Sonntag, 29. Januar 2012

Die neue Geschlechterdebatte - das ewige Wehklagen.

„Ein Mann, eine Frau, eine Bar. Es könnte alles so einfach sein. Ist es aber nicht. Es fehlt: der Kuss. Schuld ist: der Mann.“ (Jenny Friedrich-Freksa)

Männer und Frauen sind nicht füreinander geschaffen. Als ob sich das noch nicht herumgesprochen hätte, geht alle Jahre wieder ein Schmerzensschrei durch die Lande, so auch heute. Die Männer seien „verkopft, gehemmt, unsicher, nervös, ängstlich, melancholisch und ratlos“, also Stoßlüfter und Weichspüler, sagt die eine. Zu sensibel, zu nachdenklich, zu lieb, und damit unsexy. „’Vielleicht bin ich beziehungsunfähig?’, fragt der junge Mann entschuldigend.“ (Nina Pauer, Die Schmerzensmänner, Zeit v. 6. 1.)
Die optimierte Frau, eine Art „Indiana Jones mit einem iPhone“, ist selbst dran schuld, wenn die Männer schlapp machen, meint der andere. Jahrelang hat sie an ihm herumgemäkelt und nach dem einfühlsamen Softie verlangt, ihm also gar keine Chance gegeben, den starken Helden zu spielen, den sie neuerdings gern hätte. (Christian Scheuermann, Lieber nicht, Spiegel 3/2012).
Das Ergebnis dieser unermüdlichen Arbeit am Mann? Nette junge Männer mit Bart, lieb, aber unentschlossen. Diagnose: Bindungsangst. Superwoman, patent, aber ungeküsst, die schließlich in die Arme des älteren Herrn sinkt, der Macho genug ist, um zu wissen, wann man zugreift. Diagnose: falsches Männerbild.
Ansonsten bleiben alle Fragen offen. Ist es die Freiheit, die dem Glück im Wege steht, die Freiheit in der globalisierten Welt, aus einer unendlichen Vielzahl von Möglichkeiten zu wählen, weshalb er sich nicht entscheiden kann? Weiß frau nicht, was sie will, ist es die uneingestandene Sehnsucht nach dem starken Mann, die sie so unzufrieden sein lässt? Sind es die modernen Verhältnisse, die beide nicht zueinanderkommen lassen, die Reduktion sozialer Kontakte auf SMS und Mail und Facebook-Freundschaft? Die psychische Verrohung durch Markt und Kapitalismus, die alles zur Ware machen, auch unser Heiligstes, die Liebe? Gute Konjunktur also für Beziehungsratgeber und Rollendeuter, die sich über den bindungsängstlichen Mann („genetisch bedingt“) beugen, vorsichtshalber schon mal „Trennungskompetenz“ einüben lassen und ansonsten empfehlen, die Ansprüche nicht zu hoch zu schrauben. Als ob das weiterhilft.

