Freitag, 23. Dezember 2011

Wir leben in interessanten Zeiten

„Mögest du in interessanten Zeiten leben“, lautet ein chinesischer Wunsch, den man auch als Verwünschung lesen kann: Denn interessant sind Zeiten, in denen sich etwas bewegt, die gewohnte Ordnung durcheinander gerät, manchmal krisenhaft, manchmal katastrophal. In denen sich ein Fenster öffnet, durch das der Wind bläst. Das kann kalt werden. Aber kann es nicht auch erfrischend sein?
So kann man das Jahr 2011 betrachten – mit gemischten Gefühlen also. Über das Wetter kann man sich dabei am wenigsten beklagen, wenn man vom verregneten Sommer absieht: Nach einem langen, harten Winter kam der Frühling mit Macht und Sonne, der Herbst hatte einen langen Abgang, strahlend und warm. Bei den deutschen Winzern gilt 2011 jetzt schon als ein Spitzenjahr.
Halten wir uns also an den Wein. Denn alles andere ist ungewiss: ob 2011 als Jahr der Demokratie in die Geschichte eingeht. Als Jahr Europas. Als Jahr der Energiewende. Hofft der Optimist. Oder als Jahr der engstirnigen Sorte des Islamismus, des Scheiterns Europas, der Krise von Politik und Demokratie. Fürchtet der Pessimist.
Denn schon der Blick auf das, was vom arabischen Frühling übriggeblieben ist, relativiert manche Hoffnung. Nach all den teils blutigen Aufständen gegen diktatorische Willkür in Tunesien, Ägypten, Libyen, wird dort nicht das Reich der Freiheit anbrechen, wie viele im Westen geglaubt haben. Die freien Wahlen in Ägypten haben islamistische Kräfte an die Macht gebracht, in Tunesien sieht es ähnlich aus. Und in Afghanistan kehren die Taliban zurück.
Immerhin leidet die Welt heute unter drei Diktatoren weniger. Sagt der Optimist.
Stimmt, seufzt sein Antipode, aber wir wissen nicht, was schlimmer ist. Ein Operettendiktator oder vorsintflutliche Fanatiker.
Vielleicht macht man sich hierzulande ja Illusionen über das, was andere Völker wünschen und wollen. Und vielleicht macht man sich ebenso viele Illusionen über die eigenen Wertvorstellungen. Denn auch Deutschland hat sich nicht gerade als Vorkämpfer für Demokratie und Menschenrechte profiliert. Während der Libyen-Intervention der Bündnispartner etwa war man mit der eigenen Befindlichkeit beschäftigt und nicht mit Wohl und Wehe der Demokratie andernorts. Wohl und Wehe anderer Völker und Länder waren uns vielmehr, um es deutlich zu sagen, ganz und gar schnuppe. Wir hatten Angst. German Angst. Vor einem havarierten Atommeiler in Japan.
Ja und, fragt der Optimist. Manchmal ist Angst ein guter Ratgeber. Und ohne die japanische Atomkatastrophe hätte die Energiewende noch ewig auf sich warten lassen, also ist doch was Gutes dabei herausgekommen?
Vielleicht, sagt der Pessimist. Wenn wir denn wüssten, wie das gehen soll, die Wende zu all den alternativen Energien, von denen wir längst nicht genug haben. Mal abgesehen von den Nebenwirkungen, über die wir nichts wissen. Und im übrigen, von wegen Angst als Ratgeber: wir beziehen Atomstrom heutzutage aus Tschechien und Frankreich. Wieso glauben wir eigentlich, dass die Reaktoren dort sicherer sind als unsere?
Das ist nur vorübergehend, sagt der Optimist, beschwichtigend. Wichtig ist doch, dass der erste Schritt getan ist, oder?
Angst macht egoistisch, sagt der Pessimist. Schließlich gab es in Japan keine Atomkatastrophe, also ein von Menschen verursachtes und verschuldetes Ereignis, sondern eine Naturkatastrophe. Es war ein furchtbares Erdbeben, dem Tausende von Menschen zum Opfer fielen. Und das Atomkraftwerk von Fukushima havarierte in Folge eines mächtigen Tsunami. Doch in Deutschland fürchtete man nicht etwa um Japan und die Japaner. Man bangte ausschließlich um die eigene Sicherheit.
Na und? Der Optimist. Angst macht vorsichtig. Und mit Sachen, die mit „Atom“ anfangen, haben wir keine guten Erfahrungen. Sicher, der Kalte Krieg ist seit zwanzig Jahren vorbei – aber wir erinnern uns noch daran, wie damals jeder kleine Funke den Weltenbrand hätte auslösen können. Der atomare Schlagabtausch hätte sich über unseren Köpfen abgespielt. Und das ist uns eingebrannt. Atomkraft, nein danke.
Gut, sagt der Pessimist. Jede Nation hat so ihre Traumata. Aber wo bleibt die Vernunft bei soviel Gefühl? War das wirklich nötig, dass die Bundeskanzlerin der öffentlichen Panik und dem gefühlten Volkswillen nachgab und ohne Rücksicht auf Gesetzeslage deutsche Atomkraftwerke abschalten ließ, als ob sie durch einen Tsunami in Japan weniger sicher geworden wären? Nur, weil Landtagswahlen in Baden-Württemberg anstanden, die uns im übrigen keinen Wahlsieg der CDU, sondern den ersten grünen Ministerpräsidenten beschert haben? War das wirklich späte Einsicht? Oder schlicht und ergreifend Opportunismus?
