Dienstag, 16. April 2013

Glückliche Sklaven

Während ich am Schreibtisch sitze und mir „Gedanken zur Zeit“ mache, erfahre ich, dass Baroness Margaret Thatcher gestorben ist, Premierminister von Großbritannien in den Jahren 1979 bis 1990, die große alte Dame des Konservatismus. Aber war sie nicht eigentlich eher eine Liberale? Sie sagte einst: „If I lose liberty, then it takes away the basic reason for living.“ Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel könnte man das modern übersetzen als „Ohne Freiheit ist alles andere nichts“, aber ehrlich gesagt: das klingt geradezu geschäftsmäßig kühl angesichts der Emphase der hierzulande zu Unrecht verschrienen „Iron Lady“. Eher war sie die Schwester von Hannah Arendt. „Der Sinn der Politik ist Freiheit“, sagte die.
Freiheit ist der Grundgedanke des Liberalismus. Der aber hat in Deutschland wenig Freunde. Warum bloß? Weil das immer schon so war? Weil es ein deutsches Phänomen ist, dieses Fremdeln mit dem Freiheitsgedanken, das Ludwig Mises 1927 sagen ließ: „Der Hass gegen den Liberalismus ist das Einzige, in dem sich die Deutschen einig sind“? Weil man hierzulande einen „gefühlsbetonten Antikapitalismus“ pflegt, der immer auch ein „unreflektierter Antiliberalismus“ sei, wie der erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss erkannte? Weil man in deutschen Landen das Gemeinwohl stets höher schätzte als den Egoismus, den man dem individuellen Freiheitsstreben unterstellte? Oder weil bei uns Sklavenmentalität herrscht, womit wir bei einer anderen großen Liberalen wären, bei Marie von Ebner-Eschenbach: „Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit“, sagte die.
Kann sein, dass viele Deutsche der Freiheit und dem Risiko das Rundumsorglospaket des deutschen Ammenstaats vorziehen. Der Sozialstaat als Agentur für Brot und Spiele – und wir die glücklichen Slaven, die ihre Freiheit nicht vermissen, solange da einer ist, der sich „kümmert“. Ein selbstbestimmtes Leben, mit der Freiheit, auch das Falsche zu tun und das Maßlose zu denken? Nicht hier bei uns.
Hat es die Partei, die sich liberal nennt, deshalb so schwer? Oder verdient, umgekehrt, womöglich die liberale Idee eine vehementere Verteidigerin als die FDP?
In ihrer wechselhaften Geschichte waren die Liberalen meist nur das Zünglein an der Waage, der Mitspieler, der nicht seines eigenen Profils wegen geschätzt wurde, sondern weil er für die Regierungsbildung der größeren Parteien wichtig war. Ansonsten profitierte die Partei vom Missfallen der Wähler an den anderen Optionen. Und so ist wohl auch das gute Wahlergebnis der letzten Bundestagswahlen von über 14 Prozent zu erklären. Schon bei der Landtagswahl in Niedersachsen am 20. Januar diesen Jahres konnte sich die FDP nur mit christlicher Nächstenliebe ins Parlament retten, gerade so, was womöglich die Union den Wahlsieg kostete. Bei der Bundestagswahl wird sie auf Großzügigkeit ihres jetzigen Koalitionspartners nicht hoffen können. Der liebäugelt längst mit einer großen Koalition.
Folgt man den Umfragen, dümpelt die FDP auf historischem Tiefstand. Wird sie es im September 2013 noch in den Bundestag schaffen? Wetten werden entgegengenommen. Doch man sollte der FDP nie zu früh das Totenglöckchen läuten. Sie hat schon mehr als einmal auf den letzten Metern Wechsel- und Nichtwähler mobilisiert. Doch diesmal könnte das Spiel anders ausgehen. In diesen Tagen trifft sich in Berlin eine neue Partei, die sich „Alternative für Deutschland“ nennt – ein treffender Name angesichts der Tatsache, dass die Kanzlerin in vitalen, ja in existentiellen Fragen schon lange behauptet, ihr Weg sei alternativlos. Die Alternative könnte der CDU Stimmen wegnehmen, aber vor allem der FDP den Weizen verhageln. Denn sie spricht Themen an, denen ein liberaler Champion fehlt.
Die Behauptung, etwas sei „alternativlos“, ist nicht nur vermessen, sie ist auch unverhüllt autoritär. In einer Demokratie ist alles verhandelbar. Überdies gibt es viele gute sachliche Gründe, zu bezweifeln, dass es bei der Euro- und Staatsschuldenkrise oder gar bei der sogenannten Energiewende eine einzige richtige Strategie gibt. Diese Gründe aber werden im Bundestag nicht mehr verhandelt. Kurz: es gibt in existentiellen Fragen keine Opposition mehr im Parlament. Wer hier eine „Alternative“ darstellt, dürfte auf Zustimmung stoßen - dafür spricht auch, dass die neue Partei in den gerade zwei Monaten ihres Bestehens schon mehr als 7000 Mitglieder angezogen hat. Denn nicht wenige Bürger hegen mittlerweile den Verdacht, dass sie in wesentlichen Angelegenheiten ihres Landes nicht mit der Wahrheit bedient werden. Ach was: sie fühlen sich belogen.
