Freitag, 1. Juni 2012

Die neue Menschlichkeit

Männer, so die Legende, waren einst dafür bekannt, einen Streit auszutragen, also durch eine ordentliche Prügelei zu beenden, als anhaltend beleidigt zu sein, was als weibisch galt. Verdammt lang her. Heute sind vor allem die Männer beleidigt. Wir haben Religionskrieg. Und der endet, wie man weiß, mit der Auslöschung oder wenigstens der Konversion des Gegners. Dabei hatte man doch einst aus der blutigen Tragödie des 30jährigen Kriegs gelernt, der ein verheerender Religionskrieg war. Wir verdanken in Sachen Streitkultur dem Westfälischen Frieden mindestens so viel wie der Aufklärung: Die Schlacht beendet den Krieg wie die Prügelei den Streit. Wer siegt, hat Glück gehabt, mehr nicht. Über Gut und Böse, über wahr und nicht wahr aber ist damit nicht entschieden. Übrigens auch nicht über „Schuld“ oder den rechten Glauben. Im Krieg hatte das einen ganz und gar pragmatischen Grund: es stiftete Nachkriegsfrieden. Die deutsche Sprache kennt viele Worte für Zwist. Hader etwa, ein dumpfer Hauch, der klingt, als hätte sich etwas tief ins Gewebe hineingebohrt und dort entzündet. Oder Zwietracht, schrill wie ein Zahnarztbohrer. Streit hingegen ist der weg ins Offene, wie das reinigende Gewitter: jeder macht seinen Standpunkt klar, und auch wenn niemand überzeugt ist – wir haben wenigstens darüber geredet. Der Respekt vor dem Gegner ist die Grundlage des Streits. Er ist nicht Feind, sondern Kontrahent, „auf Augenhöhe“, wie Politiker gern sagen, und hat, genau wie die eigene Seite, jedes Recht, seinen Standpunkt zu vertreten und zu verteidigen. Die zivile Seite dieses Respekts vor dem Gegner ist die Meinungsfreiheit. Streit im aufgeklärten Sinne fordert keine Konversion. Er ist der temperamentvolle Schlagabtausch zwischen Menschen, die Argumente haben und sich nicht, sollten die sich als schwach erweisen, auf ihren Glauben oder ihre Gefühle herausreden. Oder auf ihr eigenes Erleben. Diese Flucht aus der Logik in die reine Subjektivität galt mal als „weibisch“. Heute gilt sie als „menschlich“. Welch Fortschritt. Jede mittlere Talkshow zeigt: Wer heute im Kampf um die Definitionshoheit siegen will, kommt gänzlich ohne Argumente aus, ach was: von ihrem Einsatz ist dringend abzuraten. Am besten, man zeigt verletzte Gefühle vor. Ist nicht ein logisches Argument per se irgendwie kalt und also unmenschlich? Na bitte. Auch verallgemeinernde Schlüsse kann man auf diese Weise kontern. Was soll mir eine Statistik oder eine Durchschnittsgröße, wenn ich persönlich die Realität doch ganz anders wahrnehme? Fühlen und Glauben, das bringt Szenenapplaus. „Ich glaube“ und „ich fühle“ sind die vergifteten Pfeile aus dem Hinterhalt, die den Gegner erledigen, bevor er auch nur Gehör gefunden hat. Was muss ich auch wissen, was der andere denkt und sagt, wenn ich ihn eh nicht leiden kann? Der Umgang mit Thilo Sarrazin etwa ist ein Schaustück avancierter Streit“kultur“. Noch bevor sein jüngstes Buch zur Eurokrise erschienen ist und gelesen werden konnte, bekundeten Kritiker in Qualitätszeitungen, es gar nicht erst zur Kenntnis nehmen zu wollen, man wisse ja eh, dass Sarrazin drin sei, wo Sarrazin draufsteht. Also „Schwachsinn“ (Robbe), „Unsinn“ (Künast) und „himmelschreiender Blödsinn“ (Schäuble), dem man keine Plattform bieten, ja den man am besten nicht zur Kenntnis nehmen dürfe. Schließlich wolle er mit seinen „Provokationen“ ja bloß Geld verdienen. Und das geht ja schon mal gar nicht. Warum solche wie ihn nicht gleich verbieten? Andernorts ist man da weiter. Wer Menschen, die Zweifel an der These von der Klimaerwärmung äußern und gar die Ursache von Klimawandel – Täter Mensch – in Frage stellen, „Klimaleugner“ nennt, zieht Parallelen zu „Holocaustleugnern“, denen man das Maul verbieten darf. Warum nicht auch den „Klimaleugnern“ – obwohl die gar nicht das Klima leugnen, sondern lediglich die wissenschaftliche Grundlage weitreichender politischer Forderungen? Und wie wär’s mit dem Verbot von „Islamophobie“? Ein solches Verbot eröffnete weite Spielräume. Ist bereits islamophob, wer meint, dass hierzulande das Grundgesetz und nicht die Scharia gelten sollte? Ist schon ein Hetzer, wer es beängstigend findet, dass Karikaturen des Propheten ein Todesurteil nach sich ziehen können, während man Jesus oder den Papst oder alle Christen frisch und frei beleidigen darf? Überhaupt, Phobie: ist vielleicht krank, wer nicht erkennt, dass Islam Frieden ist, auch wenn dessen lautstark beleidigte Vertreter dauernd das Gegenteil bezeugen? Verblüffend, wie viele der Vokabeln, mit denen heute die Meinungsschlachten geschlagen werden, an Ketzerverfolgung und Religionskrieg erinnern, so etwa, wenn es über Kritiker des Kulturstaates heißt, sie „versündigten“ sich an ihm. Besonders interessant ist, was die Vorkämpfer für mehr Menschlichkeit ins Spiel bringen. Die „nackte Logik der Zahlen“ sei „ohne Menschlichkeit“, verkündete jüngst ein Autor der „Zeit“. Klar, wen er meint: Thilo Sarrazin, den wiederum Mely Kiyak in der „Frankfurter Rundschau“ als „lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur“ bezeichnet hat. Der Artikel wurde erst online bereinigt, mittlerweile ist er ganz entfernt, eine halbherzige Entschuldigung der Autorin nachgereicht. Ist da doch jemandem aufgefallen, dass man so etwas nicht sagt? Die Entmenschlichung des Gegners ist ein gutes Indiz für die Tödlichkeit des Konflikts. Denn wer den anderen zum Unmenschen oder Barbaren erklärt, trifft damit ja kein objektives Charakterurteil, sondern verkündet vor allem, wie er selbst mit solchen Kreaturen umzugehen gedenkt: barbarisch, eben. Damit ist die niedrigste Stufe des menschlichen Umgangs erreicht und die höchste Stufe des Konflikts. Das ist dann kein Streit mehr. Das drückt Vernichtungswillen aus. Es unterstellt, der Gegner habe weder das Recht noch ein Argument auf seiner Seite. Er hat den falschen Glauben und selbst konvertieren hilft ihm nicht mehr. „Wir würden viel weniger Streit in der Welt haben, nähme man die Worte für das, was sie sind - lediglich die Zeichen unserer Ideen und nicht die Dinge selbst“, schrieb einst John Locke. Schön wär’s, dann könnte man abrüsten. Denn wichtiger als die Frage, ob Sarrazin ein menschlich kalter Zahlenfetischist ist, wäre doch, ob nicht auch der Schurke ein richtiges Argument haben könnte. Das meinte einst Voltaire, als er versprach, sich für die Meinungsfreiheit auch des ärgsten Feindes einzusetzen. Das, in der Tat, wäre Streitkultur. Die Welt, 29. Mai 2012

