Mittwoch, 24. Dezember 2014

Populisten, Pöbel und Politiker

Reden wir mal nicht vom „Wutbürger“, von „Nazis in Nadelstreifen“, von kindlichen Gemütern, die Rattenfängern nachlaufen, welche dumpfe und krude Thesen verbreiten, von Ängstlichen und Verwirrten, von den Populisten und dem Pöbel. Reden wir statt dessen von pöbelnden Politikern. Vom Wutpolitiker.
Was sich da in den letzten Tagen über fast 20 000 unter der ungewöhnlichen Parole „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ demonstrierende Menschen in Dresden ergießt, Menschen, von denen man im Einzelnen gar nichts weiß, könnte man, wenn man pathetisch wäre, den Untergang politischer Gesprächskultur in diesem Lande nennen. Hier wird nämlich nicht mehr gesprochen, sondern nur noch gespuckt und gespien – was man offenbar darf, wenn es sich um Nazis handelt, weshalb es sich empfiehlt, die zu maßregelnden Bürger vorwegnehmend gleich als solche anzusprechen.

Ganz altertümlich gesagt: das gehört sich nicht. Es beendet jede Diskussion. Und wenn man sich fragt, was SPD-Genossen wie Thomas Oppermann und Ralf Jäger reitet – ganz zu schweigen von Finanzminister Schäuble, der den politischen Gegner zur „Schande für Deutschland“ erklärt – dann liegt die Antwort womöglich genau hier: man will die Diskussion gar nicht erst zulassen.

Das gilt auch für jene, die sich verständnisvoll herabbeugen wollen zum dummen Volk, dem man dieses oder jenes einfach besser erklären müsse. Denn auch sie schweigen von den eigenen Versäumnisse, über die das dumme Volk längst belehrt ist, sie sind ja nicht zu übersehen: Wenn Zuwanderung eine Bereicherung sein soll, muss das Einwanderungsland sie steuern können. Zu einem Einwanderungsgesetz aber hat man sich bislang nicht durchringen können. Dass integrationsunwillige Gemeinschaften mit zunehmender Anspruchshaltung keine Bereicherung sind, kann man schwerlich leugnen. Und dass es einheimische Gemeinden gibt, die gern Flüchtlingen in Not helfen wollen, aber nur zehn unterbringen möchten, weil fünfzig sie überfordern würden, weist ebenfalls nicht auf Ausländerfeindlichkeit verstockter Einheimischer hin, sondern womöglich nur auf eine realistische Einschätzung der Lage. Der moralische Appell an angeblich ausländerfeindliche Deutsche verdeckt im übrigen, dass wir von einer vernünftigen gesamteuropäischen Handhabung des Flüchtlingsproblems weit entfernt sind.

Auch das Argument, in Dresden gäbe es doch kaum Muslime, warum man sich also vor einer Islamisierung fürchte, unterstellt, dass der Normalbürger nicht über den Tellerrand hinausschauen kann. Hat nicht auch Angela Merkel erst durch eine Erdbebenkatastrophe im fernen Japan gelernt, sich vor Atomkraft zu ängstigen?

Wer den Vormarsch islamistischer Fanatiker zur Kenntnis nimmt, kann kaum anders als Furcht empfinden: vor Terroristen, die im Namen ihrer Religion Kinder massakrieren, Geiseln enthaupten, Frauen steinigen, und das auch noch gern vor laufender Videokamera. Und sollte nicht auch der sich fürchten dürfen, der es unerträglich findet, wenn auf deutschen Straßen muslimische Demonstranten antisemitische Parolen grölen? Ich gestehe, dass mich das weit mehr abstößt als die paar Ultrarechten, die in Dresden mitlaufen mögen.

Dass hier „Ängste“ eine Rolle spielen, gern auch diffuse, ist keine Frage: doch sind sie nicht sonst stets willkommen? Vorm Klimawandel darf man sich fürchten, ja, man muss es sogar, sonst gibt es keine Rechtfertigung für die enormen Kosten der verfehlten deutschen Energiepolitik. Auch vorm Atom, vor dem Kapitalismus, vor den Finanzmärkten darf man Angst haben - solange die Teilnehmer etwa an „Occupy“ jung sind und moralisch überlegen auftreten, gelten sie als mutige Widerständler. Was aber sind die Mittelbürger auf Dresdens Straßen? Klar: rückwärtsgewandte Dummköpfe.

