Montag, 22. Juli 2013

Soziologen, Experten und andere Spinner

Die „Alternative für Deutschland“? „Vergleichbar mit der Tea Party“, Botschaft: es gebe dort „antidemokratische und homophobe Tendenzen“. Quelle: ein „Soziologe aus Münster.“ Gefunden: beim „Spiegel“ dieser Woche.
Beim „Focus“ – Fakten, Fakten, wir erinnern uns –mutiert der Münsteraner Soziologe gleich zum „Experten“, der sich „besorgt über rechtspopulistische Tendenzen der Partei“ äußert, „die zum Anziehungspunkt extremer Wählergruppen werden könnten.“
Und wer ist dieser Wissenschaftler aus Münster, der „Experte“, der in der neuen Partei „demokratiefeindliche Tendenzen“ festgestellt hat? Auch wenn die Partei natürlich nicht offen zugebe, dass sie das Wahlrecht einschränken will? Woraus wir wohl schließen sollen, dass sie es heimlich will?
Andreas Kemper, 50, wird weder vom „Spiegel“ noch vom „Focus“ nach beweisstarken Belegen gefragt. Seine Behauptung, Vorstandsmitglied Konrad Adam habe „schon mal implizit“ gefordert, Arbeitslosen das Wahlrecht abzuerkennen, ist es jedenfalls nicht. Wer das entsprechende Zitat nachliest, stellt fest: implizit ist ein schöner Ausdruck für etwas, das einer weder gesagt noch „gefordert“ hat.
Wer dennoch ganz schnell das Buch des „Experten“ kaufen möchte, das „Rechte Euro-Rebellion“ betitelt ist, wundert sich über den „Spiegel“ und staunt über den „Focus“. Ein Blick ins Internet hätte geholfen (früher hätte man das Recherche genannt).
Das Buch des Experten ist in einem Verlag erschienen, der die Fahne der Antifa hochhält, um nicht von Propaganda-Schriften zu reden (das tun wir nur implizit). Auf Kempers Website begegnet man einem Menschen mit eher eingeschränktem Wirklichkeits- und Wissenschaftsverständnis, der sich mit „Klassismus“ und „Maskulismus“ bestens auskennt, aber zwischen liberal und konservativ nicht zu unterscheiden weiß – ist ja alles irgendwie rechts, von links aus gesehen. Im öffentlich-rechtlichen Mainstream würde man ihn wahrscheinlich zum „Aktivisten“ adeln. Zu einem „Experten“ gar noch für die AfD macht ihn das nicht.
Dazu adeln ihn Nachrichtenmagazine, die offenbar mittlerweile jeden linken Spinner für eine seriöse Quelle halten.

Donnerstag, 11. Juli 2013

Der gefesselte Riese

Die Deutschen selbst wollen mit überwältigender Mehrheit keineswegs "führen". Aus historisch gespeister Empfindlichkeit dem Wort gegenüber. Aus Bescheidenheit. Vielleicht auch aus Faulheit. Und – weil man es nie gelernt hat. Bevor das Deutsche Reich Großmacht werden konnte, verlor es den Ersten Weltkrieg. Und seit dem Zweiten Weltkrieg ist "Führung" ein schmutziges Wort.
Diese Gründe für schuldbewusste Bedenken und bescheidene Zurückhaltung mögen zwar falsch und längst überholt sein, aber die Euro-Krise ist nicht gerade der geeignete Anlass, um mit dem Führen anzufangen. Nicht, weil dann wieder jemand Angela Merkels Bild mit Hitlerbart versehen könnte. Sondern weil die Situation nicht danach ist. Denn wie man es auch anstellt: Die Deutschen sitzen in der Falle.

Tut die Bundesregierung, was jeder normale Gläubiger tun würde, erwartet sie also von ihren Schuldnern, dass sie so schnell wie möglich dafür sorgen, dass sie die ihnen gewährte Hilfe auch zurückzahlen können, wird die Bundeskanzlerin von wütenden Demonstranten als Nazisse beschimpft, die ein deutsches "Diktat" ausüben wolle. Die Fotos auf den Titelseiten griechischer und portugiesischer Zeitungen sind uns noch lebhaft in Erinnerung.

Schnelle Schuldentilgung, heißt es neuerdings, sei im Übrigen ein unzumutbarer Eingriff in die Kultur südeuropäischer Länder, die ein anderes Arbeitsethos hätten als wir. In der Tat. Hilfe kann entmündigen. Sollte man da nicht zweimal nachdenken, bevor man Geld gibt?

Übrigens: Dass man hierzulande auf Kanzlerbeleidigungen, Nazi-Vergleiche und moralische Erpressung entspannt reagiert, mag manch einer souverän finden. Unsere nationalstolzeren Nachbarn dürften darin eher Schwäche erkennen.

Gibt die Kanzlerin wiederum umstandslos den Zahlmeister (was sie de facto tut), verstößt sie gegen den Verfassungsauftrag, riskiert ihren noch immer großen Rückhalt in der Bevölkerung und beginnt, die Kuh auszuhungern, die man doch weiterhin melken will.
Rational ist das nicht. Während die anderen Euro-Staaten längst wieder ihren ureigenen Interessen den Vorrang geben, ignoriert die Bundesregierung zudem das Haushaltsrecht des Bundestages – vorgeblich des auch moralisch höheren Ziels Europas wegen.

Doch mit der Forderung nach "mehr Europa" als Ausweg aus der Krise steht Deutschland längst allein. Es sind vor allem die Bündnisgenossen, die sich auf einen Souveränitätsverzicht nicht einzulassen wünschen. Dass ein Teil der deutschen Öffentlichkeit zu glauben scheint, Souveränitätseinbußen sei der Preis, den Deutschland der Vergangenheit wegen zu zahlen habe, ist nationaler Masochismus, den niemand honoriert.
Es sind nur noch die Deutschen, die ein sentimentales Interesse an diesem Europa haben. Historisch ist das nachvollziehbar: Für die Bundesrepublik bedeutete die Europäische Union nie ein Instrument der Machtausübung, das war die französische Agenda, wo man unter "Einbindung" gern Fesselung verstand. In der alten Bundesrepublik erhoffte man sich von der Selbstfesselung Akzeptanz.
Nun stellen die vereinigten Deutschen fest, dass sie, gleichgültig was sie tun, noch immer nicht geliebt werden. Vielleicht sollte man den Wunsch danach endlich aufgeben. Respektiert werden ist auch was Schönes.
Achtung hat sich das Land längst erworben. Selbst in Großbritannien, wo das "Kraut-Bashing" viele Jahrzehnte zu den Volkssportarten gehörte, mag man die Deutschen, weil und solange sie erfolgreich sind. Im Vereinten Königreich erkennt man auch keinen Grund für eine historisch begründete Bescheidenheit: Deutschland sei vorbildlich im Umgang mit vergangener Schuld. Also vorwärts!

