Samstag, 21. Juli 2012
Digitale Einsiedler
Es ist also wahr: Deutschland schafft sich ab! Die Deutschen leben mehr und mehr allein, lese ich, vor allem in den Städten. Die Internetnutzung aber hat zugenommen: gut 75 Prozent tun es täglich, ja: andauernd. Das muss zusammenhängen. Was also hat die Wissenschaft herausgefunden? Das, was sie schon im 19. Jahrhundert wusste, als die Seuche des Romanelesens die Frauen erfasste: Das kann nicht gutgehen!
Nach neuesten Erkenntnissen macht nicht nur das Fernsehen, sondern auch die Nutzung digitaler Medien wenn nicht gleich dick, dumm und gewalttätig, aber ganz bestimmt süchtig. Was daraus folgt, ist klar: Die Deutschen sterben aus – an den Risikofaktoren Einsamkeit, Virtualität und Übergewicht. Deutschland – eine Hölle sozialer Kälte, besiedelt von lauter Couchpotatos, die nur bei Fußballspielen unter die Leute gehen, sofern diese vor einem Großbildfernseher stehen. Und Sex? Wenn überhaupt, dann nur noch virtuell.
Steile Thesen, die zeigen, das wenigstens eins noch funktioniert: Arbeitsbeschaffung für das Kommentariat. Für den Kulturkritiker, der Gelegenheit hat, die Krise zu segnen, die uns wieder zusammenrücken lasse. Für den Ökoklimabioaktivisten, der kommende Not auf uns herabwünscht, die alle in die Vorgärten schickt, Gemüse pflanzen. Und für die Architekten, die schon lange über neuen Wohnkästen grübeln, die uns das Monadische mit mehr als nur sanftem Druck austreiben sollen. Insbesondere Politiker mögen solche Thesen. Da kann man wieder von menschlicher Wärme schwärmen und Wähler in den Arm nehmen, um sie abzuholen, wo sie stehen, auch wenn sie lieber dort bleiben möchten. Digitale Verwahrlosung? Nicht mit uns!
Wir Digitaleinsiedler lassen sie reden. Nicht jeder Mief, der sich menschliche Wärme nennt, ist angenehm. Und soviel Sex gibt es gar nicht, den wir nicht verpassen möchten. Wir leben zwar allein, sind aber nicht einsam, denn uns steht die Welt offen. Das Netz der Wunder erspart soziale Kontakte der unerfreulichen Sorte und eröffnet das Tor zu ungeahnt neuen. Allein und digital. Und über uns der Sternenhimmel.
Schon, als das Online-Banking begann, war ich dafür: Es hat mir noch nie Spaß gemacht, in meiner knappen Freizeit vor einem Schalter anzustehen und mir von einem gelangweilten Bankbeamten den mühselig per Hand ausgefüllten Überweisungsschein abstempeln zu lassen. Der prompt zurückkam: wegen der Handschrift. Unleserlich.
Das heißt natürlich nicht, dass man seine „Bank-Geschäfte“ nun gleich blöde lächelnd mit dem Notebook vom Strand aus erledigen muss, wie es die Banken für werbewirksam halten. Am Strand hat man anderes zu tun. Viel schöner ist, dass vor dem Strand heute nicht mehr das Anstehen liegt: vor Check-in-Schaltern auf Flughäfen oder vor den Tickettheken der Deutschen Bahn. Noch besser: man kann das Reisen gleich ganz lassen. Ein Besuch bei Google World hilft Krampfadern und tückische Flugzeugkeime meiden.
Erzählt mir nichts! Menschliche Kommunikation ist selten ein Quell der Geselligkeit oder der Freude, häufiger eine Quelle von Missverständnissen und Flugzeugabstürzen. Wir digitalen Einsiedler halten es deshalb prima allein zu Hause aus. Gewiss, man muss mal raus, Essen beschaffen. Aber ich freue mich schon auf die flächendeckende Einführung von Kundenscannerkassen. Womit warb noch ein bekannter Supermarkt? „Niemand bedient Sie so gut wie Sie selbst.“ So ist es.
Sein Erfinder muss den Vorzug reduzierten menschlichen Kontakts begriffen haben: der erste Supermarkt der Welt, der Bon Marché, den Aristide Boucicault 1852 in Paris eröffnete, erlaubte es, die Waren zu studieren, ohne mit jemanden in eine Verhandlung über ihre Preiswürdigkeit eintreten zu müssen. Das hob den Umsatz.
Es ist eine moderne Unart, das „Soziale“ zu romantisieren. Für unsere Vorfahren war die soziale Wärme, die aus Not entsteht, gewiss nicht erstrebenswert. Höchstens im Winter, wenn sich dichtgedrängte Leiber nachts aneinander wärmten, war die gemeinsame Schlafstatt nützlich. Und das Leben unter einem Dach mit Ziegen, Schafen, Schweinen und Kühen stählte zwar die Immunabwehr, aber mehrte nicht den Wohnkomfort. „Ein Zimmer für sich allein“, kurz: Privatleben ist eine Errungenschaft der Neuzeit, ein Privileg, ein Luxus, kein Mangel. Es kommt darauf an, was man draus macht. Die virtuelle Welt steckt voller Angebote.
Wir digitalen Einsiedler jedenfalls genießen die Freuden der Selbstbestimmung, ziehen uns wie Montaigne in unseren Turm zurück, auch wenn der zu klein sein mag für die 1000 Bücher, die Montaigne um sich versammelt haben soll. Doch die brauchen wir ja gar nicht mehr. Der Turmhocker von heute gebietet über viel, viel mehr, sitzt hinter seinen Mauern oder davor, lässt Rosen duften und öffnet die Pforte zur großen weiten Welt. Fliegt hinaus, ins Netz, in dem sich viele weitere Türen öffnen, hinter denen es Musik gibt, Bilder, Filme. Bücher. Wissen. Unzählige Geheimnisse, die auf ihre Entdeckung warten, die wir uns aus dem Datenstrom fischen und heimholen können. Nur 1000 Bücher? Monsieur Montaigne! Da geht noch mehr, viel mehr.
Asozial? Unsozial? Antisozial? Mitnichten. Die Nichte in Australien: wir begegnen uns täglich auf Facebook. Der Neffe in Frankreich stellt regelmäßig Bilder von klein Hugo und der noch kleineren Ambre ins Netz, das hält bis zum nächsten Besuch. Und gar nicht so weit entfernt sind die virtuellen Bekannten, mit denen man sich manchmal intensiver austauscht als mit den alten Freunden zu Zeiten der snailmail.
Ob wir denn niemals einer Menschenseele begegnen, wir digitalen Einsiedler? Oh doch. Oh ja! Aber das gehört nicht hierher. Das ist privat.
In: Literarische Welt, 21
. Juli 2012
Dienstag, 17. Juli 2012
Fragen einer zeitunglesenden Steuerzahlerin
Sehr geehrte Frau Bundeskanzler, liebe Angela Merkel,
Ihre Gegner respektieren Sie. Ihre Parteifreunde fürchten Sie. Ihre Wähler bewundern Sie. Und auch ich gestehe: Ich wäre gern wieder Ihr Fan.
Doch während der Wille da ist, erweist sich der Verstand als renitent. Ja, es ist bewundernswert, wie zäh Sie verhandeln, auch wenn zwischendrin nur ein, zwei Stunden Schlaf abfallen. Wie Sie Haltung bewahren, sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Wie bescheiden Sie sich geben, während italienische oder französische Gockel sich brüsten, über Sie gesiegt zu haben. Und dann dieses wunderbare „Nicht, solange ich lebe!“ – mit dem Sie jegliche gesamtschuldnerische Haftung in Europa zurückgewiesen haben. Fast wie einst Margaret Thatcher, die britische Madame No.