Das Vertrauen in Politik und Medien ist nicht erst seit gestern erschüttert und die „Alternative für Deutschland“ ist nicht vom Himmel gefallen, ebenso wenig die Niederlage der FDP: auch hier hat die Behauptung, wer Argumente gegen den Euro vortrage, votiere gegen „Europa“, zum Ende der Diskussion geführt, jedenfalls im Bundestag. Das ist autoritäre Konsensdemokratie, die zum Widerstand geradezu herausfordert.

Und im übrigen: die ärgsten Populisten sind jene „Volksparteien“, die große Mehrheiten brauchen, also viele Wähler, bei denen sie sich populär machen müssen – mit teuren Wahlgeschenken.

Eines scheint gewiss: Der Trick hat sich verbraucht, alles unter Naziverdacht zu stellen, was vom Parteienkonsens abweicht. Der Bürger hat das Spiel durchschaut: es ist ein Ablenkungsmanöver.

NDR Info, Die Meinung, 21. Dezember 2014

Donnerstag, 6. November 2014

Nebelwerfer 8: Nachhaltiger Nachhall

Halten zu Gnaden! Der nachhaltige Missbrauch der deutschen Sprache könnte nachhaltig missmutig machen. Müßig, denn das aktuelle Wieselwort ist nicht aufzuhalten, auch wenn man ganz und gar nichts davon hält. Niemand scheint sie davon abzuhalten, die Menschen und Marken, Produzenten und Politiker, Werber und Beworbene, alles, was ihnen gut und edel dünkt, mit dem Markenabzeichen „nachhaltig“ zu versehen. Der nachhaltige Wortmissbrauch tarnt sich naturschützerisch: Seit „Mein Freund, der Baum“ denken offenbar alle guten Menschen an den Wald, wenn es ums richtige Leben im Falschen geht.
Das Wort der Stunde kommt nämlich aus der Forstwirtschaft. Dort waltet der Waldvogt nach der Devise: man soll nicht mehr Bäume schlagen, als nachwachsen, wenn man langfristig Gewinn erwirtschaften will. Das ist nichts anderes als gut kalkuliert, aber deshalb noch lange kein Grund dafür, dass plötzlich alle so reden, als ob sie im Wald stünden. Niemand vermag für jeden Obstsalat ein Apfelbäumchen pflanzen. Mal abgesehen davon, dass das Waldsterben seit dem Ende der Segelschiffahrt, also seit fast zweihundert Jahren, vorbei ist.
Der Charme des Wortes könnte auch ganz woanders liegen. Klingt „nachhaltig“ nicht erstaunlich ähnlich wie jenes „Maul halten“, das heutige Lehrer ihren Schülern nicht mehr zurufen dürfen, obwohl sie im Unterricht anhaltend stören? Wer von sich behauptet, „nachhaltig“ zu leben, trägt oft die Strenge des Wortes im Gesicht. Das mag vom nachhaltigen Nachdenken herrühren: forstwirtschaftlich sinnvoll wäre, auf die Menschheit bezogen, die Geburten- an die Sterberate zu koppeln. Da mag sich dann jeder selbst ausrechnen, inwieweit seine Existenz mit dem Gebot des Ressourcensparens zusammengeht. Früher ableben? Freiwillige vor!
Nachhaltig ist das neue Bio oder Öko oder Logo. Auf der Zunge zergehen lassen kann man sich das nicht. An so einem Brocken muss man kauen. Langfristig, fortgesetzt und entschieden.*