Sonntag, 20. Mai 2012

Eine echte Menschenfreundin

Frau Mely Kiyak führt beredte Klage über “die Verplemperung unserer Fernsehgebühren für diese lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur, die Sonntagabend in Ruhe das tun darf, was er am besten kann; das niedrigste im Menschen anzusprechen.” Menschenkarikatur? Wow! Bei Frau Mely Kiyak wurde offenbar wirklich das Niedrigste angesprochen. Der Kommentar in seiner ganzen schönen Länge in der Berliner Zeitung.

Mittwoch, 16. Mai 2012

Willkommen im Schützengraben

Ich mag keine Meinungsbuttons und Resolutionen unterschreibe ich ungern. Die Welt ist voller Widersprüche, und die passen in kein Bekenntnis. Aber seit der blindwütigen Attacke auf meine Kollegen vom „Syndikat“ via Mailbombe und der versuchten Einschüchterung der Autoren, die den Aufruf „Wir sind die Urheber“ unterschrieben haben, ist mir ebenso undifferenziert zumute. Schert euch zur Hölle, ihr blasierten Nerds von Anonymous, die ihr euch von ein paar Autoren offenbar so geängstigt fühlt (wie euer Versteher von „Spiegel Online“ meint), dass ihr jedes Maß verliert! Und geht gleich mit, ihr Verfasser aparter Drohungen a la „Ich weiß schon welche Autoren in Zukunft Schwierigkeiten beim Absatz haben werden.“ Und packt die Doppelzüngigen bei den „Piraten“ mit ein, die Julias, die Eigentum „ekelhaft“, aber höchste Verlagsvorschüsse fürs Erstlingsbuch völlig in Ordnung finden. Ihr habt der Sache wirklich einen unschätzbar großen Dienst getan. Willkommen im Schützengraben. An alle anderen: Vielleicht sollte man nach dem ersten nutzlosen Trommelfeuer jetzt wieder vernünftig miteinander reden. Die Angelegenheit ist komplexer, als die Kampflinien erahnen lassen. Auch auf die Gefahr hin, dass sich einige meiner liebsten Autoren, Verlage oder Buchhändler düpiert fühlen: natürlich ist auch der Autorenaufruf nicht das Gelbe vom Ei und der Weisheit letzter Schluss. Mitnichten ist die Einheitsfront „Autoren, Verlage, Verwerter“ so geschlossen, wie es in unserem Aufruf ausschaut. Gewiss, Autoren geben ihre Angelegenheiten gern in die Hände von Verlagen, sie sind ja selten gute Geschäftsleute. Mehr noch: die meisten Schriftsteller sind dankbar, überhaupt einen Verlag gefunden zu haben, der ihr Werk druckt – und überglücklich, wenn er ihnen auch noch ein gutes Lektorat, ein geschicktes Marketing und gar noch ein solides Garantiehonorar anbietet (was immer seltener vorkommt). Dafür sind sie endlos loyal, unterschreiben jede Art von Vertrag, sofern ein guter Agent sie nicht daran hindert, treten ihre Rechte auf ewig und drei Tage ab (auch für noch nicht einmal angedachte, ferne Nutzungsarten) – und das mitnichten zu den „bestmöglichen“ Konditionen. Die Autoren wurden jedenfalls nicht gefragt, als die deutschen Verlage sich darauf einigten, ihnen für die digitale Fassung ihrer Bücher lediglich 20 % rüberzureichen. Autoren und Verlage – das ist ein oft schönes, aber noch immer paternalistisches Verhältnis. Wie Autoren von ihrer Arbeit leben können, hängt auch von den Verträgen ab, die sie ausgehandelt haben. Nicht der Autor erhält (mit 6-10 %) den größten Anteil am Ladenpreis, sondern (von 40 % aufwärts) der Buchhandel. Beim E-Book, das ja (fast) reiner Content ist, den der Autor dem Verlag meist mundgerecht als Textfile liefert, fallen Papier- und Druckkosten, Lagerhaltung, Vertriebswege, Ladenflächen weg. Damit entfallen natürlich auch Verdienstmöglichkeiten auf allen Zwischenstationen, bis