Dienstag, 18. September 2012
Wenn die Nebelkerzen blühen
Die Nebelkerzen rauchen. Die Sicht wird schlecht. Es regnet Worthülsen. Dabei ist noch gar nicht Wahlkampf. Wir haben bloß Krise. Euro-Krise. Und schwierige Lagen laden offenbar besonders zu Schönfärberei und Wortwolken ein, nicht etwa zur fälligen Aufklärung. Und so werden Begriffe besetzt und Themen zugespitzt, man streitet um höchste Werte, bis endlich durch all die heiße Luft jene menschliche Wärme entstanden ist, die man der sozialen Kälte entgegensetzen kann und das Wesentliche in Vergessenheit geraten ist. Man nennt das Ablenkung.
Gewiss: Politiker neigen von Haus aus nicht zur ungeschminkten Wahrheit. Aber mitten in der Krise wird ganz besonders dick aufgetragen. Schließlich gilt es, ihren Ursprung möglichst geschickt zu verbergen. Schuld ist also nicht der Geburtsfehler der EU, nämlich die wirtschaftliche Einheit ohne die politische vollzogen zu haben. Schuld ist auch nicht jene Fehleinschätzung einer rotgrünen Regierung, Griechenland für europafähig zu halten. Schuld sind die Märkte, das Finanzkapital, die Gier, der Neoliberalismus, kurzum: alle anderen. Nur nicht die Fehlentscheidungen der politischen Elite.
Die kontert jede Kritik oder gar das Einfordern überfälliger Korrekturen mit dem Appell an die besseren Seiten der Steuerzahler: es gehe schließlich um Solidarität, ja um Gerechtigkeit, um Hilfe, um den Frieden, also um alles, was uns lieb ist und teuer sein soll.
Leere Worte? Nicht doch, sagen die Politiker, die Menschen wollen es nicht anders. Sie wollen beschwichtigt, beruhigt, mit anderen Worten: belogen werden. Wer ihnen mit einer realistischen Sicht auf die Wirklichkeit oder gar mit Reformen kommt, verliert. Das hat die SPD mit der verdienstvollen Agenda 2010 erlebt. Und das hat Angela Merkel traumatisiert, die beinahe keine Bundeskanzlerin geworden wäre, weil ihr ebenso verdienstvolles Reformprojekt nicht genug menschelte. „Soziale Kälte“ hat ihr der formidable Wahlkämpfer Gerhard Schröder damals, im Jahre 2005, vorgeworfen, als sie mit den Steuerplänen Paul Kirchhofs kam, jenes „Professors aus Heidelberg“, wie man ihn süffisant intellektuellenfeindlich titulierte. Fast wäre sie daran gescheitert. Seither ist Ruhe im Kasten.
Denn in der Politik geht es nicht um die Wirklichkeit oder um realexistierende Probleme, sondern gerade mal darum, eine Mehrheit zu finden, für was, ist weitgehend egal. Und deshalb gilt es, die eigene Partei möglichst innig mit all jenen Vokabeln zu verbinden, die hierzulande für das Gute, Wahre und Warme stehen. Die SPD steht für „Gerechtigkeit“, ebenso die Grünen oder die Linke. Doch auch die CDU ist die Partei der Gerechtigkeit, der Solidarität und der Rettung – des Euros, der Umwelt, des Klimas, des Planeten, alles Dinge also, die den Herzen der Menschen nahe sind. Den Herzen, nicht den Köpfen.
Längst regiert George Orwells 1984, der Neusprech, jener verlogene Sprachgebrauch, der aus Industrieanlagen einen „Park“ macht und „Sparen“ nennt, wenn sich der Staat mal ein bisschen weniger verschuldet. Und der als Beitrag zu Gerechtigkeit und Menschlichkeit verkauft, was schnöde Wählerbestechung ist. Ob es um das „Betreuungsgeld“ oder die „Solidarrente“ geht – unübersehbar steckt hinter den vielen Steuergeldern, die hier „in die Hand genommen“, wie es im Politjargon heißt, der Wunsch, jene Stimmen zu sammeln, die man zum Machterhalt brauchen wird. Ganz egal, wie hoch der Schuldenberg ist, den man jetzt schon vor sich herschiebt. Wurscht, was uns die sogenannte „Eurorettung“ kosten wird – auch so ein Nebelwort – , die sich bereits jetzt in Dimensionen abspielt, die kaum jemand noch ermessen kann.
Die Beruhigungsvokabeln haben Erpressungscharakter. Soziale Wärme und Solidarität und Toleranz und Gerechtigkeit – das sind Werte, die man mit Angela Merkel alternativlos nennen muss, denen also keiner widersprechen kann. Denn wer ist schon für Ungerechtigkeit? Wer will als Egoist durchs Leben gehen? Und wer würde gern von sich behaupten, aus der Geschichte nichts gelernt zu haben? All solche Vorwürfe treffen uns hierzulande ins Mark, und sie haben in der Debatte um den Euro ihre Funktion bislang erfüllt.
Unschön, aber wahr: hinter all den schmuseweichen Vokabeln von Solidarität und Gerechtigkeit lauert Erpressung. Wer etwas haben will, kommt uns am besten moralisch. Der Appell an Moral und Hilfsbereitschaft funktioniert schließlich immer, er zieht einen Schleier der Milde vor die harte Realität, erzeugt überschwappende Gefühle, in denen der Verstand baden geht. „Soziale Wärme“ heißt: lasst uns besser nicht über die nackten, kalten Fakten reden. Und Solidarität bedeutet, dass man sich nicht mit Kleinigkeiten aufhalten sollte wie mit der Frage, ob die Hilfe, die sie uns abverlangt, wirklich und vor allem den Richtigen hilft. In Deutschland, wo „Interesse“ als schmutziges Wort gilt, verfängt das. Wer uns an unserer Moral packt, kann von uns alles haben.
In der Politik geht es um Gefühle, nicht um Sachen. Jede mittlere Talkshow zeigt: Wer heute im Kampf um die Definitionshoheit siegen will, kommt gänzlich ohne Argumente aus, im Gegenteil: von ihrem Einsatz ist dringend abzuraten. Ist nicht ein logisches Argument per se irgendwie kalt und also unmenschlich? Na bitte. Auch verallgemeinernde Schlüsse kann man auf diese Weise kontern. Was soll mir eine Statistik oder eine Durchschnittsgröße, wenn ich persönlich die Realität doch ganz anders wahrnehme? Fühlen und Glauben, das bringt Szenenapplaus. „Ich glaube“ und „ich fühle“ sind die vergifteten Pfeile aus dem Hinterhalt, die das Argument erledigen, bevor es auch nur zu Ende formuliert wurde. „Gefühlt“ wird hierzulande Jahr um Jahr am Sozialetat herumgekürzt, da hilft kein Hinweis darauf, dass das Sozialbudget noch immer der größte Posten im Haushalt ist – und Jahr um Jahr steigt.