Doch auch diese Ermunterung zur Leadership hat ihre Haken. Deutschlands Macht in Europa beruht auf seiner wirtschaftlichen Stärke. Wer hier Führung anmahnt, möchte meistens, dass die Bundeskanzlerin ihre "Merkelnomics" (Denis MacShane) aufgibt, ihren "Austeritätskurs", ihr "Spardiktat".
Stattdessen soll Deutschland mutig und risikofreudig "retten", also: Geld ausgeben. Dagegen spricht nicht nur ökonomische Weitsicht, sondern auch das Mandat der Kanzlerin, Schaden vom eigenen Volk abzuwenden. Schon jetzt vollzieht sich eine gewaltige Enteignung der Steuerzahler. Und das ist erst der Anfang.
Die entscheidende Frage lautet: Warum ist eigentlich immer nur von Deutschland die Rede, wenn es ums Führen in Europa geht? Wo sind die Partner? Wo ist französische Leadership zu erkennen, wo bleiben die Briten?

Euro-Europa droht an der Unfähigkeit der politischen und wirtschaftlichen Eliten seiner Mitgliedsländer zu scheitern, die Rahmenbedingungen zu schaffen, die ein starker Währungsverbund braucht. Denn da ist das Grundproblem des Euro: Seine Einführung gründete in erster Linie auf Wunschdenken, nicht auf ökonomischer und politischer Vernunft.
Nach zwei Weltkriegen, nach 45 Jahren Teilung und eingeschränkter Souveränität ist Deutschland ein gefesselter Riese. Angela Merkel, die einst "durchregieren" wollte, hat, wie alle Regierungschefs vor ihr, schnell gemerkt, dass unser politisches System Führung nicht begünstigt. Es ist nicht aufs Entscheiden ausgelegt, sondern aufs Verhandeln, auf Kompromiss- und Konsensbildung – etwas, worin Angela Merkel stark ist.
Strategische Ziele aber geraten dabei aus dem Blickfeld. Religiös verbrämte Großziele wie "Klimaschutz" oder "Energiewende" mögen beim linksökologischen Wähler-Mainstream beliebt machen, wo man die Weltrettung nicht mehr Superman alleine überlassen will. Die wichtigeren Dinge aber spielen sich nun einmal unterhalb aller großen und letzten Dinge ab.

Deutschlands Rolle in Europa und der Welt zu definieren etwa ist durchaus anspruchsvoll – mag sein, dass sich manch einer im Außenministerium davon überfordert fühlt.

Doch auch darin könnte Führungsstärke liegen: Europa anders zu denken, auch so: Europa ohne den Euro zu denken. Hoffentlich macht sich schon jemand Gedanken darüber. Gut möglich, dass die Ruhe vor dem Sturm nur noch bis zum Tag nach der Bundestagswahl am 22. September währt.
Zuerst in: Die Welt.