Der Optimist findet, der Zweck habe in diesem Fall die Mittel geheiligt.
Der Pessimist fürchtet um Rechts- und Vertragssicherheit, um Regel- und Verfahrenstreue, um die Geschäftsgrundlage auch der wirtschaftlichen Stärke des Landes. Das unterscheidet uns von Ländern, in denen korrupte Eliten das Sagen haben. Das macht uns stark.
Sowas Seelenloses, sowas Staubtrockenes wie Regeln?
Genau das.
2011 war das Jahr der einsamen Entscheidungen einer Kanzlerin, die es mit Recht und Ordnung nicht ganz so genau zu nehmen schien. Dem Ansehen von Politik und Politikern hat das nicht gut getan, wie die Affäre um Verteidigungsminister zu Guttenberg zeigte. Als ob Plagiat, also Betrug, ein Kavaliersdelikt sei, dekretierte die Kanzlerin, sie habe ihn als Minister, nicht als Doktoranden eingestellt. Auf die Ehrlichkeit eines Regierungsmitglieds kommt es also nicht an? Eine erstaunliche Botschaft.
Was ist das für ein Land, in dem die Kanzlerin einsame Entscheidungen für „alternativlos“ erklärt? In einer Demokratie gibt es das nicht, für alles findet sich eine Alternative, womit nichts über die Weisheit dieses oder jenes Entschlusses gesagt ist. Zu Recht ist „alternativlos“ das Unwort des Jahres 2011 geworden - in einer Demokratie kann nicht par ordre de Mutti regiert werden.
Der Pessimist erklärt deshalb 2011 nicht zum Jahr der Demokratie, sondern zum Jahr ihrer Krise. Der Kampf um den Euro und die Debatte über Europa lassen postdemokratische Zustände aufscheinen.
Das ist doch übertrieben. Der Optimist.
Das ist längst eingetreten. Der Pessimist. Wir sind in Deutschland dabei, die Souveränität des Parlaments und der Nation preiszugeben. Nicht, um sie einem höheren und edleren Zweck zum Opfer zu bringen, nennen wir ihn Europa. Sondern aus Notstand, der Entscheidungsdruck erzeugt.
Und? Muss nicht wirklich endlich was geschehen? Hat die Kanzlerin nicht eh schon zu lange gezögert? Der Optimist sieht Angela Merkel schon mal als Euroretterin fürs Geschichtsbuch vor.
Gemach, sagt der Pessimist. Das Budgetrecht ist das Herzstück der Demokratie. Die Bürger haben es in die Hände frei gewählter Abgeordneter gelegt, darüber zu entscheiden, was mit ihren Steuern passiert, sie haben einen Anspruch darauf, dass mit diesem Geld auch pfleglich umgegangen wird. Sie haben das Parlament nicht dazu legitimiert, diese Entscheidungshoheit aus der Hand zu geben. Das aber geschieht im Zuge der Maßnahmen zur Rettung fallierender Staaten, erst schleichend, dann zum Galopp ansetzend. Und wird womöglich noch nicht einmal helfen.
Aber Europa! Ruft der Optimist. Wir müssen Europa retten! Die Kanzlerin vorneweg! Mit Geld und Schuldenbremse!
Ach, Europa, seufzt der Pessimist. Europa ist nicht das Problem.
Das Problem ist, dass nicht nur in Griechenland Geld ausgegeben wurde, das nicht da war. In Deutschland sieht es nicht anders aus. Trotz üppiger Steuereinnahmen hat sich das Land von Jahr zu Jahr mehr Geld geliehen, heute sitzen wir auf gut 2 Billionen Euro Staatsschulden. Auch hierzulande wurde den Bürgern ein Paradies vorgegaukelt, das auf Pump finanziert war. Wenn Deutschland sich an das hielte, was Kanzlerin Merkel von anderen europäischen Ländern verlangt, gäbe es auch bei uns Heulen und Zähneklappern.
Die Staatsschuldenkrise hat manche soziale Errungenschaft als Kulisse entlarvt. Gefühlte Notstände haben demokratische Institutionen geschwächt. Dafür sind der Klimawandel und andere Katastrophen ausgeblieben.
Der Optimist schweigt.
Hast du gehört? Fragt der Pessimist.
Der Klimawandel bleibt aus? Der Optimist, ungläubig.
Naja, nicht, wenn man alle Naselang klimaschädliche Klimakonferenzen veranstaltet, die weder Klarheit noch Entscheidungen bringen.
Also was denn nun?
Die Wahrheit ist: wir wissen es nicht. Vielleicht gibt es einen – vielleicht auch nicht. Vielleicht ist er menschengemacht – vielleicht auch nicht. Vielleicht kann man was gegen ihn tun – aber es sieht nicht danach aus. Es bleibt wie das Wetter: uneindeutig.
Und das soll eine gute Botschaft sein?
Es ist jedenfalls keine schlechte. Nur: Angela Merkel wird nicht als Klimaretterin ins Geschichtsbuch eingehen, solange nicht klar ist, was genau und wie gerettet werden soll.
Als was denn dann?
Das wird das Jahr 2012 zeigen.
Gut. Und wo bleibt nun das Positive?
Ganz einfach: Nur, wer Krisen als das Ende und nicht als einen Anfang begreift, wird 2011 für ein schlechtes Jahr halten. Aber das war es nicht. Nein: Es war interessant.