Nein, es geht wahrlich kein Ruck durchs Land, es schwappt ein unbestimmtes Gefühl hindurch, ein Schrei nach Wärme & Menschlichkeit, dem man offenbar mit keiner „kalten“ Analyse beikommen kann. Intellektuelles Bemühen hat keine gute Presse. Argumente sind unbeliebt. Harte Fakten, kalte Zahlen, „Statistiken, die den Menschen zur Nummer machen“, zählen spätestens seit der Sarrazin-Debatte nachgerade zu den Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Schon, wer sich seines Verstandes bedient und die Betroffenheitslyrik nicht mitsummt, ist demnach verdächtig. Heute wird „liberal“ nicht mehr mit den Freiheitsrechten des Individuums, sondern mit schrankenlosem, „entfesseltem“ Egoismus assoziiert, wobei der „Raubtierkapitalismus“ bereits um die Ecke lugt.
Gewiss: Das geisterte immer schon durch deutsche Debatten, die Angst vor der Freiheit, die man von ihrem möglichen Missbrauch her diskutiert. Was sich hingegen „sozial“, „gerecht“ und „menschlich“ nennt, gerät in diesen Verdacht erst gar nicht. Dabei empfinden viele Menschen als „sozial“ nur das, was ihnen nützt, auch wenn es auf Kosten anderer geht. Und manches Sicherheitsverlangen kann man auch risikoscheu und mutlos nennen. Doch der Orwellsche Neusprech ist als Gefühlssprech in den Alltag eingekehrt, es gibt keine politische Öffentlichkeit mehr, die des Kaisers neue Kleider benennt: dass nichts hinter den Vokabeln der sozialen Wärme steckt außer heißer Luft.
Nun, dass Wahlkampf die Wähler schlauer macht, erwartet natürlich niemand. Doch er ist längst nicht mehr jener Ausnahmezustand, wie man ihn vor zwanzig, dreißig Jahren noch erleben konnte: und zwischendrin wird ordentlich regiert. Mittlerweile wird der Nebelwerfer gar nicht erst ausgeschaltet.
Wird sich aber die Realität auf Dauer ausblenden lassen? Angesichts der stattlichen Verschuldung Deutschlands in Höhe von mehr als 2 Billionen Euro und der Aussicht darauf, im Zuge der Eurokrise noch in ungeahnter Größenordnung weiter zur Kasse gebeten zu werden, sind die Debatten um Betreuungsgeld oder Rentenaufstockung unwürdig. Gewiss: noch hat der Staat in Deutschland kein Einnahmeproblem, wir sind bislang glimpflich durch die Krise gekommen, die Steuerquellen sprudeln und man weiß gar nicht wohin mit den Überschüssen, etwa in der Krankenversicherung. Doch die aufgehäuften und zu erwartenden Verbindlichkeiten sprengen jeden Rahmen. Wer da von „Sparpolitik“ redet, betreibt Augenwischerei. Von Sparen kann keine Rede sein. Und noch nicht einmal weniger Schulden machen wird gelingen: denn wer das will, muss weniger ausgeben.
Doch wo die Moral regiert, versagen die Rechenkünste. Die sogenannte „Energiewende“ ist ein schönes Beispiel dafür. Allein das Wort hat Orwellsches Kaliber: Energie kann man nicht wenden. Und sollte sich das Wort „Wende“ auf die Revolution von 1989 bezieht, wäre es erst recht vermessen: von einem Aufbruch in die Freiheit kann hier nicht die Rede sein, eher von einem aus einer moralischen Entscheidung im Wahlkampf geborenen Chaos. Denn auch hier hat es niemand für nötig befunden, einmal nachzurechnen. Wer es tut, findet schnell heraus, dass sich die Photovoltaik auf deutschen Dächern ohne Subventionen schon längst erledigt hätte. Und ob Windkraftanlagen rentierlich arbeiten, weiß man erst, wenn auch diese Technik nicht mehr staatlich gepäppelt wird – also in frühestens 15 Jahren. Und ganz nebenbei: ausgerechnet das Land, in dem Politiker von Europa reden, als wär’s der heilige Gral, verstößt nicht nur mit seinem Etat, sondern auch mit seiner Energiepolitik gegen die Interessen seiner Nachbarn und damit gegen das große Ziel. Nur fiskalpolitisch sind wir demnächst vereint.
Deutschland – ein Land im Nebel? Und in den Köpfen nichts als Watte? Sind wir das nicht langsam leid? Brauchen wir nicht endlich wieder Streit mit offenem Visier und klaren Worten?
Ach...
Wer nicht auswandern kann, sollte Türen und Fenster geschlossen halten und die Ohren gegen die Sirenentöne und Schalmeien von draußen versiegeln. Es ist Krise. Die Nebelkerzen rauchen. Die Sicht wird schlecht. Also Augen zu und durch.
Gedanken zur Zeit, 16. September 2012
Sonntag, 9. September 2012
Jedem sein Trauma
Wir leben in einem überaus friedlichen Land – und dafür kann man nicht dankbar genug sein. Die erhitzten Debatten über die Beschneidung von Knaben und das Ohrlochstechen bei Mädchen zeigen, wie empfindlich man hierzulande ist bei jedem Eingriff in die körperliche Unversehrtheit. Kein Kind soll Schaden nehmen, jeder Zwang, jeder gewaltsame Eingriff soll ihm erspart bleiben. Denn die psychischen Folgen könnten es für ein vermutlich langes Leben zeichnen. Das Schreckenswort der Zeit lautet Trauma.
So barbarisch manche Riten, Rituale, Sitten und Gebräuche auch sind und so froh man darüber sein darf, dass das meiste davon Kindern hierzulande erspart bleibt - nach unseren heutigen Kriterien hätte die gesamte Menschheit bis in unsere glücklichen Tage hinein ein einzig Volk von Traumaopfern gewesen sein müssen. Erst heute gehört Gewalt nicht mehr zur fast alltäglichen Erfahrung fast jedes Menschen. Kinder früherer Zeiten (und anderer Kulturen) wurden vernachlässigt, missbraucht, leisteten Schwerarbeit, litten Hunger, starben wie die Fliegen. Die größten Genies der Menschheit wussten, als sie Kinder waren, nichts von Liebe, Bildung und Förderung, von all den Dingen, von denen wir glauben, dass sie für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung unabdingbar sind. Zwei kleine Löcher in den Ohrläppchen sollen eine Dreijährige traumatisiert haben? Die Kinder der schlesischen Weber hätten sich krumm und buckelig gelacht.
Doch obwohl tiefster Frieden herrscht, ist man hierzulande von Gewalt geradezu besessen. Wem die globale Nachrichtenlage zum Gruseln nicht reicht, zieht sich seinen täglichen Krimi rein, ob im Fernsehen oder als Buch, je blutrünstiger, desto besser - Ersatzerfahrung, die auch der sensibelste Vegetarier gern mitnimmt.
Gewalt ist präsent, auch wenn sie fehlt. Wer keine physischen Rohheiten benennen kann, spricht eben von der unsichtbaren, der psychischen Gewalt, und ob die nicht eigentlich viel schlimmer sei. Die partytalktaugliche Gewaltskala ist nach oben offen bis zur Milchstraße. Denn während es gewiss furchtbar ist, ein Opfer zu sein, ist es mindestens entlastend, sich als Opfer zu fühlen - es enthebt der Verantwortung fürs eigene Schicksal. Irgendeine traumatisierende Erfahrung findet sich immer.