Klar, das war nicht ganz ernst gemeint. Denn Sie stehen für die schlichte, wenn auch ein wenig desillusionierende Erkenntnis, die da lautet: Politik ist, wofür sich eine Mehrheit findet. Was sich durchsetzen lässt, im ewigen Ringen um den Kompromiss. Da bleibt oft nicht viel übrig von jenen Zielen, mit denen man in die Manege gestiegen ist. In der Politik gilt: Der Weg ist das Ziel. Und das ewige Ringen mit den Wegelagerern, die zum Kuhhandel zwingen, rückt das Ziel täglich ferner, bis es nicht mehr zu erkennen ist. Ich jedenfalls sehe nichts mehr.
Nein, ich möchte keine Vision. Aber ich bitte um den Verzicht auf Nebelkerzen. Der Bundespräsident hat Sie gebeten, Ihren Wählern, Ihren Anhängern und der Bevölkerung „detailliert zu beschreiben“, was in und um Deutschland derzeit vonstattengeht und was das alles für die Zukunft bedeutet. Eine gute Idee! Erlauben Sie mir, schon mal ein paar Fragen zu stellen, vielleicht hilft das beim Antworten.
Um ganz klein anzufangen: Es geht um Solidarität mit Griechenland, heißt es immer. Das kommt bei den Deutschen gut an, die helfen gern. Aber wäre es da nicht besser, man entließe die Griechen aus der Zwangsjacke Euro? Bislang hat Ihre Hinhaltetaktik dort nur den Reichen und der korrupten Nomenklatura genützt. Wir Hilfsbereiten aber hätten gern, dass das Geld auch da ankommt, wo es „den Menschen“ nützt, wie es im Politjargon heißt. Könnte das längst pleitegegangene Griechenland abwerten, wäre es als Niedriglohnland wieder konkurrenzfähig, als Reiseland wieder attraktiv und wir wären dabei. Oder?
„Scheitert der Euro, scheitert Europa“, sagen Sie und deswegen muss gerettet werden, um jeden Preis, auch das, was nicht mehr gerettet werden kann. Aber haben wir nicht bereits ohne Euro gut miteinander gelebt? Und hat nicht erst der Euro wieder jene Zwietracht hervorgebracht, die wir überwunden glaubten? Glauben Sie wirklich, der Zwang zur gemeinsamen Währung könnte die Völker Europas dazu bringen, nach einem einzigen Rezept selig zu werden? Deutschland hat einst profitiert von seiner Kleinstaaterei, die für den Handel hinderlich gewesen sein mochte, aber durch Konkurrenz das Geschäft belebte. Wäre das nicht auch das Richtige für Europa?
Wir brauchen Europa, weil wir ein starkes Gegengewicht zu den USA oder China brauchen, heißt es immer wieder. Das verstehe ich. Doch Europa ist durch den Euro nicht stärker geworden, sondern schwächer. Niemanden beeindruckt ein Zusammenschluss von Fußkranken.
Überhaupt: was genau verstehen Sie unter Europa? Nur charmante Südländer, die es als Angriff auf ihre Lebenskultur ansehen, wenn man ihnen mit ausgeglichenem Haushalt, Steuerehrlichkeit und Rechtssicherheit kommt? Was ist mit Großbritannien und den skandinavischen Ländern, die man nicht erst groß umerziehen muss, was ordentliches Wirtschaften betrifft und die sich offenbar genau deshalb vom Europrojekt fernhalten? Was mit Polen, dem Erfolgsland in Osteuropa, unserem in vieler Hinsicht nächsten Nachbarn? Die deutsch-französische Freundschaft mag ein historischer Gewinn gewesen sein. Mittlerweile aber überlagert sie die weit existentiellere Bindung an die USA und die angelsächsische Welt mitsamt ihrer Liberalität und ihrem Pragmatismus. Das schadet uns, finde ich.
Kommen wir zur materiellen Seite. Deutschland profitiert am meisten vom Euro, deshalb, sagen Sie, habe es auch die größte Verantwortung. In Zahlen ausgedrückt, ist der deutsche Profit nicht recht festzustellen: der Export deutscher Güter innerhalb des Euroraums hat ab-, nicht zugenommen. Aber wir wollen nicht knauserig sein. Nehmen wir also die Verantwortung an. Doch worin besteht sie? Im bedingungslosen Geldspenden? Oder im Oktroy eines strengen Reglements?
Peinlicherweise sind gerade wir nicht unbedingt ein strahlendes Beispiel für erfolgreiche Reformpolitik. Es war Deutschland, 2003 unter Rotgrün, das als erstes Land gegen die Maastricht-Kriterien verstieß. Und ausgerechnet bei uns tut man so, als ob es immer so weiter gehen könnte mit dem fröhlichen Geldausgeben. Beispiel: das Betreuungsgeld, ein Milliardenprojekt, das nicht nötig wäre, wenn man Eltern selbst überlassen würde, wofür sie ihr Einkommen ausgeben, statt es ihnen wegzusteuern, um ihnen damit Geschenke zu machen.
Vorletzte Frage: wir brauchen eine Politische Union in Europa, sagen Sie. Dafür müsse jeder halt ein bisschen Souveränitätsverzicht üben. Die Deutschen würden das womöglich mitmachen, aus lauter Angst vor sich selbst, auch wenn ihnen niemand sagen kann, wie ein solches Gebilde aussehen und wie es funktionieren soll. Doch all die anderen, die ein besseres Verhältnis zu ihrem Nationalstaat und der eigenen Kultur haben, denken nicht daran, ihre Eigenständigkeit aufzugeben. Mit wem also soll sie zustandekommen, die Politische Union?
Im übrigen habe ich meines Wissens den Abgeordneten des Bundestags keinen Auftrag erteilt, deutsche Selbstbestimmung abzutreten, womöglich zugunsten eines Gremiums, das durch nichts legitimiert ist als durch irgendein „Expertentum“ hochbezahlter Beamter. Träume vom Regiment geistiger „Eliten“ geisterten ja bereits durch die Klimadebatte. Beruhigend ist das nicht: wenn von staatlichem Notstand die Rede ist, der es erzwinge, geltendes Recht und vergangene Beschlüsse fahren zu lassen und dem Wahlvolk kein Votum mehr lässt, wird es Zeit, den Anfängen zu wehren.
Können Sie, sehr geehrte Frau Bundeskanzler, den Verdacht entkräften, dass mit dem ESM-Vertrag der Weg zu einer Finanzdiktatur frei wird, womöglich unter der Ägide von Herrn Schäuble, und unter dem Applaus all jener, denen weder ihre Kultur noch ihre Freiheit etwas wert ist?
Aufgeschrieben von Cora Stephan, Autorin von „Angela Merkel. Ein Irrtum“. Mit aktuellem Vorwort erschienen im Juni 2012
Mittwoch, 11. Juli 2012
Ihre Freiheit, unsere Freiheit
Es war die Frage, die man angeblich nicht stellen darf, weil sie ja diskriminierend sei, die ihn zum Reden brachte: Die Frage, wo er denn herkomme? Aus Diyarbakir. Mehmet O. ist Türke. Nicht Hintergrund, sondern Vordergrund: So sah er aus und so sprach er auch, kein gepflegtes Deutsch, aber verständlich genug. Und er hatte viel zu sagen.