Gedanken zur Zeit, NDR, 18. Dezember 2011

Montag, 12. Dezember 2011

Neues Frankfurter Deutschland

Früher wäre das ja andersherum verlaufen: das Neue Deutschland hätte sich seine Meinungen im Westen gekauft. Und wie geht das heute? Wieder andersherum?
Interessant jedenfalls die enge Verbundenheit zweier großer deutscher Zeitungen - in linken Kreisen gibt es dazu Ahs und Ohs.

Samstag, 10. Dezember 2011

To whom it concerns

Nein, liebe lustige Menschen, ich veröffentliche hier keine seitenlangen Selbstdarstellungen oder ellenlangen anderen Scheiß. Alles bitte: unterlassen. Sie haben Ihre eigene Spielwiese. Dies hier ist meine.

Montag, 5. Dezember 2011

Kleine Geschichte der Aneignung der Produktionsmittel durch den Autor nebst Überlegungen, die Zukunft betreffend.

Die Produktionsmittel in Volkes Hand? Ein Traum, der längst verblasst ist. Heute merkt das Volk noch nicht einmal mehr, wenn es über seine Produktionsmittel verfügt – jedenfalls nicht, sofern es aus Schriftstellern und anderen Worttätigen besteht. Dabei beginnt der Kampf darum bei den meisten Autoren schon in der Kindheit, wenn die Erwachsenen selbst bestimmen wollen, wann und wie lange sie vorlesen möchten. Wer sich nicht mit Dankbarkeit aufhalten will, dafür nämlich, dass sie sich überhaupt die Mühe geben, lernt selber lesen. Den nächsten Schritt bestimmt kindlicher Nachahmungstrieb: auch schreiben wollen! Nach ersten handgekrakelten Gedichten, von der Familie so wohlwollend aufgenommen wie die Blockflötensoli zu Weihnachten, strebt der künftige Autor nach Größerem: nach Verbreitung der Proben seines Könnens. Hat nicht die Lieblingstante Talent bescheinigt? Na also. Jetzt wird vervielfältigt.
So fängt’s an und so geht es weiter: von der Handschrift über das Kohlepapier über die Fotokopie zum E-Book. Es ist ein Weg der Entfesselung. Klar, dass das nicht allen gefällt.
Das E-Book, selbstgebastelt, ohne Lektorat und Korrektur, ohne Marketing und Werbung, ohne Lagerplatz, Vertrieb und Buchhandel, einfach so auf den digitalen Marktplatz gestellt, wo es für relativ wenig Geld zu haben ist, ist Verheißung und Provokation zugleich. Provokation: Da kann ja jeder kommen! Die Alteingesessenen verteidigen ihre Privilegien. Erfolgreiche Autoren verweisen auf die Schmerzen, die sie bei den Initiationsritualen der Branche erlitten haben. Über sieben Brücken mussten wir gehen, mindestens! Die Priester in den Verlagen verteidigen ihren Beruf, der im Auswählen, Verbessern, Aufbereiten bestehe, eine Qualitätskontrolle, die Autoren vor der Blamage und Leser vor schlechten Büchern schütze. Sie sehen handwerkliche Fertigkeiten entwertet, fürchten wie einst die Zünfte den Einbruch des Ungeregelten, die Konkurrenz der Anbieter billiger Ware zu Dumpingpreisen. E-Bookinisten wiederum wittern Zensur, votieren für das Niederreißen kleingeistiger Schranken, für grenzenlose Freiheit. Und nörgeln: werfen unsere Qualitätskontrolleure bei den Verlagen nicht bereits jetzt schon massenweise schlechte Bücher auf den Massenmarkt, unterstützt von Buchhändlern, die sich längst nicht mehr als Schleusenwärter verstehen, weil auch sie Umsatz brauchen?
Wie recht sie haben. Beide Seiten. Doch der Geist ist längst aus der Flasche.

Wie alles anfing? Wie viele Revolutionen: Mit einer Schreibmaschine, deren Farbband zerschlissen war, und mit abgenutztem Kohlepapier. Man kann heute jene, die vor Jahrzehnten innerer Antrieb ans Schreibwerkzeug trieb, und nicht Schule und äußere Notwendigkeit, daran erkennen, dass sie die Tastatur nicht nach dem Zehnfingersystem bearbeiten. Schließlich kam es auf den Inhalt an, nicht auf die Form. Und wenn man sich anstrengte und mit Kraft in die Tasten hieb, bekam man auch mit müdem Kohlepapier noch drei Durchschläge hin – die ersten Veröffentlichungen, für Freunde und Familie. Das Wunder ging weiter: Mit beschrifteten Matrizen, das erlaubte Verbreitung in Klassenstärke. Und im letzten Drittel der 60er Jahre konnte man mit selbst hergestellten Vorlagen sogar die Zeitung für die ganze Schule drucken lassen. Offset hieß das – und das sagt alles. Die Herren über den Bleisatz waren zu Recht upset. Noch konnten sie mit Qualität argumentieren, die allein ihr Handwerk garantiere. Aber es wetterleuchtete bereits am Horizont.
Meine Staatsexamensarbeit wurde noch als schreibmaschinengetipptes Original mit Durchschlägen eingereicht. Als Lektoratsassistentin bei der edition Suhrkamp habe ich solche Manuskripte hassen gelernt. Immerhin: wenigstens kam Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts kaum noch Handgeschriebenes auf meinen Schreibtisch. Doch vor allem Intellektuelle pflegten ihre Manuskripte als unwiderbringliche Originale und in einer Form anzulegen (einzeilig, kein Rand), die kein vernünftiges Lektorat zuließ. Vernünftig nicht nur im inhaltlichen Sinn – die handschriftlichen Verbesserungen, Einfügungen und Korrekturen mussten lesbar bleiben, und zwar für Menschen, die sich mit dem Thema nicht auskannten, für das der Suhrkamp-Autor Spezialist war. Die Manuskripte mussten nämlich im nächsten Gang „erfasst“ werden, damit sie gedruckt werden konnten.
Ein Geständnis nach all den Jahren: ich habe nie eine der Texterfasserinnen kennengelernt. Dabei glaube ich fest, dass es sich überwiegend um Frauen handelte, die in Heimarbeit eigentlich unlesbare Manuskripte in eine druckgemäße Form brachten. Und wahrscheinlich schrie ein Baby im Nebenzimmer. Oder direkt neben dem Schreibtisch. Das entschuldigt einiges, auch die oft unzählig vielen Satzfehler, die in einem weiteren Korrekturgang aufgespürt werden mussten. Und das war mein Job.

