Samstag, 4. September 2010

Wie man kein Einwanderungsland wird

Wenn Deutschland ein Einwanderungsland werden will, muß es noch üben. Mit einer „Debattenkultur“, in der Fernsehmoderatoren als heilige Inquisition den freien Gedankenaustausch brutal unterbinden, mit einer politischen Führung, die sich untertänigst bei allen entschuldigt, die sich von ausgeübter Meinungsfreiheit womöglich beleidigt fühlen könnten, ist jedenfalls kein Staat zu machen. Das lockt keine Fachkraft zu uns – und die Deutschen selbst, die man ja so eigentlich nicht mehr nennen darf, fühlen sich der Political Correctness geopfert. Wenn wir schon vom guten Ruf Deutschlands reden, dann hat ihm nicht Thilo Sarrazin, sondern Politik und öffentliche Meinung den Rest gegeben.
Was bitte ist von einem Land zu halten, dessen öffentlich auftretende Elite das Hantieren mit Zahlen und Tatsachenbehauptungen als „unmenschlich“ und „gefühlskalt“ empfindet? Wo eine Landesministerin verkündet, sie brauche keine Analyse, sie kenne ihre Migranten, die müsse man halt mit „kultursensibler Sprache“ und menschlicher Wärme „in die Mitte“ nehmen? Wo der Bundespräsident die Integration für eine Frage der Teilnahme an „Integrationskursen“ hält und wo in einem seriösen Blatt wie der „Zeit“ gefordert wird, wichtige Debatten nicht während des Ramadam zu führen, weil „Menschen mit Migrationshintergrund“ dann andere Sorgen hätten? Da lachen doch die Hühner. Und die Inder.
Wer seinen Kopf benutzt, weiß, daß man in diesem Land viel für die Integration der Hinzugekommenen getan hat und daß nun auch mal die anderen dran sind. Die Wahrheit ist den Menschen zuzumuten. Denn das Grundproblem, das Thilo Sarrazin in seinem Buch anspricht, ist ja gar nicht neu und längst bekannt, wie plötzlich alle behaupten: Bislang haben hierzulande die Anreize überwogen, die einen Zuzug nicht in Arbeit, sondern in das Sozialsystem attraktiv gemacht haben. Ausländer mit jener so dringend benötigen naturwissenschaftlich-technischen Intelligenz, ehrgeizige Hochqualifizierte, die hier etwas werden und gestalten wollen, lockt das nicht.
Statt dessen gibt es eine auffällige Minderheit mit überwiegend türkischem oder arabischen Hintergrund, die dieses Land, seine Bevölkerung, deren Kultur, Religion und Lebensweise verachten. Warum man diese autoritär-patriarchalisch geprägte Bevölkerungsgruppe umarmend „in die Mitte“ nehmen will, ist mir schleierhaft. Die will nicht umarmt werden.
Die sind auch keine Opfer und schon mal gar nicht dumm. Kinderreiche Migranten, die „hartzen“, können zumindestens eines: rechnen. Und es reichen die Grundrechenarten, um zu erkennen, daß sich in diesem Land arbeiten nicht lohnt – zumal sich die ökonomischen Anreize mit einer öffentlichen Rhetorik verbinden, in der „Leistung“ nicht gerade angesehen ist.
Deutschland fehlt es an Selbstachtung. Warum sollten kleine Machos Respekt vor einem Land haben, in dem die Menschen fürchten, als ausländerfeindlich und rassistisch zu gelten, wenn sie primär an die eigenen Wertvorstellungen - und erst danach an den Ramadan denken? In dem niemand Grenzen zieht und überall der Kuschelfaktor dominiert? In dem „Leistungsträger“ verachtet und „Leistungsempfänger“ heilig gesprochen werden? Und in dem man glaubt, Bildung sei durch mehr Geld zu bekommen, und nicht vielmehr durch eine Umgebung, in der Produktivität, Leistung und Herausforderung den Alltag bestimmen - kurz: in der gearbeitet wird?
Doch man beugt sich nunmal hierzulande lieber über Opfer, als sich um die Ehrgeizigen zu bemühen, die „Leistungsträger“. Vielen wird ja allein bei diesem Wort schon übel.
Nein, an der Fertilität der „Falschen“ wird dieses Land nicht zugrundegehen, da hat Sarrazin sich gründlich verrannt. Gewiß aber ist für eine erfolgreiche Integration schlecht gerüstet, wer sich einer paternalistischen Kultur zugehörig fühlt, in der das Individuum nichts, die Familie bzw. die (Glaubens-) gemeinschaft alles ist. Die individuelle Zurechnung von Erfolg ist die Bedingung für jenen Aufstiegswillen, von dem wir hier nicht weniger, sondern mehr benötigen. Irgend jemand muß den Wohlstand schaffen, den Politiker verteilen möchten. Doch das macht wenig Spaß, wenn man schon bei gemäßigtem Wohlstand als einer der Reichen gilt, denen man nehmen muß.
Thilo Sarrazin ist der Racheengel der frustrierten Mittelschicht – die hohen Zustimmungsraten für ihn spiegeln den Unmut der arbeitenden Bevölkerung. Sie hätten alles Recht der Welt, gekränkt und beleidigt zu sein. Nicht nur Sarrazins Äußerungen sind „für viele Menschen in diesem Land nur verletzend", wie Angela Merkel wissen ließ. Auch der Kanzlerin Ignoranz all den anderen gegenüber. Und die erzürnt nicht nur, daß mit Sarrazin ein Sündenbock zum Opfer gebracht wurde – sondern auch, daß im Zuge der Hatz auf ihn ein paar zivilisatorische und politische Grundwerte auf der Strecke geblieben sind.
Die Bundeskanzlerin gerierte sich als Oberzensorin, obwohl sie das Buch des Autors gar nicht gelesen hatte, empfahl hernach dem Vorstand der Bundesbank öffentlich, sich von Thilo Sarrazin zu trennen, und lobte zum Schluß dessen „unabhängige Entscheidung“. Sollte das ein Scherz sein? Und was ist von einem Bundespräsidenten zu halten, der sich eilfertig als Erfüllungsgehilfe annonciert? Langsam ahnt man, was Altbundespräsident Köhler dazu bewogen haben könnte, den Bettel hinzuschmeißen. Soviel Arroganz gegenüber den Regeln der Demokratie, sowenig Respekt vor dem Amt, das man ausübt, hat man hierzulande selten erlebt. Und jetzt möchte unsere verlogene Elite, nachdem der Provokateur entfernt ist, endlich über das „Megathema der nächsten Jahre“ diskutieren: Über Integration.
Man faßt es nicht. Müßten wir nicht langsam mal, umgekehrt, über die Qualitäten und Kriterien diskutieren, die über Zuzug entscheiden sollten? Sofern noch jemand kommen mag? Müßten wir nicht endlich damit beginnen, ein Einwanderungsland zu werden?
Übrigens: wir sind schon weiter, als die politische Betulichkeit wahrnimmt. Das selbstbewußte Auftreten der Vorzeigemuslimas in der Debatte um Sarrazin hat gezeigt, daß jemand mit Migrationshintergrund längst nicht mehr das Opfer ist, das man umhätscheln muß. Auch wenn sie sich gerne beleidigt geben: Falsche Rücksichtnahme auf ein so starkes Gegenüber ist nicht mehr nötig.