*Synonyme für „nachhaltig“ aus dem Duden

Montag, 3. November 2014

Der Ton der siebziger Jahre

Am Tag nach dem Ende des Krieges kam die Rache in Gestalt der Geschundenen und Entrechteten aus dem Zwangsarbeiterlager der Nazis nahe dem österreichischen Zinkenbach. Sie jagten die deutsche Familie davon. Und wie sie rannten, der sechsjährige Henning, sein jüngerer Cousin, die Mutter, die Tante. Rannten barfuß Richtung Norden, vier Monate lang, bettelten und stahlen, schufteten für dünne Wassersuppen und lernten die hässlichen Deutschen kennen: vollgefressene Bauern ohne Mitgefühl. Das vergisst einer nie, dieses Fette, Wurstige, wenn er sich einmal von Gras hat ernähren müssen. Der vergisst auch nicht, dass die Amerikaner so etwas Sinnloses weil Unnahrhaftes wie Kaugummi erfunden haben. Und der weiß fürs Leben: "Meide den deutschen Bauernhof! Es sei denn, du besitzt eine Schusswaffe oder ein bisschen Familienschmuck.“

Was Henning gelernt hat, vergisst Venske nimmermehr. Wenn man die ersten Seiten des 441 Seiten starken Buchs gelesen hat, das Henning Venske "Biografie“ nennt, dann glaubt man, ihn zu verstehen: ein barfüßiger Flüchtlingsjunge besitzt gar nichts mehr, außer ein paar gewonnenen Überzeugungen, das ist portable Heimat, die gibt er nie mehr her. Und noch etwas glaubt man zu verstehen: dass so einer immer irgendwie auf der Flucht ist.
Henning Venske, geboren 1939 in Stettin, war in seinem Leben vieles, Schauspieler, Regisseur, Moderator, Autor, einer von der "Sesamstraße“, Macher bei "Pardon“ und Kabarettist bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Vor allem aber war er immer er selbst, kenntlich am scharfen Ton des Besserwissers, der schnellfeuermäßig alles Übel der (westlichen) Welt herunterbeten kann, aber treuherzig versichert, das Ministerium für Staatssicherheit der DDR sei gegründet worden ist, um alte Nazis zu jagen.

Das ist der Ton der siebziger Jahre. Wer dabei mit dem Kopf nicken möchte, wird in Venskes Philippika gut bedient; wer die Wirklichkeit im Buch nicht wiederfindet, kann sich damit trösten, ein zeithistorisches Werk in Händen zu halten: ja, so haben viele damals geglaubt. Dass die Deutschen wurstfressende Scheusale sind, immer noch halbe Nazis, dass Adenauerdeutschland prä- oder proto- oder sonstwie faschistisch war und dass es der 68er bedurfte, um die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Dass die DDR dann doch irgendwie das bessere Deutschland war, dass die Amerikaner dumm und gefährlich sind, und dass die Russen ihre Kinder lieb haben.

Dabei wäre über Henning Venske so viel mehr zu sagen, wenn man es nicht ihm selbst überlassen hätte. Die Schulzeit: wer will das alles wissen? Dass er in der Schule fast gescheitert wäre, lag natürlich an „unfähigen präpotenten Arschlöchern“, vulgo: Pädagogen. Geschenkt. Die Zeiten als Schauspieler und Regieassistent bei Boleslaw Barlog oder Fritz Kortner: lieblos heruntererzählt. Die Kollegen: alle ganz wunderbar, bis auf Lilo Pulver, die Venske für einen Kommunisten hielt, womit sie nicht ganz falsch lag. Erheiternd allerdings, wie Venske mit Samuel Beckett gegen den Beckett-Versteher Bernhard und Größtmimen Minetti konspirierte.

Die Bilanz: „Einmal durchs Abitur gefallen, Studium abgebrochen, Schauspielschule abgebrochen, (...) Schillertheater abgebrochen, Thalia Theater abgebrochen, Fernsehansage abgebrochen.“ Man musste Henning Venske nicht rausschmeißen, er ging meistens selbst – immer nach ein bisschen Krawall und mit dem Trotz eines wütenden Kindes. Dabei hätte das Größe haben können: hier geht ein Unbeugsamer. Aber es ging immer auch ein Unbelehrbarer, der sich, trotz Geldnot, auf 250 000 DM für einen Fernsehwerbespot nicht einlassen konnte – nicht des Inhalts wegen (es ging um ein Rasierwasser), sondern weil er 300 000 Mark wollte.
Und doch ging es immer irgendwie weiter. Venske moderierte „Musik aus Studio B“, eine Schlagersendung, die er öffentlich "eine Sendung für Blöde“ nannte. Er wurde fristlos gefeuert. Seine nicht gerade unzutreffende Kritik an den aufgeblasenen Apparaten der öffentlich-rechtlichen Hörfunkanstalten trug ihm Haus- und Mikrofonverbote hier und dort ein – allerdings nahm man ihm damals auch linke Sottisen übel, für die man heute das Bundesverdienstkreuz bekäme.

