Einige Juden beiderlei Geschlechts, vor allem die selbsternannten, gehen mir furchtbar auf den Wecker. Ich halte auch nichts vom „besonderen Verhältnis“ zwischen Deutschland und Israel, das deutsche Politiker feiertags beschwören. Der Holocaust ist nicht der Gründungszweck Israels und Deutschlands Geschichte besteht aus mehr als den schmutzigen 12 Jahren Nazizeit. Auch bin ich kein Freund des Staates Israel. Noch nicht mal auf Facebook bin ich mit Staaten befreundet. In übrigen unterscheide ich zwischen Volk und Regierung, sogar, wenn es um Deutschland unter den Nazis geht. Auch glaube ich nicht, dass man dem Volk in Israel Nachhilfe geben muss, was Kritik betrifft, Selbstkritik und Nörgeln an der eigenen Regierung ist da schließlich Volkssport. Dafür mag ich sie übrigens, die Israelis.
Ich bin, ganz ohne Holocaust und Freundschaftsbekundungen, auf der Seite Israels, wann immer es um die Verteidigung seiner Existenz geht. Dafür gibt es gute Gründe, ganz ohne Vergangenheit und besondere Verhältnisse. Israel, dieses verrückte, zerrisse-ne Land, ist die einzige Demokratie im Nahen Osten. Es ist das Bollwerk des Westens. Es ist seit Jahrzehnten Objekt der zynischen Palästinenserpolitik seiner arabischen Nachbarn. Es wird nicht nur von einem wahnsinnigen Idioten im Iran in seiner Existenz bedroht. Und weil es zum Westen gehört, werden seine Aktionen genauso einäugig beurteilt wie die der Amerikaner. Oder der Natotruppen. Zur deutschen Folklore gehört, denen mit „andersartiger Kultur“ so gut wie alles zu verzeihen, auch Selbstmordanschläge mit voller Tötungsabsicht, während „Kollateralschäden“ von amerikanischen oder israelischen Soldaten, also versehentliche Ziviltote, als das Verwerflichste überhaupt gelten.
Ceterum censeo: das politische Denkvermögen von Dichtern und Feuilletonisten wird überschätzt. Und eine „moralische Instanz“ ist man nicht schon, wenn man ganze Sätze schreiben kann. Denjenigen, die Grass applaudieren, sei es von links oder von rechts, sei gesagt: Kritisiert meinetwegen Israel. Oder auch „die Juden“, wenn ihr schon nicht präzisieren könnt, wer genau gemeint ist. Aber versteckt eure Verklemmtheit nicht hinter Auschwitz und dem Holocaust. Und kommt mir nicht mit „besonderer Verantwortung“ und eurer Freundschaft zu Israel. Moralisieren ist keine politische Kategorie.
Dienstag, 10. April 2012
Montag, 9. April 2012
Shitstorm im Wasserglas
Facebook ist was für jugendliche Partygänger, Massenkulturverwahrloste und einsame Greise? Und eigentlich nur erfunden, um alle auszuspionieren – als Mensch, potentieller Arbeitnehmer und, vor allem, als Konsument? Mag sein. Muss aber nicht. Niemand wird dazu gezwungen, die Wahrheit über alkoholische Erleuchtung und wilde Disconächte zu offenbaren, das Recht am eigenen Bild gilt auch für Facebook und gegen die phantasievolle Weiterverwendung seiner Daten kann man etwas tun. Also.
Natürlich darf jeder Facebook für albern und völlig unnötig halten. Dem Rest der Welt macht Facebook Spaß, altersunabhängig. Mir auch. Facebook ist wie der sprichwörtliche Beton, als er in den 60er Jahren Mode wurde – auf den ersten Blick irgendwie daneben. Aber es kommt eben ganz drauf an, was man draus macht.
Die erste Regel: man suche sich die richtigen Freunde. Und schon wird man jeden Morgen mit Fundstücken aus der internationalen Presse versorgt, hat Teil am erlesenen Musikgeschmack der Befreundeten und an ihren Fotokünsten und Reisezielen. Sehr empfehlenswert: Freischaffende Literaten, die sich gern ablenken lassen vom mühseligen Schreibgeschäft durch kleine Fingerübungen unter Freunden.
Woraus die zweite Regel folgt: wer unterhaltsam ist, findet Gleichgesinnte. Lustige Tierfilme posten allein genügt nicht, denn Facebook ist nichts für Menschen mit Schreib- und Leseschwäche. Nur Kunstfertigkeit beim Verfassen treffender Sottisen gefällt. Es gibt Menschen, die machen daraus eine Literaturgattung.
Die dritte Regel: Okay. Es muss nicht immer Literatur sein. Wer sich beliebt machen will, postet eben Katzenbilder.
Das hilft natürlich alles nicht gänzlich gegen die Zumutungen, die Facebook bietet. Schlimmer als die Selbstentblößung durch Party-Fotos ist höchstens der Blödsinn, den auch sonst ganz nette Menschen absondern, wenn sie nichts besseres zu tun haben. Doch wer Facebook den Abschied gibt, um statt dessen endlich wieder konzentriert an Buch, Essay oder Kurzgeschichte arbeiten zu können, verliert einen stets solidarischen Freundeskreis, der auf ein gepostetes „gähnt“ mit „ich finde mich auch langweilig“ antwortet. Verliert den Draht zu den lustigen Tierfilmen. Den neuesten Musikvideos. Den Ferienfotos ansonsten wildfremder iPhone-Träger. Bekommt nicht mehr mit, welche tollen Rezensionen Kollege X für seinen Thriller Y auf der Literaturplattform XY eingeheimst hat. Verpasst die vielen mitleiderregenden Fotos ausgesetzter Straßenhunde, die um ein neues Zuhause betteln.
Vor allem aber verspielt er die Chance, ungeahnte Einblicke in die menschliche Psyche zu nehmen. Facebook ist die ideale Sitzlandschaft für soziologische Studien. Es ist schließlich ein „Social Network“, und insbesondere in Deutschland versteht man darunter eher das Soziale als das Gesellige. Facebookies kümmern sich nicht nur um herrenlose Straßenhunde, sondern auch um Obdachlose, die sich in kalten Nächten verkühlen könnten, sofern nicht einer aus der Facebook-Community nach dem Wärmebus telefoniert. Facebook-Friends unterschreiben Aufrufe fürs Gute und gegen das Schlechte, fordern Spenden für Bedürftige ein, kämpfen gegen das Elend der Welt. Nie vergesse ich ein besonders eindrückliches Posting. Man sieht: ein fast verhungertes schwarzes Kind in einer Blechschüssel. Darüber die Sprechblase: „Wer ist Whitney Houston?“
Geschmacklos? Nicht, wenn man glaubt, dass dieses herzzerreißende Bild einen potentiellen CD-Käufer zu Spenden fürs hungrige Afrika bewegen kann. Freunde glauben an die Macht von Facebook wie an den Wunderheiler.
Zu recht: auch auf Facebook ist der Mensch ein Herdentier. Und so verbreiten sich mitnichten nur fromme Botschaften in Windeseile. Auch Meinungen werden schon mal für bare Münze genommen – seien es Vorverurteilungen noch nicht erschienener Bücher (von Sarrazin bis Vahrenholt) oder die flockig dahingeschriebene Vermutung, Christian Kracht habe sich mit seinem neuen Buch endgültig als rechts enttarnt. Wer als Journalist nachprüfen will, welches Echo eine vielleicht unbewiesene, aber umso vehementer vorgetragene Meinung haben kann, besuche Facebook. Man kann nur hoffen, dass er oder sie danach nicht – nun erst recht! - dem Affen Zunder gibt, sondern sich, im Gegenteil, aufs Berufsethos besinnt und fürderhin Demut und Zurückhaltung übt. Denn auf manch süffig geschriebenen Verriss reagiert auch der literate Zeitgenosse reflexhaft statt reflektiert.
Da hält unsereins sich lieber an die Bizarren, etwa an den deutschen Sektenleiter eines gewissen Sheng Fui, der bei einem Tässchen laktosefreien Basmati-Tee „ein erfülltes Leben dank fernöstlicher Leere“ verspricht und es mit Lebensweisheiten wie „Wer immer nur in sich geht, soll sich nicht wundern, wenn er nur schwer aus sich herausgeht“ 2630 Freunde gewonnen hat. Oder an andere Gestalten, die schon mal die Umrisse eines Trolls annehmen, auch wenn ihr Profilbild eine ausgemergelte Katze zeigt: Wulfgäng Meyn etwa nennt sich ein Kätzchen mit überaus scharfen Krallen, das schon manchen unschuldigen Freund in die schiere Verzweiflung getrieben hat.
Den Schriftstellerkollegen ist Hausmeister Lutz ans Herz gewachsen, ein Mann, der noch in der Hausordnung lyrische Schätze findet und daraus eine Benefizlesenacht dreier Hausmeister zimmert, die es, was Gutmenschlichkeit betrifft, mit jeder Krimiautorin aufnehmen können. Lutz schreibt mittlerweile erotische Kurzgeschichten mit drallen Schornsteinfegerinnen, während seine fast 700 Namen starke Freundesliste noch immer auf den schon vor einiger Zeit angekündigten Bildband über Teppichklopfstangen in ausgesuchten Berliner Wohnanlagen wartet. Immerhin rezensiert er für seinen interessierten Leserkreis ausgewählte Exemplare aus seiner Pümpelsammlung. Ein schwacher Trost.
So oder auch anders ist Facebook. Kommt eben ganz drauf an, was man draus macht.
Literarische Welt, 31. März 2012
Natürlich darf jeder Facebook für albern und völlig unnötig halten. Dem Rest der Welt macht Facebook Spaß, altersunabhängig. Mir auch. Facebook ist wie der sprichwörtliche Beton, als er in den 60er Jahren Mode wurde – auf den ersten Blick irgendwie daneben. Aber es kommt eben ganz drauf an, was man draus macht.
Die erste Regel: man suche sich die richtigen Freunde. Und schon wird man jeden Morgen mit Fundstücken aus der internationalen Presse versorgt, hat Teil am erlesenen Musikgeschmack der Befreundeten und an ihren Fotokünsten und Reisezielen. Sehr empfehlenswert: Freischaffende Literaten, die sich gern ablenken lassen vom mühseligen Schreibgeschäft durch kleine Fingerübungen unter Freunden.
Woraus die zweite Regel folgt: wer unterhaltsam ist, findet Gleichgesinnte. Lustige Tierfilme posten allein genügt nicht, denn Facebook ist nichts für Menschen mit Schreib- und Leseschwäche. Nur Kunstfertigkeit beim Verfassen treffender Sottisen gefällt. Es gibt Menschen, die machen daraus eine Literaturgattung.
Die dritte Regel: Okay. Es muss nicht immer Literatur sein. Wer sich beliebt machen will, postet eben Katzenbilder.
Das hilft natürlich alles nicht gänzlich gegen die Zumutungen, die Facebook bietet. Schlimmer als die Selbstentblößung durch Party-Fotos ist höchstens der Blödsinn, den auch sonst ganz nette Menschen absondern, wenn sie nichts besseres zu tun haben. Doch wer Facebook den Abschied gibt, um statt dessen endlich wieder konzentriert an Buch, Essay oder Kurzgeschichte arbeiten zu können, verliert einen stets solidarischen Freundeskreis, der auf ein gepostetes „gähnt“ mit „ich finde mich auch langweilig“ antwortet. Verliert den Draht zu den lustigen Tierfilmen. Den neuesten Musikvideos. Den Ferienfotos ansonsten wildfremder iPhone-Träger. Bekommt nicht mehr mit, welche tollen Rezensionen Kollege X für seinen Thriller Y auf der Literaturplattform XY eingeheimst hat. Verpasst die vielen mitleiderregenden Fotos ausgesetzter Straßenhunde, die um ein neues Zuhause betteln.
Vor allem aber verspielt er die Chance, ungeahnte Einblicke in die menschliche Psyche zu nehmen. Facebook ist die ideale Sitzlandschaft für soziologische Studien. Es ist schließlich ein „Social Network“, und insbesondere in Deutschland versteht man darunter eher das Soziale als das Gesellige. Facebookies kümmern sich nicht nur um herrenlose Straßenhunde, sondern auch um Obdachlose, die sich in kalten Nächten verkühlen könnten, sofern nicht einer aus der Facebook-Community nach dem Wärmebus telefoniert. Facebook-Friends unterschreiben Aufrufe fürs Gute und gegen das Schlechte, fordern Spenden für Bedürftige ein, kämpfen gegen das Elend der Welt. Nie vergesse ich ein besonders eindrückliches Posting. Man sieht: ein fast verhungertes schwarzes Kind in einer Blechschüssel. Darüber die Sprechblase: „Wer ist Whitney Houston?“
Geschmacklos? Nicht, wenn man glaubt, dass dieses herzzerreißende Bild einen potentiellen CD-Käufer zu Spenden fürs hungrige Afrika bewegen kann. Freunde glauben an die Macht von Facebook wie an den Wunderheiler.
Zu recht: auch auf Facebook ist der Mensch ein Herdentier. Und so verbreiten sich mitnichten nur fromme Botschaften in Windeseile. Auch Meinungen werden schon mal für bare Münze genommen – seien es Vorverurteilungen noch nicht erschienener Bücher (von Sarrazin bis Vahrenholt) oder die flockig dahingeschriebene Vermutung, Christian Kracht habe sich mit seinem neuen Buch endgültig als rechts enttarnt. Wer als Journalist nachprüfen will, welches Echo eine vielleicht unbewiesene, aber umso vehementer vorgetragene Meinung haben kann, besuche Facebook. Man kann nur hoffen, dass er oder sie danach nicht – nun erst recht! - dem Affen Zunder gibt, sondern sich, im Gegenteil, aufs Berufsethos besinnt und fürderhin Demut und Zurückhaltung übt. Denn auf manch süffig geschriebenen Verriss reagiert auch der literate Zeitgenosse reflexhaft statt reflektiert.
Da hält unsereins sich lieber an die Bizarren, etwa an den deutschen Sektenleiter eines gewissen Sheng Fui, der bei einem Tässchen laktosefreien Basmati-Tee „ein erfülltes Leben dank fernöstlicher Leere“ verspricht und es mit Lebensweisheiten wie „Wer immer nur in sich geht, soll sich nicht wundern, wenn er nur schwer aus sich herausgeht“ 2630 Freunde gewonnen hat. Oder an andere Gestalten, die schon mal die Umrisse eines Trolls annehmen, auch wenn ihr Profilbild eine ausgemergelte Katze zeigt: Wulfgäng Meyn etwa nennt sich ein Kätzchen mit überaus scharfen Krallen, das schon manchen unschuldigen Freund in die schiere Verzweiflung getrieben hat.