© Cora Stephan 2010
Welt Online 4. 9. 2010

Kommentare:

  1. gut gesagt

    und ich denke wir alle sollten mal den koran lesen um mal zu verstehen was wir hier eigentlich integrieren sollen.

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  2. Die "Deutschen" sind seit Jahrhunderten ein Mischvolk. Jeder mit dem Pass der BRD darf gerne sich mit einem anderen Menschen dieser Erde vereinigen und ein neues Individuum schaffen. Aber ich habe eine Erwartung an jeden, der sich hier niederlässt: Er soll die seit dem Zweiten Weltkrieg mühsam erreichten Wertevorstellungen bednigungslos akzeptieren. Die fdGO des GG muss vor der Religionsfreiheit stehen. Momentan etabliert sich in Westeuropa eine ausgesprochen sexistische Machoreligion.

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  3. Danke!

    Danke Frau Stephan, dafür, dass endlich jemand in diesen traurigen skandalös undemokratischen Tagen, es schafft, die Situation so auf den Punkt zu bringen!
    Sie sprechen mir aus der Seele.

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  4. machst du witze! wenn auch nur eine statistisch signifikante minderheit der deutschen den koran tatsächlich liest, werden sie nie wieder angstfrei neben muslimen leben können ^^

    ich habe in meinem zweitausend stellen angestrichen, wie mit mir umzugehen wäre. in einem wort: fatal!