Solcherlei Erfahrungen bestärkten im Wunsch, die Produktionsmittel in die eigene Hand zu nehmen. Selbst in jenen Zeiten aber, als man sie alle in die Hände der Arbeiterklasse legen wollte, war das nicht einfach. Auch in der Alternativszene gab es Arbeitsteilung, daraus entstand eine neue Gestalt der Zeitgeschichte. Dem in Nachtschicht durchgekurbelten Flugblatt folgte die Szenezeitschrift und die Renaissance der Satzkunst in der Figur des Säzzers und der Säzzerin, die ihre Emanzipation vom ehrbaren und ehrpusseligen Handwerk zugleich als Sieg über den Inhalt feierten. Im Unterschied zum alten Handwerksadel kannten die Säzzer keinerlei Respekt vorm Geschriebenen. Und vor allem keinen vor ihren Erzeugern.
Rechtschreibung? „Das versteht doch jeder, egal, ob es falsch geschrieben ist.“ Wer in Sachen Grammatik und Orthografie Spießer war, musste die Beherrschung eines Ungetüms namens Composer lernen und sich nach Feierabend klammheimlich daran setzen, um Korrekturen zu tippen und in die fertige Satzvorlage zu kleben.
Composer sind ein längst vergangenes und zu Recht vergessenes Produktionsmittel, das man heute nur mit Mühe noch ergoogeln kann und dessen Umständlichkeit selbst jene Pioniere nicht ermessen können, die Frühfassungen von Word überlebt haben. Word war ein Wunder, ein Wunder an Umständlichkeit und jähen Abstürzen mit gnadenloser Textvernichtung. Und dennoch: der PC als Schreibmaschine war eine Erlösung, verglichen mit der Zeit davor.
Kein händisches copy and paste der Manuskripte auf dem Fußboden mehr. Schluss mit der Fehlerquote bei der Texterfassung. Dafür riskierte man schon mal hohe Anschaffungskosten – um festzustellen, dass man als Autor, der sein Manuskript auf Diskette einreichte, fortschrittlicher war als die Verlage. In den Lektoraten verlangte man noch nach einem ordentlichen Manuskriptausdruck. Doch auch dort lernte man schnell: welcher Autor hat schon Geld dafür gesehen, dass er den Verlagen die Texterfassung abgenommen hat, eine heute selbstverständliche Dienstleistung? Der Posten sei nicht kostenerheblich, hieß es, wenn man sich zu fragen traute. Offenbar hatte man den Texterfasserinnen zuvor Hungerlöhne gezahlt.
Dialektische Prozesse. Viele der Autoren, die mit dem PC zu arbeiten begannen, interessierte nur am Rande, dass sie mit dem neuen computergestützten Schreibwerkzeug bereits die Produktionsmittel der Zukunft zur Verfügung hatten und beschäftigten sich lieber mit der Frage, ob sich durch die vielfältigen Möglichkeiten der neuen Technik das Schreiben verändere. Die Antwort lautet, auch bei Oberkritiker Reich-Ranicki: Ja, gewiss. Selten werden Texte durch mehrfaches Überarbeiten schlechter. Am Erzählen selbst aber hat sich seit der mündlichen Überlieferung am Lagerfeuer so viel nicht geändert.
Doch das Abwälzen der Texterfassung auf den Autor hat das Tor weit geöffnet für seine Emanzipation. Selbermachen? Kein Problem. Für ein weltweit verfügbares E-Book braucht der Autor einen PC, ein Texterfassungsprogramm, ein bisschen Software, um die Textmasse in eine taugliche Form zu bringen, eine ISDN-Nummer, einen Breitbandanschluss und einen Amazon-Account. Dazu das Übliche: eine Idee, einen Plot, eine gute Geschichte. Talent hilft auch.
Gewiss, jene Qualitätskontrolle durch Verlag und Buchhandel fällt weg, auf die sich beide gern berufen. Doch für Autoren, die durch den Verzicht auf einen Verlag keinen Verlust erleiden, weil sie dort ein gründliches Lektorat, Werbemaßnahmen oder gar einen Vorschuss längst nicht mehr erwarten können, und die auch dem Buchhandel keine Rücksicht entgegenbringen müssen, weil der ihn ignoriert – für all die ist das digitale Veröffentlichen eine Chance.
Muss man sich also vor einer Flut miserabler Selbstverwirklichungsprosa fürchten? Nicht mehr als heute schon. Auch im Netz entscheidet der Markt. Werden die wahren Perlen der Dichtkunst im Brackwasser des digitalen Tümpels untergehen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Dort wird man sie womöglich eher finden als im stationären Buchhandel, der mit seinem geringen Raum auf Bestseller setzen muss, will er Umsatz machen.
Doch gemach – wenigstens in Deutschland ist die Welt noch in Ordnung. Noch müssen sich hierzulande die Verlage keine Sorgen darüber machen, dass ihnen die Autoren weglaufen, denn die sind treu. Noch zehrt diese Beziehung von der Aura, die „das Buch“ hat, das in einem renommierten Verlag erschienen ist, „ein zertifiziertes Siegel für wertvollen Inhalt“ (Rüdiger Wischenbart). Und von der Aura des „Kleinen Buchhändlers um die Ecke“, von dem vermutet wird, dass er ungehobene Schätze bereithalte. Eine Illusion, meistens jedenfalls, denn was nicht bestsellt, überlebt heute selten länger als vier Monate in den Regalen der Buchhändler, sofern es überhaupt dorthin vorgedrungen ist.
In Deutschland wird der Abschied von Verlag und Buchhandel so bald nicht stattfinden. Noch verdrängt man den Trend, den die USA vorgeben – schließlich ist auch die Zahl der mit einem E-Book-Reader ausgestatteten Leser noch klein. Doch durch das E-Book ist der Buchmarkt global geworden und es sind gerade die Kernkunden des Geschäfts, die gut ausgebildeten, gut verdienenden, oft älteren Kulturbeflissenen, die sich zunutzemachen, dass beim E-Book auch der Preis global geworden ist, und die zum englischen Original greifen, wenn die deutsche Übersetzung ihnen zu teuer ist.
Amerikanische Autoren wiederum haben erkannt, dass der deutschsprachige Buchmarkt, immerhin der drittgrößte weltweit, beweglichen Geistern Chancen bietet. Warum nicht die eigenen Werke selbst ins Deutsche übersetzen lassen und fürs Kindle anbieten? Ob sie davon profitieren, weiß man nicht. Gewiss aber profitieren die Leser.
Noch sind in Deutschland Verlage und Buchhandel die Bremser und die Autoren zeigen sich wenig wagemutig. Darauf, dass das so bleibt, sollte man nicht setzen. Ob es ein neues Bündnis zwischen Verlagen und ihren „Contentproduzenten“ geben wird? Noch ist Zeit dafür. Doch eines ist gewiss: ihre Produktionsmittel wird man den Autoren nicht mehr wegnehmen können.
Literarische Welt, 3. Dezember 2011