Mittwoch, 3. Juli 2013

Schlesischer Wein. Alles fließt, oder: come together

Das durchdringende Geheul der Jerichotrompeten, mit denen 87 Stuka in den Morgenstunden des 1. Septembers 1939 die polnische Stadt Wielun heimsuchten, hat Zbigniew Czarnuch noch heute im Ohr. Damals war er neun Jahre alt und lebte ganz in der Nähe. Er sah die Menschen flüchten, erlebte, wie der Vater in den Untergrund ging, und empfand dennoch, wie er breit lächelnd erzählt, als großen Vorzug der deutschen Besatzung, dass er nicht mehr zur Schule gehen musste. Der Junge wurde Herr über 100 Schafe und lernte statt grauer Theorie ein lebendes Dorf kennen, in dem jede Kreuzung und jede Brücke ihre Geschichte hat. Seither ist er der Meinung, dass menschliche Ansiedlungen sprechen.
Der 82jährige, ein kleiner Mann mit weißem Schnurrbart, vollem Haar und handfestem Charme , empfängt in einer mit Büchern und Zeitungen vollgestopften Dreizimmerwohnung, serviert Tee und alkoholgesättigten Kuchen und bietet Wodka an, wonach den Besuchern um 15 Uhr noch nicht ist. Außerdem glaubt man dem Lehrer und Heimatforscher auch ohne Alkohol, dass die Steine zu ihm sprechen – jede Brücke eine Legende, jede Straße eine Story, jedes Haus ein vielstimmiger Gesang. Czarnuch hat ein feines Gehör – auch für Menschen.
In Witnica (Vietz), wo er seit 1945 lebt, weil der Vater einen Posten in der neu aufzubauenden Verwaltung bekam, blieben die Steine lange Zeit stumm. Es gab ja keine Alteingesessenen mehr, die Deutschen waren geflüchtet oder vertrieben, und die jetzt dort gelandet und gestrandet waren, waren ebenfalls nicht freiwillig gekommen. Die kommunistische Führung erzählte zwar gern, sie würden nun in „wiedererlangten Gebieten“ siedeln. Vietz gehörte 1250 zu den Gütern des Templer-Ordens. Die polnischen Piasten hatten ihren Einfluss längst verloren.
Der junge Czarnuch wollte keine deutschen Stimmen hören, als überzeugter Kommunist befreite er Vietz mit dem Hammer von deutschen Symbolen und Emblemen und übermalte deutsche Schilder und Aufschriften. Als er Jahre später die Geschichte von Witnica schreiben wollte, merkte er, dass der Ort nicht zu ihm sprach. Erst der Kontakt zu den einst vertriebenen Deutschen, zunächst aus der DDR, nach 1989 auch aus dem Westen, öffnete Türen und Ohren. Ein Ort lebt nur, wenn alle Stimmen gehört werden, sagt Czarnuch. Also auch die der vertriebenen Deutschen, späte Besucher, die ihn berührt und gerührt haben.
Czarnuch hat keine Geschichten zu erzählen von anmaßenden Deutschen, die nach Schlesien kommen, um den Verlust ihres Eigentums zu beklagen. Er hat sie offenbar nie getroffen. Im übrigen sei nicht zu bestreiten, dass es bei der Vertreibung der Deutschen, die ihren sämtlichen Besitz zurücklassen mussten, alles andere als korrekt zugegangen war. Für seine Verdienste um die Verständigung zwischen Polen und Deutschen wurde er 2009 mit dem Georg-Dehio-Kulturpreis ausgezeichnet. Es gehöre Mut dazu, meint er, zuerst Mensch zu sein, bevor man sich als Pole empfindet.
Damit machte man sich nicht nur im kommunistischen Polen unbeliebt. Das hören auch heute dort viele nicht gern. Aber vielleicht fällt dieser Mut in Schlesien leichter als anderswo in Polen?
*
Ob Schlesien nicht die geeignete Landschaft wäre für den sanften Übergang von Deutschland zu Polen, für ein langsames Verschmelzen in naher Zukunft? Piotr Firfas, unser Fremdenführer durch Zielona Gora, das ehemalige Grünberg, stimmt mit leuchtenden Augen zu, wenn man ihn das fragt. Er hat in Gießen und Germersheim studiert und spricht ein hervorragendes Deutsch. Natürlich gehören hier Polen und Deutschland zusammen, das Deutsche ist schließlich an allen Ecken und Enden präsent, Häuser und Straßen sprechen beide Sprachen, und die Fiktion von der Stunde Null im Jahr 1945 wird längst nicht mehr gepflegt. Im Gegenteil: In Grünberg hat man erkannt, dass es dem Fremdenverkehr förderlich ist, wenn man Geschichte vorweisen kann.
Die Geschichte, etwa, der Weinbauregion um Grünberg herum. Im Weinmuseum kann man alten Fässern und deutschen Namen begegnen. Bereits 1250 sollen Mönche vom heute opulent barock restaurierten Kloster Paradies mit dem Weinbau begonnen haben. Mit 200 ha liegt hier, auf 51° 56` nördlicher Breite und 15° 31` östlicher Länge, das nördlichste geschlossene Weinbaugebiet der Welt.
Die jahrhundertealte Weinbautradition wurde mit der Vertreibung der Deutschen beendet. Es gab 1945 niemanden, der sie hätte fortführen können. Vom kollektivierten Weinanbau im kommunistischen Polen gibt es nichts zu berichten, das Experiment endete 1960. Doch schon 1990 begannen Pioniere, die Weinberge am Hang der Oder wiederzubeleben. Und sie erkannten die Vorteile, die es bringt, an einen alten Ruf anzuknüpfen.
Mit Grempler & Co entstand 1826 in Grünberg die erste deutsche Sektkellerei, die jährlich bis zu 800 000 Flaschen Sekt weltweit auslieferte. Was nicht Sekt wurde, machte man zu Cognac: Albert Buchholz gründete hier „die größte Cognac-Brennerei Deutschlands nach reichsamtlicher Statistik“. Die Vorfahren zweier Spitzenwinzer im australischen Barossa Valley, Peter Lehmann und Johann Christian Henschke, stammen aus der Grünberger Gegend.
Heute gibt es auf gut 100 Hektar etwa hundert Winzer. Mit 6 Ha das größte Weingut dürfte Stara Winna Góra sein, aufgebaut von Marek Krojzig, der sein Geld mit Schaumstoff verdiente, bevor er auf seinem Grundstück bei Cigacice (Tschicherzig) alte Reben entdeckte und sich für den Weinanbau begeisterte. In Weingut und Hotelanlage ist viel investiert worden, allerdings nicht nur Geschmack, und die Häuser mit Walmdach und viel Holz spiegeln Tradition vor, die es nicht gibt. Hier trinken die gehobenen Kreise Polens ihren Riesling oder Regent. Den Wein kann man nur auf dem Gut kaufen, und im Verhältnis zur Qualität ist er teuer.
Das Gegenstück zum Prestigeobjekt Stara Winna Gora ist Roman Grads Weinberg Julia, der gerade mal 0,1 Hektar hat. Expertise und Reben kommen hier wie dort nicht selten aus Geisenheim.
Obwohl Polen seit 2005 als Weinland anerkannt ist, sind die Grünberger Weine nicht im freien Handel zu haben. Die bürokratischen Hürden sind hoch, sie zu überwinden ist teuer. Für Touristen ist das nicht ohne Vorteil: die Karte der Lebuser Wein- und Honigstraße verzeichnet 26 Winzer, bei denen man einkehren und probieren kann. Die eine oder andere Rebe wächst zudem im Park eines alten Herrenhauses.
Die Weinmacher sind eine internationale Community. Wer Winzer ist, hat viele Freunde – nicht zuletzt in Deutschland, wo Weltklasseweine gedeihen. Wein verbindet. Auch so wächst etwas zusammen.
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Wer sich in Christel Fockens Obhut begibt, sollte aufpassen: die starke Frau mit den kräftigen Händen hat in einem ihrer vielen früheren Leben eine Szenebar in Berlin betrieben. Heute ist sie Vorsitzende des von ihr gegründeten Bundesvereins Privater Historiker. Seit fünfzehn Jahren erkundet sie einen Teil des „Ostwalls“, den 35 Kilometer langen Mittelabschnitt der östlichen Frontlinie, der eigentlich „Festungsfront Oder-Warthe-Bogen“ heißt. Ihre Instruktionen für die Führung sind militärisch knapp: keine Protzautos. Keine Stöckelschuhe. Kein Schnaps. Übeltäter werden von der Führung ausgeschlossen. Warnung: „Sie bringen sich sonst um interessante Erlebnisse!“ Was muss die Frau bei ihren Führungen wohl alles schon erlebt haben? Leichtbekleidete Damen? Betrunkene Heil-Hitler-Gröler?
Am Tag unserer Führung regnet es in Strömen. Vor dem Eingang in den Bunker stehen Männer und Frauen in überaus korrekter Kleidung, in Tarnanzügen und Regencapes, als ginge es in eine Tropfsteinhöhle. Nicht für jeden ist der Besuch ein Abstieg in die Vergangenheit, der Untergrund ist auch bei Radfahrern und Paintball-Spielern beliebt. Im Treppenhaus seilen sich Todesmutige ab. Wir benutzen die völlig intakten Stufen.
In den langen Gängen selbst ist es gleichmäßig kühl temperiert und trocken. Das einzig Martialische sind die Graffiti an den Wänden. Nazi-Grusel ist nicht das Spannende an der gigantischen Anlage aus Bunkern, Panzerwerken und raffinierten Brückenanlagen. Sie ist ein Wahrzeichen deutscher Ingenieurskunst und so kriegsbedeutend wie die französische Maginot-Linie. Also gar nicht. Denn der imponierende Bau hat seine Feuertaufe nie erlebt.
1934 begann man mit dem Bau, 1939 verfügte Hitler den Baustopp. Er hielt den Festungsbau im Westen für dringlicher. Vor allem aber habe man keinen Bedarf für Festungen, „die nur zur Konservierung von zahlreichen Nichtkämpfern dienen“. Als man die Anlage gegen die vorrückenden Russen hätte gebrauchen können, war sie nicht mehr funktionstüchtig, man hatte sie weitgehend ausgeschlachtet. Auch fehlten Soldaten, um sie auf die Schnelle in Betrieb zu nehmen. Die Rote Armee überrollte sie.
Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Ostwall zunächst von den Russen und später von der Polnischen Armee genutzt. 1957 war es damit vorbei, der Ostwall war vergessen. Heute ist er eine Attraktion, um die sich Christel Focken verdient gemacht hat. Der Bürgermeister von Meseritz (Międzyrzecz ) hat sie zur „Ehrenbotschafterin“ der Anlage ernannt.
Bunkertourismus also. Und warum nicht? Was soll man auch sonst mit der Anlage machen? Sie ist ein deutsches Erbe, das fest mit der Landschaft verbunden ist, man kann es ihr nicht mehr entreißen. Am besten arrangiert man sich damit.
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Das Bier ist gut, der Wodka ebenfalls, das Essen schmeckt und der Wein kommt aus Australien, weil der Grünberger ja nicht ausgeschenkt werden darf. Zum Frühstück gibt es Tütentee und Nescafé, gefüllte Eier, nahrhafte Salate, schwere Kuchen. Wir übernachten in einer alten Johanniterburg und in einem prächtigen Herrenhaus, beide trächtig mit deutsch-polnischer Geschichte. Im Herrenhaus wird passenderweise eine deutsch-polnische Hochzeit gefeiert. Niemand jammert über Deutschland, und es ist auch keine Angela Merkel mit Hitlerbärtchen zu sehen. Weil Polen keinen Euro hat? Das hat für Touristen einen unschätzbaren Vorteil: Noch kann man sich die Preise dort leisten.
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Polen ist einer unserer engsten Nachbarn. Kaum ein Land hat bessere Voraussetzungen, um die Drehscheibe zwischen Ost und West werden. Junge Polen, die erkannt haben, dass ihr Land zum Mittler taugt, sprechen russisch, deutsch und englisch. Während der Euro Nord- und Südeuropa entzweit, verbindet sich hier im Grenzgebiet zwischen Polen und Deutschland ganz allmählich etwas, zaghaft, uneingestanden, schüchtern. Das, was einst Schlesien war, ist die denkbar schönste Brücke.


