Donnerstag, 14. November 2013

Wir müssen über den Krieg reden...

Dass Deutschland „zwei Weltkriege angezettelt“ habe, ist in Deutschlands Schulen und Redaktionsstuben weitgehend Konsens. Auch die letzten beiden deutschen Außenminister reklamieren die Schuld am Ersten Weltkrieg, als ob es angesichts des Zweiten Weltkriegs darauf nun auch nicht mehr ankomme.
Ob man sich von der packenden Studie des in Cambridge lehrenden australischen Historikers Christopher Clark belehren lässt? Er weist in einer minutiösen Analyse der Wochen und Tage vor dem Beginn des Großen Kriegs nach, dass von einer deutschen „"Schuld“ an der Katastrophe nicht die Rede sein kann und dass sich die „"Verantwortung“ dafür die Staatsmänner aller beteiligten Nationen teilen müssen.
Für die Deutschen bedeutet das keine Erlösung und für die anderen ist es schmerzhaft. Der erste Weltkrieg ist und bleibt die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, aus ihm folgten noch größere Schrecken. Die je unterschiedlichen nationalen Erinnerungen an den „Großen Krieg“ bestimmen noch immer die europäische Gegenwart – und damit auch das Bild, das man in Europa von den Deutschen hat. Schon deshalb müssen wir über den Krieg reden – den ersten, nicht nur den zweiten.
In Großbritannien bereitet man sich auf die Gedenkfeiern zum hundertsten Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs vor. Eine schwierige Gratwanderung kündigt sich an. Zwar ist das „Hun-Bashing“ derzeit aus der Mode und die britische Regierung möchte Schuldzuweisungen vermeiden. Man bestehe, heißt es, auf lediglich zwei Punkten: dass der Krieg ein gerechter Krieg war, ein „just war“. Und dass man gesiegt habe.
Von deutscher Seite wird man wenig Widerspruch ernten. Mit nationalem Masochismus – oder Sadismus? – erklärte jüngst der einstige Außenminister Joschka Fischer den Vertrag von Versailles sogar für „zu sanft“ und „nicht konsequent genug“. Interessant sind die kritischen Stimmen in Großbritannien selbst. Gewiss, ein Mann wie der Autor Max Hastings verkauft sein neues Buch aggressiv mit dem Argument, man habe 1914 wie 1939 in den Deutschen das Böse bekämpft, und der ungleich eminentere Militärhistoriker und Regierungsberater Hew Strachan meint, es gebe bei den Zentenarfeierlichkeiten keinerlei Grund, Rücksicht auf das heutige Deutschland zu nehmen, bloß, weil es nicht zu seinen Niederlagen stehen wolle. Doch die Mehrheit der britischen Publizisten und Historiker, die sich zu Wort melden, fordert vom eigenen Land Selbstkritik. Der Deutschlandkenner Richard J. Evans, Historiker in Cambridge, sieht keinen Grund für die Annahme, dem Kaiser sei es darum gegangen, sich zum Diktator Deutschlands und Europas aufzuschwingen – also keinen Grund für einen „just war“. Auch habe niemand gesiegt. Die Hauptkonflikte blieben ungelöst, bis sie 1939 wieder virulent wurden. Der Mythos vom britischen Sieg verleihe keine verlässliche nationale Identität.
Noch deutlicher wird der konservative Publizist Simon Heffer: Nur aufgrund der Einmischung Großbritanniens sei aus einem begrenzten Konflikt ein Weltkrieg geworden. Die britische Intervention habe nicht nur Millionen Tote gekostet, sondern die alte europäische Ordnung zerstört, revolutionäre Bewegungen genährt und den Wohlstand der vorhergehenden Jahrzehnte vernichtet. Man hätte neutral bleiben, über die starken Handelsbeziehungen die Partnerschaft mit Deutschland pflegen und so die meisten Katastrophen des 20. Jahrhunderts verhindern können.
Das Buch von Christopher Clark, in dem die These von der Hauptverantwortlichkeit des Deutschen Reichs klaftertief begraben wird, gibt der Debatte neue Nahrung. Wer die 700 Seiten dieses Krimis durchgestanden hat, hat zwar keinen Schurken mit rauchendem Colt serviert bekommen, sondern eine Tragödie, in der alle Akteure mit offenen Augen und dennoch blind durch die Kulissen stolpern. Kein Zweifel aber besteht an der provozierenden Rolle Frankreichs – und daran, dass Großbritannien kein eigenes Eisen im Feuer hatte, also kein legitimes Interesse, das ihm das „ius ad bellum“ verliehen hätte. Großbritannien hat nicht nur nicht gesiegt. Es hat auch keinen „just war“ geführt – einen gerechten, d.h. gerechtfertigten Krieg.
Doch war die britische Regierung nicht wegen der Verletzung der Souveränität Belgiens durch die Deutschen moralisch und rechtlich zur Intervention verpflichtet gewesen? Das war, wie Clark minutiös nachzeichnet, eine nachgeschobene Begründung, und die These, man habe „die Freiheit“ gegen deutsche Hegemoniebestrebungen verteidigen müssen, ein Propagandamärchen. Tatsächlich war ein Durchmarsch durch Belgien auch in den Kriegsplänen Frankreichs und Englands vorgesehen, die Solidarität mit „Little Belgium“ zielte auf die Bevölkerung, die man moralisch mobilisieren musste. Mit Propaganda über kindermordende deutsche Hunnen, die ans Gemüt appellierte.
Clarks Buch ist politisch brisant. Ja, erst Großbritanniens Kriegseintritt hat den Krieg zum Weltkrieg werden lassen, wofür seine Regierung, wie Clark zeigt, keinen legitimen Grund hatte. Das ist das Päckchen, das England zu tragen hat – völlig unabhängig von der politischen Blindheit, den voreiligen Versprechen, der Selbstüberschätzung und Fehldiagnosen aller anderen.
Was die deutsche „Schuld“ betrifft, so teilen sich die Sieger selten die Verantwortung mit den Besiegten. Irgend jemand musste die enormen Kosten der Materialschlachten tragen. Vor allem aber brauchten die ausgebluteten und zerstörten Nationen wenigstens den Hauch einer Rechtfertigung für den millionenfachen Tod junger Männer. Dass ihr Opfer keinem vernünftigen Ziel diente, ja dass es ihnen geradezu absichtslos abverlangt wurde, war und ist schwer auszuhalten. Einer muss der Schurke sein, damit man weiterhin ans Gute glauben kann.
Manch einer in Großbritannien hält an alter Größe fest, auch wenn das Empire beim dauernden Siegen unterging. Und manchmal scheint es, als sei aus Deutschland geworden, was Winston Churchill einst boshaft versprochen hat: es ist „fat and impotent“, feist und unbeweglich, wie ein gut gemästeter Kapaun, es kann und will seine ökonomische Macht nicht in eine politische ummünzen. Doch selbst diese Zurückhaltung hilft dem Land nicht, das „zu groß für Europa und zu klein für die Welt“ ist (Kissinger). In der Eurokrise scheuen sich manche unserer Nachbarn nicht zu behaupten, mit der deutschen Austeritätspolitik drohe Deutschland „zum dritten Mal in einem Jahrhundert den Kontinent zu ruinieren“ (Gustav Seibt).
Nein, wir haben es alle gemeinsam getan. Und das ist, wenn man so will, die gute Botschaft für Europa: wir bewältigen die Krise auch nur – gemeinsam.