Seine acht Jahre bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft ist dem deutschen Kabarett nicht gut bekommen. Aus dem fünften und letzten Programm mit Dieter Hildebrandt 1990 zitiert Venske mit Genugtuung die „düstere Erkenntnis“: „Wenn die Wiedervereinigung vollzogen ist, dann steht fest: der Zweite Weltkrieg wurde vergeblich geführt, und wenn die Mauer ganz und gar verschwunden ist, dann ist auch das letzte Zeichen für den verlorenen Krieg verschwunden.“ Keine Ahnung von Geschichte haben und die deutsche Teilung für die „Strafe“ für Auschwitz halten – das ist O-Ton linker Salon. Wenn man es küchenpsychologisch sieht: da ist er wieder, der kleine Henning, der einen Grund für seinen Hunger sucht.

Henning Venske biografisches Werk leidet nicht unter Komplexität, vieles wird humorlos abgehakt, ausgefeilte Prosa sucht der Leser vergebens. Kein einziges der alten programmatischen Gepäckstücke wird im Laufe der Erzählung abgelegt, Selbsterkenntnis oder gar –kritik ist nicht die Sache des Autors. Doch, einmal blitzt etwas auf, als es um den Tod seiner beiden einst drogenabhängigen Kinder Nicolaus und Louise geht, womöglich in Spätfolge. Hat das vielleicht doch mit ihm zu tun, mit seinem eigenen Shitkonsum, den er, wie er sagt, romantisch verklärt habe und der ihm „schwarze Melancholie“ eingebrockt hat?
Das ist der Moment, wo man den 75jährigen Venske schütteln und an den sechsjährigen Henning erinnern möchte, an ein Kind, das man heute traumatisiert nennen würde. Manchmal werden aus solchen Kindern tieftraurige Erwachsene.

Über Henning Venske, Es war mir ein Vergnügen. Eine Biographie, 441 Seiten, Westend Verlag Frankfurt am Main 2014, in: FAZ,25. Oktober 2014

Sonntag, 7. September 2014

Der kleine Aktivist - Nebelwerfer 6

Aktiv ist attraktiv. Ein Mittel gegen den unwirschen Darm heißt deshalb Aktivkohle, Putzmittel wirken aktiv gegen Schmutz, Senioren sind nicht nur vital, sondern auch rundum aktiv, und wer es besonders gut meint, wird proaktiv tätig, agiert also, bevor er aktiv wird, was eigentlich doppelt gemoppelt ist, aber egal: doppelt hält besser.
Wenn aktiv was Gutes ist, muss ein Aktivist ja wohl ein besonders Guter sein. Der legendäre Adolf Hennecke war so einer, ein Bergmann, der am 13. Oktober 1948 im Karl-Liebknecht-Schacht 24,4 Kubikmeter Kohle schlug und damit das Soll mit 387 Prozent übererfüllte. Dafür erhielt der Genosse 1,5 Kilogramm Fettzulage, drei Schachteln Zigaretten, eine Flasche Branntwein, 50 Mark Geldprämie sowie einen Blumenstrauß des Kollektivs. Seinetwegen gab es in der DDR hinfort an jedem 13. Oktober einen „Tag der Aktivisten“, was die anderen Malocher allerdings nicht so spaßig fanden. Merke: aktiv ist nicht immer attraktiv. Als Aktivist galt übrigens nach 1945 auch ein Mitläufer der Nazis. Bewegung ist nicht alles.
Gut, das ist Geschichte. Heute ist ein Aktivist rundum prima. Man muss sich nur bekennen oder engagieren oder etwas aufzeigen oder den Finger in die Wunde legen, dagegen sein oder dafür sein und deswegen auf die Straße gehen – schon ist man einer. Als „Greenpeace-Aktivist“ gehört man zum Adel des Aktivistentums, edler sogar als ein „Aktiver“ im Fußballverein und nicht zu vergleichen mit der „Aktiven“, die unsere ungesunden Vorfahren rauchten.
Neuerdings ist jeder ein „Aktivist“, der irgendetwas tut, und taucht in den Nachrichten als wichtiger Akteur der Weltgeschichte auf, auch wenn nicht jeder den Nutzen von attac oder Peta einzusehen vermag. Dann schon lieber Cannabis-Aktivismus.
Zum Nebelwerfer wird der Aktivist, wenn man in den Nachrichtenredaktionen Terrorismus nicht mehr von anderen Freizeitaktivitäten unterscheiden kann. Das wäre ein Anlass, darüber nachzudenken, ob das Gute nicht auch das ist, was man lässt.