Tatsächlich wird in Sachen Euro mittlerweile qua Notstand regiert. Seit über zehn Jahren ist die Geschichte der Gemeinschaftswährung eine Geschichte von Rechtsbrüchen. Das beginnt 2003, als erst Deutschland und dann Frankreich gegen die Haushaltsregeln des Maastricht-Vertrags verstoßen. Das setzt sich fort mit der regelwidrigen Griechenland-Rettung und kulminiert am 10. Mai 2010, als die Europäische Zentralbank griechische Staatsanleihen kauft. Zum Demokratiedefizit in der EU gesellt sich permanenter Regelbruch, was weit schlimmer ist.
Jeden liberal Denkenden muss das alarmieren. Ganz offenbar wird derzeit nicht Europa gerettet, denn noch nie in der Nachkriegszeit waren europäische Nachbarn so zerstritten wie heute. Vielleicht liegt es also gar nicht im Interesse Europas, wenn der Euro, die Banken oder fallierende Staaten gerettet werden. Gewiss aber schadet das der europäischen Idee.
Freiheit heißt, dass man weder von einer Minderheit noch von einer Mehrheit unterdrückt werden kann. Deshalb ist Demokratie nichts ohne das Rule of Law, wie es sich im angelsächsischen Raum entwickelt hat, bzw. ohne Rechtsstaatlichkeit, wie wir sie hierzulande verstehen. Regeln sind Schutz vor Willkür. Demokratie funktioniert nicht ohne verlässliche Institutionen, Verfahrensgerechtigkeit und Rechtssicherheit. Das Grundgesetz oder die amerikanische Verfassung tragen dem Rechnung.
Genau dieses aber, die Bindung der Demokratie ans Recht, lässt den Liberalismus in unserer gefühlsbesessenen Öffentlichkeit als kalt erscheinen, wo man „warme“ Tugenden wie Solidarität und Mitgefühl vorzieht. Dabei hat doch die Gefühlsferne, die Objektivität von Institutionen und Regeln einen unschätzbaren Vorzug vor dem individuellen Mitgefühl: Ihre Distanziertheit pflegt keine Vorlieben. Unserer umarmungsfreudigen Kuschelkultur aber fehlt genau jener Respekt, den zivilisierter Kontakt braucht. Es möchte nicht jeder gleich „in den Arm“ genommen werden, wenn es lediglich um konfliktfreien Umgang miteinander geht.
Welches Thema könnte wichtiger sein für eine liberale Partei als die Kritik am fortwährenden Regelbruch? Ganz ohne Verstoß gegen Regeln und Verträge ging es übrigens auch bei der sogenannten „Energiewende“ nicht ab. Sollte nicht auch das Kernthema sein für eine liberale Partei, die überdies marktwirtschaftlich denkt?
Einst begünstigte der Staat die Atomenergie, heute verzerrt er den Markt, indem er Windräder und Solarpaneele subventioniert, bezahlt nicht nur vom Steuerbürger, sondern von allen Stromkunden, die sich die Photovoltaik auf dem Eigenheimdach nicht leisten können. Die haben längst erkannt, dass der Satz nicht stimmt, wonach die Sonne keine Rechnung schreibt.
Und was ist mit der Steuerpolitik? Es ist schon seltsam: ausgerechnet die FDP hat es nie geschafft, sich vom Verdacht zu befreien, sie vertrete lediglich die Interessen ausgewählter Lobbies, während alle anderen nur das Gemeinwohl im Auge hätten. Dabei sind es gerade die großen Parteien, die sich gegenseitig im Vergeben von Wahlgeschenken überbieten – doch wer viel geben will, muss viel einnehmen. Deshalb immer wieder die geradezu brünftigen Schreie nach Steuererhöhungen. Doch der Staat hat gerade heute, in einer Zeit, in der die Steuereinnahmen nur so sprudeln, kein Einnahmen-, sondern ein Ausgabenproblem. Aber wem fällt das schon noch auf, seit im Neusprech der Politiker „Sparen“ nicht weniger ausgeben, sondern weniger schuldenmachen heißt?
Die wahren Steuersünder sind nicht die mehr oder weniger fehlbaren Steuerzahler, sondern all jene, die mit dem Geld, das sie treuhänderisch entgegennehmen, nicht vernünftig wirtschaften – Politik und Staat, mit anderen Worten. Die meisten Parteipolitiker „glauben an die wohlmeinende Kleptokratie“. Die Regierungen, sagt Peter Sloterdijk, „verpfänden die Luft über ihrem Staatsgebiet, und Banken atmen tief durch. Wenn man es sich recht überlegt, ist das haarsträubend. Das wird möglicherweise europaweit eine Desorientierung von historischen Größenordnungen auslösen.“