Dass man in der Türkei Kemal Atatürk, den Vorkämpfer der Republik und ersten Staatspräsidenten vergessen habe, den großen Reformer, der einst dafür sorgte, dass die Türkei ein säkularer Staat und der Einfluss der Religion zurückgedrängt wurde. Dass Staatspräsident Gül und Ministerpräsident Erdoğan den Vater der Türken und seine Reformen verraten hätten. Dass daran die Religion schuld sei.
Also der Islam? Nein, das nicht, da wurde er leise. Aber die falschen Priester, die die Religion entstellt hätten.
Private Gespräche mit Berliner Taxifahrern sind gewiss keine wissenschaftliche Basis für weitgehende politische Aussagen. Aber es gibt ein paar Evidenzen: Ahmed vom Gemüseladen in unserem Kiez redet ähnlich. Erst recht Hayder, der Vorzeigetürke vom Land, aber der ist ja auch Kurde und kann viele Gründe nennen, warum es ihm im deutschen Exil besser geht als "zu Hause". Und dann seine Frau, die sich erst in Deutschland frei fühlt. Oder der Frankfurter Student, der sich mit Taxifahren was dazuverdient, auch er ein Türke, der mit Religion nichts am Hut hat, auch nicht mit dem Islam. Nein: Vor allem nicht mit dem Islam.
Reden wir mal nicht von der Zahnarzthelferin, die zur zweiten Generation türkischer Migranten gehört und so deutsch ist wie ihre Chefin, die Zahnärztin mit Diplom aus Marmara. Reden wir nicht von der Journalistin oder dem Werbemann und dem Uniprofessor oder dem Unternehmer mit "Hintergrund". Alles Menschen, die deutsch sind und deutsch fühlen, ohne Familie, Herkunft und Geschichte vergessen (aber manchmal auch verraten) zu haben. Und reden wir vor allem nicht von den selbsternannten Stellvertretern: den islamistischen Missionaren, den ewig Klagenden und ewig Beleidigten, den Anklägern eines angeblich rundum ausländerfeindlichen Deutschlands. Oder von den weniger Privilegierten, Fremdgebliebenen oder Heimwehkranken, von all denen, die sich vom türkischen Ministerpräsidenten vertreten fühlen, obwohl sie nicht nur in Deutschland leben, sondern sogar deutsche Staatsbürger sind. Und reden wir mal nicht über die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört.
Ach, und schweigen wir auch von diesem anderen Taxifahrer, der seinen Fahrgast "Faschistin" nannte, weil die es wagte, in seiner Anwesenheit mit einem anderen Fahrgast über "Ehrenmorde" zu reden, die sie fürchtete und deren Opfer sie bedauerte. Und der dem feige das Maul haltenden Mann fast um den Hals gefallen wäre, weil der so "tolerant" sei. Oder von jenem Journalisten, der sich bei der Buchmesse vordrängelte und, als man ihm das nicht zugestand, von Rassismus sprach, dafür seien die Deutschen ja bekannt.
Reden wir mal von dem, was Multikultiverfechter immer so schön bunt finden. Denn bei allem Streit um den verlogenen Kulturrelativismus, der davon lebt, Probleme lieber zu übersehen (als sie zu benennen, weil man sie lösen will): Es gibt sie natürlich, die bunte, die schöne Seite einer offenen Gesellschaft, in der Integration und Assimilation gar kein Thema sind, weil man sie entweder nicht will oder nicht braucht.
Da sind all die Italiener, die mindestens so schlecht Deutsch sprechen wie viele Türken, die Japaner, die das überhaupt nicht können, die Spanier, die charmant radebrechen, die Amerikaner, die Deutsch nicht lernen müssen, weil hierzulande jeder Englisch spricht. Sie respektieren ganz selbstverständlich Rechte und Gewohnheiten des "Gastlandes", so fremd und bizarr ihnen das oft erscheinen mag. Und auch sie zucken nicht zusammen, wenn man sie nach ihrer Herkunft fragt. Denn was ist an Interesse diskriminierend? Und was könnte interessanter sein als die Lebensgeschichte und der kulturelle Hintergrund anderer Menschen? Gerade in Deutschland, wo man nicht zuletzt durch die lange Besatzungszeit an "Fremde" gewöhnt ist, kommt wohl kaum jemand auf die Idee, einem "Negerkind" ans Kraushaar zu fassen. Das dürfte einer Blondine in, sagen wir mal: Tansania, schon eher passieren. Empörte Reiseberichte, die den Tansaniern Rassismus vorwerfen, kenne ich nicht.
In Deutschland leben unzählig viele Menschen, die keine Deutschen sind und das auch nicht werden wollen. Und die weder erwarten oder verlangen, dass die ihnen vertrauten Bräuche und Überzeugungen ins Grundgesetz aufgenommen werden. Menschen, die keinen Zweifel an ihrer Integrationsfähigkeit lassen und deshalb auch kein Problem bereiten. Die man fast schamhaft verschweigt, weil sie ja "niedere Dienste" tun, für die sich Deutsche entweder zu fein fühlen oder wozu sie kein Talent haben. Sie gehören dazu und sie werden gebraucht: Wie die Frauen und Männer aus Osteuropa, ohne die es in Krankenhäusern und Restaurants trostlos zuginge. Wie die geschäftsmäßigen Japaner und ihr Tross, die Sushibuden und Asienläden. Wie die Polen, die zu den fleißigsten und besten Handwerker hierzulande gehören. Wie, ja, wie eben der ganze bunte Kramladen, den ein freier Markt mit sich bringt. Auf dem Markt ist man nicht beleidigt, wenn man nach dem Woher und dem Wohin fragt. Da kränkt es nicht, wenn einer sich mit Ganjitsu, Ramadan oder Pessach nicht auskennt. Markt ist ein Ort der Distanz und der Nähe zugleich, wo man nicht den "ganzen Menschen" fordert, sondern nur das, was er (freiwillig) zu bieten hat. Wer mehr will, muss Freundschaft suchen. Die findet man anderswo.
Ja, es gibt sie, "Ausländer", die das auch bleiben (wollen), und die nicht auf das rassistische Wort von den "Biodeutschen" zurückgreifen, wenn sie Menschen meinen, die keinen "Migrationshintergrund" jüngeren Datums aufbieten können (über ihre diversen Migrationshintergründe aus vergangenen Jahrhunderten schweigen die meist höflichen Deutschen gern). Das Problem sind die Missionare und Lobbyisten, die sich als Opfer und Ankläger gerieren, um vom (deutschen) Schuldkomplex zu profitieren, und sie finden sich nicht eben selten in der zweiten, dritten Generation der Einwanderer. Doch das ist kein deutsches Phänomen allein - obwohl deutsche Selbstverachtung eine nützliche Blaupause liefert. Ein Blick nach Großbritannien belehrt darüber, dass das Schwierigste für jede offene Gesellschaft der missionarische Anspruch einer Religion ist, deren Prediger und Nutznießer in die Nischen drängen, die ihnen Freiheit und Toleranz bieten.
Die Islamkonferenz, von Wolfgang Schäuble, damals Innenminister, ins Leben gerufen, war gewiss gut gemeint. Zugleich eröffnete sie Verbandsvertretern eine Plattform, die sich anmaßen, nicht nur für „alle Muslime“ zu sprechen, sondern auch für die, deren freier Wille es ist, muslimisch nicht mehr sein zu wollen.
Was findet ein freies Land wie unseres attraktiv an der autoritären Ordnung, die der Islam verspricht? Ist man die eigene Freiheit leid geworden, mitsamt der Freiheiten, die wir uns herausnehmen dürfen? Brauchen wir Schutz durch (religiöse) Führung?
