"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Sonntag, 7. September 2014

Der kleine Aktivist - Nebelwerfer 6

Aktiv ist attraktiv. Ein Mittel gegen den unwirschen Darm heißt deshalb Aktivkohle, Putzmittel wirken aktiv gegen Schmutz, Senioren sind nicht nur vital, sondern auch rundum aktiv, und wer es besonders gut meint, wird proaktiv tätig, agiert also, bevor er aktiv wird, was eigentlich doppelt gemoppelt ist, aber egal: doppelt hält besser.
Wenn aktiv was Gutes ist, muss ein Aktivist ja wohl ein besonders Guter sein. Der legendäre Adolf Hennecke war so einer, ein Bergmann, der am 13. Oktober 1948 im Karl-Liebknecht-Schacht 24,4 Kubikmeter Kohle schlug und damit das Soll mit 387 Prozent übererfüllte. Dafür erhielt der Genosse 1,5 Kilogramm Fettzulage, drei Schachteln Zigaretten, eine Flasche Branntwein, 50 Mark Geldprämie sowie einen Blumenstrauß des Kollektivs. Seinetwegen gab es in der DDR hinfort an jedem 13. Oktober einen „Tag der Aktivisten“, was die anderen Malocher allerdings nicht so spaßig fanden. Merke: aktiv ist nicht immer attraktiv. Als Aktivist galt übrigens nach 1945 auch ein Mitläufer der Nazis. Bewegung ist nicht alles.
Gut, das ist Geschichte. Heute ist ein Aktivist rundum prima. Man muss sich nur bekennen oder engagieren oder etwas aufzeigen oder den Finger in die Wunde legen, dagegen sein oder dafür sein und deswegen auf die Straße gehen – schon ist man einer. Als „Greenpeace-Aktivist“ gehört man zum Adel des Aktivistentums, edler sogar als ein „Aktiver“ im Fußballverein und nicht zu vergleichen mit der „Aktiven“, die unsere ungesunden Vorfahren rauchten.
Neuerdings ist jeder ein „Aktivist“, der irgendetwas tut, und taucht in den Nachrichten als wichtiger Akteur der Weltgeschichte auf, auch wenn nicht jeder den Nutzen von attac oder Peta einzusehen vermag. Dann schon lieber Cannabis-Aktivismus.
Zum Nebelwerfer wird der Aktivist, wenn man in den Nachrichtenredaktionen Terrorismus nicht mehr von anderen Freizeitaktivitäten unterscheiden kann. Das wäre ein Anlass, darüber nachzudenken, ob das Gute nicht auch das ist, was man lässt.

In: Schweizer Monat, September 2014

Sonntag, 3. August 2014

Warum der Westen gewinnt und doch verliert

Dass man gewinnen und doch verlieren kann, erleben westliche Demokratien seit Jahrzehnten. Insofern ist die Prognose nicht sonderlich gewagt, dass Israel im Schlagabtausch mit der Hamas auf militärischer Ebene allein nicht siegen wird. Das folgt aus dem, was man „asymmetrische Kriegsführung“ nennt: keine reguläre Streitkraft behauptet sich auf Dauer in einem Partisanenkrieg ohne entsetzliche Menschenopfer. Denn es liegt in der Logik des Guerillakrieges, die Logik der staatlichen Streitkräfte außer Kraft zu setzen, die auf der strikten Trennung zwischen kämpfenden Truppen und Zivilbevölkerung beruht. Partisanen aber bewegen sich, wie Mao einst predigte, im Volk wie ein Fisch im Wasser. Wer sie schlagen will, schlägt also stets das Volk. Dagegen ist jede reguläre Armee hilflos. Sie verliert immer auch moralisch, und das ist heutzutage die Münze, in der vor der Weltöffentlichkeit bezahlt wird.
Dass das Volk es nicht groß mitkriegt, wenn seine Armeen sich bekämpfen, wie es der alte Fritz einmal formulierte, verdankt es dem Gewaltmonopol des Staates, das Selbstjustiz und Stammesfehden ein Ende setzte. Nur der „Kombattant“, der an seiner Uniform erkennbare Soldat, galt in regulären Schlachten als legitimes Ziel. Man schoss nicht auf Zivilisten. Entpuppten sich Zivilpersonen jedoch als Angreifer, mussten sie nicht mehr verschont werden. Im Gegenteil: die Rache war meist entsetzlich. Und immer traf es am schlimmsten den Ort und die Menschen, von denen man annahm, dass sie den Partisanen Schutz gewährt hatten. Im sogenannten Volkskrieg steht das Volk zwischen zwei Feuern.
Wer sich an die Regeln hält, hat schlechte Karten, sobald die gegnerische Seite es nicht tut. In der Geschichte des Krieges war er stets besonders blutig, wenn es „asymmetrisch“ zuging, wenn also die regulären Truppen einer Staatsmacht mit dem Monopol auf Gewalt auf Gegner traf, die sich als Irreguläre verstanden: als Freiheitskämpfer gegen eben diese Staatsmacht, als Aufständische, Freischärler, Partisanen, Terroristen oder Guerilleros. Der Namen sind viele, die Opfer sind immer die gleichen: das Volk, in dessen Namen sie zu kämpfen behaupten, obzwar ihre Legitimität nur aus den Gewehrläufen kommt.
Das Volk wird selten gefragt. Denn seine Toten sind die beste Waffe.
Wir sehen es nicht nur im derzeitigen Konflikt zwischen der israelischen Armee und der Hamas: eine Armee, die versucht, sich an die Regeln zu halten, zieht den Kürzeren, wenn der Gegner sich im Schutz der Zivilbevölkerung bewegt. Jeder Angriff auf einen Feind, der seine Munitionsdepots and Abschussrampen in der unmittelbaren Nähe oder sogar in zivilen Einrichtungen unterhält, erzeugt „Kollateralschäden“ unter den Zivilisten, also nicht beabsichtigte Wirkungen, und erntet damit weltweite Empörung. Wer aber anklagend die getöteten Kinder vorzeigen kann, hat die Weltöffentlichkeit auf seiner Seite.
Jedenfalls die Öffentlichkeit jenes Teils der Welt, in dem man vom Lebensrecht jedes einzelnen Individuums ausgeht, nennen wir ihn „den Westen“. Wer indes heilige Kriege erklärt, nimmt es mit dem einzelnen Todesopfer entschieden weniger genau. Saddam Hussein verkündete einst, er könne Millionen junger Männer in die Schlacht schicken, während die westlichen Memmen, die altenrden Gesellschaften mit ihrem immer selteneren und daher kostbareren Nachwuchs um jeden einzelnen ihrer Soldaten bangten. Den gleichen Zynismus findet man bei der Hamas, die das Volk, dessen Interessen sie angeblich vertritt, zum freiwilligen Selbstopfer auf den Dächern Gazas auffordert. Denn jedes tote Kind ist in der Propagandaschlacht ein Argument – die Propaganda der Bilder ist wirksamer als der Triumph der Waffen.
Diese Bilder treffen auf „edle Seelen“, wie schon Saddam Hussein spottete, nämlich auf westliche Menschen, die sich bei jedem von israelischen Salven getroffenen Kind mitgetroffen fühlen. Israel, die einzige Demokratie im nahen Osten, die westliche Werte vertritt, unterliegt der ebenso heftigen wie ungerechten Kritik, weil es eben zu unserer Wertegemeinschaft gehört. Eine mitfühlende Öffentlichkeit versteht das zynische Kalkül der Hamas nicht, das genau darauf setzt: dass in unserem Empfinden schon ein totes Kind eines zu viel ist. Für zum Märtyrertum bereite Palästinenser aber mag das Menschenopfer als nötig empfunden werden, weil es auch gegen die stärkere Waffenkraft der Israelis von weit größerer Wirkung ist.
Bei aller Kritik, vor der man sich Israel gegenüber nicht scheuen muss: das ist das eigentliche Drama. Man verstößt unweigerlich gegen westliche Werte, wenn man sie verteidigen muss, schon, weil der Gegner dafür sorgt. Das ist das Paradox, das die westliche Welt lösen muss, wenn sie überleben will.