hin zum Buchhändler. Kurz: Für das traditionelle Buchgewerbe vom Verlag bis zum Handel ist eine Gefahr, was Autoren eigentlich als Chance begreifen könnten. Das Internet hat einen Kontakt zwischen Autor und Leser geschaffen, der vorher nicht denkbar war. Tatsächlich wirkt die Angst der Autoren vor dem „profanen Diebstahl“ durch Filesharing ein bisschen wie das Ablenkungsmanöver vor unbequemen Einsichten. Autoren haben nicht nur Allianzen mit Verlagen und „Verwertern“. Es sei denn, sie leben von Literaturstipendien und legen keinen Wert darauf, gelesen zu werden. Wir anderen aber haben ein enges, ja manchmal ein Liebesverhältnis zu unseren Lesern. Wie kann man da vergessen, dass es die Fans sind, die unsere Bücher herunterladen, um sie auch noch - zu lesen! Und sie laden nicht nur runter, sie rezensieren, loben und verbreiten auch. Wahrscheinlich würden sie für ihren Stoff sogar bezahlen, wenn – ja wenn der Preis nicht nur für gebundene, sondern eben auch für E-Books hierzulande nicht zu hoch wäre. Es sind die Älteren, Etablierten, die sich ihren Lesestoff lässig und völlig legal aufs teure iPad laden und sich im übrigen auch ein Hardcover leisten würden, wenn ihnen danach ist. Die Jungen – tauschen. Was wir nun klauen nennen und abmahnen wollen. Bei allem Ärger über die Umsonstgeneration: so geht’s nun auch wieder nicht. E-Books sind in Deutschland zu teuer. Niemand, der rechnen kann, sieht ein, warum er 16.99 (also 3 Euro weniger als fürs Hardcover) für ein flüchtiges Produkt bezahlen soll, das er weder verleihen noch verschenken kann. Und dann noch der erhöhte Mehrwertsteuersatz, auf den sich die Verlag eingelassen haben – als ob etwas, das nicht zwischen zwei Pappdeckeln liegt, keine Kultur sei! Geben wir’s doch zu: das sind prohibitive Preise, mit denen Verlage und Autoren noch ein bisschen herauszögern wollen, was auf sie zukommt: das, was sich in den USA bereits ankündigt. Nein, DAS Buch wird nicht untergehen. Aber seine digitale Form wird zunehmen. Das trifft den Buchhandel. Das trifft Verlage, deren Ausstattung noch überwiegend auf das Buch in seiner handlichen Form ausgerichtet ist und deren Overheadkosten entsprechend hoch sind. Und das trifft die Autoren, sofern es keine Klarheit über Bezahlsysteme gibt, über einen vernünftigen Kopierschutz und über eine Preisgestaltung, die die Zahlungswilligkeit der Konsumenten unterstützt. Und, ja: auch das Verleihen von digitalen Inhalten muss künftig möglich sein – ohne damit die „Contentproduzenten“ zu enteignen. Ob man dazu gleich ein neues Urheberrecht benötigt, also wieder mal an den Staat appellieren muss? Vielleicht sollten sich erst einmal die unmittelbar Beteiligten am Spiel zusammensetzen. Das wäre wichtiger, als sich auf den unwürdigen Streit einzulassen, den einige Netzanonyme uns aufnötigen wollen. Schließlich gibt es längst intelligentere Ansprechpartner, die – so steht es bei „Wir sind die Bürger“ – die Hand ausstrecken. Gut möglich, dass Autoren zukünftig vermehrt den direkten Kontakt zu ihren Lesern suchen – nicht nur amazon lockt mit attraktiven Konditionen. Diese Möglichkeit an sich verbessert ihre Verhandlungsposition. Und deshalb darf es bei Ergebenheitsadressen an Verlage und „Verwerter“ nicht bleiben. Es braucht ein neues Bündnis, das den unsichtbaren Dritten nicht ausschließt, der, auch wenn man ihn als Autor manchmal verfluchen will, weil er so widerspenstig ist, der Wichtigste bleibt: der Leser.