Man könnte auf die Idee kommen, dass an der Problemlage nichts neu ist, seit sich das romantische Ideal der Liebesheirat durchgesetzt hat, also vor vielleicht 200 Jahren. Dass das Elend damals angefangen hat, die überhöhten Ansprüche des Mannes an die Tugend der Frau, und die der Frau an die Gefühle des Mannes. Und doch: etwas klingt anders. Vielleicht, weil die Voraussetzungen für das Gelingen einer Beziehung so günstig sind wie nie? Nina Pauer jedenfalls, Journalistin (Jahrgang 1982), findet, dass nichts gegen „das moderne Beziehungsideal“ spricht, „die frei gewählte, auf romantischen Gefühlen basierende, aber in der Form reziproke Partnerschaft“, seit die „romantische Vollverblendung“ ebenso passé sei wie „die rein zweckrationale Eheschließung.“
Damit müsste sich doch etwas anfangen lassen! Warum also klappt es nicht? Warum scheitern so viele Beziehungen, bevor sie überhaupt entstehen? Weil Männer bindungsunfähig sind und Frauen eine schwere Kindheit hatten? Oder hat das alles mit individuellen Dispositionen oder der angeblich neuen Unübersichtlichkeit nichts zu tun, ist alles eine Frage der economy, stupid? Haben sich womöglich Bindungen wie Ehe und Familie erledigt, weil es keine handfeste Notwendigkeit mehr dafür gibt?
Tatsächlich: ob die Zeit wirklich reif ist für die Partnerschaft halbwegs Gleichaltriger „auf Augenhöhe“, ist keineswegs ausgemacht. Gewiss wäre es beruhigend, wenn sich die Sache mit der romantischen Verblendung namens Liebe mal langsam erledigt hätte. Sie ist und bleibt die schmalste Basis für das, was sich offenbar noch immer viele Menschen wünschen: Für eine Beziehung, vielleicht nicht ein Leben, aber einen guten Lebensabschnitt lang. Schon deshalb kam es unseren Altvorderen übrigens vermessen vor, ein so umfassendes Projekt wie Ehe und Familie auf ein bloßes Gefühl zu gründen. Die Leidenschaft verglüht erfahrungsgemäß nach ein, zwei Jahren, und was ist mit dem Rest der Zeit? Ein „Rest“, der sich dank steigender Lebenserwartung enorm verlängert hat, wer heute früh freit, kann siebzig Jahre oder länger zusammenbleiben. Solche Ehen brauchen ein anderes Fundament als Sex, Liebe, Leidenschaft. Etwas weit Ordinäreres. Resignation und Gewohnheit, etwa, im schlechteren Fall. Freundschaft, wenn es gut geht.
Die romantische Liebe ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts, eine Wahnvorstellung, wie manch abgeklärter Zeitgenosse nicht ganz zu Unrecht vermutete. Das jedenfalls ist die Botschaft, die man der tragischen Geschichte von Emma Bovary entnehmen kann. Flauberts Romanfigur hat die falschen Bücher gelesen und deshalb an die Liebe geglaubt – die große, überströmende, alles umfassende Leidenschaft samt heiligem Schauer und religiöser Entrückung. Das kann ja nicht gut gehen! In der Tat. Es endete mit Arsen.
Dem Pragmatiker ist Emma Bovary ein hirnloses Opfer ihrer Gefühle. Gewiss, die Ehe mit einem biederen Landarzt ist vielleicht nicht die Erfüllung aller weiblichen Träume und es schadet nicht, auch mal nach einer Alternative zu schauen. Aber muss man sich in falsch verstandenem Liebeswahn den ganz und gar falschen Mann an den Hals werfen? Wo bleibt da der Verstand?
Verstand? Da lächelt der Romantiker. Geht nicht das Trachten und Sinnen aller romantisch Liebenden genau dahin, in einem einzigen ekstatischen Moment alles auszuschalten, was der bedingungslosen Leidenschaft im Wege steht, vor allem Vernunft und Kalkül? Herrliche, selbstvergessene Hingabe, rückhaltlose Aufgabe, flutende Empfindungen, Ozeanisches, Unendliches. Ungesundes.
Denn bitter ist, wenn diese Hingabe nicht auf Gegenliebe stößt. Dann ist die Kränkung tief, fühlt sich die hoffnungslos Liebende in ihrer ganzen Person entwertet – statt dankbar zu sein für die Rettung aus dem Wahn, auf ein uferloses Gefühl eine Welt gründen zu können.
Tatsächlich: Es spricht viel dafür, dass Bindung ein anderes Fundament braucht. Die Ehe, eine Institution, die sich erst ab dem frühen Mittelalter europaweit durchsetzte, war lange Zeit eine stabile und verlässliche Basis, zu stabil für alle, die sie als Zwangskorsett empfanden. Sie ist keine Erfindung der Kirche und schon gar nicht Folge von Liebe, die jedoch ebensowenig ausgeschlossen war. Ehe als Institut entsprach den Interessen von Adel und Bauerntum, war dort wichtig, wo es ein Erbe zusammenzuhalten galt, galt also nicht dem individuellen Glück des Paares, sondern dem Erhalt und dem Fortkommen der Familie. Und so kamen die Paare zusammen: im völlig zweckrationalen Geist des Familieninteresses.
Da nicht alle Eltern Unmenschen gewesen sein dürften, hatte eine geschickte Ehepolitik gewiss auch das künftige Wohl der zu Verheiratenden im Sinn, dort jedenfalls, wo man zusammen lebte und arbeitete. Das Brautpaar sollte zusammen passen, wofür das gemeinsame Interesse am Familienwohl keine schlechte Basis war. Den Frauen kam insofern das schlechtere Teil zu, als sie nicht selten im Kindbett starben, schon deshalb war der heilige Bund der Ehe nicht für die Ewigkeit. Doch nicht nur in der Landwirtschaft verbot sich die schlechte Behandlung der Gattin, die im elementaren Sinne Hausherrin war, von deren Fleiß und praktischem Geschick die Existenz abhing. Ein Narr der Mann, der das nicht begriff.
Waren das Zwangsheiraten? Sicherlich oft. Doch das Drama von Romeo und Julia, die einer Familienfehde wegen nicht zusammenkommen durften, war schon zu Shakespeares Zeiten großes Kino, also kein Spiegel der Wirklichkeit. Man kann jedenfalls nicht davon ausgehen, dass das eheliche Glück ausgeschlossen war, als man noch nicht auf die romantische Liebe setzte und auf die freie, voraussetzungslose Entscheidung ungebundener Individuen. Und die pragmatische Sicht auf das Fundament der Beziehung war zwar nicht sonderlich romantisch, aber – siehe nicht nur Emma Bovary - überlebensnotwendig.
Warum wollten Männer im Mittelalter heiraten, und warum wollen sie es heute nicht mehr? Ein Mann ersehnte im Mittelalter die Ehe nicht des Geschlechtsverkehrs wegen, der war auch anders zu haben, sondern weil nur, wer verheiratet war, einen Hausstand gründen und ein vollgültiges Mitglied der Gemeinschaft werden konnte. Im mittelalterlichen Europa waren die ungebundenen jungen Männer Explosivstoff, also all jene, die nicht, als Erstgeborener, das Erbe antreten durften oder zum Klerus gehen mussten. In Konkurrenz um die wenigen verfügbaren Erbinnen pflegten sie einander im beständigen Streit zu dezimieren – was nüchternen Zeitgenossen immer noch günstiger erschien als die Alternative. Die kannte man bereits: marodierende Gruppen frustrierter Mannen, die, von überschüssigem Testosteron und der Ziellosigkeit ihrer Existenz getrieben, ganze Landstriche terrorisierten.