Die Meinung, NDR-Info, 3. August 2014

Dienstag, 29. Juli 2014

So gehn die Deutschen, die Deutschen gehen so.

Kaum ein eingefleischter Fußballfan vermochte sich zu erregen über den Berliner Triumphgesang von La Mannschaft nach dem Sieg – das Bild vom Besiegten, der geduckt vom Schlachtfeld wankt, während der Sieger strahlend die Heldenbrust zeigt, gehört zum Fanritual. Man ist dort nicht auf Feinheiten abonniert. Edlere Seelen aber erkannten im Siegestanz der Nationalelf die Demonstration deutscher Überlegenheit, ja geradezu Herrenmenschentum. Dem Land der Hunnen und Barbaren gebührt der geduckte Gang und nicht die strahlende Siegerpose. Kurz, da ist sie wieder, die ewige Frage: Wer sind sie, "die Deutschen"? Bestien oder Feierbiester?

In der angstvollen Überprüfung des Nationalcharakters schwingt die Vorstellung mit, zwei verlorene Weltkriege und die Verbrechen, die von Deutschen und in ihrem Namen unter der Hitler-Herrschaft begangen wurden, hätten etwas mit einem urdeutschen Wesen, einer Art genetischem Code zu tun. In den Siebzigerjahren forschte eine betroffene Generation der Nachgeborenen nach dem "Hitler in mir", in den Neunzigerjahren machte das Buch von Daniel Goldhagen Furore, das den Deutschen "eliminatorischen Antisemitismus" nachweisen wollte. Weniger exotisch ist die Herleitung deutscher Eigenart aus einem "Sonderweg", der das Land über viele Generationen hinweg ins Abseits geführt habe. Kein Wunder also, dass es manch einer unschicklich findet, wenn die Deutschen "unschuldig" sein wollen, und sei es nur am Ersten Weltkrieg.

Dass Christopher Clarks Buch über den Ersten Weltkrieg gerade in Deutschland ein Bestseller wurde, gibt kritischen deutschen Beobachtern denn auch zu denken. Wollen seine Leser Clarks Thesen "instrumentalisieren", wollen sie sich "entlasten"? Und steckt dahinter nicht die alte "deutsche Krankheit Selbstmitleid"? So argumentiert Andreas Wirsching, Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, in der "Süddeutschen Zeitung". Der jüngst verstorbene Historiker Hans-Ulrich Wehler sagte es deutlicher: Der Verkaufserfolg von Clarks Buch verrate "ein tief sitzendes, jetzt wieder hochgespültes apologetisches Bedürfnis, sich von jenen Schuldvorwürfen zu befreien", die seit Fritz Fischers Thesen über den deutschen "Griff nach der Weltmacht" hierzulande Konsens sind, jedenfalls in vielen Klassenzimmern und Redaktionsstuben. Auch der Historiker Heinrich August Winkler wittert bei Christopher Clark "relativierende Darstellungen" und "nationalapologetische Tendenzen", was nicht nach Lektüreempfehlung klingt.

Nicht so sehr der wissenschaftliche Wahrheitsgehalt von Clarks Studie steht also hier auf dem Prüfstand, sondern vielmehr das, was "entlastende" Darstellungen im deutschen Gemüt anrichten könnten. Gauchotänze, womöglich. Und so fordert man die Fortsetzung der deutschen Nabelschau, mit der in der Tat nicht nur Christopher Clarks Buch aufräumt, auch die großartigen Studien von Herfried Münkler, Jörg Friedrich oder Jörn Leonhard tun es, auf je unterschiedliche Weise.Hier entpuppt sich das Deutsche Reich, im Kontext betrachtet, als Schurke neben anderen; die Zocker in Frankreich, Russland, Österreich-Ungarn und England teilen sich mit ihm die Verantwortung für den millionenfachen Tod von Männern auf dem Schlachtfeld und Frauen, Alten und Kindern an der "Heimatfront". Das ist nicht erst heute Forschungsstand – allerdings vor allem außerhalb Deutschlands.

Entlastet das "die Deutschen"? Gewiss. Schließlich hatten nur wenige, die damals starben, direkte Verwandtschaftsbeziehungen zum Kaiser oder dem deutschen Generalstab. Es verblüfft, wenn ausgerechnet ein Historiker keinen Unterschied mehr macht zwischen Volk und Regierung oder Führungseliten.
Hier offenbart sich, wohl in Entgegensetzung zu einer vermuteten "Nationalapologetik", ein verklemmter "negativer Nationalismus", der an deutscher Selbstbezichtigung fest-hält, ein illiberaler Geist, dem alles suspekt ist, was den irgendwann einmal erreichten "Errungenschaften" der Erkenntnis widerspricht.
Zur Freiheit des Denkens aber gehört, dass von Überzeugungen Abschied genommen werden kann, wenn neue Evidenzen ihnen widersprechen. Wissenschaftliche Erkenntnissuche kann sich nicht davon abhängig machen, ob sich darob irgendein Mensch mit womöglich hässlicher Weltanschauung "entlastet" fühlt.

Insbesondere Wirschings Ironisierung der angeblich selbstmitleidigen deutschen Psyche, der er "Sehnsucht nach einer historisch unbelasteten, gleichsam 'unschuldigen', vielleicht bloß 'normalen'" historischen Rolle attestiert, ist nicht nur ungerecht, sie offenbart auch eine verblüffende Mitleidlosigkeit. Tatsächlich bedeutet eine "Entlastung" durch die schlichte Aussage, dass der Erste Weltkrieg eine gemeinsam herbeigeführte Tragödie war, vielen Deutschen einen lange verschütteten Zugang zu ihren Urahnen: Es erlaubt die Trauer um die Gefallenen und Gestorbenen, um Soldaten, die sich zur Verteidigung des Vaterlands ebenso selbstverständlich aufgerufen fühlten wie die Frankreichs oder Englands, weshalb sich übrigens an den Kriegsfronten keineswegs ausschließlich "nationalistischer Hass" austobte. Davon zeugen nicht zuletzt die vielen Bei-spiele von Verbrüderungen.