Den Schriftstellerkollegen ist Hausmeister Lutz ans Herz gewachsen, ein Mann, der noch in der Hausordnung lyrische Schätze findet und daraus eine Benefizlesenacht dreier Hausmeister zimmert, die es, was Gutmenschlichkeit betrifft, mit jeder Krimiautorin aufnehmen können. Lutz schreibt mittlerweile erotische Kurzgeschichten mit drallen Schornsteinfegerinnen, während seine fast 700 Namen starke Freundesliste noch immer auf den schon vor einiger Zeit angekündigten Bildband über Teppichklopfstangen in ausgesuchten Berliner Wohnanlagen wartet. Immerhin rezensiert er für seinen interessierten Leserkreis ausgewählte Exemplare aus seiner Pümpelsammlung. Ein schwacher Trost.
So oder auch anders ist Facebook. Kommt eben ganz drauf an, was man draus macht.
Literarische Welt, 31. März 2012
Montag, 19. März 2012
Hier werden Sie geholfen!
Nur Gutes über die Deutschen! Sie sind liebenswürdig und hilfsbereit. Sie gucken nicht weg, zeigen Gesicht und kriegen den Arsch hoch, wenn’s irgendwo brennt. Sie geben gern und reichlich, bei jeder größeren oder kleineren Katastrophe, eine zweistellige Milliardensumme im Jahr. Der Sozialstaat ist ihnen heilig, Solidarität ihr täglich Gebet. Wer daran appelliert, erwirbt ihre stille Zustimmung zu fast allem, zu einer mittlerweile mehr als zwanzig Jahre alten Sondersteuer ebenso wie zu der riskanten „Rettung“ eines fallierenden EU-Mitglieds. Kurz: wer an deutsche Hilfsbereitschaft appelliert, kann von uns alles haben. Niemand soll uns nachsagen können, dass wir kaltherzige Egoisten sind. „Soziale Kälte“ ist und bleibt hierzulande der schlimmste denkbare Vorwurf.
Nur eine Kleinigkeit vergessen die guten Deutschen dabei oft: dass Geben seliger ist denn Nehmen. Und dass es passieren kann, dass sich der Empfänger von Wohltaten sträubt, das zu sein, was Helfer gern in ihm sehen möchten, nämlich hilfsbedürftig und dankbar, kurz: Opfer.
Dann fühlt man sich hierzulande missverstanden. Wenn die Griechen in unserer Hilfswilligkeit Herrschaftsbegehren sehen. Wenn afrikanische Intellektuelle darum bitten, von weiteren Spenden für notleidende Kinder abzusehen, da Hilfe nur die bestehenden Verhältnisse zementiere. Wenn Obdachlose die angebotene Sozialwohnung ablehnen, weil sie gar nicht sesshaft sein wollen. Und wenn die „Ossis“ trotz mehr als vier Jahrzehnten Päckchen nach Drüben und über zwei Jahrzehnten Solidarbeitrag immer noch klagen. Kurz: wenn diejenigen, die wir als Opfer betrachten, eigensinnig sind und auf ihrer Würde bestehen, ja: partout nicht hilfsbedürftig sein wollen.
Richtig helfen will gelernt sein. Im wiedervereinten Deutschland kann man noch heute studieren, was beim Helfen alles schief gehen kann. Fast jeder, der in einer geteilten Familie aufgewachsen ist, kennt geradezu tragische Geschichten über das prekäre Verhältnis zwischen den reichen Verwandten im Westen und den armen Schluckern im Osten. Die einen haben noch den Duft nach „gutem Bohnenkaffee“ in der Nase, der in die „Päckchen nach drüben“ kam, in die man Monat für Monat alles hineinsteckte, was Tanten und Cousinen in der „Zone“ auf ihre Wunschzettel geschrieben hatten. Die Röcke und Hosen und Stoffe, aus denen die Cousinen sich ihre Garderobe selbst schneiderten. Die Schokolade und das Parfüm und die Lebkuchen zu Weihnachten. Die Strumpfhosen. Die Pullover und Blusen aus dem Winterschlussverkauf. Alles war recht und wurde gern genommen, denn drüben „gab es doch nüscht“.
Und dann, mit der Wende, flog alles auf. Der ganze Schwindel. Die Brüder und Schwestern entdeckten, dass es weit luxuriösere Seifen gab als die gute Fa, mit der sie bis dato bedient worden waren. Und dass die Schlussverkaufsklamotten in den Liebespäckchen ziemlich popelig wirkten angesichts der Designermode schicker Wessibräute. Und dass auch nicht alles Gold war im Westen.
Plötzlich fühlten sich die einst Beschenkten betrogen und die Schenkenden waren – zu Recht – gekränkt. Mancher Ex-DDR-Bürger fühlte sich um etwas gebracht, das ihm doch eigentlich auch zugestanden hätte, wären die Umstände andere gewesen, oder? Und die Schenkenden, die glaubten, fleißig gewesen und es aus eigener Kraft zu etwas Wohlstand gebracht zu haben, von dem sie auch noch bereitwillig abgaben, kamen sich wie die verdienstlosen Nutznießer der Geschichte vor. Die Gabe und das Geben waren entwertet. Vor allem durch das, was danach geschah.
Gewiss: es gab keine Alternative zur Wiedervereinigung. Und niemand wusste, wie wenig das wert war, was die DDR in diesen Prozess einbrachte, deren blühende Industrielandschaft sich als Potemkinsche Kulisse entpuppte. Aber wer hätte geahnt, wie schnell die Ossis wieder zu armen Brüdern und Schwestern wurden, denen geholfen werden musste? Das vergiftet das Verhältnis noch heute.
Während die Polen aus eigener Kraft erfolgreich sind, sorgte das deutsche Helfersyndrom schnell für neue Abhängigkeiten (auch mit Hilfe der Lobbyisten des westdeutschen Arbeitnehmers, der Gewerkschaften, die verhinderten, dass die im Osten etwa mit niedrigen Löhnen Konkurrenz machten). In den blühenden Landschaften und restaurierten Kleinstädten leben alimentierte Menschen, zu wenige für die nagelneuen und überdimensionierten Klärwerke.
Hilfe schadet, nicht immer, aber oft. Mit sozialer Kälte hat dieser Hinweis nichts zu tun. Er zielt auf das übersteigerte Selbstbild der Helfenden. Es ist die alte deutsche Krankheit, die sich als Fürsorglichkeit tarnt: Wir sehen in Hilfsbedürftigen gerne Opfer, die auf Dauer unserer bedürfen, aber nicht Menschen, die es darauf angelegt haben, sich aus der Opferrolle zu befreien. Um dann, undankbar ist die Welt, unsere Konkurrenten zu werden. Immigranten etwa, deren Ehrgeiz den eines deutschen Normalarbeitnehmers übersteigt, der an sein bequemes soziales Netz gewöhnt ist und nicht daran denkt, mehr als die gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitsstunden abzusitzen. Das Vorwärtsstreben der allzu Fleißigen droht, an gehätschelte Besitzstände zu gehen, ans Lohnniveau und die geregelte Arbeitszeit. Opfer sind bequemer.
Hilfe hilft vor allem den Helfenden. Griechenland jedenfalls ist auch mit milliardenschweren Rettungspaketen nicht zu retten. Das viele Geld verschafft vor allem den Helfern Zeit und verdeckt ihre Ratlosigkeit, wenigstens bis zur nächsten Wahl, hoffen Politiker. Fast versteht man die oft machohaft daherkommende Angst der Griechen vor Entwürdigung: Als ewig Hilfsbedürftige laufen sie auf Dauer an der Kandare der anderen. Denn keine Sparmaßnahme und keine Milliardenbeträge sind geeignet, die griechische Wirtschaft auf eigene Füße zu stellen, solange das Geld im unübersichtlichen Grabensystem einer unkontrollierbaren Staatsbürokratie versickert. Ganz so, wie die Spenden für ein hungerndes Afrika vor allem den Clanchefs und ihren bewaffneten Horden nützt. Und ebenso wie die Devisen, die Westdeutschland einst der DDR zuschob („aus humanitären Gründen“, versteht sich), ein längst marodes Regime stützten.
Richtig helfen ist schwierig. Richtig nehmen auch, jedenfalls für alle, die weder faul noch skrupellos sind, und das sind die meisten. Würde bedeutet, nicht abhängig zu sein. Auch deshalb muss nicht nur über Solidarität und Gerechtigkeit gesprochen werden, sondern ebenso über die Freiheit, auf eigenen Füßen zu stehen. Manch einem ist das (fast) jedes Risiko wert.
In: Die Welt, 19. März 2012
Nur eine Kleinigkeit vergessen die guten Deutschen dabei oft: dass Geben seliger ist denn Nehmen. Und dass es passieren kann, dass sich der Empfänger von Wohltaten sträubt, das zu sein, was Helfer gern in ihm sehen möchten, nämlich hilfsbedürftig und dankbar, kurz: Opfer.
Dann fühlt man sich hierzulande missverstanden. Wenn die Griechen in unserer Hilfswilligkeit Herrschaftsbegehren sehen. Wenn afrikanische Intellektuelle darum bitten, von weiteren Spenden für notleidende Kinder abzusehen, da Hilfe nur die bestehenden Verhältnisse zementiere. Wenn Obdachlose die angebotene Sozialwohnung ablehnen, weil sie gar nicht sesshaft sein wollen. Und wenn die „Ossis“ trotz mehr als vier Jahrzehnten Päckchen nach Drüben und über zwei Jahrzehnten Solidarbeitrag immer noch klagen. Kurz: wenn diejenigen, die wir als Opfer betrachten, eigensinnig sind und auf ihrer Würde bestehen, ja: partout nicht hilfsbedürftig sein wollen.
Richtig helfen will gelernt sein. Im wiedervereinten Deutschland kann man noch heute studieren, was beim Helfen alles schief gehen kann. Fast jeder, der in einer geteilten Familie aufgewachsen ist, kennt geradezu tragische Geschichten über das prekäre Verhältnis zwischen den reichen Verwandten im Westen und den armen Schluckern im Osten. Die einen haben noch den Duft nach „gutem Bohnenkaffee“ in der Nase, der in die „Päckchen nach drüben“ kam, in die man Monat für Monat alles hineinsteckte, was Tanten und Cousinen in der „Zone“ auf ihre Wunschzettel geschrieben hatten. Die Röcke und Hosen und Stoffe, aus denen die Cousinen sich ihre Garderobe selbst schneiderten. Die Schokolade und das Parfüm und die Lebkuchen zu Weihnachten. Die Strumpfhosen. Die Pullover und Blusen aus dem Winterschlussverkauf. Alles war recht und wurde gern genommen, denn drüben „gab es doch nüscht“.
Und dann, mit der Wende, flog alles auf. Der ganze Schwindel. Die Brüder und Schwestern entdeckten, dass es weit luxuriösere Seifen gab als die gute Fa, mit der sie bis dato bedient worden waren. Und dass die Schlussverkaufsklamotten in den Liebespäckchen ziemlich popelig wirkten angesichts der Designermode schicker Wessibräute. Und dass auch nicht alles Gold war im Westen.
Plötzlich fühlten sich die einst Beschenkten betrogen und die Schenkenden waren – zu Recht – gekränkt. Mancher Ex-DDR-Bürger fühlte sich um etwas gebracht, das ihm doch eigentlich auch zugestanden hätte, wären die Umstände andere gewesen, oder? Und die Schenkenden, die glaubten, fleißig gewesen und es aus eigener Kraft zu etwas Wohlstand gebracht zu haben, von dem sie auch noch bereitwillig abgaben, kamen sich wie die verdienstlosen Nutznießer der Geschichte vor. Die Gabe und das Geben waren entwertet. Vor allem durch das, was danach geschah.
Gewiss: es gab keine Alternative zur Wiedervereinigung. Und niemand wusste, wie wenig das wert war, was die DDR in diesen Prozess einbrachte, deren blühende Industrielandschaft sich als Potemkinsche Kulisse entpuppte. Aber wer hätte geahnt, wie schnell die Ossis wieder zu armen Brüdern und Schwestern wurden, denen geholfen werden musste? Das vergiftet das Verhältnis noch heute.
Während die Polen aus eigener Kraft erfolgreich sind, sorgte das deutsche Helfersyndrom schnell für neue Abhängigkeiten (auch mit Hilfe der Lobbyisten des westdeutschen Arbeitnehmers, der Gewerkschaften, die verhinderten, dass die im Osten etwa mit niedrigen Löhnen Konkurrenz machten). In den blühenden Landschaften und restaurierten Kleinstädten leben alimentierte Menschen, zu wenige für die nagelneuen und überdimensionierten Klärwerke.
Hilfe schadet, nicht immer, aber oft. Mit sozialer Kälte hat dieser Hinweis nichts zu tun. Er zielt auf das übersteigerte Selbstbild der Helfenden. Es ist die alte deutsche Krankheit, die sich als Fürsorglichkeit tarnt: Wir sehen in Hilfsbedürftigen gerne Opfer, die auf Dauer unserer bedürfen, aber nicht Menschen, die es darauf angelegt haben, sich aus der Opferrolle zu befreien. Um dann, undankbar ist die Welt, unsere Konkurrenten zu werden. Immigranten etwa, deren Ehrgeiz den eines deutschen Normalarbeitnehmers übersteigt, der an sein bequemes soziales Netz gewöhnt ist und nicht daran denkt, mehr als die gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitsstunden abzusitzen. Das Vorwärtsstreben der allzu Fleißigen droht, an gehätschelte Besitzstände zu gehen, ans Lohnniveau und die geregelte Arbeitszeit. Opfer sind bequemer.
Hilfe hilft vor allem den Helfenden. Griechenland jedenfalls ist auch mit milliardenschweren Rettungspaketen nicht zu retten. Das viele Geld verschafft vor allem den Helfern Zeit und verdeckt ihre Ratlosigkeit, wenigstens bis zur nächsten Wahl, hoffen Politiker. Fast versteht man die oft machohaft daherkommende Angst der Griechen vor Entwürdigung: Als ewig Hilfsbedürftige laufen sie auf Dauer an der Kandare der anderen. Denn keine Sparmaßnahme und keine Milliardenbeträge sind geeignet, die griechische Wirtschaft auf eigene Füße zu stellen, solange das Geld im unübersichtlichen Grabensystem einer unkontrollierbaren Staatsbürokratie versickert. Ganz so, wie die Spenden für ein hungerndes Afrika vor allem den Clanchefs und ihren bewaffneten Horden nützt. Und ebenso wie die Devisen, die Westdeutschland einst der DDR zuschob („aus humanitären Gründen“, versteht sich), ein längst marodes Regime stützten.