Erleidet jeder beschnittene Knabe ein Trauma? Wir wissen es nicht. Die Diskussion darüber aber hatte etwas Obsessives, Voyeuristisches. Nicht nur, was die überbordenden Phantasien der Empörten betrifft. Auch viele, die ihren Respekt vor den Traditionen und Riten anderer Kulturen und Religionen bezeugen wollten (obwohl es doch zahllose Traditionen gibt, von denen wir uns dankend verabschiedet haben), widmeten sich mit Hingabe den blutigen Details. Der Empörung trat die Faszination an die Seite. Es ist, vermute ich mal, die Faszination für eine Kultur, in der Zu- und Zusammengehörigkeit einen körperlichen Ausdruck hat. Nur wer beschnitten ist, gehört zu uns, heißt es auf jüdischer ebenso wie auf muslimischer Seite. Fehlt ein solches Zeichen der Zugehörigkeit in der hellausgeleuchteten Moderne? Eines, das durch Schmerz verstärkt worden ist? Das also viel mit dem zu tun hat, was wir zu ächten gelernt haben – mit Eingriffen in die körperliche Unversehrtheit, mit Gewalt also?
Anders gefragt: Was unterscheidet die äthiopischen Mursafrauen, die sich in einer extrem langwierigen und schmerzhaften Prozedur tellergroße Lippen formen, von jungen Frauen, die sich mit Lippenpiercings oder Silikonbusen schöner finden? Was die mühsam erworbenen Riesenohrläppchen auf Borneo von den Tätowierungen, die heute schichtübergreifend Mode sind? Insbesondere junge Menschen nehmen Höllenqualen auf sich, um dazuzugehören - zu welcher Peergroup mit welchen Ritualen auch immer. Man muss nicht weit suchen, um selbstzugefügte Verletzungen zu finden, die man Mode nennen könnte, wenn ihre Herkunft aus Älterem nicht so sichtbar wäre. Denn um Schönheit, um Ästhetik allein geht es hier wie dort nicht.
Die dunklen Seiten von Initiationsritualen kann jeder im Schlaf aufzählen. Und wenig ist hässlicher als der Satz unserer Altvorderen: "Was dich nicht umbringt, macht dich stark“. Doch genau das muss jedes Kind irgendwann lernen: dass man Streit, Schmerz, Konflikt, Verletzung überleben kann. Denn das Leben ist selten ohne zu haben. Statt dessen suggeriert das Schreckenswort „Trauma“, dass aus jeder Zumutung ein Folgeschaden erwachsen könnte. Überbehütete und risikoscheue Wesen aber machen keine Erfahrungen. Die ängstliche Vermeidung vom allem, was als "Gewalt" zu deuten sein könnte, erschwert die Erkenntnis, dass es in der Welt nicht nur friedlich und politisch korrekt zugeht. Man muss sich als Heranwachsender auch wehren können.
Der Wunsch, Kindern ihre körperliche Unversehrtheit so lange wie möglich zu erhalten, ehrt. Die Angst vor der „Traumatisierung“ aber ist wirklichkeits- und lebensfremd. Und der Respekt vor religiösen Traditionen heißt nicht, dass sie unantastbar wären. Die obsessive Diskussion über all das aber zeigt, dass hier etwas aus den Tiefenschichten hochsteigt, das nicht verschwindet, wenn man es verdrängt.
Gewalt spielte in der Menschheitsgeschichte immer wieder die Rolle eines Schlüsselreizes: Initiationsriten waren (und sind bei anderen Völkern) nicht selten außerordentlich blutig und grausam. Gewalt ist ein mächtiger Motor der Erinnerung, denn Schmerz verstärkt sie. „Erinnere dich, wer du bist und zu wem du gehörst."
Der große Walter Burkert analysierte in seinem "Homo Necans" (Der tötende Mensch) die gemeinschaftsstiftende Funktion des Blutopfers. René Girard führt Religion auf ein Menschenopfer zurück, das des Sündenbocks, mit dem die Gemeinschaft ihre inneren Spannungen regelrecht austreibt. Auch die rituelle Schlacht als ein kollektives Menschenopfer hat noch lange diese Funktion erahnen lassen: die Gewalt aus dem Inneren der Gesellschaft durch ihre Stellvertreter nach außen zu tragen. Michael Wolffsohn hat jüngst an diesen Kontext erinnert: "Der Urgedanke des Menschenopfers liegt auch der Beschneidung zugrunde: sie ist der Ersatz für das 'Ganzkörperopfer'."
Das Archaische ist modernen Gesellschaften weit weniger fremd, als ihre aufgeklärten Mitglieder annehmen. In der Obsession, mit der man sich mit Gewalt beschäftigt, kehrt das Verdrängte zurück. Mit Macht.
Zuerst in der Welt, 6. 9. 2012
Donnerstag, 6. September 2012
Führungslos
Ist Deutschland auf dem Weg zum Vierten Reich? Oder ist es, im Gegenteil, mit seiner neuen Rolle als europäische Führungsmacht mental überfordert, wie Clemens Wergin kürzlich schrieb, fehlt es ihm an Machtehrgeiz und „Mentalität“?
Es sieht ganz so aus. Es ist nicht „das Ausland“, trotz des einen oder anderen Nazivergleichs, das Angst hat vor Deutschland und einer ihm zuwachsenden Führungsrolle. (Und den Griechen mag man den einen oder anderen unappetitlichen Ausfall verzeihen.) Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski etwa hält die deutsche Zurückhaltung in Sachen Euro und Europa mittlerweile für weit gefährlicher. Es sind vor allem die Deutschen selbst, die nicht „führen“ wollen, in welchem Kontext auch immer, und sich dabei auf „die Geschichte“ berufen. Zu Recht?
Wer Helmut Schmidt für das größte lebende Orakel hält, mag ihm folgen, wenn er zustimmend Winston Churchill zitiert: „Wir alle wissen, dass die beiden Weltkriege, durch die wir gegangen sind, aus dem eitlen Verlangen des erst vor kurzem (also 1870/71, CS) geeinten Deutschland entsprungen sind, die führende Rolle in der Welt zu spielen.“ Andere mögen sich wundern, dass man sich hierzulande von jemandem sagen lässt, wie die eigene Geschichte zu beurteilen ist, der seine Diagnose gewiss nicht interesselos formuliert hat. Doch ganze Nachkriegsgenerationen hierzulande teilen nun einmal die Vorstellung, die deutsche Geschichte habe sich seit 70/71 oder gar bereits seit Luther (mindestens!) auf das dreckige dutzend Hitlerjahre hinzubewegt, ein Geschichtsdeterminismus, der das Verhängnis der Nazizeit geradezu aus dem Volkscharakter erklärt. Wer will mit dieser Bürde noch „führen“? Gerade deshalb trifft uns der Vorwurf tief, wir maßten uns eine Führungsrolle an.
