"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Donnerstag, 16. Mai 2013

Vom Leben im Paradox. Michael Wolffsohn zum 66. Geburtstag

Im Münchner Spatenhaus begrüßt man ihn mit Freude und sichtbarem Respekt und rückt ihm den Stuhl zurecht: Hier und heute Abend sitzt Michael Wolffsohn bequem. Normalerweise hält er sich eher zwischen den Stühlen auf, das ist weniger angenehm, erst recht, wenn man eine derart schmale Silhouette hat. Und doch balanciert er dort seit Jahren. Es gibt viele, die ihn dafür bewundern. Es gibt weit mehr, die ihn dafür hassen.
Wer ihn persönlich erlebt, versteht die Abneigung nicht: Der Herr Professor ist kein akademischer Langweiler, sondern ein weltgewandter und feinfühliger Citoyen mit Charme und Humor. Außerdem sieht er verdammt gut aus. Und er gibt sich, ganz wie seine Frau Rita, keineswegs so erwachsen, wie es sich angeblich gehört, wenn man schon 65 und seit einigen Monaten emeritiert ist. Der Abend ist heiter. Kaum eine Frage bleibt offen. Nur eine: Wie schafft es so jemand, sich mit beinahe allen anzulegen, die nicht nur in Deutschland eine öffentliche Rolle spielen?
Dass die Rechtsradikalen ihn nicht lieben – geschenkt. Dort mag man in alter Tradition keine Juden, und vor allem keine, die, als Professor an der Bundeswehruniversität in München, deutsche Offiziere mit Zionismus infizieren oder sonstwie verderben könnten. Der rechte Hass lässt sich von medialem Jagdgeschmetter befeuern, kulminiert immer wieder in antisemitischen Morddrohungen und beschert der Familie Wolffsohn in ihrem Münchner Haus seit Jahren Polizeischutz.
Das müsste die Linke auf seine Seite bringen? Ganz im Gegenteil. Einmal deshalb, weil Wolffsohn nunmal kein Linker ist. Als er 1970 zum 1967 unterbrochenen Studium an die Berliner Freie Universität zurückkehrte, erlebte er Mao-Bibel schwenkende Studenten, die den eminenten Politikwissenschaftler Richard Löwenthal, den 1935 vor den Nazis geflohenen Juden, einst Kommunist, später Sozialdemokrat, als Nazi beschimpften. Wolffsohn aber wollte studieren und nicht über Maos Kulturrevolution diskutieren. Irgendwann schloss er sich wie Löwenthal und Fraenkel der „Notgemeinschaft für eine freie Universität“ und dem „Bund Freiheit der Wissenschaft“ an. Dort lernte er Rita Braun-Feldweg kennen, die beiden sind seit 1975 verheiratet. Er dunkel, sie blond, beide schmal und schnell und scharfzüngig. Eine tiefe Beziehung, man sieht und hört das.
Ach, die Linke und Richard Löwenthal: auch das so ein Missverständnis, das man heute kaum noch nachvollziehen kann. Was war an Löwenthal und Fraenkel reaktionär, den jüdischen Linksliberalen, antitotalitär aus Erfahrung mit Nationalsozialismus und Kommunismus zugleich? Und was attraktiv an den studentischen Ideologen, diesen Sektierern der 70er Jahre, die alles niederbrüllten, was nicht ihrer Meinung war? Doch damals war klar: wer zum „Bund Freiheit der Wissenschaft“ hielt, war rechter als rechts. Dabei war doch nur der linke Verstand bei vielen besonders kurz.
Und dann auch noch das: der Streber Wolffsohn hatte gedient, freiwillig, drei Jahre lang. Nicht in der Bundeswehr, immerhin – damals bevorzugten viele Studenten Berlin, weil ein Wohnsitz dort ihnen den Wehrdienst ersparte. Dafür aber in der israelischen Armee, zu einer Zeit, als man dort jeden Mann brauchte: nach dem Sechstagekrieg 1967, als Ägypten den Israelis einen Zermürbungskrieg am Suezkanal lieferte. Doch während Wolffsohn der Sache Israels diente, jubelte einer wie Joschka Fischer im Oktober 1969 auf einem Palästina-Solidaritätskongress in Algier Jassir Arafat zu, der den „Endsieg“ über Israel anstrebte. Das beschreibt in etwa die Spannweite der Gegensätze. Der Antizionismus in der studentischen Linken war, wie wir heute wissen, weit übler als eine lässliche Jugendsünde.

Es liegt nicht am Wein, dass das Bild immer verworrener wird. Wer war, wer ist Michael Wolffsohn in den Augen der Öffentlichkeit? Ein Zionist, glauben einige, andere meinen, als Jude könne er kein richtiger Deutscher sein. Irgendwie. Aber womöglich ist er gar ein Nazi? Irgendwie wohl auch. Hatte ihn nicht Ignatz Bubis 1992 als „Vorzeige-Juden der deutschen Rechtsradikalen“ bezeichnet? Dann durfte einer wie Friedrich Küppersbusch das auch, der 1995 in einer gottlob längst vergessenen WDR-Fernsehsendung namens „ZAK“ das Konterfei Wolffsohns mitten ins Hakenkreuz der Reichskriegsflagge montierte, gegengeblendet Aufnahmen von Neonazis beim Sturm auf das Asylbewerberheim in Rostock. Ich erinnere mich gut an die Sendung, es war zum Fremdschämen.
Doch hatte nicht auch das dieser Wolffsohn – irgendwie - selbst verschuldet? Wer sich als deutsch-jüdischer Patriot bezeichnet, muss mit den Schlimmsten rechnen. Das geht gar nicht. Nicht bei den Deutschen. Aber auch nicht bei den Juden in Deutschland. Und erst recht nicht bei den Israelis. Eigentlich – bei niemandem.
Sitzen Sie gut zwischen den Stühlen, Herr Wolffsohn?