Richtig helfen ist schwierig. Richtig nehmen auch, jedenfalls für alle, die weder faul noch skrupellos sind, und das sind die meisten. Würde bedeutet, nicht abhängig zu sein. Auch deshalb muss nicht nur über Solidarität und Gerechtigkeit gesprochen werden, sondern ebenso über die Freiheit, auf eigenen Füßen zu stehen. Manch einem ist das (fast) jedes Risiko wert.
In: Die Welt, 19. März 2012
Samstag, 10. März 2012
Die Partei der Jasager
Was macht eigentlich – die SPD? Die Partei mit dem genetisch verankerten Gerechtigkeitsgefühl und der fest eingebauten sozialen Wärme? Die mit dem rauchenden Orakel vom Brahmsee, dem Mann, der keine Visionen hat, weil er stets rechtzeitig zum Optiker gegangen ist?
Die Frage stellen, heißt sie beantworten. Die älteste Partei Deutschlands steht wie Buridans Esel zwischen allzu vielen gleichermaßen wohlschmeckenden Heuhaufen und wird verhungern, sofern sie nicht endlich irgendwo hineinbeißt. Denn selbst wenn sie sich einmal richtig entscheidet – wie jüngst für Joachim Gauck, den Freiheitlichen – macht sie lange Zähne. Hat der nicht mal was Nettes über den schwarzen Mann gesagt, über diesen Thilo Sarrazin, den man leider nicht offiziell loswerden konnte, dafür hat man ihn intern in die Emigration geschickt? Und überhaupt: wo ist bei diesem Gauck der Knopf für die soziale Wärme?
Die Partei, in der einst leidenschaftlich und auf im Vergleich zu heute hohem Niveau gestritten wurde, und zwar jahrzehntelang; eine Partei, die sich am Ende der Weimarer Republik in einer ungeliebten Koalition mit einer bürgerlichen Partei kompromissloser verhielt, als ihr und dem Land bekommen ist; jene SPD, die zum Opfer der Nazis wurde – diese Partei mit ihrer stolzen Tradition begnügt sich heute mit der Rolle des Schleppenträgers. Sie tut alles, was die Kanzlerin einer bürgerlichen Partei will, mit der sie noch nicht einmal eine Koalition verbindet. Sie bietet weder intelligente Einschätzungen zur Lage noch einen Gegenentwurf zur Regierungspolitik. Ihre Rudelführer nörgeln vielleicht ein bisschen und mobben das Weibchen im Rudel – aber wenn die Kanzlerin pfeift, rapportieren sie.
Energiewende, auch wenn niemand weiß, wie’s geht? Klar doch. Geld für Griechenland? No prob, chancellor. Nur die Rente mit 67 – die macht man bei Sozens nicht mit. Und so gehört auch das, was man ihrem einstigen Kanzler Gerhard Schröder hoch anrechnen muss – die Agenda 2010 – nicht etwa zum stolz herausgestrichenen Besitzstand, lässt sie doch das Land heute vergleichsweise gut dastehen, sondern wird unterschlagen, verdreht oder revidiert, wofür der Partei im übrigen niemand dankt, noch nicht einmal die Gewerkschaften, die sich mittlerweile bei der Kanzlerin kuschelig aufgehoben fühlt.
Und Angela Merkel? Die kennt schon lange keine Opposition mehr, erlebt sie doch im Bundestag ein einzig Haus voller Jasager. Opposition kommt höchstens aus den eigenen Reihen, und das nur kurz und folgenlos. Wofür da noch eine SPD?
Die hat sich für den Bundestagswahlkampf 2013 eine „Gerechtigkeitsdebatte“ vorgenommen. Bravo. Nachdem schon Heiner Geissler dem designierten Bundespräsidenten jovial empfohlen hat, nicht nur die Freiheit zu betonen, sondern Nachhilfestunden in Sachen Gerechtigkeit zu nehmen, wird das ein ganz, ganz großes Thema werden für die SPD. Gerechtigkeit für alle! Für die Griechen und die Siechen, die Kinder und die Inder – kurz: Pro bonum, contra malum. Dagegen können nur kalte Herzen etwas einwenden. Statistiker und Buchhalter, die sich als Vernunftmenschen und Wirtschaftsweise tarnen. Weshalb es so ziemlich dem entspricht, was die Kanzlerin uns derzeit als Politik verkauft: Gerechtigkeit ist alternativlos. Klar: wer will schon ungerecht sein?
Doch ach: Gerechtigkeit ist nur ein Wort, so wie die Klimakatastrophe bzw. der Kampf dagegen. Jeder ist dafür. Keiner weiß, wie es geht. Niemand tut es. Es sind die Phrasen der Flatrate-Generation, deren Angehörige mit großen Augen „Keiner braucht sechs Handys“ sagen, wenn sie über ernsthafte Anforderungen an die energiepolitische Moral ihrer Mitbürger sprechen. Und die es zynisch finden, wenn jemand gegen steigende Heizungskosten einen Pullover empfiehlt.
Und so versteht auch die SPD unter „Gerechtigkeit“ eines ganz gewiss nicht: den sorgsamen Umgang mit Ressourcen, wozu auch die Produktivkraft künftiger Generationen gehört. Oder hat man aus der Partei neuerdings etwas Nachdenkenswertes über die derzeitige Staatsschuldenkrise gehört? Oder gar, dass auch der deutsche Staat sparen müsse? Etwa am Sozialetat, dem größten Posten im Haushalt? Um Himmelswillen! Angesichts der Apokalypsis, die den deutschen Menschen zwischen Existenznot und Altersarmut dahinvegetieren sieht, wäre das Selbstmord.
Gerhard Schröder hat 2005 gegen Angela Merkel mit einer Kampagne für „soziale Wärme“ fast gewonnen. Mit einem Wahlkampf für „Gerechtigkeit“ wird der SPD das heute nicht mehr gelingen, denn davon versteht Angela Merkel mittlerweile mehr, als dem Land gut tut. Oder sagen wir: sie hat heute ein besseres Gespür für die deutsche Mentalität, als ihr ambitioniertes Reformprojekt von anno dunnemals verriet. Das „Alles wird immer schlimmer“-Mantra gehört nunmal zu Deutschland, Ost wie West. Dagegen helfen keine „Fakten“, oder gar Statistiken. Dass die Arbeitslosenzahl gesunken ist, dass niemand hierzulande arbeiten muss, bis er tot umfällt, dass die Menschen bei guter Gesundheit immer älter werden – nichts davon speist das ruhige Bewusstsein, in einem Land zu leben, in dem es der Mehrheit verdammt gut geht. Schöner ist das Gefühl, am Abgrund zu stehen – oder wenigstens kurz vor der endgültigen Krise des „Systems“, dem „Monster“, dem man die eigene Menschlichkeit wie eine Monstranz entgegenhält.
Nun, die allergrößte Ungerechtigkeit wäre gewiss, der SPD mit ihrer Vergangenheit zu kommen. Damals, als man noch über „Inhalte“ stritt! Mittlerweile hat man gelernt, den Weg von der marxistischen Klassenanalyse zur Wärmekampagne, von der Theorie zum Gefühl, als Fortschritt zu mehr Menschlichkeit zu deklarieren. So ein Schmusebärchen mag dumm sein, aber dafür ist es lieb!
Klar, die SPD ist kein Schmusebärchen, und Sigmar Gabriel erst recht nicht. Und dass dort niemand mit intelligenten Ideen auftrumpft, sondern tut, was Merkel sagt, hat ja seine innere Logik. Die hat allerdings mit Gerechtigkeit nichts zu tun, sondern mit dem, was man im sozialdemokratischen Wärmestrom sonst eher verteufelt: mit Kalkül. Denn 2013 muss ja nicht nur eine Wahl gewonnen werden, man muss sich auch Optionen schaffen, damit man es danach auch zu einer Regierungsbeteiligung bringt. Beim derzeitigen Hoch der Kanzlerin gibt es da nicht viel Auswahl.
Was der Wähler davon hält? Oder gar der Steuerzahler?
Ach. Der schon wieder.
Die Frage stellen, heißt sie beantworten. Die älteste Partei Deutschlands steht wie Buridans Esel zwischen allzu vielen gleichermaßen wohlschmeckenden Heuhaufen und wird verhungern, sofern sie nicht endlich irgendwo hineinbeißt. Denn selbst wenn sie sich einmal richtig entscheidet – wie jüngst für Joachim Gauck, den Freiheitlichen – macht sie lange Zähne. Hat der nicht mal was Nettes über den schwarzen Mann gesagt, über diesen Thilo Sarrazin, den man leider nicht offiziell loswerden konnte, dafür hat man ihn intern in die Emigration geschickt? Und überhaupt: wo ist bei diesem Gauck der Knopf für die soziale Wärme?
Die Partei, in der einst leidenschaftlich und auf im Vergleich zu heute hohem Niveau gestritten wurde, und zwar jahrzehntelang; eine Partei, die sich am Ende der Weimarer Republik in einer ungeliebten Koalition mit einer bürgerlichen Partei kompromissloser verhielt, als ihr und dem Land bekommen ist; jene SPD, die zum Opfer der Nazis wurde – diese Partei mit ihrer stolzen Tradition begnügt sich heute mit der Rolle des Schleppenträgers. Sie tut alles, was die Kanzlerin einer bürgerlichen Partei will, mit der sie noch nicht einmal eine Koalition verbindet. Sie bietet weder intelligente Einschätzungen zur Lage noch einen Gegenentwurf zur Regierungspolitik. Ihre Rudelführer nörgeln vielleicht ein bisschen und mobben das Weibchen im Rudel – aber wenn die Kanzlerin pfeift, rapportieren sie.
Energiewende, auch wenn niemand weiß, wie’s geht? Klar doch. Geld für Griechenland? No prob, chancellor. Nur die Rente mit 67 – die macht man bei Sozens nicht mit. Und so gehört auch das, was man ihrem einstigen Kanzler Gerhard Schröder hoch anrechnen muss – die Agenda 2010 – nicht etwa zum stolz herausgestrichenen Besitzstand, lässt sie doch das Land heute vergleichsweise gut dastehen, sondern wird unterschlagen, verdreht oder revidiert, wofür der Partei im übrigen niemand dankt, noch nicht einmal die Gewerkschaften, die sich mittlerweile bei der Kanzlerin kuschelig aufgehoben fühlt.
Und Angela Merkel? Die kennt schon lange keine Opposition mehr, erlebt sie doch im Bundestag ein einzig Haus voller Jasager. Opposition kommt höchstens aus den eigenen Reihen, und das nur kurz und folgenlos. Wofür da noch eine SPD?
Die hat sich für den Bundestagswahlkampf 2013 eine „Gerechtigkeitsdebatte“ vorgenommen. Bravo. Nachdem schon Heiner Geissler dem designierten Bundespräsidenten jovial empfohlen hat, nicht nur die Freiheit zu betonen, sondern Nachhilfestunden in Sachen Gerechtigkeit zu nehmen, wird das ein ganz, ganz großes Thema werden für die SPD. Gerechtigkeit für alle! Für die Griechen und die Siechen, die Kinder und die Inder – kurz: Pro bonum, contra malum. Dagegen können nur kalte Herzen etwas einwenden. Statistiker und Buchhalter, die sich als Vernunftmenschen und Wirtschaftsweise tarnen. Weshalb es so ziemlich dem entspricht, was die Kanzlerin uns derzeit als Politik verkauft: Gerechtigkeit ist alternativlos. Klar: wer will schon ungerecht sein?
Doch ach: Gerechtigkeit ist nur ein Wort, so wie die Klimakatastrophe bzw. der Kampf dagegen. Jeder ist dafür. Keiner weiß, wie es geht. Niemand tut es. Es sind die Phrasen der Flatrate-Generation, deren Angehörige mit großen Augen „Keiner braucht sechs Handys“ sagen, wenn sie über ernsthafte Anforderungen an die energiepolitische Moral ihrer Mitbürger sprechen. Und die es zynisch finden, wenn jemand gegen steigende Heizungskosten einen Pullover empfiehlt.
Und so versteht auch die SPD unter „Gerechtigkeit“ eines ganz gewiss nicht: den sorgsamen Umgang mit Ressourcen, wozu auch die Produktivkraft künftiger Generationen gehört. Oder hat man aus der Partei neuerdings etwas Nachdenkenswertes über die derzeitige Staatsschuldenkrise gehört? Oder gar, dass auch der deutsche Staat sparen müsse? Etwa am Sozialetat, dem größten Posten im Haushalt? Um Himmelswillen! Angesichts der Apokalypsis, die den deutschen Menschen zwischen Existenznot und Altersarmut dahinvegetieren sieht, wäre das Selbstmord.
Gerhard Schröder hat 2005 gegen Angela Merkel mit einer Kampagne für „soziale Wärme“ fast gewonnen. Mit einem Wahlkampf für „Gerechtigkeit“ wird der SPD das heute nicht mehr gelingen, denn davon versteht Angela Merkel mittlerweile mehr, als dem Land gut tut. Oder sagen wir: sie hat heute ein besseres Gespür für die deutsche Mentalität, als ihr ambitioniertes Reformprojekt von anno dunnemals verriet. Das „Alles wird immer schlimmer“-Mantra gehört nunmal zu Deutschland, Ost wie West. Dagegen helfen keine „Fakten“, oder gar Statistiken. Dass die Arbeitslosenzahl gesunken ist, dass niemand hierzulande arbeiten muss, bis er tot umfällt, dass die Menschen bei guter Gesundheit immer älter werden – nichts davon speist das ruhige Bewusstsein, in einem Land zu leben, in dem es der Mehrheit verdammt gut geht. Schöner ist das Gefühl, am Abgrund zu stehen – oder wenigstens kurz vor der endgültigen Krise des „Systems“, dem „Monster“, dem man die eigene Menschlichkeit wie eine Monstranz entgegenhält.
Nun, die allergrößte Ungerechtigkeit wäre gewiss, der SPD mit ihrer Vergangenheit zu kommen. Damals, als man noch über „Inhalte“ stritt! Mittlerweile hat man gelernt, den Weg von der marxistischen Klassenanalyse zur Wärmekampagne, von der Theorie zum Gefühl, als Fortschritt zu mehr Menschlichkeit zu deklarieren. So ein Schmusebärchen mag dumm sein, aber dafür ist es lieb!