Doch stimmt die Diagnose überhaupt?
Das Führungsbedürfnis Deutschlands war nach 1870/71 keineswegs so groß, dass es die zerstörerische Wucht zweier Weltkriege gebraucht hätte, um ihm dieses Verlangen endlich auszutreiben. Der schottische Historiker Niall Ferguson machte vor einigen Jahren in seinem so anregenden wie umstrittenen Buch über den Ersten Weltkrieg eine provozierende Rechnung auf: hätten Großbritannien und Frankreich das aufstrebende deutsche Kaiserreich damals ernst genommen und an den Tisch der Mächtigen gebeten (statt sich mit dem reaktionären zaristischen Russland zusammen zu tun), wäre Deutschland ebenfalls das geworden, was es heute ist, die führende Macht auf dem Kontinent – aber es hätte zwei Weltkriege weniger gegeben.
Für Fergusons These spricht einiges. Schon vor dem großen Krieg bemühte sich die englische Propaganda, der Selbstdarstellung der biederen Deutschen weit überlegen, Angst vor „den“ Deutschen zu schüren, die angeblich Kellner und Dienstmädchen ausschickten, um für den Kaiser zu spionieren. Dass die Flottenpolitik Wilhelms II., gewiss eher von Eitelkeit als von Vernunft getrieben, Britannien als Beherrscherin der Weltmeere derart provoziert habe, dass das Deutsche Reich hätte bestraft werden müssen, gehört ebenfalls ins Propagandaarsenal. Auch dass die deutsche Kolonialmacht anmaßender und brutaler gewesen wäre als andere Kolonialmächte (man denke an Belgien), ist Legende. Die Deutschen wollten auch „einen Platz an der Sonne?“ Ein Verbrechen war das nicht.
Als „Hunnen“ und „Barbaren“ erwiesen sich Deutsche erst mit den Nazis und Adolf Hitler, und nun schien die antideutsche Propaganda des Ersten Weltkriegs, für die man sich in England später durchaus geschämt hatte, im Nachhinein gerechtfertigt: Die Deutschen waren so barbarisch, wie man immer schon behauptet hatte.
Es gibt wohl kein anderes Land, dessen Bewohner so bereitwillig (Kollektiv-)Schuld annehmen selbst da, wo sie nicht vorhanden ist. Ein moralisch verkürztes Geschichtsverständnis opfert die gesamte deutsche Geschichte einer zwölfjährigen Diktatur. Mit einem solchen Selbstbewusstsein ist in der Tat keine „Führung“ zu machen.
Mit „Lehren aus der Geschichte“ wird bis heute begründet, warum die Deutschen sich zurückzuhalten haben – auch und mittlerweile gerade da, wo die Zögerlichkeit einer wirtschaftlich und demografisch so starken Macht ihre Kehrseite enthüllt, und die heißt Verantwortungslosigkeit. Bernhard Schlink hat das Problem dabei in seiner Philippika „Die Kultur des Denunziatorischen“ auf den Punkt gebracht: schon in der Schule lerne man hierzulande, das Gestern von der Höhe heutiger Moral aus zu beurteilen – denn „Moralisieren reduziert Komplexität“. Eine ganze Generation von Schülern und Studenten ist mit dem systematischen Rückschaufehler aufgewachsen, Geschichte von ihrem Ende her verstehen zu wollen.
Doch die Geschichte gibt uns keinen Vorwand. In Wirklichkeit ist es ist nicht so sehr ein deutscher Machtanspruch (als angeblicher „Grundzug“ unserer Geschichte), der uns unheimlich sein sollte – sondern das fast vollständige Fehlen strategischen Denkens in der Öffentlichkeit. Wir sind es gewohnt, das deutsch-französische Bündnis als moralisch bedeutsam, als einen Akt der Versöhnung wahrzunehmen, und verstehen den Euro als Preis für den Frieden. Uns kann man mit der Behauptung erpressen, wir schuldeten Solidarität der Vergangenheit wegen. Das alles ist edel gedacht, übersieht aber die Rolle von Machtstrategien und Interessen, die selbstbewusste Nationen um uns herum mit großer Selbstverständlichkeit in Rechnung stellen. Wir finden Interessen noch immer „schmutzig“, in guter alter idealistischer Tradition. Doch über sie ist weit leichter zu verhandeln als über hochgesteckte moralische Standards.
Unsere „Moral“ macht uns nicht zu besseren Menschen, im Gegenteil: meistens zu naiveren, oft sogar zu dümmeren. Moral ist der rosa Schleier vor den Augen, der uns daran hindert, die Welt so zu sehen, wie sie ist: nicht deshalb schlechter, weil dort statt reiner Menschenliebe Kalkül und Interesse walten.
Es gibt nur ein Argument, das gegen deutsche Führung in der Eurokrise spricht – und das ist eben dieser Hang zum Moralisieren. Denn die schuldbewusste Furcht vor den kühlen Fakten erlaubt allen anderen, ihre Interessen hinter moralisch aufgeladenen Formeln wie „Solidarität“ und „Vergangenheit“ zu verstecken. So wird Geschichte zur Magd der Politik.
Lassen wir also die Geschichte. Nach vorne geht der Blick: nur mit einem vernünftigen Selbstbild kann Deutschland eine souveräne Position einnehmen, die verständlich und verständig ist. Europa täte das womöglich gut.
Zuerst in: Welt, 3. 9. 2012
Sonntag, 19. August 2012
Stürmchen der Würmchen
Liebe Männer,
könnt ihr eure Kontroversen nicht wieder so wie früher austragen? Verabredung im Morgengrauen, Pistole oder Säbel, ein Stoß, ein Schuss – fertig? Statt dessen Angriff aus dem Hinterhalt in pseudonymer Vermummung. Geht’s noch?
Die Rede ist von einem Autor, hinter dessen schwedischem Pseudonym, so stand es in der „Welt“, ein Feuilletonchef namens Thomas St. steckt, der in seinem Krimidebüt womöglich einen bekannten Feuilletonherausgeber namens Frank Sch. meuchelt und die Leiche, als letzte Demütigung, den Aasfressern vorwirft. Also eigentlich ein Feuilletonstreit. Aber heute wird ja gleich ein Krimi draus. Warum nur? Weil man im Genreroman sämtliche zivilisatorischen Hüllen fallenlassen und sich dem Blutrausch hingeben darf? Endlich mal Schwein sein? Oder nennt sich die Sache Krimi, weil der sich bekanntlich entschieden besser verkauft als eine Kolportage aus dem bewegten Leben im deutschen Feuilleton, geschmückt mit kulturpessimistischer Kapitalismuskritik?
Warum sich ein deutscher Autor besser hinter einem schwedischen Pseudonym versteckt, ist dabei das kleinste Rätsel, auch wenn es bislang niemand hat lösen können: kaum steht ein nordlichternder (neuerdings auch französischer) Autorenname auf dem Titel, verkauft sich das Buch in Deutschland wie geschnitten Brot. Ware von deutschen Krimiautoren geht nicht annähernd so flott raus. Dem real existierenden Qualitätsprodukt „deutscher Kriminalroman“ hilft das Verasmussen und Verlarsonnen natürlich gar nicht. Und dem Krimi als solchem tut es gewiss nicht gut, dass er neuerdings der Lastesel für alle ist, die schon immer mal was loswerden wollten.