Und die Frauen? Einigen von ihnen dürfte das klösterliche Leben erfüllender vorgekommen sein als die Aufgabe, einen Erben zu produzieren. Doch all die anderen Damen waren sicher nicht weniger machtbewusst als die Männer. Von der Arbeit und der guten Haushaltsführung der Frauen hing viel ab – manchmal alles. Das wussten beide Seiten.
Ökonomie und gesellschaftliche Strukturen gaben Rollen vor, in denen man gefangen war. Einerseits. Die, andererseits, dem Leben Sinn verliehen. Viele moderne Klagen hören sich an, als ob ziellose Individuen schlicht nichts mit sich anzufangen wüssten.
Dabei entscheiden sich auch die modernen Einzelgänger, so behaupten jedenfalls die Soziologen, keineswegs ohne jene Faktoren zu beachten, die unter unfreieren Bedingungen ihre Rolle spielten. Man heiratet auch heute nicht selten innerhalb des eigenen Milieus, wenn nicht gleich des Standes. Und wenig bindet stärker als gemeinsame Interessen. Dass aus einer Ehe, die Projektcharakter hat, auf lange Sicht und wenn man Glück hat, enge Freundschaft wird, weil die Leidenschaft irgendwann verglüht, ist nicht das Schlechteste, was man ihr nachsagen könnte.
Und deshalb, ganz ketzerisch gefragt: Warum eigentlich soll, obzwar Menschen doch auch rationale Wesen sind, ausgerechnet eine so weitreichende Entscheidung wie eine Bindung an einen anderen Menschen nicht dem Kalkül unterliegen? Vielleicht ist es der Mythos der von allen rationalen Erwägungen freien Wahl, der heute die Kluft zwischen den Wünschen von Männern und Frauen so weit aufgerissen hat. Vielleicht ist es die Vorstellung, es gehe hier wie nirgendwo sonst im Leben um eine rein individuelle und von nichts und niemandem beeinflusste Entscheidung, die sie so schwer macht. Vielleicht haben gleichaltrige Männer und Frauen schlicht und ergreifend unterschiedliche Interessen, die beide ihre Berechtigung haben. Vielleicht passen sie wirklich nicht zusammen.
Wozu braucht ein Mann heute eine Frau? Zu Goethes Zeiten hatte dessen Frau Christiane alle Hände voll damit zu tun, den Haushalt so zu organisieren, dass der Hausherr zu jeder Jahreszeit seinen Wein und seinen Schinken vorfand, was ausgefeilte Logistik, penible Vorratshaltung und saubere Buchführung voraussetzte. Heute gibt es Restaurants und Supermärkte, Frittenbuden und Tiefkühlkost, und der Mann von Welt schafft es sogar, für sich und seine Angebetete Erlesenes zu kochen, wenn es denn der Verführung dient. Ansonsten nimmt er seinen Drink auch gern allein.
Und die Frau? Kann alles allein, kann alles selbst, mittlerweile zu ihrem Leidwesen. Hat einmal zu oft geschnöselt, als ihr jemand die Tür aufhalten oder ihr aus dem Mantel helfen, ihren Koffer tragen oder das Kaminholz hacken wollte. Zeigt ihm, dass sie ihn nicht braucht, den Mann, der sie auch nicht braucht. In diesem luftleeren Raum hat in der Tat höchstens die Emotion Platz – aber warum gleich für eine kleine Ewigkeit, auf die sie nicht angelegt ist?
Der Kinder wegen?
Nun, heutzutage höchstens des einen Kindes wegen. Wenn es schon keine ökonomischen oder gesellschaftlichen Zwänge zum Heiraten gibt, so gilt das erst recht fürs Kinderkriegen. Seit man sich für (oder gegen) Kinder entscheiden kann, ist es eine Sache der Emotion (oder der Hormone) geworden. Kalt kalkuliert: auch Kinder werden nicht gebraucht.
In früheren, härteren Zeiten waren sie als Arbeitskräfte nötig – oder als Erben und Nachfolger, die ihren Altvorderen das Altenteil zu sichern hatten. Das war einmal, als es noch kein Versicherungssystem gab, das die Altersversorgung vom eigenen Nachwuchs unabhängig machte. Die Frage, wer, wenn nicht der Nachwuchs, uns mal die Rente erarbeiten soll, ist falsch gestellt: Das tut jeder, der in die Rentenkasse einzahlt, egal, wie jung oder wie alt er ist. Und dass die Menschheit ausstirbt, wenn sich niemand mehr findet, der sich fortpflanzt, ist zwar ein gutes Argument und völlig richtig, aber sicher nicht das Motiv, das Mann und Frau in die Betten lockt.
Der Zwang der wechselseitigen Abhängigkeit mag ein guter Beziehungskitt sein - für das Verhältnis zwischen den Generationen stimmt das übrigens nicht. Das hat sich dank des abstrakten Rentenprinzips sogar ungemein verbessert, ja: hat das Gefühl plötzlich eine neue Chance erhalten.
Dass die Rentenkassen Nachwuchs brauchen, ist ein schwaches Argument für ein Kind. Im deutschen Umlagesystem braucht es eine vernünftige Relation zwischen Rentenbeziehern und Beitragszahlern, egal, wie alt die sind. Die Verlängerung des Renteneintrittsalters und der verstärkte Zugriff auf die früher oft ungenutzte Ressource der Frauen erfüllen den gleichen Zweck.
Doch damit verstärkt sich nur das Dilemma. Frauen (und Männer) wollen Kinder, auch wenn sie nicht benötigt werden. Frauen aber müssen sich den „Kinderwunsch“ erfüllen, wenn lebensgeschichtlich gerade anderes ansteht, wenn sie sich mit voller Kraft in den Beruf oder gar die Karriere stürzen: weil, wie es so unschön heißt, „die biologische Uhr tickt.“
Die tickt natürlich nicht. Aber trotz aller medizinischen Fortschritte gilt noch immer, dass das günstigstes Lebensalter fürs Kinderkriegen bei Frauen unter dem 35. Lebensjahr liegt. Just dann, wenn der gleichaltrige Mann sich noch nicht sicher ist. Ob er will. Und wenn ja, wann. Und vielleicht doch noch nicht jetzt, Liebling?
Doch wer zu lange zögert, hat verloren. Und jetzt erweist sich die Überlegenheit eines Paarungsmodells, das keineswegs neu ist, aber aktuell zu sein scheint: „Auf lange Sicht ist der alternde Bohemien (...) der Profiteur der Schluffi-Krise“ (Christoph Scheuermann).
Erfolgreiche junge Frauen heiraten ältere Männer und machen, den starken Silberrücken hinter sich wissend, Karriere – man denke an Michelle Müntefering oder Doris Schröder-Köpf. Und wer weiß, was wir von Maike, der Frau von Altbundeskanzler Helmut Kohl, zu erwarten haben. Junge Männer stehen während dessen melancholisch an der Theke, sehen zu und scheinen darauf zu warten, dass sie endlich alt genug sind, um es ihrerseits mit der Partnerschaft (mit einer jüngeren Frau) zu versuchen.
Ja, natürlich, bei solchen Ehen zwischen Jung und Alt wird auch Liebe im Spiel sein. Doch man bedenke ebenso die vielen rein pragmatischen Gründe für den älteren Herrn an ihrer Seite: Der hat seine Karriere oft schon hinter sich, stört also nicht bei der eigenen, sondern befördert sie sogar. Gegen Nachwuchs hat er erst recht nichts einzuwenden: Vaterschaft im Opaalter schmeichelt schließlich der eigenen Potenz.
Dagegen haben fusselbärtige Gitarrespieler a la „Ich möchte lieber nicht“ oder „Ich kann mich noch nicht binden“ keine Chance. Doch womöglich vermissen sie noch nicht einmal etwas. Denn es gibt ja noch die älteren Frauen. Die sind beruflich erfolgreich, können für ihre Drinks selbst zahlen und haben das Kinderkriegen entweder hinter sich oder hatten es nie vor. Haben dafür aber noch immer Freude am Mann, manchmal sogar an melancholischen Pulloverträgern, die Mädchenmusik mögen.
Was soll man da sagen?
Nur Mut.
In: NZZ, 26. Januar 2012