In: Schweizer Monat, September 2014

Sonntag, 3. August 2014

Warum der Westen gewinnt und doch verliert

Dass man gewinnen und doch verlieren kann, erleben westliche Demokratien seit Jahrzehnten. Insofern ist die Prognose nicht sonderlich gewagt, dass Israel im Schlagabtausch mit der Hamas auf militärischer Ebene allein nicht siegen wird. Das folgt aus dem, was man „asymmetrische Kriegsführung“ nennt: keine reguläre Streitkraft behauptet sich auf Dauer in einem Partisanenkrieg ohne entsetzliche Menschenopfer. Denn es liegt in der Logik des Guerillakrieges, die Logik der staatlichen Streitkräfte außer Kraft zu setzen, die auf der strikten Trennung zwischen kämpfenden Truppen und Zivilbevölkerung beruht. Partisanen aber bewegen sich, wie Mao einst predigte, im Volk wie ein Fisch im Wasser. Wer sie schlagen will, schlägt also stets das Volk. Dagegen ist jede reguläre Armee hilflos. Sie verliert immer auch moralisch, und das ist heutzutage die Münze, in der vor der Weltöffentlichkeit bezahlt wird.
Dass das Volk es nicht groß mitkriegt, wenn seine Armeen sich bekämpfen, wie es der alte Fritz einmal formulierte, verdankt es dem Gewaltmonopol des Staates, das Selbstjustiz und Stammesfehden ein Ende setzte. Nur der „Kombattant“, der an seiner Uniform erkennbare Soldat, galt in regulären Schlachten als legitimes Ziel. Man schoss nicht auf Zivilisten. Entpuppten sich Zivilpersonen jedoch als Angreifer, mussten sie nicht mehr verschont werden. Im Gegenteil: die Rache war meist entsetzlich. Und immer traf es am schlimmsten den Ort und die Menschen, von denen man annahm, dass sie den Partisanen Schutz gewährt hatten. Im sogenannten Volkskrieg steht das Volk zwischen zwei Feuern.
Wer sich an die Regeln hält, hat schlechte Karten, sobald die gegnerische Seite es nicht tut. In der Geschichte des Krieges war er stets besonders blutig, wenn es „asymmetrisch“ zuging, wenn also die regulären Truppen einer Staatsmacht mit dem Monopol auf Gewalt auf Gegner traf, die sich als Irreguläre verstanden: als Freiheitskämpfer gegen eben diese Staatsmacht, als Aufständische, Freischärler, Partisanen, Terroristen oder Guerilleros. Der Namen sind viele, die Opfer sind immer die gleichen: das Volk, in dessen Namen sie zu kämpfen behaupten, obzwar ihre Legitimität nur aus den Gewehrläufen kommt.
Das Volk wird selten gefragt. Denn seine Toten sind die beste Waffe.
Wir sehen es nicht nur im derzeitigen Konflikt zwischen der israelischen Armee und der Hamas: eine Armee, die versucht, sich an die Regeln zu halten, zieht den Kürzeren, wenn der Gegner sich im Schutz der Zivilbevölkerung bewegt. Jeder Angriff auf einen Feind, der seine Munitionsdepots and Abschussrampen in der unmittelbaren Nähe oder sogar in zivilen Einrichtungen unterhält, erzeugt „Kollateralschäden“ unter den Zivilisten, also nicht beabsichtigte Wirkungen, und erntet damit weltweite Empörung. Wer aber anklagend die getöteten Kinder vorzeigen kann, hat die Weltöffentlichkeit auf seiner Seite.
Jedenfalls die Öffentlichkeit jenes Teils der Welt, in dem man vom Lebensrecht jedes einzelnen Individuums ausgeht, nennen wir ihn „den Westen“. Wer indes heilige Kriege erklärt, nimmt es mit dem einzelnen Todesopfer entschieden weniger genau. Saddam Hussein verkündete einst, er könne Millionen junger Männer in die Schlacht schicken, während die westlichen Memmen, die altenrden Gesellschaften mit ihrem immer selteneren und daher kostbareren Nachwuchs um jeden einzelnen ihrer Soldaten bangten. Den gleichen Zynismus findet man bei der Hamas, die das Volk, dessen Interessen sie angeblich vertritt, zum freiwilligen Selbstopfer auf den Dächern Gazas auffordert. Denn jedes tote Kind ist in der Propagandaschlacht ein Argument – die Propaganda der Bilder ist wirksamer als der Triumph der Waffen.
Diese Bilder treffen auf „edle Seelen“, wie schon Saddam Hussein spottete, nämlich auf westliche Menschen, die sich bei jedem von israelischen Salven getroffenen Kind mitgetroffen fühlen. Israel, die einzige Demokratie im nahen Osten, die westliche Werte vertritt, unterliegt der ebenso heftigen wie ungerechten Kritik, weil es eben zu unserer Wertegemeinschaft gehört. Eine mitfühlende Öffentlichkeit versteht das zynische Kalkül der Hamas nicht, das genau darauf setzt: dass in unserem Empfinden schon ein totes Kind eines zu viel ist. Für zum Märtyrertum bereite Palästinenser aber mag das Menschenopfer als nötig empfunden werden, weil es auch gegen die stärkere Waffenkraft der Israelis von weit größerer Wirkung ist.
Bei aller Kritik, vor der man sich Israel gegenüber nicht scheuen muss: das ist das eigentliche Drama. Man verstößt unweigerlich gegen westliche Werte, wenn man sie verteidigen muss, schon, weil der Gegner dafür sorgt. Das ist das Paradox, das die westliche Welt lösen muss, wenn sie überleben will.