Montag, 17. Juni 2013

Wer am Wasser baut

Volkserziehern ist jedes größere Naturereignis ein Menetekel, das vom nahenden Untergang kündet. Denn wird nicht alles immer schlimmer? Beweise spart man sich, es gibt ja den Augenschein: Wir haben es doch gesehen, im Fernsehen, gerade eben! Gewiss: die Prognose, dass wir in unseren Breiten keine kalten Winter mehr erleben werden, hat sich als falsch erwiesen. Den wahren Prognostiker aber schreckt das nicht: auch das passt notfalls ins Szenario, demzufolge es die Menschen zu bunt getrieben haben mit ihrem Tun, mit ihrer egoistischen Gier, die sie immer weiter und höher treibt.
Es steht ja schließlich schon in der Bibel. „Denn siehe, ich will eine Sintflut mit Wasser kommen lassen auf Erden, zu verderben alles Fleisch, darin ein lebendiger Odem ist, unter dem Himmel. Alles, was auf Erden ist, soll untergehen.“
Den „Antideutschen“, wie sich ein paar Vermummte nannten, die Deiche für zerstörenswert hielten, dürfte das aus dem Herzen gesprochen sein. Doch weder Gott noch die Flut ist selektiv, die jetzige riss nicht Deutsche, sondern vor allem Rehe und Kühe, Ratten und Hühner, Katzen und Hunde mit. Kann es sein, dass den anschwellenden Flüssen und Bächen menschliche Sünder völlig egal sind?

Lasst doch die Apokalyptik, möchte man nüchtern dazwischenrufen, die Lage ist schon schlimm genug. Im übrigen ist das Weltrettungspathos anmaßend. Es überschätzt die Menschen sowohl, was ihre Bosheit betrifft als auch ihre Fähigkeit, durch Einkehr die Dinge zum Guten zu wenden. Wenn man den Predigern lange genug zuhört, schnurrt Mutter Natur zum zahnlosen Mütterlein zusammen, das den Menschen braucht, um schadlos über die Straße zu kommen.

Es ist schon paradox: Die Überzeugung, dass die Menschen nicht nur Böses, sondern nachgerade den Weltuntergang bewirken könnten, entspricht ja fast spiegelbildlich der Hybris technikgläubiger Macher, die glauben, alle Naturgewalten bezähmen und beherrschen zu können. Wer sind wir denn, dass wir die Natur entweder schützen oder „bewältigen“ könnten? Tatsächlich rächt sich mit jeder Flutwelle der alte Machbarkeitswahn, unter dessen Imperativ man Flüsse begradigte und kanalisierte, um bebaubare Fläche zu gewinnen. Die aber nimmt sich der Fluss bei jeder Flut zurück. Schuld am Schaden ist nicht der Fluss und auch nicht irgendeine Klimakatastrophe, sondern das kurze Gedächtnis der Menschen.

Auch die jüngste Hochwasserkatastrophe enthält eine das menschliche Selbstbewusstsein nachhaltig kränkende Botschaft: So wichtig sind wir gar nicht. Die Natur nimmt uns weit weniger ernst als wir uns. Und deshalb müssen wir sie respektieren. Wer am Wasser baut, muss mit der Flut rechnen.
Was lehrt uns das? Demut, gewiss, angesichts der Gleichgültigkeit der Natur. Denn sie will uns gar nichts zeigen oder beweisen, sie verurteilt uns nicht, sie braucht auch keine Gebete und keine Buße, sie will gar nichts, außer tun, was ihr beliebt. Die einzige Strategie, die dagegen helfen könnte: Kluges Zurückweichen. Flüsse brauchen Raum, in dem sie sich verlaufen können. Das gilt bekanntlich für jeden Gegner, der in der Übermacht ist.
Und was lehrt die Flut uns noch? Dass es nicht stimmt, was uns die Ablasshändler nun schon so lange erzählen: dass die Menschen egoistisch sind, dass man sie zwingen und gängeln muss, damit sie das von den Moralwächtern für richtig Befundene tun. Menschen mögen unvernünftig sein. Und nicht immer bereit stehen, um die Welt zu retten. Aber sie helfen einander, wenn Not ist, das war schon immer so und das war auch diesmal der Fall.