Dienstag, 10. April 2012

Das muss man mal sagen dürfen.

Einige Juden beiderlei Geschlechts, vor allem die selbsternannten, gehen mir furchtbar auf den Wecker. Ich halte auch nichts vom „besonderen Verhältnis“ zwischen Deutschland und Israel, das deutsche Politiker feiertags beschwören. Der Holocaust ist nicht der Gründungszweck Israels und Deutschlands Geschichte besteht aus mehr als den schmutzigen 12 Jahren Nazizeit. Auch bin ich kein Freund des Staates Israel. Noch nicht mal auf Facebook bin ich mit Staaten befreundet. In übrigen unterscheide ich zwischen Volk und Regierung, sogar, wenn es um Deutschland unter den Nazis geht. Auch glaube ich nicht, dass man dem Volk in Israel Nachhilfe geben muss, was Kritik betrifft, Selbstkritik und Nörgeln an der eigenen Regierung ist da schließlich Volkssport. Dafür mag ich sie übrigens, die Israelis.
Ich bin, ganz ohne Holocaust und Freundschaftsbekundungen, auf der Seite Israels, wann immer es um die Verteidigung seiner Existenz geht. Dafür gibt es gute Gründe, ganz ohne Vergangenheit und besondere Verhältnisse. Israel, dieses verrückte, zerrisse-ne Land, ist die einzige Demokratie im Nahen Osten. Es ist das Bollwerk des Westens. Es ist seit Jahrzehnten Objekt der zynischen Palästinenserpolitik seiner arabischen Nachbarn. Es wird nicht nur von einem wahnsinnigen Idioten im Iran in seiner Existenz bedroht. Und weil es zum Westen gehört, werden seine Aktionen genauso einäugig beurteilt wie die der Amerikaner. Oder der Natotruppen. Zur deutschen Folklore gehört, denen mit „andersartiger Kultur“ so gut wie alles zu verzeihen, auch Selbstmordanschläge mit voller Tötungsabsicht, während „Kollateralschäden“ von amerikanischen oder israelischen Soldaten, also versehentliche Ziviltote, als das Verwerflichste überhaupt gelten.
Ceterum censeo: das politische Denkvermögen von Dichtern und Feuilletonisten wird überschätzt. Und eine „moralische Instanz“ ist man nicht schon, wenn man ganze Sätze schreiben kann. Denjenigen, die Grass applaudieren, sei es von links oder von rechts, sei gesagt: Kritisiert meinetwegen Israel. Oder auch „die Juden“, wenn ihr schon nicht präzisieren könnt, wer genau gemeint ist. Aber versteckt eure Verklemmtheit nicht hinter Auschwitz und dem Holocaust. Und kommt mir nicht mit „besonderer Verantwortung“ und eurer Freundschaft zu Israel. Moralisieren ist keine politische Kategorie.