Mal ehrlich: Wird das Genre nicht schon genug missbraucht? Wer hat sich nicht schon alles daran „mal ausprobiert“– als Verleger oder Anwalt oder Fernsehmoderator? Oder als E-Literat, der sein Ausprobieren vorauseilend „Schundroman“ genannt hat? Gleiches Recht für alle: auch mein Zahnarzt weiß seinen eigenen Krimi zu erzählen – gottlob hat er keine Zeit zum Aufschreiben. Der Leser dankt. Denn der hat langsam die Nase voll von der Resterampe namens Krimi.
Die Büchertische biegen sich unter all den Serienmörder- und Kinderschänderschinken mit versoffenen Kommissaren oder Sex-and-The-City-Ermittlerinnen, ergänzt von knödeligen Dorfkrimis mit dödeligen Dorfbullen. Und jetzt scheint das Genre auch noch für die windigen Rachegelüste beleidigter Hochfeuilletonisten herhalten zu müssen. Verblendung! Verdammnis! Verdummung?
Ja, doch, dafür spricht einiges. Offenbar halten deutsche Buchverlage kein Werk mehr für verkäuflich, das sie nicht mit einem branchenerschütternden Geheimnis oder wenigstens mit einem feuchten Skandälchen garnieren können. Für den Krimi heißt das: aus sich heraus überzeugt er nicht mehr. Das Genre liegt im Wachkoma, die Story ist egal, das Handwerk zählt nicht. Der Krimi hat seinen Schweinezyklus vollendet. Er ist die Restmülldeponie gescheiterter Literaten geworden, die auch mal mit den Schmuddelkindern spielen wollen, Spielfeld von Werbetextern und Marketingspezialisten, Hinterhof für literarische und sonstige Hütchenspieler. Also, liebe Leser: Augen auf beim Krimi-Kauf! Was da mit appetitlichem Autorenfoto wirbt, stammt womöglich gar nicht von einem sexy Schweden, sondern einem rotweingeschwängerten Lohnschreiber. Und hinter dem frischen Franzosen steckt, wer weiß, ein gut abgehangener Verleger aus Mittelhessen. Alles fake, alles gar nicht wahr, der Autor ist tot – die Piraten wissen das schon länger. Nur wir Autoren haben es womöglich immer noch nicht begriffen.
Insofern steht das Stürmchen im Wasserglas womöglich für das Zeichen an der Wand, das wir entziffern sollten. Wenn sich Verleger und Literaturkritiker künftig ihre Bestseller selbst schreiben – steckt hinter Jean-Luc Bannalec nicht Jörg Bong vom Fischer-Verlag? – dann brechen harte Zeiten an für uns ganz normale, bienenfleißige Krimiautoren mit den sperrigen deutschen Namen. Wir Ehrlichen, wir Dummen, die noch an die Story und das Handwerk glauben. Und die, egal, wie gut sie sind, nicht darauf hoffen dürfen, von Verlag und Feuilleton in die Bestsellerlisten gepuscht zu werden.
Ja, da geht selbst uns für ein paar Minuten unser mörderisch guter Humor aus: Was manch kritischer Mensch den Finanzmärkten ankreidet, scheint in der Buchbranche nicht weiter despektierlich zu sein. Was man in der Wirtschaft Insidergeschäfte nennt, und was dort verboten ist, scheint erlaubt, wenn es sich um Literatur handelt. Denn es ist nichts als ein Insidergeschäft, wenn Verleger und Literaturkritiker in schöner Eintracht selbst die Bestseller schreiben, die sie with a help from our friends in den Markt pressen. Sollte sich „Sturm“ als richtig steiler Titel entpuppen, sei’s verziehen. Wenn nicht, hat der Verlag in ein gutes Verhältnis zur Süddeutschen Zeitung investiert.
Wären wir Kulturpessimisten, hielten wir das eh schon angeschlagene Vertrauensverhältnis zwischen Verlagen und Autoren für endgültig zertrümmert. Macht ihr eure Insidergeschäfte – wir machen uns, mit dem E-Book, selbständig. War eine nette Zeit mit euch.
Für den Krimi aber heißt seine kalkulierte Kannibalisierung, dass wahrhaftige Liebhaber ihn ganz beiseite legen werden, vielleicht für viele Jahre. Bis die Zeit wieder gekommen ist für eine Neuentdeckung des Kriminalromans, der, bevor er in die Hände von Spekulanten geriet, eine großartige Literaturgattung war.
Cora Stephan hat unter dem Pseudonym Anne Chaplet zehn (auch preisgekrönte) Kriminalromane veröffentlicht und die längste Zeit kein Geheimnis draus gemacht. Literaturkritiker sind ihr bislang nicht zum Opfer gefallen.
Gekürzte Version in: Literarische Welt, 18. August 2012
Samstag, 21. Juli 2012
Digitale Einsiedler
Es ist also wahr: Deutschland schafft sich ab! Die Deutschen leben mehr und mehr allein, lese ich, vor allem in den Städten. Die Internetnutzung aber hat zugenommen: gut 75 Prozent tun es täglich, ja: andauernd. Das muss zusammenhängen. Was also hat die Wissenschaft herausgefunden? Das, was sie schon im 19. Jahrhundert wusste, als die Seuche des Romanelesens die Frauen erfasste: Das kann nicht gutgehen!
Nach neuesten Erkenntnissen macht nicht nur das Fernsehen, sondern auch die Nutzung digitaler Medien wenn nicht gleich dick, dumm und gewalttätig, aber ganz bestimmt süchtig. Was daraus folgt, ist klar: Die Deutschen sterben aus – an den Risikofaktoren Einsamkeit, Virtualität und Übergewicht. Deutschland – eine Hölle sozialer Kälte, besiedelt von lauter Couchpotatos, die nur bei Fußballspielen unter die Leute gehen, sofern diese vor einem Großbildfernseher stehen. Und Sex? Wenn überhaupt, dann nur noch virtuell.
Steile Thesen, die zeigen, das wenigstens eins noch funktioniert: Arbeitsbeschaffung für das Kommentariat. Für den Kulturkritiker, der Gelegenheit hat, die Krise zu segnen, die uns wieder zusammenrücken lasse. Für den Ökoklimabioaktivisten, der kommende Not auf uns herabwünscht, die alle in die Vorgärten schickt, Gemüse pflanzen. Und für die Architekten, die schon lange über neuen Wohnkästen grübeln, die uns das Monadische mit mehr als nur sanftem Druck austreiben sollen. Insbesondere Politiker mögen solche Thesen. Da kann man wieder von menschlicher Wärme schwärmen und Wähler in den Arm nehmen, um sie abzuholen, wo sie stehen, auch wenn sie lieber dort bleiben möchten. Digitale Verwahrlosung? Nicht mit uns!