Mit Deutschland, finden die einen, geht Wolffsohn viel zu freundlich um. Den Juden in aller Welt und Israel aber erspart er nichts. Stimmt schon: er hat so gar nichts übrig für die „Amtsjuden“ und „Synagogengänger“, für die Funktionäre des Zentralrats der Juden in Deutschland etwa, die sofort mit Exodus drohen, wenn über die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Beschneidung kleiner Jungen auch nur diskutiert wird. Oder für den Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Edgar Bronfman, der sich noch bis kurz vor ihrem Ende bei der DDR beliebt machte. Er mag den „Gemeindemief“ nicht und die jüdische „Folklore“. Er spottet über angemaßte Juden wie Gregor Gysi oder Markus Wolf. Und ein bisschen auch über die Beliebtheit jüdischer Vornamen für die Kinder nichtjüdischer deutscher Eltern.
Ebenso wenig hält er von harschen Marschbefehlen aus Israel, wonach das „entartete“ deutsche Judentum „aufzulösen“ sei und alle Juden nach Israel, in die jüdische „Einheitsfront“, gehörten. Doch solche Töne sind vorbei. In Israel respektiert man ihn: ja, er ist ein Diasporajude. Aber er hat drei Jahre freiwillig in der israelischen Armee gedient, nicht ohne Risiko fürs eigene Leben. Das zählt dort.
Dennoch besteht Wolffsohn darauf: weder (das existentiell gleichwohl so notwendige) Israel noch sonstwer repräsentiere die Juden in der Welt. Auch nicht das, was sich „jüdische Gemeinde“ oder „Zentralrat“ nennt – dass der für alle jüdischen Deutschen zuständig sei, glaubten nur die nichtjüdischen Deutschen, wo noch immer die Meinung grassiert, Juden seien eine verschworene Gemeinschaft, in der alle eisern zusammenhalten. Nebbich. Ebenso wenig sind alle Juden, als „die Opfer“, engelsgleiche Wesen. Das verachtet Wolffsohn: jedwede Sonderbehandlung, auch wenn sie mit besten Absichten geschieht. „Toleranz auch für die dummen Juden!“ Es gibt sie, wie überall. Na und? Na und.
Wolffsohn will Normalität. Aber die kriegt er nicht. Ist er denn überhaupt ein richtiger Jude? Dieser Nestbeschmutzer? Der eine Evangelische geheiratet hat, die er noch nicht einmal zum Konvertieren hat überreden wollen?
Die Gänsekeule kommt. Weder im Spatenhaus noch bei Wolffsohns wird koscher gegessen, warum auch? Die wenigsten Diasporajuden tun das. Und die wenigsten Juden heiraten Juden. Rita und Michael führen eine Mischehe, wie gut zwei Drittel der Juden in Deutschland. Doch das ist Teil eines Problems: dass nämlich die Juden immer weniger werden.
Wenn man Rita und Michael Wolffsohn lachend über ihre Hochzeit sprechen hört, hat man das Gefühl, der Tag habe nur ein Thema gehabt: die inständigen Bitten von Freunden und Verwandten, Rita, die Gojte, möge doch bitte schnell noch zum Judentum konvertieren. Sie tat es nie. Und deshalb sind die drei Kinder der Wolffsohns dem Judentum entzogen – denn Jude ist nur, wer eine jüdische Mutter hat, wobei es nicht auf Blut und Gene ankommt, sondern auf die Religion.
Das ist so ein Moment, an dem Michael Wolffsohn bedrückt wirkt. Es ist doch eine schwindende Gemeinschaft, die Juden der Welt und die in Deutschland. Und er ist ja doch beides: Jude und Deutscher. Obwohl Diasporajuden ohne Religion eigentlich keine sind. Sagt er, dem Stammesdenken nunmal fremd ist. Das ist wohl die Paradoxie seines Lebens.

Wolffsohn hat ein Lebensthema, natürlich, unübersehbar. Nicht jenes, das Henryk Broder hat, der auf Antisemitismus geeichte Spürhund. Eher im Gegenteil. Michael Wolffsohn kämpft für etwas, das es nicht gibt: dafür, dass einer wie er so normal ist wie sich die meisten jüdischen Deutschen im Deutschen Reich bis Hitler fühlten. Doch das jüdische Großbürgertum hat sich diese Normalität womöglich nur eingebildet. Dass Hitler auch die zu Juden erklärte, die sich selbst gar nicht mehr so verstanden, hat Juden auf immer zu Juden gemacht. Sich dagegen zu wehren kommt der Arbeit des Sisyphos gleich.
Doch Wolffsohn rollt den Stein immer wieder hoch. Antisemitismus ist das eine. Die Funktionalisierung des Holocaust aber ist nicht minder unangenehm. Wolffsohns Augenmerk gilt der „Geschichtspolitik“, ein Begriff, den er in die Debatte eingebracht hat. Gemeint ist, dass hinter fast jeder Geste und jedem Gedenken im öffentlichen Raum handfeste Interessen stehen. Auch Willy Brandts Kniefall in Warschau war Geschichtspolitik: die große Geste sollte Israel beruhigen, dem die „neue Ostpolitik“ der sozialliberalen Koalition nicht schmeckte. Der Mehrwert: ab da konnte man in der SPD Israel tagespolitisch kritisieren, ohne geschichtspolitisch als Relativierer dazustehen.
Und so wird aus Vergangenheit eine Krücke für die Gegenwart. Die Deutschen hätscheln jemanden wie Jonah Goldhagen, der ihnen bescheinigt, sozusagen genetisch bedingt „eliminatorische Antisemiten“ zu sein? Der Mehrwert solchen Masochismus’ heißt: man kann sich macht- und außenpolitisch raushalten. Für die Juden in der Diaspora, insbesondere in den USA, ist der Holocaust als Bindemittel an die Stelle der Religion getreten? Praktisch, dann muss man nicht groß darüber nachdenken, was das eigene Jüdischsein noch bedeutet, sobald es nicht mehr religiös definiert ist.
Und Israel? Die Zionisten haben nicht auf Hitler gewartet, um in Palästina zu siedeln. Doch heute ist auch dort der Holocaust zum einigenden Zusammenhang geworden. Und in Deutschland, dem „Land der Täter“, fühlt man sich am Schicksal der Palästinenser gleich noch mit schuld. Weil es ja ohne Hitler kein Israel und damit auch keinen Konflikt gegeben hätte ...
Unsinn. Am Grunde des Konflikts, so sieht es auch Wolffsohn, liegt die verfehlte britische Mandatspolitik in Palästina weit vor Hitler, die wahrlich nicht judenfreundlich war. Auch im Zweiten Weltkrieg sahen weder Engländer noch Amerikaner die Rettung der Juden als Hauptsache. Doch darüber zu diskutieren verbietet – Geschichtspolitik. Kein Wunder also, dass Wolffsohn aneckt, der nur in einer Hinsicht Fanatiker ist: wenn es um die Wahrheit geht.