Montag, 28. November 2011

Aufschrei der Herzen

Warum schweigen die deutschen Intellektuellen zur derzeitigen Krise und zu Europa, fragt es neuerdings wieder im Feuilleton. Weil sie den Schlachtruf aus den 80er Jahren nicht mehr hören können und, weise geworden, wissen, dass die wichtigen Debatten heute im Wirtschaftsteil der Zeitungen und nicht mehr im Kulturteil stattfinden? Schön wär’s. Denn sie reden ja. Doch den einen hört man nicht zu – etwa Botho Strauß und Peter Sloterdijk, die Kluges zu sagen haben. Die aber stehen, wie es eine TV-Moderatorin unnachahmlich formulierte, „unter konservativem Verdacht.“ Dabei lassen sie sich nur eines zuschulden kommen: Sie argumentieren zur Sache und ohne den lächerlichen Gestus der Empörung, mit dem die alten Vokabeln der Systemkritik neuerdings wieder zirkuliert werden. Ist Denken konservativ?
Offenbar. Denn was jene Intellektuellen verkünden, die das Wasser nicht halten können, zeugt von einer zutiefst gestörten Wirklichkeitswahrnehmung. Oder von ewiger Treue zu altbackenen Bildern von den „Furien des Kapitals“, der „Macht des Geldes“ oder vom „verwilderten Finanzkapitalismus“, an dessen Drähten was baumelt? Natürlich: die Marionetten der politische Klasse. „Empört euch“-Tiraden, die bei DDR-Nostalgikern wohliges Schauern auslösen dürften. Mit Analyse hat das nichts zu tun.
So betreibt man vielmehr das Spiel all jener Nebelwerfer, über die zu reden wäre, wenn nicht „Banken“ und „Märkte“ als Sündenbock zur Verfügung stünden: die Politiker. Denn die derzeitige Krise ist keine Finanz- oder Bankenkrise, sie ist im wesentlichen von politisch Handelnden verursacht, die solange Staatsschulden angehäuft haben, bis auch die geduldigsten Gläubiger Zweifel an der Zahlungswilligkeit ihrer Schuldner bekamen. Natürlich wollten sie damit nichts als sozialstaatlich Gutes tun und haben mit strahlendem Optimismus auf immerwährendes Wirtschaftswachstum gesetzt. Man kann es auch brutaler sagen: So kauft man Wählerstimmen. Und auch die besten Absichten erzielen paradoxe Wirkungen. Was für die Gegenwart gelegen kommt, ist für die Zukunft Gift.
„Die Märkte“ sind nicht die Übeltäter, sondern die Überbringer der Botschaft, das notwendige Korrektiv, das aufklärende Moment gegen eine politische Elite, die von eigener Verantwortung nichts wissen will. Weshalb es mitnichten urdemokratisch ist, wenn sich einer, wie Papandreou in Griechenland, im Notfall aufs Volk und sein salomonisches Urteil herauszureden versucht. Das war ein Fluchtversuch, sonst nichts.
Wo bleibt der zündende Gedanke? Das Professoren-Rezept, die Politiker müssten wieder „mit den Leuten reden und nicht zu ihnen“, ist von rührender Naivität. Aber solche Herzensgüte passt zum angeblichen „Linksruck“, in dem nicht ein Spürchen theoretischer Anstrengung wahrzunehmen ist. Nein, es geht wahrlich kein Ruck durchs Land, es schwappt ein unbestimmtes Gefühl hindurch, ein Schrei nach Wärme & Menschlichkeit. Links ist, wo das Herz schlägt, das empfindet man bis in die (klein-) bürgerliche Mitte so. Wir haben es mit einem Aufschrei der Herzen zu tun, dem man offenbar mit keiner „kalten“ Analyse beikommen kann.
Das aber, die kalte Analyse, wäre eigentlich das Geschäft der Intellektuellen. Oder sagen wir es freundlicher: die kühle Vernunft, die Anstrengung des Verstandes. Solcherlei intellektuelles Bemühen aber hat keine gute Presse. Argumente sind unbeliebt. Harte Fakten, kalte Zahlen, „Statistiken, die den Menschen zur Nummer machen“, zählen spätestens seit der Sarrazin-Debatte nachgerade zu den Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Politiker haben das schneller erkannt als manch anderer: heute wollen sie „die Menschen“ nicht mehr bloß „abholen“, sondern, ganz soziale Wärme, distanzlos „in den Arm nehmen“, ob die das schön finden oder nicht.
Klar: Wenn sowas links ist, muss ja alles andere rechts sein. Schon, wer sich seines Verstandes bedient und die Betroffenheitslyrik nicht mitsummt, ist demnach verdächtig. Obwohl man doch gemeinhin der Rechten nur Dumpfes unterstellt, gilt paradoxerweise zugleich die schneidende Kälte des Verstandes als obskur. Die geistige Landschaft wird damit nicht gerade bunter, denn zwischen links, wo das Herz schlägt, und rechts ist Niemandsland – leere Wüste anstelle einer belebten Landschaft, in der es einst liberale Standpunkte gab, bevor sie mit „neoliberal“ zum Synonym für „soziale Kälte“ oder „Marktradikalismus“ erklärt worden sind. Und in der „konservativ“ nicht in die rechte Schmuddelecke gehörte.
Heute wird „liberal“ nicht mehr mit den Freiheitsrechten des Individuums, sondern mit schrankenlosem, „entfesseltem“ Egoismus assoziiert, wobei der „Raubtierkapitalismus“ bereits um die Ecke lugt. Heute herrscht das Justemilieu, ein linkes Spießertum, eine Gefühlsschickeria, der es reicht, gegen Rechts „Gesicht zu zeigen“, statt sich ihres Verstandes zu bedienen.
Gewiss: Das geisterte immer schon durch deutsche Debatten, die Angst vor der Freiheit, die man von ihrem möglichen Missbrauch her diskutiert. Was sich „sozial“, „gerecht“ und „sicher“ nennt, gerät in diesen Verdacht erst gar nicht. Dabei empfinden viele Menschen als „sozial“ nur das, was ihnen nützt, auch wenn es auf Kosten anderer geht. Und manches Sicherheitsverlangen kann man auch risikoscheu und mutlos nennen.
Den Gefühlssozialismus stört das nicht. Links ist frei von Kategorien, auch der Marxschen, um die noch in der Sozialdemokratie der Weimarer Republik mit großer Gelehrsamkeit gestritten wurde. Nichts könnte den Unterschied zwischen damals und heute deutlicher machen als das Ende jener Übereinkunft, dass die linke Utopie keine Gefühlsangelegenheit sei, sondern streng wissenschaftlich begründet werden könne und auf einer Kritik des Bestehenden beruhe.
Kritik am Bestehenden? Also auch an Gefühlstatbeständen? Bloß nicht. Die Gefühlsschickeria hat das kritische Besteck beiseitegelegt. Kritik am Bestehenden endet dort, wo sie Besitzstände praktischer und moralischer Art berühren könnte.
Die Gefühlslinke ist nicht krisentauglich. Denn die heutige Lage bedarf einer kühlen Analyse. Und der Antwort auf die Frage, was übrigbleibt von einer Demokratie, die seit Jahrzehnten auf Wählerbestechung baut. Die einen haben die Schmiermittel mobilisiert, die anderen haben sie dankend angenommen. Jetzt ist die Blase geplatzt. Und selbst wenn man alle Reichen enteignen würde, bevor sie ins sichere Ausland geflohen sind: Nichts wird mehr sein wie zuvor.