Warum sollte man also jenen Deutschen Erleichterung verübeln, die bislang den im Schützengraben traumatisierten Uropa für einen Kriegsverbrecher gehalten haben oder der goebbelsschen Lüge auf den Leim gingen, Adolf Hitler habe sich seinen Antisemitismus bei den Kameraden im Ersten Weltkrieg abgeguckt?
Man muss nicht noch hundert Jahre später die damalige britische Propaganda nachbeten. Lehrreich ist die heutige Debatte in Großbritannien, wo man im selbstkritischen Umgang mit der eigenen Geschichte den Deutschen in nichts nachsteht: Dort kritisieren Historiker eher linksliberalen Zuschnitts den unreflektierten Nationalismus manch britischer Zeitgenossen, die sich noch heute rühmen, man habe 1914 einen gerechten Krieg gegen Hunnen und Barbaren geführt. Die negativen Nationalisten hierzulande befinden sich also in bester nationalapologetischer Gesellschaft mit den Jingoisten jenseits des Kanals.

"Entlastung" im Blick auf den Ersten Weltkrieg ist keineswegs ein erster Schritt zu einer Relativierung deutscher Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Wenn man schon über Errungenschaften redet, dann steht doch diese nicht infrage: Wir dulden hierzulande – als Deutsche – keinen tobenden antisemitischen Mob auf den Straßen, egal, welcher Provenienz. Wer das als "Islamophobie" kritisiert, schürt sie.

Mittwoch, 18. Juni 2014

Wenn die Politik poetisch wird und die Literatur politisch


Die Politik Deutschlands oder anderer westlicher Industrienationen mutet derzeit an wie ein schlechtes Gedicht: viel Gefühl und Wellenschlag, aber nichts Konkretes und keine Substanz. Die Poeten wiederum sind nur noch in der Schwundform des altgedienten „Engagée“ unterwegs, der jede Petition unterzeichnet, die fürs Gute und gegen das Böse wirbt. Meist klingt hohl, was sie in politicis zu sagen haben. Was ja in Ordnung wäre: es ist nicht ihr Job.
Aber: Irgendwie ist die Politik der Poesie nicht bekommen – und vice versa. Die politische Erzählung verliert das Große Ganze aus dem Blick, aus dem nicht wenige Poeten sich herausgeträumt haben, um in der eigenen Innerlichkeit zu landen. Im schlimmsten Fall produziert Politik schlechte Literatur, geht der Poesie die Phantasie aus. Vielleicht sollten sich beide wieder auf ihr Kerngeschäft besinnen?

I
Angst? Angeblich eine deutsche Spezialität. Im Umgang mit ihr empfehlen sich zwei Strategien: man überprüfe das, wovor man Angst hat, auf seine Wahrscheinlichkeit. Das ist, wenn sie ihr Handwerk verstehen, Aufgabe von Wissenschaftlern und Journalisten. Nicht jedoch, offenbar, Aufgabe jener Politiker, die zu Wahlkampfzeiten Bilder besorgt dreinschauender weißhaariger Omas plakatieren, denen sie, sollten sie gewählt werden, „Sicherheit“ versprechen.
Wie sehr sie sich anstrengen müssen, um dieses Versprechen zu erfüllen, hängt von der Wahrscheinlichkeit ab, etwa in Frankfurt am Main, der „kriminellsten Stadt Deutschlands“, als über 60 Jahre alte Frau auf offener Straße angegriffen zu werden. Die ist glücklicherweise verschwindend gering. Wer die Polizeistatistik zu lesen gelernt hat, weiß, dass sie Auskunft über das gibt, was die Polizei tut und nicht, was die Verbrecher anstellen. In Frankfurt am Main wird jedoch nicht nur aktenkundig, was auf seinen Straßen mit lieben Omas passiert (dort werden zumeist junge Männer Opfer junger Männer), sondern auch, was aus aller Welt kommend beim Frankfurter Flughafen anlandet oder bei den in Frankfurt ansässigen weltweit operierenden Kreditkartenunternehmen gemeldet wird. Die Sicherheit im öffentlichen Raum ist davon nicht berührt. Kurz: Politiker erzählen Märchen.
Der Literatur ist das erlaubt. Denn was würde aus einer der beliebtesten Literaturgattungen werden, dem Kriminalroman, wenn dort nur die statistisch relevanten Vorfälle bearbeitet würden? Das Genre wäre tot, so tot wie die Opfer im Rockerkrieg oder im Drogenmilieu oder unter verfeindeten libanesischen Clans. Übrig blieben ein paar Beziehungsmorde, eine magere Ausbeute für ein boomendes literarisches Gewerbe.
Aber vielleicht boomt der Krimi auch deshalb, weil er die zweite Strategie der Angstbekämpfung verfolgt: Indem er sie bearbeitet. Literatur, nicht nur Genreliteratur, beansprucht eine radikal subjektive Sicht auf die Dinge. Wir wollen wissen, wie das gesammelte Unheil der Welt aufs Individuum trifft, wie es daran zusammenbricht oder sich, besser noch, aus der Asche erhebt und davonfliegt. Ob das Schicksal der statistischen Wahrscheinlichkeit folgt oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Und das gilt gerade für den Krimi, auch wenn einige seiner Autoren von sich behaupten, Realität «abzubilden», etwa Henning Mankell oder Liza Marklund.
Wie man beides unterscheidet und sich dennoch in beiden Bereichen aufhält, ist eine nicht ganz einfache Aufgabe, die ich gut kenne. Die Sachbuchautorin pauschaliert und bilanziert, das subjektive Empfinden spielt dabei eine nur geringe Rolle. Kein individuelles Schicksal ändert etwas daran, dass der Sozialetat im deutschen Staatshaushalt der größte und der des Verteidigungsministeriums der kleinste Posten ist. „Andrea W., 33, ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder und kommt mit den Hartz IV-Sätzen nicht aus.“ Das ist Stoff für eine Erzählung, aber keine gesellschaftliche Analyse.
Das gilt auch für viele andere Phänomene. Um eine Aussage über das Leben in Deutschland zu machen, brauche ich verlässliche Zahlen, und nicht Gerüchte, etwa über Jugendgewalt oder die Folgen von zu viel Internetkonsum. Dass meine Nachbarin jemanden kennt, „der gesehen hat, wie ...“, ist keine belastbare Aussage. Erst recht nicht, wenn sie hinzufügt, von „kalten Zahlen“ nicht beeindruckbar zu sein, weil sie „ihre Menschen“ kenne.
Der vielgescholtene Thilo Sarrazin brachte die Differenz zwischen dem subjektiven Empfinden und allgemeinen Aussagen auf den Begriff: „Um zu wissen, wie hoch die Getreideernte im letzten Jahr war, gucke ich doch auch ins Statistische Jahrbuch und muss nicht über die Felder gehen und mit dem Bauern reden.“ Wenn ich indes von menschlichen Schicksalen erzählen will, hilft der Gang aufs Maisfeld, denn das Statistische Jahrbuch bietet Erkenntnisse, was spannend sein kann, aber kein Lesevergnügen.
Vom einen Ufer ans andere zu gelangen, ist alles andere als einfach. Die Sachbuchautorin liefert der Erzählerin den Stoff und steht ihr zugleich im Weg – mit ihren störrischen Fragen, ob denn dieses oder jenes „plausibel“ sei. Und weil sie stets zu viel weiß.
Doch wenn ihre Charaktere lebendig sein sollen, darf die Romanautorin nicht mehr wissen, als ihre Figuren zu einem bestimmten Zeitpunkt aller Wahrscheinlichkeit nach wissen können.
Ich schreibe derzeit an einem Roman, in dem mir das mehr als einmal schwer gefallen ist. Er spielt zwischen 1936 und 2006 und eine der ersten Fragen, die sich mir stellte, war die nach dem Wissen einer 15jährigen, die im 3. Jahr der Herrschaft Hitlers in einer deutschen Kleinstadt lebt, über das, was die nationalsozialistische Herrschaft für die Kritiker des Regimes, für Juden, für Behinderte, für alle, die nicht begeistert mitliefen, bedeutete und noch bedeuten würde. Ich hätte mich entscheiden und das Leben in Berlin beschreiben können, dort, wo Pogrome, Judenboykott und Bücherverbrennung offenkundig waren, auch wenn sie den Alltag nicht so bestimmten, wie man heute zu wissen glaubt. In der Provinz aber applaudierten die Massen nicht, das Verhalten der nichtjüdischen Deutschen bündelte sich nicht zu einem „massenhaften Phänomen“, es war extrem unterschiedlich. Ein Roman darf zuspitzen, sich auf das Böse konzentrieren. Er darf aber auch differenzieren.
Nur in der Rückschau glaubt man, der Schwefelgeruch habe damals bereits allen in der Nase gestanden. Aus einer rückschauenden Erzählperspektive entstehen höchstens Abziehbilder, aber keine Charaktere, die Leser interessieren könnten. Den sadistischen SS-Mann kennen wir zur Genüge. Ebenso den opferwilligen Widerstandskämpfer. Interessanter wäre, ihn als ambivalenten Charakter zu zeichnen – als Zweifelnden, an sich Verzweifelnden.
Vielleicht gelingt mir das noch.