Donnerstag, 28. März 2013

Wenn Frauen zu viel lesen

Fernsehen mag verderblich sein. Doch schlimmer noch ist Literatur.
Dass Lesen die geistige Gesundheit gefährdet, weiß man, seit Gutenberg es demokratisiert hat. Sittsame Frauen lasen zwar lange Zeit nur die Bibel, doch schon das bedeutete, bedenkt man den Inhalt, einen Schritt ins Verderben. Geradezu katastrophale Wirkung hatte die Lektüre von Gebetbüchern, wie Gustave Flaubert am Beispiel der Landarztfrau Emma Bovary zeigte. Als Klosterschülerin verliebte sie sich in den leidenden Jesus; die Gleichnisse vom himmlischen Geliebten versetzten sie in süße Schauer. Im Alter von fünfzehn Jahren wurde die Droge stärker. Emma las Romane, in denen es von tugendsamen Herren auf hohen Rössern, Küssen, Schwüren, Gondelfahrten und schluchzenden Nachtigallen nur so wimmelte. Das Verhängnis begann, als die junge Frau nach all dem Schönen zu suchen begann - in der Wirklichkeit. Dort aber gab es keine weißen Ritter. Das Ende von Madame Bovary ist bekannt. Was blieb, war Arsen.
Lehren aus der Geschichte? Schon. Seit einigen Jahren scheint die Gefahr erkannt. Literatur von und für Frauen beugt heutzutage dem Bovary-Effekt vor. Insbesondere, wer Krimis liest, möglichst aus Schweden oder Dänemark, ist schon nach hundert Seiten gegen Irrtum gefeit. Hier gibt es keine tugendsamen Herren, hier sind Männer Schweine, die zur Strecke gebracht werden müssen. Das Böse ist männlich. Das Böse muss sterben.
In meiner Arbeit als Jurorin beim Deutschen Kurzkrimipreis habe ich diesen Eindruck bestätigt gefunden. Das Gros der eingesandten Arbeiten kreiste nur um eines. Kurzgeschichtenschreibende Frauen haben unendlich viel Spaß daran, Männer umzubringen. Manchmal einfach nur so, in der Tradition Ingrid Nolls: will ja nur spielen. Manchmal aus frommer Lust an der Bereicherung - als Witwe, das ist bekannt, lebt es sich gänzlich ungeniert. Und immer öfter in höherem Auftrag: so etwa, wenn sich eine Truppe patenter Freundinnen zusammentut, um die geschlagene, entwürdigte, entrechtete und geknechtete Freundin von ihrem gewalttätigen Gatten zu befreien. Der Trend ist eindeutig. Männer werden ihrer gerechten Strafe zugeführt, mehr und mehr per Lynchjustiz, denn es herrscht die Überzeugung vor, dass der Rechtsstaat (vulgo: das patriarchalische System) zu „Gerechtigkeit“ oder wenigstens einem ordentlichen Verfahren nicht in der Lage ist. Henning Mankell lässt grüßen.
Dieses Muster taucht nur wenig variiert in Büchern auf, die es auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft haben, woraus man schließen muss, dass es auch bei den Leserinnen beliebt ist. Es sind ja nunmal Frauen, die jene Bücher kaufen, die Männer nicht lesen. Mir jedenfalls ist noch kein Mann begegnet, der seine Lesefreude daran zugegeben hätte, so dass ich noch immer auf Antwort warte auf die Frage: wie fühlt man sich eigentlich nach der Lektüre von Männer-schlagen-Frauen-und-missbrauchen-Kinder-Romanen? Oder nach dem zigsten Tatort darüber? Lässt euch das kalt? Oder macht ihr vorsichtshalber bei jedem #aufschrei mit, damit alle wissen, dass ihr anders als die anderen seid?
Beim neuesten Bestseller von Nele Neuhaus, „Böser Wolf“, geht es um Kinderschändung, zu der sich Männer aus den besten Kreisen der Gesellschaft verschwören. In Camilla Läckbergs friedlich-freundlich betiteltem Krimi „Der Leuchtturmwärter“ geht es um etwas, das im schwedischen Fjällbacka offenbar Tradition hat: um Frauenmisshandlung, die mindestens jede zweite Frau des ansehnlichen Romanpersonals erdulden musste. Alternativ: Missbrauch, als Kind. Oder beides. Auch hier scheint nur Eigeninitiative der Opfer zu helfen, denn die halbwegs netten Männer sind so, wie einer der ihren heißt: Matte.
Dass es solche Verbrechen und solche Verbrecher gibt – keine Frage. Thema für einen Krimi? Gewiss doch. Aber die Sache scheint sich zum Trend auszuwachsen, der weit über die Kriminalitätsstatistik hinausschießt. Heißt das was? Und wenn ja – was genau?
Überraschende Erkenntnis: ein Dauerbestseller passt auf den ersten Blick gar nicht, auf den zweiten um so besser zu den Krimis auf dem Nachttisch – Shades of Grey, Softporno und Romanze in einem. Der Roman erzählt mitnichten von der weiblichen Lust an der Unterwerfung und männlicher Dominanz, er erzählt ganz im Gegenteil von der Umerziehung des Biestes zum überirdisch perfekten Liebhaber: niemand macht es so gut wie der reiche, schöne und auch ansonsten perfekte Mr. Grey. Shades of Grey ist die ultimative Kampfansage an den Mann.
Im Krimi wird er als Monster umgebracht. In Shades of Grey wird er umerzogen. Gefährlicher für den Mann als die mörderische ist die erotische literarische Phantasie. Der Mann zwischen Verteufelung, Verachtung und Überforderung: wenn Frauenlektüre Gebrauchsanweisung wäre, hätte die Beziehung zwischen Mann und Frau keine Chance mehr.
Hat Flaubert in seiner „Madame Bovary“ den Einfluss der die weibliche Phantasie stimulierenden Literatur überschätzt? Aber sicher doch. Heute verwechselt natürlich keine Leserin mehr den Roman mit der Wirklichkeit. Und wenn doch?


Aus Literarische Welt, 30. 3. 2013

Samstag, 16. März 2013

Das öffentlich-rechtliche Sturmgeschütz

“In Deutschland gründet sich gerade eine neue Partei, die Alternative für Deutschland, deren Hauptziel eine Auflösung der Währungsunion in ihrer gegenwärtigen Form ist. Darüber wird bislang im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht berichtet, wohl aber auf der Website der Tagesschau, so geschehen am 12. März. Ohne näher auf die (absolut verfassungskonformen) Ziele der Partei einzugehen, wird sie dort als rechtspopulistisch und in der Nähe des Rechtsextremismus eingestuft und heftig gegen sie polemisiert. Das Interessanteste ist aber die anschließende Diskussion des Artikels im Forum der Website: Nach etwa 150 Kommentaren, von denen die meisten positiv zur neuen Partei und befremdet über die Polemik Stellung nehmen, schließt der Moderator das Forum; alle Argumente seien ausgetauscht, heißt es da. Man kann zu der neuen Partei stehen, wie man will. Aber das das staatliche Fernsehen Propaganda der übelsten Sorte betreibt, ist widerwärtig. Man hätte es eher dem iranischen Staatsfernsehen zugetraut, zumal die Tagesschau-Website ja mit einer “Demokratieabgabe” finanziert wird. Der Begriff bekommt eine ganz neue, geradezu “volksdemokratische” Dimension.”
Freytag in der Wirtschaftswoche

Die Volten, die Patrick Gensing hier schlägt, sind in der Tat atemberaubend:
Tagesschau

Und was sich alles so Experte nennt! Alexander Häusler jedenfalls hält auch auf glatter Fahrbahn Richtung: hier.
Immer schön nach links