Montag, 4. November 2013

Die Provinz leuchtet

Was sich geändert hat? Es riecht jetzt anders. Und es klingt anders, dort, wo ich lebe, in der oberhessischen Provinz, am Rande des Vulkans.
Am Anfang war der Schrei: ein langgezogenes „Aaaa-uf!“, mit dem die Nachbarin ihre Milchkühe angetrieben hat, begleitet vom Klatschen des dicken Stocks aus Buchenholz auf den Hintern der trödelnden Tiere. Dazu das Geräusch, das Kuhfladen machen, wenn sie auf Asphalt treffen: so ein kurzer, saftiger Platsch, wie ein zerberstender Apfel. Morgens und abends das gleiche Schauspiel, früh auf die Weide, später zurück zum Melken in den Stall. Das ordnete meinen Tag, wie die Kirchenglocken im Nachbarort.
Den meiner Nachbarin auch: Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe. Irgendwann trennte sie sich schweren Herzens vom Milchvieh. Statt dessen zogen Schweine in den Stall, der Duft nach Milch und verdautem Gras wich dem scharfen, strengen Gestank von Ammoniak. Und anstelle des satten Rülpsers einer zufrieden mampfenden Milchkuh hört man seither nebenan das empörte Schreien eingesperrter Fleischreserven.
Ja, das Dorf klingt anders, auch, weil Hermann fehlt. Der Hahn, der jeden Morgen bereits um vier verschnupft losgurgelte, ist tot. Ich vermisse ihn. Mehr noch die geschäftigen Hennen, hübsche Zwergwyandotten und prächtige Legehühner, die beste Eier gaben. Erst hat der Nachbar die Kaninchenzucht aufgegeben, danach wurden die Hühner abgeschafft. Und nun mussten auch noch die jubilierenden Kanarienvögel weichen – Hubert hat’s am Knie und ist sowieso nicht mehr der Jüngste.
Frei lebende Singvögel machen sich hier schon lange rar, das verdanken wir den hässlich schnarrenden Elstern. Wenigstens die Greifvögel von der nahen Flussaue rufen noch ab und an kreisend über dem Dorf. Kein Trost sind nächtliche Katergefechte.
Ja, es wird leiser im Dorf. Wenn man die Rasenmäher nicht zählt. Ebenfalls verzichtbar ist das Theater beim frühmorgendliche Abtransport der Schlachtschweine, ein schreckliches Schreien und Trommeln, das den Vegetarier in mir weckt. Doch auch das ist bald vorbei. Dann hört man morgens wahrscheinlich nur noch ein Flugzeug, das Warteschleife fliegt, weil der Frankfurter Flughafen überlastet ist. Oder den Bäckerwagen, der sein Kommen durch lautes Hupen ankündigt, was immer noch erträglicher ist als das fröhliche „Hier kommt der Eiermann“, das erschallt, wenn der Mann mit Wurst und Käse heranbraust. Aber ihm sei verziehen: die Nachbarin, um die neunzig, die jeden Tag wie um die siebzig mit dem Hund durch die Flussaue läuft, kauft lieber bei ihm als im Supermarkt, der ist zwei Dörfer entfernt. Überhaupt, die Alten, von denen es in meinem Dorf übrigens weniger gibt als Kinder: sie werden steinalt hier. Woran das liegt?
Bald hat es hier mehr Pferde als Rinder. Die Gemüsegärten mit den bunten Blumen und Stauden werden weniger. Die Maisfelder nehmen zu. Und nachts sind die Sterne ferner gerückt, seit sie am Horizont wie Weihnachtsbäume stehen und leuchten und leuchten: Windkrafträder, die Feinde der dunklen Nächte. Und des roten Milans und der Zugvögel. Sie sind so bekömmlich für die Natur und die karge Schönheit des Vogelsbergs wie die Monokulturen der Maisfelder.
Und dann ist auch noch Herbst. Äpfel fallen, Nebel wallen. Zeit fürs Kaminfeuer und eine gute Dosis Melancholie mit Hilfe von Schnaps und Statistik: Lasst uns leben hinterm Mond, solange das noch geht. Das Dorf stirbt. Der Untergang ist nah. Aber wir können sagen, wir sind dabei gewesen.
Die Provinz leuchtet nicht, sie lichtet sich, sagen die Zahlen. Erst starben die Dorfkneipen, dann die Tante-Emma-Läden, jetzt sind die erst ein paar Jahrzehnte alten Kläranlagen zu groß für die kleiner werdenden Haushalte, in denen Menschen leben, denen man das Wassersparen beigebracht hat. Das war in unserer Region immer schon unnötig, mittlerweile zerstört es die Kanalisation. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, die alte Hausgrube aufzugeben, um statt dessen die Fäkalien und Abwässer in den Kanal zu leiten? Doch wir mussten, die Ideologie der „Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen“ wollte es so – gleiche Standards für alle, egal, wie unterschiedlich die Lebenslagen sind. Kläranlagen aber verursachen den Kommunen die höchsten Energiekosten.
Ja, die Situation ist da, besonders spürbar in den „neuen“ Bundesländern: die Infrastruktur ist zu groß für die schwindende Bevölkerung; die Kosten bleiben gleich, verteilen sich jedoch auf weniger Nutzer. Das Leben in der Provinz wird teuer. Häuser stehen leer und verfallen, die noch bewohnt sind, verlieren an Wert. Erst recht die in der Nähe von Wind“parks“ und Starkstromleitungen. Wir Letzten vom Land leben in einer Abwärtsspirale. Abreißen oder Umziehen, empfehlen Studien für die besonders betroffenen Regionen.
Also weg mit den Dörfern und dem Landleben? Der freien Wildbahn eine Chance? Irrtum: Die Tierwelt macht es den Menschen nach und zieht in die Stadt. In Berlin stromern Füchse durch die Schrebergärten, in den Parkanlagen von Frankfurt am Main fühlen sich Singvögel wohler als in den agrarischen Monokulturen, die Kaninchen wissen das schon längst und vermehren sich entsprechend.
Die Provinz aber soll zur Stellfläche für Windräder und Biogasanlagen werden, meinen manche, weil das ja gut für die Natur sei, wenn auch nun nicht gerade für jene Schrumpfnatur, die sie umgibt. Der Bauer als Verpächter seiner sauren Wiesen hat es prima damit, von der Pacht lässt sich gut leben und das Schweinefleisch kommt eh billiger aus Dänemark. Das Land überlebt in den nach ihm benannten Zeitschriften, die man vor allem in der Stadt liest, wo viele statt Wetter nur noch klimageregelte Zonen kennen.
Wie in den Science Fiction-Romanen der 70er Jahre wird sich die Provinz irgendwann zum feindlichen Draußen wandeln, zur hässlichen Versorgungswüste für den Energiebedarf der Städte. Aber ganz wie im Roman werden auch sie irgendwann kommen, die Unpassenden, die Freaks, die Stadtflüchtlinge, die sich in den Nischen der Zivilisation ihr eigenes Paradies suchen. Es hat sie immer gegeben.
Kein Trend ist unumkehrbar. Immer wieder gab es Gegenbewegungen zum Zug in die Metropolen, suchen Städter Ruhe und geräumige Fachwerkscheunen und entdecken die Kunst des Gartenbaus neu. Stets wird irgendwann der Wert des Alten wiederentdeckt, weil es Charakter hat und beständiger ist als die Wegwerfarchitektur der Lebensabschnittshülsen in den Wohnstädten.
Wir werden ja sehen. Wir Letzten.