II
Die Hauptfigur in der „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz ist ein Kunstmaler, dem während der Hitlerzeit das Malen verboten wird. Die Figur des Malers Max Ludwig Nansen sei „nach einem sehr realen Vorbild modelliert“, schreibt Jochen Hieber in der FAZ, nach Emil Nolde, dem expressionistischen Maler, dessen Werke während des Dritten Reichs als „Entartete Kunst“ verfemt waren. Emil Nolde war jedoch nicht nur ein Held des Widerstands, er war auch bekennender Antisemit, Nationalsozialist und glühender Anhänger Adolf Hitlers. Muss man deshalb die „Deutschstunde“ des Schriftstellers Lenz „neu lesen“, ein in der deutschen Nachkriegszeit prägendes Buch, das Lenz selbst als den Versuch sieht, Politik dort zu zeigen, „wo sie am äußersten Rand der Gesellschaft ... getragen, erlitten, manchmal mit kleinen Genugtuungen ausgekostet wird“? Natürlich nicht. Wonach auch immer ein Schriftsteller „modelliert“: keine fiktive Person ist identisch mit ihrem Vorbild oder gar rechenschaftspflichtig dafür.
Und ein Autor muss nicht für die Verfehlungen seiner Figuren büßen. Ich erhielt vor einiger Zeit den erbosten Brief einer Frau, die mich wegen Frauenfeindlichkeit vor Gericht bringen wollte. Ich habe nie verstanden, was genau sie mir vorwarf: dass eine meiner weiblichen Charaktere zickenbissige Bemerkungen machte? Oder dass ich eine Figur erfunden hatte, die nicht von jedem Frauentypus etwas hielt? Im übrigen: Gilt die alte Weisheit unserer Deutschlehrerinnen nicht mehr, dass es für den Wert eines Werks irrelevant ist, ob sein Autor ein guter Mensch ist?
Der Narr darf die Wahrheit sagen und der Überbringer der Botschaft wird nicht geköpft: das gehört oder gehörte zum Umgang mit Literatur. Mit einem seltsamen Säuberungsfuror aber beugt man sich heutzutage über gestandene Werke der Weltliteratur, um sie von Vokabeln wie „Neger“ zu befreien. Seit wann müssen Literatur und die Sitten und Gebräuche der Gegenwart im Einklang sein?
Liegt es daran, dass die Grenze zwischen Politik und Poesie verschwimmt?