Wir Digitaleinsiedler lassen sie reden. Nicht jeder Mief, der sich menschliche Wärme nennt, ist angenehm. Und soviel Sex gibt es gar nicht, den wir nicht verpassen möchten. Wir leben zwar allein, sind aber nicht einsam, denn uns steht die Welt offen. Das Netz der Wunder erspart soziale Kontakte der unerfreulichen Sorte und eröffnet das Tor zu ungeahnt neuen. Allein und digital. Und über uns der Sternenhimmel.
Schon, als das Online-Banking begann, war ich dafür: Es hat mir noch nie Spaß gemacht, in meiner knappen Freizeit vor einem Schalter anzustehen und mir von einem gelangweilten Bankbeamten den mühselig per Hand ausgefüllten Überweisungsschein abstempeln zu lassen. Der prompt zurückkam: wegen der Handschrift. Unleserlich.
Das heißt natürlich nicht, dass man seine „Bank-Geschäfte“ nun gleich blöde lächelnd mit dem Notebook vom Strand aus erledigen muss, wie es die Banken für werbewirksam halten. Am Strand hat man anderes zu tun. Viel schöner ist, dass vor dem Strand heute nicht mehr das Anstehen liegt: vor Check-in-Schaltern auf Flughäfen oder vor den Tickettheken der Deutschen Bahn. Noch besser: man kann das Reisen gleich ganz lassen. Ein Besuch bei Google World hilft Krampfadern und tückische Flugzeugkeime meiden.
Erzählt mir nichts! Menschliche Kommunikation ist selten ein Quell der Geselligkeit oder der Freude, häufiger eine Quelle von Missverständnissen und Flugzeugabstürzen. Wir digitalen Einsiedler halten es deshalb prima allein zu Hause aus. Gewiss, man muss mal raus, Essen beschaffen. Aber ich freue mich schon auf die flächendeckende Einführung von Kundenscannerkassen. Womit warb noch ein bekannter Supermarkt? „Niemand bedient Sie so gut wie Sie selbst.“ So ist es.
Sein Erfinder muss den Vorzug reduzierten menschlichen Kontakts begriffen haben: der erste Supermarkt der Welt, der Bon Marché, den Aristide Boucicault 1852 in Paris eröffnete, erlaubte es, die Waren zu studieren, ohne mit jemanden in eine Verhandlung über ihre Preiswürdigkeit eintreten zu müssen. Das hob den Umsatz.
Es ist eine moderne Unart, das „Soziale“ zu romantisieren. Für unsere Vorfahren war die soziale Wärme, die aus Not entsteht, gewiss nicht erstrebenswert. Höchstens im Winter, wenn sich dichtgedrängte Leiber nachts aneinander wärmten, war die gemeinsame Schlafstatt nützlich. Und das Leben unter einem Dach mit Ziegen, Schafen, Schweinen und Kühen stählte zwar die Immunabwehr, aber mehrte nicht den Wohnkomfort. „Ein Zimmer für sich allein“, kurz: Privatleben ist eine Errungenschaft der Neuzeit, ein Privileg, ein Luxus, kein Mangel. Es kommt darauf an, was man draus macht. Die virtuelle Welt steckt voller Angebote.
Wir digitalen Einsiedler jedenfalls genießen die Freuden der Selbstbestimmung, ziehen uns wie Montaigne in unseren Turm zurück, auch wenn der zu klein sein mag für die 1000 Bücher, die Montaigne um sich versammelt haben soll. Doch die brauchen wir ja gar nicht mehr. Der Turmhocker von heute gebietet über viel, viel mehr, sitzt hinter seinen Mauern oder davor, lässt Rosen duften und öffnet die Pforte zur großen weiten Welt. Fliegt hinaus, ins Netz, in dem sich viele weitere Türen öffnen, hinter denen es Musik gibt, Bilder, Filme. Bücher. Wissen. Unzählige Geheimnisse, die auf ihre Entdeckung warten, die wir uns aus dem Datenstrom fischen und heimholen können. Nur 1000 Bücher? Monsieur Montaigne! Da geht noch mehr, viel mehr.
Asozial? Unsozial? Antisozial? Mitnichten. Die Nichte in Australien: wir begegnen uns täglich auf Facebook. Der Neffe in Frankreich stellt regelmäßig Bilder von klein Hugo und der noch kleineren Ambre ins Netz, das hält bis zum nächsten Besuch. Und gar nicht so weit entfernt sind die virtuellen Bekannten, mit denen man sich manchmal intensiver austauscht als mit den alten Freunden zu Zeiten der snailmail.
Ob wir denn niemals einer Menschenseele begegnen, wir digitalen Einsiedler? Oh doch. Oh ja! Aber das gehört nicht hierher. Das ist privat.
In: Literarische Welt, 21
. Juli 2012
Dienstag, 17. Juli 2012
Fragen einer zeitunglesenden Steuerzahlerin
Sehr geehrte Frau Bundeskanzler, liebe Angela Merkel,
Ihre Gegner respektieren Sie. Ihre Parteifreunde fürchten Sie. Ihre Wähler bewundern Sie. Und auch ich gestehe: Ich wäre gern wieder Ihr Fan.
Doch während der Wille da ist, erweist sich der Verstand als renitent. Ja, es ist bewundernswert, wie zäh Sie verhandeln, auch wenn zwischendrin nur ein, zwei Stunden Schlaf abfallen. Wie Sie Haltung bewahren, sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Wie bescheiden Sie sich geben, während italienische oder französische Gockel sich brüsten, über Sie gesiegt zu haben. Und dann dieses wunderbare „Nicht, solange ich lebe!“ – mit dem Sie jegliche gesamtschuldnerische Haftung in Europa zurückgewiesen haben. Fast wie einst Margaret Thatcher, die britische Madame No.
Klar, das war nicht ganz ernst gemeint. Denn Sie stehen für die schlichte, wenn auch ein wenig desillusionierende Erkenntnis, die da lautet: Politik ist, wofür sich eine Mehrheit findet. Was sich durchsetzen lässt, im ewigen Ringen um den Kompromiss. Da bleibt oft nicht viel übrig von jenen Zielen, mit denen man in die Manege gestiegen ist. In der Politik gilt: Der Weg ist das Ziel. Und das ewige Ringen mit den Wegelagerern, die zum Kuhhandel zwingen, rückt das Ziel täglich ferner, bis es nicht mehr zu erkennen ist. Ich jedenfalls sehe nichts mehr.
Nein, ich möchte keine Vision. Aber ich bitte um den Verzicht auf Nebelkerzen. Der Bundespräsident hat Sie gebeten, Ihren Wählern, Ihren Anhängern und der Bevölkerung „detailliert zu beschreiben“, was in und um Deutschland derzeit vonstattengeht und was das alles für die Zukunft bedeutet. Eine gute Idee! Erlauben Sie mir, schon mal ein paar Fragen zu stellen, vielleicht hilft das beim Antworten.