Sonntag, 20. Oktober 2013

Prunk, Protz, Pranger

In Sachen Bischof von Limburg hat der Protestantismus gesiegt oder das Proletariat. Passend dazu jene Worte, die Verachtung regelrecht herausprusten: Prunk und Pracht, protzen und prassen. Also: Pranger.
Vom fröhlichen Agnostiker bis zum strengen Lutheraner scheinen sich alle einig zu sein: der Katholik habe es an Bescheidenheit fehlen lassen, als er die Bischofsresidenz des hübschen Städtchens zu einem Schmuckstück ausbauen ließ – zu Kosten, die mittlerweile angeblich auf das zehnfache des ursprünglich vorgesehenen Betrags gestiegen sind.
Nun ist jener Bischof, ein schmales Männchen, gewiss kein Sympathieträger. Doch wie auch immer er gesündigt hat: niemand scheint ihn kontrolliert zu haben. Das Versagen sämtlicher kritischer Instanzen ist ein Krimi für sich. Wer sich da im Nachhinein unschuldig gibt, verhält sich unredlich.
Was jedoch am meisten irritiert: die öffentliche Empörung übersteigt bei weitem den Schaden. Denn der Bischof hat keine Steuergelder veruntreut, Vorwürfe können ihm höchstens seine Kirche und ihre Gläubigen machen. Woher also die Aufregung, die so auffällig fehlt, wenn es um „demokratisch“, also von der öffentlichen Hand geplante Bauwerke geht? Bei denen ist es üblich, dass die Kosten explodieren, was, wenn es nicht vorsätzliche Irreführung ist, zumindest darauf schließen lässt, dass Politik und Verwaltung Planung und Kostenkalkulation verlernt haben.
Der Schaden, sofern einer dem Bistum entstanden ist, geht im Grunde weder Politik noch Nichtkatholiken etwas an. Womöglich speist sich also die allgemeine Erregung aus tieferen Quellen, was so sprechende Worte wie „Protz“ und „Prunk“ nahelegen. Sie lassen vor unseren Augen ein Sittengemälde entstehen, in dem Klerus und Adel enthemmt verprassen, was das Volk mit Fleiß erschaffen hat. Und so führen sich all die Empörten und Selbstgerechten auf wie weiland im 18. Jahrhundert die Jakobiner, die im Namen der Tugend zum Tyrannensturz aufrufen. Dabei sieht ausgerechnet Tebartz-van-Elst nicht im Entferntesten aus wie die Karikatur des versoffenen und verfressenen Kirchenmannes. Doch wem, denken offenbar die Erregten, ist schon zu trauen, der sich eine freistehende Wanne ins Badezimmer stellen und goldglänzende Türklinken verbauen lässt?
Ohne mich zum Anwalt der katholischen Kirche machen zu wollen: an diesen Bildern und an dieser Empörung stimmt etwas nicht.
Etwa, was das Protzen und Prunken betrifft: wer, bitte schön, wäre geeigneter für die Entfaltung von Pracht als die katholische Kirche? Ihre Mönche und Bischöfe haben der Nachwelt die schönsten Dinge hinterlassen: Kathedralen und Champagner, um es mal auf diesen Punkt zu bringen. Bleiben wir bei den Kathedralen, diesen großartigen Bauten zu Ehren Gottes: nichts als Protz und Prunk und Verschwendung, nach den Maßstäben der Empörten. Doch – wollen wir sie missen? Ein Ort ohne Gotteshaus ist eine Ansiedlung ohne Mitte – und ohne Geschichte. Es sind nunmal die Adelspaläste, Bischofssitze und Bürgerhäuser, die Europa noch heute prägen, während die Behausungen der kleinen Leute selten ein Menschenleben überdauerten. Sollen wir deshalb auf die Zeugnisse früherer Prachtentfaltung verzichten?
Mag sein, dass sich dieser Bischof und jener Papst mit prächtigen Bauten ein Denkmal setzen oder seine Macht demonstrieren wollte. Doch sogar den sichtlich Eigensüchtigen darf man unterstellen, dass sie über den Tag hinaus gedacht haben. Kirchen und Paläste waren nicht für nur ein Menschenleben gedacht, sie sollten überdauern, bis in alle Ewigkeit, amen. In Zeiten, in denen Zweckarchitektur die Innenstädte veröden lässt und Reihenhäuser armselige Lebensabschnittshüllen geworden sind, die keinen Charakter mehr haben, ist das vielleicht einen Gedanken wert: dass es im Leben auch darauf ankommen könnte, etwas Bleibendes zu schaffen und zu hinterlassen.
Der Limburger Bischof hat jedenfalls ein gutes Werk für Limburg und seine Besucher getan, in dem er mit beträchtlichem Aufwand die prächtige Vikarie aus dem 15. Jahrhundert restaurieren ließ. Ob die Neubauten der Residenz Bestand haben, unterliegt einem ästhetischen Urteil, keinem moralischen oder buchhalterischen.
Doch das Spektakuläre des Neubaus scheint überwiegend unter der Sichtbarkeitsgrenze zu liegen. Und die Schießschartenoptik der neuen Kapelle lässt befürchten, dass sie in hundert Jahren niemanden mehr berührt. Dieses Urteil aber müssen wir der Nachwelt überlassen. Und der katholischen Kirche, sofern es sie und ihr Vermögen dann noch gibt.