Montag, 2. Januar 2012

Unsere ethischen Eliten

Lasst sie doch, die Briten, Franzosen, Griechen. Lasst ihnen ihre kleinlichen nationalen Rachegefühle und ihre altbackene Bilderwelt, in der stets Deutsche im Stechschritt marschieren, wenn eine deutsche Regierung mal unvorsichtigerweise tut, was ihnen nicht gefällt. Das ist ihr Problem. Kurioser ist, dass man in Deutschland stets schuldbewusst zusammenzuckt, wenn die anderen mit nationalen Vorurteilen kommen – gern auch vorauseilend.
Warum eigentlich? Die Höflichkeit gebietet schließlich, zwischen Volk und Regierung zu unterscheiden. Bei Diktaturen fällt das leicht. In Demokratien sollte es noch leichter fallen, schließlich kann man hier ziemlich präzise angeben, wer „schuld“ ist an der jeweiligen Regierung: Selten auch nur die Mehrheit der Wahlberechtigten, da die Zahl der Nichtwähler in allen Demokratien eine relevante Größe ist.
Also nur Mut, liebe Deutsche! Ihr seid nicht an allem Unglück der Welt schuld. Noch nicht einmal dem Herrn Hitler habt ihr eine Mehrheit geschenkt, jedenfalls nicht, so lange es noch freie Wahlen gab. (Wem gefühlte Mehrheiten nicht ausreichen: Reichstagswahlen 6. November 1932: 33, 1% der abgegebenen Stimmen für die NSDAP.) Es war Hindenburg, der Hitler zum Reichskanzler machte – und dem Ermächtigungsgesetz am 24. März 1933 stimmte nicht das Volk, sondern die im Reichstag noch vertretenen Parteien zu (mit Ausnahme der SPD). Also das, was man die bürgerliche Elite nennt.
Nicht, dass diese Erkenntnis das Volk von allen Dummheiten freispräche. Aber es spricht dafür, die Gegenwartsanalyse von historischen Analogien zu befreien. Mit alten Vokabeln neue Gefahren zu erfassen, führt auf die falsche Spur. Der militante Islam ist kein Islamo-Faschismus, das ist richtig, was ihn deshalb nicht gleich zu einem teetrinkenden Kuscheltier macht. Und den Euro, die EU und Europa sollte man nicht für eine alte Agenda missbrauchen, an die sich vor allem hierzulande der links und gut denkende Mensch zu klammern pflegt: die Welt vor den Deutschen und die Deutschen vor sich selbst zu schützen, also Deutschland „einzubinden“, indem man es möglichst schwächt, wirtschaftlich wie politisch, bis es endlich verschwunden ist, aufgegangen in einem höheren und edleren Gemeinwesen namens Europa.
Doch was als Garant des Friedens gedacht war, zeigt derzeit vor allem seine zerstörerische Seite: Der Euro zwingt zusammen, was nicht zusammenpasst, und zieht die „Idee“ von Europa gleich mit hinunter in den Morast von Misstrauen und Neid. Wenn man das Volk fragte, bekäme Euro-Europa derzeit keine Mehrheit.
Ach, das Volk. Das viel gescholtene, dem keiner traut, obzwar alle Naselang die Rede davon ist, dass es mehr entscheiden und häufiger partizipieren soll. In Deutschland hat das Misstrauen gegen den großen Lümmel sogar Verfassungsrang. Bekanntlich wird nur die Hälfte aller Abgeordneten direkt gewählt, die andere Hälfte kommt über die Listen der Parteien ins Parlament, und es entspricht der Natur der Sache, dass listentauglich ist, wer sich parteikonform gibt. Die Parteien genießen gerade in Deutschland mehr Macht, als ihnen (und den Wählern) gut tut. Auch zeigt die Stärke der Nichtwähler, dass die Gewählten über eine eher schwache Legitimität verfügen: bezieht man die Wahlergebnisse jeweils auf alle Wahlberechtigten, fußt die schwarzgelbe Koalition lediglich auf knapp 34 % Wählerzustimmung.
Und das Parlament? In der Debatte um die Staatsschuldenkrise schien der deutsche Bundestag gewillt, auf Souveränitätsrechte wie die Selbstbestimmung über das nationale Budget zu verzichten. Und noch heute sind gewählte Abgeordnete eine Antwort auf die Frage schuldig geblieben, warum die Bundesbürger nichtgewählten Institutionen wie einer Zentralbank mehr Vertrauen schenken sollten.
Nein, das deutsche Wahlvolk hat hierzulande ganz und gar keine Gelegenheit, sein womöglich furchterregendes Potential auch auszuüben. Es überlässt seit Beginn der Bundesrepublik Deutschland mehr und mehr wesentliche Entscheidungen den Eliten – zumindest, wenn sie in der roten Robe der Bundesverfassungsrichter daherkommen. Wollte man mit Lehren aus der Geschichte argumentieren, so wäre just davor zu warnen: waren es nicht bürgerliche Eliten, die die Welt und Deutschland an Hitler ausgeliefert haben?
Aber lassen wir das Spiel mit den historischen Analogien. Interessanter ist die Frage, warum der Ruf nach den „weisen Eliten“ wieder lauter wird. Von den Klimarettern kennt man das schon. Dort ist man seit langem der Meinung, dem Wahlvolk sei nicht zuzutrauen, auch mal über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, weshalb Klimafragen zu Menschheitsfragen erklärt werden müssten, über die eine „ethische Elite“ wacht. Wer das sein soll? Ach, das findet sich schon. Meistens bescheinigt sich die Elite ja selbst jene Weisheit und Ethik, an die der Rest der Welt glauben soll, wie man in jeder Talkshow besichtigen kann, in denen Heiner Geissler oder Helmut Schmidt das Sagen haben. Erkenntnis ist hier selten zu erwarten.
Nein, wir haben nicht zu viel Demokratie hierzulande. Weshalb man dennoch an ihr manchmal verzweifeln möchte, liegt an dem, was ihren Charme ausmacht. Ein Diktator kann befehlen. In der Demokratie muss das Wahlvolk überredet werden, entweder charmiert und hofiert oder belogen und hinters Licht geführt. Die Überredungskunst, die sich materieller Mittel bedient, mag dabei auf lange Sicht noch am unschädlichsten sein, obwohl sie an der Wurzel der Staatsschuldenkrise liegt. Das Wohlstandsversprechen, das Parteien relevanten Wählergruppen machen, trägt ja nur zum Schuldenberg bei, mehr nicht. Und dagegen helfen schließlich Steuererhöhungen, oder?
Schlimmer sind jene historischen Analogien, vor denen Jan-Werner Müller zu Recht warnt: Saddam Hussein? Ein neuer Adolf Hitler. Intervention im Kosovo? Um ein neues Auschwitz zu verhindern. Gewiss: Diktatoren befehlen ihre Untertanen ins Feuer. In einer Demokratie aber kann den militärischen Einsatz der eigenen Bürger nur zweierlei rechtfertigen: Selbstverteidigung und Menschheitsfeind. Überredungskunst und Manipulation sind Geschwister.
Das Dringlichkeitspathos in der Euro-Debatte ist von dieser Art. Nein, Europa geht nicht unter, wenn der Euro nicht überlebt. Und Deutschland ist nicht der Vergangenheit wegen in der Pflicht. Um verbale Abrüstung wird gebeten. Und, in der Tat, um eine neue Debatte über das Volk, seine Eliten und die Demokratie.
In: Die Welt, 2. Januar 2012

