt. Der Untergang ist nah. Aber wir können sagen, wir sind dabei gewesen.
Die Provinz leuchtet nicht, sie lichtet sich, sagen die Zahlen. Erst starben die Dorfkneipen, dann die Tante-Emma-Läden, jetzt sind die erst ein paar Jahrzehnte alten Kläranlagen zu groß für die kleiner werdenden Haushalte, in denen Menschen leben, denen man das Wassersparen beigebracht hat. Das war in unserer Region immer schon unnötig, mittlerweile zerstört es die Kanalisation. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, die alte Hausgrube aufzugeben, um statt dessen die Fäkalien und Abwässer in den Kanal zu leiten? Doch wir mussten, die Ideologie der „Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen“ wollte es so – gleiche Standards für alle, egal, wie unterschiedlich die Lebenslagen sind. Kläranlagen aber verursachen den Kommunen die höchsten Energiekosten.
Ja, die Situation ist da, besonders spürbar in den „neuen“ Bundesländern: die Infrastruktur ist zu groß für die schwindende Bevölkerung; die Kosten bleiben gleich, verteilen sich jedoch auf weniger Nutzer. Das Leben in der Provinz wird teuer. Häuser stehen leer und verfallen, die noch bewohnt sind, verlieren an Wert. Erst recht die in der Nähe von Wind“parks“ und Starkstromleitungen. Wir Letzten vom Land leben in einer Abwärtsspirale. Abreißen oder Umziehen, empfehlen Studien für die besonders betroffenen Regionen.
Also weg mit den Dörfern und dem Landleben? Der freien Wildbahn eine Chance? Irrtum: Die Tierwelt macht es den Menschen nach und zieht in die Stadt. In Berlin stromern Füchse durch die Schrebergärten, in den Parkanlagen von Frankfurt am Main fühlen sich Singvögel wohler als in den agrarischen Monokulturen, die Kaninchen wissen das schon längst und vermehren sich entsprechend.
Die Provinz aber soll zur Stellfläche für Windräder und Biogasanlagen werden, meinen manche, weil das ja gut für die Natur sei, wenn auch nun nicht gerade für jene Schrumpfnatur, die sie umgibt. Der Bauer als Verpächter seiner sauren Wiesen hat es prima damit, von der Pacht lässt sich gut leben und das Schweinefleisch kommt eh billiger aus Dänemark. Das Land überlebt in den nach ihm benannten Zeitschriften, die man vor allem in der Stadt liest, wo viele statt Wetter nur noch klimageregelte Zonen kennen.
Wie in den Science Fiction-Romanen der 70er Jahre wird sich die Provinz irgendwann zum feindlichen Draußen wandeln, zur hässlichen Versorgungswüste für den Energiebedarf der Städte. Aber ganz wie im Roman werden auch sie irgendwann kommen, die Unpassenden, die Freaks, die Stadtflüchtlinge, die sich in den Nischen der Zivilisation ihr eigenes Paradies suchen. Es hat sie immer gegeben.
Kein Trend ist unumkehrbar. Immer wieder gab es Gegenbewegungen zum Zug in die Metropolen, suchen Städter Ruhe und geräumige Fachwerkscheunen und entdecken die Kunst des Gartenbaus neu. Stets wird irgendwann der Wert des Alten wiederentdeckt, weil es Charakter hat und beständiger ist als die Wegwerfarchitektur der Lebensabschnittshülsen in den Wohnstädten.
Wir werden ja sehen. Wir Letzten.