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Ach, die FDP. Ach ja.

Vergangen, vergessen, vorüber und vorbei. Die FDP hat bekommen, was sie verdient. Denn nicht erst jetzt fehlt im Bundestag eine liberale Stimme. Wir Liberalen und Libertären sind schon lange heimatlos und leiden nicht erst seit gestern darunter, dass Liberalismus hierzulande mit der FDP identifiziert wird – zu Unrecht.
Oder soll man vielleicht doch ein klein wenig Mitleid haben? Denn jetzt mauert ihr auch noch die neue Führungsmannschaft, welche die Partei nach dem tiefen Fall wieder zur Sonne, zur Freiheit führen soll, den Grabstein breit. Als ob man Koalitionstreue nachholen müsste, sollen die wenigen verbliebenen Eurokritiker in der Partei endgültig mundtot gemacht werden. Man wolle ja nicht der Alternative für Deutschland hinterherlaufen. Natürlich nicht – man hat ihr schließlich den Weg bereitet.
Denn die FDP hatte ihre Chancen, der Freiheit eine Gasse zu schlagen – und hat eine nach der anderen verspielt. Statt dagegen zu halten, wenn die anderen Parteien ihre Kuschelparolen ausgeben, hat sie sich angebiedert. „Mitfühlender“ Liberalismus – ja herrje, haben wir das wirklich noch gebraucht angesichts des Gesumses und Gesäusels unserer Menschlichkeitsspezialisten von links bis CDU? Das letzte ehrliche Wort, das Guido Westerwelle ganz schnell wieder zurücknahm, um fortan den sprachlosen Außenminister zu geben, war das von der „spätrömischen Dekadenz“. Recht hatte er: das System der Wahlgeschenke soll, wie Brot und Spiele, das Volk ruhigstellen. Die Staatsschuldenkrise verdankt sich genau jener Politik, in der Stimmenkauf das politische Projekt ersetzt.
Doch die FDP blieb spätrömisch bis zum bitteren Ende, als ob Ruhigstellen die erste Bürgerpflicht wäre. Wäre sie eine liberale Partei gewesen, hätte sie der Debatte über die Risiken der Eurorettungspolitik Raum und Stimme gegeben und damit die „Alternative für Deutschland“, über die sie jetzt so bitter klagt, unnötig gemacht. Eine liberale Partei hätte den permanenten Rechtsbruch zum Thema gemacht, auf dem die „Eurorettung“ basiert und auf Vertragstreue, Eigenverantwortung und das Haftungsprinzip gepocht. Liberal wäre gewesen, auf dem Budgetrecht der frei gewählten Abgeordneten des (nationalen) Parlaments zu beharren, statt das Geld der Bürger irgendwelchen durch nichts legitimierten (europäischen) Instanzen auszuliefern. Liberal hieße, sich gegen eine Energiepolitik zu stemmen, die durch gigantische Subventionen den Wettbewerb verzerrt, die hierzulande weitgehend nutzlose Photovoltaik zugunsten innovativer Technik privilegiert und Umverteilung von unten nach oben begünstigt.
A propos Umverteilung: Es mag ja ungerecht sein, dass sich die FDP nie vom Ruch hat freimachen können, sie sei eine gemeinwohlfreie Partei der Besserverdiener und nur daran interessiert, das Wohl ihrer reichen Lobby zu mehren. Die Gegenfrage sei gestellt: warum hat es in dieser Partei keiner verstanden, das Lob all jener zu singen, die dafür sorgen, dass fast die Hälfte aller Bürger keine Lohn- oder Einkommenssteuer zahlen muss? Man könnte das schließlich eine Leistung nennen, die sich sehen lassen kann. Reichenschelte betreiben schon die anderen, für eine liberale Partei aber gibt es mehr als einen Grund, die hohe Steuermoral der Mehrheit der „Besserverdienenden“ zu rühmen, als der man im übrigen hierzulande schon als Handwerker oder mittlerer Angestellter gilt. Das Keifen gegen Steuerzahler, die man glaubt ducken und beleidigen zu müssen, statt sie zu ehren und zu preisen, ist die hierzulande vorherrschende Tonlage. Kühe, die Milch geben sollen, werden besser behandelt.