Donnerstag, 14. März 2013

Alternative für Deutschland

Na klar, die Piraten haben mehr Spaß gemacht. Nicht der Nerds und Sandalenträger wegen, Medienmenschen mochten die ansehnlichen Piratinnen. Und vor allem konnte man sich einbilden, mit den Piraten der Jugend auf der Spur zu sein.
Das hat die „Alternative für Deutschland“ nicht zu bieten. Gepflegte ältere Herren mit korrektem Schuhwerk und eine Minderheit ebensolcher Damen prägten das Bild während der Auftaktveranstaltung der frisch gegründeten Partei in Oberursel. Doch die hatten das Taunusstädtchen für kurze Zeit an den Rand des Zusammenbruchs gebracht, nicht durch Demonstrationen, sondern durch Kolonnen von Mittelklassewagen auf der Suche nach einem legalen Parkplatz. So sittsam sind die Rebellen von heute. Ich entschied mich nach einem längeren Autokorso für einen illegalen.
Die Stadthalle Oberursel war mit schätzungsweise 1200 Besuchern überfüllt. Und obzwar man unter den Anwesenden überwiegend CDU- und FDP-Wähler vermuten durfte, knisterte die Spannung. Aufbruch! Wann, wenn nicht jetzt? Applaus und Pfiffe wie einst beim Teach-In 1968. Wutbürger unterwegs? Oder Alt-68er, die sich mit dem Aufstand noch auskennen?
Es sollte ursprünglich nur eine Diskussionsveranstaltung zwischen Konrad Adam und Alexander Gauland, Beatrix von Storch und Joachim Starbatty werden, zwischen zwei konservativen Publizisten also, einem von Beginn an eurokritischen Ökonomen und der Vorsitzenden der „Zivilen Koalition“, die erfolgreich gegen die „Altparteien“ mobilisiert. Statt dessen gab es die begeistert beklatschte Auftaktveranstaltung einer neuen Partei: „Die europäische Schulden- und Währungskrise hat viele Menschen davon überzeugt, dass die Altparteien zu einer nachhaltigen, transparenten, bürgernahen, rechtsstaatlichen und demokratischen Politik nicht imstande oder nicht willens sind. Wir formulieren Alternativen zu einer angeblich alternativlosen Politik“, heißt es im Programm.
Altparteien? Nachhaltig? Bürgernah? Alternativ? Vokabeln aus der Schublade aller alternativ Bewegten der letzten 30 Jahre. Ein Signal an jene Protestwähler, die einst Piraten wählten? Aussichtsreicher ist, dass die Neo-Alternativen mit ihren beiden eher konservativen Frontmännern Adam und Gauland bei der CDU abräumen. Nicht auszuschließen, dass die Neuen der FDP den Todesstoß versetzen, falls es dessen noch bedarf. Gut möglich, dass man nicht zuletzt die größte Partei von allen zu mobilisieren vermag: die Nichtwähler.
Wer nach der Stimmung in Oberursel geht, könnte ans Gelingen glauben. Sicher, die „Alternative“ ist mit ihren konservativen Häuptlingen Adam (71) und Gauland (72) nicht gerade das Flaggschiff der Jugend. (Die stellt allerdings auch nicht die Masse der Wähler.) Und die Vielzahl von Professoren unter den Erstunterstützern legt den Schimpfnahmen „Professorenpartei“ nahe – wir erinnern uns an den Wahlkampfschlager von einst: „Professor aus Heidelberg“. Doch der dritte Häuptling hat wenig akademisch-Steifes an sich, obwohl Bernd Lucke Ökonomieprofessor in Hamburg ist. Eloquenz, Selbstironie und jungenhafter Charme machen den 50jährigen zu jemandem, der das nötige Charisma liefern könnte.
Es mag der „Alternative“ an Optik fehlen und am Charme eines großspurigen „Projekts“ wie der „liquid democracy“. Doch sie liefert etwas, was die auf Gefühl getrimmten „Altparteien“ nicht mehr im Angebot haben: gute und gut begründete Argumente. Es dürfte eine nicht geringe Anzahl von Wählern geben, die das Menscheln der politischen Drückerkolonien und die schummrige Beleuchtung dank der zu Wahlkampfzeiten üblichen Nebelwerferei satt haben und die bemerkt haben, dass es in einigen vitalen Fragen im Bundestag keine Opposition mehr gibt. Sie dürften sich vom klaren, knappen Programm der „Alternative“ angezogen fühlen.
Auf die Eurorettungspolitik bezogen: der Bundestag hat bislang Vertragsbruch (Aufgabe der No-bail-out-Klausel und Übergang zur Transferunion) sowie Selbstentmachtung (Verzicht auf das Budgetrecht) weitgehend klaglos mitgetragen. Schließlich, so heißt es ja stets, gehe es um geheiligte Werte: Solidarität, Europa, Frieden. Dabei entgeht keinem aufmerksamen Beobachter, dass der Euro Europa nicht zusammengeführt, sondern die Beziehungen in der Eurozone bis zur Feindseligkeit verschlechtert hat. Die wahren Verhältnisse liegen unter einem Dunst vom Newspeak: da wird als „Solidarität“ (mit den Griechen etwa) verkauft, was höchstens den Banken und der Nomenklatura nützt. Und in der Gleichung „der Euro ist die EU ist Europa“ kommt dem Euro alles zugute, was man sich von Europa erwünscht: Frieden, vor allem. (Dabei ist die lange Friedensperiode der Nachkriegszeit eher Ergebnis des Kalten Kriegs – aber wen schert das?) Auch, dass nur ein geeintes Europa China und den USA Paroli bieten könnte, ist wenig glaubwürdig, solange sich die Mehrheit der Euroländer an der Klippe zum Abgrund bewegt. Zur Not greift man in den deutschen „Altparteien“ zum erpresserischen Manöver, Deutschland habe die Transferunion mitsamt Schuldenberg und Rechtsbruch „der Vergangenheit wegen“ hinzunehmen.
Ob die „Alternative“ in der Ecke steht, in die sie wahrscheinlich schon bald gestellt wird? Konrad Adam nennt die Auflösung des „Eurozwangsverbandes“ und damit die Freiheit für diejenigen Staaten, die nicht mehr mithalten können, eine Frage des Anstandes, das Beharren auf der Einhaltung von Gesetz und Vertrag eine Frage des Rechts, und eine Volksabstimmung für den Fall, dass das Grundgesetz angetastet wird, eine Forderung des Bundesverfassungsgerichts. Das sollten nicht nur Konservative und Liberale mittragen können. Und ist es schon „rechts“, wenn die Partei sich „Alternative für Deutschland“ nennt? Noch gibt es Bundestagswahlen. Und dort treten nunmal deutsche Parteien an.
Wenn die neue Partei es schafft, in wenigen Monaten nicht nur das für den Wahlkampf nötige Geld, die nötigen Köpfe (vielleicht auch weibliche und jüngere?) und die Stimmen zu organisieren, die sie braucht, um zur Wahl zugelassen zu werden, wird die Bundestagswahl 2013 spannend.
Und wenn sie nur dazu dient, der FDP einen Tritt in den Hintern zu versetzen, die offenbar glaubt, dass es schon reicht, wenn sie ihr Personal geordnet hat. Die großen Themen, die liberale Stimmen brauchen, zu denen neben der Eurokrise auch das „Energiewende“-Chaos gehört, hat sie anderen überlassen – zum Beispiel der neuen Partei, die sich schon deshalb als „Alternative“ anpreisen darf. Wie nennt man das noch, wenn jemand aus Angst vor dem Tod Selbstmord begeht?