III
Warum wird ausgerechnet nach Dichtern und Denkern gerufen, wenn man glaubt, das Volk benötige ethisch-moralische Handreichung? Sind Schriftsteller aus Handwerkstradition oder gar per se „moralische Instanz“? Kennen sie die Welt genauer als andere? Haben sie einen besseren Zugang zum politischen Geschäft, verstehen sie mehr von Krieg und Frieden?
Eine Zeitlang hatten goldene Worte deutscher Literaten die Funktion von Kirchentagsreden: das unordentliche Volk braucht seine regelmäßige Dosis Mahnen & Warnen und wer könnte das besser als jene, deren Geschäft das Wort ist, mit dem ja bekanntlich alles anfing?
Dass Schriftsteller irgendwie „politisch“ seien, speiste sich aus dem Verdacht, Literatur sei per se „widerständig“, weil sie dem bloßen Sosein und Dasein eine eigene Dimension entgegensetze. Links glaubte man sogar, dass Literatur die Bannerträgerin der Arbeiterbewegung sein müsse, dass sie „aufklärerisch“ zu sein habe, wolle sie mehr sein als „l’art pour l’art“, als ein kunstvolles Nichts. Weiß der Himmel, warum man glaubte, dass sich dieses Programm von Propaganda unterscheide.
Derweil ist der Ruf nach dem mot juste der gern auch als „Intellektuelle“ – darunter firmiert so ziemlich alles vom Büchnerpreisträger über den Provinzsoziologen bis zum Feuilletonpraktikanten – apostrophierten Schriftsteller etwas seltener geworden, vielleicht, weil niemand in Sicht ist, der sich vehement um die Nachfolge von Günter Grass bewirbt. Nicht nur dessen Prosa begann matt zu werden, als sie Botschaften zu transportieren hatte, man denke an die Dystopie „Die Rättin“, auch die Lyrik litt unter einem Überschuss an Politik, ich meine seine famöse als Gedicht verkleidete Israelkritik „Was gesagt werden muss“. Die heutigen Literaten aber machen noch nicht einmal Wahlkampf für die SPD, sondern, so schimpfen ihre Kritiker, hangeln sich von Literaturstipendium zu Literaturstipendium und nutzen die Landverschickung via Goethe-Institut nicht etwa, um andere Länder und Sitten kennenzulernen, sondern als eine Lebensweise, der man feingeklöppelte Introspektion abgewinnen kann.
Vielleicht hat die in Leipzig geschulte neue Schriftstellergeneration ja politisch nichts mehr zu sagen. Auch recht. Aber muss, wenn sie schon einmal einen „Aufruf“ von sich gibt, der gleich so unliterarisch ausfallen wie Juli Zehs Protest gegen die NSA, ein Schriftstück, das offenbar noch nicht einmal eine Word-Autokorrektur gesehen hat? So etwas unterschreibt manch einer offenbar, weil es der Selbstvermarktung dient – wenn alle anderen unterschreiben, will man doch dabei sein! Der engagierte Schriftsteller aber tritt hier wie eine blasse Karikatur aus Zeiten auf, als „Rock gegen Rechts“ noch hip war und die Schleife am Revers den Empfindsamen adelte.
Gewiss wohnt dem Dichten eine eigene Wahrheit inne, die indes nichts mit dem zu tun hat, was man „politisch“ nennen kann. Das „Widerständige“, dieses Anreden gegen „die Verhältnisse“ liegt in der Perspektive, in der radikalen Subjektivität erzählender Prosa. Und das ist das gerade Gegenteil von Politik.
Anders gesagt: seit dem Gilgamesch-Epos oder der Bibel kreisen die Menschheitserzählungen nicht um das große ganze Unheil, sondern darum, wie es dem Individuum ergeht, dem es auf die Füße fällt. Ihr Anliegen ist nicht, die Sintflut zu erklären, sondern Menschen zu zeigen, die sie erleiden.
Wie eng der Begriff des Engagiertseins gefasst ist, wie einseitig das „Politische“ gedacht ist, zeigt sich stets, wenn eine anders empfindet als der Mainstream will. Als Sibylle Lewitscharoff ihr subjektives Unbehagen an künstlich gezeugten Menschen („Halbwesen“) äußerte, wollten einige Lautsprecher ihr gleich den Büchnerpreis aberkennen; eine entsprechende Petition sammelt Stimmen dafür. Als ob ihr literarisches Werk insgesamt durch solch konservative Befürchtungen kontaminiert sei, Befürchtungen übrigens, die eine lange Geschichte haben. Es beschäftigte die Menschheit schon immer, wer oder was bei der Zeugung mittut, von Dr. Frankenstein bis zum Heiligen Geist. Wäre das nicht eine Debatte wert gewesen, in der die Literatur etwas zu sagen gehabt hätte? Statt dessen hat sich das Feuilleton zum Richter in Sachen Political correctness aufgeschwungen.
Sichtweisen werden nicht dadurch interessant, dass alle sie teilen. Und „Widerständiges“ geht nicht nur in eine Richtung. Wer es damit ernst meint, muss genau das verteidigen, was anstößig ist. Das ist der Kern von Meinungsfreiheit. Dass sich im deutschen und auch im schweizerischen Blätterwald die Forderung nach Zensur breitmacht, wenn etwas nicht dem allgemeinem Empfinden (in den Zeitungsredaktionen) entspricht, ist traurig. Im Kampf um seine Deutungshoheit verliert das Feuilleton seine Vielstimmigkeit. Und seine Leser.

IV
Wozu brauchen wir noch Literaten, wenn wir Politiker haben? Während der Engagèe klassischen Musters bestenfalls steril und hölzern wirkt, schlimmstenfalls wie ein Veteran aus dem Willy-Wahlkampf, hat sich die Politik in den warmen Mantel der Subjektivität gehüllt. Hier ein Tränchen, dort ein Kniefall: Hauptsache, es rührt. Hatte man nicht einst geglaubt, politisches Sprechen lebe von der Verallgemeinerung und vom Unterschied zwischen Fakten und Befindlichkeit, Sache und Emotion? Hieß es nicht immer, Entrüstung sei keine politische Kategorie?
Ach was. Richtig eingesetzt, wird sie zur PR-Allzweckwaffe. Vielleicht ist es also genau diese Poetisierung der Politik, die den literarischen Engagèe überflüssig gemacht hat. Moral kommt jetzt direkt von oben, muss der Politik nicht mehr von anderen als Wärmespender zur Seite gestellt werden. Politik hat ihr semantisches Feld verlassen, sie verhandelt nicht mehr die allgemeinen Dinge. Sie ist beim Menschen im Singular angekommen. „Du bist Deutschland!“
Wer sich regelmäßig Talkshows antut, erlebt das in Dauerschleife. Dort gilt das reine, das „sachliche“ Argument als kalt, sofern es nicht auch „Betroffenheit“ erzeugt, dieses heute für unverzichtbar gehaltene Gefühl von „tua res agitur“: hier geht es um dich, um deine Angelegenheiten. Betroffenheit ruft hervor, wer das jeweilige Phänomen überzeugend groß zeichnet, so dass jene wohlige Mischung aus Angst und Demut entsteht, die ein Fernsehgesicht mit einem ernsten „Das könnte jedem von uns passieren“ begleitet.
Der subjektive Ausgangspunkt, die Erzählung über ein individuelles Schicksal, das, wenn es schon nicht pars pro toto steht, doch zumindest zur Identifikation auffordert, die den allgemeinen Sachverhalt schmackhaft machen soll, motiviert Prosa nicht erst seit heute. Später wurde er vom Journalismus entdeckt: nicht aufklären soll er, der Skribent, sondern eine Geschichte erzählen. Das ist mittlerweile die Grundmelodie politischen Sprechens: immer schön subjektiv sein. Immer schön bei einer Erzählung bleiben, die uns nahe geht, mit Opfern, Tätern, Kronzeugen der Anklage. Natürlich ist das steigerungsfähig: Betroffen macht schließlich auch, wenn vom eigenen Verhalten Wohl und Wehe des ganzen Globus abhängt. Jeder anständige Religionsführer versteht es, seine Schäfchen mit dem Verweis aufs Fegefeuer auf Linie zu bringen.
Hatte nicht Politik einmal die Aufgabe, gerade das Fernstliegende gegen die Wünsche der Einzelnen zu verteidigen? Heute muss es uns als ureigenes Interesse verkauft werden. Das erfordert Verrenkungen, die nicht jedem gelingen.
Das mieseste Beispiel für diese Strategie findet sich in dem dafür berüchtigten Film von Al Gore, „Eine unbequeme Wahrheit“, in dem uns ein weinendes Kind dazu auffordert, die Welt zu retten. Jeder Imperativ braucht ein weinendes Kind. „Das ist kein politisches Problem, sondern ein moralisches“: Al Gore hat die Sache auf den Punkt gebracht.
Es waren nicht vor allem Thilo Sarrazin und seine Thesen, sondern die Diskussion um und mit ihm, die ich nie vergessen werde. Eine Horde gackernder Politikerinnen hielt ihm bei jedem mit Daten und Fakten unterfütterten Argument entgegen, er reduziere Menschen auf „kalte“ Zahlen, wo es doch auf jeden Einzelnen in seiner Unverwechselbarkeit ankomme.
Wer mit Statistiken oder gar Wahrscheinlichkeiten operiert, „relativiert“, und das kommt nicht gut an bei Menschen, die gelernt haben, nur ihrem eigenen Gefühl, also ihren Ängsten zu vertrauen. „Engagierter“ Journalismus unterstützt das gern: was macht es schon, wenn die Fakten nicht ganz stimmen, Hauptsache, man hat aufgerüttelt.
Politik also als konkrete Poesie! Das könnte die Entscheidung der deutschen Bundeskanzlerin erklären, nach der – durch ein Erdbeben samt Flutwelle ausgelösten – Havarie eines Atomreaktors in Japan die deutsche Energieproduktion auf Sonne und Wind umzustellen, die, wie es die Sage will, keine Rechnung schreiben. Seither entsteht in Deutschland etwas, das Schilda weit übertrifft. Bei gutem Wetter produzieren wir Strom im Überfluss und bezahlen Nachbarländer dafür, dass sie ihn uns abnehmen. Bei schlechtem Wetter brauchen wir die maroden Atommeiler der Nachbarn, damit bei uns das Licht nicht ausgeht. Das ist Lyrik.