Diejenigen, die keine Steuern zahlen, brauchen keine Extralobby, die haben sie bereits – in einem Staat, in dessen Haushalt der größte Posten das Sozialbudget ist, weiß man, wie man durch Abhängigkeit Treue erzielt.
Womit wir bei einem liberalen Kernprojekt wäre: der Abwehr eines Staates, der seine Eingriffe Fürsorge nennt. Was könnte liberaler sein, als sich gegen die anmaßende Einmischung des Staates in die private Lebensführung der Bürger zu wehren? Wer sich nicht als hilfloses Wesen fühlt, das vom Staat gepäppelt und von lächelnden Politikdarstellern in den Arm genommen werden muss, wer selber weiß, was ihm gut tut, und keine Anweisung braucht, wie man „richtig“ lebt, hat hierzulande keine Lobby. Hat aber mittlerweile einen Verdacht: Wer nichts Substantielles zu sagen hat, bläht sich eben moralisch auf. Die Fürsorgerhetorik der Parteien soll das große Nichts verdecken, das sich sonst gähnend auftäte.
Nach solcher Bedeckung einer Blöße scheint großer Bedarf zu herrschen. Auch die Grünen halten vom Bürger wenig, vom Staat umso mehr. Mit Jürgen Trittin ist man zu den autoritären Traditionen aus K-Gruppenzeiten zurückgekehrt. Dabei hat es ja einst ein durchaus liberales Intermezzo gegeben, befeuert durch das Bündnis mit Bürgerrechtlern aus der DDR. Tempi passati - auch der wirtschaftsliberale Flügel der Partei um Margareta Wolf oder Oswald Metzger hat sich längst verabschiedet. Die Grünen hatten der heiklen Eurorettungspolitik der Kanzlerin nichts entgegenzusetzen, begeisterten sich mit protestantischem Eifer für Steuererhöhungen und haben ihre städtisch-lockere Klientel endgültig mit dem „Veggie“-Day vergrault. Was, bitte, hat eine Partei in den Kantinen der Republik zu suchen?
Fast tragisch könnte man nennen, dass die Partei ausgerechnet, was die „Energiewende“ betrifft, jedes Gespür für das verloren hat, was ihr doch sonst so heilig ist: Nachhaltigkeit, Natur und Umwelt. Eine plan- und hirnlose Energiepolitik, die dazu führt, dass der auf Kosten der Stromkunden hochsubventioniert erzeugte Strom verschenkt werden muss, ist sicherlich alles andere als ressourcenschonend. Dabei sind die materiellen und ideellen Kosten noch gar nicht mitgerechnet, die Vermaisung und Verspargelung der Landschaft auf Kosten von Flora und Fauna erzeugen. Merke: Die Geldbauchunke und Hufnasenfledermaus haben immer nur als Vorwand gedient. Wenn es dem roten Milan und unzähligen Zugvögeln ans Gefieder geht, bleiben die Grünen völlig ungerührt. Hauptsache, das böse Atom ist erledigt. Doch noch nicht einmal diese Trophäe kann die Partei sich anheften. Dieser Drache ist von der Kanzlerin erschlagen worden.
Was tun also ohne eine Partei, die man liberal nennen könnte? Ach, man musste ja lange schon ohne auskommen. Souveräne Bürger brauchen keine Lobby. Ansonsten: bei der Europawahl die „Alternative für Deutschland“ wählen. Damit ärgert man unter Garantie alle.