Sonntag, 20. Oktober 2013

Prunk, Protz, Pranger

In Sachen Bischof von Limburg hat der Protestantismus gesiegt oder das Proletariat. Passend dazu jene Worte, die Verachtung regelrecht herausprusten: Prunk und Pracht, protzen und prassen. Also: Pranger.
Vom fröhlichen Agnostiker bis zum strengen Lutheraner scheinen sich alle einig zu sein: der Katholik habe es an Bescheidenheit fehlen lassen, als er die Bischofsresidenz des hübschen Städtchens zu einem Schmuckstück ausbauen ließ – zu Kosten, die mittlerweile angeblich auf das zehnfache des ursprünglich vorgesehenen Betrags gestiegen sind.
Nun ist jener Bischof, ein schmales Männchen, gewiss kein Sympathieträger. Doch wie auch immer er gesündigt hat: niemand scheint ihn kontrolliert zu haben. Das Versagen sämtlicher kritischer Instanzen ist ein Krimi für sich. Wer sich da im Nachhinein unschuldig gibt, verhält sich unredlich.
Was jedoch am meisten irritiert: die öffentliche Empörung übersteigt bei weitem den Schaden. Denn der Bischof hat keine Steuergelder veruntreut, Vorwürfe können ihm höchstens seine Kirche und ihre Gläubigen machen. Woher also die Aufregung, die so auffällig fehlt, wenn es um „demokratisch“, also von der öffentlichen Hand geplante Bauwerke geht? Bei denen ist es üblich, dass die Kosten explodieren, was, wenn es nicht vorsätzliche Irreführung ist, zumindest darauf schließen lässt, dass Politik und Verwaltung Planung und Kostenkalkulation verlernt haben.
Der Schaden, sofern einer dem Bistum entstanden ist, geht im Grunde weder Politik noch Nichtkatholiken etwas an. Womöglich speist sich also die allgemeine Erregung aus tieferen Quellen, was so sprechende Worte wie „Protz“ und „Prunk“ nahelegen. Sie lassen vor unseren Augen ein Sittengemälde entstehen, in dem Klerus und Adel enthemmt verprassen, was das Volk mit Fleiß erschaffen hat. Und so führen sich all die Empörten und Selbstgerechten auf wie weiland im 18. Jahrhundert die Jakobiner, die im Namen der Tugend zum Tyrannensturz aufrufen. Dabei sieht ausgerechnet Tebartz-van-Elst nicht im Entferntesten aus wie die Karikatur des versoffenen und verfressenen Kirchenmannes. Doch wem, denken offenbar die Erregten, ist schon zu trauen, der sich eine freistehende Wanne ins Badezimmer stellen und goldglänzende Türklinken verbauen lässt?
Ohne mich zum Anwalt der katholischen Kirche machen zu wollen: an diesen Bildern und an dieser Empörung stimmt etwas nicht.
Etwa, was das Protzen und Prunken betrifft: wer, bitte schön, wäre geeigneter für die Entfaltung von Pracht als die katholische Kirche? Ihre Mönche und Bischöfe haben der Nachwelt die schönsten Dinge hinterlassen: Kathedralen und Champagner, um es mal auf diesen Punkt zu bringen. Bleiben wir bei den Kathedralen, diesen großartigen Bauten zu Ehren Gottes: nichts als Protz und Prunk und Verschwendung, nach den Maßstäben der Empörten. Doch – wollen wir sie missen? Ein Ort ohne Gotteshaus ist eine Ansiedlung ohne Mitte – und ohne Geschichte. Es sind nunmal die Adelspaläste, Bischofssitze und Bürgerhäuser, die Europa noch heute prägen, während die Behausungen der kleinen Leute selten ein Menschenleben überdauerten. Sollen wir deshalb auf die Zeugnisse früherer Prachtentfaltung verzichten?
Mag sein, dass sich dieser Bischof und jener Papst mit prächtigen Bauten ein Denkmal setzen oder seine Macht demonstrieren wollte. Doch sogar den sichtlich Eigensüchtigen darf man unterstellen, dass sie über den Tag hinaus gedacht haben. Kirchen und Paläste waren nicht für nur ein Menschenleben gedacht, sie sollten überdauern, bis in alle Ewigkeit, amen. In Zeiten, in denen Zweckarchitektur die Innenstädte veröden lässt und Reihenhäuser armselige Lebensabschnittshüllen geworden sind, die keinen Charakter mehr haben, ist das vielleicht einen Gedanken wert: dass es im Leben auch darauf ankommen könnte, etwas Bleibendes zu schaffen und zu hinterlassen.
Der Limburger Bischof hat jedenfalls ein gutes Werk für Limburg und seine Besucher getan, in dem er mit beträchtlichem Aufwand die prächtige Vikarie aus dem 15. Jahrhundert restaurieren ließ. Ob die Neubauten der Residenz Bestand haben, unterliegt einem ästhetischen Urteil, keinem moralischen oder buchhalterischen.
Doch das Spektakuläre des Neubaus scheint überwiegend unter der Sichtbarkeitsgrenze zu liegen. Und die Schießschartenoptik der neuen Kapelle lässt befürchten, dass sie in hundert Jahren niemanden mehr berührt. Dieses Urteil aber müssen wir der Nachwelt überlassen. Und der katholischen Kirche, sofern es sie und ihr Vermögen dann noch gibt.