Montag, 9. April 2012

Shitstorm im Wasserglas

Facebook ist was für jugendliche Partygänger, Massenkulturverwahrloste und einsame Greise? Und eigentlich nur erfunden, um alle auszuspionieren – als Mensch, potentieller Arbeitnehmer und, vor allem, als Konsument? Mag sein. Muss aber nicht. Niemand wird dazu gezwungen, die Wahrheit über alkoholische Erleuchtung und wilde Disconächte zu offenbaren, das Recht am eigenen Bild gilt auch für Facebook und gegen die phantasievolle Weiterverwendung seiner Daten kann man etwas tun. Also.
Natürlich darf jeder Facebook für albern und völlig unnötig halten. Dem Rest der Welt macht Facebook Spaß, altersunabhängig. Mir auch. Facebook ist wie der sprichwörtliche Beton, als er in den 60er Jahren Mode wurde – auf den ersten Blick irgendwie daneben. Aber es kommt eben ganz drauf an, was man draus macht.
Die erste Regel: man suche sich die richtigen Freunde. Und schon wird man jeden Morgen mit Fundstücken aus der internationalen Presse versorgt, hat Teil am erlesenen Musikgeschmack der Befreundeten und an ihren Fotokünsten und Reisezielen. Sehr empfehlenswert: Freischaffende Literaten, die sich gern ablenken lassen vom mühseligen Schreibgeschäft durch kleine Fingerübungen unter Freunden.
Woraus die zweite Regel folgt: wer unterhaltsam ist, findet Gleichgesinnte. Lustige Tierfilme posten allein genügt nicht, denn Facebook ist nichts für Menschen mit Schreib- und Leseschwäche. Nur Kunstfertigkeit beim Verfassen treffender Sottisen gefällt. Es gibt Menschen, die machen daraus eine Literaturgattung.
Die dritte Regel: Okay. Es muss nicht immer Literatur sein. Wer sich beliebt machen will, postet eben Katzenbilder.
Das hilft natürlich alles nicht gänzlich gegen die Zumutungen, die Facebook bietet. Schlimmer als die Selbstentblößung durch Party-Fotos ist höchstens der Blödsinn, den auch sonst ganz nette Menschen absondern, wenn sie nichts besseres zu tun haben. Doch wer Facebook den Abschied gibt, um statt dessen endlich wieder konzentriert an Buch, Essay oder Kurzgeschichte arbeiten zu können, verliert einen stets solidarischen Freundeskreis, der auf ein gepostetes „gähnt“ mit „ich finde mich auch langweilig“ antwortet. Verliert den Draht zu den lustigen Tierfilmen. Den neuesten Musikvideos. Den Ferienfotos ansonsten wildfremder iPhone-Träger. Bekommt nicht mehr mit, welche tollen Rezensionen Kollege X für seinen Thriller Y auf der Literaturplattform XY eingeheimst hat. Verpasst die vielen mitleiderregenden Fotos ausgesetzter Straßenhunde, die um ein neues Zuhause betteln.
Vor allem aber verspielt er die Chance, ungeahnte Einblicke in die menschliche Psyche zu nehmen. Facebook ist die ideale Sitzlandschaft für soziologische Studien. Es ist schließlich ein „Social Network“, und insbesondere in Deutschland versteht man darunter eher das Soziale als das Gesellige. Facebookies kümmern sich nicht nur um herrenlose Straßenhunde, sondern auch um Obdachlose, die sich in kalten Nächten verkühlen könnten, sofern nicht einer aus der Facebook-Community nach dem Wärmebus telefoniert. Facebook-Friends unterschreiben Aufrufe fürs Gute und gegen das Schlechte, fordern Spenden für Bedürftige ein, kämpfen gegen das Elend der Welt. Nie vergesse ich ein besonders eindrückliches Posting. Man sieht: ein fast verhungertes schwarzes Kind in einer Blechschüssel. Darüber die Sprechblase: „Wer ist Whitney Houston?“
Geschmacklos? Nicht, wenn man glaubt, dass dieses herzzerreißende Bild einen potentiellen CD-Käufer zu Spenden fürs hungrige Afrika bewegen kann. Freunde glauben an die Macht von Facebook wie an den Wunderheiler.
Zu recht: auch auf Facebook ist der Mensch ein Herdentier. Und so verbreiten sich mitnichten nur fromme Botschaften in Windeseile. Auch Meinungen werden schon mal für bare Münze genommen – seien es Vorverurteilungen noch nicht erschienener Bücher (von Sarrazin bis Vahrenholt) oder die flockig dahingeschriebene Vermutung, Christian Kracht habe sich mit seinem neuen Buch endgültig als rechts enttarnt. Wer als Journalist nachprüfen will, welches Echo eine vielleicht unbewiesene, aber umso vehementer vorgetragene Meinung haben kann, besuche Facebook. Man kann nur hoffen, dass er oder sie danach nicht – nun erst recht! - dem Affen Zunder gibt, sondern sich, im Gegenteil, aufs Berufsethos besinnt und fürderhin Demut und Zurückhaltung übt. Denn auf manch süffig geschriebenen Verriss reagiert auch der literate Zeitgenosse reflexhaft statt reflektiert.
Da hält unsereins sich lieber an die Bizarren, etwa an den deutschen Sektenleiter eines gewissen Sheng Fui, der bei einem Tässchen laktosefreien Basmati-Tee „ein erfülltes Leben dank fernöstlicher Leere“ verspricht und es mit Lebensweisheiten wie „Wer immer nur in sich geht, soll sich nicht wundern, wenn er nur schwer aus sich herausgeht“ 2630 Freunde gewonnen hat. Oder an andere Gestalten, die schon mal die Umrisse eines Trolls annehmen, auch wenn ihr Profilbild eine ausgemergelte Katze zeigt: Wulfgäng Meyn etwa nennt sich ein Kätzchen mit überaus scharfen Krallen, das schon manchen unschuldigen Freund in die schiere Verzweiflung getrieben hat.
Den Schriftstellerkollegen ist Hausmeister Lutz ans Herz gewachsen, ein Mann, der noch in der Hausordnung lyrische Schätze findet und daraus eine Benefizlesenacht dreier Hausmeister zimmert, die es, was Gutmenschlichkeit betrifft, mit jeder Krimiautorin aufnehmen können. Lutz schreibt mittlerweile erotische Kurzgeschichten mit drallen Schornsteinfegerinnen, während seine fast 700 Namen starke Freundesliste noch immer auf den schon vor einiger Zeit angekündigten Bildband über Teppichklopfstangen in ausgesuchten Berliner Wohnanlagen wartet. Immerhin rezensiert er für seinen interessierten Leserkreis ausgewählte Exemplare aus seiner Pümpelsammlung. Ein schwacher Trost.
So oder auch anders ist Facebook. Kommt eben ganz drauf an, was man draus macht.

Literarische Welt, 31. März 2012

Montag, 19. März 2012

Hier werden Sie geholfen!