Wir sind beim Schnaps und fast die letzten im Lokal. Seit Wolffsohn emeritiert ist, kann man ihm erst recht nicht mehr das Maul verbieten, wie es deutsche Kollegen und Politiker gleich zweimal versuchten, als sie seine Amtsenthebung betrieben. Es gibt wissenschaftliche Projekte, er geht schwanger, sagt er, mit einer (welt-)historischen Einordnung der Bundesrepublik Deutschland. Und vielleicht fügt er den bislang 30 Büchern und 132 wissenschaftlichen Aufsätzen auch noch eine Familiengeschichte plus Autobiografie hinzu. Außerdem berät er Politiker und Unternehmer, meistens über den Nahen Osten, die deutsche Außenpolitik, weltpolitische Entwicklungen und natürlich „Geschichtspolitik“.
Gut, dass sich um die „Gartenstadt Atlantic“ vor allem Rita Wolffsohn kümmert. Die Familie hat ihr gesamtes Vermögen in die Rettung eines jüdischen „Vermächtnisses“ gesteckt, nämlich in die vorbildhafte Restaurierung einer Wohnanlage im Berliner Problembezirk „Gesundbrunnen“, deren Herzstück einst die „Lichtburg“ war, jenes Ende der 20er Jahre gegründete Großkino. Das alles gehörte Karl Wolffsohn – bis zur Arisierung. Wolffsohn konnte flüchten, kehrte 1949 zurück und musste zwölf Jahre lang um die Anlage prozessieren. Seinen Sieg erlebte er nicht mehr. Und das Kino hat der Westberliner Senat 1970 abreißen lassen.
Die Geschichte der „Gartenstadt Atlantic“ ist ein Kapitel für sich. Es ist die Geschichte, auch, eines handfesten, uneitlen Mäzenatentums einer ganzen Familie.
Auch das noch: Michael Wolffsohn ein Mäzen, der ein jüdisches Erbe für Deutschland bewahrt hat. Das soll ihm mal einer verzeihen können.

Dienstag, 14. Mai 2013

Der deutsche Krimi im Schweinezyklus

Zu viel Erfolg kann tödlich sein. Einst war das 1986 gegründete Syndikat, die Vereinigung deutschsprachiger Krimiautoren, eine kleine konspirative Zusammenrottung, die den Deutschlesern beibringen wollte, dass Krimi kein Grimmi sein muss, schlichter Schund oder eine lieblos zusammengezimmerte Parodie, der man die Verachtung des Genres anmerkt. Sondern Literatur mit Anspruch, mindestens auf gutes Handwerk, gern auch auf sozialkritische Aufklärung. Seit 1987 gibt es alljährlich eine Qualitätsschau, die Criminale, Urgroßmutter der Krimifestivals, die heute jede Provinzmetropole im Programm hat. Der Kampf ist vorbei, halb wurde er gewonnen: der Krimi, eher nicht der deutsche und weniger der mit Anspruch, hat den Markt erobert und das Syndikat platzt aus allen Nähten.
Längst können auf der jährlichen Criminale nicht mehr alle Mitglieder lesen, wofür man in vielen Fällen dankbar sein darf. Schließlich zählt man seit den verschworenen Anfängen mittlerweile 751 Mitglieder. Dankbar registrierte Syndikatssprecher Edgar Franzmann auf der diesjährigen Criminale in Bern einen Rückgang des Trends: 2012 sind lediglich 75 neue Mitglieder dazugekommen. Dabei bräuchte die Autorengruppe eher Schwund als Zuwachs, sonst könnte in Bern die letzte Criminale stattgefunden haben. Längst stehen die Bewerber für den Austragungsort nicht mehr Schlange. Immerhin kostet der Massenauftrieb zwischen 250 000 und 300 000 Euro, das kann sich nicht jede Region leisten, zumal die Criminale noch nicht einmal die Bestseller der Branche aufbietet wie Nele Neuhaus, Rita Falk oder Klüpfel & Kobr. Jüngere Talente wie Merle Kröger oder Simone Buchholz sind gar nicht erst im Syndikat.
Masse ist nicht Klasse. Eine „Qualitätsschau“ kann die Criminale schon deshalb nicht sein, weil dort jedes Mitglied lesen darf – oft im Dreier- oder Viererpack, gern auch in Eckkneipen oder Waschsalons. Schließlich will man kein elitärer Verein sein, sondern „demokratisch“.
Egal, wer liest, wurscht, was gelesen wird. Der nichtgewerkschaftliche Zusammenschluss eigenwilliger Einzelkämpfer hat Züge einer Dienstleistungsorganisation angenommen. Während manch frühes Produkt mehr von frauenbewegten oder gesellschaftskritischen Anliegen denn von schriftstellerischem Können zeugt, sind viele der Neumitglieder Textprofis, weitgehend illusionslose Handwerker, die ihr Geschäft verstehen. Nichts dagegen, weder Überzeugung noch Selbstverwirklichung oder der reine Glaube ans eigene Talent allein machen gute Literatur. (Auch wenn es natürlich an der Autorenehre kratzt, wenn sich manch Verleger mittlerweile seine Genrebestseller selbst schreibt, wie es das Gerücht im Falle des enigmatischen Jean-Luc Bannalec will.)
Wie also schrumpft man sich gesund? Dass die ehrenwerte Gesellschaft keine Kriterien für das eigene Produkt hat, zeigte in Bern die Debatte ums e-Book. Weil man nicht noch mehr Mitglieder anziehen will, soll einem Antrag zufolge die Aufnahme eines Autors, der sein Werk lediglich digital vertreibt, davon abhängig sein, dass auch er einen „richtigen“ Verlag mit einem arbeitenden Lektorat in Kreuz hat – als ob das bei der den Markt zukleisternden Massenware spürbar der Fall wäre. Und als ob der Charme des e-Books nicht gerade darin läge, dass es die Autoren tendenziell unabhängig von Verlagen und Buchhandel macht – die eben keineswegs immer die besten Freunde der Autoren sind.
Der Megaseller „Shades of Grey“ verdankt seinen Erfolg den Lesern. Doch von denen ist auch unter Krimiautoren selten die Rede, etwa wenn es um den Kampf fürs „Urheberrecht“ geht, von einigen Syndicats tapfer und entbehrungsvoll geführt. Sicher ist in dieser Frage das Bündnis mit den großen Verlagen und dem „Börsenverein“ schön und gut, obwohl man gerade dort noch immer davon träumt, das e-Book marginalisieren oder wenigstens mit dem stationären Buchhandel verknüpfen zu können. In Interesse der Leser ist das nicht – weshalb das auch im Syndikat gepflegte Amazon-Bashing fehl geht. Gerade dort, beim Versandhändler, ist noch zu finden, was sich Buchhändler nicht mehr ins Regal stellen, weil es keinen Umsatz bringt. Und das ist oft genau das, was das Syndikat einst befördern wollte: der saugut geschriebene Kriminalroman mit einem Plot, der nicht längst schon überall durchgenudelt worden ist.
Gesundschrumpfen müsste sich nicht nur das Syndikat, sondern der Krimi selbst, der soeben seinen Schweinezyklus durchläuft. Will sagen: er geht an Masse zugrunde. Längst werden die Bestsellerlisten nicht mehr vom Krimi dominiert, und was sich dort noch findet an Kriminalistischem, ist skandinavische Düsternis, der heitere deutsche Landkrimi oder der universelle Frauenleidroman.
Der „Schweinezyklus“ lehrt: man stelle die Produktion ein, wenn der Markt überfüllt ist und warte auf die Zeit, in der wieder Bedarf entsteht. Warum sollte das nicht auch für den deutschen Krimi und die Criminale gelten?
Ich sag schon mal bye bye.