Klar, die SPD ist kein Schmusebärchen, und Sigmar Gabriel erst recht nicht. Und dass dort niemand mit intelligenten Ideen auftrumpft, sondern tut, was Merkel sagt, hat ja seine innere Logik. Die hat allerdings mit Gerechtigkeit nichts zu tun, sondern mit dem, was man im sozialdemokratischen Wärmestrom sonst eher verteufelt: mit Kalkül. Denn 2013 muss ja nicht nur eine Wahl gewonnen werden, man muss sich auch Optionen schaffen, damit man es danach auch zu einer Regierungsbeteiligung bringt. Beim derzeitigen Hoch der Kanzlerin gibt es da nicht viel Auswahl.
Was der Wähler davon hält? Oder gar der Steuerzahler?
Ach. Der schon wieder.
Sonntag, 5. Februar 2012
Das Haus unter der Burka
Es ist ein gutmütiger Geist, der ab und an durchs Haus weht und mir mit kühlen Fingern das Haar streichelt. Er mag es, wenn es draußen kalt ist und drinnen die Holzdielen knacken. Wenn der Sturm an den Dachziegeln zupft und durch den Kamin ruft. Wenn Regentropfen unter den Ziegeln hindurchgeschlüpft sind, durch den brüchigen Lehmstrich dringen und Klopfzeichen geben. Er fächelt mir zu, wenn mir am Schreibtisch warm geworden ist. Und manchmal erinnert mich der alte Herr (schon knorrige 170 Jahre alt) an die Zeiten, als man drei mit Holz und Briketts zu heizende Öfen brauchte, um das Haus auch nur annähernd warmzukriegen – wenn er mich auf dem Flur und im Treppenhaus eiskalt anhaucht.
Prosaische Gemüter bestreiten natürlich, dass es ein guter Geist ist, der dieses Haus beseelt. Ein kleines, unscheinbares Fachwerkhaus mitten in einem 30-Seelendorf. Innen alte Eichenbalken und Dielenboden aus gewachster Lärche, zwischen den Gefachen Lehmstrich, draußen Rauhputz. Keines dieser aufgebrezelten Fachwerkidyllen, die von außen nach Museum aussehen, aber auch keine mit Metzgerfliesen oder für die Ewigkeit gedachtem Eternit vollverkleidete Hofreite wie bei den Nachbarn. 3 ZKB. Vorne schmal, nach hinten heraus lang. Im ehemaligen Stall ist heute das Esszimmer.
Prosaische Gemüter nennen Zugluft, was mich in diesem Haus bewegt. Mangelnde Wärmedämmung. Energetischer Sündenfall. Die Kinder der Nachbarn sind längst in einen Neubau gezogen, genau deswegen. Und weil es in einem neuen Haus gerade Wände und rechte Winkel gibt.
Besucher aus der Stadt, begeisterte Leser von Zeitschriften in hohen Auflagen, deren trügerische Titel „Land“ mit „Lust“ oder „Liebe“ kombinieren, finden das Haus idyllisch. Gemütlich. Putzig. Verträumt. Und sind, trotz Auto mit Allradantrieb, natürlich immer falsch angezogen, wenn sie mal vorbeikommen, um die gute Landluft zu atmen – was ihnen auffällt, sobald ihnen mein Geist spielerisch unters Hemd geht. Dann empfehle ich tief Durchatmen und reiche einen Pullover. Wann haben sie in ihrem durchklimatisierten städtischen Alltag schon mal die Chance, ihre Haut und ihre Sinne dem Tanztheater auszusetzen, das die Klimazonen eines alten Hauses mit seinen Bewohnern anstellt?
Schluss. Alles Unsinn. Alte Häuser sind nicht putzig. Sie sind erstens unpraktisch und machen zweitens Arbeit und sehen, wie meins, auch nicht unbedingt schön aus. Muss ja auch nicht, in dem Alter. Energiesparend beheizen kann man so eine alte Hütte nur, wenn man Thilo Sarrazins Empfehlung folgt: warm anziehen und beim guten alten Glühbirnenlicht lesen. Das wärmt nämlich zusätzlich. Oder den Kaminofen anzünden. Holz wächst nach. Auch wenn die Feinstaubbelastung dank alter Schornsteine in der Energiebilanz zu berücksichtigen wäre.
Man kann natürlich auch die beiden alten Eichenfenster im Schlafzimmer oder das Flurfenster durch Dreifachisoliergläser ersetzen – Uw-Werte unter 0,8 W/m2K! Aber das kommt mir nicht ins Haus. Energetisch gesehen bin und bleibe ich ein Sünder, der in den Ökobioablasskasten zahlen muss, und zwar kräftig. Da hilft auch nicht der biodynamische Salatanbau im Vorgarten, der Komposthaufen hinter dem Schuppen und die saubere Mülltrennung. Oder das gute AAA-Rating der Elektrogeräte. Mein altes Haus passt nicht ins neue Deutschland, wie es einst Angela Merkel sah, die auf die Frage der Bildzeitung, was sie an Deutschland schätze, antwortete: „Ich denke an dichte Fenster! Kein Land kann so dichte und so schöne Fenster bauen.“ (29. 11. 2004).
Mag sein. Es ist noch niemand erstunken, aber schon viele erfroren. Und vielleicht hocken Politiker ja gern in der heißen Luft, die sie produzieren. Doch für ein Fachwerkhaus sind allzu dichte Fenster der Anfang vom Ende. Und was seinen sicheren Tod bedeutet: Luftdichter Verschluss außen und innen plus Silikon für die letzten widerstrebenden Ritzen. Manches Eichenfachwerk wird heute schon nur noch von den Eternitplatten zusammengehalten, die findige Handlungsreisende meinen Nachbarn in den 60er und 70er Jahren angedreht haben.
Wer ihnen den Geist austreibt, die federleichte Luftbewegung, die sie durchzieht, tötet Fachwerkhäuser ab, da hilft weder Stoß- noch Zwangslüften. Tatsächlich sind Holz und Lehmstrich Baustoffe, die ein Leben haben – sie müssen atmen. Luftdichte Verpackung erledigt selbst jahrhundertealtes, eisenhartes Eichenholz binnen weniger Jahre. Die kann man dann, ganz ohne Vorarbeit durch Holzwürmer, mit dem Zeigefinger durchbohren. Die Leichen sind zu besichtigen – in allen Landstrichen, in denen in den 60er Jahren der Charme alter Häuser wiederentdeckt wurde, wobei die wenigsten Handwerksbetriebe noch wussten, wie Fachwerk funktioniert. Vielen Häusern wäre es besser bekommen, man hätte sie in Wind und Wetter und Würde vergehen lassen. Zerstörung bracht keinen Luftangriff oder die Abrissbirne, das geht auch auf die sanfte Tour.
Ich habe mein altes Geisterhaus 1981 für wenig Geld gekauft, ohne auch nur eine Idee, was ich mir damit einhandelte. Eigentlich sollte das seit Jahren leerstehende Rattennest abgerissen werden, eines der ältesten, aber gewiss das kleinste Haus im Ort. Früher Sitz eines Schneiders, der auch Bürgermeister war, bis Solms eingemeindet wurde und nicht mehr fürstlich sein durfte. Des Schneiders Arbeitsplatz ist heute mein Schreibtisch, ich sehe, wenn ich schreibe, die Spuren des Rollschneiders auf dem Holz, mit dem der alte Keil die Stoffe zugeschnitten hat. Der Blick geht durch zwei (dichte!) Fenster hinaus, auf den Weg hoch zum Friedhof. Und wenn ich diese Fenster sehe, weiß ich, wie viel auch ich falsch gemacht habe. Gottlob nicht alles.
Fachwerk bewegt sich. Fachwerk muss atmen, weshalb es durchlässig bleiben sollte. Und deshalb atmen auch andere Lebewesen in einem Fachwerkhaus freier: Ich habe keinen Schimmelpilz in den Wänden und keinen Sporenflug in der Luft und leide höchstens ab und an unter dem Duft nach Schweinegülle und Silage, der von draußen eindringt. Soll ich deshalb mein Home and Castle zum Bunker ausbauen?
Für die Kriegsgeneration, die gehungert und gefroren hat, war das Draußen feindlich, weshalb es ausgeschlossen werden musste. Lange vor der „Energiewende“, schon zu Zeiten, als das Öl noch spottbillig war, hat man in meiner Familie das Wohnen in versiegelten Räumen zum Maßstab des Glücks erklärt. Ich reagiere auf solche Behausungen mit Atemnot. Wer unter der Energiewende großflächige Dämmaßnahmen versteht, weiß nicht, was er sich oder anderen antut.
Die Burka für das Haus ist ein Todesurteil – für die großbürgerlichen Gründerzeitwohnungen in der Stadt ebenso wie für die letzten verbliebenen Fachwerkhäuser, die das romantische Bild von Deutschland prägen und deretwegen man so viele Japaner in Rothenburg trifft. Ich habe schon einige alte Häuser sterben gesehen, an Eternitplatten und undurchlässigen Silikonanstrichen, und habe nur eine Hoffnung: dass die relative Armut des Landstrichs, in dem ich lebe, verhindert, dass das Fachwerkhaussterben dank moderner Wärmedämmung Tempo aufnimmt.
Woanders wird sich zeigen, dass Vollverdämmung die Bewohner krank und die Vermieter arm macht und nur einer Menschengruppe nützt: Bau- und Abrissunternehmen. Vielleicht ist das sogar der Sinn des Ganzen?
Doch wen kümmerts? Ganze Landstriche werden aussterben, versichern die Demographen, der Vogelsberg liegt vorn, was die Bevölkerungsflucht betrifft. Sie werden also mehr oder weniger würdig vergehen, die alten Häuser, bei denen sich teure Wärmedämmung erst gar nicht lohnt. Und mit ihnen ihre Bewohner, im warmen Pullover, gebeugt, aber abgehärtet. Im Winde klirren die Fahnen. In den verwaisten Bauerngärten abgenagte Kohlstrünke und fliehende Katzen. Zeitenende.
Doch es kann auch ganz anders kommen...
Es ist ja geradezu augenfällig: der sogenannten Energiewende fehlt Sinn und Verstand. Bald ist jede Anhöhe im Vogelsberg mit Windanlagen bestückt. Auf den Dächern der Scheunen um mich herum blitzen Solarpaneele, chinesischer Provenienz, natürlich, der Landwirt ist schließlich sparsam. Und irgendwann wird man in der Ferne die Masten der Starkstromleitung sehen, die Windenergie von Nord nach Süd transportieren soll. Und selbst die Menschen in den wärmegedämmten Ställchen mit eingebauter Stoßlüftung werden für eine Politik zahlen, die nach Opportunität verfährt.
Und ich? Schraube mir keine Solardinger aufs Dach. Nicht aus ästhetischen Gründen oder weil bloß die schmale Giebelfront nach Süden ausgerichtet ist, man kann dank Subventionsgelder mit der Sache ja Geld machen ganz ohne Effizienz. Sondern weil ich kaum etwas vernünftiger finde, als an fossilen Energieträgern zu sparen. Fragt sich nur: wie.
Während andere auf die Sonne warten, träume ich nachts, wenn sich die Katzen an mich kuscheln, weil der Hausgeist kühl durch die Räume streift, vom Dachs. Und von Robert Stirling, einem auf den ersten Blick nicht sonderlich attraktiven Herrn. Schottischer Geistlicher, 1790-1878. Erfand den Stirling-Motor, der mit minimalem Energieinput Wärme erzeugt. Heute sitzt er in Blockheizkraftwerken, die es mittlerweile klein und handlich auch für Einfamilienhäuser gibt. Wenn ich genau hinsehe, sieht mein Hausgeist aus wie Robert Stirling.
Prosaische Gemüter bestreiten natürlich, dass es ein guter Geist ist, der dieses Haus beseelt. Ein kleines, unscheinbares Fachwerkhaus mitten in einem 30-Seelendorf. Innen alte Eichenbalken und Dielenboden aus gewachster Lärche, zwischen den Gefachen Lehmstrich, draußen Rauhputz. Keines dieser aufgebrezelten Fachwerkidyllen, die von außen nach Museum aussehen, aber auch keine mit Metzgerfliesen oder für die Ewigkeit gedachtem Eternit vollverkleidete Hofreite wie bei den Nachbarn. 3 ZKB. Vorne schmal, nach hinten heraus lang. Im ehemaligen Stall ist heute das Esszimmer.
Prosaische Gemüter nennen Zugluft, was mich in diesem Haus bewegt. Mangelnde Wärmedämmung. Energetischer Sündenfall. Die Kinder der Nachbarn sind längst in einen Neubau gezogen, genau deswegen. Und weil es in einem neuen Haus gerade Wände und rechte Winkel gibt.
Besucher aus der Stadt, begeisterte Leser von Zeitschriften in hohen Auflagen, deren trügerische Titel „Land“ mit „Lust“ oder „Liebe“ kombinieren, finden das Haus idyllisch. Gemütlich. Putzig. Verträumt. Und sind, trotz Auto mit Allradantrieb, natürlich immer falsch angezogen, wenn sie mal vorbeikommen, um die gute Landluft zu atmen – was ihnen auffällt, sobald ihnen mein Geist spielerisch unters Hemd geht. Dann empfehle ich tief Durchatmen und reiche einen Pullover. Wann haben sie in ihrem durchklimatisierten städtischen Alltag schon mal die Chance, ihre Haut und ihre Sinne dem Tanztheater auszusetzen, das die Klimazonen eines alten Hauses mit seinen Bewohnern anstellt?
Schluss. Alles Unsinn. Alte Häuser sind nicht putzig. Sie sind erstens unpraktisch und machen zweitens Arbeit und sehen, wie meins, auch nicht unbedingt schön aus. Muss ja auch nicht, in dem Alter. Energiesparend beheizen kann man so eine alte Hütte nur, wenn man Thilo Sarrazins Empfehlung folgt: warm anziehen und beim guten alten Glühbirnenlicht lesen. Das wärmt nämlich zusätzlich. Oder den Kaminofen anzünden. Holz wächst nach. Auch wenn die Feinstaubbelastung dank alter Schornsteine in der Energiebilanz zu berücksichtigen wäre.
Man kann natürlich auch die beiden alten Eichenfenster im Schlafzimmer oder das Flurfenster durch Dreifachisoliergläser ersetzen – Uw-Werte unter 0,8 W/m2K! Aber das kommt mir nicht ins Haus. Energetisch gesehen bin und bleibe ich ein Sünder, der in den Ökobioablasskasten zahlen muss, und zwar kräftig. Da hilft auch nicht der biodynamische Salatanbau im Vorgarten, der Komposthaufen hinter dem Schuppen und die saubere Mülltrennung. Oder das gute AAA-Rating der Elektrogeräte. Mein altes Haus passt nicht ins neue Deutschland, wie es einst Angela Merkel sah, die auf die Frage der Bildzeitung, was sie an Deutschland schätze, antwortete: „Ich denke an dichte Fenster! Kein Land kann so dichte und so schöne Fenster bauen.“ (29. 11. 2004).
