Montag, 11. Juni 2012

Zu Besuch bei den Salafisten

„Du bist ein Kinderficker, du katholische Drecksau“, schreit die ältere Frau in roten Hosen und orangenem T-Shirt, übergewichtig und unverschleiert, die mit straßen- und kneipenerprobter Stimme zwei Männern die Wahrheit verkündet: dass Muslime ganz lieb sind. Wollen nur spielen. „Vielleicht ist deine Frau ne Nutte.“ Die irgendwie autochthon oder „biodeutsch“ Aussehende scheint sich auszukennen. Die Polizei und ich schauen zu. Die Alte ist bislang die einzige Unterhaltung an diesem windigen Sonntagmittag in Köln-Deutz. Ihre kraftvolle Beleidigung von Millionen von Gläubigen nimmt keiner groß übel. Katholiken sind offenbar tolerant. Oder gehörlos. Also nicht empfänglich für den 1. Islamischen Friedenskongress. Oder verwöhnt? Denn trostloser kann der Ort für einen Friedenskongress kaum sein. Doch vielleicht passt das zum Barte des Propheten: Der Barmer Platz in Köln-Deutz, sonst Parkplatz zwischen Messe und S-Bahn, ist eine leere Staub- und Schotterwüste. Ein Drittel davon abgeteilt für die Friedenspredigt, zu der eine kleine radikale Minderheit von Muslimen, die sich nicht mehr Salafisten nennen mag, ihren Abu Hamza eingeladen haben, gebürtig Pierre Vogel. Roter Bart, joviales Kölsch, ehemaliger Boxer. Zu diesem Friedenskongress sind alle eingeladen – auch und vor allem die Ungläubigen. Und die sind tatsächlich als erstes vor Ort: Polizisten und Journalisten (selbstironisch: „Weg ins Paradies-TV“) mit schwerem Gerät. Und nun warten sie auf die Tausende begeisterter Anhänger des Propheten und seines Predigers, die da kommen sollen. Aber die lassen auf sich warten. Zeit für eine Leistungsschau der Polizei. Hinter einem Mannschaftswagen, beobachtet von einer Vollverschleierten ganz in Khaki, ziehen gefährlich gutaussehende Polizistinnen schamlos die unteren Reißverschlüsse ihrer Kampfhosen auf, um Schienenbeinschoner auf die durchtrainierten Beine zu schnallen. Entblößen nackte Arme, bevor sie die Jacke wieder über die hieb- und stichfeste Weste ziehen. Und endlich tröpfeln die ersten Gläubigen in weißen oder grauen Gewändern auf den Platz, weiße oder schwarze Käppchen auf dem Haupt, einige verhüllen den Kopf im roten oder schwarzen Palästinensertuch. Ein dürrer Jungmann, das Gesicht fast verschleiert unter dem roten Feudel, wahrscheinlich, weil ihm der Bart bislang versagt blieb, predigt mit feinem Fingerspiel vor der Tribüne, von der aus Korane verabreicht werden sollen, die niemand nachfragt. Kein Trend zum Zweitkoran unter den Anwesenden. Doch jetzt haben wenigstens die Medien etwas zu tun – unter Beobachtung, allerdings: jeder, der sich für die Veranstaltung interessiert, wird seinerseits von lieben Muslimen abgelichtet. Immerhin grinst mein persönlicher Observant, als ich zurückfotografiere. Ja, Islam ist Frieden, wie man sieht. Pro-NRW, ein kleines Trüpplein am anderen Ende des riesigen Platzes, wird von der Polizei abgeschirmt und geht bald wieder, wahrscheinlich langweilt man sich. Laut sind nur die Tierschützer, die irgendwo jenseits der S-Bahn demonstrieren. Und nur sensationslüsterne Menschen warten auf den Moment, in dem die Massen aus dem S-Bahnhof strömen und zu den tausenden Gläubigen werden, die Pierre Vogel versprochen hat. Wo bleibt der Kerl überhaupt? Warm verhüllte Damen in Schwarz oder Taubenblau, in Grüppchen, abseits der Männer, plaudern derweil gemütlich über Kinder und Küche, nur eine Biodeutsche mit weißem Kopftuch schaut unglücklich. Was sie und andere unter dem Kopftuch tragen, ist ihr Geheimnis, aber es macht einen edel gestreckten Hinterkopf a la Nofretete. Da können die Männer nicht mit, die doch, wie unser Laienprediger mit erhobenen Fingern verkündet, mit dem Kopf beten. Allerdings mit der Stirn auf dem Boden, damit da kein Missverständnis aufkommt. Um 15.13 ist immer noch nicht viel los. Doch jetzt weht eine schwarze Fahne. Jemand brüllt irgendeine Parole, die anderen brüllen zurück. Es ist verblüffend, wie wenig sich die Dramaturgie öffentlicher Bekenntnisse seit tausenden von Jahren verändert hat. Kann man dagegen nicht