Dienstag, 16. April 2013

Glückliche Sklaven

Während ich am Schreibtisch sitze und mir „Gedanken zur Zeit“ mache, erfahre ich, dass Baroness Margaret Thatcher gestorben ist, Premierminister von Großbritannien in den Jahren 1979 bis 1990, die große alte Dame des Konservatismus. Aber war sie nicht eigentlich eher eine Liberale? Sie sagte einst: „If I lose liberty, then it takes away the basic reason for living.“ Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel könnte man das modern übersetzen als „Ohne Freiheit ist alles andere nichts“, aber ehrlich gesagt: das klingt geradezu geschäftsmäßig kühl angesichts der Emphase der hierzulande zu Unrecht verschrienen „Iron Lady“. Eher war sie die Schwester von Hannah Arendt. „Der Sinn der Politik ist Freiheit“, sagte die.
Freiheit ist der Grundgedanke des Liberalismus. Der aber hat in Deutschland wenig Freunde. Warum bloß? Weil das immer schon so war? Weil es ein deutsches Phänomen ist, dieses Fremdeln mit dem Freiheitsgedanken, das Ludwig Mises 1927 sagen ließ: „Der Hass gegen den Liberalismus ist das Einzige, in dem sich die Deutschen einig sind“? Weil man hierzulande einen „gefühlsbetonten Antikapitalismus“ pflegt, der immer auch ein „unreflektierter Antiliberalismus“ sei, wie der erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss erkannte? Weil man in deutschen Landen das Gemeinwohl stets höher schätzte als den Egoismus, den man dem individuellen Freiheitsstreben unterstellte? Oder weil bei uns Sklavenmentalität herrscht, womit wir bei einer anderen großen Liberalen wären, bei Marie von Ebner-Eschenbach: „Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit“, sagte die.
Kann sein, dass viele Deutsche der Freiheit und dem Risiko das Rundumsorglospaket des deutschen Ammenstaats vorziehen. Der Sozialstaat als Agentur für Brot und Spiele – und wir die glücklichen Slaven, die ihre Freiheit nicht vermissen, solange da einer ist, der sich „kümmert“. Ein selbstbestimmtes Leben, mit der Freiheit, auch das Falsche zu tun und das Maßlose zu denken? Nicht hier bei uns.
Hat es die Partei, die sich liberal nennt, deshalb so schwer? Oder verdient, umgekehrt, womöglich die liberale Idee eine vehementere Verteidigerin als die FDP?
In ihrer wechselhaften Geschichte waren die Liberalen meist nur das Zünglein an der Waage, der Mitspieler, der nicht seines eigenen Profils wegen geschätzt wurde, sondern weil er für die Regierungsbildung der größeren Parteien wichtig war. Ansonsten profitierte die Partei vom Missfallen der Wähler an den anderen Optionen. Und so ist wohl auch das gute Wahlergebnis der letzten Bundestagswahlen von über 14 Prozent zu erklären. Schon bei der Landtagswahl in Niedersachsen am 20. Januar diesen Jahres konnte sich die FDP nur mit christlicher Nächstenliebe ins Parlament retten, gerade so, was womöglich die Union den Wahlsieg kostete. Bei der Bundestagswahl wird sie auf Großzügigkeit ihres jetzigen Koalitionspartners nicht hoffen können. Der liebäugelt längst mit einer großen Koalition.
Folgt man den Umfragen, dümpelt die FDP auf historischem Tiefstand. Wird sie es im September 2013 noch in den Bundestag schaffen? Wetten werden entgegengenommen. Doch man sollte der FDP nie zu früh das Totenglöckchen läuten. Sie hat schon mehr als einmal auf den letzten Metern Wechsel- und Nichtwähler mobilisiert. Doch diesmal könnte das Spiel anders ausgehen. In diesen Tagen trifft sich in Berlin eine neue Partei, die sich „Alternative für Deutschland“ nennt – ein treffender Name angesichts der Tatsache, dass die Kanzlerin in vitalen, ja in existentiellen Fragen schon lange behauptet, ihr Weg sei alternativlos. Die Alternative könnte der CDU Stimmen wegnehmen, aber vor allem der FDP den Weizen verhageln. Denn sie spricht Themen an, denen ein liberaler Champion fehlt.
Die Behauptung, etwas sei „alternativlos“, ist nicht nur vermessen, sie ist auch unverhüllt autoritär. In einer Demokratie ist alles verhandelbar. Überdies gibt es viele gute sachliche Gründe, zu bezweifeln, dass es bei der Euro- und Staatsschuldenkrise oder gar bei der sogenannten Energiewende eine einzige richtige Strategie gibt. Diese Gründe aber werden im Bundestag nicht mehr verhandelt. Kurz: es gibt in existentiellen Fragen keine Opposition mehr im Parlament. Wer hier eine „Alternative“ darstellt, dürfte auf Zustimmung stoßen - dafür spricht auch, dass die neue Partei in den gerade zwei Monaten ihres Bestehens schon mehr als 7000 Mitglieder angezogen hat. Denn nicht wenige Bürger hegen mittlerweile den Verdacht, dass sie in wesentlichen Angelegenheiten ihres Landes nicht mit der Wahrheit bedient werden. Ach was: sie fühlen sich belogen.