Mag sein. Es ist noch niemand erstunken, aber schon viele erfroren. Und vielleicht hocken Politiker ja gern in der heißen Luft, die sie produzieren. Doch für ein Fachwerkhaus sind allzu dichte Fenster der Anfang vom Ende. Und was seinen sicheren Tod bedeutet: Luftdichter Verschluss außen und innen plus Silikon für die letzten widerstrebenden Ritzen. Manches Eichenfachwerk wird heute schon nur noch von den Eternitplatten zusammengehalten, die findige Handlungsreisende meinen Nachbarn in den 60er und 70er Jahren angedreht haben.
Wer ihnen den Geist austreibt, die federleichte Luftbewegung, die sie durchzieht, tötet Fachwerkhäuser ab, da hilft weder Stoß- noch Zwangslüften. Tatsächlich sind Holz und Lehmstrich Baustoffe, die ein Leben haben – sie müssen atmen. Luftdichte Verpackung erledigt selbst jahrhundertealtes, eisenhartes Eichenholz binnen weniger Jahre. Die kann man dann, ganz ohne Vorarbeit durch Holzwürmer, mit dem Zeigefinger durchbohren. Die Leichen sind zu besichtigen – in allen Landstrichen, in denen in den 60er Jahren der Charme alter Häuser wiederentdeckt wurde, wobei die wenigsten Handwerksbetriebe noch wussten, wie Fachwerk funktioniert. Vielen Häusern wäre es besser bekommen, man hätte sie in Wind und Wetter und Würde vergehen lassen. Zerstörung bracht keinen Luftangriff oder die Abrissbirne, das geht auch auf die sanfte Tour.
Ich habe mein altes Geisterhaus 1981 für wenig Geld gekauft, ohne auch nur eine Idee, was ich mir damit einhandelte. Eigentlich sollte das seit Jahren leerstehende Rattennest abgerissen werden, eines der ältesten, aber gewiss das kleinste Haus im Ort. Früher Sitz eines Schneiders, der auch Bürgermeister war, bis Solms eingemeindet wurde und nicht mehr fürstlich sein durfte. Des Schneiders Arbeitsplatz ist heute mein Schreibtisch, ich sehe, wenn ich schreibe, die Spuren des Rollschneiders auf dem Holz, mit dem der alte Keil die Stoffe zugeschnitten hat. Der Blick geht durch zwei (dichte!) Fenster hinaus, auf den Weg hoch zum Friedhof. Und wenn ich diese Fenster sehe, weiß ich, wie viel auch ich falsch gemacht habe. Gottlob nicht alles.
Fachwerk bewegt sich. Fachwerk muss atmen, weshalb es durchlässig bleiben sollte. Und deshalb atmen auch andere Lebewesen in einem Fachwerkhaus freier: Ich habe keinen Schimmelpilz in den Wänden und keinen Sporenflug in der Luft und leide höchstens ab und an unter dem Duft nach Schweinegülle und Silage, der von draußen eindringt. Soll ich deshalb mein Home and Castle zum Bunker ausbauen?
Für die Kriegsgeneration, die gehungert und gefroren hat, war das Draußen feindlich, weshalb es ausgeschlossen werden musste. Lange vor der „Energiewende“, schon zu Zeiten, als das Öl noch spottbillig war, hat man in meiner Familie das Wohnen in versiegelten Räumen zum Maßstab des Glücks erklärt. Ich reagiere auf solche Behausungen mit Atemnot. Wer unter der Energiewende großflächige Dämmaßnahmen versteht, weiß nicht, was er sich oder anderen antut.
Die Burka für das Haus ist ein Todesurteil – für die großbürgerlichen Gründerzeitwohnungen in der Stadt ebenso wie für die letzten verbliebenen Fachwerkhäuser, die das romantische Bild von Deutschland prägen und deretwegen man so viele Japaner in Rothenburg trifft. Ich habe schon einige alte Häuser sterben gesehen, an Eternitplatten und undurchlässigen Silikonanstrichen, und habe nur eine Hoffnung: dass die relative Armut des Landstrichs, in dem ich lebe, verhindert, dass das Fachwerkhaussterben dank moderner Wärmedämmung Tempo aufnimmt.
Woanders wird sich zeigen, dass Vollverdämmung die Bewohner krank und die Vermieter arm macht und nur einer Menschengruppe nützt: Bau- und Abrissunternehmen. Vielleicht ist das sogar der Sinn des Ganzen?
Doch wen kümmerts? Ganze Landstriche werden aussterben, versichern die Demographen, der Vogelsberg liegt vorn, was die Bevölkerungsflucht betrifft. Sie werden also mehr oder weniger würdig vergehen, die alten Häuser, bei denen sich teure Wärmedämmung erst gar nicht lohnt. Und mit ihnen ihre Bewohner, im warmen Pullover, gebeugt, aber abgehärtet. Im Winde klirren die Fahnen. In den verwaisten Bauerngärten abgenagte Kohlstrünke und fliehende Katzen. Zeitenende.
Doch es kann auch ganz anders kommen...
Es ist ja geradezu augenfällig: der sogenannten Energiewende fehlt Sinn und Verstand. Bald ist jede Anhöhe im Vogelsberg mit Windanlagen bestückt. Auf den Dächern der Scheunen um mich herum blitzen Solarpaneele, chinesischer Provenienz, natürlich, der Landwirt ist schließlich sparsam. Und irgendwann wird man in der Ferne die Masten der Starkstromleitung sehen, die Windenergie von Nord nach Süd transportieren soll. Und selbst die Menschen in den wärmegedämmten Ställchen mit eingebauter Stoßlüftung werden für eine Politik zahlen, die nach Opportunität verfährt.
Und ich? Schraube mir keine Solardinger aufs Dach. Nicht aus ästhetischen Gründen oder weil bloß die schmale Giebelfront nach Süden ausgerichtet ist, man kann dank Subventionsgelder mit der Sache ja Geld machen ganz ohne Effizienz. Sondern weil ich kaum etwas vernünftiger finde, als an fossilen Energieträgern zu sparen. Fragt sich nur: wie.
Während andere auf die Sonne warten, träume ich nachts, wenn sich die Katzen an mich kuscheln, weil der Hausgeist kühl durch die Räume streift, vom Dachs. Und von Robert Stirling, einem auf den ersten Blick nicht sonderlich attraktiven Herrn. Schottischer Geistlicher, 1790-1878. Erfand den Stirling-Motor, der mit minimalem Energieinput Wärme erzeugt. Heute sitzt er in Blockheizkraftwerken, die es mittlerweile klein und handlich auch für Einfamilienhäuser gibt. Wenn ich genau hinsehe, sieht mein Hausgeist aus wie Robert Stirling.
Donnerstag, 2. Februar 2012
Helden?
Wenigstens auf einem Schiff ist der Mann noch Mann – dachten wir, bis zum unseligen Kapitän der Costa Concordia, diesem Milchgesicht, eine Landratte, wie sie im Buche steht. Ratte? Naja - es sollen ja die Ratten sein, die das sinkende Schiff als erste verlassen. Und der Kapitän, der als letzter geht. Alles eine Frage der Ehre, des Seerechts und, früher jedenfalls, des Eigeninteresses an der Sicherung der Ladung.
Tempi passati. Francesco Schettino, der Kapitän des havarierten Kreuzfahrtschiffes, nicht gerade die Inkarnation eines Seebären, hatte weder mit der Ehre noch mit seiner Ladung viel am Hut und flüchtete, statt standzuhalten. Als Kapitän der Herzen hätte er vielleicht noch getaugt – immerhin hat der Mann Gefühl gezeigt! – , aber nicht als Exemplar jener stolzen Lenker, die auf stürmischer See Ruhe bewahren und die Stellung halten, um die ihnen Anvertrauten sicher in den nächsten Hafen zu leiten.
Der Mann hat seinen Beruf verfehlt. Oder findet vielleicht der Beruf keine Männer mehr? Schaut man sich die derzeit frisch aufgeflammte Geschlechterdebatte an, so scheint Schettino alles zu verkörpern, was Frauen am neuen Mann bemängeln. Der riecht nicht mehr nach Tang und See, was ja seine Vorzüge hat; ist statt dessen reinlich und sieht nett aus. Doch hinter der ansprechenden Fassade lauert der Schluffi, der ziellose und entscheidungsunfähige, sich selbstquälerisch immer nur hinterfragende Weichspüler, der Mädchenmusik hört und „ich möchte lieber nicht“ sagt, wenn’s zum Schwure kommt. Der für nichts und niemanden Verantwortung übernimmt, noch nicht einmal für sich selbst. Weil er eine unglückliche Kindheit hatte und schlechte Erfahrungen gemacht hat. Mit so jemandem ist man nicht gern auf hoher See. Oder in einer Lebensbindung.
Mal abgesehen von der interessanten Frage, ob die Frauen daran womöglich mit schuld sind: War das tatsächlich mal anders? Zumal angesichts der Tatsache, dass Kindheit früher schrecklicher war, als wir es uns heute vorstellen können?
Muss wohl. Die Legende jedenfalls sagt ja. Die Legende behauptet sogar, es sei die Seefahrt, die den Mann zum Manne gemacht habe. Angesichts der ewig webenden Penelope fragt man sich zwar, ob das nicht auch eine Art von Beziehungsflucht war. Und von Odysseus’ Weggefährten wissen wir schließlich, dass nicht die Seefahrt, sondern Circe sie optimierte – als sie die Männer in Schweine verwandelte. Jedenfalls sollen sie nach diesem Abenteuer schöner und schlauer gewesen sein als zuvor. Doch wo Circe nicht zur Verfügung stand, half in der Tat ein Schiff, um die Männer zu verbessern. Und wenn es nur ein schlichtes Langboot war, auf dem 20 oder 30 Männer Platz hatten. Die Wikinger bewiesen vor tausend Jahren, dass man mit solchen Nussschalen die Welt erobern konnte.
Die Wikinger, Nordmänner aus Schweden, Dänemark, oder Norwegen, die zu Zeiten lebten, als die Geburtenrate hoch und Grönland grün war, hatten ein Problem, das ganz Europa plagte: junge Männer bzw. zu viele davon. Was an jungen Männern störte? Dass sie nichts zu tun hatten, sofern sie weder erben, heiraten oder zum Klerus gehen konnten, und aus lauter Frustration marodierend durch die Lande zogen.
Im fränkischen Mittelalter kanalisierte man die überschießende Kraft der „Überflüssigen“ in den Ritterheeren, eine zivilisatorische Großtat sondergleichen, übrigens. Die komplizierten Manöver, die man bei Reiterturnieren vorführte, erforderten unermüdliche Übung, was der Gesellschaft die üblen Folgen überschüssiger Energie ersparte, schufen Gruppengefühl, boten den besonders Geschickten Lebensunterhalt und waren die ökonomische Basis für einen ansehnlichen Tross, von Gauklern bis zu Marktfrauen.
Bei den Nordmännern ging es schlichter zu. Die überschüssigen Jungmänner bestiegen ein Boot, das, selbst wenn es mit einem Drachenkopf geschmückt war, überaus primitiv war. Ein Langboot verlangte seinen Insassen ein Höchstmaß an Entbehrungen und unendlich viel Disziplin ab: Zusammenarbeit, Durchhaltevermögen und ein Gefühl der Verantwortung fürs Ganze, was schon mit dem gleichmäßigen Ruderschlag beginnt. Wer das nicht nur überleben wollte, um an fernen Gestanden ausgehungert zu plündern, sondern, wie es den Nordmännern gelang, um Stützpunkte zu errichten und Handel zu treiben, brauchte mehr als reine Kraft und schiere Abenteuerlust. Zum organisierten und schlagkräftigen Verband wurde die Männerhorde auf hoher See.
Den Rest kennt jeder, der die Romane um Horatio Hornblower gelesen hat. Die christliche Seefahrt vereinte gnadenlosen Drill und unfassbare Brutalität mit hocheffizienter Organisation und absoluter Verlässlichkeit. Der Schauergeschichten gibt es in der christlichen Seefahrt genug: erbarmungslose Offiziere, entmenschte Mannschaft. Unterdrückung hier, Meuterei dort. Klar: Abstimmen und Ausdiskutieren geht nicht in existentieller Lage. Doch Befehl und Gehorsam setzen nicht nur Unterdrückung, sondern auch Verantwortung und Vertrauen voraus. Und wenn es um die Existenz ging, waren eine klare Befehlslage und eingeübte Routine gefragt.
Und deshalb geht der Kapitän als letzter von Bord – nicht nur der Ehre oder einer kostbaren Ladung wegen. Sondern weil er ohne das Vertrauen seiner Mannschaft nicht überlebt. Und das muss er sich verdienen.
Die Nutzanwendung für heute? Tja. Da stocken wir schon. Im Zeitalter von Einparkhilfen und Navigation für jedermann kommt einem das seemännisch-militärische Getue an Bord eher seltsam vor. Was brauch ich Vertrauen in einen weißgekleideten Tressenträger, der dem Captain’s Dinner vorsteht, wenn so ein riesiger Pott nur noch von feinster Technik abhängt, statt von Segeln, Wind, Wetter und dem lieben Gott? Umgekehrt gefragt: gibt es keinen Bedarf mehr, was den disziplinierten und verantwortungsvollen Mann betrifft (außer vielleicht beim Militär)?
Männer sind, rein zahlenmäßig, selten geworden, man behält sie also lieber im sicheren Zuhause. Doch nicht nur deshalb ist die Zeit der Helden vorbei. Wir leben in der friedlichsten aller Welten. Alles um uns herum ist auf Risikovermeidung optimiert. Entscheidungen existentieller Art sind nur noch selten nötig. Krieg und gefährliche Tiere leben weit weg. Kurz: der Mensch verlernt, was er nicht beständig übt. Soll man das bedauern?
Eigentlich nicht. Manchmal schon. Der havarierte Atommeiler von Fukushima zeigt, dass auch ausgefeilte Technik nicht vor Verwundbarkeit den Elementen gegenüber schützt. Und so einen riesigen Pott wie die Costa Concordia kriegt ein bloßer Felsbrocken in Küstennähe klein. Es gibt noch wirkliche Gefahren in dieser Welt. Und Menschen, die Verantwortung übernehmen, werden noch immer gebraucht. Es müssen ja nicht nur Männer darunter sein.