Dann sollten wir uns allerdings klarmachen, dass wir damit all jenen Schutz entziehen, die ihn nötiger haben als wir: Denjenigen, die sich der Vereinnahmung durch Religion und die Gemeinschaft der Gläubigen entziehen wollen. Wir verweigern denen die Stimme, die nach Deutschland kommen, weil sie sich hier frei fühlen. Das tun sie hoffentlich noch lange.
In: Welt am Sonntag, 8. Juli 2012
Sonntag, 17. Juni 2012
Auf der Suche nach dem Mutbürger in Uniform
Noch nie war Deutschland so zivil. Deutsche Soldaten? Irgendwo müssen sie sein. In Afghanistan, hört man, wenn wieder einmal etwas passiert ist. Im deutschen Alltag, im Straßenbild aber sind sie unsichtbar. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Die Nachkriegsgenerationen sind mit Soldaten aufgewachsen. Im Norden mit sommer-sprossigen Jungs aus Wales oder Yorkshire, im Osten mit deutsch-sowjetischer Freund-schaft, im Süden mit GIs aller Farben. Wir verdanken den Besatzern kulturelle Vielfalt und brauchbare Sprachkenntnisse. Nach der Wiedervereinigung blieben die deutschen Wehrdienstleistenden, immer weniger von ihnen. Die kannte man nur, wenn sie zur Familie gehörten. Und heute? Die Wehrpflicht ist ausgesetzt, Standorte werden ge-schlossen, worunter nur die betroffenen Gemeinden leiden. Wer will, kann gänzlich un-behelligt vom Krieg in der Welt seine Kreise ziehen, frei nach dem Wunsch Friedrichs II., die Völker möchten gar nicht mitbekommen, wenn seine Armee in fernen Ländern ihre Schlachten schlägt.
Was für eine glückselige Gesellschaft! Eine „glückssüchtige“, konstatiert Joachim Gauck protestantisch streng. Zwar werden deutsche Soldaten nur noch selten als „Mör-der“ beschimpft, aber sie nehmen gewiss keinen Ort „in der Mitte unserer Gesellschaft“ ein, wie der Bundespräsident postuliert. Wir sind eine „Gesellschaft im Krieg“, sagt Robert Sedlatzek-Müller, ein schwer traumatisierter Afghanistanveteran bei „Jauch“ am 10. 6. 2012. Aber „die Gesellschaft weiß es nicht“. Will sie es nicht wissen?
Wo findet man sie also, die unsichtbaren, die „Mut-Bürger“ in Uniform, wie sie Gauck taufte? Wer sind sie und woher kommen sie? Die Suche führt an einen Ort, der dafür prädestiniert ist: ins Militärhistorische Museum in Dresden. Es gehört der Bundeswehr. Doch keine Sorge: Der spitze Zeigefinger des Libeskindschen Keils, der das alte Arse-nalgebäude der sächsischen Armee durchbohrt, zeigt unübersehbar, ja geradezu auf-dringlich, dass wir es hier mitnichten mit einem Kriegsmuseum zu tun haben. Keiner soll die Bundeswehr missverstehen, keiner das Museum als kritiklose Zurschaustellung von Waffen und Ritualen nehmen, keiner auf die Idee kommen, hier würde Kontinuität behauptet und die schmutzige jüngere Vergangenheit vergessen oder gar verharmlost. Das ist, um es vorwegzunehmen, gelungen. Manchmal auch zu gut.
Denn die Schau beginnt, wie jede gute Unterrichtseinheit für ein bisschen Frieden be-ginnen könnte: mit einer Installation, die die Buchstaben für „Love“ and „Hate“ über die Wand flackern lässt, ein hilfloses Künstlerzeugnis, das den Besucher offenbar auf die Bundeswehr als Macht der Liebe einstimmen soll, denn Hass braucht man ja zum Kriegführen nicht unbedingt.
Der Mensch soll im Mittelpunkt stehen, betonen Direktor und Kurator im Museumska-talog. So wie man das heute gerne sagt. Der Mensch und seine Gefühle: Aggression und Hass. Die Täter und die Opfer. Das Anthropologische dabei. Das ist doch irgendwie gut und richtig, angesichts der traditionellen Schaumuseen mit Waffen und Prunkunifor-men, oder?
Ja, gewiss. Doch vielleicht hat man bei so viel gutem Willen die Eigenart der militäri-schen Institution vergessen: sie ist mehr als die Summe der Menschen, die in ihr agie-ren, marschieren, kämpfen, töten, sterben. Mit Hass oder ohne Hass. Weshalb es dem Besucher kaum weiterhilft, wenn er – Lernziel! – „mit dem eigenen Aggressionspoten-tial“ konfrontiert wird. Was eine Armee ist (und was sie anrichten kann), geht über das Individuum und das je individuelle Aggressionspotential weit hinaus – im Schlechten wie im Guten. Denn „Gewalt“ schützt ja auch – in Gestalt des Gewaltmonopols des Staates vor individueller Willkür. Oder bei der Verteidigung nach außen: beim Schutz von Leib und Leben, von Freiheit und Souveränität. Krieg ist Stellvertretung, Soldaten, die kämpfen, töten, fallen, sind Stellvertreter der Gesellschaft – und das hört die unsere nicht gern.
Das Dresdner Militärmuseum ist ein deutsches Museum, weil es nicht deutsch sein will. Der deutschen Perspektive wird stets eine andere an die Seite gestellt, dem bombardier-ten Dresden das zerstörte polnische Wielun, der deutschen Biografie die eines anderen, Opfer oder Gegner. Das ist gut. Doch wenn es in einer der Vitrinen um den Auschwitz-Prozess geht, ist die gegenüberliegende dem deutschen Heimatfilm gewidmet, der etwa um die gleiche Zeit die Deutschen in ein heile Welt habe entführen wollen. Hier schwillt der Zeigefinger gewaltig. Und das ist schade, denn die meisten Texte zur Aus-stellung, der Ort, an dem sich erfahrungsgemäß die Weltsicht der Macher nicht selten auf eine beängstigend naive und geschichtsblinde Weise zu offenbaren pflegt, sind sachlich und korrekt, ein Kompliment an den mündigen Besucher, der nicht agitiert werden will.
Der weiß ganz von selbst etwas anzufangen mit dem, was am Beginn der Ausstellung zu sehen ist, die im obersten Stock anfängt. Dort, in der Keilspitze, liegen Gehwegplat-ten aus Dresden, von vier Brandbomben durchschlagen. Und ihr Gegenstück aus der polnischen Stadt Wielun, die am 1. September 1939 von deutschen Stukas zerstört wur-de. Und hier oben vermag man auch einzusehen, dass der Libeskind-Keil mehr sein könnte als der deutsche Wunsch nach „Brechung“: wer auf die Aussichtsplattform in der Spitze des Keils tritt, hat rechts und links einen Panoramablick auf Dresden. Und schaut geradeaus in die Richtung, aus der die britischen und amerikanischen Bomber kamen, die im Februar 1945 Dresden in Schutt und Asche legten.
Das Dilemma des Militärhistorischen Museums ist das Dilemma der deutschen Öffent-lichkeit, die sich mit Krieg ungern, mit Soldaten schon gar nicht beschäftigt. Dass das „Eiserne Kreuz“ kein Naziemblem ist, sondern vom preußischen König Friedrich Wil-helm III. entworfen und gestiftet wurde in Angedenken an Königin Luise, und zwar 1813, als sich die europäischen Staaten verdienstvoll gegen den Eroberer Napoleon zur Wehr setzten, zeigt auch dieses Museum anschaulich. Dennoch hat der Missbrauch durch die Nazi es unmöglich gemacht, meinen jedenfalls viele, nicht durchweg plausi-bel. Über einen würdigen Ersatz mögen die wenigsten nachdenken.