Tatsächlich wird in Sachen Euro mittlerweile qua Notstand regiert. Seit über zehn Jahren ist die Geschichte der Gemeinschaftswährung eine Geschichte von Rechtsbrüchen. Das beginnt 2003, als erst Deutschland und dann Frankreich gegen die Haushaltsregeln des Maastricht-Vertrags verstoßen. Das setzt sich fort mit der regelwidrigen Griechenland-Rettung und kulminiert am 10. Mai 2010, als die Europäische Zentralbank griechische Staatsanleihen kauft. Zum Demokratiedefizit in der EU gesellt sich permanenter Regelbruch, was weit schlimmer ist.
Jeden liberal Denkenden muss das alarmieren. Ganz offenbar wird derzeit nicht Europa gerettet, denn noch nie in der Nachkriegszeit waren europäische Nachbarn so zerstritten wie heute. Vielleicht liegt es also gar nicht im Interesse Europas, wenn der Euro, die Banken oder fallierende Staaten gerettet werden. Gewiss aber schadet das der europäischen Idee.
Freiheit heißt, dass man weder von einer Minderheit noch von einer Mehrheit unterdrückt werden kann. Deshalb ist Demokratie nichts ohne das Rule of Law, wie es sich im angelsächsischen Raum entwickelt hat, bzw. ohne Rechtsstaatlichkeit, wie wir sie hierzulande verstehen. Regeln sind Schutz vor Willkür. Demokratie funktioniert nicht ohne verlässliche Institutionen, Verfahrensgerechtigkeit und Rechtssicherheit. Das Grundgesetz oder die amerikanische Verfassung tragen dem Rechnung.
Genau dieses aber, die Bindung der Demokratie ans Recht, lässt den Liberalismus in unserer gefühlsbesessenen Öffentlichkeit als kalt erscheinen, wo man „warme“ Tugenden wie Solidarität und Mitgefühl vorzieht. Dabei hat doch die Gefühlsferne, die Objektivität von Institutionen und Regeln einen unschätzbaren Vorzug vor dem individuellen Mitgefühl: Ihre Distanziertheit pflegt keine Vorlieben. Unserer umarmungsfreudigen Kuschelkultur aber fehlt genau jener Respekt, den zivilisierter Kontakt braucht. Es möchte nicht jeder gleich „in den Arm“ genommen werden, wenn es lediglich um konfliktfreien Umgang miteinander geht.
Welches Thema könnte wichtiger sein für eine liberale Partei als die Kritik am fortwährenden Regelbruch? Ganz ohne Verstoß gegen Regeln und Verträge ging es übrigens auch bei der sogenannten „Energiewende“ nicht ab. Sollte nicht auch das Kernthema sein für eine liberale Partei, die überdies marktwirtschaftlich denkt?
Einst begünstigte der Staat die Atomenergie, heute verzerrt er den Markt, indem er Windräder und Solarpaneele subventioniert, bezahlt nicht nur vom Steuerbürger, sondern von allen Stromkunden, die sich die Photovoltaik auf dem Eigenheimdach nicht leisten können. Die haben längst erkannt, dass der Satz nicht stimmt, wonach die Sonne keine Rechnung schreibt.
Und was ist mit der Steuerpolitik? Es ist schon seltsam: ausgerechnet die FDP hat es nie geschafft, sich vom Verdacht zu befreien, sie vertrete lediglich die Interessen ausgewählter Lobbies, während alle anderen nur das Gemeinwohl im Auge hätten. Dabei sind es gerade die großen Parteien, die sich gegenseitig im Vergeben von Wahlgeschenken überbieten – doch wer viel geben will, muss viel einnehmen. Deshalb immer wieder die geradezu brünftigen Schreie nach Steuererhöhungen. Doch der Staat hat gerade heute, in einer Zeit, in der die Steuereinnahmen nur so sprudeln, kein Einnahmen-, sondern ein Ausgabenproblem. Aber wem fällt das schon noch auf, seit im Neusprech der Politiker „Sparen“ nicht weniger ausgeben, sondern weniger schuldenmachen heißt?
Die wahren Steuersünder sind nicht die mehr oder weniger fehlbaren Steuerzahler, sondern all jene, die mit dem Geld, das sie treuhänderisch entgegennehmen, nicht vernünftig wirtschaften – Politik und Staat, mit anderen Worten. Die meisten Parteipolitiker „glauben an die wohlmeinende Kleptokratie“. Die Regierungen, sagt Peter Sloterdijk, „verpfänden die Luft über ihrem Staatsgebiet, und Banken atmen tief durch. Wenn man es sich recht überlegt, ist das haarsträubend. Das wird möglicherweise europaweit eine Desorientierung von historischen Größenordnungen auslösen.“