Die Welt, 24. 11. 2011

Mittwoch, 2. November 2011

Empört euch mal nicht so

Man kann ja viel entschuldigen, wenn man selbst in seiner Jugend so blöde Parolen skandiert hat wie „Kapitalismus führt zum Faschismus. Kapitalismus – muss – weg“ – und erst recht, wenn man sich auch noch den superblöden Spruch „USA-SA-SS“ zu verzeihen hat. Insofern hat die „Occupy“-Jugend von heute bei mir vieles gut. Sogar, dass die meisten dort gar nicht zu wissen scheinen, wogegen und worum es eigentlich geht, ist irgendwie nachzuvollziehen.
Exemplarisch die Frankfurter, die ausgerechnet vor der Europäischen Zentralbank lagern, dem Fels in der Brandung gegen die Anmaßungen der Staatenlenker. Gut, das Ding heißt „Bank“, also ist man da schon irgendwie richtig, oder? Nun ja...
Doch warum sollen junge Leute verstehen, was ein Großteil der Bevölkerung nicht begreift? Schlauer sind die Politiker, auch bei der CDU, die sich solidarisch an die Seite der Bewegung stellen. Denen kann es nur recht sein, wenn das Volk die Sündenböcke bei den Banken oder beim „System“ sucht. Sonst würde man ja womöglich über falsche politische Entscheidungen zu reden haben - und über die Bedürfnisse der Bürger nach Rundumversorgung, die Politiker glauben befriedigen zu müssen.
Die „Occupy“-Bewegung bellt vor dem falschen Baum und glaubt den falschen Parolen vom „Raubtierkapitalismus“ und dem „Finanzkapital“. Aber hört man das nicht täglich? Im Rundfunk oder im Fernsehen? Steht das nicht so in der Zeitung (wenngleich nicht im Wirtschaftsteil)?
Stimmt. Auch in den Feuilletons der Qualitätsmedien wird wieder mit schlichten Wahrheiten gehandelt. Der Geist steht links und feiert die Rückkehr zur guten alten Kapitalismuskritik. Die einen glauben offenbar, damit den Zeitgeist zu bedienen. Die anderen kehren, nach gerade mal zehn Jahren „unter Rechten“, zu ihren Wurzeln zurück, zu 68ff, als man noch wusste, wer schuld ist: Die Großindustrie und ihre Büttel.
Wer derlei liest, möchte die Jungen in Schutz nehmen und ihnen zurufen: Glaubt ihnen nicht, den angegrauten Männern, die sich über euch beugen, Verständnis heucheln und doch nur die eigenen Jugendträume verwirklicht sehen wollen. Es ist das Recht der Jungen, auch mal radikalen Schwachsinn zu erzählen. Aber lasst es euch nicht von alten Männern vorsagen – oder von all den lieben Medienmenschen, die sich karitativ über euch beugen, um euch zu soufflieren, was sie für die richtigen Erkenntnisse halten.
Glaubt ihnen nicht, den Trittbrettfahrern, die Ladenhüter als frische Einsichten verkaufen, oder den Frustrierten, die endlich, endlich hören möchten, dass sie schon vor vierzig Jahren, ach was: vor hundert Jahren Recht gehabt haben. Seid misstrauisch, wenn es gegen „das Finanzkapital“ geht und das Adjektiv „jüdisch“ dabei mitschwingt. Und vergesst nicht: immer, wenn „Jugend“ zu rebellieren scheint, sind Lobbyisten unterwegs, die Gefolgschaft suchen – ob sie sich „Attac“ nennen, die Gewerkschaften oder die Kirchen sind.