V.
Die Poesie den Poeten, die Politik den Politikern! Vielleicht sollte man wieder über den Unterschied reden. Wer die durch einen Tsunami verursache Havarie im fernen Japan zum Anlass nimmt, das Industrieland Deutschland ins Windmühlenzeitalter zurückzuführen, macht Politik zum Objekt subjektiven Empfindens, einer gerade mal gefühlten „Mehrheitsstimmung“. Wer glaubt, sich an gar nichts mehr halten zu müssen, was nach überprüfbaren Fakten aussieht, glaubt an Märchen.
Der Poet wiederum ist nichts und niemandem verpflichtet, schon gar nicht einem albernen Petitionssozialismus, wie er gerade wieder die Runde macht. Da fordern die üblichen Verdächtigen dazu auf, sich an der Europawahl zu beteiligen – mit Statements, wie sie unbedarfter noch nicht einmal den Verfassern von Wahlkampfparolen gelingen. Ist das die Sehnsucht nach dem alten Willy-Feeling und der EsPeDe von Günther Grass oder der Wunsch, den eigenen Namen endlich wieder großgedruckt zu sehen?
Kann es sein, dass der Publikumserfolg von Büchern wie Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ sich gar nicht vor allem deren Inhalt verdankt, sondern ihrer rabiaten Ablehnung durch die Mehrheit der Meinunghabenden, die noch immer nicht verstehen wollen, dass ihre Leser nicht umerzogen werden wollen?
Die Deutungshoheit der „Qualitätsmedien“ hat sich erledigt. Sie bestimmen nicht mehr, was gelesen, was gedacht wird. Sie haben sich längst von ihren Lesern verabschiedet, die sie schon nicht mehr heimlich verachten. Wichtiger ist das Lob im Kollegenkreis. Das, dieser hohe Ton des Besserwissens, hat ihnen sicher mehr geschadet als die Bezahlt-wird-nicht-Mentalität des Netzes.

Wenn sich die Literatur zum Büttel der herrschenden Meinung macht, verliert sie mit. Nicht wenigen Lesern steht der Sinn nicht nach Traktaten, auch nicht nach gutgemeinten, schon eher nach Berichten aus dem Leben, in dem nichts gerade ist, weder gut noch böse und selten bunt, eher grau in allen Schattierungen. Am liebsten aber haben sie womöglich jene Bücher, die sie aus der gegenwärtigen Welt entführen, in einen Kosmos, der auf jeden Fall aufregender ist als das Land des Lächelns, als die Konsensdemokratie samt Mutti, deren Verwalter zwar mit der Wirklichkeit nur noch wenig zu tun haben, deren Phantasie aber noch nicht einmal für eine solide Utopie reicht.
Doch, ja, vielleicht für eine: „Die Rente ist sicher.“ Aber das ist ja noch nicht einmal ein Märchen.
Schweizer Monat, Juni 2014


Donnerstag, 12. Juni 2014

Nebelwerfer 4

Vorwärts und nie vergessen: die So-li-da-ri-tät!

Auch so ein Wort, das durch täglichen Missbrauch abgenutzt und mürbe geworden ist. Oder war es damals schon verschlissen, als man jubelnd singend danach marschierte, von Brecht die Worte, von Hans Eisler die Melodie?
Organisierte deutsche Schriftsteller, die stets gern laut in den Chor eingefallen sind, haben mit der Solidarität jedenfalls kein Glück gehabt. Mit dem Anschluss des Verbands Deutscher Schriftsteller an die Arbeitergewerkschaft Verdi haben sie zwar ihre Solidarität bewiesen, aber jetzt spricht niemand mehr von ihnen. Der VS ist unbesungen im «Großen Ganzen» untergegangen.
Solidarität ist eine Einbahnstraße. Die einen geben, die anderen empfangen. Solide, echt und fest im Ursprungsinn des Wortes ist meist nur noch der Händedruck dabei. Sofern er noch stattfindet.
Denn wofür sich noch bedanken, wenn man Solidarität einfordern darf? Vom Hohelied des Proletariats ist sie zum Mantra des Fürsorgestaats geworden. Der nennt gern Solidarität, wenn er was will, und er will eigentlich immer etwas, also Geld. Und das Schöne dabei: Statt bloß mit der Arbeiterklasse verbrüdert der brave Steuerzahler sich gleich mit dem gesamten Gemeinwesen.
Vorbildlich in diesem Sinne ist die nun schon fast 24 Jahre die deutsche Einheit finanzierende Zwangsabgabe namens «Solidarzuschlag». Kein Name könnte genialer sein. Die Kosten der Einheit sind zwar längst abgeschrieben, aber was man hat, das hat man. Auf Solidarität verzichten? Undenkbar.
In der Hölle schmort derweil der Steuersünder, der sein Geld nicht freiwillig hergibt. Seit dem Fall moralischer Größen wie Ulli Hoeneß oder Alice Schwarzer steht das deutsche Volk geeint zusammen in tief empfundener Solidarität: egal, ob der Staat mit dem, was ihm im Sinne höherer Moral überlassen wird, solide umgeht und ohne die bescheidene Nachfrage, warum es nötig ist, dass er sich auch bei ständig steigenden Einnahmen immer noch weiter verschuldet.
Hoch die Solidarität! Vorwärts ist längst vergessen.