Freitag, 23. Dezember 2011

Wir leben in interessanten Zeiten

„Mögest du in interessanten Zeiten leben“, lautet ein chinesischer Wunsch, den man auch als Verwünschung lesen kann: Denn interessant sind Zeiten, in denen sich etwas bewegt, die gewohnte Ordnung durcheinander gerät, manchmal krisenhaft, manchmal katastrophal. In denen sich ein Fenster öffnet, durch das der Wind bläst. Das kann kalt werden. Aber kann es nicht auch erfrischend sein?
So kann man das Jahr 2011 betrachten – mit gemischten Gefühlen also. Über das Wetter kann man sich dabei am wenigsten beklagen, wenn man vom verregneten Sommer absieht: Nach einem langen, harten Winter kam der Frühling mit Macht und Sonne, der Herbst hatte einen langen Abgang, strahlend und warm. Bei den deutschen Winzern gilt 2011 jetzt schon als ein Spitzenjahr.
Halten wir uns also an den Wein. Denn alles andere ist ungewiss: ob 2011 als Jahr der Demokratie in die Geschichte eingeht. Als Jahr Europas. Als Jahr der Energiewende. Hofft der Optimist. Oder als Jahr der engstirnigen Sorte des Islamismus, des Scheiterns Europas, der Krise von Politik und Demokratie. Fürchtet der Pessimist.
Denn schon der Blick auf das, was vom arabischen Frühling übriggeblieben ist, relativiert manche Hoffnung. Nach all den teils blutigen Aufständen gegen diktatorische Willkür in Tunesien, Ägypten, Libyen, wird dort nicht das Reich der Freiheit anbrechen, wie viele im Westen geglaubt haben. Die freien Wahlen in Ägypten haben islamistische Kräfte an die Macht gebracht, in Tunesien sieht es ähnlich aus. Und in Afghanistan kehren die Taliban zurück.
Immerhin leidet die Welt heute unter drei Diktatoren weniger. Sagt der Optimist.
Stimmt, seufzt sein Antipode, aber wir wissen nicht, was schlimmer ist. Ein Operettendiktator oder vorsintflutliche Fanatiker.
Vielleicht macht man sich hierzulande ja Illusionen über das, was andere Völker wünschen und wollen. Und vielleicht macht man sich ebenso viele Illusionen über die eigenen Wertvorstellungen. Denn auch Deutschland hat sich nicht gerade als Vorkämpfer für Demokratie und Menschenrechte profiliert. Während der Libyen-Intervention der Bündnispartner etwa war man mit der eigenen Befindlichkeit beschäftigt und nicht mit Wohl und Wehe der Demokratie andernorts. Wohl und Wehe anderer Völker und Länder waren uns vielmehr, um es deutlich zu sagen, ganz und gar schnuppe. Wir hatten Angst. German Angst. Vor einem havarierten Atommeiler in Japan.
Ja und, fragt der Optimist. Manchmal ist Angst ein guter Ratgeber. Und ohne die japanische Atomkatastrophe hätte die Energiewende noch ewig auf sich warten lassen, also ist doch was Gutes dabei herausgekommen?
Vielleicht, sagt der Pessimist. Wenn wir denn wüssten, wie das gehen soll, die Wende zu all den alternativen Energien, von denen wir längst nicht genug haben. Mal abgesehen von den Nebenwirkungen, über die wir nichts wissen. Und im übrigen, von wegen Angst als Ratgeber: wir beziehen Atomstrom heutzutage aus Tschechien und Frankreich. Wieso glauben wir eigentlich, dass die Reaktoren dort sicherer sind als unsere?
Das ist nur vorübergehend, sagt der Optimist, beschwichtigend. Wichtig ist doch, dass der erste Schritt getan ist, oder?
Angst macht egoistisch, sagt der Pessimist. Schließlich gab es in Japan keine Atomkatastrophe, also ein von Menschen verursachtes und verschuldetes Ereignis, sondern eine Naturkatastrophe. Es war ein furchtbares Erdbeben, dem Tausende von Menschen zum Opfer fielen. Und das Atomkraftwerk von Fukushima havarierte in Folge eines mächtigen Tsunami. Doch in Deutschland fürchtete man nicht etwa um Japan und die Japaner. Man bangte ausschließlich um die eigene Sicherheit.
Na und? Der Optimist. Angst macht vorsichtig. Und mit Sachen, die mit „Atom“ anfangen, haben wir keine guten Erfahrungen. Sicher, der Kalte Krieg ist seit zwanzig Jahren vorbei – aber wir erinnern uns noch daran, wie damals jeder kleine Funke den Weltenbrand hätte auslösen können. Der atomare Schlagabtausch hätte sich über unseren Köpfen abgespielt. Und das ist uns eingebrannt. Atomkraft, nein danke.
Gut, sagt der Pessimist. Jede Nation hat so ihre Traumata. Aber wo bleibt die Vernunft bei soviel Gefühl? War das wirklich nötig, dass die Bundeskanzlerin der öffentlichen Panik und dem gefühlten Volkswillen nachgab und ohne Rücksicht auf Gesetzeslage deutsche Atomkraftwerke abschalten ließ, als ob sie durch einen Tsunami in Japan weniger sicher geworden wären? Nur, weil Landtagswahlen in Baden-Württemberg anstanden, die uns im übrigen keinen Wahlsieg der CDU, sondern den ersten grünen Ministerpräsidenten beschert haben? War das wirklich späte Einsicht? Oder schlicht und ergreifend Opportunismus?
Der Optimist findet, der Zweck habe in diesem Fall die Mittel geheiligt.
Der Pessimist fürchtet um Rechts- und Vertragssicherheit, um Regel- und Verfahrenstreue, um die Geschäftsgrundlage auch der wirtschaftlichen Stärke des Landes. Das unterscheidet uns von Ländern, in denen korrupte Eliten das Sagen haben. Das macht uns stark.
Sowas Seelenloses, sowas Staubtrockenes wie Regeln?
Genau das.
2011 war das Jahr der einsamen Entscheidungen einer Kanzlerin, die es mit Recht und Ordnung nicht ganz so genau zu nehmen schien. Dem Ansehen von Politik und Politikern hat das nicht gut getan, wie die Affäre um Verteidigungsminister zu Guttenberg zeigte. Als ob Plagiat, also Betrug, ein Kavaliersdelikt sei, dekretierte die Kanzlerin, sie habe ihn als Minister, nicht als Doktoranden eingestellt. Auf die Ehrlichkeit eines Regierungsmitglieds kommt es also nicht an? Eine erstaunliche Botschaft.
Was ist das für ein Land, in dem die Kanzlerin einsame Entscheidungen für „alternativlos“ erklärt? In einer Demokratie gibt es das nicht, für alles findet sich eine Alternative, womit nichts über die Weisheit dieses oder jenes Entschlusses gesagt ist. Zu Recht ist „alternativlos“ das Unwort des Jahres 2011 geworden - in einer Demokratie kann nicht par ordre de Mutti regiert werden.
Der Pessimist erklärt deshalb 2011 nicht zum Jahr der Demokratie, sondern zum Jahr ihrer Krise. Der Kampf um den Euro und die Debatte über Europa lassen postdemokratische Zustände aufscheinen.
Das ist doch übertrieben. Der Optimist.
Das ist längst eingetreten. Der Pessimist. Wir sind in Deutschland dabei, die Souveränität des Parlaments und der Nation preiszugeben. Nicht, um sie einem höheren und edleren Zweck zum Opfer zu bringen, nennen wir ihn Europa. Sondern aus Notstand, der Entscheidungsdruck erzeugt.
Und? Muss nicht wirklich endlich was geschehen? Hat die Kanzlerin nicht eh schon zu lange gezögert? Der Optimist sieht Angela Merkel schon mal als Euroretterin fürs Geschichtsbuch vor.
Gemach, sagt der Pessimist. Das Budgetrecht ist das Herzstück der Demokratie. Die Bürger haben es in die Hände frei gewählter Abgeordneter gelegt, darüber zu entscheiden, was mit ihren Steuern passiert, sie haben einen Anspruch darauf, dass mit diesem Geld auch pfleglich umgegangen wird. Sie haben das Parlament nicht dazu legitimiert, diese Entscheidungshoheit aus der Hand zu geben. Das aber geschieht im Zuge der Maßnahmen zur Rettung fallierender Staaten, erst schleichend, dann zum Galopp ansetzend. Und wird womöglich noch nicht einmal helfen.
Aber Europa! Ruft der Optimist. Wir müssen Europa retten! Die Kanzlerin vorneweg! Mit Geld und Schuldenbremse!
Ach, Europa, seufzt der Pessimist. Europa ist nicht das Problem.
Das Problem ist, dass nicht nur in Griechenland Geld ausgegeben wurde, das nicht da war. In Deutschland sieht es nicht anders aus. Trotz üppiger Steuereinnahmen hat sich das Land von Jahr zu Jahr mehr Geld geliehen, heute sitzen wir auf gut 2 Billionen Euro Staatsschulden. Auch hierzulande wurde den Bürgern ein Paradies vorgegaukelt, das auf Pump finanziert war. Wenn Deutschland sich an das hielte, was Kanzlerin Merkel von anderen europäischen Ländern verlangt, gäbe es auch bei uns Heulen und Zähneklappern.
Die Staatsschuldenkrise hat manche soziale Errungenschaft als Kulisse entlarvt. Gefühlte Notstände haben demokratische Institutionen geschwächt. Dafür sind der Klimawandel und andere Katastrophen ausgeblieben.
Der Optimist schweigt.
Hast du gehört? Fragt der Pessimist.
Der Klimawandel bleibt aus? Der Optimist, ungläubig.
Naja, nicht, wenn man alle Naselang klimaschädliche Klimakonferenzen veranstaltet, die weder Klarheit noch Entscheidungen bringen.
Also was denn nun?
Die Wahrheit ist: wir wissen es nicht. Vielleicht gibt es einen – vielleicht auch nicht. Vielleicht ist er menschengemacht – vielleicht auch nicht. Vielleicht kann man was gegen ihn tun – aber es sieht nicht danach aus. Es bleibt wie das Wetter: uneindeutig.
Und das soll eine gute Botschaft sein?
Es ist jedenfalls keine schlechte. Nur: Angela Merkel wird nicht als Klimaretterin ins Geschichtsbuch eingehen, solange nicht klar ist, was genau und wie gerettet werden soll.
Als was denn dann?
Das wird das Jahr 2012 zeigen.
Gut. Und wo bleibt nun das Positive?
Ganz einfach: Nur, wer Krisen als das Ende und nicht als einen Anfang begreift, wird 2011 für ein schlechtes Jahr halten. Aber das war es nicht. Nein: Es war interessant.