Samstag, 21. September 2013

Wie schön ist doch die Revolution.

Warum nur hat Revolution so einen sagenhaften Ruf? Warum glaubt nicht nur die Werbeindustrie, wo man neue Produkte gern als „revolutionär“ anpreist, damit sei Aufbruch und Befreiung gemeint, Erneuerung, Umwertung aller Werte, frische Luft, also rundum Schönes und Gutes? Und so gebiert in beschwingter Wahrnehmungsschwäche noch jede Generation ihre eigene rote Garde standesgemäß gewandeter Revoluzzer. Viele der Älteren applaudieren: hatte man nicht einst selbst die Hüften geschwungen zum „Street fighting man“ der Stones? Dann hat man in der Zwischenzeit womöglich vergessen, dass die Stones zwar dem Zeitgeist von 1968 Tribut zollten, aber sich zum melancholischen Salonmarxismus bekannten: marschiert ihr nur da draußen rum, wir müssen Musik machen, was anderes können wir nicht. Eine weise Entscheidung. Sie hat sich im Unterschied zu den Ritualen der Straßenkämpfer über die Jahre bewährt.
Und so fragt man sich, warum das reputierliche Lucerne Festival kürzlich mit „!Viva la Revolución!“ (schwarze Schrift in roten Blutblasen) und mit barbusiger Marianne für ein anspruchsvolles musikalisches Programm warb. Das ist ebenso witzig wie die übliche Werbung für Krimilesungen, wo man Mord und Totschlag für den heiteren Zeitvertreib von schwarzen Witwen zu halten scheint („Wie morden Sie am liebsten?“).
Revolution – nichts als ein lustiges Zitat? Die Freude am Aufstand (gern fremder Völker) nichts als ein modischer Irrtum von Sesselhockern? Die Begeisterung für die „Arabellion“ jedenfalls kündete von einem Missverständnis: dass allein schon der Aufstand der nach Freiheit dürstenden Massen die Dinge zum Besseren wenden müsse.
Gewiss: auch Friedrich Wilhelm Hegel erklärte die Freiheit zum Ziel der Revolution, mahnte allerdings, dass ihrer politischen Verwirklichung allerlei Hinderliches im Wege stehe. Denn die Schattenseite der Revolution war stets der Schrecken, der Terror, der die Häupter nicht nur der Vertreter des ancien regime wie die Kohlköpfe in die Körbe rollen ließ. Stets mündete der Freiheitswunsch der Individuen in der Diskussion, ob es angesichts des Erstrebten, der Freiheit für alle eben, denn auf das Leben eines Einzelnen noch ankomme. Einzelschicksale sind Krampf, in der Revolution oder im Klassenkampf. Menschenopfer für höhere Ziele sind der Revolution eingeschrieben.
An den postrevolutionären Blutströmen entwickelt meist nur bedingungs- und erbarmungslose Jugend Vergnügen. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann führt den Nimbus der Revolution denn auch nicht auf ihre Praxis, sondern auf ihr Pathos, ihre Gestik, ihre Symbolik zurück. Und das zieht all jene an, die ihren Schatten noch nicht gesehen haben. Den allerdings kennt man spätestens nach etlichen Jahrzehnten Anschauung. Allen anderen hilft das Studium der Geschichte.
Der Sturz des Schah-Regimes in Persien etwa sollte die Befreiung der unter der Last des Pfauenthrons ächzenden Masse bringen. Freiheit statt Farah Diba! Heute müsste sie ihre Bienenkorbfrisur unter einem muffigen dunklen Sack verstecken, die Herrschaft der Mullahs ist tödlicher und unerfreulicher als alles, was vorher war.
Die „Arabellion“ war das letzte große Ereignis, das Sehnsucht weckte. Gewiss, sogar im idealistischen Westen ahnte man, dass sie vielleicht ein Kampf für Demokratie war, gewiss aber nicht für rechtstaatliche Institutionen. Doch die neuerliche Faszination vom Aufstand der Massen war nicht nur Ausdruck von „Geschichtsvergessenheit, letzter Reflex einer Revolutionsromantik“ (Liessmann), sondern ebensosehr Gegenwartsblindheit: man musste schon die Augen vor der Realität einer durch Stammes- und Religionsfehden gespaltenen Gesellschaft ganz fest verschließen, um den Schatten zu übersehen: nach dem Sturz des Tyrannen neue Tyrannis. Und man musste Adonis überhören, den arabischen Schriftsteller Ali Ahmad Said, der schon zu Beginn des arabischen Frühlings erklärte, er könne an keiner Revolution teilnehmen, die in einer Moschee beginne.
Und doch gibt es etwas, das Revolution immer wieder zum Faszinosum macht, weil es tiefere Schichten anspricht, die das nüchterne Argument zunächst nicht erreicht.
Da ist das konservative Grundelement jeder Revolution: der Wunsch nach Wiederherstellung der gerechten Ordnung. Mit „gerecht“ ist hier nicht gemeint, was heute als Wieselwort jeden Wahlkampf krönt. Es bedeutet „regelrecht“, dem gewohnten Recht gemäß. Eine Herrschaft, die auf Dauer gegen die Regeln verstößt, ist unrecht, es ist legitim, sich gegen sie aufzulehnen. (Auch dieses konservativen Elements wegen haben Berufsrevolutionäre stets versucht, den Aufstand über sich hinauszutreiben, ihnen ging es nicht um Wiederherstellung der alten, „gerechten“ Ordnung, sondern um ihren Umsturz.)
Dank einer Politik von Brot und Spielen, mit der in Parteiendemokratien Gefolgschaft organisiert wird, ist von revolutionärem Elan im satten Westen wenig zu spüren. Doch ein offenbar nicht gänzlich zu betäubendes Gespür für das Unrechte des Regelbruchs lässt uns mitfiebern, wenn andere sich dagegen erheben.
An noch tiefere Schichten rühren die Bilder, die skandierende Massen zeigen, Menschenmenge in Bewegung. „Everywhere I hear the sound of marching, charging feet, boy, ’cause summer’s here and the time is right for fighting in the street, boy“, sang Mick Jagger zu einem treibenden Rhythmus, zu dem man nicht nur gut tanzen, sondern auch prima marschieren konnte. Rhythmisch bewegte Massen erzeugen einen archaischen Impuls und etwas, das man in der Psychologie „Bonding“ nennt. Wer mit anderen marschiert, ist ihnen verbunden – spätestens seit der Heeresreform des Moritz von Nassau ist das im übrigen auch beim Militär bekannt.
Es muss ja nicht immer „Bandera Rossa“ oder „Rede, Genosse Mauser“ sein, zu dem man marschiert. Der „Hohenfriedberger“ passt auch. Oder Ludwig van Beethovens „Schlacht von Vitoria“, ein Stück, das er nach dem Sieg der britischen über die französische Armee bei Vitoria 1813 schrieb.
Was wären wir also ohne Revolution? Besser dran? Dass die Französische Revolution uns Menschenrechte und Aufklärung beschert hat, gehört zu ihrem Mythos, der die Blutströme vergessen lässt, die ihre Anführer vergossen haben. Doch solche Kosten ändern offenbar nichts an dem archaischen Schauder, den eine Menge in Aufruhr auslöst. Glücklich, wer sich bei ihrem Anblick im Fernsehsessel befindet und die glimmenden Barrikaden andere wegräumen lässt.

Dienstag, 17. September 2013

Wacht auf, Entspannte dieser Erde!