Dienstag, 4. Juni 2013

Freiheit ist Selbstzweck

„Freiheit ist nicht verhandelbar.“ Ein Satz, der in jeder Talkshow Erregung garantiert – jedenfalls in Deutschland. Mit satter Mehrheit werden die Anwesenden der Radikalität dieses Satzes widersprechen. Wer die Minderheitsposition vertritt, sollte sich warm anziehen, denn er bewegt sich außerhalb des Wärmestroms, den man Konsens nennt. Schließlich werden schon seit Generationen Schüler gut benotet, die beim entsprechenden Aufsatzthema brav darlegen, dass „Freiheit wovon“ nicht reicht, wenn ihr die Sinngebung durch einen edlen Zweck fehlt, wenn sie also keine „Freiheit wozu“ ist. Freiheit, so stand es kürzlich auch in der "Welt", darf kein „Selbstzweck“, sondern muss irgendwie nützlich sein, und zwar für andere als das Individuum selbst.
Freiheit ohne „wozu“ ist also eine verdammt einsame Angelegenheit. Wen wundert’s, dass der Bürger Angst vor ihr hat? Einschüchternd schallen ihm Mahnung und Warnung entgegen, es mit der Freiheit nicht zu übertreiben, sondern erst einmal an andere zu denken, an die Menschen und die Solidarität mit ihnen. Hinter derlei weihevollem Gemeinschaftsgeist steckt ein ziemlich trübes Menschenbild. Demzufolge ist das Individuum egoistisch, räuberisch und gemeingefährlich, wenn man es frei laufen lässt. Ein Schuft also oder doch wenigstens ein irregeleiteten Geschöpf, das ohne die Begrenzung seines Freiheitstriebs zu einem kaltherzigen Egozentriker mutieren würde. Das böse Ich muss eingebettet werden in ein ebenso schützendes wie strafendes Wir.
Bevor sich jemand auf seine Freiheit berufen kann, ist er also schon solidarisch eingemeindet. Dem ist schwer zu widerstehen – wer will schon als egoistische Monade allein in der kalten Ecke stehen? Genau: die Mehrheit der Deutschen will das nicht. Warum werden sie also beständig ermahnt? Auf die Dauer macht das auch Gutwillige misstrauisch, wenn unter dem hohen Lied von der Solidarität die moralische Erpressung lauert, die nur von einem kündet: der Staat braucht Geld. Doch wozu? Dass ausgerechnet Staat und Politik besser mit dem Geld umgehen könnten, das andere erwirtschaften, dürfte mittlerweile nicht nur die real existierende schwäbische Hausfrau bezweifeln.
Freiheit ist nicht verhandelbar. Denn sie ist Freiheit des Individuums, und hat mit alledem nichts zu tun, woran manch einer sie binden will: mit Gemeinschaft und Gesellschaft, dem Staat, dem „Wir“. Für die Kreativität und Produktivität einer Gesellschaft ist, im Gegenteil, die Freiheit des Individuums entscheidend, oft gerade dann, wenn es dickköpfig und ohne nach rechts und links zu schielen seinen Zwecken folgt. In statischen Gesellschaften binden Zunftzwang und Glaubenssätze, Stammeswesen und Familienbande den Erkenntnistrieb des Einzelnen. Wer sich archaische Stammeskulturen anschaut, bekommt einen Eindruck davon, was es heißt, wenn sich das Individuum den Bedürfnissen der Familie unterzuordnen hat: wer sich Erfolg nicht persönlich zurechnen kann, bemüht sich gar nicht erst darum.
Doch ausgerechnet im Land der Erfinder scheint sich die Sehnsucht nach einer Fesselung des Prometheus wieder breitzumachen. Fortschritte können bereits vermeldet werden: Dass man in einem Ministerium wie dem Bundesumweltamt vorschreiben will, welche Erkenntnisse in einem laufenden wissenschaftlichen Prozess die amtlich besiegelten und damit die richtigen sind, geht in Richtung Gottesstaat.
Andere bereiten schon mal die Diktatur des Proletariats vor. Wer mehr als 60 000 Euro im Jahr verdient, ist reich und muss abgeschöpft werden. Eine seltsame Verkennung der Wirklichkeit: muss nicht der Wohlstand erst geschaffen werden, den man zugunsten jener umverteilen will, die ihre Freiheit nicht zu eigenem Wohl nutzen können? Und ist es nicht womöglich just die vorauseilende Fürsorge des Staates, Hand in Hand mit der moralisierenden Warnung vor dem sozialschädlichen Missbrauch der Freiheit, die manch einen hindert, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen? Zartfühlende Seelen dürften sich vor einem Erfolg scheuen, der ihnen nicht den geringsten Applaus, dafür aber jede Menge öffentlich geförderten Sozialneid einträgt.
Wer sich die moralisch aufgeladenen Debatten um „Ich“ und „Wir“, um die Freiheit des Individuums und die Solidarität dem Gemeinwesen gegenüber anschaut, dem kann nicht entgehen, wie wenig Ansehen all das hat, was die Basis des Umverteilungsstaates ist: Erfolg, Leistung, Reichtum. Denn natürlich braucht es, damit andere staatliche „Leistungen“ empfangen können, die vielverrufenen „Leistungsträger“. Den Ansehensverlust, den sie für ihren Erfolg (und für ihre steuerlich bekundete Solidarität) hinnehmen müssen, hat offenbar nur einen Zweck: sie gefügig zu machen, damit der Ammenstaat weiterhin Volksbeglückung spielen darf. Denn der sorgt ja schon längst nicht mehr vor allem für die wirklich Hilfsbedürftigen. Ihnen kommt weniger als die Hälfte des größten Etats des deutschen Bundeshaushalts zugute. Der größere Rest geht an all jene, die Armut verwalten oder anderweitig daran ihr Geld verdienen. Das aber – an der Armut verdienen – findet niemand anstößig.
Isaiah Berlin schrieb: „Freiheit ist Freiheit, nicht Gleichheit oder Fairness oder Gerechtigkeit oder Kultur oder menschliches Glück oder ein ruhiges Gewissen.“ Freiheit, mit anderen Worten, ist Selbstzweck. Eingeschränkt ist sie dort, wo sie die Freiheit anderer verletzt. Der Staat aber ist nichts anderes als die Instanz, die das Regelwerk für den freien Verkehr freier Bürger bereitstellt.
Und deshalb ein Lob, zuletzt, dem demokratischen Nationalstaat westlicher Prägung. Er hat mit seinem Gewaltmonopol die Selbst- und Lynchjustiz abgeschafft. Er hat mit der Garantie des Privateigentums den Bürgern Schutz vor Willkür gegeben und damit die Basis für ihre wirtschaftliche Entfaltung. Er sorgt für Vertragssicherheit. Er stellt die Rechtsgrundlage für ein Leben in Freiheit. Für die Moral und die persönlichen Lebensführung seiner Bürger aber ist er nicht verantwortlich. Und er bestimmt nicht, was wir glauben sollen oder wissen dürfen.
Muss man den freien Bürger gängeln? Oder ist es nicht, im Gegenteil, hoch an der Zeit, den schleichenden Freiheitsverlust zu bekämpfen und sich „gegen die Volksmoralisten“ zu stemmen (Reinhard K. Sprenger)?
Wenn Politiker ihre Fehlentscheidungen alternativlos nennen, ist es so weit.