Soldaten tun, was ihr Beruf ist. Sie töten und werden getötet. Sie tapfer oder heldenhaft zu nennen, käme kaum noch jemand in den Sinn, ihnen am wenigsten: Sie tun „ihren Job“. Oder sie kommen schwer verletzt zurück in das Land, das sie entsandt hat, dem sie erst dann, als „Opfer des Kriegs“, wieder verständlich werden. Überhaupt möchten sie viele am liebsten als nette Angehörige eines Friedenskorps sehen, die Brunnen bau-en und afghanische Mädchen zur Schule begleiten.
Am Schluss der Ausstellung wird deutlich, unter welcher Spannung der Versuch steht, „das Besondere am Soldatenberuf angemessen zu würdigen“ (de Maiziére, taz, 10. 6.: http://www.taz.de/Thomas-de-Maizire-ueber-Sicherheitspolitik/!95041/). In einer Vitri-ne steht ein leichter LKW, ein „Wolf“, zerbeult und zerschossen. Und ganz unten rechts liegen die Abstimmungskarten von Angela Merkel und Gerhard Schröder. Will sagen: der Bundestag hat den Einsatz beschlossen und die Soldaten entsandt. Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Jeder Soldat tötet demokratisch legitimiert.
Was aber tut das Land, das ihnen das zumutet? Kein Soldat wird hierzulande gefeiert, wenn er zurück kommt, wie es in Amerika oder Großbritannien üblich ist. Das mag nicht unser Stil sein. Aber auch in Deutschland müsste man begreifen, dass man erbit-tert über jeden Einsatz streiten darf und soll, den das Parlament beschließt. Aber zu sei-nen Soldaten sollte man stehen.
„Soldaten sind Teil unserer Gesellschaft. Deshalb möchte ich nicht in verdunkelten Räumen heimlich umgeladen werden, weder als Toter noch als Lebender“, sagt Haupt-mann Sebastian Bangert, Libanonveteran und Pressesprecher des Dresdner Militärmu-seums. Leipziger Bürger aber wünschen nicht, dass auf ihrem Flughafen Afghanistan-rückkehrer auf Mallorcaurlauber treffen. Weil jeder Soldat einen deutschen Flughafen zum Angriffsziel macht? Oder weil die Begegnung dieser beiden Welten ihre Fremdheit jäh illuminiert?
Am Ende des chronologischen Rundgangs, der ins Heute führt, beginnt man zu erahnen, was die Soldaten bewegt, die in Afghanistan im Kriegseinsatz sind – nicht zuletzt die Frage, was mit ihnen geschieht, wenn sie verletzt zurückkehren. Und ohne Symbole des Zusammenhalts, wie sie andere Armeen haben, die eine Tradition kennen, auf die sie stolz sein dürfen, schaffen sich Soldaten ihre eigene Realität und malen sich schon mal eine Palme auf den Jeep, die an Rommels Afrikakorps erinnern könnte, was der Bun-deswehr verständlicherweise missfällt.
Was aber tun wir, „die Gesellschaft“, mit denen, an die wir die Gewalt delegiert haben? Junge Männer und Frauen, die Teil eines für keinen Zivilisten vorstellbaren Molochs werden? Die von Berufs wegen gegen alle zivilen Normen verstoßen, auf die wir zu Recht stolz sind? Die ihre Angst mit archaischen Riten bekämpfen? Denen noch im blu-tigen Chaos ein Anstand abverlangt wird, den manche noch nicht einmal unter normalen Bedingungen aufbringen? Und die einem Gegner gegenüberstehen, der gleich gar keine Regeln des Anstands (oder des Kriegsvölkerrechts) mehr kennt oder akzeptiert?
Ja, das Museum in Dresden ist unbedingt sehenswert. Und doch wünschte man sich, dass die Bundeswehr in ihrem Haus die Aufmerksamkeit dieser Gesellschaft für die, die ihr (demokratisch legitimiert) dienen, radikaler einfordert. Politik und Öffentlichkeit in Deutschland müssen sich entscheiden, welche Soldaten sie wollen. Glühende Bürger-krieger? Kaltblütige Profis? Pragmatische Gewaltmanager, kühl und beherrscht, die ih-ren Job tun, ohne groß zu reden? Leute, die man erst dann wieder zur Kenntnis nimmt, wenn sie als blutende Opfer zurückkehren? Den Rest zahlt die Versicherung, und das auch erst neuerdings?
Die Verbindung zwischen Gesellschaft und Armee hierzulande war und bleibt fragil, solange die „Mutbürger“ nicht sichtbar sind. Paradox, das wir unsere Soldaten in den Untergrund zwingen, denn es ist seit jeher die Sichtbarkeit, etwa die Uniform, die einen Soldaten als legitimen Kämpfer von irregulären Gegnern unterscheidet.
Die alten patriotischen Formen der Würdigung „tapferer Kämpfer“ funktionieren nicht mehr, die Bundeswehr steht im Verbund mit ihren Partnern. Vielleicht kann man von denen lernen, wie das funktioniert: dem, der sein für ein legitimes Ziel Leben einsetzt, in aller Öffentlichkeit Respekt zu zollen.
Montag, 11. Juni 2012
Zu Besuch bei den Salafisten
„Du bist ein Kinderficker, du katholische Drecksau“, schreit die ältere Frau in roten Hosen und orangenem T-Shirt, übergewichtig und unverschleiert, die mit straßen- und kneipenerprobter Stimme zwei Männern die Wahrheit verkündet: dass Muslime ganz lieb sind. Wollen nur spielen. „Vielleicht ist deine Frau ne Nutte.“ Die irgendwie autochthon oder „biodeutsch“ Aussehende scheint sich auszukennen.
Die Polizei und ich schauen zu. Die Alte ist bislang die einzige Unterhaltung an diesem windigen Sonntagmittag in Köln-Deutz. Ihre kraftvolle Beleidigung von Millionen von Gläubigen nimmt keiner groß übel. Katholiken sind offenbar tolerant. Oder gehörlos. Also nicht empfänglich für den 1. Islamischen Friedenskongress.
Oder verwöhnt? Denn trostloser kann der Ort für einen Friedenskongress kaum sein. Doch vielleicht passt das zum Barte des Propheten: Der Barmer Platz in Köln-Deutz, sonst Parkplatz zwischen Messe und S-Bahn, ist eine leere Staub- und Schotterwüste. Ein Drittel davon abgeteilt für die Friedenspredigt, zu der eine kleine radikale Minderheit von Muslimen, die sich nicht mehr Salafisten nennen mag, ihren Abu Hamza eingeladen haben, gebürtig Pierre Vogel. Roter Bart, joviales Kölsch, ehemaliger Boxer. Zu diesem Friedenskongress sind alle eingeladen – auch und vor allem die Ungläubigen. Und die sind tatsächlich als erstes vor Ort: Polizisten und Journalisten (selbstironisch: „Weg ins Paradies-TV“) mit schwerem Gerät. Und nun warten sie auf die Tausende begeisterter Anhänger des Propheten und seines Predigers, die da kommen sollen.
Aber die lassen auf sich warten.