Die Welt, 2. 2. 2012
Tempi passati. Francesco Schettino, der Kapitän des havarierten Kreuzfahrtschiffes, nicht gerade die Inkarnation eines Seebären, hatte weder mit der Ehre noch mit seiner Ladung viel am Hut und flüchtete, statt standzuhalten. Als Kapitän der Herzen hätte er vielleicht noch getaugt – immerhin hat der Mann Gefühl gezeigt! – , aber nicht als Exemplar jener stolzen Lenker, die auf stürmischer See Ruhe bewahren und die Stellung halten, um die ihnen Anvertrauten sicher in den nächsten Hafen zu leiten.
Der Mann hat seinen Beruf verfehlt. Oder findet vielleicht der Beruf keine Männer mehr? Schaut man sich die derzeit frisch aufgeflammte Geschlechterdebatte an, so scheint Schettino alles zu verkörpern, was Frauen am neuen Mann bemängeln. Der riecht nicht mehr nach Tang und See, was ja seine Vorzüge hat; ist statt dessen reinlich und sieht nett aus. Doch hinter der ansprechenden Fassade lauert der Schluffi, der ziellose und entscheidungsunfähige, sich selbstquälerisch immer nur hinterfragende Weichspüler, der Mädchenmusik hört und „ich möchte lieber nicht“ sagt, wenn’s zum Schwure kommt. Der für nichts und niemanden Verantwortung übernimmt, noch nicht einmal für sich selbst. Weil er eine unglückliche Kindheit hatte und schlechte Erfahrungen gemacht hat. Mit so jemandem ist man nicht gern auf hoher See. Oder in einer Lebensbindung.
Mal abgesehen von der interessanten Frage, ob die Frauen daran womöglich mit schuld sind: War das tatsächlich mal anders? Zumal angesichts der Tatsache, dass Kindheit früher schrecklicher war, als wir es uns heute vorstellen können?
Muss wohl. Die Legende jedenfalls sagt ja. Die Legende behauptet sogar, es sei die Seefahrt, die den Mann zum Manne gemacht habe. Angesichts der ewig webenden Penelope fragt man sich zwar, ob das nicht auch eine Art von Beziehungsflucht war. Und von Odysseus’ Weggefährten wissen wir schließlich, dass nicht die Seefahrt, sondern Circe sie optimierte – als sie die Männer in Schweine verwandelte. Jedenfalls sollen sie nach diesem Abenteuer schöner und schlauer gewesen sein als zuvor. Doch wo Circe nicht zur Verfügung stand, half in der Tat ein Schiff, um die Männer zu verbessern. Und wenn es nur ein schlichtes Langboot war, auf dem 20 oder 30 Männer Platz hatten. Die Wikinger bewiesen vor tausend Jahren, dass man mit solchen Nussschalen die Welt erobern konnte.
Die Wikinger, Nordmänner aus Schweden, Dänemark, oder Norwegen, die zu Zeiten lebten, als die Geburtenrate hoch und Grönland grün war, hatten ein Problem, das ganz Europa plagte: junge Männer bzw. zu viele davon. Was an jungen Männern störte? Dass sie nichts zu tun hatten, sofern sie weder erben, heiraten oder zum Klerus gehen konnten, und aus lauter Frustration marodierend durch die Lande zogen.
Im fränkischen Mittelalter kanalisierte man die überschießende Kraft der „Überflüssigen“ in den Ritterheeren, eine zivilisatorische Großtat sondergleichen, übrigens. Die komplizierten Manöver, die man bei Reiterturnieren vorführte, erforderten unermüdliche Übung, was der Gesellschaft die üblen Folgen überschüssiger Energie ersparte, schufen Gruppengefühl, boten den besonders Geschickten Lebensunterhalt und waren die ökonomische Basis für einen ansehnlichen Tross, von Gauklern bis zu Marktfrauen.
Bei den Nordmännern ging es schlichter zu. Die überschüssigen Jungmänner bestiegen ein Boot, das, selbst wenn es mit einem Drachenkopf geschmückt war, überaus primitiv war. Ein Langboot verlangte seinen Insassen ein Höchstmaß an Entbehrungen und unendlich viel Disziplin ab: Zusammenarbeit, Durchhaltevermögen und ein Gefühl der Verantwortung fürs Ganze, was schon mit dem gleichmäßigen Ruderschlag beginnt. Wer das nicht nur überleben wollte, um an fernen Gestanden ausgehungert zu plündern, sondern, wie es den Nordmännern gelang, um Stützpunkte zu errichten und Handel zu treiben, brauchte mehr als reine Kraft und schiere Abenteuerlust. Zum organisierten und schlagkräftigen Verband wurde die Männerhorde auf hoher See.
Den Rest kennt jeder, der die Romane um Horatio Hornblower gelesen hat. Die christliche Seefahrt vereinte gnadenlosen Drill und unfassbare Brutalität mit hocheffizienter Organisation und absoluter Verlässlichkeit. Der Schauergeschichten gibt es in der christlichen Seefahrt genug: erbarmungslose Offiziere, entmenschte Mannschaft. Unterdrückung hier, Meuterei dort. Klar: Abstimmen und Ausdiskutieren geht nicht in existentieller Lage. Doch Befehl und Gehorsam setzen nicht nur Unterdrückung, sondern auch Verantwortung und Vertrauen voraus. Und wenn es um die Existenz ging, waren eine klare Befehlslage und eingeübte Routine gefragt.
Und deshalb geht der Kapitän als letzter von Bord – nicht nur der Ehre oder einer kostbaren Ladung wegen. Sondern weil er ohne das Vertrauen seiner Mannschaft nicht überlebt. Und das muss er sich verdienen.
Die Nutzanwendung für heute? Tja. Da stocken wir schon. Im Zeitalter von Einparkhilfen und Navigation für jedermann kommt einem das seemännisch-militärische Getue an Bord eher seltsam vor. Was brauch ich Vertrauen in einen weißgekleideten Tressenträger, der dem Captain’s Dinner vorsteht, wenn so ein riesiger Pott nur noch von feinster Technik abhängt, statt von Segeln, Wind, Wetter und dem lieben Gott? Umgekehrt gefragt: gibt es keinen Bedarf mehr, was den disziplinierten und verantwortungsvollen Mann betrifft (außer vielleicht beim Militär)?
Männer sind, rein zahlenmäßig, selten geworden, man behält sie also lieber im sicheren Zuhause. Doch nicht nur deshalb ist die Zeit der Helden vorbei. Wir leben in der friedlichsten aller Welten. Alles um uns herum ist auf Risikovermeidung optimiert. Entscheidungen existentieller Art sind nur noch selten nötig. Krieg und gefährliche Tiere leben weit weg. Kurz: der Mensch verlernt, was er nicht beständig übt. Soll man das bedauern?
Eigentlich nicht. Manchmal schon. Der havarierte Atommeiler von Fukushima zeigt, dass auch ausgefeilte Technik nicht vor Verwundbarkeit den Elementen gegenüber schützt. Und so einen riesigen Pott wie die Costa Concordia kriegt ein bloßer Felsbrocken in Küstennähe klein. Es gibt noch wirkliche Gefahren in dieser Welt. Und Menschen, die Verantwortung übernehmen, werden noch immer gebraucht. Es müssen ja nicht nur Männer darunter sein.
Die Welt, 2. 2. 2012
Sonntag, 29. Januar 2012
Die neue Geschlechterdebatte - das ewige Wehklagen.
„Ein Mann, eine Frau, eine Bar. Es könnte alles so einfach sein. Ist es aber nicht. Es fehlt: der Kuss. Schuld ist: der Mann.“ (Jenny Friedrich-Freksa)
Männer und Frauen sind nicht füreinander geschaffen. Als ob sich das noch nicht herumgesprochen hätte, geht alle Jahre wieder ein Schmerzensschrei durch die Lande, so auch heute. Die Männer seien „verkopft, gehemmt, unsicher, nervös, ängstlich, melancholisch und ratlos“, also Stoßlüfter und Weichspüler, sagt die eine. Zu sensibel, zu nachdenklich, zu lieb, und damit unsexy. „’Vielleicht bin ich beziehungsunfähig?’, fragt der junge Mann entschuldigend.“ (Nina Pauer, Die Schmerzensmänner, Zeit v. 6. 1.)
Die optimierte Frau, eine Art „Indiana Jones mit einem iPhone“, ist selbst dran schuld, wenn die Männer schlapp machen, meint der andere. Jahrelang hat sie an ihm herumgemäkelt und nach dem einfühlsamen Softie verlangt, ihm also gar keine Chance gegeben, den starken Helden zu spielen, den sie neuerdings gern hätte. (Christian Scheuermann, Lieber nicht, Spiegel 3/2012).
Das Ergebnis dieser unermüdlichen Arbeit am Mann? Nette junge Männer mit Bart, lieb, aber unentschlossen. Diagnose: Bindungsangst. Superwoman, patent, aber ungeküsst, die schließlich in die Arme des älteren Herrn sinkt, der Macho genug ist, um zu wissen, wann man zugreift. Diagnose: falsches Männerbild.
Ansonsten bleiben alle Fragen offen. Ist es die Freiheit, die dem Glück im Wege steht, die Freiheit in der globalisierten Welt, aus einer unendlichen Vielzahl von Möglichkeiten zu wählen, weshalb er sich nicht entscheiden kann? Weiß frau nicht, was sie will, ist es die uneingestandene Sehnsucht nach dem starken Mann, die sie so unzufrieden sein lässt? Sind es die modernen Verhältnisse, die beide nicht zueinanderkommen lassen, die Reduktion sozialer Kontakte auf SMS und Mail und Facebook-Freundschaft? Die psychische Verrohung durch Markt und Kapitalismus, die alles zur Ware machen, auch unser Heiligstes, die Liebe? Gute Konjunktur also für Beziehungsratgeber und Rollendeuter, die sich über den bindungsängstlichen Mann („genetisch bedingt“) beugen, vorsichtshalber schon mal „Trennungskompetenz“ einüben lassen und ansonsten empfehlen, die Ansprüche nicht zu hoch zu schrauben. Als ob das weiterhilft.
Man könnte auf die Idee kommen, dass an der Problemlage nichts neu ist, seit sich das romantische Ideal der Liebesheirat durchgesetzt hat, also vor vielleicht 200 Jahren. Dass das Elend damals angefangen hat, die überhöhten Ansprüche des Mannes an die Tugend der Frau, und die der Frau an die Gefühle des Mannes. Und doch: etwas klingt anders. Vielleicht, weil die Voraussetzungen für das Gelingen einer Beziehung so günstig sind wie nie? Nina Pauer jedenfalls, Journalistin (Jahrgang 1982), findet, dass nichts gegen „das moderne Beziehungsideal“ spricht, „die frei gewählte, auf romantischen Gefühlen basierende, aber in der Form reziproke Partnerschaft“, seit die „romantische Vollverblendung“ ebenso passé sei wie „die rein zweckrationale Eheschließung.“
Damit müsste sich doch etwas anfangen lassen! Warum also klappt es nicht? Warum scheitern so viele Beziehungen, bevor sie überhaupt entstehen? Weil Männer bindungsunfähig sind und Frauen eine schwere Kindheit hatten? Oder hat das alles mit individuellen Dispositionen oder der angeblich neuen Unübersichtlichkeit nichts zu tun, ist alles eine Frage der economy, stupid? Haben sich womöglich Bindungen wie Ehe und Familie erledigt, weil es keine handfeste Notwendigkeit mehr dafür gibt?
Tatsächlich: ob die Zeit wirklich reif ist für die Partnerschaft halbwegs Gleichaltriger „auf Augenhöhe“, ist keineswegs ausgemacht. Gewiss wäre es beruhigend, wenn sich die Sache mit der romantischen Verblendung namens Liebe mal langsam erledigt hätte. Sie ist und bleibt die schmalste Basis für das, was sich offenbar noch immer viele Menschen wünschen: Für eine Beziehung, vielleicht nicht ein Leben, aber einen guten Lebensabschnitt lang. Schon deshalb kam es unseren Altvorderen übrigens vermessen vor, ein so umfassendes Projekt wie Ehe und Familie auf ein bloßes Gefühl zu gründen. Die Leidenschaft verglüht erfahrungsgemäß nach ein, zwei Jahren, und was ist mit dem Rest der Zeit? Ein „Rest“, der sich dank steigender Lebenserwartung enorm verlängert hat, wer heute früh freit, kann siebzig Jahre oder länger zusammenbleiben. Solche Ehen brauchen ein anderes Fundament als Sex, Liebe, Leidenschaft. Etwas weit Ordinäreres. Resignation und Gewohnheit, etwa, im schlechteren Fall. Freundschaft, wenn es gut geht.
Die romantische Liebe ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts, eine Wahnvorstellung, wie manch abgeklärter Zeitgenosse nicht ganz zu Unrecht vermutete. Das jedenfalls ist die Botschaft, die man der tragischen Geschichte von Emma Bovary entnehmen kann. Flauberts Romanfigur hat die falschen Bücher gelesen und deshalb an die Liebe geglaubt – die große, überströmende, alles umfassende Leidenschaft samt heiligem Schauer und religiöser Entrückung. Das kann ja nicht gut gehen! In der Tat. Es endete mit Arsen.
Dem Pragmatiker ist Emma Bovary ein hirnloses Opfer ihrer Gefühle. Gewiss, die Ehe mit einem biederen Landarzt ist vielleicht nicht die Erfüllung aller weiblichen Träume und es schadet nicht, auch mal nach einer Alternative zu schauen. Aber muss man sich in falsch verstandenem Liebeswahn den ganz und gar falschen Mann an den Hals werfen? Wo bleibt da der Verstand?
Verstand? Da lächelt der Romantiker. Geht nicht das Trachten und Sinnen aller romantisch Liebenden genau dahin, in einem einzigen ekstatischen Moment alles auszuschalten, was der bedingungslosen Leidenschaft im Wege steht, vor allem Vernunft und Kalkül? Herrliche, selbstvergessene Hingabe, rückhaltlose Aufgabe, flutende Empfindungen, Ozeanisches, Unendliches. Ungesundes.
Denn bitter ist, wenn diese Hingabe nicht auf Gegenliebe stößt. Dann ist die Kränkung tief, fühlt sich die hoffnungslos Liebende in ihrer ganzen Person entwertet – statt dankbar zu sein für die Rettung aus dem Wahn, auf ein uferloses Gefühl eine Welt gründen zu können.