Wir kennen alle die Fabel vom Jungen, der so oft vorm bösen Wolf gewarnt hat, dass ihm niemand mehr glaubte, als das Raubtier tatsächlich vor der Stalltür stand. So ungläubig sind mittlerweile viele Deutsche: jahrelang wurde vorm Dritten Weltkrieg, dem Waldsterben, dem Klimagau und anderen Weltuntergängen gemahnt und gewarnt, in der Absicht, den Angstpegel hoch und die Bereitschaft zu Einkehr und zahlkräftiger Buße hochzuhalten. Nichts von all den vorhergesagten Katastrophen trat ein. Und nun glauben wir rein gar nichts mehr.
So jedenfalls könnte man sie interpretieren, die Umfragen, denen zufolge die Deutschen derzeit ohne Ängste und Hoffnungen in die Zukunft blicken: German Angst war einmal. Himmelhochjauchzend ist allerdings auch niemand, aber warum auch, man muss ja nicht immer gleich vom einen ins andere Extrem verfallen.
Und so lassen die einen Mutti walten, die anderen stecken den Kopf in den Sand, wieder andere verlassen sich auf die stabil produktive Wirtschaft, und der Rest bleibt einfach gutgelaunt und mag vor allem die ganzen Miesepeter nicht, die ihm Krise und Krieg einreden wollen. Offenbar kann man sie hierzulande nicht mehr hören, die Untergangspropheten, die aus einer Erdbebenkatastrophe in Japan eine Atomkatastrophe gemacht und mit dem „Klimaleugner“ eine neue Spezies erfunden haben, der man, ähnlich den Holocaustleugnern, den Mund verbieten müsse; die Ablassprediger, die jedem ein schlechtes Gewissen einreden möchten, damit der Rubel rollt; die Moralapostel, die uns ein Glück vorschreiben möchten, dass sie vorsichtshalber selbst definiert haben. Glückwunsch, Deutschland! Großartig, dass unsere Probleme nicht größer zu sein scheinen als die Frage, ob man bundesdeutschen Kantinenessern einen Veggieday vorschreiben darf.
Und so wäre also alles gut, wenn nicht tatsächlich ein paar ziemlich struppige Wölfe vor der Stalltür stünden, die allerdings keinen der bekannten Namen tragen. Deshalb, und während Deutschland sein Glück genießt (und manch einer noch der Kanzlerin neue Kleider bewundert), bleiben die hungrigen Raubtiere unerkannt. Wer sie gesehen hat, spricht nicht über sie. Wer sie kennt, nennt sie nicht beim Namen. Ausgerechnet die Marktschreier des Weltuntergangs schweigen, wenn es um die Wölfe vor der Haustür geht, die bereits im Schafpferch wildern. Schon das ist ein Grund zum Misstrauen. Wenn selbst die Fachleute der orchestrierten Angstmache mal ihr Maul halten, muss es wirklich ernst sein.
Bei näherer Betrachtung: es ist ernst. Sehr ernst sogar. Und deshalb: Wacht bitteschön auf, Entspannte dieser Erde, wenn euch am Frieden gelegen ist und ihr euer bisschen Wohlstand lieb habt. Draußen stehen die Wölfe und haben Hunger. Eure ja eigentlich bewundernswerte Ruhe und Gelassenheit wird einem langsam ein wenig unheimlich.
Gewiss, soviel Zufriedenheit kommt den meisten der im Parlament vertretenen Parteien ausgesprochen gelegen, denen reicht es, wenn die Wähler stille sind und ihr Kreuzchen machen wie gehabt. Und deshalb herrscht in diesem Wahl“kampf“ zu wichtigen Themen beredtes Schweigen, sofern man die Debatte nicht schon vor der Eiteilung mit dem Wort „alternativlos“ beenden konnte. „Gerechtigkeit“ wollen natürlich alle, das ist so schön wolkig, da kann sich jeder wiederfinden. Wenn’s konkret wird, ist’s schon wieder ungemütlich. Etwa, wenn es um den Euro geht. Oder um den „Nahen Osten“, der so heißt, weil er blöderweise um die Ecke liegt.
Was den Euro betrifft, so ließ die Kanzlerin noch jüngst wissen: „Der Euro ist gut und sichert Arbeitsplätze für Deutschland.“ Alles klar? Wem das nicht reicht, dem sei noch ein „der Euro ist die EU ist Europa“ entgegengehalten. Und dass es ohne die europäische Vereinigung nicht so lange Frieden in Europa gegeben hätte. Nun verdanken wir diesen günstigen Umstand zwar dem Kalten Krieg und der Nato, aber wer will das schon so genau wissen? Wenn der Euro Frieden bedeutet, muss man alles tun, um ihn zu retten, zumal die Deutschen, schon der Vergangenheit wegen, oder?
An solchen Vorfabrikaten ist so ziemlich alles falsch, sichtbar und spürbar zerreißt der Euro Europa, weil er zusammenzwingt, was nicht zusammengeht – unterschiedliche Ökonomien und auseinanderklaffende Leistungsfähigkeit. Aber gerade die Deutschen lassen sich ungern unterstellen, nicht „solidarisch“ zu sein, ein Wort, das es dem Bürger schmackhaft machen soll, ökonomische und politische Fehlleistungen anderer auszubaden. Solidarisch also retten wir alles mögliche, den Euro, korrupte Eliten und die Banken (nur nicht diejenigen, die unter der Staatsschuldenkrise wirklich handfest leiden: die Griechen, etwa). Und es käme uns viel zu egoistisch vor, mal nachzurechnen, ob sich die Deutschen diese Sorte Solidarität auf die Dauer überhaupt leisten können.
Auch über den ewigen Krisenherd im Nahen und Mittleren Osten reden Politiker in Wahlkampfzeiten ungern. Gut, dass die USA der Bundesregierung in Sachen Syrien kein Handeln aufgezwungen hat – kurz vor der Wahl, um Himmelswillen! Deutschland ist für Frieden, punktum, auch, wenn andere ihn nicht halten. Soviel Friedensverlangen tut unschuldig und ist es ganz und gar nicht, auch Nichthandeln hat Wirkung. Eine Aufforderung zum Handeln aber, die lediglich moralische Gründe bemüht, ist ebenso töricht wie gefährlich. Die moralische Debatte unterschlägt die unendlich mühevolle Auseinandersetzung mit den realen Optionen, die meist nur die Wahl zwischen mehreren großen Übeln bedeuten. Deutschland ist keine Insel der Seligen mehr. Wir müssen wieder Außenpolitik lernen. Das dauert, offenbar, und bis dahin stehen wir wie der dumme Riese in der Gegend herum und lassen uns auslachen.
Draußen heulen die Wölfe. In nächster Nachbarschaft droht eine Region aus dem Ruder zu laufen. Und Zuhause ist es auch nicht mehr gemütlich. Der Euro hat den Frieden in Europa längst zerstört, und unsere Nachbarn können sich nicht entscheiden, ob sie Deutschland für schuldig halten oder seine Führerschaft einklagen. Dass man gemeinsame Probleme auch gemeinsam lösen kann, ist offenbar keine Option mehr.
Reden wir darüber? Im Bundestag fehlt – noch – die eurokritische Stimme. Eine intellektuelle Debatte, die auf dem Niveau der Probleme wäre, ist nicht in Sicht. Der Winter wird kalt und die Wölfe heulen. Reden wir darüber, solange das Haus noch steht.