In: Schweizer Monat, Mai 2014


Donnerstag, 15. Mai 2014

Im Land des Lächelns. Warum die Deutschen glückliche Menschen sind

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Was das betrifft, kann sich manch einer von den angeblich notorisch humorfreien Deutschen eine Scheibe abschneiden. Wir lachen, auch wenn’s richtig weh tut, nicht nur, wenn jemand einen Scherz macht. Wer mit Grimms Märchen sozialisiert wurde, ist hart im Nehmen.
Was könnte also deutscher sein als Schilda? Man kennt die Geschichte: deren Bewohner hatten sich einst ein neues Rathaus gegönnt, das allerdings, da man auf den Einbau von Fenstern und Türen verzichtete, seiner Zweckbestimmung nicht zugeführt werden konnte. So etwas ähnliches nimmt in Brandenburg viel Platz weg und will einmal Flughafen werden. BER wird und wird nicht flügge, vielleicht sogar nie, verfuttert aber um die 17 Millionen Euro im Monat – nicht gerechnet entgangene Einnahmen von schätzungsweise 14 Millionen. Was sind dagegen die paar von Ulli Hoeneß hinterzogenen Millionen? Peanuts. Sie reichen noch nicht einmal für einen ganzen Monat Unterhalt des Flughafentorsos. Ein Steuersünder ist ein armes Würstchen gegen organisierte Steuerverschwendung. Verzeihen wir ihm also.
Aus Schilda stammt auch die Idee mit der sogenannten Energiewende: Unzählige lustig rotierende Windräder und viele blitzblanke Solarpaneele verschönern die Landschaft und produzieren Strom im Überfluss. Dummerweise entsteht der nicht dort und dann, wo und wenn er gebraucht wird, da es keine Speicherkapazitäten und keine Überlandstromleitungen dafür gibt. Also muss man die Nachbarn, etwa die Polen, dafür bezahlen, dass sie uns den teuer subventionierten Strom abnehmen, wenn wir zu viel davon haben, und ihnen noch mehr zahlen, wenn wir in kalten Wintern wiederum weit mehr brauchen, als wir dann produzieren. Die Gewinner im Spiel sind die Betreiber ältlicher französischer Atomkraftwerke in Grenznähe zu Deutschland, Eigenheimbesitzer mit chinesisch subventionierten Solarpaneelen und die Verpächter saurer Äcker. Der Rest des Landes zahlt und lächelt: weil Wind und Sonne keine Rechnungen schreiben. Nur die Stromversorger.
Dieser Schildbürgerstreich datiert auf das Jahr 2000, wie Alexander Wendt in seinem Buch „Der grüne Blackout: Warum die Energiewende nicht funktionieren kann“ schreibt, geht auf ganze vier rührige Erfinder zurück und hat sich bereits jetzt zur größten Umverteilungsmaschinerie der deutschen Geschichte entwickelt. Dass mit „Blackout“ auch das Aussetzen des Verstandes gemeint sein könnte, glauben nicht wenige ausländische Beobachter Deutschlands. Denn es sieht ganz so aus, als ob die drittgrößte Industriemacht der Welt sich mit ihrer wetterwendisch-launenhaften Energiepolitik selbst vor die Wand fährt.
Wir Deutsche lächeln das weg. Die „Wende“ ist uns Rotor gewordener Ausdruck unserer poetischen Natur. Denn nichts als konkrete Poesie konnte es gewesen sein, als Kanzlerin Merkel im Jahr 2011 einem Tsunami in Japan den prompten Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland folgen ließ, wo man Tsunamis nur aus dem Fernsehen kennt. Und wenn demnächst ein Windrad auch hinter der Loreley aufragt, jenem sagenumwobenen Felsen über dem Rhein, den Romantiker so lieben, werden die Deutschlandbesucher ein neues Lied kennenlernen.
„Die Wahrheit ist, dass die Energiewende kurz vorm Scheitern steht. Die Wahrheit ist, dass wir auf allen Feldern die Komplexität der Energiewende unterschätzt haben“, sagte jüngst Energieminister Sigmar Gabriel. Ein weiteres Zitat des Ministers ist nicht autorisiert, entspricht aber der Wahrheit: „Für die meisten anderen Länder in Europa sind wir sowieso Bekloppte”.
Uns ist das egal: Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer Selbst willen tun.
Aber vielleicht hat der Wahnsinn ja Methode? Die Rente mit 63, zum Beispiel. Es hat sich längst herumgesprochen, dass das Rentensystem im Umlageverfahren an zwei Faktoren scheitert: am zunehmenden Lebensalter und der damit längeren Zeit, in der Menschen Rente beziehen, und an der abnehmenden Zahl der Erwerbstätigen in Relation zu den Rentenbeziehern. Diese Relation ändert sich nur, wenn sich die Zahl der Erwerbstätigen erhöht und die der Rentenbezieher verkleinert. In Ermangelung hoher Geburtenraten und vermehrter Sterbewilligkeit liegt die Lösung auf der Hand: die Verlängerung der Lebensarbeitszeit durch Erhöhung des Renteneintrittsalters, eine angesichts der Tatsache, dass die Älteren heute gesünder und gebildeter sind als jemals zuvor, logische Schlussfolgerung.
Aber warum Logik, wenn es auch „gerecht“ sein darf? Andrea Nahles hat es nicht mit kalten Zahlen, ihr spricht die soziale Wärme ja geradezu aus dem Gesicht, schließlich kennt sie ihre Eifel. Gerecht ist, was gut tut! Die Zeche für solch gute Taten wird sowieso erst später gezahlt, von denen, die heute noch jung sind. Die werden sich wundern.
Aber wahrscheinlich ist ihnen das Wundern bis dahin längst vergangen. Die deutsche Staatsverschuldung lässt sich schon heute wegen der vielen Nullen kaum noch ausschreiben, selbst wenn man künftige Fälligkeiten nicht einrechnet, die uns die Eurokrise noch bescheren könnte. Es mag die Weisheit unserer Führungspersönlichkeiten sein, dafür zu sorgen, dass dem Land jene wirtschaftliche Stärke möglichst schnell wieder abhanden kommt, die bei unseren Nachbarn Ansprüche und Wünsche geweckt hat. Schaut her, rufen unser Politiker, wir können ja noch nicht einmal mehr die Löcher in unseren Straßen stopfen! Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen, also: jetzt die Kohle raushauen und nach uns die Sintflut.
Kann sein, dass manch ein deutscher Steuerbürger lacht, weil er nicht weinen will. Aber Wutbürger will niemand mehr sein, seit in der Zeitung gestanden hat, dass das alles gutbetuchte Rentner sind, die nichts besseres zu tun haben als dem Fortschritt im Wege zu stehen. Lieber zahlt man klaglos Steuern und Sozialabgaben und ist froh, wenn man darüber hinaus nicht behelligt wird.
Sicher, es gibt Probleme, die man nicht hätte, wenn sie nicht von einem Politiker auf der Suche nach seinem Alleinstellungsmerkmal erfunden worden wären, mag sich manch einer denken, die Grillkohle zurechtlegen und das Bier kalt stellen.
Was soll der Geiz: Es wird Sommer. Und Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

In: Die Welt, 15. Mai 2014

Sonntag, 4. Mai 2014

Mein Kampf. Oder: Und immer an die Leser denken!