Donnerstag, 16. Mai 2013

Vom Leben im Paradox. Michael Wolffsohn zum 66. Geburtstag

Im Münchner Spatenhaus begrüßt man ihn mit Freude und sichtbarem Respekt und rückt ihm den Stuhl zurecht: Hier und heute Abend sitzt Michael Wolffsohn bequem. Normalerweise hält er sich eher zwischen den Stühlen auf, das ist weniger angenehm, erst recht, wenn man eine derart schmale Silhouette hat. Und doch balanciert er dort seit Jahren. Es gibt viele, die ihn dafür bewundern. Es gibt weit mehr, die ihn dafür hassen.
Wer ihn persönlich erlebt, versteht die Abneigung nicht: Der Herr Professor ist kein akademischer Langweiler, sondern ein weltgewandter und feinfühliger Citoyen mit Charme und Humor. Außerdem sieht er verdammt gut aus. Und er gibt sich, ganz wie seine Frau Rita, keineswegs so erwachsen, wie es sich angeblich gehört, wenn man schon 65 und seit einigen Monaten emeritiert ist. Der Abend ist heiter. Kaum eine Frage bleibt offen. Nur eine: Wie schafft es so jemand, sich mit beinahe allen anzulegen, die nicht nur in Deutschland eine öffentliche Rolle spielen?
Dass die Rechtsradikalen ihn nicht lieben – geschenkt. Dort mag man in alter Tradition keine Juden, und vor allem keine, die, als Professor an der Bundeswehruniversität in München, deutsche Offiziere mit Zionismus infizieren oder sonstwie verderben könnten. Der rechte Hass lässt sich von medialem Jagdgeschmetter befeuern, kulminiert immer wieder in antisemitischen Morddrohungen und beschert der Familie Wolffsohn in ihrem Münchner Haus seit Jahren Polizeischutz.
Das müsste die Linke auf seine Seite bringen? Ganz im Gegenteil. Einmal deshalb, weil Wolffsohn nunmal kein Linker ist. Als er 1970 zum 1967 unterbrochenen Studium an die Berliner Freie Universität zurückkehrte, erlebte er Mao-Bibel schwenkende Studenten, die den eminenten Politikwissenschaftler Richard Löwenthal, den 1935 vor den Nazis geflohenen Juden, einst Kommunist, später Sozialdemokrat, als Nazi beschimpften. Wolffsohn aber wollte studieren und nicht über Maos Kulturrevolution diskutieren. Irgendwann schloss er sich wie Löwenthal und Fraenkel der „Notgemeinschaft für eine freie Universität“ und dem „Bund Freiheit der Wissenschaft“ an. Dort lernte er Rita Braun-Feldweg kennen, die beiden sind seit 1975 verheiratet. Er dunkel, sie blond, beide schmal und schnell und scharfzüngig. Eine tiefe Beziehung, man sieht und hört das.
Ach, die Linke und Richard Löwenthal: auch das so ein Missverständnis, das man heute kaum noch nachvollziehen kann. Was war an Löwenthal und Fraenkel reaktionär, den jüdischen Linksliberalen, antitotalitär aus Erfahrung mit Nationalsozialismus und Kommunismus zugleich? Und was attraktiv an den studentischen Ideologen, diesen Sektierern der 70er Jahre, die alles niederbrüllten, was nicht ihrer Meinung war? Doch damals war klar: wer zum „Bund Freiheit der Wissenschaft“ hielt, war rechter als rechts. Dabei war doch nur der linke Verstand bei vielen besonders kurz.
Und dann auch noch das: der Streber Wolffsohn hatte gedient, freiwillig, drei Jahre lang. Nicht in der Bundeswehr, immerhin – damals bevorzugten viele Studenten Berlin, weil ein Wohnsitz dort ihnen den Wehrdienst ersparte. Dafür aber in der israelischen Armee, zu einer Zeit, als man dort jeden Mann brauchte: nach dem Sechstagekrieg 1967, als Ägypten den Israelis einen Zermürbungskrieg am Suezkanal lieferte. Doch während Wolffsohn der Sache Israels diente, jubelte einer wie Joschka Fischer im Oktober 1969 auf einem Palästina-Solidaritätskongress in Algier Jassir Arafat zu, der den „Endsieg“ über Israel anstrebte. Das beschreibt in etwa die Spannweite der Gegensätze. Der Antizionismus in der studentischen Linken war, wie wir heute wissen, weit übler als eine lässliche Jugendsünde.

Es liegt nicht am Wein, dass das Bild immer verworrener wird. Wer war, wer ist Michael Wolffsohn in den Augen der Öffentlichkeit? Ein Zionist, glauben einige, andere meinen, als Jude könne er kein richtiger Deutscher sein. Irgendwie. Aber womöglich ist er gar ein Nazi? Irgendwie wohl auch. Hatte ihn nicht Ignatz Bubis 1992 als „Vorzeige-Juden der deutschen Rechtsradikalen“ bezeichnet? Dann durfte einer wie Friedrich Küppersbusch das auch, der 1995 in einer gottlob längst vergessenen WDR-Fernsehsendung namens „ZAK“ das Konterfei Wolffsohns mitten ins Hakenkreuz der Reichskriegsflagge montierte, gegengeblendet Aufnahmen von Neonazis beim Sturm auf das Asylbewerberheim in Rostock. Ich erinnere mich gut an die Sendung, es war zum Fremdschämen.
Doch hatte nicht auch das dieser Wolffsohn – irgendwie - selbst verschuldet? Wer sich als deutsch-jüdischer Patriot bezeichnet, muss mit den Schlimmsten rechnen. Das geht gar nicht. Nicht bei den Deutschen. Aber auch nicht bei den Juden in Deutschland. Und erst recht nicht bei den Israelis. Eigentlich – bei niemandem.
Sitzen Sie gut zwischen den Stühlen, Herr Wolffsohn?