Tatsächlich: Es spricht viel dafür, dass Bindung ein anderes Fundament braucht. Die Ehe, eine Institution, die sich erst ab dem frühen Mittelalter europaweit durchsetzte, war lange Zeit eine stabile und verlässliche Basis, zu stabil für alle, die sie als Zwangskorsett empfanden. Sie ist keine Erfindung der Kirche und schon gar nicht Folge von Liebe, die jedoch ebensowenig ausgeschlossen war. Ehe als Institut entsprach den Interessen von Adel und Bauerntum, war dort wichtig, wo es ein Erbe zusammenzuhalten galt, galt also nicht dem individuellen Glück des Paares, sondern dem Erhalt und dem Fortkommen der Familie. Und so kamen die Paare zusammen: im völlig zweckrationalen Geist des Familieninteresses.
Da nicht alle Eltern Unmenschen gewesen sein dürften, hatte eine geschickte Ehepolitik gewiss auch das künftige Wohl der zu Verheiratenden im Sinn, dort jedenfalls, wo man zusammen lebte und arbeitete. Das Brautpaar sollte zusammen passen, wofür das gemeinsame Interesse am Familienwohl keine schlechte Basis war. Den Frauen kam insofern das schlechtere Teil zu, als sie nicht selten im Kindbett starben, schon deshalb war der heilige Bund der Ehe nicht für die Ewigkeit. Doch nicht nur in der Landwirtschaft verbot sich die schlechte Behandlung der Gattin, die im elementaren Sinne Hausherrin war, von deren Fleiß und praktischem Geschick die Existenz abhing. Ein Narr der Mann, der das nicht begriff.
Waren das Zwangsheiraten? Sicherlich oft. Doch das Drama von Romeo und Julia, die einer Familienfehde wegen nicht zusammenkommen durften, war schon zu Shakespeares Zeiten großes Kino, also kein Spiegel der Wirklichkeit. Man kann jedenfalls nicht davon ausgehen, dass das eheliche Glück ausgeschlossen war, als man noch nicht auf die romantische Liebe setzte und auf die freie, voraussetzungslose Entscheidung ungebundener Individuen. Und die pragmatische Sicht auf das Fundament der Beziehung war zwar nicht sonderlich romantisch, aber – siehe nicht nur Emma Bovary - überlebensnotwendig.
Warum wollten Männer im Mittelalter heiraten, und warum wollen sie es heute nicht mehr? Ein Mann ersehnte im Mittelalter die Ehe nicht des Geschlechtsverkehrs wegen, der war auch anders zu haben, sondern weil nur, wer verheiratet war, einen Hausstand gründen und ein vollgültiges Mitglied der Gemeinschaft werden konnte. Im mittelalterlichen Europa waren die ungebundenen jungen Männer Explosivstoff, also all jene, die nicht, als Erstgeborener, das Erbe antreten durften oder zum Klerus gehen mussten. In Konkurrenz um die wenigen verfügbaren Erbinnen pflegten sie einander im beständigen Streit zu dezimieren – was nüchternen Zeitgenossen immer noch günstiger erschien als die Alternative. Die kannte man bereits: marodierende Gruppen frustrierter Mannen, die, von überschüssigem Testosteron und der Ziellosigkeit ihrer Existenz getrieben, ganze Landstriche terrorisierten.
Und die Frauen? Einigen von ihnen dürfte das klösterliche Leben erfüllender vorgekommen sein als die Aufgabe, einen Erben zu produzieren. Doch all die anderen Damen waren sicher nicht weniger machtbewusst als die Männer. Von der Arbeit und der guten Haushaltsführung der Frauen hing viel ab – manchmal alles. Das wussten beide Seiten.
Ökonomie und gesellschaftliche Strukturen gaben Rollen vor, in denen man gefangen war. Einerseits. Die, andererseits, dem Leben Sinn verliehen. Viele moderne Klagen hören sich an, als ob ziellose Individuen schlicht nichts mit sich anzufangen wüssten.
Dabei entscheiden sich auch die modernen Einzelgänger, so behaupten jedenfalls die Soziologen, keineswegs ohne jene Faktoren zu beachten, die unter unfreieren Bedingungen ihre Rolle spielten. Man heiratet auch heute nicht selten innerhalb des eigenen Milieus, wenn nicht gleich des Standes. Und wenig bindet stärker als gemeinsame Interessen. Dass aus einer Ehe, die Projektcharakter hat, auf lange Sicht und wenn man Glück hat, enge Freundschaft wird, weil die Leidenschaft irgendwann verglüht, ist nicht das Schlechteste, was man ihr nachsagen könnte.
Und deshalb, ganz ketzerisch gefragt: Warum eigentlich soll, obzwar Menschen doch auch rationale Wesen sind, ausgerechnet eine so weitreichende Entscheidung wie eine Bindung an einen anderen Menschen nicht dem Kalkül unterliegen? Vielleicht ist es der Mythos der von allen rationalen Erwägungen freien Wahl, der heute die Kluft zwischen den Wünschen von Männern und Frauen so weit aufgerissen hat. Vielleicht ist es die Vorstellung, es gehe hier wie nirgendwo sonst im Leben um eine rein individuelle und von nichts und niemandem beeinflusste Entscheidung, die sie so schwer macht. Vielleicht haben gleichaltrige Männer und Frauen schlicht und ergreifend unterschiedliche Interessen, die beide ihre Berechtigung haben. Vielleicht passen sie wirklich nicht zusammen.
Wozu braucht ein Mann heute eine Frau? Zu Goethes Zeiten hatte dessen Frau Christiane alle Hände voll damit zu tun, den Haushalt so zu organisieren, dass der Hausherr zu jeder Jahreszeit seinen Wein und seinen Schinken vorfand, was ausgefeilte Logistik, penible Vorratshaltung und saubere Buchführung voraussetzte. Heute gibt es Restaurants und Supermärkte, Frittenbuden und Tiefkühlkost, und der Mann von Welt schafft es sogar, für sich und seine Angebetete Erlesenes zu kochen, wenn es denn der Verführung dient. Ansonsten nimmt er seinen Drink auch gern allein.
Und die Frau? Kann alles allein, kann alles selbst, mittlerweile zu ihrem Leidwesen. Hat einmal zu oft geschnöselt, als ihr jemand die Tür aufhalten oder ihr aus dem Mantel helfen, ihren Koffer tragen oder das Kaminholz hacken wollte. Zeigt ihm, dass sie ihn nicht braucht, den Mann, der sie auch nicht braucht. In diesem luftleeren Raum hat in der Tat höchstens die Emotion Platz – aber warum gleich für eine kleine Ewigkeit, auf die sie nicht angelegt ist?
Der Kinder wegen?
Nun, heutzutage höchstens des einen Kindes wegen. Wenn es schon keine ökonomischen oder gesellschaftlichen Zwänge zum Heiraten gibt, so gilt das erst recht fürs Kinderkriegen. Seit man sich für (oder gegen) Kinder entscheiden kann, ist es eine Sache der Emotion (oder der Hormone) geworden. Kalt kalkuliert: auch Kinder werden nicht gebraucht.
In früheren, härteren Zeiten waren sie als Arbeitskräfte nötig – oder als Erben und Nachfolger, die ihren Altvorderen das Altenteil zu sichern hatten. Das war einmal, als es noch kein Versicherungssystem gab, das die Altersversorgung vom eigenen Nachwuchs unabhängig machte. Die Frage, wer, wenn nicht der Nachwuchs, uns mal die Rente erarbeiten soll, ist falsch gestellt: Das tut jeder, der in die Rentenkasse einzahlt, egal, wie jung oder wie alt er ist. Und dass die Menschheit ausstirbt, wenn sich niemand mehr findet, der sich fortpflanzt, ist zwar ein gutes Argument und völlig richtig, aber sicher nicht das Motiv, das Mann und Frau in die Betten lockt.
Der Zwang der wechselseitigen Abhängigkeit mag ein guter Beziehungskitt sein - für das Verhältnis zwischen den Generationen stimmt das übrigens nicht. Das hat sich dank des abstrakten Rentenprinzips sogar ungemein verbessert, ja: hat das Gefühl plötzlich eine neue Chance erhalten.
Dass die Rentenkassen Nachwuchs brauchen, ist ein schwaches Argument für ein Kind. Im deutschen Umlagesystem braucht es eine vernünftige Relation zwischen Rentenbeziehern und Beitragszahlern, egal, wie alt die sind. Die Verlängerung des Renteneintrittsalters und der verstärkte Zugriff auf die früher oft ungenutzte Ressource der Frauen erfüllen den gleichen Zweck.
Doch damit verstärkt sich nur das Dilemma. Frauen (und Männer) wollen Kinder, auch wenn sie nicht benötigt werden. Frauen aber müssen sich den „Kinderwunsch“ erfüllen, wenn lebensgeschichtlich gerade anderes ansteht, wenn sie sich mit voller Kraft in den Beruf oder gar die Karriere stürzen: weil, wie es so unschön heißt, „die biologische Uhr tickt.“
Die tickt natürlich nicht. Aber trotz aller medizinischen Fortschritte gilt noch immer, dass das günstigstes Lebensalter fürs Kinderkriegen bei Frauen unter dem 35. Lebensjahr liegt. Just dann, wenn der gleichaltrige Mann sich noch nicht sicher ist. Ob er will. Und wenn ja, wann. Und vielleicht doch noch nicht jetzt, Liebling?
Doch wer zu lange zögert, hat verloren. Und jetzt erweist sich die Überlegenheit eines Paarungsmodells, das keineswegs neu ist, aber aktuell zu sein scheint: „Auf lange Sicht ist der alternde Bohemien (...) der Profiteur der Schluffi-Krise“ (Christoph Scheuermann).
Erfolgreiche junge Frauen heiraten ältere Männer und machen, den starken Silberrücken hinter sich wissend, Karriere – man denke an Michelle Müntefering oder Doris Schröder-Köpf. Und wer weiß, was wir von Maike, der Frau von Altbundeskanzler Helmut Kohl, zu erwarten haben. Junge Männer stehen während dessen melancholisch an der Theke, sehen zu und scheinen darauf zu warten, dass sie endlich alt genug sind, um es ihrerseits mit der Partnerschaft (mit einer jüngeren Frau) zu versuchen.
Ja, natürlich, bei solchen Ehen zwischen Jung und Alt wird auch Liebe im Spiel sein. Doch man bedenke ebenso die vielen rein pragmatischen Gründe für den älteren Herrn an ihrer Seite: Der hat seine Karriere oft schon hinter sich, stört also nicht bei der eigenen, sondern befördert sie sogar. Gegen Nachwuchs hat er erst recht nichts einzuwenden: Vaterschaft im Opaalter schmeichelt schließlich der eigenen Potenz.
Dagegen haben fusselbärtige Gitarrespieler a la „Ich möchte lieber nicht“ oder „Ich kann mich noch nicht binden“ keine Chance. Doch womöglich vermissen sie noch nicht einmal etwas. Denn es gibt ja noch die älteren Frauen. Die sind beruflich erfolgreich, können für ihre Drinks selbst zahlen und haben das Kinderkriegen entweder hinter sich oder hatten es nie vor. Haben dafür aber noch immer Freude am Mann, manchmal sogar an melancholischen Pulloverträgern, die Mädchenmusik mögen.
Was soll man da sagen?
Nur Mut.
In: NZZ, 26. Januar 2012
Männer und Frauen sind nicht füreinander geschaffen. Als ob sich das noch nicht herumgesprochen hätte, geht alle Jahre wieder ein Schmerzensschrei durch die Lande, so auch heute. Die Männer seien „verkopft, gehemmt, unsicher, nervös, ängstlich, melancholisch und ratlos“, also Stoßlüfter und Weichspüler, sagt die eine. Zu sensibel, zu nachdenklich, zu lieb, und damit unsexy. „’Vielleicht bin ich beziehungsunfähig?’, fragt der junge Mann entschuldigend.“ (Nina Pauer, Die Schmerzensmänner, Zeit v. 6. 1.)
Die optimierte Frau, eine Art „Indiana Jones mit einem iPhone“, ist selbst dran schuld, wenn die Männer schlapp machen, meint der andere. Jahrelang hat sie an ihm herumgemäkelt und nach dem einfühlsamen Softie verlangt, ihm also gar keine Chance gegeben, den starken Helden zu spielen, den sie neuerdings gern hätte. (Christian Scheuermann, Lieber nicht, Spiegel 3/2012).
Das Ergebnis dieser unermüdlichen Arbeit am Mann? Nette junge Männer mit Bart, lieb, aber unentschlossen. Diagnose: Bindungsangst. Superwoman, patent, aber ungeküsst, die schließlich in die Arme des älteren Herrn sinkt, der Macho genug ist, um zu wissen, wann man zugreift. Diagnose: falsches Männerbild.
Ansonsten bleiben alle Fragen offen. Ist es die Freiheit, die dem Glück im Wege steht, die Freiheit in der globalisierten Welt, aus einer unendlichen Vielzahl von Möglichkeiten zu wählen, weshalb er sich nicht entscheiden kann? Weiß frau nicht, was sie will, ist es die uneingestandene Sehnsucht nach dem starken Mann, die sie so unzufrieden sein lässt? Sind es die modernen Verhältnisse, die beide nicht zueinanderkommen lassen, die Reduktion sozialer Kontakte auf SMS und Mail und Facebook-Freundschaft? Die psychische Verrohung durch Markt und Kapitalismus, die alles zur Ware machen, auch unser Heiligstes, die Liebe? Gute Konjunktur also für Beziehungsratgeber und Rollendeuter, die sich über den bindungsängstlichen Mann („genetisch bedingt“) beugen, vorsichtshalber schon mal „Trennungskompetenz“ einüben lassen und ansonsten empfehlen, die Ansprüche nicht zu hoch zu schrauben. Als ob das weiterhilft.
Man könnte auf die Idee kommen, dass an der Problemlage nichts neu ist, seit sich das romantische Ideal der Liebesheirat durchgesetzt hat, also vor vielleicht 200 Jahren. Dass das Elend damals angefangen hat, die überhöhten Ansprüche des Mannes an die Tugend der Frau, und die der Frau an die Gefühle des Mannes. Und doch: etwas klingt anders. Vielleicht, weil die Voraussetzungen für das Gelingen einer Beziehung so günstig sind wie nie? Nina Pauer jedenfalls, Journalistin (Jahrgang 1982), findet, dass nichts gegen „das moderne Beziehungsideal“ spricht, „die frei gewählte, auf romantischen Gefühlen basierende, aber in der Form reziproke Partnerschaft“, seit die „romantische Vollverblendung“ ebenso passé sei wie „die rein zweckrationale Eheschließung.“
Damit müsste sich doch etwas anfangen lassen! Warum also klappt es nicht? Warum scheitern so viele Beziehungen, bevor sie überhaupt entstehen? Weil Männer bindungsunfähig sind und Frauen eine schwere Kindheit hatten? Oder hat das alles mit individuellen Dispositionen oder der angeblich neuen Unübersichtlichkeit nichts zu tun, ist alles eine Frage der economy, stupid? Haben sich womöglich Bindungen wie Ehe und Familie erledigt, weil es keine handfeste Notwendigkeit mehr dafür gibt?