Dienstag, 3. September 2013

Moral und Krieg

Die Bilder toter Kinder treiben einem die Tränen in die Augen, sie beflügeln den Wunsch, etwas zu tun. Sofort. Und genau dazu sollen die Bilder auch dienen. Von welcher Seite auch immer der Giftgasangriff ausgegangen ist: er soll das moralische Vermögen der Menschen in den westlichen Ländern bis zur Empörung aufrühren. Gewünscht ist die Eskalation.
Nur wer kalten Herzens ist, kann sich den Bildern entziehen. Und doch sollte in Fragen von Krieg und Frieden nicht das Herz, sondern der Verstand sprechen. Denn was immer geschehen ist und wer immer es getan hat: es ist Teil einer Propaganda, die Brandbeschleuniger auf einen bislang noch regional glimmenden Brandherd gießt.
Früher genügte der Kriegspropaganda noch die bloße Behauptung, der Feind vergewaltige Frauen und töte Kinder. Heute müssen Bilder von realen Opfern her. Es ist längst nicht mehr ausgeschlossen, dass die Kombattanten schon selbst dafür sorgen, dass die Greueltaten auch begangen werden, die sie ihrem Gegner anlasten. Sie können sich auf die Moral der Menschen im Westen verlassen: bei Bildern toter Kinder fragen wir nicht mehr nach Nutzen und Kosten, nach der Vereinbarkeit einer Intervention mit militärischen Möglichkeiten oder gar den eigenen Interessen. Moral entgrenzt. Das ist ihr Problem.
Moralisierung macht jede Intervention zum Krieg des Guten gegen das Böse – als ob es eine solche eindeutige Frontstellung jemals geben könnte. Joschka Fischers Begründung für eine Intervention im Kosovo, „Nie wieder Auschwitz“ (1999), war so bestechend wie falsch. Der Krieg gegen Hitler ging nicht um Auschwitz. Und im Kosovo ging es darum erst recht nicht. Das moralische Argument, und das sollten alle Empörten bedenken, dient meist nur dazu, die weit weniger großartigen Interessen zu verdecken, die in Kriegsangelegenheiten eine Rolle spielen.
Ja, die Lage in Syrien ist furchtbar. Aber der Ruf „Warum tut der Westen nichts dagegen?“ ist ebenso hilflos wie größenwahnsinnig. Denn wem eine Einmischung letztlich dient, ist völlig unklar. Dem unterdrückten Volk? Dem zuletzt. Den Rebellen gegen Assad? Welchen? Wer 1968 in Deutschland gegen den Schah von Persien demonstriert hat, dürfte keine große Freude an seinen Nachfolgern haben. Wer sich erinnert, ist gründlich desillusioniert, was den „Volkskrieg“ und die „Solidarität“ für selbsternannte Befreiungsbewegungen betrifft. Auch in Syrien ist aus dem legitimen Widerstand gegen einen Diktator längst offener Bürgerkrieg geworden, ohne Legitimation und Legitimität, und die Leidtragenden sind das „Volk“, die vielen Unbeteiligten, die, wie in jedem Bürgerkrieg, zwischen zwei Feuern stehen.
Der menschenrechtlichen Argumentation zufolge kann man nicht tatenlos hinnehmen, wie Diktatoren mit ihren Gegnern verfahren. Wer dächte das nicht. Das Völkerrecht hingegen verbietet jede militärische Unterstützung bewaffneter Aufstände in fremden Staaten. Warum? Weil es den benachbarten Gegnern ein Einfallstor bietet, die sich zu Hilfe aufgerufen fühlen. Längst geschehen: benachbarte Golfstaaten haben Aufständische mit Waffen beliefert, sicher nicht, weil sie plötzlich Freunde der Demokratie geworden sind. Doch der Westen, worauf der Rechtsphilosoph Reinhold Merkel jüngst hinwies, hat den reinen Seelen der Arabischen Liga sein Placet gegeben. Die Folge: der Bürgerkrieg und das Elend der Unbeteiligten verlängern sich.
Das Dilemma ist hässlich und hält keine einfache Antwort bereit. Letztendlich entscheidet ein Kernsatz militärischen Abwägens: wer reingeht, muss auch wieder rauskommen. Und: kein Krieg sollte mehr Probleme hinterlassen, als er zu lösen vorgibt. Das macht eine Intervention in Syrien fragwürdig – wenn sie über ein Signal der Stärke hinausginge.
Die Geschichte hält neben Vietnam und Afghanistan zahllose Beispiele dafür bereit, dass es auch beim Einsatz höchster militärischer Mittel einer Weltmacht misslingen kann, einen Bürgerkrieg zu befrieden. Aus einem einfachen und brutalen Grund: in einem Bürgerkrieg gibt es nicht, wie im Staatenkrieg, die Möglichkeit eines Verhandlungsfriedens. Es muss sich, und das weiß man in den USA sehr gut, die ja aus einem Bürgerkrieg hervorgegangen sind, eine einzige Seite machtvoll durchsetzen. Das erfordert den Untergang der anderen Seite – sei es durch bedingungslose Kapitulation oder durch Vernichtung.
Kann sich ein demokratischer Staat zu einer solchen Entscheidung über das Leben anderer aufgerufen fühlen? Der Vietnamkrieg hat die innere Textur der USA auf Jahre hin zermürbt. Das haben auch diejenigen nicht vergessen, die Obama nun zum Handeln drängen. Sie verfolgen im Zweifelsfall eigene Interessen: nämlich einen zaudernden Präsidenten vorzuführen, der sich, weil er permanent rote Linien zieht, irgendwann gezwungen sehen könnte, sie zu überschreiten.
Dann soll eben Europa ran, Frankreich, England, Deutschland? Präsident Hollande winkt schon mit der militärischen Karte, ein anderes Blatt hat er nicht mehr in der Hand. Die Deutschen? Halten sich, wie immer, lieber raus. Oder waltet bei uns gar die Vernunft? Denn in der europäischen Tradition der Staatenkriege wurde dem Verhandlungsfrieden auch mit dem ärgsten Gegner stets der Vorzug gegeben gegenüber der Ächtung des Feindes und der unendlichen Verlängerung des Konflikts zu Lasten der Bevölkerung.
Auch die schrecklichsten Bilder sollten dem Westen nicht das Gesetz des Handelns aufzwingen. Syrien wäre der letzte und womöglich blutigste Beweis für das Scheitern eines „demokratischen Interventionismus“.

Wir Untertanen.

  Reden wir mal nicht über das Versagen der Bundes- und Landesregierungen, einzelner Minister, der Frau Kanzler. Dazu ist im Grunde alles ge...