Gedanken zur Zeit, NDR, 18. Dezember 2011

Montag, 12. Dezember 2011

Neues Frankfurter Deutschland

Früher wäre das ja andersherum verlaufen: das Neue Deutschland hätte sich seine Meinungen im Westen gekauft. Und wie geht das heute? Wieder andersherum?
Interessant jedenfalls die enge Verbundenheit zweier großer deutscher Zeitungen - in linken Kreisen gibt es dazu Ahs und Ohs.

Samstag, 10. Dezember 2011

To whom it concerns

Nein, liebe lustige Menschen, ich veröffentliche hier keine seitenlangen Selbstdarstellungen oder ellenlangen anderen Scheiß. Alles bitte: unterlassen. Sie haben Ihre eigene Spielwiese. Dies hier ist meine.

Montag, 5. Dezember 2011

Kleine Geschichte der Aneignung der Produktionsmittel durch den Autor nebst Überlegungen, die Zukunft betreffend.

Die Produktionsmittel in Volkes Hand? Ein Traum, der längst verblasst ist. Heute merkt das Volk noch nicht einmal mehr, wenn es über seine Produktionsmittel verfügt – jedenfalls nicht, sofern es aus Schriftstellern und anderen Worttätigen besteht. Dabei beginnt der Kampf darum bei den meisten Autoren schon in der Kindheit, wenn die Erwachsenen selbst bestimmen wollen, wann und wie lange sie vorlesen möchten. Wer sich nicht mit Dankbarkeit aufhalten will, dafür nämlich, dass sie sich überhaupt die Mühe geben, lernt selber lesen. Den nächsten Schritt bestimmt kindlicher Nachahmungstrieb: auch schreiben wollen! Nach ersten handgekrakelten Gedichten, von der Familie so wohlwollend aufgenommen wie die Blockflötensoli zu Weihnachten, strebt der künftige Autor nach Größerem: nach Verbreitung der Proben seines Könnens. Hat nicht die Lieblingstante Talent bescheinigt? Na also. Jetzt wird vervielfältigt.
So fängt’s an und so geht es weiter: von der Handschrift über das Kohlepapier über die Fotokopie zum E-Book. Es ist ein Weg der Entfesselung. Klar, dass das nicht allen gefällt.
Das E-Book, selbstgebastelt, ohne Lektorat und Korrektur, ohne Marketing und Werbung, ohne Lagerplatz, Vertrieb und Buchhandel, einfach so auf den digitalen Marktplatz gestellt, wo es für relativ wenig Geld zu haben ist, ist Verheißung und Provokation zugleich. Provokation: Da kann ja jeder kommen! Die Alteingesessenen verteidigen ihre Privilegien. Erfolgreiche Autoren verweisen auf die Schmerzen, die sie bei den Initiationsritualen der Branche erlitten haben. Über sieben Brücken mussten wir gehen, mindestens! Die Priester in den Verlagen verteidigen ihren Beruf, der im Auswählen, Verbessern, Aufbereiten bestehe, eine Qualitätskontrolle, die Autoren vor der Blamage und Leser vor schlechten Büchern schütze. Sie sehen handwerkliche Fertigkeiten entwertet, fürchten wie einst die Zünfte den Einbruch des Ungeregelten, die Konkurrenz der Anbieter billiger Ware zu Dumpingpreisen. E-Bookinisten wiederum wittern Zensur, votieren für das Niederreißen kleingeistiger Schranken, für grenzenlose Freiheit. Und nörgeln: werfen unsere Qualitätskontrolleure bei den Verlagen nicht bereits jetzt schon massenweise schlechte Bücher auf den Massenmarkt, unterstützt von Buchhändlern, die sich längst nicht mehr als Schleusenwärter verstehen, weil auch sie Umsatz brauchen?
Wie recht sie haben. Beide Seiten. Doch der Geist ist längst aus der Flasche.

Wie alles anfing? Wie viele Revolutionen: Mit einer Schreibmaschine, deren Farbband zerschlissen war, und mit abgenutztem Kohlepapier. Man kann heute jene, die vor Jahrzehnten innerer Antrieb ans Schreibwerkzeug trieb, und nicht Schule und äußere Notwendigkeit, daran erkennen, dass sie die Tastatur nicht nach dem Zehnfingersystem bearbeiten. Schließlich kam es auf den Inhalt an, nicht auf die Form. Und wenn man sich anstrengte und mit Kraft in die Tasten hieb, bekam man auch mit müdem Kohlepapier noch drei Durchschläge hin – die ersten Veröffentlichungen, für Freunde und Familie. Das Wunder ging weiter: Mit beschrifteten Matrizen, das erlaubte Verbreitung in Klassenstärke. Und im letzten Drittel der 60er Jahre konnte man mit selbst hergestellten Vorlagen sogar die Zeitung für die ganze Schule drucken lassen. Offset hieß das – und das sagt alles. Die Herren über den Bleisatz waren zu Recht upset. Noch konnten sie mit Qualität argumentieren, die allein ihr Handwerk garantiere. Aber es wetterleuchtete bereits am Horizont.
Meine Staatsexamensarbeit wurde noch als schreibmaschinengetipptes Original mit Durchschlägen eingereicht. Als Lektoratsassistentin bei der edition Suhrkamp habe ich solche Manuskripte hassen gelernt. Immerhin: wenigstens kam Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts kaum noch Handgeschriebenes auf meinen Schreibtisch. Doch vor allem Intellektuelle pflegten ihre Manuskripte als unwiderbringliche Originale und in einer Form anzulegen (einzeilig, kein Rand), die kein vernünftiges Lektorat zuließ. Vernünftig nicht nur im inhaltlichen Sinn – die handschriftlichen Verbesserungen, Einfügungen und Korrekturen mussten lesbar bleiben, und zwar für Menschen, die sich mit dem Thema nicht auskannten, für das der Suhrkamp-Autor Spezialist war. Die Manuskripte mussten nämlich im nächsten Gang „erfasst“ werden, damit sie gedruckt werden konnten.
Ein Geständnis nach all den Jahren: ich habe nie eine der Texterfasserinnen kennengelernt. Dabei glaube ich fest, dass es sich überwiegend um Frauen handelte, die in Heimarbeit eigentlich unlesbare Manuskripte in eine druckgemäße Form brachten. Und wahrscheinlich schrie ein Baby im Nebenzimmer. Oder direkt neben dem Schreibtisch. Das entschuldigt einiges, auch die oft unzählig vielen Satzfehler, die in einem weiteren Korrekturgang aufgespürt werden mussten. Und das war mein Job.