endlich mal was tun? Wenigstens kommt nun der Eiswagen von Pierino des Weges, per Zufall, aber ein Geschäft vermutend. Das hebt die Stimmung auf dieser freudlosen Veranstaltung. Es ist 15.22. Der wissbegierige Mensch, die Polizei und die Freunde Allahs warten geduldig. Bei der Polizei gehört das zur Grundausbildung. Bewundernswert. Den Gläubigen wiederum gibt’s der Herr im Schlafe. Nur unsereins wird ungeduldig. Kommen sie noch, die Massen? Wird er den Frieden verkünden, der Pierre? Und warum wird der kleine Haufen von „Pro NRW“ als rechtsextrem und gefährlich beobachtet, die etwas größere Gefolgschaft des Pierre Vogel aber lediglich als „islamistisch“ aufgefasst? Trotz des Messerangriffs auf Polizisten in Bonn vor einigen Wochen? Nun, Rechtsextremimus, nehme ich mal an, ist eine Spezialität von „Biodeutschen“, das ist bei denen ja sozusagen genetisch verankert. Mitsamt der „Islamophobie“ – also einer „krankhaften Angst“ vorm Islam. So ein Salafist aber ist ganz entspannt einfach nur reaktionär. Um viertel vor vier, endlich, tut sich was auf der Bühne. Das Vorprogramm beginnt, obwohl die Massen noch immer nicht strömen. Der Mann da vorne auf der Bühne wärmt schon mal an für Pierre Vogel und versichert, dass der Islam der Frieden und die Lösung aller Probleme ist und auf jede Frage eine Antwort hat. Zum Beispiel auf die Bankenkrise: im Bankensystem der Muslime gibt es keinen Wucher. Ein Tip für Occupy! Überhaupt: Die Worte des Predigers enthüllen seine Sache als überaus kompatibel mit extrem links wie äußerst rechts. Neuerdings mischt dort ein Veteran der antiimperialistischen Szene mit, schreibt der Spiegel. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/islamisten-prediger-vogel-in-koeln-zurueck-im-schafspelz-a-837947.html Passt schon. Der radikale Islam frauenfeindlich? Ach was! Die Frau steht dreimal über dem Mann – sofern sie Mutter ist, sagt unser Gewährsmann. Das erklärt wohl die erfreuliche Geburtenrate. Und was ist mit Friedrichs, unserem Innenminister? Der ist ein christlicher Fundamentalist. Und gibt es nicht Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche? Auch für Anhänger von Gleichheit und Gerechtigkeit hat die Lehre eine zündende Idee: schaffen wir die Konkurrenz zwischen den Frauen ab, indem wir sie verhüllen! So sieht niemand, „was sie haben, was sie besitzen“. Ja, denke ich, da ist was dran. Das spart viel Geld. Und hat sich schon bei der Schuluniform bewährt. Doch je länger ich den Männern und Frauen da unten auf dem Platz zusehe, desto stärker fällt mir auf, dass die Kölner Polizei auch in Uniform noch verdächtig gut aussieht. Und dass die Alte in den roten Hosen nur etwas grob zusammengefasst hat, was hier ein wenig feiner artikuliert wird. Katholiken sind Kinderficker. Und Allah ist groß. Jetzt, endlich, um 16 Uhr, Pierre Vogel, eingeflogen aus Ägypten. Er begrüßt seine Anhänger. Er begrüßt seine Feinde. Von beiden Sorten sind noch immer nur ein paar Hanseln da. Der Rest wartet wohl vernünftigerweise auf das Fussballspiel, das in ein paar Stunden beginnt. Der Blick auf die Bühne zeigt überzeugend, dass Islam Frieden ist. Dass man keine Angst haben muss. Dass Islam – Alahu akbar! – Barmherzigkeit ist. Warmherzigkeit. Liebe. Toleranz! Denn wer stürmt herbei? Willi Herren, der den Pierre kennt, gut kennt, der Pierre ist ein herzensguter Mensch, sagt der Willi, also der Olli aus der Lindenstraße, der mit dem „Lied der Schlümpfe“, da muss man keine Angst vor haben. Und Religion findet der Willi gut. Geht schließlich beinahe einmal im Monat in den Dom, ja? Spätestens da hätte man den Pierre gern gefragt, ob es denn erlaubt ist, dass der Willi in so eine K...f...kirche geht. Aber Pierre Vogel verkündet, dass soeben zwei der Anwesenden dem Islam beigetreten sind. Ganz einfach und unbürokratisch. Alahu akbar. Die Stimmung steigt, einer brüllt, die anderen brüllen zurück, strecken den Arm hoch, mit ausgestrecktem Finger. Bei wem ist die Macht? Bei Allah. Wir Gläubigen sind die mächtigsten Menschen der Welt. Im Hintergrund hupen die Tierschützer. Ich gehe. Die Welt, 11. Juni 2012