Tatsächlich: ob die Zeit wirklich reif ist für die Partnerschaft halbwegs Gleichaltriger „auf Augenhöhe“, ist keineswegs ausgemacht. Gewiss wäre es beruhigend, wenn sich die Sache mit der romantischen Verblendung namens Liebe mal langsam erledigt hätte. Sie ist und bleibt die schmalste Basis für das, was sich offenbar noch immer viele Menschen wünschen: Für eine Beziehung, vielleicht nicht ein Leben, aber einen guten Lebensabschnitt lang. Schon deshalb kam es unseren Altvorderen übrigens vermessen vor, ein so umfassendes Projekt wie Ehe und Familie auf ein bloßes Gefühl zu gründen. Die Leidenschaft verglüht erfahrungsgemäß nach ein, zwei Jahren, und was ist mit dem Rest der Zeit? Ein „Rest“, der sich dank steigender Lebenserwartung enorm verlängert hat, wer heute früh freit, kann siebzig Jahre oder länger zusammenbleiben. Solche Ehen brauchen ein anderes Fundament als Sex, Liebe, Leidenschaft. Etwas weit Ordinäreres. Resignation und Gewohnheit, etwa, im schlechteren Fall. Freundschaft, wenn es gut geht.
Die romantische Liebe ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts, eine Wahnvorstellung, wie manch abgeklärter Zeitgenosse nicht ganz zu Unrecht vermutete. Das jedenfalls ist die Botschaft, die man der tragischen Geschichte von Emma Bovary entnehmen kann. Flauberts Romanfigur hat die falschen Bücher gelesen und deshalb an die Liebe geglaubt – die große, überströmende, alles umfassende Leidenschaft samt heiligem Schauer und religiöser Entrückung. Das kann ja nicht gut gehen! In der Tat. Es endete mit Arsen.
Dem Pragmatiker ist Emma Bovary ein hirnloses Opfer ihrer Gefühle. Gewiss, die Ehe mit einem biederen Landarzt ist vielleicht nicht die Erfüllung aller weiblichen Träume und es schadet nicht, auch mal nach einer Alternative zu schauen. Aber muss man sich in falsch verstandenem Liebeswahn den ganz und gar falschen Mann an den Hals werfen? Wo bleibt da der Verstand?
Verstand? Da lächelt der Romantiker. Geht nicht das Trachten und Sinnen aller romantisch Liebenden genau dahin, in einem einzigen ekstatischen Moment alles auszuschalten, was der bedingungslosen Leidenschaft im Wege steht, vor allem Vernunft und Kalkül? Herrliche, selbstvergessene Hingabe, rückhaltlose Aufgabe, flutende Empfindungen, Ozeanisches, Unendliches. Ungesundes.
Denn bitter ist, wenn diese Hingabe nicht auf Gegenliebe stößt. Dann ist die Kränkung tief, fühlt sich die hoffnungslos Liebende in ihrer ganzen Person entwertet – statt dankbar zu sein für die Rettung aus dem Wahn, auf ein uferloses Gefühl eine Welt gründen zu können.
Tatsächlich: Es spricht viel dafür, dass Bindung ein anderes Fundament braucht. Die Ehe, eine Institution, die sich erst ab dem frühen Mittelalter europaweit durchsetzte, war lange Zeit eine stabile und verlässliche Basis, zu stabil für alle, die sie als Zwangskorsett empfanden. Sie ist keine Erfindung der Kirche und schon gar nicht Folge von Liebe, die jedoch ebensowenig ausgeschlossen war. Ehe als Institut entsprach den Interessen von Adel und Bauerntum, war dort wichtig, wo es ein Erbe zusammenzuhalten galt, galt also nicht dem individuellen Glück des Paares, sondern dem Erhalt und dem Fortkommen der Familie. Und so kamen die Paare zusammen: im völlig zweckrationalen Geist des Familieninteresses.
Da nicht alle Eltern Unmenschen gewesen sein dürften, hatte eine geschickte Ehepolitik gewiss auch das künftige Wohl der zu Verheiratenden im Sinn, dort jedenfalls, wo man zusammen lebte und arbeitete. Das Brautpaar sollte zusammen passen, wofür das gemeinsame Interesse am Familienwohl keine schlechte Basis war. Den Frauen kam insofern das schlechtere Teil zu, als sie nicht selten im Kindbett starben, schon deshalb war der heilige Bund der Ehe nicht für die Ewigkeit. Doch nicht nur in der Landwirtschaft verbot sich die schlechte Behandlung der Gattin, die im elementaren Sinne Hausherrin war, von deren Fleiß und praktischem Geschick die Existenz abhing. Ein Narr der Mann, der das nicht begriff.
Waren das Zwangsheiraten? Sicherlich oft. Doch das Drama von Romeo und Julia, die einer Familienfehde wegen nicht zusammenkommen durften, war schon zu Shakespeares Zeiten großes Kino, also kein Spiegel der Wirklichkeit. Man kann jedenfalls nicht davon ausgehen, dass das eheliche Glück ausgeschlossen war, als man noch nicht auf die romantische Liebe setzte und auf die freie, voraussetzungslose Entscheidung ungebundener Individuen. Und die pragmatische Sicht auf das Fundament der Beziehung war zwar nicht sonderlich romantisch, aber – siehe nicht nur Emma Bovary - überlebensnotwendig.
Warum wollten Männer im Mittelalter heiraten, und warum wollen sie es heute nicht mehr? Ein Mann ersehnte im Mittelalter die Ehe nicht des Geschlechtsverkehrs wegen, der war auch anders zu haben, sondern weil nur, wer verheiratet war, einen Hausstand gründen und ein vollgültiges Mitglied der Gemeinschaft werden konnte. Im mittelalterlichen Europa waren die ungebundenen jungen Männer Explosivstoff, also all jene, die nicht, als Erstgeborener, das Erbe antreten durften oder zum Klerus gehen mussten. In Konkurrenz um die wenigen verfügbaren Erbinnen pflegten sie einander im beständigen Streit zu dezimieren – was nüchternen Zeitgenossen immer noch günstiger erschien als die Alternative. Die kannte man bereits: marodierende Gruppen frustrierter Mannen, die, von überschüssigem Testosteron und der Ziellosigkeit ihrer Existenz getrieben, ganze Landstriche terrorisierten.
Und die Frauen? Einigen von ihnen dürfte das klösterliche Leben erfüllender vorgekommen sein als die Aufgabe, einen Erben zu produzieren. Doch all die anderen Damen waren sicher nicht weniger machtbewusst als die Männer. Von der Arbeit und der guten Haushaltsführung der Frauen hing viel ab – manchmal alles. Das wussten beide Seiten.
Ökonomie und gesellschaftliche Strukturen gaben Rollen vor, in denen man gefangen war. Einerseits. Die, andererseits, dem Leben Sinn verliehen. Viele moderne Klagen hören sich an, als ob ziellose Individuen schlicht nichts mit sich anzufangen wüssten.
Dabei entscheiden sich auch die modernen Einzelgänger, so behaupten jedenfalls die Soziologen, keineswegs ohne jene Faktoren zu beachten, die unter unfreieren Bedingungen ihre Rolle spielten. Man heiratet auch heute nicht selten innerhalb des eigenen Milieus, wenn nicht gleich des Standes. Und wenig bindet stärker als gemeinsame Interessen. Dass aus einer Ehe, die Projektcharakter hat, auf lange Sicht und wenn man Glück hat, enge Freundschaft wird, weil die Leidenschaft irgendwann verglüht, ist nicht das Schlechteste, was man ihr nachsagen könnte.
Und deshalb, ganz ketzerisch gefragt: Warum eigentlich soll, obzwar Menschen doch auch rationale Wesen sind, ausgerechnet eine so weitreichende Entscheidung wie eine Bindung an einen anderen Menschen nicht dem Kalkül unterliegen? Vielleicht ist es der Mythos der von allen rationalen Erwägungen freien Wahl, der heute die Kluft zwischen den Wünschen von Männern und Frauen so weit aufgerissen hat. Vielleicht ist es die Vorstellung, es gehe hier wie nirgendwo sonst im Leben um eine rein individuelle und von nichts und niemandem beeinflusste Entscheidung, die sie so schwer macht. Vielleicht haben gleichaltrige Männer und Frauen schlicht und ergreifend unterschiedliche Interessen, die beide ihre Berechtigung haben. Vielleicht passen sie wirklich nicht zusammen.
Wozu braucht ein Mann heute eine Frau? Zu Goethes Zeiten hatte dessen Frau Christiane alle Hände voll damit zu tun, den Haushalt so zu organisieren, dass der Hausherr zu jeder Jahreszeit seinen Wein und seinen Schinken vorfand, was ausgefeilte Logistik, penible Vorratshaltung und saubere Buchführung voraussetzte. Heute gibt es Restaurants und Supermärkte, Frittenbuden und Tiefkühlkost, und der Mann von Welt schafft es sogar, für sich und seine Angebetete Erlesenes zu kochen, wenn es denn der Verführung dient. Ansonsten nimmt er seinen Drink auch gern allein.
Und die Frau? Kann alles allein, kann alles selbst, mittlerweile zu ihrem Leidwesen. Hat einmal zu oft geschnöselt, als ihr jemand die Tür aufhalten oder ihr aus dem Mantel helfen, ihren Koffer tragen oder das Kaminholz hacken wollte. Zeigt ihm, dass sie ihn nicht braucht, den Mann, der sie auch nicht braucht. In diesem luftleeren Raum hat in der Tat höchstens die Emotion Platz – aber warum gleich für eine kleine Ewigkeit, auf die sie nicht angelegt ist?
Der Kinder wegen?
Nun, heutzutage höchstens des einen Kindes wegen. Wenn es schon keine ökonomischen oder gesellschaftlichen Zwänge zum Heiraten gibt, so gilt das erst recht fürs Kinderkriegen. Seit man sich für (oder gegen) Kinder entscheiden kann, ist es eine Sache der Emotion (oder der Hormone) geworden. Kalt kalkuliert: auch Kinder werden nicht gebraucht.
In früheren, härteren Zeiten waren sie als Arbeitskräfte nötig – oder als Erben und Nachfolger, die ihren Altvorderen das Altenteil zu sichern hatten. Das war einmal, als es noch kein Versicherungssystem gab, das die Altersversorgung vom eigenen Nachwuchs unabhängig machte. Die Frage, wer, wenn nicht der Nachwuchs, uns mal die Rente erarbeiten soll, ist falsch gestellt: Das tut jeder, der in die Rentenkasse einzahlt, egal, wie jung oder wie alt er ist. Und dass die Menschheit ausstirbt, wenn sich niemand mehr findet, der sich fortpflanzt, ist zwar ein gutes Argument und völlig richtig, aber sicher nicht das Motiv, das Mann und Frau in die Betten lockt.
Der Zwang der wechselseitigen Abhängigkeit mag ein guter Beziehungskitt sein - für das Verhältnis zwischen den Generationen stimmt das übrigens nicht. Das hat sich dank des abstrakten Rentenprinzips sogar ungemein verbessert, ja: hat das Gefühl plötzlich eine neue Chance erhalten.
Dass die Rentenkassen Nachwuchs brauchen, ist ein schwaches Argument für ein Kind. Im deutschen Umlagesystem braucht es eine vernünftige Relation zwischen Rentenbeziehern und Beitragszahlern, egal, wie alt die sind. Die Verlängerung des Renteneintrittsalters und der verstärkte Zugriff auf die früher oft ungenutzte Ressource der Frauen erfüllen den gleichen Zweck.
Doch damit verstärkt sich nur das Dilemma. Frauen (und Männer) wollen Kinder, auch wenn sie nicht benötigt werden. Frauen aber müssen sich den „Kinderwunsch“ erfüllen, wenn lebensgeschichtlich gerade anderes ansteht, wenn sie sich mit voller Kraft in den Beruf oder gar die Karriere stürzen: weil, wie es so unschön heißt, „die biologische Uhr tickt.“
Die tickt natürlich nicht. Aber trotz aller medizinischen Fortschritte gilt noch immer, dass das günstigstes Lebensalter fürs Kinderkriegen bei Frauen unter dem 35. Lebensjahr liegt. Just dann, wenn der gleichaltrige Mann sich noch nicht sicher ist. Ob er will. Und wenn ja, wann. Und vielleicht doch noch nicht jetzt, Liebling?
Doch wer zu lange zögert, hat verloren. Und jetzt erweist sich die Überlegenheit eines Paarungsmodells, das keineswegs neu ist, aber aktuell zu sein scheint: „Auf lange Sicht ist der alternde Bohemien (...) der Profiteur der Schluffi-Krise“ (Christoph Scheuermann).
Erfolgreiche junge Frauen heiraten ältere Männer und machen, den starken Silberrücken hinter sich wissend, Karriere – man denke an Michelle Müntefering oder Doris Schröder-Köpf. Und wer weiß, was wir von Maike, der Frau von Altbundeskanzler Helmut Kohl, zu erwarten haben. Junge Männer stehen während dessen melancholisch an der Theke, sehen zu und scheinen darauf zu warten, dass sie endlich alt genug sind, um es ihrerseits mit der Partnerschaft (mit einer jüngeren Frau) zu versuchen.
Ja, natürlich, bei solchen Ehen zwischen Jung und Alt wird auch Liebe im Spiel sein. Doch man bedenke ebenso die vielen rein pragmatischen Gründe für den älteren Herrn an ihrer Seite: Der hat seine Karriere oft schon hinter sich, stört also nicht bei der eigenen, sondern befördert sie sogar. Gegen Nachwuchs hat er erst recht nichts einzuwenden: Vaterschaft im Opaalter schmeichelt schließlich der eigenen Potenz.
Dagegen haben fusselbärtige Gitarrespieler a la „Ich möchte lieber nicht“ oder „Ich kann mich noch nicht binden“ keine Chance. Doch womöglich vermissen sie noch nicht einmal etwas. Denn es gibt ja noch die älteren Frauen. Die sind beruflich erfolgreich, können für ihre Drinks selbst zahlen und haben das Kinderkriegen entweder hinter sich oder hatten es nie vor. Haben dafür aber noch immer Freude am Mann, manchmal sogar an melancholischen Pulloverträgern, die Mädchenmusik mögen.
Was soll man da sagen?
Nur Mut.
In: NZZ, 26. Januar 2012
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