Um ganz klein anzufangen: Es geht um Solidarität mit Griechenland, heißt es immer. Das kommt bei den Deutschen gut an, die helfen gern. Aber wäre es da nicht besser, man entließe die Griechen aus der Zwangsjacke Euro? Bislang hat Ihre Hinhaltetaktik dort nur den Reichen und der korrupten Nomenklatura genützt. Wir Hilfsbereiten aber hätten gern, dass das Geld auch da ankommt, wo es „den Menschen“ nützt, wie es im Politjargon heißt. Könnte das längst pleitegegangene Griechenland abwerten, wäre es als Niedriglohnland wieder konkurrenzfähig, als Reiseland wieder attraktiv und wir wären dabei. Oder?
„Scheitert der Euro, scheitert Europa“, sagen Sie und deswegen muss gerettet werden, um jeden Preis, auch das, was nicht mehr gerettet werden kann. Aber haben wir nicht bereits ohne Euro gut miteinander gelebt? Und hat nicht erst der Euro wieder jene Zwietracht hervorgebracht, die wir überwunden glaubten? Glauben Sie wirklich, der Zwang zur gemeinsamen Währung könnte die Völker Europas dazu bringen, nach einem einzigen Rezept selig zu werden? Deutschland hat einst profitiert von seiner Kleinstaaterei, die für den Handel hinderlich gewesen sein mochte, aber durch Konkurrenz das Geschäft belebte. Wäre das nicht auch das Richtige für Europa?
Wir brauchen Europa, weil wir ein starkes Gegengewicht zu den USA oder China brauchen, heißt es immer wieder. Das verstehe ich. Doch Europa ist durch den Euro nicht stärker geworden, sondern schwächer. Niemanden beeindruckt ein Zusammenschluss von Fußkranken.
Überhaupt: was genau verstehen Sie unter Europa? Nur charmante Südländer, die es als Angriff auf ihre Lebenskultur ansehen, wenn man ihnen mit ausgeglichenem Haushalt, Steuerehrlichkeit und Rechtssicherheit kommt? Was ist mit Großbritannien und den skandinavischen Ländern, die man nicht erst groß umerziehen muss, was ordentliches Wirtschaften betrifft und die sich offenbar genau deshalb vom Europrojekt fernhalten? Was mit Polen, dem Erfolgsland in Osteuropa, unserem in vieler Hinsicht nächsten Nachbarn? Die deutsch-französische Freundschaft mag ein historischer Gewinn gewesen sein. Mittlerweile aber überlagert sie die weit existentiellere Bindung an die USA und die angelsächsische Welt mitsamt ihrer Liberalität und ihrem Pragmatismus. Das schadet uns, finde ich.
Kommen wir zur materiellen Seite. Deutschland profitiert am meisten vom Euro, deshalb, sagen Sie, habe es auch die größte Verantwortung. In Zahlen ausgedrückt, ist der deutsche Profit nicht recht festzustellen: der Export deutscher Güter innerhalb des Euroraums hat ab-, nicht zugenommen. Aber wir wollen nicht knauserig sein. Nehmen wir also die Verantwortung an. Doch worin besteht sie? Im bedingungslosen Geldspenden? Oder im Oktroy eines strengen Reglements?
Peinlicherweise sind gerade wir nicht unbedingt ein strahlendes Beispiel für erfolgreiche Reformpolitik. Es war Deutschland, 2003 unter Rotgrün, das als erstes Land gegen die Maastricht-Kriterien verstieß. Und ausgerechnet bei uns tut man so, als ob es immer so weiter gehen könnte mit dem fröhlichen Geldausgeben. Beispiel: das Betreuungsgeld, ein Milliardenprojekt, das nicht nötig wäre, wenn man Eltern selbst überlassen würde, wofür sie ihr Einkommen ausgeben, statt es ihnen wegzusteuern, um ihnen damit Geschenke zu machen.
Vorletzte Frage: wir brauchen eine Politische Union in Europa, sagen Sie. Dafür müsse jeder halt ein bisschen Souveränitätsverzicht üben. Die Deutschen würden das womöglich mitmachen, aus lauter Angst vor sich selbst, auch wenn ihnen niemand sagen kann, wie ein solches Gebilde aussehen und wie es funktionieren soll. Doch all die anderen, die ein besseres Verhältnis zu ihrem Nationalstaat und der eigenen Kultur haben, denken nicht daran, ihre Eigenständigkeit aufzugeben. Mit wem also soll sie zustandekommen, die Politische Union?
Im übrigen habe ich meines Wissens den Abgeordneten des Bundestags keinen Auftrag erteilt, deutsche Selbstbestimmung abzutreten, womöglich zugunsten eines Gremiums, das durch nichts legitimiert ist als durch irgendein „Expertentum“ hochbezahlter Beamter. Träume vom Regiment geistiger „Eliten“ geisterten ja bereits durch die Klimadebatte. Beruhigend ist das nicht: wenn von staatlichem Notstand die Rede ist, der es erzwinge, geltendes Recht und vergangene Beschlüsse fahren zu lassen und dem Wahlvolk kein Votum mehr lässt, wird es Zeit, den Anfängen zu wehren.
Können Sie, sehr geehrte Frau Bundeskanzler, den Verdacht entkräften, dass mit dem ESM-Vertrag der Weg zu einer Finanzdiktatur frei wird, womöglich unter der Ägide von Herrn Schäuble, und unter dem Applaus all jener, denen weder ihre Kultur noch ihre Freiheit etwas wert ist?
Aufgeschrieben von Cora Stephan, Autorin von „Angela Merkel. Ein Irrtum“. Mit aktuellem Vorwort erschienen im Juni 2012
Mittwoch, 11. Juli 2012
Ihre Freiheit, unsere Freiheit
Es war die Frage, die man angeblich nicht stellen darf, weil sie ja diskriminierend sei, die ihn zum Reden brachte: Die Frage, wo er denn herkomme? Aus Diyarbakir. Mehmet O. ist Türke. Nicht Hintergrund, sondern Vordergrund: So sah er aus und so sprach er auch, kein gepflegtes Deutsch, aber verständlich genug. Und er hatte viel zu sagen.
Dass man in der Türkei Kemal Atatürk, den Vorkämpfer der Republik und ersten Staatspräsidenten vergessen habe, den großen Reformer, der einst dafür sorgte, dass die Türkei ein säkularer Staat und der Einfluss der Religion zurückgedrängt wurde. Dass Staatspräsident Gül und Ministerpräsident Erdoğan den Vater der Türken und seine Reformen verraten hätten. Dass daran die Religion schuld sei.
Also der Islam? Nein, das nicht, da wurde er leise. Aber die falschen Priester, die die Religion entstellt hätten.
Private Gespräche mit Berliner Taxifahrern sind gewiss keine wissenschaftliche Basis für weitgehende politische Aussagen. Aber es gibt ein paar Evidenzen: Ahmed vom Gemüseladen in unserem Kiez redet ähnlich. Erst recht Hayder, der Vorzeigetürke vom Land, aber der ist ja auch Kurde und kann viele Gründe nennen, warum es ihm im deutschen Exil besser geht als "zu Hause". Und dann seine Frau, die sich erst in Deutschland frei fühlt. Oder der Frankfurter Student, der sich mit Taxifahren was dazuverdient, auch er ein Türke, der mit Religion nichts am Hut hat, auch nicht mit dem Islam. Nein: Vor allem nicht mit dem Islam.