Mit Deutschland, finden die einen, geht Wolffsohn viel zu freundlich um. Den Juden in aller Welt und Israel aber erspart er nichts. Stimmt schon: er hat so gar nichts übrig für die „Amtsjuden“ und „Synagogengänger“, für die Funktionäre des Zentralrats der Juden in Deutschland etwa, die sofort mit Exodus drohen, wenn über die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Beschneidung kleiner Jungen auch nur diskutiert wird. Oder für den Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Edgar Bronfman, der sich noch bis kurz vor ihrem Ende bei der DDR beliebt machte. Er mag den „Gemeindemief“ nicht und die jüdische „Folklore“. Er spottet über angemaßte Juden wie Gregor Gysi oder Markus Wolf. Und ein bisschen auch über die Beliebtheit jüdischer Vornamen für die Kinder nichtjüdischer deutscher Eltern.
Ebenso wenig hält er von harschen Marschbefehlen aus Israel, wonach das „entartete“ deutsche Judentum „aufzulösen“ sei und alle Juden nach Israel, in die jüdische „Einheitsfront“, gehörten. Doch solche Töne sind vorbei. In Israel respektiert man ihn: ja, er ist ein Diasporajude. Aber er hat drei Jahre freiwillig in der israelischen Armee gedient, nicht ohne Risiko fürs eigene Leben. Das zählt dort.
Dennoch besteht Wolffsohn darauf: weder (das existentiell gleichwohl so notwendige) Israel noch sonstwer repräsentiere die Juden in der Welt. Auch nicht das, was sich „jüdische Gemeinde“ oder „Zentralrat“ nennt – dass der für alle jüdischen Deutschen zuständig sei, glaubten nur die nichtjüdischen Deutschen, wo noch immer die Meinung grassiert, Juden seien eine verschworene Gemeinschaft, in der alle eisern zusammenhalten. Nebbich. Ebenso wenig sind alle Juden, als „die Opfer“, engelsgleiche Wesen. Das verachtet Wolffsohn: jedwede Sonderbehandlung, auch wenn sie mit besten Absichten geschieht. „Toleranz auch für die dummen Juden!“ Es gibt sie, wie überall. Na und? Na und.
Wolffsohn will Normalität. Aber die kriegt er nicht. Ist er denn überhaupt ein richtiger Jude? Dieser Nestbeschmutzer? Der eine Evangelische geheiratet hat, die er noch nicht einmal zum Konvertieren hat überreden wollen?
Die Gänsekeule kommt. Weder im Spatenhaus noch bei Wolffsohns wird koscher gegessen, warum auch? Die wenigsten Diasporajuden tun das. Und die wenigsten Juden heiraten Juden. Rita und Michael führen eine Mischehe, wie gut zwei Drittel der Juden in Deutschland. Doch das ist Teil eines Problems: dass nämlich die Juden immer weniger werden.
Wenn man Rita und Michael Wolffsohn lachend über ihre Hochzeit sprechen hört, hat man das Gefühl, der Tag habe nur ein Thema gehabt: die inständigen Bitten von Freunden und Verwandten, Rita, die Gojte, möge doch bitte schnell noch zum Judentum konvertieren. Sie tat es nie. Und deshalb sind die drei Kinder der Wolffsohns dem Judentum entzogen – denn Jude ist nur, wer eine jüdische Mutter hat, wobei es nicht auf Blut und Gene ankommt, sondern auf die Religion.
Das ist so ein Moment, an dem Michael Wolffsohn bedrückt wirkt. Es ist doch eine schwindende Gemeinschaft, die Juden der Welt und die in Deutschland. Und er ist ja doch beides: Jude und Deutscher. Obwohl Diasporajuden ohne Religion eigentlich keine sind. Sagt er, dem Stammesdenken nunmal fremd ist. Das ist wohl die Paradoxie seines Lebens.

Wolffsohn hat ein Lebensthema, natürlich, unübersehbar. Nicht jenes, das Henryk Broder hat, der auf Antisemitismus geeichte Spürhund. Eher im Gegenteil. Michael Wolffsohn kämpft für etwas, das es nicht gibt: dafür, dass einer wie er so normal ist wie sich die meisten jüdischen Deutschen im Deutschen Reich bis Hitler fühlten. Doch das jüdische Großbürgertum hat sich diese Normalität womöglich nur eingebildet. Dass Hitler auch die zu Juden erklärte, die sich selbst gar nicht mehr so verstanden, hat Juden auf immer zu Juden gemacht. Sich dagegen zu wehren kommt der Arbeit des Sisyphos gleich.
Doch Wolffsohn rollt den Stein immer wieder hoch. Antisemitismus ist das eine. Die Funktionalisierung des Holocaust aber ist nicht minder unangenehm. Wolffsohns Augenmerk gilt der „Geschichtspolitik“, ein Begriff, den er in die Debatte eingebracht hat. Gemeint ist, dass hinter fast jeder Geste und jedem Gedenken im öffentlichen Raum handfeste Interessen stehen. Auch Willy Brandts Kniefall in Warschau war Geschichtspolitik: die große Geste sollte Israel beruhigen, dem die „neue Ostpolitik“ der sozialliberalen Koalition nicht schmeckte. Der Mehrwert: ab da konnte man in der SPD Israel tagespolitisch kritisieren, ohne geschichtspolitisch als Relativierer dazustehen.
Und so wird aus Vergangenheit eine Krücke für die Gegenwart. Die Deutschen hätscheln jemanden wie Jonah Goldhagen, der ihnen bescheinigt, sozusagen genetisch bedingt „eliminatorische Antisemiten“ zu sein? Der Mehrwert solchen Masochismus’ heißt: man kann sich macht- und außenpolitisch raushalten. Für die Juden in der Diaspora, insbesondere in den USA, ist der Holocaust als Bindemittel an die Stelle der Religion getreten? Praktisch, dann muss man nicht groß darüber nachdenken, was das eigene Jüdischsein noch bedeutet, sobald es nicht mehr religiös definiert ist.
Und Israel? Die Zionisten haben nicht auf Hitler gewartet, um in Palästina zu siedeln. Doch heute ist auch dort der Holocaust zum einigenden Zusammenhang geworden. Und in Deutschland, dem „Land der Täter“, fühlt man sich am Schicksal der Palästinenser gleich noch mit schuld. Weil es ja ohne Hitler kein Israel und damit auch keinen Konflikt gegeben hätte ...
Unsinn. Am Grunde des Konflikts, so sieht es auch Wolffsohn, liegt die verfehlte britische Mandatspolitik in Palästina weit vor Hitler, die wahrlich nicht judenfreundlich war. Auch im Zweiten Weltkrieg sahen weder Engländer noch Amerikaner die Rettung der Juden als Hauptsache. Doch darüber zu diskutieren verbietet – Geschichtspolitik. Kein Wunder also, dass Wolffsohn aneckt, der nur in einer Hinsicht Fanatiker ist: wenn es um die Wahrheit geht.

Wir sind beim Schnaps und fast die letzten im Lokal. Seit Wolffsohn emeritiert ist, kann man ihm erst recht nicht mehr das Maul verbieten, wie es deutsche Kollegen und Politiker gleich zweimal versuchten, als sie seine Amtsenthebung betrieben. Es gibt wissenschaftliche Projekte, er geht schwanger, sagt er, mit einer (welt-)historischen Einordnung der Bundesrepublik Deutschland. Und vielleicht fügt er den bislang 30 Büchern und 132 wissenschaftlichen Aufsätzen auch noch eine Familiengeschichte plus Autobiografie hinzu. Außerdem berät er Politiker und Unternehmer, meistens über den Nahen Osten, die deutsche Außenpolitik, weltpolitische Entwicklungen und natürlich „Geschichtspolitik“.
Gut, dass sich um die „Gartenstadt Atlantic“ vor allem Rita Wolffsohn kümmert. Die Familie hat ihr gesamtes Vermögen in die Rettung eines jüdischen „Vermächtnisses“ gesteckt, nämlich in die vorbildhafte Restaurierung einer Wohnanlage im Berliner Problembezirk „Gesundbrunnen“, deren Herzstück einst die „Lichtburg“ war, jenes Ende der 20er Jahre gegründete Großkino. Das alles gehörte Karl Wolffsohn – bis zur Arisierung. Wolffsohn konnte flüchten, kehrte 1949 zurück und musste zwölf Jahre lang um die Anlage prozessieren. Seinen Sieg erlebte er nicht mehr. Und das Kino hat der Westberliner Senat 1970 abreißen lassen.
Die Geschichte der „Gartenstadt Atlantic“ ist ein Kapitel für sich. Es ist die Geschichte, auch, eines handfesten, uneitlen Mäzenatentums einer ganzen Familie.
Auch das noch: Michael Wolffsohn ein Mäzen, der ein jüdisches Erbe für Deutschland bewahrt hat. Das soll ihm mal einer verzeihen können.