Zeit für eine Leistungsschau der Polizei. Hinter einem Mannschaftswagen, beobachtet von einer Vollverschleierten ganz in Khaki, ziehen gefährlich gutaussehende Polizistinnen schamlos die unteren Reißverschlüsse ihrer Kampfhosen auf, um Schienenbeinschoner auf die durchtrainierten Beine zu schnallen. Entblößen nackte Arme, bevor sie die Jacke wieder über die hieb- und stichfeste Weste ziehen. Und endlich tröpfeln die ersten Gläubigen in weißen oder grauen Gewändern auf den Platz, weiße oder schwarze Käppchen auf dem Haupt, einige verhüllen den Kopf im roten oder schwarzen Palästinensertuch. Ein dürrer Jungmann, das Gesicht fast verschleiert unter dem roten Feudel, wahrscheinlich, weil ihm der Bart bislang versagt blieb, predigt mit feinem Fingerspiel vor der Tribüne, von der aus Korane verabreicht werden sollen, die niemand nachfragt. Kein Trend zum Zweitkoran unter den Anwesenden. Doch jetzt haben wenigstens die Medien etwas zu tun – unter Beobachtung, allerdings: jeder, der sich für die Veranstaltung interessiert, wird seinerseits von lieben Muslimen abgelichtet. Immerhin grinst mein persönlicher Observant, als ich zurückfotografiere.
Ja, Islam ist Frieden, wie man sieht. Pro-NRW, ein kleines Trüpplein am anderen Ende des riesigen Platzes, wird von der Polizei abgeschirmt und geht bald wieder, wahrscheinlich langweilt man sich. Laut sind nur die Tierschützer, die irgendwo jenseits der S-Bahn demonstrieren. Und nur sensationslüsterne Menschen warten auf den Moment, in dem die Massen aus dem S-Bahnhof strömen und zu den tausenden Gläubigen werden, die Pierre Vogel versprochen hat.
Wo bleibt der Kerl überhaupt?
Warm verhüllte Damen in Schwarz oder Taubenblau, in Grüppchen, abseits der Männer, plaudern derweil gemütlich über Kinder und Küche, nur eine Biodeutsche mit weißem Kopftuch schaut unglücklich. Was sie und andere unter dem Kopftuch tragen, ist ihr Geheimnis, aber es macht einen edel gestreckten Hinterkopf a la Nofretete. Da können die Männer nicht mit, die doch, wie unser Laienprediger mit erhobenen Fingern verkündet, mit dem Kopf beten. Allerdings mit der Stirn auf dem Boden, damit da kein Missverständnis aufkommt.
Um 15.13 ist immer noch nicht viel los. Doch jetzt weht eine schwarze Fahne. Jemand brüllt irgendeine Parole, die anderen brüllen zurück. Es ist verblüffend, wie wenig sich die Dramaturgie öffentlicher Bekenntnisse seit tausenden von Jahren verändert hat. Kann man dagegen nicht endlich mal was tun?
Wenigstens kommt nun der Eiswagen von Pierino des Weges, per Zufall, aber ein Geschäft vermutend. Das hebt die Stimmung auf dieser freudlosen Veranstaltung.
Es ist 15.22. Der wissbegierige Mensch, die Polizei und die Freunde Allahs warten geduldig. Bei der Polizei gehört das zur Grundausbildung. Bewundernswert. Den Gläubigen wiederum gibt’s der Herr im Schlafe. Nur unsereins wird ungeduldig.
Kommen sie noch, die Massen? Wird er den Frieden verkünden, der Pierre? Und warum wird der kleine Haufen von „Pro NRW“ als rechtsextrem und gefährlich beobachtet, die etwas größere Gefolgschaft des Pierre Vogel aber lediglich als „islamistisch“ aufgefasst? Trotz des Messerangriffs auf Polizisten in Bonn vor einigen Wochen? Nun, Rechtsextremimus, nehme ich mal an, ist eine Spezialität von „Biodeutschen“, das ist bei denen ja sozusagen genetisch verankert. Mitsamt der „Islamophobie“ – also einer „krankhaften Angst“ vorm Islam. So ein Salafist aber ist ganz entspannt einfach nur reaktionär.
Um viertel vor vier, endlich, tut sich was auf der Bühne. Das Vorprogramm beginnt, obwohl die Massen noch immer nicht strömen. Der Mann da vorne auf der Bühne wärmt schon mal an für Pierre Vogel und versichert, dass der Islam der Frieden und die Lösung aller Probleme ist und auf jede Frage eine Antwort hat. Zum Beispiel auf die Bankenkrise: im Bankensystem der Muslime gibt es keinen Wucher. Ein Tip für Occupy! Überhaupt: Die Worte des Predigers enthüllen seine Sache als überaus kompatibel mit extrem links wie äußerst rechts. Neuerdings mischt dort ein Veteran der antiimperialistischen Szene mit, schreibt der Spiegel. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/islamisten-prediger-vogel-in-koeln-zurueck-im-schafspelz-a-837947.html
Passt schon.
Der radikale Islam frauenfeindlich? Ach was! Die Frau steht dreimal über dem Mann – sofern sie Mutter ist, sagt unser Gewährsmann. Das erklärt wohl die erfreuliche Geburtenrate. Und was ist mit Friedrichs, unserem Innenminister? Der ist ein christlicher Fundamentalist. Und gibt es nicht Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche?
Auch für Anhänger von Gleichheit und Gerechtigkeit hat die Lehre eine zündende Idee: schaffen wir die Konkurrenz zwischen den Frauen ab, indem wir sie verhüllen! So sieht niemand, „was sie haben, was sie besitzen“. Ja, denke ich, da ist was dran. Das spart viel Geld. Und hat sich schon bei der Schuluniform bewährt. Doch je länger ich den Männern und Frauen da unten auf dem Platz zusehe, desto stärker fällt mir auf, dass die Kölner Polizei auch in Uniform noch verdächtig gut aussieht. Und dass die Alte in den roten Hosen nur etwas grob zusammengefasst hat, was hier ein wenig feiner artikuliert wird. Katholiken sind Kinderficker. Und Allah ist groß.
Jetzt, endlich, um 16 Uhr, Pierre Vogel, eingeflogen aus Ägypten. Er begrüßt seine Anhänger. Er begrüßt seine Feinde. Von beiden Sorten sind noch immer nur ein paar Hanseln da. Der Rest wartet wohl vernünftigerweise auf das Fussballspiel, das in ein paar Stunden beginnt.
Der Blick auf die Bühne zeigt überzeugend, dass Islam Frieden ist. Dass man keine Angst haben muss. Dass Islam – Alahu akbar! – Barmherzigkeit ist. Warmherzigkeit. Liebe. Toleranz! Denn wer stürmt herbei? Willi Herren, der den Pierre kennt, gut kennt, der Pierre ist ein herzensguter Mensch, sagt der Willi, also der Olli aus der Lindenstraße, der mit dem „Lied der Schlümpfe“, da muss man keine Angst vor haben. Und Religion findet der Willi gut. Geht schließlich beinahe einmal im Monat in den Dom, ja?
Spätestens da hätte man den Pierre gern gefragt, ob es denn erlaubt ist, dass der Willi in so eine K...f...kirche geht. Aber Pierre Vogel verkündet, dass soeben zwei der Anwesenden dem Islam beigetreten sind. Ganz einfach und unbürokratisch. Alahu akbar. Die Stimmung steigt, einer brüllt, die anderen brüllen zurück, strecken den Arm hoch, mit ausgestrecktem Finger. Bei wem ist die Macht? Bei Allah. Wir Gläubigen sind die mächtigsten Menschen der Welt.
Im Hintergrund hupen die Tierschützer. Ich gehe.