Mittwoch, 13. März 2013

So macht Journalismus Spaß!

Es ist immer wieder lustig, die Berichterstattung über Angelegenheiten zu lesen, die man selbst beobachtet hat. Der junge Mann, der für das Wallstreetjournal über die erste Veranstaltung der neugegründeten „Alternative für Deutschland“ berichtete, hat mir viel Vergnügen bereitet. Dass er noch einigermaßen jung ist, weiß ich aus eigener Anschauung. Die Frage des Alters ist hier wichtig, wie man bald sehen wird…
Erste Beobachtung von Christian, wie ich ihn mal nennen will: auf die AFD „trifft zu“, was Lenin über deutsche Revolutionäre sagte: bevor sie den Bahnhof stürmen, kaufen sie eine Bahnsteigkarte. „Trifft zu“? Von Revolution war bei dieser Versammlung nicht die Rede, soweit ich es mitgekriegt habe.
Doch was ist es anders als eine Revolution, wenn die Alternativler „die Verhältnisse in Europa auf den Kopf stellen“ wollen, insistiert mein Gewährsmann? Das wäre es womöglich, wenn sie das denn wollten. Aber soweit ich das verstanden habe, wollen sie die Verhältnisse in Europa ganz konservativ in Ordnung bringen: wo Rechtsbruch herrscht (Bruch der Maastricht-Verträge), soll wieder Rechtsstaatlichkeit einkehren.
Aber das hätte dem Kollegen ja den Gag verhagelt: denn siehe da, die Anhänger der Alternative (Anhänger? War da nicht auch bloßes Publikum dabei sowie jede Menge JournalistInnen?) kommen „wenig umstürzlerisch daher“. Klar. Wenn sie doch gar keine Umstürzler sind?
Nun gut. Die wenig umstürzlerischen Revolutionäre mit den grauen Schöpfen waren in der Mehrheit. Kommen wir zum Frauenanteil der Versammlung. Der war nicht nur schmal, er wurde überdies von „Gattinnen“ gebildet. Hat der Kollege etwa alle Frauen auf ihre Gattinnenhaftigkeit überprüft? Das wäre bei 1200 Anwesenden eine steile Leistung. Und was soll der Terminus „Gattin“ signalisieren? Dass diese Frauen weder aus eigenem Antrieb noch eigenem Interesse anwesend waren? Wenn es sich um junge Frauen gehandelt hätte, müsste man Christian wohl einen Sexisten nennen. Aber bei älteren - womöglich gar kinderlosen Rentnerinnen oder pensionierten Studienrätinnen – darf man sowas ja wohl mal sagen, oder? Die kann man doch gar nicht mehr beleidigen, gell?
Halten wir dem Berichterstatter zugute, dass der Gattinnenbegriff sich aus der Behauptung erklärt, dass es „die alte Bundesrepublik“ sei, die sich hier getroffen habe, Menschen, „die Wiederaufbau und Wirtschaftswunder selbst (sic!) erlebt haben“ und die „zurück zur D-Mark“ wollen. Klar, so Leute haben Gattinnen.
Aus eigener Anschauung möchte ich dem Befund allerdings widersprechen. Die Wi-Wi-Generation findet sich eher bei den Jahrgängen 1920 ff. Was sich in Oberursel versammelte, war, zum Teil deutlich sichtbar, eher die Alt-68er Generation. Die tatsächlich einst im Mai dazugehört haben, kennen sich aus mit Aufruhr, d. h. sie wissen oft aus eigener Erfahrung, wie öde Revolutionen sind und wie schön ein respektabler Rechtsstaat sein kann.
Aber macht nix, der Punkt ist gesetzt: alte Säcke, keine schönen Piratinnen dabei, und rückwärtsgewandte Nostalgie: D-Mark! Das riecht nicht gut.
Und dann auch noch dieses: Im Saal wird gebuht, als „eine Unterstützerin aus England“ (Gattin? Von wem?) (oder gibt es „Gattinnen“ nur bei diesen reaktionären Deutschen?), als also eine Dame den Namen „Alternative für Europa“ vorschlägt, weil, so unser Beobachter, das „Deutschland“ im Namen die Initiative in die rechte Ecke stellen könnte. Das aber schert die Graubeschopften mit ihren Gattinnen nicht. Wehret den Anfängen?
Ehrlich gesagt: ich hatte das Gefühl, dass der eine oder andere Unmutslaut eher damit zu tun hatte, dass die Partei zu den Wahlen zum deutschen Bundestag antreten will und nicht zur Europawahl und dass es daher zunächst um eine Alternative „für Deutschland“ gehen muss, auch wenn die sich auf Europa segensreich auswirken könnte. Aber lassen wir das.
Denn dass die Sorge, „die falschen Leute“ anzuziehen, nicht unberechtigt sei, meint unser Beobachter, zeige sich am Ende der Veranstaltung. Da versuchte sich „die NPD als Trittbrettfahrerin“ und verteilte „Flyer in Form von wertlosen Euro-Scheinen“.
Ach, Christian. Wenn Du wüsstest, was für irrsinnige Flugblätter schon bei Versammlungen von SPD und Grünen verteilt wurden! Aber das weiß man vielleicht nicht, wenn man noch jung ist.
Ja, schon schade, dass die AFD so wenig hübsche junge Frauen zu bieten hat. Aber es war irgendwie beruhigend, dass keine Männer in Sandalen anwesend waren. Soweit ich das beobachten konnte.