Donnerstag, 28. März 2013

Wenn Frauen zu viel lesen

Fernsehen mag verderblich sein. Doch schlimmer noch ist Literatur.
Dass Lesen die geistige Gesundheit gefährdet, weiß man, seit Gutenberg es demokratisiert hat. Sittsame Frauen lasen zwar lange Zeit nur die Bibel, doch schon das bedeutete, bedenkt man den Inhalt, einen Schritt ins Verderben. Geradezu katastrophale Wirkung hatte die Lektüre von Gebetbüchern, wie Gustave Flaubert am Beispiel der Landarztfrau Emma Bovary zeigte. Als Klosterschülerin verliebte sie sich in den leidenden Jesus; die Gleichnisse vom himmlischen Geliebten versetzten sie in süße Schauer. Im Alter von fünfzehn Jahren wurde die Droge stärker. Emma las Romane, in denen es von tugendsamen Herren auf hohen Rössern, Küssen, Schwüren, Gondelfahrten und schluchzenden Nachtigallen nur so wimmelte. Das Verhängnis begann, als die junge Frau nach all dem Schönen zu suchen begann - in der Wirklichkeit. Dort aber gab es keine weißen Ritter. Das Ende von Madame Bovary ist bekannt. Was blieb, war Arsen.
Lehren aus der Geschichte? Schon. Seit einigen Jahren scheint die Gefahr erkannt. Literatur von und für Frauen beugt heutzutage dem Bovary-Effekt vor. Insbesondere, wer Krimis liest, möglichst aus Schweden oder Dänemark, ist schon nach hundert Seiten gegen Irrtum gefeit. Hier gibt es keine tugendsamen Herren, hier sind Männer Schweine, die zur Strecke gebracht werden müssen. Das Böse ist männlich. Das Böse muss sterben.
In meiner Arbeit als Jurorin beim Deutschen Kurzkrimipreis habe ich diesen Eindruck bestätigt gefunden. Das Gros der eingesandten Arbeiten kreiste nur um eines. Kurzgeschichtenschreibende Frauen haben unendlich viel Spaß daran, Männer umzubringen. Manchmal einfach nur so, in der Tradition Ingrid Nolls: will ja nur spielen. Manchmal aus frommer Lust an der Bereicherung - als Witwe, das ist bekannt, lebt es sich gänzlich ungeniert. Und immer öfter in höherem Auftrag: so etwa, wenn sich eine Truppe patenter Freundinnen zusammentut, um die geschlagene, entwürdigte, entrechtete und geknechtete Freundin von ihrem gewalttätigen Gatten zu befreien. Der Trend ist eindeutig. Männer werden ihrer gerechten Strafe zugeführt, mehr und mehr per Lynchjustiz, denn es herrscht die Überzeugung vor, dass der Rechtsstaat (vulgo: das patriarchalische System) zu „Gerechtigkeit“ oder wenigstens einem ordentlichen Verfahren nicht in der Lage ist. Henning Mankell lässt grüßen.
Dieses Muster taucht nur wenig variiert in Büchern auf, die es auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft haben, woraus man schließen muss, dass es auch bei den Leserinnen beliebt ist. Es sind ja nunmal Frauen, die jene Bücher kaufen, die Männer nicht lesen. Mir jedenfalls ist noch kein Mann begegnet, der seine Lesefreude daran zugegeben hätte, so dass ich noch immer auf Antwort warte auf die Frage: wie fühlt man sich eigentlich nach der Lektüre von Männer-schlagen-Frauen-und-missbrauchen-Kinder-Romanen? Oder nach dem zigsten Tatort darüber? Lässt euch das kalt? Oder macht ihr vorsichtshalber bei jedem #aufschrei mit, damit alle wissen, dass ihr anders als die anderen seid?
Beim neuesten Bestseller von Nele Neuhaus, „Böser Wolf“, geht es um Kinderschändung, zu der sich Männer aus den besten Kreisen der Gesellschaft verschwören. In Camilla Läckbergs friedlich-freundlich betiteltem Krimi „Der Leuchtturmwärter“ geht es um etwas, das im schwedischen Fjällbacka offenbar Tradition hat: um Frauenmisshandlung, die mindestens jede zweite Frau des ansehnlichen Romanpersonals erdulden musste. Alternativ: Missbrauch, als Kind. Oder beides. Auch hier scheint nur Eigeninitiative der Opfer zu helfen, denn die halbwegs netten Männer sind so, wie einer der ihren heißt: Matte.
Dass es solche Verbrechen und solche Verbrecher gibt – keine Frage. Thema für einen Krimi? Gewiss doch. Aber die Sache scheint sich zum Trend auszuwachsen, der weit über die Kriminalitätsstatistik hinausschießt. Heißt das was? Und wenn ja – was genau?
Überraschende Erkenntnis: ein Dauerbestseller passt auf den ersten Blick gar nicht, auf den zweiten um so besser zu den Krimis auf dem Nachttisch – Shades of Grey, Softporno und Romanze in einem. Der Roman erzählt mitnichten von der weiblichen Lust an der Unterwerfung und männlicher Dominanz, er erzählt ganz im Gegenteil von der Umerziehung des Biestes zum überirdisch perfekten Liebhaber: niemand macht es so gut wie der reiche, schöne und auch ansonsten perfekte Mr. Grey. Shades of Grey ist die ultimative Kampfansage an den Mann.
Im Krimi wird er als Monster umgebracht. In Shades of Grey wird er umerzogen. Gefährlicher für den Mann als die mörderische ist die erotische literarische Phantasie. Der Mann zwischen Verteufelung, Verachtung und Überforderung: wenn Frauenlektüre Gebrauchsanweisung wäre, hätte die Beziehung zwischen Mann und Frau keine Chance mehr.
Hat Flaubert in seiner „Madame Bovary“ den Einfluss der die weibliche Phantasie stimulierenden Literatur überschätzt? Aber sicher doch. Heute verwechselt natürlich keine Leserin mehr den Roman mit der Wirklichkeit. Und wenn doch?


Aus Literarische Welt, 30. 3. 2013

Samstag, 16. März 2013

Das öffentlich-rechtliche Sturmgeschütz

“In Deutschland gründet sich gerade eine neue Partei, die Alternative für Deutschland, deren Hauptziel eine Auflösung der Währungsunion in ihrer gegenwärtigen Form ist. Darüber wird bislang im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht berichtet, wohl aber auf der Website der Tagesschau, so geschehen am 12. März. Ohne näher auf die (absolut verfassungskonformen) Ziele der Partei einzugehen, wird sie dort als rechtspopulistisch und in der Nähe des Rechtsextremismus eingestuft und heftig gegen sie polemisiert. Das Interessanteste ist aber die anschließende Diskussion des Artikels im Forum der Website: Nach etwa 150 Kommentaren, von denen die meisten positiv zur neuen Partei und befremdet über die Polemik Stellung nehmen, schließt der Moderator das Forum; alle Argumente seien ausgetauscht, heißt es da. Man kann zu der neuen Partei stehen, wie man will. Aber das das staatliche Fernsehen Propaganda der übelsten Sorte betreibt, ist widerwärtig. Man hätte es eher dem iranischen Staatsfernsehen zugetraut, zumal die Tagesschau-Website ja mit einer “Demokratieabgabe” finanziert wird. Der Begriff bekommt eine ganz neue, geradezu “volksdemokratische” Dimension.”
Freytag in der Wirtschaftswoche

Die Volten, die Patrick Gensing hier schlägt, sind in der Tat atemberaubend:
Tagesschau

Und was sich alles so Experte nennt! Alexander Häusler jedenfalls hält auch auf glatter Fahrbahn Richtung: hier.
Immer schön nach links