Die Welt, 11. Juni 2012
Dienstag, 5. Juni 2012
Wozu braucht Deutschland den Islam?
Rätselhaftes Deutschland. Nachdem man sich über eine „deutsche Leitkultur“ nicht einigen konnte, wird die Debatte neuerdings unter der Überschrift „Was gehört zu Deutschland“ fortgesetzt. Die Diskussion hat ihre skurrilen Seiten, aber vielleicht sollte man sie ernstnehmen. Schließlich hat Deutschland heute eine Schlüsselposition, nicht nur in der EU. Da wüsste man schon gern, mit wem man es zu tun hat, nicht nur als Grieche oder Franzose. Was handelt man sich mit Deutschland ein? Es hat sozialistisch und protestantisch sozialisiertes Führungspersonal. Eine Mehrheit seiner Bürger stellt die Gerechtigkeit vor die Freiheit. Es besteht aus stupender und stupider Wirtschaftsmacht. Es gehört zum freien Westen – und kokettiert mit kuscheligem Paternalismus. Und es ist friedliebend und tolerant bis zur eigenen Wehrlosigkeit.
Die neuerdings (vor allem bei Männern) beliebte Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland“ dürfte kaum Klarheit schaffen. Erst recht nicht öffentliche Überlegungen, ob man den Rechtsstaat durch Elemente der Scharia veredeln und „Islamfeindlichkeit“ ächten sollte. Oder gar, ob man es als kulturelle Besonderheit verstehen müsse, wenn Männer mit „Hintergrund“ Frauen, Schwestern oder Töchter misshandeln.
Ruprecht Polenz, CDU, ist Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags, und müsste eigentlich wissen um die Außenwirkung deutscher Debatten. Als Aktivist auf Facebook macht er sich für den EU-Beitritt der Türkei stark. Dort stieß er jüngst eine Debatte über Monika Marons Essay an, in dem sie gute Gründe angeführt hat, warum der Islam nicht zu Deutschland gehört.
„Der Islam“, widerspricht Polenz, „wirkt mit an der Ausprägung dessen, was wir die deutsche Identität nennen.“ Mit Weitblick auf die muslimische Geburtenrate dekretiert er: „Jede und jeder gehört dazu, wenn es darum geht, (die) Zukunft zu gestalten“. Ein hübscher Gruß an die Frauen. Aber wie soll der Islam deutsche Identität prägen?
Sollen mit solchen Floskeln verängstigte deutsche Muslime beruhigt werden? Will der CDU-Mann „Biodeutsche“ zu mehr Sensibilität und Toleranz ermahnen? Oder möchte er kämpferischen Islamisten signalisieren, dass wir die Guten sind, also nach der Machtübernahme geschont werden müssen? Etwa den Salafisten, die in Deutschland auf Mission gehen?
Für einen von der Überlegenheit des Islams und des muslimischen Mannes Überzeugten ist solch deutsche Gutherzigkeit nichts anderes als ein Unterwerfungsangebot – ohne Gegenleistungen. Recht hat er: Wer die eigene Identität als buntes Warenhausangebot deutet und Beliebigkeit predigt, die er als weltoffen phantasiert, darf von anderen keinen Respekt vor den eigenen „Errungenschaften“ erwarten (etwa denen der Frauenbewegung, der unsere Politiker so gern symbolisch entgegenkommen).
Und deshalb muss man an dieser Stelle Christian Wulff in Schutz nehmen. Der hat nämlich nicht nur den mittlerweile totzitierten Satz gesagt, sondern auch „Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei!“ Das übrigens ausgerechnet vor dem türkischen Parlament und verbunden mit der Aufforderung, Christen doch bitte die gleichen Rechte und Freiheiten zu gewähren wie sie Muslime in Deutschland genießen. Die Türkei habe nun die Chance, zu zeigen, dass Islam und Rechtsstaat kein Widerspruch sind.
Vom Jubel der Christen in der Türkei hat man nicht viel gehört, wahrscheinlich gab es keinen Grund dafür. Doch auch in Deutschland ist nur der andere Satz im Gedächtnis geblieben, dessentwegen er nun der Präsident der Herzen aller beleidigten Muslime ist. Das wären andere Politiker offenbar auch gern. Machen sie sich keine Gedanken über den Preis, der dafür zu zahlen ist?
Um es zu wiederholen: ja, sie sind eine Minderheit, die deutschen und in Deutschland lebenden Muslime, die patriarchalische Vorstellungen vom Zusammenleben (und dem Verhältnis der Geschlechter) mit einer der orthodoxeren Interpretationen des Islam verbinden und hierzulande für sich und ihre Familien „ausleben“ (eine entlarvende Formulierung der Bundesjustizministerin). Doch sie sind eine lautstarke Minderheit, manche haben die Saudis, manche die Regierung Erdogan im Rücken, die in den türkischen Deutschen eine Art 5. Kolonne zu sehen und Integration für Teufelszeug zu halten scheint. Nicht nur die Salafisten sehen deutsche Toleranz nicht als Ausdruck von Souveränität und Stärke, sondern begreifen sie als Symptom für die Schwäche unserer Kultur. Wo sich der Dominanzanspruch des Islam mit einem patriarchalisch gestimmten Kulturstolz verbindet, prallt den deutschen Weicheiern nur Verachtung entgegen.
Verachtung, weil sie ihre eigene Kultur preisgegeben haben, ja noch nicht einmal eine eigene „Leitkultur“ kennen, geschweige denn eine Identität besitzen, die gefestigt wäre und nicht offen für alles und jedes. Verachtung, weil die „Bio-Deutschen“ nicht begreifen, dass sie verachtet werden.
Wenn es eines Beweises bedurfte, dass die westlichen Werte nicht weiter ernstzunehmen sind, dann liefern ihn die Phrasendrescher unter unseren Politikern tagtäglich. Doch nicht die westlichen Werte machen uns schwach, sondern all die, die sie nicht verteidigen. Die Meinungsfreiheit. Die Gleichberechtigung. Den Rechtsstaat. Die Menschenrechte. Die Freiheit, eben.
Ach ja, die Freiheit. Als Joachim Gauck Bundespräsident werden sollte, warf man ihm als erstes vor, über der Freiheit die Gerechtigkeit zu vernachlässigen. Als ob „Gerechtigkeit“ hierzulande präsidiale Befürworter brauchte, die irreale Sehnsucht danach hat längst die Wertschätzung der Freiheit abgelöst, der Wunsch, in warmer Gemeinschaft aufgehoben zu sein, schiebt sich vor die Fröste, die das Risiko der Selbstverantwortung begleiten.
Längst hat der Bürger dem Staat die Entscheidung darüber in die Hand gegeben, wie er sein Leben zu führen hat. Nicht zuletzt im Streit ums Erziehungsgeld lugt hinter staatlicher Fürsorglichkeit der Wunsch nach Steuerungsmacht hervor. Vielleicht macht ja diese Sehnsucht nach paternalistischer Fürsorge den Islam attraktiv? Seine orthodoxen Strömungen geben feste Regeln und Rollen vor, versprechen Halt, Ordnung und Bindung in der frostig-offenen Welt und geben dem Individuum das Gefühl, Teil eines schützenden Ganzen zu sein. Nie mehr selbst entscheiden müssen, wie man leben will – wäre das nicht schön?
Ein Albtraum. Männer mögen das gelassen sehen, schreibt Monika Maron. „Als Frau kann ich das nicht.“ Ich auch nicht.