Und doch: Die Jüngeren habt natürlich völlig recht, wenn sie sich Sorgen machen. Wer würde sich nicht verschaukelt fühlen, dessen Erbe aus gigantischen Schulden besteht, die der Staat in den letzten Jahrzehnten angesammelt hat, plus den noch gigantischeren, die er noch zu machen gedenkt. Woher dieses Geld kommt? In der Tat: von den Banken, die an der Kreditwürdigkeit der Staaten zu spät gezweifelt haben. Auch wenn sie profitiert haben: Sie sind nicht „schuld“ an den politischen Entscheidungen, die dem Schuldenmachen zugrunde liegen.
Politische Entscheidungen, insbesondere zu Wahlzeiten getroffen, von denen (fast) jeder etwas hatte: Studenten, Rentner, Pendler. Auch die sozial Schwachen, gewiss, vor allem aber jene, die sie verwalten. Jede gute Gabe mündet im Aufblähen der Sozialbürokratie. Es ist das Gutgemeinte, jener „Ammenstaat“, den viele Bürger so gern bemühen, der hinter der jetzigen Krise steckt. Darin unterscheiden sich auch die Deutschen nicht von anderen. „Die Banken“ sind nur Sündenböcke. Man kann sich ruhig auch mal an die eigene Nase fassen.
Also: Empört euch mal nicht, lernt lieber dazu. Klar ist das einfacher, das Pamphlet eines zornigen alten Mannes wie Stephane Hessel lesen, der so schön bestätigt, was insbesondere junge Menschen gerne glauben: dass alles immer schlimmer und ungerechter wird. Als vor vierzig Jahren Marx angesagt war, wenn man den Kapitalismus kritisieren wollte, musste man sich wenigstens mit anspruchsvoller Lektüre beschäftigen. Es hat sich gelohnt: Nach einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem Marxismus fällt man auf Parolen nicht mehr herein.
Ach, ich wiederhole nur ungern, was 1968ff. meine Eltern zu mir sagten: Euch geht’s noch viel zu gut. Aber es ist was dran. Eine Episode aus Frankfurt mag das illustrieren: Die Frankfurter Innenstadt ist abgesperrt, überall Polizisten in voller Montur. Endlich nähert sich ein Häuflein Demonstranten mitsamt Lautsprecherwagen und den abgenutzten Requisiten aus 40 Jahren Demonstrationstradition. Vorneweg feixende Studis mit einem großen Transparent. Und darauf steht: „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“ Mich hat’s schier umgehauen. Nicht nur, weil dieser Spruch auch schon mal bei der NPD oder beim Bund der Steuerzahler Dienst verrichtet haben soll. Sondern weil er so unfassbar unangemessen ist. Denn worum ging es wohl? Genau: Man leistete pflichtgemäßen Widerstand gegen – Studiengebühren.
Was sich als links versteht und im juste milieu gut ankommt, ist, wie nicht nur dieses Beispiel zeigt, ebenso gut „rechts“ denkbar – der Affekt gegen das (jüdische?) Finanzkapital wie das Hochrechnen eigener Interessen zum Gattungsanliegen. Der Kampf gegen Studiengebühren ist dafür übrigens ein gutes Beispiel. Die Debatte darüber ist geradezu exemplarisch für verzerrte Wahrnehmung.
Zukunftsorientierte Parolen müssten ganz anders lauten: „Her mit den Studiengebühren!“ Damit die Allgemeinheit nicht für künftig Besserverdienende einstehen muss. „Weg mit der Rentengarantie!“ Weil sie die jetzige Rentnergeneration gegenüber den zukünftigen begünstigt. Und Schluss mit dem Kindergeld für Reiche, dem Ehegattensplitting, der Pendlerpauschale. Weg mit allen Steuerprivilegien, bei allen. Her mit der Kirchhof-Reform! Und ein Ende den kostspieligen Wahlgeschenken.
Wenn ich Studenten, Steuerzahler, Rentner und Eltern mit diesen Parolen auf der Straße sehe, weiß ich, dass wir eine Zukunft haben.
Sie auch die Welt vom 1. 11. 2011