Solcherlei Erfahrungen bestärkten im Wunsch, die Produktionsmittel in die eigene Hand zu nehmen. Selbst in jenen Zeiten aber, als man sie alle in die Hände der Arbeiterklasse legen wollte, war das nicht einfach. Auch in der Alternativszene gab es Arbeitsteilung, daraus entstand eine neue Gestalt der Zeitgeschichte. Dem in Nachtschicht durchgekurbelten Flugblatt folgte die Szenezeitschrift und die Renaissance der Satzkunst in der Figur des Säzzers und der Säzzerin, die ihre Emanzipation vom ehrbaren und ehrpusseligen Handwerk zugleich als Sieg über den Inhalt feierten. Im Unterschied zum alten Handwerksadel kannten die Säzzer keinerlei Respekt vorm Geschriebenen. Und vor allem keinen vor ihren Erzeugern.
Rechtschreibung? „Das versteht doch jeder, egal, ob es falsch geschrieben ist.“ Wer in Sachen Grammatik und Orthografie Spießer war, musste die Beherrschung eines Ungetüms namens Composer lernen und sich nach Feierabend klammheimlich daran setzen, um Korrekturen zu tippen und in die fertige Satzvorlage zu kleben.
Composer sind ein längst vergangenes und zu Recht vergessenes Produktionsmittel, das man heute nur mit Mühe noch ergoogeln kann und dessen Umständlichkeit selbst jene Pioniere nicht ermessen können, die Frühfassungen von Word überlebt haben. Word war ein Wunder, ein Wunder an Umständlichkeit und jähen Abstürzen mit gnadenloser Textvernichtung. Und dennoch: der PC als Schreibmaschine war eine Erlösung, verglichen mit der Zeit davor.
Kein händisches copy and paste der Manuskripte auf dem Fußboden mehr. Schluss mit der Fehlerquote bei der Texterfassung. Dafür riskierte man schon mal hohe Anschaffungskosten – um festzustellen, dass man als Autor, der sein Manuskript auf Diskette einreichte, fortschrittlicher war als die Verlage. In den Lektoraten verlangte man noch nach einem ordentlichen Manuskriptausdruck. Doch auch dort lernte man schnell: welcher Autor hat schon Geld dafür gesehen, dass er den Verlagen die Texterfassung abgenommen hat, eine heute selbstverständliche Dienstleistung? Der Posten sei nicht kostenerheblich, hieß es, wenn man sich zu fragen traute. Offenbar hatte man den Texterfasserinnen zuvor Hungerlöhne gezahlt.
Dialektische Prozesse. Viele der Autoren, die mit dem PC zu arbeiten begannen, interessierte nur am Rande, dass sie mit dem neuen computergestützten Schreibwerkzeug bereits die Produktionsmittel der Zukunft zur Verfügung hatten und beschäftigten sich lieber mit der Frage, ob sich durch die vielfältigen Möglichkeiten der neuen Technik das Schreiben verändere. Die Antwort lautet, auch bei Oberkritiker Reich-Ranicki: Ja, gewiss. Selten werden Texte durch mehrfaches Überarbeiten schlechter. Am Erzählen selbst aber hat sich seit der mündlichen Überlieferung am Lagerfeuer so viel nicht geändert.
Doch das Abwälzen der Texterfassung auf den Autor hat das Tor weit geöffnet für seine Emanzipation. Selbermachen? Kein Problem. Für ein weltweit verfügbares E-Book braucht der Autor einen PC, ein Texterfassungsprogramm, ein bisschen Software, um die Textmasse in eine taugliche Form zu bringen, eine ISDN-Nummer, einen Breitbandanschluss und einen Amazon-Account. Dazu das Übliche: eine Idee, einen Plot, eine gute Geschichte. Talent hilft auch.
Gewiss, jene Qualitätskontrolle durch Verlag und Buchhandel fällt weg, auf die sich beide gern berufen. Doch für Autoren, die durch den Verzicht auf einen Verlag keinen Verlust erleiden, weil sie dort ein gründliches Lektorat, Werbemaßnahmen oder gar einen Vorschuss längst nicht mehr erwarten können, und die auch dem Buchhandel keine Rücksicht entgegenbringen müssen, weil der ihn ignoriert – für all die ist das digitale Veröffentlichen eine Chance.
Muss man sich also vor einer Flut miserabler Selbstverwirklichungsprosa fürchten? Nicht mehr als heute schon. Auch im Netz entscheidet der Markt. Werden die wahren Perlen der Dichtkunst im Brackwasser des digitalen Tümpels untergehen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Dort wird man sie womöglich eher finden als im stationären Buchhandel, der mit seinem geringen Raum auf Bestseller setzen muss, will er Umsatz machen.
Doch gemach – wenigstens in Deutschland ist die Welt noch in Ordnung. Noch müssen sich hierzulande die Verlage keine Sorgen darüber machen, dass ihnen die Autoren weglaufen, denn die sind treu. Noch zehrt diese Beziehung von der Aura, die „das Buch“ hat, das in einem renommierten Verlag erschienen ist, „ein zertifiziertes Siegel für wertvollen Inhalt“ (Rüdiger Wischenbart). Und von der Aura des „Kleinen Buchhändlers um die Ecke“, von dem vermutet wird, dass er ungehobene Schätze bereithalte. Eine Illusion, meistens jedenfalls, denn was nicht bestsellt, überlebt heute selten länger als vier Monate in den Regalen der Buchhändler, sofern es überhaupt dorthin vorgedrungen ist.
In Deutschland wird der Abschied von Verlag und Buchhandel so bald nicht stattfinden. Noch verdrängt man den Trend, den die USA vorgeben – schließlich ist auch die Zahl der mit einem E-Book-Reader ausgestatteten Leser noch klein. Doch durch das E-Book ist der Buchmarkt global geworden und es sind gerade die Kernkunden des Geschäfts, die gut ausgebildeten, gut verdienenden, oft älteren Kulturbeflissenen, die sich zunutzemachen, dass beim E-Book auch der Preis global geworden ist, und die zum englischen Original greifen, wenn die deutsche Übersetzung ihnen zu teuer ist.
Amerikanische Autoren wiederum haben erkannt, dass der deutschsprachige Buchmarkt, immerhin der drittgrößte weltweit, beweglichen Geistern Chancen bietet. Warum nicht die eigenen Werke selbst ins Deutsche übersetzen lassen und fürs Kindle anbieten? Ob sie davon profitieren, weiß man nicht. Gewiss aber profitieren die Leser.
Noch sind in Deutschland Verlage und Buchhandel die Bremser und die Autoren zeigen sich wenig wagemutig. Darauf, dass das so bleibt, sollte man nicht setzen. Ob es ein neues Bündnis zwischen Verlagen und ihren „Contentproduzenten“ geben wird? Noch ist Zeit dafür. Doch eines ist gewiss: ihre Produktionsmittel wird man den Autoren nicht mehr wegnehmen können.
Literarische Welt, 3. Dezember 2011