Nur Gutes über die Deutschen! Sie sind liebenswürdig und hilfsbereit. Sie gucken nicht weg, zeigen Gesicht und kriegen den Arsch hoch, wenn’s irgendwo brennt. Sie geben gern und reichlich, bei jeder größeren oder kleineren Katastrophe, eine zweistellige Milliardensumme im Jahr. Der Sozialstaat ist ihnen heilig, Solidarität ihr täglich Gebet. Wer daran appelliert, erwirbt ihre stille Zustimmung zu fast allem, zu einer mittlerweile mehr als zwanzig Jahre alten Sondersteuer ebenso wie zu der riskanten „Rettung“ eines fallierenden EU-Mitglieds. Kurz: wer an deutsche Hilfsbereitschaft appelliert, kann von uns alles haben. Niemand soll uns nachsagen können, dass wir kaltherzige Egoisten sind. „Soziale Kälte“ ist und bleibt hierzulande der schlimmste denkbare Vorwurf.
Nur eine Kleinigkeit vergessen die guten Deutschen dabei oft: dass Geben seliger ist denn Nehmen. Und dass es passieren kann, dass sich der Empfänger von Wohltaten sträubt, das zu sein, was Helfer gern in ihm sehen möchten, nämlich hilfsbedürftig und dankbar, kurz: Opfer.
Dann fühlt man sich hierzulande missverstanden. Wenn die Griechen in unserer Hilfswilligkeit Herrschaftsbegehren sehen. Wenn afrikanische Intellektuelle darum bitten, von weiteren Spenden für notleidende Kinder abzusehen, da Hilfe nur die bestehenden Verhältnisse zementiere. Wenn Obdachlose die angebotene Sozialwohnung ablehnen, weil sie gar nicht sesshaft sein wollen. Und wenn die „Ossis“ trotz mehr als vier Jahrzehnten Päckchen nach Drüben und über zwei Jahrzehnten Solidarbeitrag immer noch klagen. Kurz: wenn diejenigen, die wir als Opfer betrachten, eigensinnig sind und auf ihrer Würde bestehen, ja: partout nicht hilfsbedürftig sein wollen.
Richtig helfen will gelernt sein. Im wiedervereinten Deutschland kann man noch heute studieren, was beim Helfen alles schief gehen kann. Fast jeder, der in einer geteilten Familie aufgewachsen ist, kennt geradezu tragische Geschichten über das prekäre Verhältnis zwischen den reichen Verwandten im Westen und den armen Schluckern im Osten. Die einen haben noch den Duft nach „gutem Bohnenkaffee“ in der Nase, der in die „Päckchen nach drüben“ kam, in die man Monat für Monat alles hineinsteckte, was Tanten und Cousinen in der „Zone“ auf ihre Wunschzettel geschrieben hatten. Die Röcke und Hosen und Stoffe, aus denen die Cousinen sich ihre Garderobe selbst schneiderten. Die Schokolade und das Parfüm und die Lebkuchen zu Weihnachten. Die Strumpfhosen. Die Pullover und Blusen aus dem Winterschlussverkauf. Alles war recht und wurde gern genommen, denn drüben „gab es doch nüscht“.
Und dann, mit der Wende, flog alles auf. Der ganze Schwindel. Die Brüder und Schwestern entdeckten, dass es weit luxuriösere Seifen gab als die gute Fa, mit der sie bis dato bedient worden waren. Und dass die Schlussverkaufsklamotten in den Liebespäckchen ziemlich popelig wirkten angesichts der Designermode schicker Wessibräute. Und dass auch nicht alles Gold war im Westen.
Plötzlich fühlten sich die einst Beschenkten betrogen und die Schenkenden waren – zu Recht – gekränkt. Mancher Ex-DDR-Bürger fühlte sich um etwas gebracht, das ihm doch eigentlich auch zugestanden hätte, wären die Umstände andere gewesen, oder? Und die Schenkenden, die glaubten, fleißig gewesen und es aus eigener Kraft zu etwas Wohlstand gebracht zu haben, von dem sie auch noch bereitwillig abgaben, kamen sich wie die verdienstlosen Nutznießer der Geschichte vor. Die Gabe und das Geben waren entwertet. Vor allem durch das, was danach geschah.
Gewiss: es gab keine Alternative zur Wiedervereinigung. Und niemand wusste, wie wenig das wert war, was die DDR in diesen Prozess einbrachte, deren blühende Industrielandschaft sich als Potemkinsche Kulisse entpuppte. Aber wer hätte geahnt, wie schnell die Ossis wieder zu armen Brüdern und Schwestern wurden, denen geholfen werden musste? Das vergiftet das Verhältnis noch heute.
Während die Polen aus eigener Kraft erfolgreich sind, sorgte das deutsche Helfersyndrom schnell für neue Abhängigkeiten (auch mit Hilfe der Lobbyisten des westdeutschen Arbeitnehmers, der Gewerkschaften, die verhinderten, dass die im Osten etwa mit niedrigen Löhnen Konkurrenz machten). In den blühenden Landschaften und restaurierten Kleinstädten leben alimentierte Menschen, zu wenige für die nagelneuen und überdimensionierten Klärwerke.
Hilfe schadet, nicht immer, aber oft. Mit sozialer Kälte hat dieser Hinweis nichts zu tun. Er zielt auf das übersteigerte Selbstbild der Helfenden. Es ist die alte deutsche Krankheit, die sich als Fürsorglichkeit tarnt: Wir sehen in Hilfsbedürftigen gerne Opfer, die auf Dauer unserer bedürfen, aber nicht Menschen, die es darauf angelegt haben, sich aus der Opferrolle zu befreien. Um dann, undankbar ist die Welt, unsere Konkurrenten zu werden. Immigranten etwa, deren Ehrgeiz den eines deutschen Normalarbeitnehmers übersteigt, der an sein bequemes soziales Netz gewöhnt ist und nicht daran denkt, mehr als die gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitsstunden abzusitzen. Das Vorwärtsstreben der allzu Fleißigen droht, an gehätschelte Besitzstände zu gehen, ans Lohnniveau und die geregelte Arbeitszeit. Opfer sind bequemer.
Hilfe hilft vor allem den Helfenden. Griechenland jedenfalls ist auch mit milliardenschweren Rettungspaketen nicht zu retten. Das viele Geld verschafft vor allem den Helfern Zeit und verdeckt ihre Ratlosigkeit, wenigstens bis zur nächsten Wahl, hoffen Politiker. Fast versteht man die oft machohaft daherkommende Angst der Griechen vor Entwürdigung: Als ewig Hilfsbedürftige laufen sie auf Dauer an der Kandare der anderen. Denn keine Sparmaßnahme und keine Milliardenbeträge sind geeignet, die griechische Wirtschaft auf eigene Füße zu stellen, solange das Geld im unübersichtlichen Grabensystem einer unkontrollierbaren Staatsbürokratie versickert. Ganz so, wie die Spenden für ein hungerndes Afrika vor allem den Clanchefs und ihren bewaffneten Horden nützt. Und ebenso wie die Devisen, die Westdeutschland einst der DDR zuschob („aus humanitären Gründen“, versteht sich), ein längst marodes Regime stützten.
Richtig helfen ist schwierig. Richtig nehmen auch, jedenfalls für alle, die weder faul noch skrupellos sind, und das sind die meisten. Würde bedeutet, nicht abhängig zu sein. Auch deshalb muss nicht nur über Solidarität und Gerechtigkeit gesprochen werden, sondern ebenso über die Freiheit, auf eigenen Füßen zu stehen. Manch einem ist das (fast) jedes Risiko wert.
In: Die Welt, 19. März 2012