Kommentare:

  1. Was soll denn eigetnlich immer dieses "autochthon oder 'biodeutsch'"? Sagen Sie doch einfach "Arier" oder "rassedeutsch", denn das ist doch offensichtlich das Gemeinte und dann weiß auch jeder, worum es geht. Immer diese Wortspielchen...

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    1. Antwort an "Anonym" 11. Juni 2012 11:07:

      Die "Nazikeule" mal wieder. Es gibt nun einmal unterschiedliche Ethnien. Es gibt z.B. in Belgien zwei autochtone Völker, Flamen und Wallonen (d.h. eigentlich drei, wenn man die kleine deutsche Minderheit in Eupen-Malmedy dazurechnet).

      In Sri Lanka gibt es Tamilen und Singhalesen (und die kleine Urbevölkerung, die Wedda). In Japan gibt es außer den Japanern eine koreanische Minderheit sowie die Ainu-Urbevölkerung.

      Und auch die Siebenbürger Sachsen in Rumänien sind, trotz fast 700-jähriger Siedlungsgeschichte in Rumänien, niemals zu "Bio-Rumänen" geworden, weshalb Deutschland den Siebenbürger Sachsen als Aussiedler bzw. Rücksiedler so unterschiedliche Charaktere wie den Kabarettisten Hagen Rether, die Schriftstellerin Herta Müller oder den Rockmusiker Peter Maffay verdanken.

      In Deutschland gibt als autochthone Völker neben den Deutschen z.B. die dänische Minderheit in Nordschleswig, die Sorben in der Lausitz usw.

      Alles "Nazis"?

      Oder wie?

      Und übrigens: Auch in den USA kennt man das Phänomen der "unmeltable ethnics".

      Googeln Sie mal: "Unmeltable Ethnics".

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  2. Das schöne Wort "biodeutsch" stammt nicht von mir. ich muss die Erfinder mal fragen, ob sie damit "Arier" meinen.

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