Am Gängelband

"Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit." (Marie von Ebner-Eschenbach)

Er meint es gut. Und deshalb fällt es so schwer, etwas gegen ihn einzuwenden. Er will doch nur unser Bestes! Und das nimmt er sich gegebenenfalls auch, unser Vater Staat: Die Freiheit.
Der Wolf trägt einen blütenweißen Schafspelz. Die Zeit der unterdrückenden Staatsmacht ist lange vorbei. Wir haben es heute statt dessen mit einem Rundumsorglos-Paket zu tun, mit dem sich der Ammenstaat empfiehlt: Von der Wiege bis zur Bahre gegen alle Fährnisse des Lebens versichert. Vorausgesetzt, wir gehen kein Risiko ein, meiden jedes Abenteuer, rauchen nicht, trinken keinen Alkohol, haben keinen Sex mit dem Falschen, essen das aktuell als Richtige erkannte und auch das nur in Maßen – kurz: mäßigen uns, bis in die Weltanschauungen hinein. Ein selbstbestimmtes Leben? Mit der Freiheit, das Falsche zu tun und das Maßlose zu denken? Nichts da. Hauptsache gesund, bevor wir sterben!
Es ist schwer, Menschen und Institutionen mit guten Absichten zu widersprechen. Wer wollte ernstlich bezweifeln, dass der moderne Staat westlicher Prägung ein Segen ist? Gewaltmonopol, Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit – alles Errungenschaften, die private Willkür eindämmen. Gleiches gilt für den Sozialstaat. Er verhindert, dass Hilfsbedürftige von der womöglich unzuverlässigen Großzügigkeit der anderen abhängig werden.
Doch mittlerweile wirkt der Sozialstaat wie eine Agentur für Brot und Spiele – und wir wie glückliche Sklaven, die ihre Freiheit nicht vermissen, solange da einer ist, der sich „kümmert“.
Deutschland, so liest und hört man, ist ein Land mit einer gut ausgebildeten, kreativen, fleißigen Bevölkerung, innovativ und vorwärtsstrebend. Alles keine Egoisten und Solidaritätsverweigerer, sie spenden viel und gern und zahlen Steuern auch für Dinge, die man für Geldverschwendung halten könnte. Womit also haben sie es verdient, dass sie von Politikern wie Meinungsmachern wie eine Versammlung von hilfsbedürftigen Kreaturen behandelt werden, die nur dann das Richtige tun, wenn man sie moralisch erpresst? Und die man, falls das nicht reicht, maßregelt, per Gesetz? Sind sie alle kleine Häwelmanns, die man mit milden Gaben ruhigstellen muss, damit sie nicht andauernd „Mehr! Mehr!“ rufen?
Und die so bedürftig aus der Wäsche schauen, dass Politiker sich tröstend über sie beugen müssen, um mit heiligem Ernst zu verkünden, „die Menschen“ „an die Hand“ oder „in die Mitte“ oder gar „in den Arm“ nehmen zu wollen, um sie „abzuholen, wo sie stehen“?
Ja, der Staat hat seine Menschen lieb. Möchte sie mit sozialer Wärme überfluten. Will ihnen helfen. Fördert, statt zu fordern. Egal, ob sie das brauchen. Egal, ob sie sich hilfsbedürftig fühlen. Denn sind sie nicht alle irgendwie notleidend/behindert/diskriminiert/unterdrückt, wenn schon nicht direkt, dann doch wenigstens potentiell? Also auch: potentielles Objekt der Fürsorge? Irgendwas findet sich doch immer!
Ach, Demokratie ist großartig. Sie hat nur ein paar kleine Nachteile. Politiker, die sich in einer Demokratie Wahlen stellen müssen, lieben Objekte der Fürsorge. Denn nur an ihnen können sie beweisen, wie unentbehrlich sie sind. Und so versprechen sie vor jeder Wahl – und wann steht schon mal gerade keine an? – Wohltaten aller Art. Das Ergebnis ist ein ausufernder Sozialstaat, der nur noch am Rande tut, was er soll: den Hilfsbedürftigen helfen. Vor allem unterhält er eine stetig wachsende Hilfsindustrie. Das Helfen ist ein boomender Erwerbszweig. Und wie das so ist, wenn ein Modell erfolgreich ist: es muss wachsen. Schon deshalb wird die Art der Notlagen immer bunter und die Zahl Hilfsbedürftigen beständig größer. Auch das vermeintlich einfach nur Gute hat seine Lobby.
Der Kollateralschaden, den der Rundumsorglosstaat anrichtet, ist nicht zu unterschätzen. Seine Fürsorge löst Lähmung aus. Manch einer schafft es gerade noch zum empörten Aufschrei oder zur deprimierten Klage, aber nicht mehr zur Selbsthilfe. Das Leben wirkt wie weichgespült von all den Wärmewellen, die Politiker in Sonderheit zu Wahlkampfzeiten durch das Land schicken.
Gewiss, Hilfe und Fürsorge tun hier und da not, auch in einem so wohlhabenden Land wie Deutschland. Der Ammenstaat aber gebiert Respektlosigkeit. Denn wem geholfen werden muss, der ist nicht auf Augenhöhe. Der ist abhängig. Egal, wie lieb man ihn in den Arm nimmt. Der umarmungsfreudigen Kuschelkultur fehlt es an Respekt, den zivilisierter Kontakt braucht.
Gewiss ist es respektlos, ältere Menschen übersehen. Noch respektlos ist womöglich, sie zu unterschätzen. Man ist ja nicht qua Lebensalter hilfsbedürftig. Doch viele Debatten um die allgemein gestiegene Lebenserwartung kreisen nicht um die Chancen, die sich daraus ergeben, sondern beklagen die Risiken. Ja, gewiss, die Wahrscheinlichkeit ist groß, sagen jedenfalls die Gesundheitsstatistiker, dass etwa ein Drittel der Menschen über 80 pflegebedürftig wird. Aber was ist mit den restlichen zwei Dritteln? Die weder Rollator noch Seniorenpass benötigen?
Ähnlich die Diskussion ums „Prekariat“ oder die Generation Praktikum. Kann man Studenten ernsthaft zu den Armen im Lande zähen? Sind junge Menschen bemitleidenswert, nur weil sie nicht direkt nach der Ausbildung das Glück einer Festanstellung bis zur Bahre genießen? Gibt es keine anderen Träume als die aus der Angestelltenwelt? Könnte es nicht entschieden reizvoller sein, das Risiko der Selbständigkeit oder gar des Unternehmertums einzugehen? Der Ammenstaat, unterstützt von der Medienlust an den schlechten Nachrichten, fördert Ängstlichkeit, Muckertum und Anspruchsdenken. Er macht hilflos.
Das sind die schuftigen Seiten der Hilfsbereitschaft. Auf Dauer Hilfsbedürftige sind nämlich viel bequemer als alle, die sich aus der Abhängigkeit lösen und sich womöglich anschicken, aufzuschließen, ja zu überholen. Helfen, mit Geld und liebevoller Zuwendung, ist einfacher, als Konkurrenz zu ertragen. Und deshalb zieht auch der helfende Staat es vor, wenn seine „Klientel“ immer genau das bleibt. Klienten und Patienten. Im gut gepolsterten Handschuh der Fürsorglichkeit lauert die Entmündigung.
Nein, das ist kein Plädoyer gegen Hilfsbereitschaft oder gar für. Aber wahres Mitgefühl ist keine gefühlstriefende Betroffenheit, die jede Distanz vermissen lässt. Respekt heißt auch, niemanden, im Guten wie im Bösen, zu unterschätzen.