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  5. Cora, vieles von dem, was Du schreibst, ist es sicher Wert, darüber nachzudenken. Vor allem, was Diskussionskultur und Talkshows betrifft, wobei ich die beiden Begriffe ohnehin für unvereinbar halte. Aber: Sarrazin als Opfer!?!? Da kommen mir doch glatt die Tränen ... vor Lachen. Mit Verlaub, Du hast schon Opfer verteidigt, die es mehr verdient hatten!

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  6. Danke für diesen Kommentar! Sie sprechen mir aus dem Herzen!

    Sie treffen den Nagel auf den Kopf: Nicht Sarrazin schadet dem Ruf Deutschlands, sondern das Verhalten von Politik und Medien. Das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich ernsthaft und innerlich für die politische Elite zutiefst schäme.

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  7. Da lach ich doch glatt zurück. Wo schreibe ich, daß Sarrazin ein Opfer sei??? Er wird als Sündenbock "zum Opfer gebracht". Das meint landläufig was anderes als "armes Opfer"...

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  8. an robert
    eben das ist ja der punkt. ich habe den koran letzten winter mal gelesen und mich bis heute von dem schock nicht erholt!!
    ich kenne mich mit religionen persönlich sehr gut aus (ausser dem islam bis dahin) und machte ,wie so viele, wohl den fehler, so etwas wie das alte testament anzunehmen. das war ungefähr so als würde ich mir meinen handschuh ausziehen und hätte statt meiner hand plötzlich eine vogelkralle, quasi kafkaesk. der koran instruktiert den grundriss eines zutiefst faschistischen systems, menschenverachtend bis in ins letze detail. es ist ganz klar das die meisten die in deutschland den islam verteidigen den koran noch nie gelesen haben!es ist mehr als ironisch dass so viele antifa dabei sind, eigentlich zum lachen wenn es nicht so traurig wäre.

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  9. wunderbarer Artikel, Frau Stephan, Sie bringen es auf den Punkt.

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  10. Frau Stephan,
    sie haben mir mit ihrem Artikel voll aus dem Herzen gesprochen.

    Ein frustrierter Mittelschichtler

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  11. Liebe Frau Stephan,

    danke für diesen Beitrag.
    Hinter jedem Satz konnte ich einen Haken machen.

    Freundliche Grüße
    Timm Krohn

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  12. Diese zahlreichen Sarrazin-Apologien schlagen mir richtiggehend auf den Magen. Da gehen Eitelkeit und Selbstüberschätzung eines öffentlichen Funktionsträgers (immerhin der ersten Liga) so richtig mit ihm durch; und er greift - meines Wissens zum ersten Mal in der jüngeren dt. Geschichte - ganz unverstellt und dreist-lustvoll zu blank rassistischen Argumenten. Wie ist es nun möglich, daß die dringend nötige Kritik an diesem ungeheuerlichen Vorgang von so vielen Kommentatoren als Einschränkung der Meinungsfreiheit denunziert wird. Ich fasse es kaum! Die wirklich dringend benötigte Integrationsdebatte hat S. jedenfalls gründlich konterminiert und ihr somit einen Bärendienst erwiesen.
    Übrigens - wie kommen sie eigentlich darauf, Frau Stephan, das Leistung in unserem Land nicht anerkannt und Leistungsempfänger heilig gesprochen werden? Da muss ich was verpasst haben. Und seit wann denkt man unter Deutschen erst an den Ramadan und dann an die eigenen Wertevorstellungen (wie z.B. viele Fachkräfte bekommen?). Wie eine gerade durchgeführte ad-hoc Umfrage in meinem Haus ergeben hat, wissen die meisten Deutschen trotz mehrerer Millionen Muslime in diesem Land nicht mal genau, was der Ramadan eigentlich ist. Und ja, Frau Stephan, Zahlen sind nicht per se unmenschlich, doch lassen sich kultur- und sozialpolitische Zustände und Befindlichkeiten in der Tat nicht ausschließlich mit quantitativen und statistischen Maßstäben erfassen und beurteilen, wie es Sarrazin tut. Und ob ein wild malochendes Umfeld die beste Nährlösung für Bildung ist, wage ich stark zu bezweifeln. Bildung sollte immer auch eine Perspektive einschließen, die das Alltägliche, Stereotype und Normative transzendiert. Und für den Blick über den Tellerrand brauchten schon die alten Griechen ein wenig Muße...