Dienstag, 14. Mai 2013

Der deutsche Krimi im Schweinezyklus

Zu viel Erfolg kann tödlich sein. Einst war das 1986 gegründete Syndikat, die Vereinigung deutschsprachiger Krimiautoren, eine kleine konspirative Zusammenrottung, die den Deutschlesern beibringen wollte, dass Krimi kein Grimmi sein muss, schlichter Schund oder eine lieblos zusammengezimmerte Parodie, der man die Verachtung des Genres anmerkt. Sondern Literatur mit Anspruch, mindestens auf gutes Handwerk, gern auch auf sozialkritische Aufklärung. Seit 1987 gibt es alljährlich eine Qualitätsschau, die Criminale, Urgroßmutter der Krimifestivals, die heute jede Provinzmetropole im Programm hat. Der Kampf ist vorbei, halb wurde er gewonnen: der Krimi, eher nicht der deutsche und weniger der mit Anspruch, hat den Markt erobert und das Syndikat platzt aus allen Nähten.
Längst können auf der jährlichen Criminale nicht mehr alle Mitglieder lesen, wofür man in vielen Fällen dankbar sein darf. Schließlich zählt man seit den verschworenen Anfängen mittlerweile 751 Mitglieder. Dankbar registrierte Syndikatssprecher Edgar Franzmann auf der diesjährigen Criminale in Bern einen Rückgang des Trends: 2012 sind lediglich 75 neue Mitglieder dazugekommen. Dabei bräuchte die Autorengruppe eher Schwund als Zuwachs, sonst könnte in Bern die letzte Criminale stattgefunden haben. Längst stehen die Bewerber für den Austragungsort nicht mehr Schlange. Immerhin kostet der Massenauftrieb zwischen 250 000 und 300 000 Euro, das kann sich nicht jede Region leisten, zumal die Criminale noch nicht einmal die Bestseller der Branche aufbietet wie Nele Neuhaus, Rita Falk oder Klüpfel & Kobr. Jüngere Talente wie Merle Kröger oder Simone Buchholz sind gar nicht erst im Syndikat.
Masse ist nicht Klasse. Eine „Qualitätsschau“ kann die Criminale schon deshalb nicht sein, weil dort jedes Mitglied lesen darf – oft im Dreier- oder Viererpack, gern auch in Eckkneipen oder Waschsalons. Schließlich will man kein elitärer Verein sein, sondern „demokratisch“.
Egal, wer liest, wurscht, was gelesen wird. Der nichtgewerkschaftliche Zusammenschluss eigenwilliger Einzelkämpfer hat Züge einer Dienstleistungsorganisation angenommen. Während manch frühes Produkt mehr von frauenbewegten oder gesellschaftskritischen Anliegen denn von schriftstellerischem Können zeugt, sind viele der Neumitglieder Textprofis, weitgehend illusionslose Handwerker, die ihr Geschäft verstehen. Nichts dagegen, weder Überzeugung noch Selbstverwirklichung oder der reine Glaube ans eigene Talent allein machen gute Literatur. (Auch wenn es natürlich an der Autorenehre kratzt, wenn sich manch Verleger mittlerweile seine Genrebestseller selbst schreibt, wie es das Gerücht im Falle des enigmatischen Jean-Luc Bannalec will.)
Wie also schrumpft man sich gesund? Dass die ehrenwerte Gesellschaft keine Kriterien für das eigene Produkt hat, zeigte in Bern die Debatte ums e-Book. Weil man nicht noch mehr Mitglieder anziehen will, soll einem Antrag zufolge die Aufnahme eines Autors, der sein Werk lediglich digital vertreibt, davon abhängig sein, dass auch er einen „richtigen“ Verlag mit einem arbeitenden Lektorat in Kreuz hat – als ob das bei der den Markt zukleisternden Massenware spürbar der Fall wäre. Und als ob der Charme des e-Books nicht gerade darin läge, dass es die Autoren tendenziell unabhängig von Verlagen und Buchhandel macht – die eben keineswegs immer die besten Freunde der Autoren sind.
Der Megaseller „Shades of Grey“ verdankt seinen Erfolg den Lesern. Doch von denen ist auch unter Krimiautoren selten die Rede, etwa wenn es um den Kampf fürs „Urheberrecht“ geht, von einigen Syndicats tapfer und entbehrungsvoll geführt. Sicher ist in dieser Frage das Bündnis mit den großen Verlagen und dem „Börsenverein“ schön und gut, obwohl man gerade dort noch immer davon träumt, das e-Book marginalisieren oder wenigstens mit dem stationären Buchhandel verknüpfen zu können. In Interesse der Leser ist das nicht – weshalb das auch im Syndikat gepflegte Amazon-Bashing fehl geht. Gerade dort, beim Versandhändler, ist noch zu finden, was sich Buchhändler nicht mehr ins Regal stellen, weil es keinen Umsatz bringt. Und das ist oft genau das, was das Syndikat einst befördern wollte: der saugut geschriebene Kriminalroman mit einem Plot, der nicht längst schon überall durchgenudelt worden ist.
Gesundschrumpfen müsste sich nicht nur das Syndikat, sondern der Krimi selbst, der soeben seinen Schweinezyklus durchläuft. Will sagen: er geht an Masse zugrunde. Längst werden die Bestsellerlisten nicht mehr vom Krimi dominiert, und was sich dort noch findet an Kriminalistischem, ist skandinavische Düsternis, der heitere deutsche Landkrimi oder der universelle Frauenleidroman.
Der „Schweinezyklus“ lehrt: man stelle die Produktion ein, wenn der Markt überfüllt ist und warte auf die Zeit, in der wieder Bedarf entsteht. Warum sollte das nicht auch für den deutschen Krimi und die Criminale gelten?
Ich sag schon mal bye bye.

Wir Untertanen.

  Reden wir mal nicht über das Versagen der Bundes- und Landesregierungen, einzelner Minister, der Frau Kanzler. Dazu ist im Grunde alles ge...