Samstag, 10. März 2012

Die Partei der Jasager

Was macht eigentlich – die SPD? Die Partei mit dem genetisch verankerten Gerechtigkeitsgefühl und der fest eingebauten sozialen Wärme? Die mit dem rauchenden Orakel vom Brahmsee, dem Mann, der keine Visionen hat, weil er stets rechtzeitig zum Optiker gegangen ist?
Die Frage stellen, heißt sie beantworten. Die älteste Partei Deutschlands steht wie Buridans Esel zwischen allzu vielen gleichermaßen wohlschmeckenden Heuhaufen und wird verhungern, sofern sie nicht endlich irgendwo hineinbeißt. Denn selbst wenn sie sich einmal richtig entscheidet – wie jüngst für Joachim Gauck, den Freiheitlichen – macht sie lange Zähne. Hat der nicht mal was Nettes über den schwarzen Mann gesagt, über diesen Thilo Sarrazin, den man leider nicht offiziell loswerden konnte, dafür hat man ihn intern in die Emigration geschickt? Und überhaupt: wo ist bei diesem Gauck der Knopf für die soziale Wärme?
Die Partei, in der einst leidenschaftlich und auf im Vergleich zu heute hohem Niveau gestritten wurde, und zwar jahrzehntelang; eine Partei, die sich am Ende der Weimarer Republik in einer ungeliebten Koalition mit einer bürgerlichen Partei kompromissloser verhielt, als ihr und dem Land bekommen ist; jene SPD, die zum Opfer der Nazis wurde – diese Partei mit ihrer stolzen Tradition begnügt sich heute mit der Rolle des Schleppenträgers. Sie tut alles, was die Kanzlerin einer bürgerlichen Partei will, mit der sie noch nicht einmal eine Koalition verbindet. Sie bietet weder intelligente Einschätzungen zur Lage noch einen Gegenentwurf zur Regierungspolitik. Ihre Rudelführer nörgeln vielleicht ein bisschen und mobben das Weibchen im Rudel – aber wenn die Kanzlerin pfeift, rapportieren sie.
Energiewende, auch wenn niemand weiß, wie’s geht? Klar doch. Geld für Griechenland? No prob, chancellor. Nur die Rente mit 67 – die macht man bei Sozens nicht mit. Und so gehört auch das, was man ihrem einstigen Kanzler Gerhard Schröder hoch anrechnen muss – die Agenda 2010 – nicht etwa zum stolz herausgestrichenen Besitzstand, lässt sie doch das Land heute vergleichsweise gut dastehen, sondern wird unterschlagen, verdreht oder revidiert, wofür der Partei im übrigen niemand dankt, noch nicht einmal die Gewerkschaften, die sich mittlerweile bei der Kanzlerin kuschelig aufgehoben fühlt.
Und Angela Merkel? Die kennt schon lange keine Opposition mehr, erlebt sie doch im Bundestag ein einzig Haus voller Jasager. Opposition kommt höchstens aus den eigenen Reihen, und das nur kurz und folgenlos. Wofür da noch eine SPD?
Die hat sich für den Bundestagswahlkampf 2013 eine „Gerechtigkeitsdebatte“ vorgenommen. Bravo. Nachdem schon Heiner Geissler dem designierten Bundespräsidenten jovial empfohlen hat, nicht nur die Freiheit zu betonen, sondern Nachhilfestunden in Sachen Gerechtigkeit zu nehmen, wird das ein ganz, ganz großes Thema werden für die SPD. Gerechtigkeit für alle! Für die Griechen und die Siechen, die Kinder und die Inder – kurz: Pro bonum, contra malum. Dagegen können nur kalte Herzen etwas einwenden. Statistiker und Buchhalter, die sich als Vernunftmenschen und Wirtschaftsweise tarnen. Weshalb es so ziemlich dem entspricht, was die Kanzlerin uns derzeit als Politik verkauft: Gerechtigkeit ist alternativlos. Klar: wer will schon ungerecht sein?