Die Meinung, NDR-Info, 3. August 2014

Donnerstag, 31. Juli 2014

Nebelwerfer 7: Alle für Alle!

Ein Geist weht durchs Land. Von der Arztpraxis bis zum Getränkemarkt, vom Fitnes-studio bis zum Baumarkt begrüßt uns „Ihr Team“, fröhliche, zupackende Menschen, die nur darauf warten, die Welt aus den Angeln zu heben. Teamgeist ist top. Der Kunde freut sich am offenbar guten Betriebsklima und daran, dass sich „Team“ erheblich unkomplizierter sagt als „Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“. Am Praxisteam schätzt ins-besondere der ältere Bürger, dass er sich die Namen all der vielen Arzthelferinnen nicht mehr merken muss. Und wer denkt bei Teamgeist nicht an Teen Spirit? Oder an den großen, guten Zeitgeist? Oder ans Racing Team, also an Mut, Ausdauer und Geschwindigkeit?
Und doch: könnte es sein, dass hinter der Kurzform, die lautmalerisch ein Smily ergibt, ein Missverständnis lauert?
Ein Team hält zusammen. Einer für alle, alle für einen. Genau: auch die drei Musketiere sind ein Team. Ein Team ist etwas, das auf Gedeih und Verderb zusammensteht, fürs Gute und gegen das Böse, also: gegen all die Feinde in der Welt dort draußen. Dies Bild vor Augen, könnte es einem auch gruseln, wenn einem so ein Team gegenübertritt.
Der Kunde weiß: es will nur sein Bestes, sein Geld, etwa. Die Teamster aber wissen: den Kunden führt die reine Not in den Bau- oder Getränkemarkt, denn er sieht ja, dass er bei umfangreichen Lagerarbeiten, Computerproblemen oder dringendem Gesprächs-bedarf stört. Wagt er darob aufzumucken, fliegt der Teamgeist auf und lässt ihn schnöde abfahren. Gegen ein schlagkräftiges Team sieht jeder Kunde alt aus.
Was also ist ein Team? Eine Verheißung? Eine Drohung? Oder, wie der ebenso miss-verständliche „Partner“ bei „meiner“ Versicherung, nur ein weiteres Beispiel aus dem unerschöpflichen Köcher des Nebelwerfers?
Warum wohl heißen die Sieger der Fußballweltmeisterschaft 2014 überall nicht „Team“ und schon gar nicht „Dreamteam“, sondern ohne auch nur die Andeutung eines Lächelns „Mannschaft“? Eben. Sie tun nicht als ob. Sie machen den Ball rein, das ist alles. Und mehr wollen wir auch gar nicht. Wir, ihr Zuschauerteam.