Donnerstag, 14. März 2013

Alternative für Deutschland

Na klar, die Piraten haben mehr Spaß gemacht. Nicht der Nerds und Sandalenträger wegen, Medienmenschen mochten die ansehnlichen Piratinnen. Und vor allem konnte man sich einbilden, mit den Piraten der Jugend auf der Spur zu sein.
Das hat die „Alternative für Deutschland“ nicht zu bieten. Gepflegte ältere Herren mit korrektem Schuhwerk und eine Minderheit ebensolcher Damen prägten das Bild während der Auftaktveranstaltung der frisch gegründeten Partei in Oberursel. Doch die hatten das Taunusstädtchen für kurze Zeit an den Rand des Zusammenbruchs gebracht, nicht durch Demonstrationen, sondern durch Kolonnen von Mittelklassewagen auf der Suche nach einem legalen Parkplatz. So sittsam sind die Rebellen von heute. Ich entschied mich nach einem längeren Autokorso für einen illegalen.
Die Stadthalle Oberursel war mit schätzungsweise 1200 Besuchern überfüllt. Und obzwar man unter den Anwesenden überwiegend CDU- und FDP-Wähler vermuten durfte, knisterte die Spannung. Aufbruch! Wann, wenn nicht jetzt? Applaus und Pfiffe wie einst beim Teach-In 1968. Wutbürger unterwegs? Oder Alt-68er, die sich mit dem Aufstand noch auskennen?
Es sollte ursprünglich nur eine Diskussionsveranstaltung zwischen Konrad Adam und Alexander Gauland, Beatrix von Storch und Joachim Starbatty werden, zwischen zwei konservativen Publizisten also, einem von Beginn an eurokritischen Ökonomen und der Vorsitzenden der „Zivilen Koalition“, die erfolgreich gegen die „Altparteien“ mobilisiert. Statt dessen gab es die begeistert beklatschte Auftaktveranstaltung einer neuen Partei: „Die europäische Schulden- und Währungskrise hat viele Menschen davon überzeugt, dass die Altparteien zu einer nachhaltigen, transparenten, bürgernahen, rechtsstaatlichen und demokratischen Politik nicht imstande oder nicht willens sind. Wir formulieren Alternativen zu einer angeblich alternativlosen Politik“, heißt es im Programm.
Altparteien? Nachhaltig? Bürgernah? Alternativ? Vokabeln aus der Schublade aller alternativ Bewegten der letzten 30 Jahre. Ein Signal an jene Protestwähler, die einst Piraten wählten? Aussichtsreicher ist, dass die Neo-Alternativen mit ihren beiden eher konservativen Frontmännern Adam und Gauland bei der CDU abräumen. Nicht auszuschließen, dass die Neuen der FDP den Todesstoß versetzen, falls es dessen noch bedarf. Gut möglich, dass man nicht zuletzt die größte Partei von allen zu mobilisieren vermag: die Nichtwähler.
Wer nach der Stimmung in Oberursel geht, könnte ans Gelingen glauben. Sicher, die „Alternative“ ist mit ihren konservativen Häuptlingen Adam (71) und Gauland (72) nicht gerade das Flaggschiff der Jugend. (Die stellt allerdings auch nicht die Masse der Wähler.) Und die Vielzahl von Professoren unter den Erstunterstützern legt den Schimpfnahmen „Professorenpartei“ nahe – wir erinnern uns an den Wahlkampfschlager von einst: „Professor aus Heidelberg“. Doch der dritte Häuptling hat wenig akademisch-Steifes an sich, obwohl Bernd Lucke Ökonomieprofessor in Hamburg ist. Eloquenz, Selbstironie und jungenhafter Charme machen den 50jährigen zu jemandem, der das nötige Charisma liefern könnte.
Es mag der „Alternative“ an Optik fehlen und am Charme eines großspurigen „Projekts“ wie der „liquid democracy“. Doch sie liefert etwas, was die auf Gefühl getrimmten „Altparteien“ nicht mehr im Angebot haben: gute und gut begründete Argumente. Es dürfte eine nicht geringe Anzahl von Wählern geben, die das Menscheln der politischen Drückerkolonien und die schummrige Beleuchtung dank der zu Wahlkampfzeiten üblichen Nebelwerferei satt haben und die bemerkt haben, dass es in einigen vitalen Fragen im Bundestag keine Opposition mehr gibt. Sie dürften sich vom klaren, knappen Programm der „Alternative“ angezogen fühlen.
Auf die Eurorettungspolitik bezogen: der Bundestag hat bislang Vertragsbruch (Aufgabe der No-bail-out-Klausel und Übergang zur Transferunion) sowie Selbstentmachtung (Verzicht auf das Budgetrecht) weitgehend klaglos mitgetragen. Schließlich, so heißt es ja stets, gehe es um geheiligte Werte: Solidarität, Europa, Frieden. Dabei entgeht keinem aufmerksamen Beobachter, dass der Euro Europa nicht zusammengeführt, sondern die Beziehungen in der Eurozone bis zur Feindseligkeit verschlechtert hat. Die wahren Verhältnisse liegen unter einem Dunst vom Newspeak: da wird als „Solidarität“ (mit den Griechen etwa) verkauft, was höchstens den Banken und der Nomenklatura nützt. Und in der Gleichung „der Euro ist die EU ist Europa“ kommt dem Euro alles zugute, was man sich von Europa erwünscht: Frieden, vor allem. (Dabei ist die lange Friedensperiode der Nachkriegszeit eher Ergebnis des Kalten Kriegs – aber wen schert das?) Auch, dass nur ein geeintes Europa China und den USA Paroli bieten könnte, ist wenig glaubwürdig, solange sich die Mehrheit der Euroländer an der Klippe zum Abgrund bewegt. Zur Not greift man in den deutschen „Altparteien“ zum erpresserischen Manöver, Deutschland habe die Transferunion mitsamt Schuldenberg und Rechtsbruch „der Vergangenheit wegen“ hinzunehmen.
Ob die „Alternative“ in der Ecke steht, in die sie wahrscheinlich schon bald gestellt wird? Konrad Adam nennt die Auflösung des „Eurozwangsverbandes“ und damit die Freiheit für diejenigen Staaten, die nicht mehr mithalten können, eine Frage des Anstandes, das Beharren auf der Einhaltung von Gesetz und Vertrag eine Frage des Rechts, und eine Volksabstimmung für den Fall, dass das Grundgesetz angetastet wird, eine Forderung des Bundesverfassungsgerichts. Das sollten nicht nur Konservative und Liberale mittragen können. Und ist es schon „rechts“, wenn die Partei sich „Alternative für Deutschland“ nennt? Noch gibt es Bundestagswahlen. Und dort treten nunmal deutsche Parteien an.
Wenn die neue Partei es schafft, in wenigen Monaten nicht nur das für den Wahlkampf nötige Geld, die nötigen Köpfe (vielleicht auch weibliche und jüngere?) und die Stimmen zu organisieren, die sie braucht, um zur Wahl zugelassen zu werden, wird die Bundestagswahl 2013 spannend.
Und wenn sie nur dazu dient, der FDP einen Tritt in den Hintern zu versetzen, die offenbar glaubt, dass es schon reicht, wenn sie ihr Personal geordnet hat. Die großen Themen, die liberale Stimmen brauchen, zu denen neben der Eurokrise auch das „Energiewende“-Chaos gehört, hat sie anderen überlassen – zum Beispiel der neuen Partei, die sich schon deshalb als „Alternative“ anpreisen darf. Wie nennt man das noch, wenn jemand aus Angst vor dem Tod Selbstmord begeht?