Reden wir mal nicht von der Zahnarzthelferin, die zur zweiten Generation türkischer Migranten gehört und so deutsch ist wie ihre Chefin, die Zahnärztin mit Diplom aus Marmara. Reden wir nicht von der Journalistin oder dem Werbemann und dem Uniprofessor oder dem Unternehmer mit "Hintergrund". Alles Menschen, die deutsch sind und deutsch fühlen, ohne Familie, Herkunft und Geschichte vergessen (aber manchmal auch verraten) zu haben. Und reden wir vor allem nicht von den selbsternannten Stellvertretern: den islamistischen Missionaren, den ewig Klagenden und ewig Beleidigten, den Anklägern eines angeblich rundum ausländerfeindlichen Deutschlands. Oder von den weniger Privilegierten, Fremdgebliebenen oder Heimwehkranken, von all denen, die sich vom türkischen Ministerpräsidenten vertreten fühlen, obwohl sie nicht nur in Deutschland leben, sondern sogar deutsche Staatsbürger sind. Und reden wir mal nicht über die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört.
Ach, und schweigen wir auch von diesem anderen Taxifahrer, der seinen Fahrgast "Faschistin" nannte, weil die es wagte, in seiner Anwesenheit mit einem anderen Fahrgast über "Ehrenmorde" zu reden, die sie fürchtete und deren Opfer sie bedauerte. Und der dem feige das Maul haltenden Mann fast um den Hals gefallen wäre, weil der so "tolerant" sei. Oder von jenem Journalisten, der sich bei der Buchmesse vordrängelte und, als man ihm das nicht zugestand, von Rassismus sprach, dafür seien die Deutschen ja bekannt.
Reden wir mal von dem, was Multikultiverfechter immer so schön bunt finden. Denn bei allem Streit um den verlogenen Kulturrelativismus, der davon lebt, Probleme lieber zu übersehen (als sie zu benennen, weil man sie lösen will): Es gibt sie natürlich, die bunte, die schöne Seite einer offenen Gesellschaft, in der Integration und Assimilation gar kein Thema sind, weil man sie entweder nicht will oder nicht braucht.
Da sind all die Italiener, die mindestens so schlecht Deutsch sprechen wie viele Türken, die Japaner, die das überhaupt nicht können, die Spanier, die charmant radebrechen, die Amerikaner, die Deutsch nicht lernen müssen, weil hierzulande jeder Englisch spricht. Sie respektieren ganz selbstverständlich Rechte und Gewohnheiten des "Gastlandes", so fremd und bizarr ihnen das oft erscheinen mag. Und auch sie zucken nicht zusammen, wenn man sie nach ihrer Herkunft fragt. Denn was ist an Interesse diskriminierend? Und was könnte interessanter sein als die Lebensgeschichte und der kulturelle Hintergrund anderer Menschen? Gerade in Deutschland, wo man nicht zuletzt durch die lange Besatzungszeit an "Fremde" gewöhnt ist, kommt wohl kaum jemand auf die Idee, einem "Negerkind" ans Kraushaar zu fassen. Das dürfte einer Blondine in, sagen wir mal: Tansania, schon eher passieren. Empörte Reiseberichte, die den Tansaniern Rassismus vorwerfen, kenne ich nicht.
In Deutschland leben unzählig viele Menschen, die keine Deutschen sind und das auch nicht werden wollen. Und die weder erwarten oder verlangen, dass die ihnen vertrauten Bräuche und Überzeugungen ins Grundgesetz aufgenommen werden. Menschen, die keinen Zweifel an ihrer Integrationsfähigkeit lassen und deshalb auch kein Problem bereiten. Die man fast schamhaft verschweigt, weil sie ja "niedere Dienste" tun, für die sich Deutsche entweder zu fein fühlen oder wozu sie kein Talent haben. Sie gehören dazu und sie werden gebraucht: Wie die Frauen und Männer aus Osteuropa, ohne die es in Krankenhäusern und Restaurants trostlos zuginge. Wie die geschäftsmäßigen Japaner und ihr Tross, die Sushibuden und Asienläden. Wie die Polen, die zu den fleißigsten und besten Handwerker hierzulande gehören. Wie, ja, wie eben der ganze bunte Kramladen, den ein freier Markt mit sich bringt. Auf dem Markt ist man nicht beleidigt, wenn man nach dem Woher und dem Wohin fragt. Da kränkt es nicht, wenn einer sich mit Ganjitsu, Ramadan oder Pessach nicht auskennt. Markt ist ein Ort der Distanz und der Nähe zugleich, wo man nicht den "ganzen Menschen" fordert, sondern nur das, was er (freiwillig) zu bieten hat. Wer mehr will, muss Freundschaft suchen. Die findet man anderswo.
Ja, es gibt sie, "Ausländer", die das auch bleiben (wollen), und die nicht auf das rassistische Wort von den "Biodeutschen" zurückgreifen, wenn sie Menschen meinen, die keinen "Migrationshintergrund" jüngeren Datums aufbieten können (über ihre diversen Migrationshintergründe aus vergangenen Jahrhunderten schweigen die meist höflichen Deutschen gern). Das Problem sind die Missionare und Lobbyisten, die sich als Opfer und Ankläger gerieren, um vom (deutschen) Schuldkomplex zu profitieren, und sie finden sich nicht eben selten in der zweiten, dritten Generation der Einwanderer. Doch das ist kein deutsches Phänomen allein - obwohl deutsche Selbstverachtung eine nützliche Blaupause liefert. Ein Blick nach Großbritannien belehrt darüber, dass das Schwierigste für jede offene Gesellschaft der missionarische Anspruch einer Religion ist, deren Prediger und Nutznießer in die Nischen drängen, die ihnen Freiheit und Toleranz bieten.
Die Islamkonferenz, von Wolfgang Schäuble, damals Innenminister, ins Leben gerufen, war gewiss gut gemeint. Zugleich eröffnete sie Verbandsvertretern eine Plattform, die sich anmaßen, nicht nur für „alle Muslime“ zu sprechen, sondern auch für die, deren freier Wille es ist, muslimisch nicht mehr sein zu wollen.
Was findet ein freies Land wie unseres attraktiv an der autoritären Ordnung, die der Islam verspricht? Ist man die eigene Freiheit leid geworden, mitsamt der Freiheiten, die wir uns herausnehmen dürfen? Brauchen wir Schutz durch (religiöse) Führung?
Dann sollten wir uns allerdings klarmachen, dass wir damit all jenen Schutz entziehen, die ihn nötiger haben als wir: Denjenigen, die sich der Vereinnahmung durch Religion und die Gemeinschaft der Gläubigen entziehen wollen. Wir verweigern denen die Stimme, die nach Deutschland kommen, weil sie sich hier frei fühlen. Das tun sie hoffentlich noch lange.
In: Welt am Sonntag, 8. Juli 2012
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