Donnerstag, 28. Februar 2013

Zettels Tod. Nachruf auf einen der produktivsten deutschen Blogger.

Er nannte sich "Zettel". Irgendwann begannen wir, einander zu schreiben, per Mail, mal intensiv, mal weniger häufig. Daraus wurde Seelenfreundschaft.

Persönlich kennengelernt haben wir uns nicht, seinen "bürgerlichen" Namen hätte ich erfahren dürfen, aber das wollte ich irgendwann gar nicht mehr. Wir kannten uns ja, intim genug, auf einer anderen Ebene, die in vieler Hinsicht Übereinstimmung hieß. Nun ist er tot und er fehlt.

Wie schreibt Kallias, einer seiner Mitstreiter, in einem Nachruf ? "Es ist erstaunlich, wie nahe einem ein Mensch kommen kann, den man nur in Form von Buchstaben auf dem Bildschirm kennt, und wie sehr sein Los einen dann trifft."

Er und ich sind nicht die einzigen, mit denen Zettel korrespondierte - und erst recht nicht die einzigen, die sich verlassen fühlen, weil sie seine Worte wie das täglich Brot vermissen.

Daraus hätte er vielleicht eine seiner heiter-weisen Marginalien gemacht: wie man aus der Trauer um einen nur virtuell Bekannten schließen könne, dass menschlicher Kontakt keineswegs auf personale Anwesenheit angewiesen ist, wie Intimität offenbar gerade in der digitalen Welt gedeihen kann, und dass Anonymität mitnichten zur allgemeinen Verrohung und Entfremdung beitragen muss. Aber natürlich hätte er das alles weit eleganter formuliert.

"Zettels Raum" gab es nicht ganz sieben Jahre lang. Im Juni 2006 begann der Mann, der sich Zettel nannte, mit großen Essays: über das "Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz" und über Robert Gernhardt, über die Fußballweltmeisterschaft und über Meinungsumfragen, über Vergleiche und ihre Zulässigkeit, über Nationalhymnen und über Tugend.

Fast jeden Tag bloggte der emeritierte Professor, Naturwissenschaftler, soweit bekannt, über alles Erdenkliche. Von Lotto zum Klima, von Olympia nach Arabien: "Alles interessant für mich; und hoffentlich auch für den Leser." (aus dem Interview in der Welt). Er verteidigte den Verstand gegen das Gefühl, das freie Wort gegen die ängstliche Korrektheit. Ideologisieren und Moralisieren waren ihm unangenehm, und wenn wieder mal irgendwo aufgeschrien wurde, fand man bei Zettel kluge Argumente statt Hysterie.

Insbesondere im Frühjahr 2011, als man in Deutschland nicht die Opfer des Erdbebens in Japan beklagte, sondern mit Blick auf den havarierten Reaktor in Fukushima die eigenen Ängste pflegte, war "Zettels Raum" eine Oase der Vernunft. Mit der Distanz des Naturwissenschaftlers und unter akribischer Analyse internationaler Quellen gab er der medialen Aufregung ein Gegengewicht der Aufklärung. Als ob er geahnt hätte, dass der überstürzte "Ausstieg" eine folgenreiche Wende für Deutschland einleiten würde - nicht übrigens für die Energie, die man bekanntlich nicht wenden kann.