Mittwoch, 13. März 2013

So macht Journalismus Spaß!

Es ist immer wieder lustig, die Berichterstattung über Angelegenheiten zu lesen, die man selbst beobachtet hat. Der junge Mann, der für das Wallstreetjournal über die erste Veranstaltung der neugegründeten „Alternative für Deutschland“ berichtete, hat mir viel Vergnügen bereitet. Dass er noch einigermaßen jung ist, weiß ich aus eigener Anschauung. Die Frage des Alters ist hier wichtig, wie man bald sehen wird…
Erste Beobachtung von Christian, wie ich ihn mal nennen will: auf die AFD „trifft zu“, was Lenin über deutsche Revolutionäre sagte: bevor sie den Bahnhof stürmen, kaufen sie eine Bahnsteigkarte. „Trifft zu“? Von Revolution war bei dieser Versammlung nicht die Rede, soweit ich es mitgekriegt habe.
Doch was ist es anders als eine Revolution, wenn die Alternativler „die Verhältnisse in Europa auf den Kopf stellen“ wollen, insistiert mein Gewährsmann? Das wäre es womöglich, wenn sie das denn wollten. Aber soweit ich das verstanden habe, wollen sie die Verhältnisse in Europa ganz konservativ in Ordnung bringen: wo Rechtsbruch herrscht (Bruch der Maastricht-Verträge), soll wieder Rechtsstaatlichkeit einkehren.
Aber das hätte dem Kollegen ja den Gag verhagelt: denn siehe da, die Anhänger der Alternative (Anhänger? War da nicht auch bloßes Publikum dabei sowie jede Menge JournalistInnen?) kommen „wenig umstürzlerisch daher“. Klar. Wenn sie doch gar keine Umstürzler sind?
Nun gut. Die wenig umstürzlerischen Revolutionäre mit den grauen Schöpfen waren in der Mehrheit. Kommen wir zum Frauenanteil der Versammlung. Der war nicht nur schmal, er wurde überdies von „Gattinnen“ gebildet. Hat der Kollege etwa alle Frauen auf ihre Gattinnenhaftigkeit überprüft? Das wäre bei 1200 Anwesenden eine steile Leistung. Und was soll der Terminus „Gattin“ signalisieren? Dass diese Frauen weder aus eigenem Antrieb noch eigenem Interesse anwesend waren? Wenn es sich um junge Frauen gehandelt hätte, müsste man Christian wohl einen Sexisten nennen. Aber bei älteren - womöglich gar kinderlosen Rentnerinnen oder pensionierten Studienrätinnen – darf man sowas ja wohl mal sagen, oder? Die kann man doch gar nicht mehr beleidigen, gell?
Halten wir dem Berichterstatter zugute, dass der Gattinnenbegriff sich aus der Behauptung erklärt, dass es „die alte Bundesrepublik“ sei, die sich hier getroffen habe, Menschen, „die Wiederaufbau und Wirtschaftswunder selbst (sic!) erlebt haben“ und die „zurück zur D-Mark“ wollen. Klar, so Leute haben Gattinnen.
Aus eigener Anschauung möchte ich dem Befund allerdings widersprechen. Die Wi-Wi-Generation findet sich eher bei den Jahrgängen 1920 ff. Was sich in Oberursel versammelte, war, zum Teil deutlich sichtbar, eher die Alt-68er Generation. Die tatsächlich einst im Mai dazugehört haben, kennen sich aus mit Aufruhr, d. h. sie wissen oft aus eigener Erfahrung, wie öde Revolutionen sind und wie schön ein respektabler Rechtsstaat sein kann.
Aber macht nix, der Punkt ist gesetzt: alte Säcke, keine schönen Piratinnen dabei, und rückwärtsgewandte Nostalgie: D-Mark! Das riecht nicht gut.
Und dann auch noch dieses: Im Saal wird gebuht, als „eine Unterstützerin aus England“ (Gattin? Von wem?) (oder gibt es „Gattinnen“ nur bei diesen reaktionären Deutschen?), als also eine Dame den Namen „Alternative für Europa“ vorschlägt, weil, so unser Beobachter, das „Deutschland“ im Namen die Initiative in die rechte Ecke stellen könnte. Das aber schert die Graubeschopften mit ihren Gattinnen nicht. Wehret den Anfängen?
Ehrlich gesagt: ich hatte das Gefühl, dass der eine oder andere Unmutslaut eher damit zu tun hatte, dass die Partei zu den Wahlen zum deutschen Bundestag antreten will und nicht zur Europawahl und dass es daher zunächst um eine Alternative „für Deutschland“ gehen muss, auch wenn die sich auf Europa segensreich auswirken könnte. Aber lassen wir das.
Denn dass die Sorge, „die falschen Leute“ anzuziehen, nicht unberechtigt sei, meint unser Beobachter, zeige sich am Ende der Veranstaltung. Da versuchte sich „die NPD als Trittbrettfahrerin“ und verteilte „Flyer in Form von wertlosen Euro-Scheinen“.
Ach, Christian. Wenn Du wüsstest, was für irrsinnige Flugblätter schon bei Versammlungen von SPD und Grünen verteilt wurden! Aber das weiß man vielleicht nicht, wenn man noch jung ist.
Ja, schon schade, dass die AFD so wenig hübsche junge Frauen zu bieten hat. Aber es war irgendwie beruhigend, dass keine Männer in Sandalen anwesend waren. Soweit ich das beobachten konnte.