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  13. Hallo Frau Dr. Stephan,

    Ihr Artikel "trifft einmal wieder des Pudels Kern". Vielen Dank dafür!

    Ob wir ein Einwanderungsland sein oder werden wollen,müssen die politisch Verantwortlichen nun endlich einmal durch klare Regelungen über
    eine Einwanderung entscheiden; Regelungen über
    Sanktionen bei Fehlverhalten (ich denke da an
    die vielen Straftaten mit Migrationshinter-
    grund).

    Die skandinavischen Länder, wie z.B. Schweden,
    haben es längst vorgemacht. Aber unsere Damen
    und Herren "Volksvertreter" verschlafen meines
    Erachtens auch hier die tatsächlichen Gegeben-
    heiten (wie z.B. in Schweden der drastische Umbau des Sozialstaates).

    Wenn man z.B. in der Berliner Presse liest, dass über 21% des gesamten Landeshaushaltes
    für Sozialausgaben oder Transferleistungen
    ausgegeben werden, reicht ein "Kopfschütteln"
    hierüber nicht mehr aus.

    Viele Grüße
    Lasse Ljungadal

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  14. Hallo Frau Stephan,

    ihr Artikel in der Welt am Sonntag "Unsere verlogene Elite" spricht mir aus dem Herzen.
    Danke!!

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  15. Sehr geehrte Frau Stephan,
    gelle, da ist ihnen aber ein ganzes Rudel Pferde durchgegangen…

    letztlich ist Ihr Statement so einseitig, wie das Stammbuch des offenbar neu erfundenen Sarrazynismus. Wenn das Werk sein Gutes hat, dann nur darin, dass es beweist, wie viel Einseitigkeit eine pluralistische Gesellschaft aushalten kann und muss.

    Man könnte es insofern noch als Beitrag zur Integrationsproblematik verstehen, als dass es sich mittels seiner Drastik bemüht, zur Dialektik der Diskussion beizutragen. In einer Welt der Von den Laiens, der Wülfe im Schafspelz, der Köche, die den Brei verderben und einer Politelite, die noch nicht gemerkelt hat, wie es an der gesellschaftlichen Basis brodelt, kommt das Buch gerade rechts.

    Endlich mal einer der den Muff pauschaler Vaterlandsscham austreibt und den Deutschen wieder ein Land voll Milch und Honig und ein Reich blühender Landschaften verheißt, wenn man die Knoblauchatmer rauschmeißt, oder zumindest reduziert und domestiziert. Das hat es seit Helmut Verkohl nicht mehr gegeben.

    Ein ausgewogenes Buch ist es nicht – das hätte die doppelte Menge Tinte, Hirnschmalz und Kohle erfordert – es wäre doppelt so dick und ein Stück teurer gewesen und… es hätte wie Blei in den Annalen gelegen. Allerdings möchte ich unserem rechten Muezzin da kein reines Profitinteresse unterstellen. Er dürfte sein Scherflein längst im Trockenen haben.

    Thilo Sarrazin wird es wohl eher um die Hege und Pflege seiner Profilneurose gehen, die nicht nur Sie und die geflissentlichen Beipflichter, sondern auch die gewissentlichen Widersprüchler mit immer wieder neuem Guano versorgen.

    Leider muss man das Buch ernstnehmen - weil es der tumben Volksstimme ein pseudointellektuelles Sprachrohr liefert und weil es über den Umweg eines Gehirns herausposaunt, was viele lediglich im Rückenmark spüren: im Süden ist es so heiß, dass das Wasser im Kopf verdunstet und die Gehirne zu trocken gelagert werden. Deshalb ist der Südländer auch nicht so ein Intelligenzbolzen, wie ein deutscher Bankdrücker. Das klingt doch alles recht logisch.

    Ist Sarrazin ein Querkopf, oder ein Querdenker? Mitnichten – er ist bestenfalls ein Quermeiner und Querschütze, der wie ein kleiner Junge mit einem brennenden Streichholz vor einer Benzinpfütze steht. So wie andere kleine Jungs nicht der Versuchung widerstehen können, mit einer Stricknadel in der Steckdose rumzupopeln, so kann es sich auch der kleine Thilo nicht verkneifen, mal eben das humanistische Prinzip abzufackeln und die Gesellschaft in Brand zu setzen.

    Was für ein Feuerwerk…

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