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Mama mag kein Risiko

Radio is good for you. Aber ein Übermaß schadet der Gesundheit. Denn Radio schrumpft.
Zum Beispiel Deutschland: während alle Welt behauptet, das Land sei so reich und so mächtig, dass man Angst vor ihm und seinem unbändigen Drang nach Größe haben müsse – ein Titan, der beständig alle Ketten sprengt und dabei „Nein! Nein! Nein!“ ruft, weshalb das Land an- und eingebunden gehöre, also ab ins Laufgeschirr oder in harte Bandagen... Während wir also in den Augen der Welt ganz schön was hermachen, schrumpft Radio den Titanen auf Erdmännchengröße.
Nach vier Stunden sanfter Moderation zwischen Oberhessen und Berlin weiß man, dass alle Welt keine Ahnung von uns hat. Deutschland ist nicht mächtig und nicht Titan und schon gar nicht gefährlich – und Weltmeister auch nur alle Jubeljahre. Wir beißen nicht und wir wollen noch nicht einmal spielen. Schalt dein Radio ein: Deutschland ist Mamaland. Bevölkert von Mamasöhnchen und von Frauen, die möglichst schnell zu Mama mutieren möchten.
Also: Alles tranquilo. Keine Aggro.
Mama ist nichts Böses. Mama passt nur auf. Nach der Erdbebenkatastrophe in Japan, die hierzulande „Atomkatastrophe“ hieß, fragten sich Tausende gehobener Schreibtischinhaber, ob der Verzehr ihres geliebten Sushis zu Mittag noch zuträglich sei. Mama riet ab von rohem Fisch, da man ja nicht wisse, ob der im atomar verseuchten Gewässer von Fukushima schon vorgegart wurde. So wie sie vor Salatgurken aus Spanien warnte, von denen man auch nichts Genaues weiß. Man sollte Mama nicht unterschätzen: sie kann ganze Volkswirtschaften niedermachen, wenn es um ihre Lieben geht. Um deren Sicherheit und die Gesundheit, das wichtigste von allem. Denn Freiheit und Risiko hatten wir. Und was hat es uns und der Welt gebracht? Eben.
Radio macht klein und friedlich. Wer dem Öffentlich-Rechtlichen mit Bildungsauftrag und reger Hörerbeteiligung eine Weile zugehört hat, könnte auf die Idee kommen, seine Landsleute gingen alle mit dem Schnuller ins Bett – nicht ohne sich zuvor vergewissert zu haben, dass der Honig, der ihn schmackhaft macht, nicht durch irgendeine unwissend an gentechnischem Pollen naschende Biene verseucht ist. „Gentechnisch verändert“ rangiert hierzulande direkt hinter „atomar verseucht“ und löst Urängste aus. Schon gewusst? Radio sorgt dafür, dass sowas in Mamaland nicht auf den Tisch kommt.
Oder gar nicht erst ins Haus oder auf die Straße. Die Muttilation erfasst alle Lebensbereiche. Keine Internationale Automobilausstellung ohne die Warnhinweise sanfter Moderatorinnenstimmen, dass PS-starke Autos Umweltzerstörer und Phallussymbole sind und wir es doch bitte lieber nachhaltig und klein hätten. Schlimm genug, dass aufstrebende Länder gentechnisch verändert essen und aufgemotzte Boliden fahren wollen, aber wenigstens an Deutschland soll die Welt nicht mehr zugrundegehen. Schon der Kinder wegen, auch wenn man hierzulande immer weniger davon bekommt.
Und das ist vielleicht auch besser so. Denn für kleine Jungs, die schon im Sandkasten einen Fahrradhelm tragen müssen, ist Mamas schützende Hand eine echte Plage. Übrigens auch für kleine Mädchen, die solche Mamasöhnchen später mal heiraten sollen, und für eine Alternative dankbar wären.
Also schalt dein Radio aus und gib Gas, damit wir endlich wieder in Deutschland und bei der Alternative sind.
Klar doch: man kann gegen Männer vieles einwenden, vor allem, dass sie es so wahnsinnig gerne krachen und stinken und explodieren lassen, wenn sie sich einer Sache mal richtig angenommen haben. Doch genau das spricht eben auch für sie. Ohne ihre Risikofreude wäre Deutschland nie das Land der Tüftler, Erfinder und Ingenieure geworden – ohne sie und all die Frauen, die ihnen für ihre Experimente den Küchentisch freiräumten oder ihre Mitgift plünderten. Wie einst Bertha Benz, die sich für ein gewagtes Menschenexperiment zur Verfügung stellte, indem sie sich auf eine unbekannte Höllenmaschine setzte, über deren Spätfolgen man noch nichts wusste.
Sowas käme heute nicht mehr vor. Spaß, Spiel, Risiko sind in Mamaland verpönt. Dort rechnet man sich frühzeitig die Rente aus, die ja sicher ist, und die man möglichst fit und entspannt antreten will, weshalb man sich nicht zuviel vornehmen sollte im Leben, oder?
Ja, Deutschland schafft sich ab. Da muss man gar nicht an die Geburtenrate denken. Ein Land, in dem „Risiko“ zum Inbegriff des Schreckens geworden ist, verdient nichts anderes.
Doch halt. Ist Deutschland nicht noch immer der Wachstumsmotor Europas? Das Land der Erfinder? Der Ingenieure und Maschinenbauer? Das Reich des Mittelstands, wo handfeste Männer und Frauen dafür sorgen, dass der Schornstein möglichst schadstoffarm raucht?
Die Zahlen sprechen für diesen Befund. Doch die produktive Klasse waltet im Verborgenen. Mamaland jedenfalls nimmt sie nicht zur Kenntnis. Den unsichtbaren Heinzelmännchen scheint das ganz recht zu sein. Sie sind die neue schweigende Mehrheit, dein Mittelstand, das unbekannte Wesen. Sie reden nicht über ihr abenteuerliches Leben voller Chancen und Risiken, mit oder ohne Fukushima-Sushi und Gen-Honig. Sie klagen nicht über mangelnde Aufmerksamkeit. Denn Erfindergeist stinkt und macht Krach, hinterlässt Schmauch- und Bremsspuren und ist nie, niemals ohne Risiko zu haben. Und er ist eher selten der Liebling von Krötenschützern und Frauenbeauftragten.
In Mamaland gibt es nicht nur ein oder zwei Parallelgesellschaften. Politik und Öffentlichkeit blenden die interessantesten gern aus. Weshalb man davon ausgehen kann, dass der Erfindergeist seine Heimat heute in der größten Partei von allen findet: in der der Nichtwähler. Weil er bei fast allen relevanten Debatten in der Öffentlichkeit intonieren müsste, was einst Minderheiten zu behaupten pflegten: ich komme hier wieder einmal nicht vor.
Doch das sollte besser so bleiben. Denn es spricht nicht für den festen Glauben ans eigene Produkt, wenn Möbelhäuser Kunden mit dem Versprechen werben, einen Teil ihres Umsatzes den Armen zu spenden. Entweder haben sie für den Kauf ihrer Waren keine guten Argumente. Oder sie wollen aller Welt beweisen, dass man sich vor deutscher Wertarbeit nicht fürchten muss.
Doch das wüsste alle Welt längst – wenn sie unser Radio einschalten würde. Gut, dass sie es nicht tut.
In: Die Welt, 6. Oktober 2011

Wir Untertanen.

  Reden wir mal nicht über das Versagen der Bundes- und Landesregierungen, einzelner Minister, der Frau Kanzler. Dazu ist im Grunde alles ge...