Hitlers „Mein Kampf“ immer noch weit oben auf der amazon-Bestsellerliste! Deutschland muss von Sinnen sein. So ist das wohl zu verstehen, wenn der Literaturkritiker der „Zeit“ einem Buch attestiert, in der gleichen Liga wie Adolf Hitler zu spielen. Muss man sich wieder Sorgen um Deutschland machen?
Muss man natürlich nicht, höchstens um die Literaturkritik. Denn wer mit solchen Kalibern schießt, will offenbar nicht nur dem Autor, sondern auch seinen Lesern ans Zeug. Also: „den“ Deutschen, gern auch „Bio-Deutsche“ genannt.
Akif Pirinccis wütendes Pamphlet „Deutschland von Sinnen“ muss man vorm Vergleich mit „Mein Kampf“ nicht in Schutz nehmen, es ist im übrigen erheblich kürzer und weit amüsanter. Dem Autor selbst ist es egal, ob man ihn „einen Nazi schimpft oder eine Klobürste“. Aber kann man seinen Lesern unterstellen, sich für rechte Führerworte zu begeistern?
„Zeit“-Leser fanden das nicht. Die „Nazikeule“ bestärkt offenbar all jene, die sich schon lange nicht mehr verstanden fühlen, was der Grund für Pirinccis Erfolg sein mag: nicht wenige haben, wie sein Autor, die bevormundende Verachtung satt, die ihnen entgegenschallt. Es könnte sich um Zeitgenossen handeln, die man zu Toleranz gar nicht groß anhalten muss, die sich aber im Gegenzug nicht mehr und nicht weniger wünschen, als dass auch ihrem stinknormalen Leben in diesem Land mit Respekt begegnet wird, selbst wenn sie als bloß heterosexuelle Deutsche nicht bunt und exotisch genug sind.
Sollte die meinungshabende Klasse daran völlig unschuldig sein? Unter dem ironischen Label „Das wird man doch noch sagen dürfen“ wird genau das bestritten: dass etwas auch gesagt werden darf, ja soll, das nicht mit dem übereinstimmt, worauf sich die fortschrittlich-metropolitane Geisteselite verständigt hat. Die Lehrer der Nation geben sich beleidigt, wenn das dumme Volk anderen Rockschößen hinterherläuft.
Dabei müsste ihnen der überraschende Erfolg von Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ gezeigt haben, dass das Verhältnis zwischen den „Medien“ und ihren Rezipienten gründlich gestört ist. Die „Qualitätsmedien“ haben sich schon im Fall Sarrazin nicht als Gatekeeper bewährt, denn das Buch verkaufte sich nicht deshalb glänzend, weil, wie man dort mutmaßte, Sarrazin den „dumpfen“ rechten Bodensatz in Deutschland bediene. Die Käufer seines Buchs trauten vielmehr den rituellen Bannsprüchen der Meinungshäuptlinge nicht und wollten sich selbst ein Bild machen, mutig angesichts des spröden Stoffs.
Wäre das nicht eine Gelegenheit zur Selbstbefragung gewesen, ob man womöglich den Kontakt zu seinen Lesern und Zuschauern verloren hat, die Argumente und keine Verdikte hören wollen und die womöglich schon mehr als einmal die Erfahrung gemacht haben, dass man in Funk, Presse und Fernsehen die Fakten auch mal ein wenig schminkt, damit sie zum gewünschten Ergebnis passen?
Ein Anlass wäre Sarrazins jüngstes Buch über den „Tugendterror“ gewesen, als dessen Opfer er sich sehen darf. Denn eines stimmt in seiner von Selbstmitleid verständlicherweise nicht ganz freien Anklage: es wird nicht mehr gestritten, es werden mit der sauren Miene magenkranker Religionsführer Bannflüche ausgesprochen. Man will den Feind erlegen, zur Not auch hinterrücks, nicht sich offenen Visiers mit ihm schlagen. Souveräner Umgang sieht anders aus.
Anders hätte man übrigens auch mit Sibylle Lewitscharoff umgehen können, die man geradezu zum öffentlichen Widerruf zwingen wollte. Sie sprach in ihrer umstrittenen Rede von Kindern, die einer künstlichen Befruchtung entstammen, als „Halbwesen“, als „zweifelhafte Geschöpfe“. Das ist den so Gezeugten gegenüber sicher nicht sehr freundlich, die sich aber meines Wissens nicht beschwert haben. Andererseits hat genau das die Menschheit immer schon beschäftigt, wer oder was bei der Zeugung mittut, von Dr. Frankenstein bis zum Heiligen Geist. Wer, wenn nicht eine Schriftstellerin, darf sich darüber Gedanken machen? Und wieso soll man in einem Land, in dem man sich vor allem fürchtet, vor Genmais, geheimnisvollen Strahlen und dem Atom, ausgerechnet vor Manipulationen am Menschen selbst keine Angst haben dürfen? Ich teile diese Furcht übrigens nicht, aber ich bitte dringend darum, sie debattieren zu dürfen. Sichtweisen werden nicht dadurch interessant, dass alle sie teilen.
Und nun ein neuerlicher Sturm im Wasserglas. Diesmal ist es ein eingebürgerter Türke, der aus der Rolle fällt, die ihm in deutschen Talkshows normalerweise zufällt: die des Beschwerdeführers über die ihn ausgrenzenden „Bio“-Deutschen. Akif Pirinccis Buch „Deutschland von Sinnen“ ist das Gegenteil, nämlich eine Liebeserklärung an das Land, das seine Eltern und ihn 1968 aufgenommen haben, eine Kampfansage an einen aggressiven Islam, der das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken nachhaltig zerstört hat, und eine Tirade gegen einen Staat, der alles glaubt bezuschussen zu müssen, was sich als unterdrückte Minderheit aufführt.
„Deutschland, du kraftvoller Stier! Du bist die Macht, die ganz Europa trägt! Du bist das schönste aller schönen Länder!“ So geht’s los – und so geht das natürlich gar nicht. Finden Menschen, die, wenn sie nicht gleich antideutsch empfinden, an Deutschland nur mit ironischer Distanzierung und in Gänsefüßchen denken mögen. Hinzu kommt die hemmungslose Abneigung des Autors gegen Rotgrün, den Feminismus und „Gender Mainstreaming“, den aggressiven Islam, die Polit- und Medienkaste, kurz: gegen den ganzen linksliberalen Mainstream. „Deutschland von Sinnen“ ist die wütende Suada eines unglücklich Liebenden, übrigens etwas, worauf Schriftsteller ein natürliches Anrecht haben, nicht nur, wenn sie in die Richtung kotzen, die man in der kritischen Zunft für die richtige hält.
Der Vergleich mit Hitlers „Mein Kampf“ ist bei den 680 Zeit-Lesern nicht gut angekommen, die das kommentiert haben. Löblich, dass die Redaktion sich daraufhin um Kommunikation mit ihren Kritikern bemüht hat. Für das Fazit allerdings hätte man sich die Mühe sparen können: es seien doch wohl alles Ewiggestrige, die mit der modernen Zeit nicht richtig mitgekommen sind. Wer solch intellektuellen Hochmut pflegt, muss sich nicht wundern, wenn die Zeiten für „Qualitätsjournalismus“ hart geworden sind. Wer seine Leser verachtet, kann nicht erwarten, dass sie ihm treu bleiben.
Dabei gibt es durchaus eine Lehre zu ziehen aus dem Erfolg gerade dieses Buchs, rotzig, pöbelnd, ungerecht und unkorrekt: Dass es viele gibt, die an die bunte Schrebergartenidylle der Konsensdemokratie unter einer ewig lächelnden Kanzlerin nicht mehr glauben. Wäre doch auch mal ein Thema.