Dienstag, 29. Juli 2014

So gehn die Deutschen, die Deutschen gehen so.

Kaum ein eingefleischter Fußballfan vermochte sich zu erregen über den Berliner Triumphgesang von La Mannschaft nach dem Sieg – das Bild vom Besiegten, der geduckt vom Schlachtfeld wankt, während der Sieger strahlend die Heldenbrust zeigt, gehört zum Fanritual. Man ist dort nicht auf Feinheiten abonniert. Edlere Seelen aber erkannten im Siegestanz der Nationalelf die Demonstration deutscher Überlegenheit, ja geradezu Herrenmenschentum. Dem Land der Hunnen und Barbaren gebührt der geduckte Gang und nicht die strahlende Siegerpose. Kurz, da ist sie wieder, die ewige Frage: Wer sind sie, "die Deutschen"? Bestien oder Feierbiester?

In der angstvollen Überprüfung des Nationalcharakters schwingt die Vorstellung mit, zwei verlorene Weltkriege und die Verbrechen, die von Deutschen und in ihrem Namen unter der Hitler-Herrschaft begangen wurden, hätten etwas mit einem urdeutschen Wesen, einer Art genetischem Code zu tun. In den Siebzigerjahren forschte eine betroffene Generation der Nachgeborenen nach dem "Hitler in mir", in den Neunzigerjahren machte das Buch von Daniel Goldhagen Furore, das den Deutschen "eliminatorischen Antisemitismus" nachweisen wollte. Weniger exotisch ist die Herleitung deutscher Eigenart aus einem "Sonderweg", der das Land über viele Generationen hinweg ins Abseits geführt habe. Kein Wunder also, dass es manch einer unschicklich findet, wenn die Deutschen "unschuldig" sein wollen, und sei es nur am Ersten Weltkrieg.

Dass Christopher Clarks Buch über den Ersten Weltkrieg gerade in Deutschland ein Bestseller wurde, gibt kritischen deutschen Beobachtern denn auch zu denken. Wollen seine Leser Clarks Thesen "instrumentalisieren", wollen sie sich "entlasten"? Und steckt dahinter nicht die alte "deutsche Krankheit Selbstmitleid"? So argumentiert Andreas Wirsching, Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, in der "Süddeutschen Zeitung". Der jüngst verstorbene Historiker Hans-Ulrich Wehler sagte es deutlicher: Der Verkaufserfolg von Clarks Buch verrate "ein tief sitzendes, jetzt wieder hochgespültes apologetisches Bedürfnis, sich von jenen Schuldvorwürfen zu befreien", die seit Fritz Fischers Thesen über den deutschen "Griff nach der Weltmacht" hierzulande Konsens sind, jedenfalls in vielen Klassenzimmern und Redaktionsstuben. Auch der Historiker Heinrich August Winkler wittert bei Christopher Clark "relativierende Darstellungen" und "nationalapologetische Tendenzen", was nicht nach Lektüreempfehlung klingt.

Nicht so sehr der wissenschaftliche Wahrheitsgehalt von Clarks Studie steht also hier auf dem Prüfstand, sondern vielmehr das, was "entlastende" Darstellungen im deutschen Gemüt anrichten könnten. Gauchotänze, womöglich. Und so fordert man die Fortsetzung der deutschen Nabelschau, mit der in der Tat nicht nur Christopher Clarks Buch aufräumt, auch die großartigen Studien von Herfried Münkler, Jörg Friedrich oder Jörn Leonhard tun es, auf je unterschiedliche Weise.Hier entpuppt sich das Deutsche Reich, im Kontext betrachtet, als Schurke neben anderen; die Zocker in Frankreich, Russland, Österreich-Ungarn und England teilen sich mit ihm die Verantwortung für den millionenfachen Tod von Männern auf dem Schlachtfeld und Frauen, Alten und Kindern an der "Heimatfront". Das ist nicht erst heute Forschungsstand – allerdings vor allem außerhalb Deutschlands.