Sein Sachverstand fehlt nun, schon jetzt schmerzhaft spürbar. Kurz noch hat er über die Wahlen in Italien spekuliert und Bundespräsident Gaucks Vorschlag unterstützt, Englisch zur europäischen lingua franca zu machen. Über die Weltmacht USA hat er geschrieben, über den Fall Gysi, über Mali - und eben über jene "Energiewende", die er "kollektive Besoffenheit" nannte.

"Man wollte den deutschen Sonderweg", schrieb er am 21. Februar, "wieder einmal mit sehr deutscher Überheblichkeit. Dieser Sonderweg, auf dem niemand sonst unterwegs ist, wird unweigerlich in die Wüste führen, nämlich in die Armut. Keine Volkswirtschaft kann Kosten von Tausend Milliarden Euro tragen, ohne dass der Wohlstand sinkt."

Kurz danach erhielt ich eine Mail von ihm, die mich irritierte: "Ich denke über eine Initiative für die FDP nach. Etwas in der Art des Wahlkontors von Günter Grass für die SPD (...) Man muss der FDP in den Hintern treten. Als Partei gegen die 'Energiewende' käme sie vermutlich locker über die fünf Prozent."

Wahlkampf für die FDP? Zettel schrieb mir einmal, er sei einst ein braver Sozialdemokrat gewesen, ein Willy-Wähler. Aber ich wüsste nicht, dass er unterdessen zum Parteigänger der FDP geworden wäre. Als liberaler Geist findet man in keiner Partei ein Zuhause. Und gerade der FDP hat er oft genug übel genommen, dass sie es an just dem liberalen Geist vermissen ließ. Warum nun das? Weil es um die Wurscht geht, schrieb er. Für die FDP gewiss: es ist ja ganz und gar nicht ausgeschlossen, dass sie im September aus dem Bundestag verschwindet.

Doch ginge auch die liberale Idee mit ihr unter?

Einerseits nein. Diese Idee hat es ja schon jetzt schwer genug. Im deutschen Alltagsbewusstsein scheint es längst nur noch rechts oder links zu geben, oder vielmehr: was nicht links ist, gilt als rechts. Liberal wird mit konservativ verwechselt, konservativ als rechts denunziert - zurück bleibt eine Art linker Mainstream ohne profilierte Alternative. Daran ist die FDP alles andere als unschuldig, wo man sich nur noch ums schiere Überleben zu kümmern scheint, aber nicht um die Substanz.

Dabei geht es wirklich um die Wurscht, nicht nur für die FDP, sondern fürs ganze Land. Der am Vorabend einer Landtagswahl von der Kanzlerin überraschend verkündete und mit Fukushima begründete Schnellausstieg aus der Atomenergie hat, absehbar, nichts als Chaos produziert.

Nicht eine einzige Rahmenbedingung für den Übergang zur Nutzung "alternativer" Energien stand und steht. Das einzige, was funktioniert, ist die Politik der falschen Anreize: Für den, der es sich leisten kann, den Eigenheimbesitzer, lohnt es sich, in wenig energieeffiziente Solarpaneele zu investieren, das nützt zwar nicht der Allgemeinheit, aber, dank üppiger und langfristig garantierter Subventionen, ihm selbst.

Und soll man es den Bauern verübeln, wenn sie ihre Äcker für gutes Geld an all die Windmacher verpachtet, die in Goldgräberstimmung einen Goliath nach dem anderen in die Landschaft stellen? Absahnen, solange es noch geht, lautet offenbar die Devise. Nach uns die Sintflut.

Der Wind aber weht, wie er will, die Sonne scheint, wann es ihr passt, und die paradoxen Folgen haben unsere Nachbarn zu tragen: sie sollen uns den Strom abnehmen, wenn wir zuviel davon haben, und aushelfen, wenn wir zu wenig produzieren. Deutschland, dessen Politiker gemeinhin Europa über alles stellen, befindet sich energiepolitisch im Alleingang.

Wenn selbst der zuständige Minister mit Folgekosten von einer Billion Euro rechnet, kann man sicher sein, dass der Preis im Endeffekt höher liegen wird. Man muss vielleicht nicht gleich die Deindustrialisierung Deutschlands fürchten, aber es fragt sich in der Tat, wie ein mit bereits zwei Billionen Staatsschulden belastetes Land, das sich überdies "Solidarität" für die fallierenden Staaten in seiner Nachbarschaft abverlangt, auch diese Last noch tragen will. Ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Geld der Bürger sieht anders aus.

Die sogenannte Energiewende ist ein Musterbeispiel für all das, was schiefgehen kann, wenn sich der Staat Lenkungsfunktionen anmaßt. Wenn es ein Thema für eine liberale Partei gibt, dann dieses hier.

Wird die FDP den Mut haben, sich dieses Themas anzunehmen, auch wenn es der dahinsiechenden Regierungskoalition den Rest geben dürfte? Ja, hat man dort überhaupt schon begriffen, dass es um die Wurscht geht?

Und hätte Zettel, wie weiland Grass, genug Mitstreiter gefunden, die mit geballter Meinungsmacht dafür sorgen, dass die FDP den Schritt nach vorne tut, den ihr offenbar nur ein Tritt in den Hintern vermitteln kann?

Ich bin dabei, habe ich ihm nach einigem Zögern geschrieben. Eine Antwort erhielt ich nicht mehr.

Zuerst in Die Welt, 27. 2.2013

Wir Untertanen.

  Reden wir mal nicht über das Versagen der Bundes- und Landesregierungen, einzelner Minister, der Frau Kanzler. Dazu ist im Grunde alles ge...