Die Welt, 5. Juni 2012
Freitag, 1. Juni 2012
Die neue Menschlichkeit
Männer, so die Legende, waren einst dafür bekannt, einen Streit auszutragen, also durch eine ordentliche Prügelei zu beenden, als anhaltend beleidigt zu sein, was als weibisch galt. Verdammt lang her. Heute sind vor allem die Männer beleidigt. Wir haben Religionskrieg. Und der endet, wie man weiß, mit der Auslöschung oder wenigstens der Konversion des Gegners.
Dabei hatte man doch einst aus der blutigen Tragödie des 30jährigen Kriegs gelernt, der ein verheerender Religionskrieg war. Wir verdanken in Sachen Streitkultur dem Westfälischen Frieden mindestens so viel wie der Aufklärung: Die Schlacht beendet den Krieg wie die Prügelei den Streit. Wer siegt, hat Glück gehabt, mehr nicht. Über Gut und Böse, über wahr und nicht wahr aber ist damit nicht entschieden. Übrigens auch nicht über „Schuld“ oder den rechten Glauben. Im Krieg hatte das einen ganz und gar pragmatischen Grund: es stiftete Nachkriegsfrieden.
Die deutsche Sprache kennt viele Worte für Zwist. Hader etwa, ein dumpfer Hauch, der klingt, als hätte sich etwas tief ins Gewebe hineingebohrt und dort entzündet. Oder Zwietracht, schrill wie ein Zahnarztbohrer. Streit hingegen ist der weg ins Offene, wie das reinigende Gewitter: jeder macht seinen Standpunkt klar, und auch wenn niemand überzeugt ist – wir haben wenigstens darüber geredet.
Der Respekt vor dem Gegner ist die Grundlage des Streits. Er ist nicht Feind, sondern Kontrahent, „auf Augenhöhe“, wie Politiker gern sagen, und hat, genau wie die eigene Seite, jedes Recht, seinen Standpunkt zu vertreten und zu verteidigen. Die zivile Seite dieses Respekts vor dem Gegner ist die Meinungsfreiheit. Streit im aufgeklärten Sinne fordert keine Konversion. Er ist der temperamentvolle Schlagabtausch zwischen Menschen, die Argumente haben und sich nicht, sollten die sich als schwach erweisen, auf ihren Glauben oder ihre Gefühle herausreden. Oder auf ihr eigenes Erleben. Diese Flucht aus der Logik in die reine Subjektivität galt mal als „weibisch“. Heute gilt sie als „menschlich“. Welch Fortschritt.
Jede mittlere Talkshow zeigt: Wer heute im Kampf um die Definitionshoheit siegen will, kommt gänzlich ohne Argumente aus, ach was: von ihrem Einsatz ist dringend abzuraten. Am besten, man zeigt verletzte Gefühle vor. Ist nicht ein logisches Argument per se irgendwie kalt und also unmenschlich? Na bitte. Auch verallgemeinernde Schlüsse kann man auf diese Weise kontern. Was soll mir eine Statistik oder eine Durchschnittsgröße, wenn ich persönlich die Realität doch ganz anders wahrnehme? Fühlen und Glauben, das bringt Szenenapplaus. „Ich glaube“ und „ich fühle“ sind die vergifteten Pfeile aus dem Hinterhalt, die den Gegner erledigen, bevor er auch nur Gehör gefunden hat. Was muss ich auch wissen, was der andere denkt und sagt, wenn ich ihn eh nicht leiden kann?
Der Umgang mit Thilo Sarrazin etwa ist ein Schaustück avancierter Streit“kultur“. Noch bevor sein jüngstes Buch zur Eurokrise erschienen ist und gelesen werden konnte, bekundeten Kritiker in Qualitätszeitungen, es gar nicht erst zur Kenntnis nehmen zu wollen, man wisse ja eh, dass Sarrazin drin sei, wo Sarrazin draufsteht. Also „Schwachsinn“ (Robbe), „Unsinn“ (Künast) und „himmelschreiender Blödsinn“ (Schäuble), dem man keine Plattform bieten, ja den man am besten nicht zur Kenntnis nehmen dürfe. Schließlich wolle er mit seinen „Provokationen“ ja bloß Geld verdienen. Und das geht ja schon mal gar nicht.
Warum solche wie ihn nicht gleich verbieten? Andernorts ist man da weiter. Wer Menschen, die Zweifel an der These von der Klimaerwärmung äußern und gar die Ursache von Klimawandel – Täter Mensch – in Frage stellen, „Klimaleugner“ nennt, zieht Parallelen zu „Holocaustleugnern“, denen man das Maul verbieten darf. Warum nicht auch den „Klimaleugnern“ – obwohl die gar nicht das Klima leugnen, sondern lediglich die wissenschaftliche Grundlage weitreichender politischer Forderungen? Und wie wär’s mit dem Verbot von „Islamophobie“? Ein solches Verbot eröffnete weite Spielräume. Ist bereits islamophob, wer meint, dass hierzulande das Grundgesetz und nicht die Scharia gelten sollte? Ist schon ein Hetzer, wer es beängstigend findet, dass Karikaturen des Propheten ein Todesurteil nach sich ziehen können, während man Jesus oder den Papst oder alle Christen frisch und frei beleidigen darf? Überhaupt, Phobie: ist vielleicht krank, wer nicht erkennt, dass Islam Frieden ist, auch wenn dessen lautstark beleidigte Vertreter dauernd das Gegenteil bezeugen?
Verblüffend, wie viele der Vokabeln, mit denen heute die Meinungsschlachten geschlagen werden, an Ketzerverfolgung und Religionskrieg erinnern, so etwa, wenn es über Kritiker des Kulturstaates heißt, sie „versündigten“ sich an ihm. Besonders interessant ist, was die Vorkämpfer für mehr Menschlichkeit ins Spiel bringen. Die „nackte Logik der Zahlen“ sei „ohne Menschlichkeit“, verkündete jüngst ein Autor der „Zeit“. Klar, wen er meint: Thilo Sarrazin, den wiederum Mely Kiyak in der „Frankfurter Rundschau“ als „lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur“ bezeichnet hat. Der Artikel wurde erst online bereinigt, mittlerweile ist er ganz entfernt, eine halbherzige Entschuldigung der Autorin nachgereicht. Ist da doch jemandem aufgefallen, dass man so etwas nicht sagt?
Die Entmenschlichung des Gegners ist ein gutes Indiz für die Tödlichkeit des Konflikts. Denn wer den anderen zum Unmenschen oder Barbaren erklärt, trifft damit ja kein objektives Charakterurteil, sondern verkündet vor allem, wie er selbst mit solchen Kreaturen umzugehen gedenkt: barbarisch, eben. Damit ist die niedrigste Stufe des menschlichen Umgangs erreicht und die höchste Stufe des Konflikts. Das ist dann kein Streit mehr. Das drückt Vernichtungswillen aus. Es unterstellt, der Gegner habe weder das Recht noch ein Argument auf seiner Seite. Er hat den falschen Glauben und selbst konvertieren hilft ihm nicht mehr.
„Wir würden viel weniger Streit in der Welt haben, nähme man die Worte für das, was sie sind - lediglich die Zeichen unserer Ideen und nicht die Dinge selbst“, schrieb einst John Locke. Schön wär’s, dann könnte man abrüsten. Denn wichtiger als die Frage, ob Sarrazin ein menschlich kalter Zahlenfetischist ist, wäre doch, ob nicht auch der Schurke ein richtiges Argument haben könnte. Das meinte einst Voltaire, als er versprach, sich für die Meinungsfreiheit auch des ärgsten Feindes einzusetzen.
Das, in der Tat, wäre Streitkultur.
Die Welt, 29. Mai 2012
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