Entlastet das "die Deutschen"? Gewiss. Schließlich hatten nur wenige, die damals starben, direkte Verwandtschaftsbeziehungen zum Kaiser oder dem deutschen Generalstab. Es verblüfft, wenn ausgerechnet ein Historiker keinen Unterschied mehr macht zwischen Volk und Regierung oder Führungseliten.
Hier offenbart sich, wohl in Entgegensetzung zu einer vermuteten "Nationalapologetik", ein verklemmter "negativer Nationalismus", der an deutscher Selbstbezichtigung fest-hält, ein illiberaler Geist, dem alles suspekt ist, was den irgendwann einmal erreichten "Errungenschaften" der Erkenntnis widerspricht.
Zur Freiheit des Denkens aber gehört, dass von Überzeugungen Abschied genommen werden kann, wenn neue Evidenzen ihnen widersprechen. Wissenschaftliche Erkenntnissuche kann sich nicht davon abhängig machen, ob sich darob irgendein Mensch mit womöglich hässlicher Weltanschauung "entlastet" fühlt.

Insbesondere Wirschings Ironisierung der angeblich selbstmitleidigen deutschen Psyche, der er "Sehnsucht nach einer historisch unbelasteten, gleichsam 'unschuldigen', vielleicht bloß 'normalen'" historischen Rolle attestiert, ist nicht nur ungerecht, sie offenbart auch eine verblüffende Mitleidlosigkeit. Tatsächlich bedeutet eine "Entlastung" durch die schlichte Aussage, dass der Erste Weltkrieg eine gemeinsam herbeigeführte Tragödie war, vielen Deutschen einen lange verschütteten Zugang zu ihren Urahnen: Es erlaubt die Trauer um die Gefallenen und Gestorbenen, um Soldaten, die sich zur Verteidigung des Vaterlands ebenso selbstverständlich aufgerufen fühlten wie die Frankreichs oder Englands, weshalb sich übrigens an den Kriegsfronten keineswegs ausschließlich "nationalistischer Hass" austobte. Davon zeugen nicht zuletzt die vielen Bei-spiele von Verbrüderungen.

Warum sollte man also jenen Deutschen Erleichterung verübeln, die bislang den im Schützengraben traumatisierten Uropa für einen Kriegsverbrecher gehalten haben oder der goebbelsschen Lüge auf den Leim gingen, Adolf Hitler habe sich seinen Antisemitismus bei den Kameraden im Ersten Weltkrieg abgeguckt?
Man muss nicht noch hundert Jahre später die damalige britische Propaganda nachbeten. Lehrreich ist die heutige Debatte in Großbritannien, wo man im selbstkritischen Umgang mit der eigenen Geschichte den Deutschen in nichts nachsteht: Dort kritisieren Historiker eher linksliberalen Zuschnitts den unreflektierten Nationalismus manch britischer Zeitgenossen, die sich noch heute rühmen, man habe 1914 einen gerechten Krieg gegen Hunnen und Barbaren geführt. Die negativen Nationalisten hierzulande befinden sich also in bester nationalapologetischer Gesellschaft mit den Jingoisten jenseits des Kanals.

"Entlastung" im Blick auf den Ersten Weltkrieg ist keineswegs ein erster Schritt zu einer Relativierung deutscher Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Wenn man schon über Errungenschaften redet, dann steht doch diese nicht infrage: Wir dulden hierzulande – als Deutsche – keinen tobenden antisemitischen Mob auf den Straßen, egal, welcher Provenienz. Wer das als "Islamophobie" kritisiert, schürt sie.

Wir Untertanen.

  Reden wir mal nicht über das Versagen der Bundes- und Landesregierungen, einzelner Minister, der Frau Kanzler. Dazu ist im Grunde alles ge...