Doch ach: Gerechtigkeit ist nur ein Wort, so wie die Klimakatastrophe bzw. der Kampf dagegen. Jeder ist dafür. Keiner weiß, wie es geht. Niemand tut es. Es sind die Phrasen der Flatrate-Generation, deren Angehörige mit großen Augen „Keiner braucht sechs Handys“ sagen, wenn sie über ernsthafte Anforderungen an die energiepolitische Moral ihrer Mitbürger sprechen. Und die es zynisch finden, wenn jemand gegen steigende Heizungskosten einen Pullover empfiehlt.
Und so versteht auch die SPD unter „Gerechtigkeit“ eines ganz gewiss nicht: den sorgsamen Umgang mit Ressourcen, wozu auch die Produktivkraft künftiger Generationen gehört. Oder hat man aus der Partei neuerdings etwas Nachdenkenswertes über die derzeitige Staatsschuldenkrise gehört? Oder gar, dass auch der deutsche Staat sparen müsse? Etwa am Sozialetat, dem größten Posten im Haushalt? Um Himmelswillen! Angesichts der Apokalypsis, die den deutschen Menschen zwischen Existenznot und Altersarmut dahinvegetieren sieht, wäre das Selbstmord.
Gerhard Schröder hat 2005 gegen Angela Merkel mit einer Kampagne für „soziale Wärme“ fast gewonnen. Mit einem Wahlkampf für „Gerechtigkeit“ wird der SPD das heute nicht mehr gelingen, denn davon versteht Angela Merkel mittlerweile mehr, als dem Land gut tut. Oder sagen wir: sie hat heute ein besseres Gespür für die deutsche Mentalität, als ihr ambitioniertes Reformprojekt von anno dunnemals verriet. Das „Alles wird immer schlimmer“-Mantra gehört nunmal zu Deutschland, Ost wie West. Dagegen helfen keine „Fakten“, oder gar Statistiken. Dass die Arbeitslosenzahl gesunken ist, dass niemand hierzulande arbeiten muss, bis er tot umfällt, dass die Menschen bei guter Gesundheit immer älter werden – nichts davon speist das ruhige Bewusstsein, in einem Land zu leben, in dem es der Mehrheit verdammt gut geht. Schöner ist das Gefühl, am Abgrund zu stehen – oder wenigstens kurz vor der endgültigen Krise des „Systems“, dem „Monster“, dem man die eigene Menschlichkeit wie eine Monstranz entgegenhält.
Nun, die allergrößte Ungerechtigkeit wäre gewiss, der SPD mit ihrer Vergangenheit zu kommen. Damals, als man noch über „Inhalte“ stritt! Mittlerweile hat man gelernt, den Weg von der marxistischen Klassenanalyse zur Wärmekampagne, von der Theorie zum Gefühl, als Fortschritt zu mehr Menschlichkeit zu deklarieren. So ein Schmusebärchen mag dumm sein, aber dafür ist es lieb!
Klar, die SPD ist kein Schmusebärchen, und Sigmar Gabriel erst recht nicht. Und dass dort niemand mit intelligenten Ideen auftrumpft, sondern tut, was Merkel sagt, hat ja seine innere Logik. Die hat allerdings mit Gerechtigkeit nichts zu tun, sondern mit dem, was man im sozialdemokratischen Wärmestrom sonst eher verteufelt: mit Kalkül. Denn 2013 muss ja nicht nur eine Wahl gewonnen werden, man muss sich auch Optionen schaffen, damit man es danach auch zu einer Regierungsbeteiligung bringt. Beim derzeitigen Hoch der Kanzlerin gibt es da nicht viel Auswahl.
Was der Wähler davon hält? Oder gar der Steuerzahler?
Ach. Der schon wieder.

Wir Untertanen.

  Reden wir mal nicht über das Versagen der Bundes- und Landesregierungen, einzelner Minister, der Frau Kanzler. Dazu ist im Grunde alles ge...