Montag, 28. November 2011

Aufschrei der Herzen

Warum schweigen die deutschen Intellektuellen zur derzeitigen Krise und zu Europa, fragt es neuerdings wieder im Feuilleton. Weil sie den Schlachtruf aus den 80er Jahren nicht mehr hören können und, weise geworden, wissen, dass die wichtigen Debatten heute im Wirtschaftsteil der Zeitungen und nicht mehr im Kulturteil stattfinden? Schön wär’s. Denn sie reden ja. Doch den einen hört man nicht zu – etwa Botho Strauß und Peter Sloterdijk, die Kluges zu sagen haben. Die aber stehen, wie es eine TV-Moderatorin unnachahmlich formulierte, „unter konservativem Verdacht.“ Dabei lassen sie sich nur eines zuschulden kommen: Sie argumentieren zur Sache und ohne den lächerlichen Gestus der Empörung, mit dem die alten Vokabeln der Systemkritik neuerdings wieder zirkuliert werden. Ist Denken konservativ?
Offenbar. Denn was jene Intellektuellen verkünden, die das Wasser nicht halten können, zeugt von einer zutiefst gestörten Wirklichkeitswahrnehmung. Oder von ewiger Treue zu altbackenen Bildern von den „Furien des Kapitals“, der „Macht des Geldes“ oder vom „verwilderten Finanzkapitalismus“, an dessen Drähten was baumelt? Natürlich: die Marionetten der politische Klasse. „Empört euch“-Tiraden, die bei DDR-Nostalgikern wohliges Schauern auslösen dürften. Mit Analyse hat das nichts zu tun.
So betreibt man vielmehr das Spiel all jener Nebelwerfer, über die zu reden wäre, wenn nicht „Banken“ und „Märkte“ als Sündenbock zur Verfügung stünden: die Politiker. Denn die derzeitige Krise ist keine Finanz- oder Bankenkrise, sie ist im wesentlichen von politisch Handelnden verursacht, die solange Staatsschulden angehäuft haben, bis auch die geduldigsten Gläubiger Zweifel an der Zahlungswilligkeit ihrer Schuldner bekamen. Natürlich wollten sie damit nichts als sozialstaatlich Gutes tun und haben mit strahlendem Optimismus auf immerwährendes Wirtschaftswachstum gesetzt. Man kann es auch brutaler sagen: So kauft man Wählerstimmen. Und auch die besten Absichten erzielen paradoxe Wirkungen. Was für die Gegenwart gelegen kommt, ist für die Zukunft Gift.
„Die Märkte“ sind nicht die Übeltäter, sondern die Überbringer der Botschaft, das notwendige Korrektiv, das aufklärende Moment gegen eine politische Elite, die von eigener Verantwortung nichts wissen will. Weshalb es mitnichten urdemokratisch ist, wenn sich einer, wie Papandreou in Griechenland, im Notfall aufs Volk und sein salomonisches Urteil herauszureden versucht. Das war ein Fluchtversuch, sonst nichts.
Wo bleibt der zündende Gedanke? Das Professoren-Rezept, die Politiker müssten wieder „mit den Leuten reden und nicht zu ihnen“, ist von rührender Naivität. Aber solche Herzensgüte passt zum angeblichen „Linksruck“, in dem nicht ein Spürchen theoretischer Anstrengung wahrzunehmen ist. Nein, es geht wahrlich kein Ruck durchs Land, es schwappt ein unbestimmtes Gefühl hindurch, ein Schrei nach Wärme & Menschlichkeit. Links ist, wo das Herz schlägt, das empfindet man bis in die (klein-) bürgerliche Mitte so. Wir haben es mit einem Aufschrei der Herzen zu tun, dem man offenbar mit keiner „kalten“ Analyse beikommen kann.
Das aber, die kalte Analyse, wäre eigentlich das Geschäft der Intellektuellen. Oder sagen wir es freundlicher: die kühle Vernunft, die Anstrengung des Verstandes. Solcherlei intellektuelles Bemühen aber hat keine gute Presse. Argumente sind unbeliebt. Harte Fakten, kalte Zahlen, „Statistiken, die den Menschen zur Nummer machen“, zählen spätestens seit der Sarrazin-Debatte nachgerade zu den Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Politiker haben das schneller erkannt als manch anderer: heute wollen sie „die Menschen“ nicht mehr bloß „abholen“, sondern, ganz soziale Wärme, distanzlos „in den Arm nehmen“, ob die das schön finden oder nicht.
Klar: Wenn sowas links ist, muss ja alles andere rechts sein. Schon, wer sich seines Verstandes bedient und die Betroffenheitslyrik nicht mitsummt, ist demnach verdächtig. Obwohl man doch gemeinhin der Rechten nur Dumpfes unterstellt, gilt paradoxerweise zugleich die schneidende Kälte des Verstandes als obskur. Die geistige Landschaft wird damit nicht gerade bunter, denn zwischen links, wo das Herz schlägt, und rechts ist Niemandsland – leere Wüste anstelle einer belebten Landschaft, in der es einst liberale Standpunkte gab, bevor sie mit „neoliberal“ zum Synonym für „soziale Kälte“ oder „Marktradikalismus“ erklärt worden sind. Und in der „konservativ“ nicht in die rechte Schmuddelecke gehörte.
Heute wird „liberal“ nicht mehr mit den Freiheitsrechten des Individuums, sondern mit schrankenlosem, „entfesseltem“ Egoismus assoziiert, wobei der „Raubtierkapitalismus“ bereits um die Ecke lugt. Heute herrscht das Justemilieu, ein linkes Spießertum, eine Gefühlsschickeria, der es reicht, gegen Rechts „Gesicht zu zeigen“, statt sich ihres Verstandes zu bedienen.
Gewiss: Das geisterte immer schon durch deutsche Debatten, die Angst vor der Freiheit, die man von ihrem möglichen Missbrauch her diskutiert. Was sich „sozial“, „gerecht“ und „sicher“ nennt, gerät in diesen Verdacht erst gar nicht. Dabei empfinden viele Menschen als „sozial“ nur das, was ihnen nützt, auch wenn es auf Kosten anderer geht. Und manches Sicherheitsverlangen kann man auch risikoscheu und mutlos nennen.
Den Gefühlssozialismus stört das nicht. Links ist frei von Kategorien, auch der Marxschen, um die noch in der Sozialdemokratie der Weimarer Republik mit großer Gelehrsamkeit gestritten wurde. Nichts könnte den Unterschied zwischen damals und heute deutlicher machen als das Ende jener Übereinkunft, dass die linke Utopie keine Gefühlsangelegenheit sei, sondern streng wissenschaftlich begründet werden könne und auf einer Kritik des Bestehenden beruhe.
Kritik am Bestehenden? Also auch an Gefühlstatbeständen? Bloß nicht. Die Gefühlsschickeria hat das kritische Besteck beiseitegelegt. Kritik am Bestehenden endet dort, wo sie Besitzstände praktischer und moralischer Art berühren könnte.
Die Gefühlslinke ist nicht krisentauglich. Denn die heutige Lage bedarf einer kühlen Analyse. Und der Antwort auf die Frage, was übrigbleibt von einer Demokratie, die seit Jahrzehnten auf Wählerbestechung baut. Die einen haben die Schmiermittel mobilisiert, die anderen haben sie dankend angenommen. Jetzt ist die Blase geplatzt. Und selbst wenn man alle Reichen enteignen würde, bevor sie ins sichere Ausland geflohen sind: Nichts wird mehr sein wie zuvor.

Die Welt, 24. 11. 2011

Wir Untertanen.

  Reden wir mal nicht über das Versagen der Bundes- und Landesregierungen, einzelner Minister, der Frau Kanzler. Dazu ist im Grunde alles ge...